[Story] Isekai no Xistence

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Rock Man Zero
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 47 - Hilfe

Schmerz.
Nicht einfach nur Schmerz als körperliche Empfindung, sondern etwas Absolutes. Etwas, das jede andere Wahrnehmung verdrängte und keinen Platz mehr für Gedanken ließ. Ich schrie. Nicht kontrolliert, nicht menschlich zurückhaltend, sondern mit allem, was meine Lungen noch hergaben. Das Geräusch hallte dumpf in meinem eigenen Schädel wider und wurde gleichzeitig von einem pochenden Dröhnen überlagert, das meinen gesamten Körper durchzog.
Ich konnte nichts sehen. Zuerst glaubte ich, blind geworden zu sein. Panik schoss sofort durch mich hindurch. Meine Augen waren geöffnet, dessen war ich mir sicher, aber vor mir existierte nur eine kompakte Schwärze. Keine Konturen. Kein Licht. Nichts. Sofort schoss mir die Erinnerung an das säuretriefende Maul des Ghok durch den Kopf. Hatte es mich erwischt? Waren meine Augen verätzt worden? Der Gedanke allein ließ die Panik eskalieren.
Instinktiv wollte ich die Hände vors Gesicht reißen, doch meine Arme bewegten sich nicht. Etwas hielt mich fest. Ich riss an meinen Schultern, versuchte die Beine anzuziehen, doch jede Bewegung endete in einer Explosion aus Schmerz. Meine Gelenke fühlten sich an, als wären sie aus ihren Fassungen gerissen worden. Die Muskeln brannten derart intensiv, dass ich das Gefühl hatte, unter meiner Haut würde flüssiges Metall zirkulieren. Selbst meine Finger gehorchten mir nur unvollständig.
Das Ghok. Der Gedanke kam sofort. Die Scheren. Es musste mich gepackt haben. Vielleicht lag ich noch immer unter diesem Monster, irgendwo zwischen seinen Kiefern oder eingeklemmt zwischen Panzerplatten und Klauen. Mein Herz raste so heftig, dass mir übel wurde. Ich versuchte erneut mich loszureißen. Der Schmerz war unvorstellbar. Es fühlte sich an, als würden Sehnen reißen. Ein heißer Strom schoss von meinem Rücken durch Brustkorb und Bauch bis in die Beine. Meine Kehle wurde rau vom Schreien. Ich hörte mich selbst nur noch verzerrt, als würde das Geräusch aus weiter Entfernung kommen.
Dann brach alles weg. Keine Gedanken mehr. Kein Wald. Kein Ghok. Kein Körpergefühl. Nur Dunkelheit.

Als ich erneut zu mir kam, war die Welt stiller geworden. Nicht ruhig. Nur gedämpft. Der Schmerz war noch da, aber er hatte seine schneidende Schärfe verloren und war zu etwas Schwerem geworden. Zu einem konstanten Druck, der überall gleichzeitig existierte. Ich lag vollkommen reglos, weil selbst der Versuch zu denken anstrengend wirkte. Mein Körper fühlte sich zerstört an. Jeder einzelne Bereich schmerzte auf seine eigene Weise. Die Rippen pochten dumpf bei jedem Atemzug. Mein Rücken fühlte sich an, als hätte man ihn mit stumpfen Werkzeugen bearbeitet. Meine Schultern waren steif und schwer. Selbst die Gelenke in meinen Fingern pulsierten in einem unangenehmen Rhythmus.
Langsam öffnete ich die Augen. Diesmal war da Licht. Nicht viel. Nur schwache, orangefarbene Linien, die dort verliefen, wo Boden und Wände aufeinandertrafen. Das Licht wirkte indirekt, weich und warm. Kein technisches Weiß wie auf argonischen Stationen oder das sterile Blau medizinischer Einrichtungen. Es erinnerte mich an Sonnenuntergänge auf Argon Prime, wenn die letzten Lichtreflexe über Metallfassaden glitten und alles für wenige Minuten ruhig erscheinen ließen.
Die Luft war warm. Nicht heiß. Nicht stickig. Einfach konstant angenehm temperiert. Trocken genug, dass sich meine Haut nicht feucht anfühlte, aber nicht trocken genug, um unangenehm zu sein. Ich blieb liegen. Nicht aus Vorsicht, sondern weil mein Körper keinerlei andere Entscheidung zuließ. Das Rauschen meines eigenen Blutes lag laut in meinen Ohren. Es überlagerte fast alles andere. Hin und wieder meinte ich ein entferntes Knacken zu hören, vielleicht Metall, vielleicht Schritte. Ich konnte es nicht einordnen.
Langsam begann meine Sicht klarer zu werden. Die Decke über mir war dunkel und bestand aus großen, matten Metallsegmenten, die nicht perfekt symmetrisch angeordnet waren. Dazwischen verliefen schmale Vertiefungen, in denen dieselben orangefarbenen Lichtlinien glommen. Die Wände wirkten massiv und funktional, aber nicht kalt. Eher wie etwas, das gebaut worden war, um lange zu bestehen.
Split. Der Gedanke kam träge, aber eindeutig. Ich lebte noch. Warum? Ich versuchte mich daran zu erinnern, was nach dem Schrei des Ghok passiert war, doch meine Gedanken glitten sofort wieder auseinander. Fragmente tauchten auf und verschwanden wieder. Fluoreszierende Pflanzen. Säuregeruch. Die kleine Drachenfliege. Das riesige Maul des Ghok.
Dann Müdigkeit. Sie kam nicht plötzlich, sondern legte sich langsam über mein Bewusstsein wie schwerer Nebel. Meine Augen wurden wieder schwer. Ich wollte wach bleiben, wollte verstehen, wo ich war, doch mein Körper ignorierte diesen Wunsch vollständig. Die Dunkelheit holte mich erneut.

Als ich wieder aufwachte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sekunden. Stunden. Vielleicht ein ganzer Tag. Der Schmerz hatte sich verändert. Er war nicht verschwunden, aber dumpfer geworden, tiefer. Nicht mehr wie brennendes Feuer, sondern wie großflächige Prellungen, die unter jeder Bewegung verborgen lagen. Ich spürte meinen Körper jetzt klarer und genau das machte alles unangenehm. Vorsichtig versuchte ich den rechten Arm leicht anzuheben. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meine Schulter und meinen Brustkorb. Mir wurde die Luft regelrecht aus den Lungen gepresst. Ein unkontrolliertes Keuchen entwich mir, bevor ich die Bewegung sofort abbrach. Also blieb ich liegen. Mein Atem ging flach. Ich konzentrierte mich darauf, nicht erneut in Panik zu geraten. Langsam einatmen. Langsam ausatmen. Jede zu tiefe Bewegung der Rippen verursachte ein unangenehmes Ziehen.
Erst jetzt bemerkte ich den Geruch. Kräuter. Sehr dezent, aber eindeutig vorhanden. Nicht künstlich wie Duftstoffe in argonischen Kliniken, sondern natürlich. Erdige Noten mischten sich mit etwas Harzigem und leicht Bitterem. Dazwischen lag ein subtil süßlicher Geruch, den ich nicht identifizieren konnte. Es erinnerte entfernt an getrocknete Pflanzen oder medizinische Extrakte. Die Luft selbst wirkte sauber. Keine Spur von Blut. Keine Fäulnis. Kein beißender Desinfektionsgeruch.
Mein Blick wanderte langsam durch den Raum. Er war größer, als ich zuerst angenommen hatte. Die Wände bestanden aus dunklem Metall mit eingearbeiteten, fast organisch wirkenden Strukturen. Keine scharfen rechten Winkel wie bei menschlicher Architektur. Vieles verlief leicht geschwungen oder abgeschrägt, als hätte Funktionalität Vorrang vor geometrischer Perfektion gehabt.
Das Bett unter mir war hart. Keine Matratze im eigentlichen Sinn. Eher eine feste Liegefläche mit minimal nachgiebiger Polsterung. Trotzdem war sie überraschend angenehm temperiert. Keine Decke lag über mir, aber ich fror nicht. Die Temperatur des Raumes schien exakt darauf ausgelegt zu sein, Wärmeverlust unnötig zu machen. Langsam registrierte ich, dass mein Oberkörper teilweise bandagiert war. Dunkles Material verlief über Brust, Schulter und Bauch. Die Verbände wirkten sauber angelegt, straff genug, um zu stabilisieren, aber nicht so eng, dass sie meine Atmung vollständig behinderten. Jemand hatte mich behandelt. Der Gedanke war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend.
Ich lauschte. Ganz weit entfernt glaubte ich Stimmen zu hören. Dumpf. Tief. Einzelne harte Konsonanten drangen durch die Wand oder vielleicht durch eine geöffnete Tür irgendwo außerhalb meines Sichtfeldes. Split. Vermutlich. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber die Sprachmelodie war eindeutig. Manchmal mischte sich ein anderes Geräusch darunter. Ein metallisches Klicken. Schritte. Vielleicht Werkzeuge. Ich wollte den Kopf drehen, doch selbst das verursachte sofort ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Also blieb ich einfach liegen und starrte an die Decke.
Mein Körper fühlte sich schwer an. Nicht nur verletzt, sondern erschöpft bis in die tiefsten Schichten hinein. Als hätte jede einzelne Zelle entschieden, dass Bewegung momentan sinnlos war. Die Erinnerung an das Ghok kam zurück. Nicht vollständig. Nur Bilder. Die Scheren. Das Säuremaul. Die sechs Augen. Ich spürte sofort, wie mein Puls schneller wurde. Lebte das Tier noch? Hatte es mich verletzt? Warum hatte es mich nicht getötet? Oder hatte jemand eingegriffen? Noptrok? Thovareus? Ich wusste es nicht. Die Unsicherheit nagte an mir, doch die Müdigkeit war stärker. Sie drückte schwer gegen mein Bewusstsein und zog meine Gedanken langsam wieder auseinander. Das orange Licht an den Bodenkanten verschwamm zunehmend. Die Kräuterdüfte wurden diffuser. Irgendwo weit entfernt hörte ich erneut Stimmen. Dann glitt ich wieder zurück in die Dunkelheit.

"Danke."
Das Wort verließ meinen Mund leise und rau zugleich. Nicht höflich dahingesagt, nicht aus Gewohnheit, sondern ehrlich. Ich meinte es so. Selbst wenn ich nicht wusste, wie viel Zeit vergangen war, wusste ich dennoch, dass ich ohne die Pflege der Split längst tot gewesen wäre. Mein Körper erinnerte mich bei jeder Bewegung daran. Die Schmerzen waren inzwischen kontrollierbar geworden, aber nie wirklich verschwunden. Sie lagen wie dumpfe Gewichte unter meiner Haut und meldeten sich sofort zurück, sobald ich mich zu schnell bewegte oder zu tief atmete. Die Split reagierten nicht. Wie immer. Die verhüllte Gestalt, die gerade eine flache Metallschale mit dampfender Flüssigkeit neben mein Bett gestellt hatte, verharrte nicht einmal. Sie drehte sich einfach um und verließ den Raum mit denselben lautlosen Bewegungen wie zuvor. Die schwarze Robe strich dabei nur minimal über den Boden. Kein Wort. Kein Blick zurück. Ich sah ihr nach.
Inzwischen hatte ich verstanden, dass ausschließlich weibliche Split zu mir kamen. Nie Männer. Und obwohl sie fast immer vollständig von ihren dunklen Gewändern bedeckt waren, hatte ich im Laufe der Zeit dennoch genug erkennen können, um Unterschiede wahrzunehmen. Ihre Bewegungen waren anders als die der männlichen Split. Kontrollierter. Ruhiger. Nicht weniger gefährlich, aber weniger aggressiv. Die Männer, denen ich bisher begegnet war, hatten eine permanente Spannung ausgestrahlt, als könnten sie jederzeit explodieren. Bei den Frauen war es subtiler. Wie etwas, das unter Kontrolle gehalten wurde und gerade deshalb gefährlicher wirkte. Die Kapuzen verdeckten den größten Teil ihrer Gesichter, doch manchmal fiel Stoff zur Seite oder Licht traf in einem bestimmten Winkel auf ihre Züge. Ihre Augen waren dieselben wie bei den Männern: rote Lederhaut statt menschlichem Augenweiß, schwarze Pupillen und gelbe Iriden, die im dämmrigen Licht fast bernsteinfarben wirkten. Aber ihre Gesichtszüge erschienen feiner. Nicht weich. Niemals weich. Eher schärfer modelliert. Einmal hatte sich eine der Frauen über mich gebeugt, um die Bandagen an meiner Seite zu wechseln. Dabei war die Kapuze etwas verrutscht. Ich hatte kleine, leicht nach hinten spitz zulaufende Ohren gesehen und eine erstaunlich dichte Haarpracht. Dunkel. Schwer. Streng zurückgebunden. Nicht wie bei menschlichen Frauen offen fallend, sondern praktisch zusammengefasst. Die meisten Split-Männer, die ich bisher gesehen hatte, waren fast immer kahl gewesen oder hatten nur am Hinterkopf Haar getragen. Bei den Frauen hingegen schien Haar eine größere Bedeutung zu haben. Vielleicht Status. Vielleicht Tradition. Vielleicht etwas völlig anderes. Ich wusste es nicht.
Aber ich bemerkte, dass ich sie betrachtete. Nicht aus Begehren. Dafür war mein Zustand zu miserabel. Vielmehr aus einer seltsamen Form von Faszination. Die Split entsprachen eigentlich nicht meinem menschlichen Verständnis von Schönheit. Ihre Haut war ledrig. Ihre Gesichtszüge fremdartig. Die Atemschlitze anstelle einer Nase wirkten selbst jetzt noch ungewohnt auf mich. Und trotzdem. Trotzdem lag etwas in ihrer Erscheinung, das mein ästhetisches Empfinden erreichte. Vielleicht war es diese kompromisslose Klarheit ihrer Körper. Vielleicht die Art, wie sie sich bewegten. Oder wie ihre Augen wirkten, wenn das orange Licht des Zimmers darin reflektierte. Ich wusste nur, dass ich sie nicht als hässlich empfand.
Der Gedanke führte mich unmittelbar zum nächsten. Sie hatten mich nackt gesehen. Nicht nur gesehen. Sie hatten mich ausgezogen. Gewaschen. rbunden. Gepflegt. Der Gedanke ließ mich unangenehm schlucken. Ich blickte an mir herab. Neue Bandagen verliefen über meinen Brustkorb und meinen linken Oberschenkel. Unterarme und Schultern waren mit schmaleren Verbänden umwickelt. Darunter spürte ich Salben oder medizinische Pasten, die kühlend wirkten. Sie hatten meinen menschlichen Körper genau betrachtet. Jede Verletzung. Jede Narbe. Jedes Detail. Ich fragte mich unweigerlich, was sie dabei gedacht hatten. Ob ich ihnen zerbrechlich vorkam. Zu weich. Zu schwach. Menschenhaut besaß keine schützenden Schuppenplatten wie bei Teladi oder Split. Keine natürliche Panzerung. Selbst jetzt sah ich an meinen Armen neue Kratzer und Verfärbungen, die sich deutlich gegen meine helle Haut abhoben. Vielleicht wirkte ich auf sie tatsächlich wie etwas Unfertiges. Der Gedanke blieb hängen.
Dann verging wieder Zeit. Oder vielleicht auch nicht. Mein Gefühl dafür existierte praktisch nicht mehr. Schlaf und Wachzustände gingen ineinander über. Das orangefarbene Licht im Raum änderte sich nie wirklich. Vielleicht war das Absicht. Als sich die Tür das nächste Mal öffnete, wusste ich sofort, dass etwas anders war. Die Gestalt, die eintrat, bewegte sich langsamer als die anderen. Nicht schwach. Bewusst. Das erste Geräusch war das trockene Auftreffen eines Gehstocks auf dem Boden. Tok. Kurze Pause. Tok. Ich richtete mich automatisch etwas auf und bereute es sofort, als Schmerz durch meine Rippen zog. Die alte Split-Frau war nicht verhüllt. Schon das allein ließ sie sofort anders wirken. Ihr Körper war schmaler als der der anderen Split, beinahe dürr, aber nicht gebrechlich. Unter ihrer Haut zeichneten sich noch immer harte Muskelstrukturen ab. Ihre Kleidung bestand tatsächlich aus Tierhaut und Fell. Dunkle, graubraune Schichten waren übereinandergelegt und mit metallischen Verschlüssen fixiert. Manche Fellstücke schimmerten rötlich im Licht. Der Geruch von Leder und Kräutern begleitete sie. Ihre Haut war verwittert. Rötlich-grau. Rissig wie ausgetrocknete Erde. Und ihr Haar. Bei den Sternen. Es war vollständig weiß. Nicht grau. Nicht silbern. Rein weiß. Es reichte ihr fast bis zum Boden und war dennoch sorgfältig zusammengebunden. Keine einzige Strähne wirkte ungepflegt. Der Stock in ihrer rechten Hand bestand aus dunklem Material, vermutlich Holz oder Knochen, verstärkt mit Metallringen. Erst als sie näher kam, erkannte ich die dunklen Verkrustungen an beiden Enden. Getrocknetes Blut. Nicht alt genug, um bedeutungslos zu sein. Die Frau blieb vor meinem Bett stehen und musterte mich mit ruhigen, gelben Augen.
"Mitkommen."
Ihre Stimme war rau und tief, aber nicht hart wie bei den männlichen Split. Kein bellender Befehlston. Dennoch lag darin eine Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt aufzustehen. Meine Beine fühlten sich instabil an. Ich trug nur Unterwäsche und Bandagen. Die Luft außerhalb des Bettes fühlte sich sofort kühler auf der Haut an. Die alte Split wartete einfach. Nicht ungeduldig. Nicht mitfühlend. Einfach sicher, dass ich folgen würde. Also tat ich es. Der Boden unter meinen nackten Füßen war glatt und angenehm temperiert. Ich humpelte leicht hinter ihr her, während sie mit ihrem Stock in gleichmäßigem Rhythmus vorausging. Tok. Tok. Tok.
Die Flure außerhalb meines Zimmers waren gewaltig. Hohe Wände aus dunklem Stein und Metall zogen sich in langen Linien durch das Gebäude. Überall verliefen eingelassene Lichtstreifen in warmen Orangetönen entlang der Kanten. Die Architektur wirkte monumental und gleichzeitig alt. Nicht veraltet, sondern ehrwürdig. Der Geruch änderte sich ständig. Kräuter. Öl. Heißes Metall. Tierhaut. An manchen Stellen zog kalte Luft durch schmale Öffnungen in den Wänden. Schon nach wenigen Minuten hatte ich jegliche Orientierung verloren. Der Komplex war riesig. Manche Korridore öffneten sich zu Hallen mit hohen Säulen. Andere wurden enger und führten an schweren Türen vorbei, die mit Split-Symbolen versehen waren. Doch etwas fiel mir sofort auf. Jeder Split wich der alten Frau aus. Sofort. Männer wie Frauen traten zur Seite, senkten leicht den Kopf oder verbeugten sich sogar deutlich. Manche hielten inne, bis sie vorbeigegangen war. Niemand sprach sie an. Niemand stellte Fragen. Ich sagte ebenfalls nichts mehr. Stattdessen beobachtete ich. Die Frau musste eine enorme Stellung besitzen. Vielleicht religiös. Vielleicht politisch. Vielleicht beides. Schließlich erreichten wir eine große Türöffnung, hinter der grelles Tageslicht lag.
Als wir hinaustraten, blendete es mich sofort. Ich hob reflexartig eine Hand vor die Augen. Nach der langen Zeit im dämmrigen Innenraum traf mich das Licht beinahe schmerzhaft. Meine Pupillen brauchten ungewöhnlich lange, um sich anzupassen. Langsam wurden Konturen sichtbar. Und dann blieb mir beinahe der Atem stehen. Ich stand auf einer Terrasse. Hoch. Sehr hoch. Die alte Split sagte nichts. Sie hob lediglich leicht ihre linke Hand und machte eine kleine Bewegung, die eindeutig bedeutete, dass ich mich umsehen sollte. Langsam trat ich näher an den Rand. Und erstarrte. Unter mir lag eine Stadt. Nicht einfach eine Ansammlung von Gebäuden, sondern etwas, das aussah, als hätte man eine Festung mit einem Gebirge verschmolzen. Gewaltige Strukturen aus schwarzem Stein und dunklem Metall ragten zwischen dichtem Dschungel empor. Türme, Brücken und massive Mauern verbanden sich zu einer gigantischen Anlage, die gleichzeitig archaisch und futuristisch wirkte. Ghus-tan. Es musste Ghus-tan sein. Die Gebäude wirkten nicht gebaut, sondern gemeißelt. Viele Formen waren kantig, brutal funktional, aber dennoch mit einer seltsamen Eleganz versehen. Zwischen den Strukturen verliefen Plattformen und breite Wege, auf denen ich selbst aus dieser Höhe Bewegung erkennen konnte.
Überall hing leichter Nebel zwischen den grünen Baumkronen des Dschungels. Und weiter entfernt sah ich etwas Rot leuchten. Zuerst dachte ich an Lava. Ein Strom aus tiefroter Flüssigkeit floss einen Berghang hinab und zog sich wie eine offene Wunde durch die Landschaft. Dann erinnerte ich mich. Das Wasser von Nif'Nakh war rot. Der Name schwärende Wunde bekam plötzlich eine bedrückende Realität. Langsam drehte ich mich um. Und musste den Kopf weit in den Nacken legen. Das Gebäude hinter mir war gigantisch. Eine Burg. Keine mittelalterliche Menschenburg, sondern etwas, das denselben Grundgedanken in die Zukunft übertragen hatte. Massive Wände. Gewaltige Türme. Schwere Linien aus Metall und Stein. Überall eingelassene Verteidigungsstrukturen. Es wirkte wie der Sitz einer Macht, die Jahrtausende überdauern wollte. Erst jetzt begriff ich vollständig, wo ich war. Ghus-tan. Im Herzen der Split. Doch während ich auf diese gewaltige Stadt hinabblickte, kroch sofort ein anderer Gedanke in meinen Kopf. Wo waren Noptrok und Thovareus?

"Deine Begleiter sind in Sicherheit, Ghok-Schlächter."
Die Worte trafen mich unerwartet hart. Nicht wegen ihres Inhalts. Die Erleichterung darüber, dass Noptrok und Thovareus lebten, kam zwar sofort, aber noch bevor ich darauf reagieren konnte, registrierte mein erschöpfter Verstand zwei andere Dinge gleichzeitig. Die alte Split sprach die Handelssprache. Perfekt. Keine gezogenen Silben wie bei den Teladi. Kein abgehackter Satzbau wie bei den Split-Kriegern. Keine ausgelassenen Artikel. Keine aggressiv verkürzten Formulierungen. Ihre Aussprache war ruhig, präzise und vollkommen kontrolliert. Wäre ich ihr nicht direkt gegenübergestanden, hätte ich anhand der Stimme niemals erkannt, dass sie eine Split war. Und sie hatte mich mit einem Titel angesprochen. Ghok-Schlächter. Ich blinzelte verwirrt. Der warme Wind, der über die Terrasse strich, bewegte leicht die weißen Haarsträhnen der alten Frau. Hinter ihr erhoben sich die dunklen Mauern von Ghus-tan wie ein Gebirge aus Metall und Stein. Unter uns rauschte der Dschungel von Nif'Nakh in unzähligen Grüntönen. Zwischen den Baumriesen schimmerten rote Wasserläufe wie offene Adern durch die Landschaft. Ich verstand trotzdem nicht, was sie meinte.
"Ich..." Meine Stimme klang noch rau von Schwäche.
Die alte Frau betrachtete mich schweigend. Ihre gelben Augen wirkten erstaunlich wach für ihr Alter. Nicht die Wachsamkeit eines Soldaten. Eher die eines Wesens, das über Jahrzehnte gelernt hatte, andere zu lesen. Dann schien sie meine Verwirrung zumindest teilweise zu verstehen.
"Ich habe viele Jazuras mit Teladi und Argonen zu tun gehabt", sagte sie ruhig. "Zudem können Split die Handelssprache richtig sprechen. Doch nur die wenigsten wollen das." Ihre Lippen verzogen sich leicht, während sie nach Worten suchte. "Die Handelssprache ist zu..." Sie hob langsam eine Hand. "...umfangreich. Zu viele Worte, mit denen man verwirren kann."
Trotz meiner Schmerzen musste ich leicht schmunzeln. "Split direkt."
Die alte Frau lachte tatsächlich. Das Geräusch überraschte mich beinahe mehr als alles andere. Es war kein freundliches menschliches Lachen. Eher tief, kehlig und kurz. Aber ehrlich.
"Ein Argone mit Humor."
"Mensch", korrigierte ich automatisch. "Ich bin weder Terraner noch Argone oder Aldrianer."
Ihre Mimik veränderte sich kaum, dennoch wurde sie wieder ernster. "Deine Begleiter haben mir von dir erzählt. Du bist Tori Grau."
Es war seltsam, den eigenen Namen hier auf Nif'Nakh zu hören. Zwischen diesen uralten Mauern. Zwischen Wesen, die vor wenigen Tagen noch vollkommen fremd für mich gewesen waren.
"Vor drei Jazuras hast du begonnen, ein Unternehmen aufzubauen", fuhr sie fort. "Zuerst klein. Dann immer schneller größer werdend."
Ich antwortete nicht. Nicht weil ich unhöflich sein wollte. Mein Kopf fühlte sich noch immer an, als würde Watte darin stecken. Gedanken kamen verzögert. Mein Körper war wach, aber mein Geist arbeitete noch nicht vollständig klar. Die alte Split schien mein Schweigen nicht negativ zu bewerten. Sie stützte sich leicht auf ihren Stock, während ihr Blick kurz über die Stadt wanderte.
"Während du für über eine Wozura im Koma lagst, haben wir uns über dich informiert."
Ein unangenehmes Gefühl kroch in meinen Magen. Nicht Angst. Eher ein Bewusstsein dafür, wie tief man bereits in mein Leben eingedrungen war. Ich hatte keine Kontrolle darüber gehabt. Ich wusste nicht einmal, wie viel sie tatsächlich wussten. Die alte Frau sprach jedoch ruhig weiter.
"Wir finden deine Bemühungen..." Sie machte eine kleine Pause. "...beachtenswert."
Der Wind nahm leicht zu und brachte den Duft feuchter Vegetation mit sich. Irgendwo weit unter uns hörte ich metallische Schläge aus der Stadt aufsteigen.
"Vor allem", sagte sie weiter, "wenn du dich in ein Kampfgebiet zwischen Familien begibst und es noch mit einem Ghok-Ältesten aufnimmst, um zu mir zu gelangen."
Mein Blick wanderte sofort zurück zu ihr. "Ghok-Älteste?"
Jetzt war es an ihr, mich anzusehen, als hätte ich eine sehr offensichtliche Frage gestellt. Aber nicht spöttisch. Eher mit einer geduldigen Ruhe, die ich bei Split bisher noch nie erlebt hatte.
"Ghok sind Wesen, die schnell leben und schnell sterben", erklärte sie. "Kreaturen des Kampfes. Sie werden meist nur wenige Jazuras alt und kaum hüfthoch."
Unwillkürlich erschien vor meinem inneren Auge wieder das Monster aus dem Dschungel. Das donnernde Auftreten. Die gewaltigen Scheren. Das Geräusch zerbrechender Panzer unter seinen Kiefern. Und diese sechs Augen.
"Du hingegen", fuhr sie fort, "hast einen alten Ghok getroffen." Ich starrte sie an. "Alte Ghok leben meist in Höhlen und unterirdisch", erklärte sie weiter. "Dorthin ziehen sie sich zurück, wenn sie ihrem natürlichen Ende entgegengehen."
Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um diese Information zu verarbeiten. Das war ein alter Ghok gewesen? Ein sterbendes Exemplar? Das Wesen hatte beinahe den halben Dschungel niedergewalzt, uns kilometerweit verfolgt und mich fast auseinandergerissen. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, wie junge Ghok aussahen. Oder wie schnell sie sein mussten. Die alte Frau bemerkte vermutlich meinen Gesichtsausdruck, kommentierte ihn aber nicht. Stattdessen deutete sie mit ihrem Stock auf den Rand der Terrasse. Langsam folgte ich ihr. Meine Beine fühlten sich noch immer instabil an. Jede Bewegung erinnerte mich daran, wie schwer mein Körper zugerichtet worden war. Dennoch trat ich neben sie und blickte hinunter. Zuerst verstand ich nicht, was ich sah. Dann erkannte ich die Bewegung. Eine Gruppe Split arbeitete auf einem großen offenen Platz unterhalb der Festung. Vielleicht dreißig oder vierzig Krieger und Arbeiter bewegten sich um etwas Gewaltiges herum. Mein Atem stockte. Das Ghok. Selbst tot wirkte das Wesen monströs. Jetzt, aus dieser erhöhten Perspektive, erkannte ich erst vollständig seine Ausmaße. Der Körper lag auf mehreren massiven Metallplattformen verteilt. Split schnitten mit vibrierenden Werkzeugen durch die Panzerplatten, trennten Gliedmaßen ab und häuteten das Wesen systematisch. Dickflüssiges dunkelgrünes Blut floss in breite Sammelrinnen. Die Luft trug einen schwachen metallischen Geruch bis zu uns herauf. Ich konnte erkennen, wie mehrere Split selbst an den geöffneten Organstrukturen arbeiteten. Andere entfernten vorsichtig die massiven Scheren. Es wirkte weniger wie das Zerlegen eines Tieres und mehr wie die Verarbeitung einer Kriegsmaschine.
"Der Ghok-Älteste, den du getötet hast", sagte die alte Frau ruhig. "Etwas, was selbst Elitekrieger nicht alleine schaffen."
Ich riss den Blick von dem Kadaver los.
"Aber ich habe ihn nicht-"
"Du hast überlebt." Die Worte unterbrachen mich sofort. Keine Aggression. Keine Lautstärke. Und dennoch absolute Endgültigkeit. Die alte Split sah mich direkt an. "Das genügt."
Mir fiel keine Antwort darauf ein. Mein Blick wanderte erneut hinunter. Zwischen den arbeitenden Split erkannte ich plötzlich zwei bekannte Gestalten. Noptrok. Und Thovareus. Der blauschuppige Teladi stand etwas abseits und sprach gerade mit mehreren Split. Als würde er meinen Blick spüren, hob er plötzlich den Kopf und sah nach oben. Dann machte er eine Bewegung mit einem Arm. Wahrscheinlich sollte es ein Winken sein. Bei einem Menschen hätte die Geste völlig normal ausgesehen. Bei einem Teladi wirkte es seltsam steif und beinahe unbeholfen. Seine langen Finger spreizten sich zu weit, während der Arm in einem merkwürdigen Winkel hin und her ging. Trotz allem musste ich leicht lachen. Ich hob selbst die Hand und winkte zurück. Thovareus richtete sich sichtbar etwas auf. Noptrok hingegen stand still neben dem Kadaver des Ghok und wirkte vollkommen ruhig. Seine graue Haut reflektierte matt das Sonnenlicht von Nif'Nakh. Selbst aus dieser Entfernung strahlte der Split dieselbe massive Präsenz aus wie zuvor.
"Dein Körper zeugt von Kämpfen."
Ich zuckte leicht zusammen, als die alte Frau mit ihrem Stock gegen meine Brust tippte. Nicht stark. Aber gezielt. Automatisch legte ich meine Hand auf die Stelle. Dort verlief unter den Bandagen die alte Narbe des Durchschusses. Die Erinnerung traf mich sofort. Der Orbit von Trantor. Die Reparaturstation. Sirenen. Schüsse. Das Brennen in meiner Brust. Und der Tod eines potenziellen Geschäftspartners, dessen Gesicht ich bis heute nicht vergessen hatte. Ich verdrängte die Bilder sofort wieder. Nicht jetzt. Nicht hier. Langsam drehte ich mich zu der alten Split um.
"Was meintet Ihr vorhin damit", fragte ich vorsichtig, "dass ich zu Euch kommen wollte?"
Zum ersten Mal seit unserem Gespräch lächelte sie wirklich. Und dieses Lächeln war gleichzeitig faszinierend und bedrohlich. Ihre Lippen zogen sich zurück und entblößten Reihen scharfer Zähne, die selbst im Alter nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren hatten. Dann richtete sie sich ein kleines Stück auf. Der Wind spielte mit ihrem weißen Haar.
"Mein Name ist Hatrak t'Frrt."
Der Name traf mich unmittelbar. t'Frrt. Noptrok t'Frrt. Familie. Natürlich.
"Matriarchin aller Split", sagte sie ruhig.
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Ich hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. Nicht mit ihr. Nicht hier. Die alte Split beobachtete genau meine Reaktion. Nicht triumphierend. Eher prüfend. Dann sprach sie weiter.
"Du wolltest mit mir über Nahrung verhandeln?"

Ich spürte, wie sich die Worte der Matriarchin noch nicht vollständig in meinem Kopf sortiert hatten, während ich sie ansah. Hatrak t’Frrt stand aufrecht vor mir, das Licht der erhöhten Plattform fiel schräg über ihre Gestalt und zeichnete harte Konturen in die rissige, rötlich-graue Haut. Die feinen Falten in ihrem Gesicht wirkten nicht schwach, sondern wie eingravierte Linien eines langen, gewaltsamen Lebens. Ihre Augen, rot mit schwarzer Pupille und gelber Iris, hielten meinen Blick ohne jede Unsicherheit fest. Es war kein dominantes Starren im menschlichen Sinn, eher eine ruhige, endgültige Feststellung von Realität. In mir setzte ein gedanklicher Widerstand ein, fast reflexartig. Alle bekannten Strukturen der Split basierten auf patriarchalen Linien. Jede Datenbank, jedes Fragment, jede Handelsinformation, die ich je gesehen hatte, bestätigte dieses Muster. Und doch stand sie hier, sprach nicht nur als Autorität, sondern als anerkannte Spitze dieses Systems. Ein Widerspruch, der sich nicht sofort auflösen ließ. Sie bemerkte es ohne sichtbare Mühe. Ihr Kopf neigte sich minimal, gerade so weit, dass die langen weißen Haare, die wie ein glatter Vorhang bis zum Boden reichten, sich leicht verschoben.
"Wie vorhin gesagt, du befindest dich in einem Kampfgebiet. Kein Krieg, aber ..." Ihre Stimme blieb ruhig, doch der Satz endete nicht vollständig. Stattdessen blieb er im Raum hängen wie ein unvollständig geschärftes Werkzeug. "Frauen sind bei den Split als Züglerinnen bekannt. Wir gebieten unseren Männern Einhalt, wenn deren Gemüter überkochen. Doch als ich vom alten Patriarchen Rhonkar t’Ncct, meinem Vater, rechtmäßig zum neuen Oberhaupt aller Split ernannt wurde, brachte das ..." Sie hielt kurz inne, als würde sie ein Wort aus einer älteren, schwereren Sprache herausfiltern. "Unruhe."
Ich nickte langsam, nicht aus Zustimmung, sondern weil mein Verstand versuchte, die Struktur dahinter zu rekonstruieren. Ein Übergang von Gewalt zu Kontrolle, nicht durch Abschaffung der Gewalt selbst, sondern durch ihre Umlenkung. Auf der Erde hatte ich ähnliche Übergänge in verschiedenen Gesellschaftsformen gesehen, wenn auch nie in dieser Konsequenz. Hier wirkte es weniger wie ein politischer Wandel und mehr wie ein kontrollierter Bruch innerhalb eines konstanten Konfliktsystems.
"Vor allem der alte Chin Clan, der den vorletzten Patriarchen stellte, ist sehr erpicht darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Schiff meines Sohnes wurde von einer ihrer Guerilla-Kräfte angegriffen."
Das erklärte den Absturz. Die Erinnerung daran kam unwillkürlich zurück, das metallische Kreischen der getroffenen Mamba, die plötzliche, brutale Richtungsänderung des Horizonts, das Gefühl, dass Gravitation selbst kurz ihre Richtung verloren hatte. Ich hielt den Gedanken nicht lange fest und ließ ihn wieder los, bevor er sich vertiefen konnte.
Hatrak wandte sich schließlich ab. Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich in Bewegung, und ich folgte ihr, da keine Alternative gegeben war. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich während unseres Gesprächs die Umgebung verändert hatte. Bedienstete hatten sich nahezu lautlos auf der Terrasse verteilt und begonnen, eine strukturierte Essfläche aufzubauen. Tische aus dunklem, poliert wirkendem Material wurden in präziser Ausrichtung platziert, dazu Sitzgelegenheiten, die eher funktional als komfortabel wirkten, aber eindeutig für diese Umgebung konzipiert waren. Auf der Oberfläche der Anordnung lag bereits Nahrung und Wasser, sauber getrennt, ohne überflüssige Dekoration. Zwischen den Gegenständen erkannte ich das Symbol der Universal Nourishment Organization. Das silberne Hexagon wirkte hier nicht wie ein Firmenzeichen, sondern wie ein Fremdkörper in einer vollständig anderen kulturellen Sprache. Die schwebende Galaxie im unteren Drittel des Symbols, der darüber liegende Tropfen und die daraus wachsenden pflanzlichen Formen wirkten fast zu elegant für diesen Ort, als hätten sie versucht, Ordnung in etwas zu bringen, das sich nicht vollständig ordnen ließ.
Hatrak blieb neben dem Tisch stehen, während ich das Logo betrachtete. "Dein Frachter durfte hier landen", sagte sie schließlich, ohne den Blick von mir abzuwenden. "Der Pilot war großzügig und hat für deine Genesung alle Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt." Ein kurzes, fast unmerkliches Schmunzeln zog über ihr Gesicht, wobei die scharfen Zähne kurz sichtbar wurden. "Um die Verhandlungen abzukürzen haben wir uns auch bedient und sind zufrieden. Du darfst bei uns expandieren und wir stellen kompatible Nahrungsmittel zur Verfügung."
Ich blieb für einen Moment still, während der Inhalt dieser Aussage sich in eine klare Struktur zwang. Keine Verhandlung im klassischen Sinn, kein Austausch von Bedingungen über mehrere Ebenen hinweg, keine Iteration. Ein Ergebnis, direkt formuliert und abgeschlossen. Es war die kürzeste Entscheidung über wirtschaftliche Expansion, die ich je erlebt hatte. Keine Schleifen, keine Absicherungen, keine verzögerten Rückfragen. Nur ein unmittelbares Ja in einer Sprache, die sich auf Effizienz reduzierte, ohne dabei weniger komplex zu sein.

Ich bewegte mich durch die Straßen von Ghus-tan, doch „gehen“ war ein zu simples Wort für das, was mein Körper inzwischen tat. Jede Bewegung war noch immer mit einem leichten Widerstand verbunden, als würde die Schwerkraft des Planeten mich nicht nur nach unten ziehen, sondern zusätzlich prüfen wollen, ob ich überhaupt hierhergehörte. Die Luft war schwer, aber klar, durchzogen von feinen Partikeln aus organischem Staub, Metallabrieb und dem süßlich-scharfen Geruch fremder Vegetation, die aus den umliegenden Dschungelzonen in die Stadt hineinragte. Zwischen den gewaltigen Strukturen aus Stein, verstärktem Metall und organisch wirkenden Verbundstoffen floss ein permanenter Strom aus Split, die sich zielgerichtet bewegten, ohne Hast, aber mit einer Art innerer Spannung, die selbst in Ruhe wie kontrollierte Gewalt wirkte.
Was mich jedoch mehr beschäftigte als die Architektur oder die Gerüche, war die Reaktion der Split auf meine bloße Anwesenheit. Ich hatte erwartet, dass ich ignoriert oder bestenfalls toleriert würde, vielleicht mit offener Ablehnung oder sogar feindseligen Blicken. Doch stattdessen wiederholte sich ein Muster, das ich zunächst nicht einordnen konnte. Wo immer ich auftauchte, unterbrachen Split ihre Tätigkeit für einen kurzen Moment, richteten den Blick auf mich und formten mit ihren sechsfingrigen Händen eine Geste, die sich jedes Mal identisch wiederholte. Die Hand wurde zur festen Faust geschlossen, während der obere Daumen sanft auf dem Zeigefinger ruhte und der untere Daumen am kleinen Finger anlag, als würde die Struktur selbst eine kontrollierte Spannung symbolisieren. Diese Handbewegung wurde anschließend in einer fließenden, aber klar definierten Linie erst zur Stirn geführt und danach zur Brust abgesenkt.
Aus menschlicher Perspektive wirkte diese Sequenz zunächst irritierend, fast wie eine rituelle Drohung oder eine militärische Einstufung. Doch die Reaktion der Umgebung widersprach dieser Interpretation vollständig. Keine Aggression folgte, keine Distanzierung. Im Gegenteil, die Bewegungen waren eingebettet in eine Form von stiller Anerkennung. Noptrok hatte mir später erklärt, dass es sich um eine Geste des verdienten Respekts handelte, eine Art soziale Markierung innerhalb der Split-Hierarchie, die nicht vergeben, sondern erarbeitet wurde. Ich erinnerte mich daran, wie selbstverständlich er diese Erklärung gegeben hatte, als wäre es eine physikalische Konstante dieser Gesellschaft.
Trotz dieser Einordnung blieb ein Rest Unbehagen. Es war nicht die Anerkennung selbst, sondern der Gedanke, was sie ausgelöst hatte. Ich wusste inzwischen, dass dieser Status nicht aus Verhandlung oder diplomatischer Leistung entstanden war, sondern aus einem Ereignis, das mich beinahe das Leben gekostet hatte. Der Gedanke daran blieb wie ein leiser Nachhall im Hinterkopf, während ich mich weiter durch die Stadt bewegte.
Die medizinische Versorgung, die ich erhalten hatte, zeigte inzwischen ihre Wirkung deutlicher als erwartet. Die Verletzungen, die ich im Dschungel und während der Flucht davongetragen hatte, waren nicht nur geschlossen, sondern in einer Geschwindigkeit verheilt, die ich selbst unter Berücksichtigung moderner humaner Medizintechnik als ungewöhnlich einstufen musste. Die Split behandelten den Körper nicht als empfindliches System, sondern als ein optimierbares Werkzeug. Ein beschädigter Krieger war für sie kein tragischer Zustand, sondern ein ineffizienter. Diese Haltung spiegelte sich in der Präzision wider, mit der meine Genesung verlaufen war.
Ich begann mich zu fragen, ob die Wahrnehmung der Split in anderen Zivilisationen tatsächlich verzerrt war. Die Berichte, die ich vor meiner Ankunft gelesen hatte, beschrieben sie als rein aggressiv, territorial und wenig differenziert. Doch das, was ich sah, war komplexer. Es war kein Widerspruch zur Gewalt, sondern eine Ordnung, in der Gewalt, Respekt und Funktion eng miteinander verbunden waren.
Mein Ziel an diesem Tag lag am Rand eines der zentralen Handelssektoren der Stadt: die sogenannte Panzerausgabe. Schon der Name hatte mich irritiert, als ich ihn zum ersten Mal gehört hatte, denn er klang weniger nach einem Geschäft und mehr nach einer militärischen Einrichtung. Als ich davor stand, verstand ich, warum diese Bezeichnung gewählt worden war. Das Gebäude wirkte nicht wie ein Laden, sondern wie eine Werkstatt für Rüstungen oder eine Zeremonialhalle für Kriegsartefakte. Die Außenstruktur bestand aus dunklem, geschichtetem Material, das an gepresste organische Panzerplatten erinnerte, durchzogen von metallischen Verstrebungen, die wie Rippen eines künstlichen Organismus wirkten.
Im Inneren herrschte eine Mischung aus Hitze, harzigen Gerüchen und dem schwachen, aber konstanten Klang von Werkzeugen, die auf harte Materialien trafen. Dort wurde mir die Kleidung übergeben, die für mich gefertigt worden war. Erst beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass es sich nicht um klassische Stoffe handelte, sondern um bearbeitete Elemente des Ghok, jenes Wesens, das mich fast getötet hatte. Der Gedanke daran erzeugte einen kurzen, unangenehmen Druck in der Brust, doch die Split behandelten das Material ohne jede emotionale Aufladung. Für sie war es Ressource, nicht Erinnerung.
Ich legte die Ausrüstung an, zunächst vorsichtig, dann zunehmend überrascht. Das Gewicht war deutlich geringer, als ich erwartet hatte. Das Innere war mit einer dichten, aber flexiblen Schicht ausgekleidet, die sich meiner Körpertemperatur anpasste, ohne sie zu stauen. Kein Hitzestau, keine Kälte, nur ein konstantes Gleichgewicht, das sich fast instinktiv regulierte. Einer der anwesenden Handwerker beobachtete mich dabei schweigend und führte anschließend eine kurze, respektvolle Bewegung aus, identisch mit der Geste, die ich bereits auf der Straße gesehen hatte. Ich erwiderte nichts, weil ich noch nicht wusste, was eine angemessene Reaktion in dieser Sprache überhaupt sein sollte. Dennoch war mir bewusst, dass ich erneut in eine Kategorie eingeordnet worden war, die ich selbst nicht vollständig verstand.
Auf meinen Wunsch hin brachte mich Noptrok später zu dem Ort, an dem die Überreste des Ghok-Ältesten aufbewahrt wurden. Der Weg dorthin führte durch kühlere Bereiche der Stadtstruktur, in denen die Temperatur deutlich stabiler war und der Geruch von Metall und Kräutern stärker dominierte. Die Überreste selbst waren sorgfältig getrennt und gelagert, nicht als Trophäe, sondern als Rohmaterial. Organe, Panzersegmente und Gewebestrukturen lagen in geordneten Einheiten, konserviert durch ein System, das sowohl Kühlung als auch chemische Stabilisierung verwendete.
Ich aktivierte mein Scannergerät und ließ die Daten durchlaufen. Die Ergebnisse zeigten eine ungewöhnliche Kombination aus hoher Säureresistenz im äußeren Gewebe und einer überraschenden Anfälligkeit im inneren Verdauungssystem. Je länger ich die Analyse betrachtete, desto klarer wurde das Bild eines Organismus, der auf extreme Bedingungen optimiert war, aber gleichzeitig eine strukturelle Schwachstelle im Bereich seiner Nahrungsverarbeitung besaß.
Noptrok stand neben mir, die Arme locker verschränkt, der Blick ruhig auf die Lagerung gerichtet. Als ich meine Schlussfolgerung formulierte, reagierte er nur mit einer knappen Erklärung, die keine Überraschung enthielt. Für ihn war das Ergebnis offensichtlich. Das Wesen war nicht durch äußere Gewalt gefallen, sondern durch eine interne Reaktion auf das, was ich ursprünglich als wertvollen, aber fast aufgebrauchten Proviant betrachtet hatte. Der Gedanke daran blieb ungewöhnlich lange in meinem Kopf stehen. Nicht wegen des Sieges, sondern wegen der simplen Tatsache, dass Überleben hier weniger mit Stärke als mit Zufall und Wechselwirkung zu tun gehabt hatte, als ich es zunächst angenommen hatte.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 48 - Leben

Ich strich mit den Fingern über die harte Oberfläche einer Scruffin-Knolle und spürte die raue, fast steinartige Kruste unter meiner Haut. Sie fühlte sich trocken an, obwohl überall zwischen den Pflanzreihen Wasser floss. Kleine schmale Rinnsale zogen sich durch die gerodete Fläche wie künstlich angelegte Adern, rotbraune Erde wurde dabei langsam mitgerissen und sammelte sich in winzigen Sedimentmustern an den Wurzeln der Pflanzen. Der Geruch hier war schwer und feucht. Erde. Mineralien. Pflanzensaft. Dazu dieser unterschwellige metallische Beiton, den beinahe alles auf Nif'Nakh besaß. Selbst die Luft schmeckte anders als auf Argon Prime oder den Handelsstationen der Gemeinschaft der Planeten. Dichter. Wärmer. Lebendiger.
Die Scruffins ragten in langen Reihen aus dem Boden. Schwarze dicke Stängel wuchsen schräg nach oben und verzweigten sich erst weiter oben in breite lilafarbene Blätter, deren Oberflächen im Licht der Sonne fast ölig glänzten. Manche Blätter waren dunkelviolett, andere gingen ins Bläuliche oder sogar in ein tiefes Rot über. Wenn der Wind hindurchstrich, entstand ein leises trockenes Rascheln, das mich an Papier erinnerte. Oberirdisch wuchsen die Knollen wie deformierte Felsen aus dem Boden. Blassgrün. Teilweise von dunklen Flecken durchzogen. Einige waren so groß wie mein Oberkörper. Andere kaum größer als meine Faust. Die äußere Schicht wirkte wie verbrannte Erde, rissig und spröde, doch an Stellen, an denen Arbeiter sie angeschnitten hatten, kam darunter ein helles faseriges Gewebe zum Vorschein.
Split bewegten sich zwischen den Reihen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich daran erinnerte, dass dies ihre Welt war. Ihre Welt, nicht meine. Breitschultrige Männer trugen schwere Behälter auf den Rücken, während andere mit langen Werkzeugen den Boden lockerten oder die Wasserkanäle umlenkten. Selbst die Frauen wirkten kräftig. Schlanker vielleicht, aber keineswegs zerbrechlich. Ihre Haut reflektierte das Sonnenlicht matt, grau mit rötlichen Untertönen. Manche trugen einfache Arbeitskleidung aus grobem Stoff und gegerbter Haut, andere leichte Panzerplatten an Schultern und Unterarmen. Immer wieder bemerkte ich die respektvolle Geste, sobald jemand mich erkannte. Die Hand zur Faust geschlossen. Der obere Daumen locker auf dem Zeigefinger, der untere auf dem kleinen Finger. Erst zur Stirn. Dann zum Herzen.
Noch immer fühlte sich das falsch an. Ich hatte nichts getan, das diesen Respekt rechtfertigte. Ich hatte überlebt. Mehr nicht.
Noptrok lief einige Schritte neben mir und erklärte ruhig die Bewässerungssysteme, die Wachstumszyklen und welche Bodenschichten für Scruffins geeignet waren. Seine tiefe Stimme klang gleichmäßig, beinahe monoton. Er sprach über Mineralgehalte, Temperaturunterschiede und warum bestimmte Regionen Nif'Nakhs höhere Erträge lieferten. Ich hörte ihm zu, zumindest teilweise, doch meine Gedanken drifteten immer wieder ab.
Seit Tagen hatte ich dieses Gefühl. Etwas war da. Etwas, das ich verstand, ohne es vollständig greifen zu können.
Meine Schritte verlangsamten sich zwischen den Pflanzenreihen. Die erhöhte Schwerkraft war inzwischen erträglicher geworden, aber mein Körper erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, dass ich beinahe gestorben wäre. Unter der Kleidung spannten meine verheilenden Narben leicht, besonders an Brust und Rücken. Trotzdem fühlte ich mich klarer als noch vor wenigen Wozuras. Vielleicht lag es daran, dass ich während meiner Genesung kaum etwas anderes tun konnte als nachdenken.
Und genau das hatte ich getan. Nachdenken. Über Thovareus. Über die Teladi. Über das Alte Volk. Ich blieb vor einer besonders großen Scruffin stehen und betrachtete die feinen dunklen Adern, die sich über ihre Kruste zogen. Wasser rann daran hinab und sammelte sich am unteren Rand in kleinen Tropfen.
"Zu wenig Wasser. Knolle wird bitter", erklärte Noptrok hinter mir.
Ich nickte nur langsam. Bitter. Das passte. Meine Gedanken wanderten zurück nach Ianamus Zura. Zu den Gesprächen mit dem alten Teladi. Zu seinen Andeutungen. Zu dieser unterschwelligen Sorge, die ich damals zwar wahrgenommen, aber nie vollständig verstanden hatte. Erst jetzt, mit Abstand, ergaben die einzelnen Fragmente plötzlich ein Muster. Die Teladi der Gemeinschaft der Planeten starben aus. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nicht einmal in hundert Jazuras. Aber der Prozess hatte längst begonnen. Ich erinnerte mich an biologische Datenbanken. An medizinische Analysen. An Handelsdokumente, die ich während meiner Arbeit für die Universal Nourishment Organization ausgewertet hatte. Immer wieder waren mir identische genetische Marker begegnet. Minimale Abweichungen. Kleine Defekte. Auffälligkeiten, die einzeln bedeutungslos wirkten, in ihrer Gesamtheit jedoch etwas anderes zeigten. Genetische Verarmung. Die Teladi der Gemeinschaft der Planeten bestanden fast ausschließlich aus Weibchen. Ihre Fortpflanzung funktionierte über Selbstbefruchtung. Praktisch. Effizient. Kurzfristig stabil. Langfristig tödlich. Mutationen sammelten sich über Generationen an. Fehler wurden weitergegeben, statt korrigiert zu werden. Evolution brauchte Variation. Sie brauchte Austausch. Unterschiedliche genetische Linien. Doch genau das fehlte. Ich spürte, wie sich ein unangenehmer Druck in meiner Brust ausbreitete. Die Teladi wussten das vermutlich selbst. Vielleicht nicht jeder einzelne Bürger. Aber ihre Wissenschaftler mussten es erkannt haben. Irgendwann. Irgendwie. Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an die Worte des Alten. Die spezielle Fähigkeit der Teladi. Was mochte sie sein?
Ich hob den Blick zum Himmel. Zwischen den Kronen des Dschungels war das Eisblau von Nif'Nakh sichtbar. Fremdartig schön. Gewaltig. Fast unwirklich. Dann dachte ich an das Alte Volk. Und in meinem Kopf machte es Klick. Nicht schlagartig. Eher wie ein mechanisches Schloss, dessen Zahnräder langsam ineinandergreifen. Das Alte Volk beobachtete die bekannten Spezies. Aber nicht permanent. Sie kontrollierten keine einzelnen Leben. Keine täglichen Abläufe. Dafür war das Universum zu groß. Zu komplex. Sie arbeiteten mit Stichproben. Mit langfristigen Entwicklungen. Mit Wahrscheinlichkeiten. Die Sohnen dagegen überwachten kontinuierlicher. Routiniert. Systematisch. Und wenn meine Theorie stimmte, dann mussten die Sohnen irgendwann erkannt haben, dass die Teladi der Gemeinschaft der Planeten auf einen biologischen Kollaps zusteuerten. Langsam. Fast unmerklich. Aber unausweichlich. Mein Herz schlug schneller. Deshalb Ianamus Zura. Deshalb die plötzliche Rückkehr. Nicht aus Zufall. Nicht aus Großzügigkeit. Sondern weil dort etwas existierte, das den Teladi der Gemeinschaft der Planeten fehlte. Männchen. Genetische Diversität. Eine stabile Grundlage.
Ich blieb abrupt stehen. Noptrok bemerkte es sofort und drehte den Kopf leicht in meine Richtung. Seine roten Augen musterten mich aufmerksam.
"Schmerzen?"
Ich schüttelte langsam den Kopf. "Nein... Gedanken."
Er grunzte nur leise, als würde das für ihn eine ausreichende Erklärung darstellen. Vielleicht tat es das sogar. Mein Blick wanderte erneut über die Felder. Über die Split, die arbeiteten. Über diese brutale, direkte Gesellschaft, die gleichzeitig komplexer war, als die meisten Außenstehenden glaubten. Vielleicht wurden die Split falsch verstanden. Vielleicht wurden die Teladi falsch verstanden. Vielleicht verstanden die meisten Spezies einander überhaupt nicht wirklich. Ich dachte an die letzten Wochen zurück. An den Absturz. An das Ghok. An Hatrak. An die Art, wie die Split Stärke interpretierten. Nicht nur körperliche Stärke. Auch Entschlossenheit. Überlebenswillen. Konsequenz. Dann dachte ich wieder an die Teladi. Eine Spezies, die fast alles dem Profit unterordnete. Und plötzlich fragte ich mich etwas anderes. Was, wenn ihre eigentliche Stärke darin bestand zu überleben? Nicht individuell. Sondern als Zivilisation. Anpassung um jeden Preis. Selbst wenn sie sich dafür biologisch verändern mussten. Der Gedanke ließ mich nicht los. Denn wenn das stimmte, dann war die Wiederverbindung von Ianamus Zura vielleicht keine Rettung gewesen. Sondern eine kontrollierte Korrektur. Ein Eingriff des Alten Volkes, bevor ein gesamtes Volk langsam in die genetische Sackgasse lief.
Ich blickte auf meine eigene Hand hinab. Menschliche Haut. Kleine verheilte Narben. Leichte Verfärbungen dort, wo Säure und Dornen mich verletzt hatten. Menschen hatten ihre Probleme offen sichtbar. Kriege. Politik. Konflikte. Doch biologische Degeneration über Jahrtausende hinweg? Das war etwas anderes. Etwas viel Heimtückischeres.
"Du denkst wie Wissenschaftler", sagte Noptrok plötzlich.
Ich sah überrascht zu ihm auf. Er stand mit verschränkten Armen neben einer der Scruffin-Reihen und beobachtete mich ruhig.
"Nicht wie Händler."
Ich musste schwach lächeln. "Vielleicht bin ich beides."
Noptrok schnaubte leise. "Gefährliche Mischung."
Dann setzte er seinen Weg fort und ich folgte ihm langsam durch die Felder von Nif'Nakh, während meine Gedanken noch immer um die Teladi kreisten und ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich möglicherweise ein kleines Stück eines viel größeren Plans verstanden hatte.

Der Übergang in die unterirdischen Bereiche erfolgte über eine massive Schleuse aus dunkelgrauem Verbundmaterial, dessen Oberfläche von feinen Kratzspuren und alten Reparaturlinien durchzogen war. Als sich die Türsegmente mit einem tiefen, hydraulischen Stoß öffneten, schlug mir eine deutlich kühlere, feuchtere Luft entgegen. Sie roch nach Algen, nach mineralischem Wasser und nach dem leichten, süßlichen Verfall organischer Substanzen, der selbst in hochkontrollierten Anlagen nicht vollständig zu vermeiden war. Der Gang dahinter, und die Treppen dahinter die in die Tiefe führten, waren breit genug für mehrere Split gleichzeitig, aber eng genug, um die Enge der Struktur spürbar zu machen. Lichtstreifen in gedämpftem Grün und blassem Blau zogen sich entlang der Wände und warfen ein kaltes, gleichmäßiges Leuchten auf den Boden.
Die Aquaterrarien öffneten sich schließlich wie gestaffelte Hallen unter der Oberfläche von Ghus-tan. Transparente Wände aus verstärktem Glas oder einem vergleichbaren Material trennten einzelne Becken voneinander, in denen das Licht in unterschiedlichen Brechungen gebrochen wurde. Dahinter bewegten sich Chelt-Zuchten in schwerelosen, künstlich stabilisierten Wasserkörpern. Das Wasser selbst war auffällig blau, fast unnatürlich klar, mit einem metallischen Schimmer, der sich nur zeigte, wenn man den Blickwinkel änderte. Noptrok bemerkte meinen Blick und erklärte knapp, dass dieses Wasser von einem der Monde stammte, importiert und in speziellen Kreislaufsystemen stabil gehalten. Ohne diese Zusammensetzung wären die Chelt auf Nif'Nakh nicht lebensfähig.
Ich trat näher an eines der Becken heran und beobachtete die Tiere. Sie wirkten auf den ersten Blick wie Fische, doch sobald sie sich drehten, offenbarte sich die Fremdartigkeit ihrer Anatomie. Sechs Gliedmaßen, symmetrisch entlang des Körpers verteilt, endeten in breiten, flossenartigen Strukturen, die sich synchron bewegten und das Tier in präzisen, fast mechanischen Bewegungsmustern durch das Wasser trieben. Der Körper selbst war segmentiert, leicht gepanzert, mit einer Oberfläche, die zwischen Chitin und organischem Gewebe wechselte. Kein Flügelansatz war sichtbar. Ich fragte Noptrok, ob diese Spezies jemals flugfähige Vorfahren gehabt hatte oder ob die Evolution hier einen anderen Weg genommen hatte, doch er antwortete nur mit einem kurzen Schulterzucken und einem knappen Hinweis, dass die Chelt von Hoodie stammten und sich auf Nif'Nakh nie natürlich anpassen konnten.
Die Aquakultur wirkte weniger wie Landwirtschaft und mehr wie eine industrielle Simulation eines fremden Ökosystems. Jede Bewegung, jede Strömung im Wasser war kontrolliert. Pumpen sorgten für gleichmäßige Zirkulation, während Sensorfelder die chemische Zusammensetzung überwachten. Dennoch blieb der Eindruck bestehen, dass hier etwas Fremdes künstlich am Leben gehalten wurde, das ohne diese Infrastruktur sofort kollabieren würde.
Als wir die Anlage wieder verließen, wechselte die Umgebung abrupt zurück ins Freie. Die Luft auf der Oberfläche war wärmer, schwerer und trug den süßlichen Geruch der roten Gewässer, die sich zwischen den natürlichen Senken und künstlich erweiterten Seen ausbreiteten. Diese Landschaft wirkte weniger kontrolliert als die unterirdischen Systeme, obwohl auch hier Eingriffe sichtbar waren. Uferbereiche waren verstärkt, Zuflüsse kanalisiert, und große Netzstrukturen spannten sich über einzelne Wasserflächen.
Ich folgte Noptrok zu einer dieser Anlagen, wo sich Lungenfischzuchten in offenen, aber gesicherten Becken befanden. Das Wasser war hier nicht blau, sondern tief rot, als wäre es mit fein verteiltem Erz oder organischen Pigmenten angereichert. Die Oberfläche spiegelte das Licht des Himmels in gebrochenen, unruhigen Mustern wider. Zwischen den Becken ragten vereinzelte metallische Stege hervor, über die Split-Arbeiter sich bewegten. Jeder Bereich war von feinmaschigen Netzen überspannt, die sich im Wind kaum sichtbar bewegten.
Noptrok erklärte, dass diese Netze weniger zum Schutz der Fische dienten als zur Abwehr der Drachenfliegen. Diese hätten sich auf die Lungenfische spezialisiert und würden sie in Schwärmen angreifen, sobald sie ungeschützt wären. Während er sprach, beobachtete ich eine Gruppe der genannten Insekten in der Ferne, wie sie knapp über der Wasseroberfläche kreisten, bevor sie abrupt abdrehten, als sie die Barriere registrierten.
Die Lungenfische selbst bewegten sich ruhig durch das Wasser. Sie waren deutlich größer als die Chelt in den Aquaterrarien, zwischen sechzig und hundertzwanzig Zentimeter lang, mit kräftigen Körpern, die trotz ihrer Masse erstaunlich agil wirkten. Ihre Haut war von dicken Schuppen bedeckt, die im Licht matt glänzten und eine grünlich-graue Färbung hatten. Die Flossen waren paarweise angeordnet, funktional und symmetrisch: zwei Bauchflossen, zwei Brustflossen, zwei Afterflossen sowie zwei kräftige Schwanzflossen, die ihnen Stabilität und Schub gaben. Eine lange Rückenflosse zog sich durchgehend vom Kopf bis zum hinteren Körperende und erinnerte an eine flexible Klinge im Wasser.
Ich blieb an einem der Netze stehen und betrachtete das Verhalten eines einzelnen Fisches, der langsam durch die roten Strömungen glitt. Sein Atemmechanismus war sichtbar, als sich im vorderen Bereich des Körpers rhythmische Bewegungen abzeichneten. Lungen, nicht Kiemen. Ein System, das ihn unabhängig von der Wasserqualität machte. Noptrok erwähnte nebenbei, dass diese Tiere ursprünglich aus der Heimatwelt der Split stammten, bevor interne Konflikte und Clan-Kriege ihre Ökosysteme zerstört hatten. Die Bezeichnung, die er nutzte, war knapp, ohne emotionale Färbung, als handle es sich um eine rein historische Randnotiz.
Ich sah über die Wasserflächen hinweg und bemerkte, wie sich die roten Seen in der Landschaft verteilten wie offene Wunden im Dschungel. Der Vergleich kam mir unwillkürlich in den Sinn, obwohl ich ihn nicht laut aussprach.
Drachenfliegen kreisten erneut in der Ferne, knapp außerhalb der Schutznetze, ihre Bewegungen unruhig und suchend. Noptrok erklärte, dass sie sich regelmäßig an den Zuchtanlagen orientierten, aber gelernt hatten, die Barrieren zu respektieren. Nicht aus Intelligenz im klassischen Sinn, sondern aus wiederholter Erfahrung. Ich stellte mir kurz vor, wie viele dieser Systeme notwendig waren, um eine einzige funktionierende Nahrungsbasis aufrechtzuerhalten. Die Antwort war offensichtlich. Sehr viele. Und alles hier wirkte gleichzeitig effizient und fragil. Als wir weitergingen, blieb der Eindruck zurück, dass Nif'Nakh nicht einfach ein Planet war, sondern ein permanent instand gehaltener Zustand zwischen Kontrolle und Überleben.

Ich saß auf einem dunklen Felsvorsprung außerhalb von Ghus-tan und ließ den Blick über die Landschaft schweifen, während der Wind über die Höhen strich und meine Haare nach hinten drückte. Der Stein unter mir war überraschend warm. Er hatte die Hitze des Tages gespeichert und gab sie nun langsam wieder ab, obwohl die Sonne bereits tiefer stand und das Licht des eisblauen Himmels allmählich weicher wurde. Unterhalb der Anhöhe zog sich der Dschungel wie ein lebender Ozean bis zum Horizont. Die roten Baumkronen mancher Pflanzen schimmerten im schrägen Licht beinahe schwarz, während andere Gewächse in giftigem Grün oder tiefem Violett leuchteten. Zwischen dem dichten Bewuchs verliefen breite rote Wasseradern, die aus der Entfernung wie offene Schnitte durch die Landschaft wirkten. Manche dieser Gewässer reflektierten das Licht der Monde bereits schwach, obwohl die eigentliche Nacht noch nicht begonnen hatte.
Hinter mir erhob sich Ghus-tan. Die Stadt wirkte von hier aus noch unwirklicher als von den Terrassen des Palastes. Gewaltige Mauern aus dunklem Stein und metallischen Verstärkungen umgaben sie wie der Panzer eines gigantischen Tieres. Dazwischen verliefen Energieleitungen, deren schwaches Glimmen sich in regelmäßigen Linien durch die Architektur zog. Über den Wällen standen schwere Geschütztürme, deren Läufe sich langsam bewegten und den Horizont überwachten. Sie wirkten nicht protzig oder ornamental. Alles an den Verteidigungsanlagen vermittelte Funktionalität. Effizienz. Die Split bauten keine Monumente, um andere zu beeindrucken. Sie bauten Dinge, die Angriffe überstanden.
Besonders beeindruckend war der Energieschirm. Tagsüber hatte man ihn kaum gesehen, doch jetzt, wo die Lichtverhältnisse wechselten, zeichnete sich die gewaltige Kuppel deutlicher ab. Sie spannte sich transparent über die gesamte Stadt und flimmerte nur minimal, wenn atmosphärische Partikel oder kleine Insekten dagegenstießen. Dann liefen feine Wellen aus blassem Orange und dunklem Rot über die Oberfläche, bevor der Schild wieder nahezu unsichtbar wurde. Es erinnerte mich an die Oberfläche von Wasser, das von einzelnen Regentropfen getroffen wurde.
Ich hatte die Split ursprünglich für primitive Militaristen gehalten. Brutal. Aggressiv. Rückständig. Jetzt wusste ich, wie oberflächlich dieser Gedanke gewesen war. Ihre Gesellschaft war nicht einfach gewalttätig. Sie war kompromisslos funktional. Jeder Teil ihrer Kultur schien auf Überleben ausgerichtet zu sein. Selbst Schönheit existierte hier nicht losgelöst von Nutzen. Die Architektur von Ghus-tan war massiv und einschüchternd, aber zugleich auf seltsame Weise harmonisch in die Landschaft integriert. Die Mauern folgten den natürlichen Felsformationen. Gebäude ragten wie aus dem Gestein gewachsen empor. Selbst die Verteidigungssysteme wirkten nicht wie Fremdkörper, sondern wie Verlängerungen der Umgebung.
Ich hörte hinter mir langsame Schritte auf Stein. Hatrak. Die alte Matriarchin blieb einige Meter entfernt stehen, ohne mich sofort anzusprechen. Ihre langen weißen Haare bewegten sich leicht im Wind und reflektierten das Licht der untergehenden Sonne wie feine Metallfäden. Die rötlich-graue Haut ihres Gesichts wirkte in diesem Licht beinahe wie verwitterter Stein. Tiefe Linien zogen sich über ihre Wangen und ihre Stirn. Jede einzelne Falte schien jahrzehntelange Härte konserviert zu haben. Dennoch lag in ihrer Präsenz etwas Ruhiges. Kontrolliertes.
Noch weiter entfernt stand Noptrok. Zumindest wirkte es so, als würde er einfach nur dort stehen. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte scheinbar teilnahmslos hinaus in den Dschungel. Doch ich hatte inzwischen genug Zeit mit Split verbracht, um zu verstehen, dass ihre Bewegungsarmut täuschte. Noptrok beobachtete alles. Seine Haltung war locker, aber niemals entspannt. Selbst jetzt registrierten seine Augen vermutlich jede Bewegung zwischen den Pflanzen, jedes Geräusch im Wind, jede Veränderung im Verhalten der Tiere. Vielleicht war genau das einer der Gründe, warum die Split so gefährlich waren. Sie ruhten nie vollständig.
Mein Blick wanderte erneut zu Noptroks Gesicht und blieb kurz an seinen Augen hängen. Wieder verspürte ich dieses unangenehme Gefühl, das mich seit meiner ersten Begegnung mit den Split begleitet hatte. Ihre Augen irritierten mich auf eine Weise, die ich nur schwer beschreiben konnte. Nicht allein wegen ihrer Farbe, sondern wegen der gesamten Anatomie. Die gelben Iriden wirkten scharf und fremdartig, doch das eigentliche Problem war das Rot darum herum. Menschen verbanden rote Augen instinktiv mit Entzündungen, Blut oder Krankheit. Bei den Split gehörte diese Farbe jedoch einfach zu ihrer natürlichen Erscheinung. Dennoch erzeugte sie permanent den Eindruck, als wären ihre Augen blutunterlaufen. Als würden sie sich ständig in einem Zustand aggressiver Anspannung befinden. Selbst wenn ein Split ruhig war, wirkte sein Blick bedrohlich.
Dazu kam ihre Haut. Diese lederartige Oberfläche mit den feinen Schuppenstrukturen reflektierte Licht auf eigenartige Weise. Unter direkter Sonne erschien sie matt und trocken. Im Schatten dagegen wirkte sie dunkler und beinahe feucht. Besonders bei älteren Split traten manchmal bernsteinfarbene Adern unter der Haut hervor, die wie erstarrte Harzlinien aussahen. Ich hatte einmal beobachtet, wie ein verletzter Split behandelt worden war. Sein Blut war nicht rot gewesen wie menschliches, sondern braun. Dickflüssig. Fast metallisch riechend.
Vielleicht war genau diese Fremdartigkeit der Grund, weshalb so viele Spezies die Split sofort als Monster wahrnahmen. Ich konnte diesen Instinkt nachvollziehen. Selbst jetzt, nachdem ich von ihnen gepflegt worden war, nachdem sie mich aufgenommen hatten und ich mich frei in ihrer Stadt bewegen durfte, blieb ein Teil meines Gehirns permanent angespannt, sobald ich ihren Blick auf mir spürte.
Hatrak trat schließlich neben mich und stützte beide Hände auf ihren langen Stock. Das getrocknete Blut an den Enden war noch immer sichtbar, dunkelbraun und rissig. Ich fragte mich erneut, wie oft diese alte Frau dieses scheinbar einfache Stück Holz bereits als Waffe benutzt hatte. Sie schwieg eine Weile und blickte ebenfalls hinaus auf den Dschungel.
"Du denkst viel." Ihre Stimme war ruhig. Nicht fragend. Feststellend.
Ich atmete langsam aus und ließ den Blick über die roten Wasserflächen wandern. "Ich versuche euch zu verstehen."
Hatraks Mundwinkel bewegten sich minimal. "Und?"
Ich schwieg kurz. "Ich glaube, die meisten Völker verstehen die Split falsch."
Die alte Matriarchin antwortete nicht sofort. Der Wind zog durch ihre langen Haare, während irgendwo weit entfernt ein tiefes, langgezogenes Geräusch aus dem Dschungel hallte. Ich wusste nicht, welches Tier es verursacht hatte. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht wissen.
"Die meisten Völker sehen nur unsere Krieger", sagte Hatrak schließlich. "Sie sehen Waffen. Zorn. Kämpfe. Aber niemand fragt, warum Split so wurden."
Ihre gelben Augen richteten sich kurz auf mich. Wieder spürte ich dieses instinktive Unbehagen, obwohl ihr Blick nicht feindselig war. "Eine Spezies wird von ihrer Welt geformt."
Ich blickte hinaus auf Nif'Nakh. Auf die gewaltigen Wälder. Auf die roten Seen. Auf die unnatürlichen Schatten zwischen den Pflanzen. Auf die Kreaturen, die selbst hier außerhalb der Mauern vermutlich bereits auf die Nacht warteten. Langsam verstand ich, was sie meinte. Eine Welt wie diese brachte keine sanften Bewohner hervor. Und vielleicht waren die Split nicht brutal trotz ihrer Umgebung. Vielleicht waren sie brutal geworden, weil nur Brutalität ihnen erlaubt hatte, überhaupt bis heute zu überleben. Hinter uns begann der Energieschild von Ghus-tan stärker zu leuchten, als die Dämmerung weiter voranschritt. Das orangefarbene Flimmern spiegelte sich kurz in Hatraks Augen und ließ ihre ohnehin fremdartige Erscheinung noch unwirklicher wirken. Für einen Moment fragte ich mich, wie Menschen wohl auf mich reagieren würden, wenn ich nach all dem irgendwann wieder nach Hause zurückkehrte. Ob ich die Split dann ebenfalls noch als Monster sehen könnte. Oder ob ich inzwischen begonnen hatte, sie zu verstehen.

Ich lehnte mich leicht zurück und stützte mich mit beiden Händen hinter meinem Rücken auf dem kalten Fels ab. Über uns spannte sich der Himmel von Nif'Nakh wie ein endloses schwarzes Meer aus, übersät mit Sternen, die hier draußen fernab der künstlichen Beleuchtung von Ghus-tan ungewöhnlich klar sichtbar waren. Drei Monde bewegten sich langsam über die Dunkelheit hinweg. Einer war klein und blass, beinahe farblos. Der zweite schimmerte in einem matten Grau mit grünlichen Einschlüssen. Der dritte dominierte den Himmel mit einer leicht bernsteinfarbenen Oberfläche, auf der dunkle Kraterlinien wie alte Narben verliefen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals einen Nachthimmel gesehen zu haben, der gleichzeitig so wunderschön und so bedrückend wirkte.
Der Wind war schwächer geworden. Nur gelegentlich strich eine warme Luftbewegung über die Anhöhe und brachte den Geruch des Dschungels mit sich. Feuchte Erde. Harzige Pflanzenstoffe. Irgendwo weit entfernt das säuerliche Aroma eines roten Gewässers. Dazu kamen die dumpfen, kaum hörbaren Geräusche der nächtlichen Tierwelt. Ein entferntes Zirpen. Das Knacken von Ästen. Ein tiefes, vibrierendes Grollen, das durch den Boden zu kommen schien und mich unwillkürlich daran erinnerte, dass die Wälder von Nif'Nakh niemals wirklich still waren.
Mein Blick blieb an den Sternen hängen. Und plötzlich kratzte ein Gedanke tief in meinem Bewusstsein. Ab welchem Punkt würden andere anfangen, mich als Monster zu sehen? Nicht wegen meines Aussehens. Nicht wegen meiner Herkunft. Sondern wegen dessen, was ich tat. Ich hatte mich immer für jemanden gehalten, der helfen wollte. Nahrung verbessern. Leben retten. Systeme stabilisieren. Doch inzwischen war ich durch Kriegsgebiete gereist, hatte mich mit Piraten eingelassen, hatte auf Nif'Nakh überlebt und war nun von einer Spezies akzeptiert worden, die fast überall sonst in der Galaxie gefürchtet wurde. Die Split begegneten mir inzwischen mit Respekt. Einem Respekt, den sie ihren Kriegern entgegenbrachten. Allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Vielleicht veränderte einen das Überleben zwangsläufig. Vielleicht bemerkte man nur selbst lange nicht, wie sehr.
Ohne meinen Blick vom Himmel zu lösen, fragte ich schließlich: "Kennt Ihr eine Teladi namens Nopileos?"
Die Veränderung war sofort spürbar. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Aber die Atmosphäre spannte sich augenblicklich an. Hatraks Körperhaltung wurde minimal starrer. Ihre gelben Augen fixierten mich mit einer Intensität, die mich sofort erkennen ließ, dass ich etwas Bedeutendes angesprochen hatte. Selbst Noptrok hob leicht den Kopf.
"Woher du kennen?"
Die Worte kamen schärfer als zuvor. Direkter. Für einen kurzen Moment verfiel Hatrak vollständig in die typische Split-Syntax. Noch während die Frage ausgesprochen war, gab sie ein kurzes schnalzendes Geräusch von sich. Fast genervt über sich selbst. Sie hatte gerade unbeabsichtigt bestätigt, dass sie Nopileos kannte. Noptrok trat näher. Seine Schritte waren leise, obwohl er schwerer war als ich. Erst jetzt hörte ich ihn zum ersten Mal vollkommen akzentfrei die Handelssprache sprechen.
"Nopileos war meine Ziehmutter. Mein Name wurde gewählt, um sie zu ehren. Meine Mutter spricht nicht gerne über diese Zeit."
Seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich, kontrollierter. Fast vorsichtig. Dann schlug Hatrak ihren Stock einmal hart gegen den Felsen. Das Geräusch hallte dumpf über die Anhöhe. In der Nähe flatterten mehrere vogelartige Insekten aus einem Gebüsch hervor und verschwanden zwischen den leuchtend-giftigen Pflanzen des Dschungels.
"Nopileos kam vor vielen Sonnen zu uns. Vor Dekazuras."
Ich rechnete automatisch um. Viele Dekazuras bedeuteten Jahrzehnte. Vielleicht deutlich mehr. Hatraks Blick glitt kurz hinaus in die Dunkelheit, als würde sie etwas sehen, das nur für sie existierte.
"Was ist passiert?"
Ich sprach ruhig. Nicht drängend. Doch ich wollte diese Antwort unbedingt hören. Hatrak atmete langsam ein. Zum ersten Mal, seit ich sie kennengelernt hatte, wirkte sie alt. Nicht körperlich. Sondern müde. Die Erinnerungen schienen schwer auf ihr zu lasten.
"Nopileos erreichte dieses System durch einen Navigationsfehler. Ihr Schiff stürzte im Dschungel ab. Sie überlebte nur knapp." Die alte Split schwieg kurz. Ihre Finger bewegten sich leicht um den Stock. "Damals kreuzten sich unsere Wege. Ich selbst geriet während einer Jagd in Lebensgefahr. Ein großes Dschungelungeheuer griff mich an. Nopileos half mir."
Ich versuchte mir das vorzustellen. Eine Teladi. Allein. Auf Nif'Nakh. Der Gedanke wirkte absurd. Und doch stand Noptrok vor mir als lebender Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr war.
"Die Nyanas Glück wurde schwer beschädigt", fuhr Hatrak fort. "Mazuras waren nötig, um das Schiff überhaupt zu bergen. Jazuras, um es wieder vollständig instandzusetzen." Ihre Stimme war ruhig geworden. Fast fern. "Während dieser Zeit entdeckte Nopileos, dass ihr Eigeschwister Sissandras IV. Manipulationen am Schiff vorgenommen hatte."
Ich sagte nichts. Der Name sagte mir genug. Teladi-Familienpolitik war selten freundlich. Hatrak schwieg erneut. Diesmal länger. Der Wind bewegte ihre weißen Haare leicht, während ihre Augen nicht mehr mich ansahen, sondern irgendwo in die Vergangenheit blickten.
"Während dieser Jazuras brachte Nopileos mir viel über die Gemeinschaft der Planeten bei. Über ihre Spezies. Ihre Denkweisen. Ihre Kultur." Ein schwacher Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Kein richtiges Lächeln. Mehr eine Erinnerung daran, dass sie einmal gelächelt hatte. "Zuerst war sie nur Freundfeind. Doch mit den Jazuras wurde mehr daraus."
Sie stoppte abrupt. Noptrok räusperte sich leise. Mein Bauchgefühl schlug sofort Alarm. Da war etwas. Etwas Bedeutendes. Doch bevor ich nachfragen konnte, sprach Hatrak weiter.
"Als die Nyanas Glück wieder flugfähig war und Noptrok bereits seinen Chrysalis-Dolch erhalten hatte, begleitete ich Nopileos in die Gemeinschaft der Planeten."
Ich hob leicht die Augenbrauen. Eine Split auf Reisen durch die GdP. Vor Jahrzehnten. Allein dieser Gedanke musste damals vollkommen unmöglich gewirkt haben.
"Ich lernte andere Kulturen kennen", sagte Hatrak leise. "Nicht als Kriegerin. Nicht als Feind. Sondern als Beobachterin." Sie sah mich direkt an. "Diese Zeit veränderte mich."
Jetzt verstand ich. Endgültig. Die Split dieses Systems verhielten sich anders, weil Hatrak anders geworden war. Nicht friedlich. Aber kontrollierter. Sie hatte Konkurrenz nicht abgeschafft. Sie hatte sie umgeformt. Wettkampf statt gegenseitiger Auslöschung. Deshalb wirkten ihre Familienclans stärker als andere Split-Fraktionen. Sie verbluteten nicht ständig gegenseitig. Die Kämpfe, die ich gesehen hatte, waren brutal gewesen. Knochen waren gebrochen worden. Blut geflossen. Doch selten endeten sie tödlich. Ein Ventil. Keine Selbstzerstörung.
"Als weitere Jazuras vergingen", sagte Hatrak schließlich, "arbeitete Nopileos mit einem boronischen Wissenschaftler zusammen. Boso Ta."
Der Name traf mich unerwartet. "Boso Ta?"
Hatrak nickte langsam. "Dann verschwand Nopileos während eines Piratenangriffs."
Ihre Finger strichen langsam über das getrocknete Blut an ihrem Stock. Und plötzlich erzeugte allein diese kleine Bewegung grausame Bilder in meinem Kopf. Verhöre. Schreie. Split-Methoden.
"Ich fand die Piraten", sagte Hatrak ruhig. "Alle." Ich glaubte ihr sofort. "Doch am Ende blieb nur die Erkenntnis, dass Nopileos bei einer Explosion starb. Es existierte sogar eine Sicherheitsaufzeichnung."
Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Das war nicht die Geschichte, die ich hatte hören wollen. Ganz und gar nicht. Schweigend erhob sich Hatrak. Auch ich stand langsam auf. Noptrok trat wortlos an ihre Seite. Gemeinsam gingen wir zurück Richtung Ghus-tan. Der Energieschild der Stadt leuchtete inzwischen deutlicher gegen die Nacht. Das orangefarbene Flimmern spiegelte sich auf den dunklen Mauern und ließ die gesamte Stadt wie ein glühendes Bollwerk mitten im Dschungel erscheinen. Während wir liefen, hing ich meinen Gedanken nach. Diese Realität unterschied sich immer stärker von allem, was ich gekannt hatte. Hier war Nopileos niemals zur mächtigsten Teladi der bekannten Galaxie geworden. Weil Elena Kho und Kyle Brennan niemals hierher gelangt waren. Weil bestimmte Begegnungen nie stattgefunden hatten. Weil einzelne Entscheidungen ganze Kettenreaktionen ausgelöst hatten. Saya Kho war nie geboren worden. Der Torus um die Erde existierte weiterhin. Geschichte war kein festes Gebilde. Sie war fragil. Abhängig von unzähligen kleinen Ereignissen. Die Worte des Alten kamen mir wieder in den Sinn. Ich solle mein Leben leben. Aber vorsichtig sein. Innerlich musste ich plötzlich lachen. Leise. Fast erschöpft. Wenn dieser uralte Manipulator doch nur wüsste, wie sehr sich diese Realität bereits von all den anderen unterschied, die ich kannte.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 49 - Geheimnisse

Ich saß im Space Truck, der auf der Landeplattform von Ghus-tan ruhte, während die metallische Hülle des Fahrzeugs in kurzen Intervallen auf die Temperaturschwankungen des Planeten reagierte und leise knackende Geräusche von sich gab. Die blaue Notbeleuchtung im Inneren warf kalte Reflexe auf die wenigen Oberflächen, die nicht bereits von Gebrauchsspuren, Werkzeugen oder improvisierten Befestigungen überzogen waren. Der Raum war eng, funktional und so konzipiert, dass er gleichzeitig Transport, Unterkunft und mobile Basis sein konnte, ohne Komfort als Priorität zu behandeln. Genau darin lag eine gewisse Ehrlichkeit, die mir in den letzten Tagen auf Nif'Nakh fast vertraut geworden war.
Das Doppelhochbett nahm eine ganze Seitenwand ein, darüber klappbare Halterungen für Ausrüstung und darunter verstautes Equipment, das im Notfall in Sekunden erreichbar war. Der einzige Tisch war fest im Boden verankert, ebenso die drei Stühle, die sich magnetisch arretierten. Alles hier war darauf ausgelegt, Bewegung im Raum zu überstehen, nicht Ruhe zu erzeugen. Und doch saßen wir genau in dieser Ruhephase, drei Individuen aus unterschiedlichen Spezies, die in einem sehr engen Volumen versuchten, etwas wie Normalität herzustellen.
Thovareus saß mir gegenüber, seine Körperhaltung leicht nach vorne geneigt, während er mit einem feinen Fasertuch über seine blauen Schuppen strich. Jede Bewegung war kontrolliert, fast mechanisch, als würde Pflege bei ihm weniger eine Gewohnheit als ein stabilisierender Prozess sein. Seine rotgelben Augen reflektierten das Licht der Notbeleuchtung und verschoben ihre Farbe je nach Winkel zwischen Orange und einem stumpfen Bernstein. Als er sprach, glitt seine Stimme wie gewohnt in gedehnte Zischlaute.
"Alsss ich durch die Ssstadt ging, hörte ich immer wieder von Gessschichten über ein Monssster außerhalb von Ghusss-tan."
Kon Mah saß schräg neben mir, einen Ellbogen locker auf dem Tisch, während er mit der anderen Hand durch sein kurz geschorenes, olivfarbenes Haar fuhr. Seine Bewegungen waren ruhiger, weniger kontrolliert als die von Thovareus, aber nicht weniger aufmerksam. Seine dunkelroten Augen wirkten im blauen Licht ungewöhnlich tief, fast wie verdichtete Flüssigkeit, die je nach Blickwinkel in braune oder violette Nuancen überging.
"Als ich mit einem Split-Arbeiter etwas getrunken habe, habe ich ähnliche Geschichten gehört", sagte er und ließ den Blick kurz über die Tischkante wandern, als würde er die Erinnerung dort ablegen.
Ich lehnte mich leicht zurück, verschränkte die Arme und ließ den Blick zwischen beiden hin und her wandern. Die Wunden in meinem Gesicht spannten noch gelegentlich, aber die Heilung war deutlich fortgeschritten. Die Haut hatte sich weitgehend geschlossen, nur vereinzelte Stellen reagierten noch empfindlich auf Druck oder Temperaturwechsel. Meine Haare hatten in den letzten Tagen einen Wachstumsschub entwickelt, den ich als unnötig effizient empfand, was mich mehr störte als jede der Verletzungen.
"Ich bin nicht besonders interessiert daran, jetzt noch Gruselgeschichten zu hören, nachdem was wir hinter uns haben", sagte ich und rieb mir kurz über die Schläfe. "Wenn irgendetwas da draußen ist, wird es sich früh genug zeigen."
Kon hob leicht die Augenbrauen. "Geschichten haben meistens einen wahren Kern, auch wenn sie wachsen, je öfter sie erzählt werden."
Thovareus unterbrach ihn nicht sofort, sondern hielt kurz inne, als würde er einen Geruch in der Luft analysieren, den nur er wahrnahm. Dann sprach er langsamer als sonst, mit einer Präzision, die seine sonstige Sprechweise fast verdrängte. "Ich habe Pheromone wahrgenommen. Teladi. Am Rand der Ssstadt."
Die Worte setzten sich für einen Moment schwer in den Raum. Ich merkte, wie sich meine Aufmerksamkeit automatisch schärfte, ohne dass ich es bewusst steuerte. Die Geräuschkulisse des Fahrzeugs rückte in den Hintergrund, selbst das leise Summen der Energieversorgung wurde unbedeutend.
"Was?" Ich starrte ihn an. "Heißt das, die Split haben uns etwas verschwiegen?"
Ich erinnerte mich daran, wie ich mir zuvor das Gesicht gewaschen hatte, wie ich im Spiegel des kleinen Waschmoduls meine Augen betrachtet hatte. Die Blutunterlaufungen waren zurückgegangen, aber sie hatten mir noch immer gezeigt, wie knapp die Grenze gewesen war. Zwischen Erholung und dem, was mich beinahe vollständig ausgelöscht hätte.
Kon schüttelte leicht den Kopf. "Die Split lügen nicht leichtfertig."
Thovareus neigte den Kopf minimal. "Ich bin mir nicht sssicher. Pheromone sind Teladi, aber die Sssignatur issst unvollssständig."
Ich atmete langsam aus und ließ die Spannung in meinen Schultern sinken, soweit es die Situation erlaubte. Dann rieb ich mir die Nasenwurzel, schloss kurz die Augen und versuchte, die Gedanken zu ordnen, bevor sie sich gegenseitig verdrängten.
"Bitte sagt mir nicht, dass wir nach allem jetzt auch noch anfangen, etwas zu jagen", sagte ich schließlich.
Thovareus reagierte sofort. "Keine Monsssterjagd."
Kon ergänzte nüchtern: "Eher Detektivarbeit. Beobachten und analysieren."
Ich öffnete die Augen wieder und sah beide an. Für einen Moment war es still genug, dass selbst die Außenhülle des Trucks wieder wahrnehmbar wurde, das entfernte Knacken und die leichten Vibrationen der Plattform.
"Seit wann seid ihr eigentlich so motiviert für unnötige Risiken?" fragte ich.
Die Antwort kam nicht sofort. Stattdessen hielten alle drei den Blickkontakt, als würde sich in dieser kurzen Stille eine Entscheidung formen, ohne ausgesprochen zu werden. Dann verzog sich die Spannung gleichzeitig in etwas anderes, und wir mussten alle drei gleichzeitig schmunzeln. Kon zuerst, dann ich, und schließlich Thovareus, dessen Versuch eines Grinsens eher eine ungewohnte, fast geometrische Verzerrung seiner Gesichtszüge war, aber eindeutig dieselbe Bedeutung trug.

Die Trägerstruktur des Space Trucks vibrierte kaum spürbar, während ich im schwach beleuchteten Innenraum saß und die letzten Wochen wie ein schweres, unaufgelöstes Geflecht in meinem Kopf hin- und herwogte. Der Geruch von Metall, recycelter Luft und einem Rest der Scruffin-Fasern, die sich irgendwo in der Kleidung festgesetzt hatten, hing wie eine konstante Schicht im Raum. Das Quartier war eng, funktional, auf reine Effizienz ausgelegt. Zwei Schlafkojen in Hochbettanordnung, magnetische Haltepunkte im Boden für Tisch und Stühle, alles so gebaut, dass es in Sekunden verschwinden konnte. Jetzt aber war es ein improvisierter Versammlungsraum, und die Tatsache, dass wir zu dritt hier saßen, hatte etwas Ungewöhnliches, fast Fragiles.
Thovareus hatte sich bereits früher am Tag in den Handelsdistrikt begeben, seine sensorischen Fähigkeiten gezielt auf die Geräuschkulisse der Stadt abgestimmt. Kon Mah wiederum hielt sich bevorzugt in der Nähe des Raumhafens und der angeschlossenen Bars auf, wo Gespräche offen geführt wurden und Split ihre Meinungen ohne Zurückhaltung preisgaben, sobald Alkohol oder Wettbewerb im Spiel war. Ich selbst hatte mich darauf konzentriert, die Gebärdensprache der Split zu verstehen. Keine aktiven Fragen, kein gezieltes Nachhaken, nur Beobachtung. Gesten, Reaktionen, Mikroverhalten. Die Split reagierten stark auf Status, Körperhaltung und Blickrichtung, und genau dort lag die Informationsdichte, die sie selbst nicht als Kommunikation betrachteten.
Das Ergebnis dieser Tage war ernüchternd und zugleich aufschlussreich. Es gab kein klares Muster, aber wiederkehrende Fragmente. Begriffe, die sich um eine Kreatur drehten, die außerhalb der Stadtgrenzen existieren sollte. Wiederkehrende Erwähnungen von „Geschenken“. Und ein Name, der nicht ausgesprochen wurde, sondern eher wie eine Vermeidung wirkte, als wäre das Nicht-Aussprechen selbst Teil des Respekts oder der Furcht. Die Stadt schien um diese Erzählung herum zu atmen, ohne sie vollständig zu definieren.
Als die Nacht endgültig über Ghus-tan lag, ein dunkles Violett, durchzogen von den kalten Reflexen der drei Monde, trafen wir uns im nordöstlichen Randbereich der Stadt. Der Übergang zwischen urbaner Struktur und Dschungel war hier abrupt. Stein, Metall und Energiebarrieren endeten in einem chaotischen Wachstum aus Pflanzen, deren Oberflächen schwach fluoreszierten und ein grünlich-blaues Licht in die Umgebung streuten. Der Boden war feucht, das Wasser in kleinen Rinnen rötlich gefärbt, als würde es das Licht selbst speichern.
Thovareus behauptete, hier sei die Konzentration der Teladi-Pheromone am höchsten. Ich nahm nichts davon wahr. Weder Geruch noch irgendeine Reaktion meines Armscanners. Kon bestätigte ebenfalls nur Stille in seinen Messwerten. Trotzdem bewegten wir uns vorsichtig. Jeder Schritt wurde bewusst gesetzt, der Blick ständig zwischen den Schatten und den Strukturen der Pflanzen wechselnd. Sobald sich Split im Sichtfeld bewegten, drückten wir uns instinktiv in die Vegetation, die trotz ihrer Fremdartigkeit erstaunlich stabil wirkte.
Es war nicht nur eine Suche nach einer Person. Es war eine Suche nach einer Erzählung, die sich selbst widersprach. Die Rede war von einer Kreatur, die in unregelmäßigen Abständen Geschenke vor die Tore von Ghus-tan legte. Nahrung, unberührt oder sorgfältig ausgewählt: Beeren, Fische, Insekten. Keine Zerstörung, kein Kampf, nur eine Art von stiller Präsenz. Und tatsächlich hatten wir mehrfach beobachtet, wie Split-Wachen diese Dinge einsammelten und ohne Umwege direkt zu Hatrak brachten. Kein Prüfen, kein Infragestellen. Als wäre der Ursprung irrelevant, solange die Geste funktionierte.
Ich fragte mich, während wir uns durch das feuchte Unterholz bewegten, warum eine angebliche Teladi wie Nopileos in dieser Form existieren sollte. Wenn sie überlebt hatte, warum lebte sie dann außerhalb der Stadt, im Dschungel, und warum diese ritualisierte Art von „Opfergaben“? Und wenn sie tot war, warum funktionierte dieses System weiterhin? Hatrak hatte uns etwas gezeigt, aber nicht alles gesagt. Das war keine Lüge im klassischen Sinn, eher eine selektive Wahrheit, die stabil genug war, um nicht hinterfragt zu werden, aber unvollständig genug, um Fragen offen zu lassen.
Kon stieß mich plötzlich leicht an. Seine Handbewegung war knapp, kontrolliert, und sein Blick fixierte einen Bereich zwischen zwei dichten Pflanzenformationen. Dort bewegte sich etwas. Eine Silhouette, niedrig in der Körpergröße, humanoid in der Grundform, aber zu schnell und zu vorsichtig, um eindeutig identifiziert zu werden. Für einen Moment schien es tatsächlich möglich, dass es ein Teladi war.
Bevor wir uns weiter annähern konnten, durchbrach eine Split-Patrouille die Sichtlinie. Die Gestalt reagierte sofort. Kein Zögern, keine Konfrontation. Sie glitt zurück in die Vegetation, als wäre sie ein Teil davon. Die Patrouille zog vorbei, ohne besondere Aufmerksamkeit auf den Bereich zu richten. Ihre Bewegung war routiniert, fast mechanisch, ein Teil des städtischen Sicherheitsrhythmus.
Sobald sie außer Sicht waren, setzten wir uns wieder in Bewegung. Die Spur war kaum vorhanden. Kein klares Trittmuster, keine beschädigten Pflanzen, nur minimale Störungen im feuchten Boden, die mehr geahnt als gesehen werden konnten. Der Dschungel nahm jede Bewegung sofort auf und glättete sie wieder, als würde er bewusst verhindern wollen, dass etwas verfolgt werden konnte.

Ich spürte, wie die feuchte Wärme des Dschungels sich wie eine zweite Haut über mich legte, während wir uns tiefer in den nordöstlichen Rand von Ghus-tan bewegten. Das Licht der fluoreszierenden Pflanzen hing in dünnen, unregelmäßigen Schichten zwischen den Stämmen, ein Gemisch aus grünlichem Schimmer, violetten Adern und gelegentlich aufblitzendem Blau, das sich auf der schwarzen, glänzenden Rinde der Bäume brach. Trotzdem blieb alles darunter unvollständig sichtbar, als würde der Wald sich bewusst weigern, vollständig preisgegeben zu werden.
Thovareus ging voraus, den Kopf leicht erhöht, die Nase in die Luft gestreckt. Seine Bewegungen wirkten ungewohnt konzentriert, fast mechanisch, als hätte er sich vollständig auf einen einzigen Sinn reduziert. Kon folgte dicht hinter ihm, die Hand locker am Riemen seiner Ausrüstung, die Augen ständig in Bewegung. Ich hielt den Abstand gering, aber jeder Schritt in dieser Schwerkraft zog schwerer an mir, als ich es mir eingestehen wollte. Die Luft selbst schien dichter, nicht durch Masse, sondern durch etwas, das ich nur als biologische Präsenz beschreiben konnte. Als würde der Planet atmen und mich bei jedem Atemzug ein wenig zurückdrängen.
Thovareus murmelte irgendwann nur knapp, ohne sich umzudrehen: "Da issst esss wieder." Seine Stimme war gedämpft, als würde er sie selbst nur durch seine Wahrnehmung filtern.
Ich fragte nicht sofort. Die letzten Tage hatten mir beigebracht, dass Fragen hier selten schneller Antworten brachten, sondern eher die Realität verlangsamten. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das, was ich selbst wahrnehmen konnte. Nichts. Kein eindeutiger Geruch, keine Spur auf meinem Scanner. Nur dieses diffuse Gefühl, dass wir etwas verfolgten, das sich bewusst außerhalb meiner Wahrnehmung bewegte.
Kon beugte sich leicht zu mir, sein Blick blieb dabei im dichten Unterholz hängen. "Wenn Thovareus recht hat, dann ist das hier kein Zufall mehr. Das ist ein Muster."
Ich sah ihn kurz an, ohne zu antworten. Muster setzten Absicht voraus. Absicht bedeutete Intelligenz. Und Intelligenz bedeutete in dieser Umgebung meistens etwas, das entweder jagte oder verborgen bleiben wollte.
Der Gedanke ließ mich nicht los, während wir weitergingen. Thovareus wich plötzlich nach links aus, blieb stehen und hob die Hand. Keine Bewegung von ihm, nur ein abruptes Erstarren. Ich folgte seinem Blick und sah es ebenfalls. Zwei Gestalten, kaum größer als halbe Menschengröße, brachen aus dem Dickicht hervor und prallten ineinander. Ihre Körper wirkten gedrungen, scharfkantig, mit glänzenden Segmenten, die im fluoreszierenden Licht kurz aufleuchteten. Ghok-Junge, erkannte ich instinktiv, bevor mein Verstand es vollständig einordnen konnte.
Sie kämpften nicht im klassischen Sinn. Es war ein brutales, instinktives Ringen, ein Zerreißen und Einrasten von Gliedmaßen, begleitet von dem dumpfen Knacken ihrer Panzerplatten. Säure tropfte aus einem der Mäuler, zischte auf dem feuchten Boden und fraß kleine, dampfende Krater in das organische Material. Dann, genauso abrupt wie sie erschienen waren, lösten sie sich voneinander, als hätte ein unsichtbares Signal sie getrennt, und verschwanden wieder im Dickicht, wobei sie eine Spur aus zerstörten Pflanzen und halb aufgelösten Überresten hinterließen. Ich bemerkte erst in diesem Moment, dass ich den Atem angehalten hatte. Thovareus blieb noch länger regungslos, seine Kopfhaltung minimal verändert, als würde er dem Nachhall der Gerüche folgen. Erst nach mehreren Minuten, in denen nur das entfernte Zirpen und Klicken der nächtlichen Fauna zurückkehrte, setzte er sich wieder in Bewegung.
Wir folgten der Spur weiter, vorsichtiger als zuvor. Der Boden wurde unregelmäßiger, durchzogen von Wurzeln, die wie verhärtete Adern aus dem Erdreich ragten. Immer wieder musste ich meine Schritte bewusst setzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Geräusche der Stadt hinter uns waren längst verschwunden, ersetzt durch ein vielschichtiges Geflecht aus Lauten, das ich nicht mehr einzelnen Quellen zuordnen konnte.
Ich hatte mich innerlich bereits darauf eingestellt, dass wir diese Spur über Stunden verfolgen würden, vielleicht sogar bis tief in den offenen Dschungel hinaus, wo selbst Ghus-tans Einfluss endete. Doch nach etwa einer halben Stunde änderte sich etwas.
Thovareus blieb erneut stehen. Diesmal nicht abrupt, sondern langsamer, als würde die Spur sich auflösen. "Hier," sagte er schließlich.
Vor uns lag eine Felsformation, die auf den ersten Blick nichts Besonderes war. Dunkler, poröser Stein, überwachsen von dünnen, biolumineszenten Flechten, die in schwachen Pulsationen zwischen Grün und Gelb wechselten. Doch etwas stimmte nicht. Die Pheromonspur, der Thovareus zuvor so sicher gefolgt war, brach hier vollständig ab.
Kon trat näher, seine Stirn legte sich in Falten. "Das ist kein natürlicher Abbruch."
Ich ging langsam um die Formation herum, suchte nach Spuren, nach Druckstellen, nach allem, was auf Bewegung hindeuten konnte. Nichts. Der Boden wirkte unangetastet, als hätte die Umgebung selbst beschlossen, keine Informationen preiszugeben.
Thovareus senkte den Kopf tiefer, fast bis zur Oberfläche des Gesteins, und atmete einmal tief ein. Dann richtete er sich wieder auf. "Dahinter. Versteckt."
Ich runzelte die Stirn und trat näher. Erst als ich meine Hand an die kühle Oberfläche legte, bemerkte ich die minimale Temperaturdifferenz entlang einer kaum sichtbaren Linie. Kein Riss im klassischen Sinn, eher eine Naht im Gestein, so präzise, dass sie ohne direkten Kontakt nicht existierte.
Kon zog langsam seine Waffe halb aus der Halterung, ohne sie vollständig zu aktivieren. "Das ist zu sauber um natürlich zu sein."
Ich nickte leicht, während mein Blick auf der unscheinbaren Struktur hängen blieb. Alles daran wirkte wie ein Fehler in der Landschaft, ein bewusst platzierter Nicht-Ort. Und genau deshalb war es kein Ort, den man zufällig fand.
Thovareus trat einen Schritt zurück. "Da ist sssie."
Ich folgte seinem Blick, noch immer unsicher, ob ich etwas sah oder nur die Erwartung sah, etwas sehen zu müssen. Doch in diesem Moment war klar, dass die Spur nicht verschwunden war. Sie hatte nur aufgehört, offen zu existieren.

Kon bewegte sich bereits deutlich langsamer als zuvor, seine Schultern hingen minimal tiefer, und selbst seine sonst so kontrollierten Schritte wirkten abgehackter. Ich konnte sehen, wie die Schwerkraft dieser Welt ihn mehr kostete als mich, auch wenn er versuchte, es nicht zu zeigen. Seine Hand lag nah an seiner Waffe, nicht direkt drohend, aber auch nicht entspannt. Ein Zustand dazwischen, den ich bei ihm selten gesehen hatte. Er war auf Son'ra 4 aufgewachsen, Argon Prime, ein Planet mit geringfügig geringerer Gravitation als Terra. Der Unterschied war klein genug, um in Statistiken irrelevant zu wirken, aber groß genug, um einen Körper über Jahre hinweg anders zu formen. Ich erinnerte mich daran, wie mir einmal erklärt worden war, dass solche Differenzen nicht nur Muskelkraft, sondern auch Gleichgewichtssinn und Ausdauer verschieben konnten, schleichend, unmerklich, bis sie plötzlich relevant wurden.
Der Gedanke driftete weiter, unkontrolliert, und zog Erinnerungen mit sich, die ich nicht aktiv gesucht hatte. Vanu und Valentina. Beide hatten ihre Schwangerschaften nicht auf klassische Weise durchlaufen, sondern unter der Kontrolle der Aldrianer in künstlichen Trägersystemen beendet. Fötale Entwicklung außerhalb des Körpers, stabilisiert, überwacht, modifiziert bis zu einem Punkt, an dem Überlebensfähigkeit ohne Unterstützung erreicht wurde. Ich hatte damals versucht, das als medizinischen Fortschritt zu sehen, nicht als Verlust. Trotzdem blieb ein Rest von Unbehagen, jedes Mal wenn ich daran dachte, wie wenig biologischer Zufall noch übrig war in dieser Art von Prozess. Terraner, Argonen, Aldrianer. Alles Menschen, genetisch verwandt, aber über Jahrhunderte hinweg auseinandergetrieben durch Umwelt, Selektion und Anpassung. Unterschiedlich genug, dass selbst ein halbes Gravos mehr oder weniger darüber entscheiden konnte, ob ein Körper stabil blieb oder unter Last zusammenbrach. Zahlen, die sich abstrakt anhörten, bis man sie selbst spürte.
Kon zog mich abrupt aus diesen Gedanken, ohne etwas zu sagen. Sein Blick war kurz zu mir gewandert, dann wieder nach vorne. Ich folgte ihm und bemerkte erst jetzt, dass er seine Waffe vollständig gezogen hatte. Nicht aktiv, aber bereit. Die Art, wie seine Finger den Griff hielten, verriet keine Nervosität, eher eine klare Einschätzung der Umgebung. Ich fragte mich kurz, woher genau er diese Waffe hatte, obwohl ich die Antwort eigentlich kannte. Ex-Militär bedeutete selten Besitzfragen, sondern eher Zugriff auf das, was gerade notwendig war. Trotzdem blieb ein Rest Unsicherheit in mir hängen, weil dieser Ort jede Annahme darüber verschob, was notwendig war.
Nif'nakh war kein Planet, der Sicherheit als Konzept unterstützte. Und die Split, so sehr ich ihre Struktur inzwischen verstand, hatten in den letzten Tagen genug Risse in ihrer Fassade gezeigt, dass Vertrauen hier eher eine temporäre Entscheidung als ein stabiler Zustand war.
Die Höhle vor uns wirkte zunächst wie eine natürliche Spalte im Gestein, aber schon der erste Schritt hinein änderte die Wahrnehmung. Der Gang war leer, doch nicht leer im Sinne von verlassen, sondern leer im Sinne von vorbereitet. Der Boden war zu gleichmäßig, die Wände zu sauber geglättet, als hätten Werkzeuge oder gezielte biologische Prozesse jede Unregelmäßigkeit entfernt. Die Luft war kühler, schwerer, mit einem Unterton von feuchtem Holz und etwas, das an fermentierende Pflanzen erinnerte.
Thovareus ging voran, ohne zu zögern. Seine Haltung war stabiler als die von Kon oder mir, als hätte die Umgebung weniger Einfluss auf ihn. Vielleicht lag es an seiner Physiologie, vielleicht an seiner Erfahrung, vielleicht an beidem. Dann geschah es abrupt. Ein pfeifendes Geräusch schnitt durch die Stille, hoch und scharf, und noch bevor ich es vollständig einordnen konnte, schlug etwas gegen seine Seite. Ein Pfeil, klein genug, um nicht sofort tödlich zu wirken, aber giftig, deutlich sichtbar durch die violette Flüssigkeit an seiner Spitze.
Er prallte einfach ab.
Thovareus reagierte nicht einmal sichtbar darauf. Kein Zurückweichen, kein Zucken, nur ein kurzer Blick nach unten, als hätte ihn eine Insektenberührung gestört. Dann setzte er seinen Weg fort, als wäre nichts geschehen.
Ich spürte, wie sich mein Puls leicht beschleunigte, nicht panisch, aber aufmerksam. Kon blieb dicht hinter mir, seine Bewegungen jetzt noch kontrollierter. Weitere Pfeile folgten, aus verschiedenen Winkeln, aber jeder von ihnen prallte an Thovareus ab, ohne sichtbare Wirkung. Die Geräusche hallten kurz an den Wänden nach, bevor sie von der feuchten Luft geschluckt wurden.
Der Gang endete schließlich vor einer Tür, die in dieser Umgebung vollkommen fehlplatziert wirkte. Holz, massiv, dunkel gealtert, verstärkt durch metallische Einlagen, die sich wie Narben durch die Oberfläche zogen. Die Struktur war alt, aber nicht verfallen. Eher gepflegt, als wäre sie Teil eines Systems, das nicht auf Zeit, sondern auf Nutzung ausgelegt war.
Kon trat vor, ohne zu zögern, und hob seine Waffe. Ein kurzer, präziser Schuss traf das Schloss. Kein lauter Knall, nur ein scharfes Zischen, gefolgt von sofortiger Verdampfung des Mechanismus. Das Metall glühte rot nach, die Luft füllte sich mit einem stechenden Geruch nach verbranntem Harz und erhitzter Legierung. Ich hoffte instinktiv, dass das Material keine weitere Reaktion auslösen würde. Feuer in einer Höhle war kein abstraktes Risiko, sondern ein sehr konkretes Ende.
Die Tür öffnete sich nach innen, schwer und widerwillig, und gab den Blick auf einen Raum frei, der in seiner Struktur fast widersprüchlich wirkte. Es war kein natürlicher Hohlraum mehr, sondern ein gestalteter Innenraum, als hätte jemand die Höhle bewusst in eine Wohnstruktur verwandelt. Die Wände waren geglättet, der Stein so bearbeitet, dass er eine matte, fast organische Oberfläche bildete. Der Boden war eben, bedeckt von Moos, das in unterschiedlichen Grüntönen leuchtete, als würde es eigenes Licht erzeugen.
Von der Decke hingen Pflanzen herab, lange, dünne Stränge, die sanft pulsierten und ein kaltes, weißgrünes Licht abstrahlten. Sie bewegten sich kaum, aber genug, um den Eindruck zu erzeugen, dass der Raum atmete. In der Mitte stand ein langer Tisch aus einem einzigen Baumstamm, massiv, schwer, mit natürlichen Unebenheiten, die bewusst nicht entfernt worden waren. Dazu mehrere Stühle, unterschiedlich geformt, als hätte man sie nicht konstruiert, sondern aus gewachsenen Strukturen herausgelöst. Ein großer Sitzplatz, fast wie ein Thron, bestand aus einem ausgehöhlten Baumstumpf, dessen Innenseite mit Moos ausgekleidet war.
Ich blieb kurz stehen, bevor ich überhaupt bewusst sprach. Dann hörte ich meine eigene Stimme, leicht irritiert durch die Absurdität der Szene. "Warum gibt es hier so viele Sitzgelegenheiten?"
Die Antwort kam nicht von vorne, sondern hinter mir. Eine Stimme, leise, mit einer deutlich hörbaren lispelnden Verzerrung, als würde sie durch etwas Ungewöhnliches moduliert werden.
"Für Bezucher."
Ich drehte mich langsam um.

Die Stille im Raum hielt nur einen Sekundenbruchteil. Dann brach sie.
Vier Stimmen gleichzeitig, überlagert von Echo und Raumhall, schrill genug, dass mir der Reflex durch den Körper fuhr, ohne dass ich ihn bewusst steuerte. Kein koordinierter Schrei, eher ein abruptes Entladen von Schreck. Meine Hände zuckten instinktiv, Kon riss den Kopf minimal zurück, selbst Thovareus bewegte sich erstmals schneller als nötig. Es war kein Angstschrei im klassischen Sinn, eher die Reaktion eines Systems, das etwas nicht einordnen konnte und deshalb auf Lautstärke zurückgriff.
Vor uns hatte sich nichts verändert, und genau das war das Problem.
Das Wesen stand weiterhin dort, wo es vorher gestanden hatte, nur jetzt vollständig im Licht der leuchtenden Pflanzen. Die Umgebung war plötzlich klarer wahrnehmbar: sein Körper war teladiartig, aber inkonsistent in der Struktur. Größer als gewöhnlich, gedrungener im Rumpf, die Gliedmaßen länger als ich sie von Zura in Erinnerung hatte. Die Schuppen wirkten nicht lebendig glänzend, sondern matt, als hätte jemand Farbe über biologische Struktur gelegt und sie dann versiegelt. Graugrün dominierte, aber nicht in natürlicher Verteilung, sondern in unregelmäßigen Feldern, als wäre die Pigmentierung irgendwann bewusst verändert worden. Die drei Krallen an der Hand bewegten sich unabhängig voneinander, minimal versetzt, wie einzelne Werkzeuge eines Systems statt eines organischen Fingersatzes.
Die Stimme kam wieder, leicht verzögert, mit dieser fehlerhaften Artikulation, die ich nicht sofort einordnen konnte. "Ihr zeit Argonen."
Die Hand, beziehungsweise die vordere Kralle, zeigte auf Kon und mich, blieb kurz hängen, dann verschob sich die Geste zu Thovareus. Der Blick folgte nicht sauber, sondern ruckartig, als würde Wahrnehmung und Bewegung nicht vollständig synchron laufen.
"Du bizt ein Teladi. Männlich. Ich habe noch nie Argonen gezehen und nur einen Teladi."
Der Satz hatte mehrere Brüche, aber keine Unsicherheit im Inhalt. Ich merkte, wie absurd diese Kombination aus Sprachfehlern und absoluter Selbstverständlichkeit wirkte. Für einen Moment verschob sich mein Fokus weg von der Situation hin zu der Frage, wie stabil diese Wahrnehmung überhaupt war. Trotzdem war da etwas an dieser Direktheit, das beinahe beruhigend wirkte.
"Bist du ein Teladi?" fragte ich, bevor ich den Gedanken weiter ausformulieren konnte.
Die Reaktion kam nicht sofort. Ein kurzer Stillstand, dann ein Nicken, das nicht vollständig ausgeführt wurde, als hätte die Bewegung unterwegs ihre Entscheidung geändert.
"Zu 95 Prozent."
Der Blick blieb auf uns gerichtet, aber nicht fixiert, eher verteilt, als würde er mehrere Punkte gleichzeitig erfassen. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Augen keine klare emotionale Lesbarkeit hatten. Keine klassische Mimik, nur Struktur.
Ich ließ den Blick kurz über die Gesamterscheinung wandern. Die Körperproportionen passten nicht vollständig zu bekannten teladianischen Standards. Zu lange Gliedmaßen im Verhältnis zum Torso, eine leichte Asymmetrie in der Schulterlinie, und die Schuppenstruktur zeigte Übergänge zwischen Grau und Grün. Weder männlich noch weiblich im klassischen teladianischen Spektrum, sondern etwas dazwischen, oder außerhalb.
Ich stellte die nächste Frage, ohne zu merken, dass ich sie bereits formulierte. "Bist du eine Weibliche?"
"Ja." Die Antwort kam ohne Verzögerung, klarer als alle vorherigen Sätze.
Thovareus bewegte sich erstmals wirklich aktiv. Sein Kopf drehte sich minimal, die Augen verengten sich leicht. "Bist du Nopileos?"
In diesem Moment verlor Kon die Kontrolle über seine Körperspannung, ließ sich in den nächstbesten Sitz fallen und platzierte seine Waffe bewusst auf seinen Schoß. Keine Drohhaltung mehr, eher ein Zustand zwischen Bereitschaft und Erschöpfung.
Die Antwort des Wesens kam erst nach einer kleinen, fast theatrischen Pause. Die Bewegung der Kralle wirkte dabei wie eine Einleitung, nicht wie eine Erklärung. "Mein Name ist Hatileoz die Erzte. Nopileoz izt meine Mutter."
Der Raum veränderte sich nicht, aber die Bedeutung der Worte tat es sofort. Ich spürte, wie sich mehrere Annahmen gleichzeitig verschoben, ohne dass ich sie aktiv hinterfragt hatte.
"Deine Mutter … Wo ist sie?"
Die Antwort kam mit einer Geste, die fast übertrieben wirkte, als würde sie eine bekannte Erzählung zitieren. "Bei den Profiten im nividium-vergoldetem Marktplatz im Jenzeitz."
Sie bewegte sich an uns vorbei, ohne erkennbare Vorsicht, als wäre unsere Anwesenheit ein statischer Bestandteil des Raums. Ihre Krallen glitten leicht durch die Luft, nicht bedrohlich, eher erklärend. Ich sah kurz zum Tisch, zu den Stühlen, und fragte mich, ob diese gesamte Umgebung tatsächlich als normal innerhalb ihres Verständnisses von Besuch fungierte.
"Wer sind deine Besucher normalerweise?"
"Meine Familie."
"Familie?" fragte Thovareus, diesmal deutlich langsamer.
"Meine andere Mutter und mein Ztiefbruder."
Thovareus reagierte sichtbar überrascht. "Es gibt hier mehr Teladi?"
Die Antwort kam nicht von ihr. "Nein."
Die Stimme kam aus Richtung Eingang. Ich drehte mich sofort um. Hatrak stand dort, neben Noptrok. Letzterer war bereits dabei, ohne Unterbrechung an der Tür zu arbeiten, als hätte die gesamte Szene keinen Einfluss auf seinen Ablauf gehabt. Er kniete, den Rücken zu uns, und arbeitete konzentriert am Schlossmechanismus, während er beiläufig sprach.
"Ich habe die Fallen wieder aktiviert."
Ich konnte nicht sofort einordnen, ob das eine Sicherheitsinformation oder eine Tatsache mit impliziter Drohung war. In dieser Umgebung schien beides gleich wahrscheinlich.
Hatileos reagierte sofort anders. Ihre gesamte Körperhaltung wechselte abrupt, fast kindlich im Kontrast zur vorherigen Neutralität. "Mutter!"
Sie bewegte sich auf Hatrak zu, schnell, direkt, ohne Umwege.
Mein Gedanke stockte kurz. "Mutter?"
Hatrak ignorierte die Verwirrung und trat an Kon vorbei. Ihre Präsenz füllte den Raum anders als zuvor, schwerer, strukturierter. Sie blieb direkt vor ihm stehen und fixierte den Sitz mit einer klaren, unmissverständlichen Geste.
"Das ist mein Sessel!"
Kon stand ohne Widerstand auf, sichtbar müde, aber ohne Diskussion. Ich half ihm kurz, seinen Platz zu stabilisieren, bevor ich mich selbst auf den nächstgelegenen Stuhl setzte. Die Wand hinter mir war kühl, aber nicht unangenehm, eher stabilisierend im Vergleich zur restlichen Situation.
Hatrak ließ sich in den Sessel fallen, als wäre jede Form von Autorität damit wiederhergestellt. Ihr Kampfstab lehnte schräg gegen die Seite des Sitzes, schwer, abgenutzt, mit klaren Spuren von Nutzung. Erst jetzt fiel mir auf, wie erschöpft sie wirkte, nicht nur körperlich, sondern in einer Art, die eher nach langfristiger Last als nach kurzfristiger Belastung aussah.
Thovareus blieb stehen. Der Raum war wieder ruhig, aber nicht stabil.

Ich hatte das Gefühl, dass selbst die Luft im Raum schwerer wurde.
Hatrak saß tief in ihrem Sessel, während Hatileos sich an sie schmiegte, als wäre sie trotz ihrer Größe und ihres Alters immer noch ein Kind. Die alte Split schloss für einen kurzen Moment die Augen und legte eine ihrer sechsfingrigen Hände auf den Rücken ihrer Tochter. Ihre Finger glitten vorsichtig über die graugrünen Schuppen, langsam, beinahe beruhigend. Das orangegrüne Licht der leuchtenden Pflanzen an der Decke spiegelte sich matt auf ihren lederartigen Unterarmen. Zum ersten Mal seit ich sie kannte wirkte Hatrak nicht wie eine Matriarchin, nicht wie die Herrscherin über Familienclans, nicht wie die Frau, die selbst Elitekrieger mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte. Sie wirkte einfach nur müde.
"Nun ist es endlich passiert." sagte sie leise. Ihre Stimme war rauer als sonst. "Nach all den Jazuras wurde das Geheimnis entdeckt."
Hatileos löste sich wieder von ihr und bewegte sich durch den Raum, als gehöre jede Bewegung zu einem unsichtbaren Ablauf, den sie schon unzählige Male ausgeführt hatte. Ihre Krallen griffen nach einem grob gearbeiteten Trinkgefäß aus dunklem Stein. Daraus stieg Dampf auf, der nach Kräutern, Erde und etwas Metallischem roch. Sie reichte es Hatrak mit einer Fürsorge, die mich unwillkürlich an Familien erinnerte, die gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen waren. Mein Blick wanderte zwischen beiden hin und her. Jetzt, wo ich die Wahrheit kannte, wirkten die Namensähnlichkeiten fast lächerlich offensichtlich.
"Dass sich eure Namen alle ähneln ist kein Zufall?" fragte ich.
Hatrak schüttelte langsam den Kopf. Einige ihrer weißen Haare lösten sich aus den gebundenen Strähnen und fielen über ihre Schultern. "Ich habe so viele Jazuras mit Nopileos verbracht ..." Sie stockte. Ihr Blick verlor sich irgendwo hinter mir, weit entfernt von dieser Höhle. "... sie war meine erste Freundin."
Die Worte blieben im Raum hängen. Ich starrte sie an und spürte gleichzeitig Bewunderung und Fassungslosigkeit. Eine Split-Matriarchin und eine Teladi. Nicht nur Verbündete. Nicht nur politische Partnerinnen. Freundinnen. Keine Freund-Feinde.
"Hatrak, Nopileos, Noptrok, Hatileos." sagte ich langsam. "So offensichtlich."
Ich fasste mir an den Kopf und schüttelte ihn leicht über mich selbst. Wie hatte mir das entgehen können? Ich hatte nach komplizierten Intrigen gesucht, nach Verschwörungen, nach politischen Geheimnissen, dabei lagen die Hinweise offen vor mir wie große Schriftzeichen an einer Wand.
Kon beobachtete die Situation schweigend. Seine dunkelroten Augen lagen abwechselnd auf Hatrak und Hatileos. Er wirkte angespannt, aber nicht feindselig. Eher wie jemand, der verstand, dass er Zeuge von etwas geworden war, das größer war als ein persönliches Geheimnis.
"Wenn ich fragen darf ..." begann Thovareus vorsichtig und setzte sich nun doch neben mich und Kon auf den moosbewachsenen Bodenbereich nahe der Wand. "... was ist Hatileos?"
"Ein Unfall." Antwortete Hatileos sofort selbst.
Sie sagte es mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere ihren Namen nennen würden. Währenddessen begann sie damit, Schalen mit Nahrung auf den Tisch zu stellen. Geräucherte Fischstücke. Schwarze Knollen. Kleine glänzende Beeren. Sie bewegte sich ruhig und vollkommen entspannt zwischen uns, als würden unangekündigte Besucher mitten in der Nacht zum Alltag gehören.
"Du bist kein ..." begann Hatrak scharf und brach mitten im Satz ab. Ich sah, wie ihre Kiefermuskeln arbeiteten. Dann zwang sie sich sichtbar zur Ruhe. "Sie IST ein Unfall."
Kon sah zu Hatileos hinüber. "Macht dir das nichts aus?"
Die Teladi legte den Kopf schief. Ihre großen Augen reflektierten das Licht der Pflanzen wie bernsteinfarbenes Glas. "Wiezo? Ez izt die Wahrheit."
Die Ehrlichkeit traf mich härter als erwartet.
"Wie?" fragte Thovareus.
Jetzt wurde der Raum still. Selbst Noptrok hörte auf am Schloss zu arbeiten und blieb halb kniend sitzen, ohne sich umzudrehen.
Hatrak nahm einen langen Schluck aus ihrem Gefäß. Dann begann sie zu erzählen. "Es geschah vor vielen vielen Sonnen. Es ist Dekazuras her." Ihre Stimme war ruhig, aber jede Silbe trug Gewicht. "Wir waren nach Nif'Nakh zurückgekehrt. Und doch waren wir noch immer unerfahren und hatten uns zu weit in den Dschungel gewagt." Während sie sprach, sah ich die Bilder beinahe vor mir. "Wir hatten einen Schwarm Drachenfliegen aufgescheucht, der uns verfolgte. Dann passierten wir das Nest eines Ghoks, das uns ebenfalls jagte. Wir hatten Glück, dass das Ghok und die Drachenfliegen einander interessanter fanden als uns." Hatileos setzte sich inzwischen auf den Boden nahe Hatraks Beine und hörte derselben Geschichte zu, die sie wahrscheinlich schon dutzende Male gehört hatte. "Wir fanden eine Höhle. Nicht unähnlich dieser hier." fuhr Hatrak fort. "Unsere Kleidung war durchnässt. Verdorben vom Schlamm. Ich war verletzt. Mein Blut lief an meinem Körper herab." Ihr Blick wurde härter. "Nopileos wärmte mich, damit ich nicht auskühlte. Wir waren beide nackt, weil unsere Kleidung trocknen musste." Sie hob die Hand leicht. "Wir haben nichts getan. Ehrlich." Ich glaubte ihr sofort. "Doch irgendwie gelangte meine DNA in Nopileos' Körper." Selbst Thovareus wirkte jetzt wie eingefroren. "Dass Nopileos' Ei anders war, bemerkte sie erst Mazuras später." sagte Hatrak weiter. "Sie legte es heimlich hier in dieser Höhle ab. Wir zerbrachen uns Jazuras lang die Köpfe darüber. Doch bis heute verstehe ich es nicht. Und Nopileos ..." Ihre Stimme brach weg. Zum ersten Mal sah ich echte Hilflosigkeit in ihrem Gesicht.
"Wie alt ist Hatileos?" fragte ich vorsichtig.
"58." antwortete Hatileos selbst sofort.
Ich sah sie überrascht an. Für eine Teladi war sie biologisch noch jung.
"Und bis heute wurdest du nie entdeckt?"
"Nicht direkt." Sie grinste breit. Es war eine echte Mimik, nicht dieses oft unbeholfene Nachahmen menschlicher Gesichtsausdrücke, das ich bei Thovareus manchmal sah. "Ich bin eine Legende."
Kon rieb sich langsam über das Gesicht. "Dann werden wir also ...?"
"Nein." unterbrach Hatrak sofort. Ihre Stimme hatte wieder Autorität angenommen. "Was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen. Dieses Geheimnis ist stark, aber kein Grund für Mord." Dann sah sie direkt mich an. "Was jetzt?"
Doch bevor ich antworten konnte, sprach Thovareus plötzlich völlig verwirrt dazwischen. "Wie kann dasss nur möglich sssein?"
Ich sah zwischen ihm und Hatrak hin und her. Dann entschied ich mich, seine Frage zu beantworten.
"Es gibt doch die Möglichkeit der Parthenogenese bei den Teladi." sagte ich langsam. "Dass zwei Weibliche zusammen ein Kind bekommen."
Thovareus nickte sofort, hob aber gleichzeitig eine Kralle. "Esss issst keine Fortpflanzzzung im eigentlichen Sssinne. Eine Teladi nimmt nur etwa fünf bisss maxxximal zzzehn Prozzzent des genetissschen Materialsss dess Ssspendersss auf. Esss issst mehr eine Kleptogenesssisss." Mitten im Satz veränderte sich sein Blick. Die Erkenntnis traf ihn sichtbar. "Unmöglich."
Hatrak, Noptrok und Hatileos verstanden offensichtlich nicht sofort, worauf er hinaus wollte. Kon ebenfalls nicht. Aber ich konnte Thovareus' Gedankengang beinahe mitverfolgen.
"Hatileos sagte vorhin, sie sei zu fünfundneunzig Prozent Teladi." sagte ich langsam. "Die restlichen fünf Prozent sind demnach Split."
Ich stand auf und trat näher an Hatileos heran. Sie ließ es vollkommen ruhig geschehen, als ich meinen Armscanner aktivierte. Das kleine Gerät summte leise an meinem Handgelenk. Primitive Technologie im Vergleich zu modernen Laboren, aber ausreichend für Grundanalysen. Die Anzeige flackerte grünblau.
"Das erklärt ihre physiologischen Abweichungen." murmelte ich mehr zu mir selbst.
Thovareus wirkte zunehmend nervös. "Unmöglich. Assssimilation fremder DNA issst unmöglich!"
"Ich ztehe doch hier!" widersprach Hatileos empört.
Ich musste trotz der Situation beinahe lachen. "Dann mutmaße ich jetzt einfach." sagte ich und konzentrierte mich auf die Daten. "Ich bin Vater von zwei Kindern geworden, obwohl die DNA ihrer Mütter und meine ebenfalls nicht vollständig kompatibel waren." Kurz dachte ich an Vanu und Valentina. An künstliche Brutkammern. An Aldrin. An medizinische Berichte voller Wahrscheinlichkeiten. "Die Parthenogenese der Teladi ist evolutionär wahrscheinlich viel wichtiger, als ihr selbst glaubt." sagte ich schließlich. "Sie erlaubt es Populationen stabil zu halten, selbst wenn sie isoliert werden. Durch Sprungtorabschaltungen. Durch planetare Katastrophen. Durch geologische Trennung."
Während ich sprach, spürte ich plötzlich dieses vertraute Gefühl. Dieses Ziehen im Hinterkopf. Eine Erinnerung. Der Vertreter des Alten Volkes. Seine Worte. Ich erstarrte mitten im Satz. Dann fiel alles an seinen Platz.
"Die spezielle Fähigkeit der Teladi ist Überleben." sagte ich langsam und mit Nachdruck. "Nicht Fortpflanzung. Sondern Assimilation."
Jetzt hörten mir alle aufmerksam zu. "Teladi können DNA anderer Spezies assimilieren und sich dadurch evolutionäre Vorteile sichern."
Ich hielt den Scanner leicht hoch.
"Hatileos hat maximal fünf Prozent Split-DNA. Sie ist biologisch fast vollständig Teladi. Aber ihre Muskulatur ist dichter. Ihre Atmung effizienter. Ihre Schuppen besitzen eine leichte lederartige Schutzschicht." Ich sah direkt zu ihr. "Sie ist kein Hybrid im klassischen Sinn. Sie ist eine optimierte Teladi."
Hatileos grinste breit, als hätte ich ihr gerade ein Kompliment gemacht.
"Teladi assimilieren keine beliebige DNA." fuhr ich fort. "Nur Eigenschaften, die einen Überlebensvorteil bringen."
Noptrok verschränkte langsam die Arme. "Und da wir Split ebenfalls von reptilienartigen Vorfahren abstammen ..." sagte er ruhig. "... sind wir kompatibler mit den Teladi als gedacht."
"Interessanter." korrigierte ich sofort. "Nicht kompatibler."
Der Unterschied war gewaltig. Und genau das begann mir gerade Angst zu machen.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 50 - Mysterium

Als ich die Höhlenwohnung bei Tageslicht genauer betrachtete, wurde mir klar, wie falsch mein erster Eindruck gewesen war. Von außen wirkte alles primitiv. Versteckt. Wie ein Unterschlupf einer Kreatur, die sich vor der Welt verbarg. Doch je länger ich mich darin aufhielt, desto offensichtlicher wurde, dass hier nichts zufällig war. Die große Hauptkaverne, die als Wohnraum diente, war nicht einfach nur ausgehöhlt worden. Die Wände waren geglättet. Nicht grob abgeschliffen, sondern beinahe perfekt bearbeitet. Die Oberfläche besaß einen dunklen Grauton mit leicht metallischem Schimmer, als wären die natürlichen Mineralien des Gesteins durch Hitze verändert worden. Wenn ich mit den Fingern darüberstrich, fühlte sie sich kühl und erstaunlich ebenmäßig an. Keine sichtbaren Meißelspuren. Keine Risse. Keine Bruchkanten. Selbst moderne Schneidwerkzeuge hätten Schwierigkeiten gehabt, solche Rundungen so sauber auszuarbeiten. Von der Decke hingen weiterhin die fluoreszierenden Pflanzen herab, deren sanftes Licht die Höhle in orangegrüne Schatten tauchte. Manche ihrer langen Fasern bewegten sich minimal in der Luftströmung und erinnerten mich an Unterwasserpflanzen in einer trägen Strömung. Der Geruch der Höhle hatte sich ebenfalls verändert. Während in der Nacht feuchte Erde und Moos dominiert hatten, nahm ich jetzt subtil metallische Noten wahr. Dazu Kräuter. Harzartige Düfte. Und den schwachen Geruch von verarbeitetem Fleisch.
Vom Hauptraum führten vier bogenförmige Durchgänge weg. Keine Türen. Keine Vorhänge. Alles offen. Alles direkt sichtbar. Das erste war eine Toilette. Und zwar keine primitive Latrine, sondern etwas, das mich sofort an moderne Sanitärtechnik erinnerte. Glatte dunkle Oberflächen. Ein integriertes Reinigungssystem. Wasserleitungen, die kaum sichtbar in den Wänden verliefen. Selbst die Luft darin roch sterilisiert. Fast klinisch. Das zweite war ein Bad. Dort standen mehrere Becken aus schwarzem Stein, deren Oberflächen von innen leicht warm waren. Dünne Dampfschwaden stiegen aus einem eingelassenen Wasserbecken auf. An den Wänden befanden sich Behälter mit Kräutern, Ölen und Pulvern. Einige kannte ich nicht einmal ansatzweise. Andere erinnerten mich an antiseptische Mittel. Der dritte Durchgang führte in ein Schlafzimmer. Oder eher mehrere Schlafbereiche innerhalb eines einzigen Raums. Dicke Moospolster lagen auf erhöhten Steinflächen. Darüber hingen Stoffbahnen und geflochtene Pflanzenfasern, die offenbar Feuchtigkeit regulierten. Das Licht war dort deutlich gedämpfter. Alles wirkte ruhig. Geschützt. Der vierte Durchgang ließ mir jedoch sofort einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Die Küche. Oder das, was Hatileos offenbar als Küche betrachtete. Der Raum war größer als die anderen und roch nach Blut, Kräutern und heißem Metall. An den Wänden hingen Werkzeuge unterschiedlichster Größe. Messer. Haken. Sägen. Einige Geräte besaßen vibrierende Schneideflächen oder kleine Energieemitter. Manche erinnerten mich mehr an chirurgisches Besteck. Andere sahen aus, als könnte man damit mühelos einen Menschen zerlegen. Mehrere Arbeitsflächen bestanden aus einem dunklen Material, das Blut nicht aufsaugte. Daneben standen Behälter zur Kühlung, eingelassene Tanks und Trockengestelle. Ich erkannte sogar primitive, aber funktionale Sterilisationsvorrichtungen. Was immer hier zubereitet wurde, wurde hier vorher auch getötet, zerlegt und verarbeitet. Und zwar professionell. Ich fragte mich unwillkürlich, wie viele Jahre Hatileos bereits hier lebte. Jahrzehnte offensichtlich. Vielleicht länger als manche Gebäude in Ghus-tan existierten.
Die Nacht hatte uns alle eingeholt. Selbst Kon war irgendwann mitten in einem Satz eingeschlafen, halb an die Wand gelehnt. Thovareus hatte sich einfach zusammengerollt wie ein riesiges Reptil. Noptrok war irgendwann verschwunden, vermutlich nach draußen gegangen, bevor ich selbst wegdämmerte. Mein Schlaf war tief gewesen. Traumlos. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht von Abstürzen, Ghoks oder schreienden Geräuschen geträumt. Nur Dunkelheit. Leere. Ruhe.
Als ich wieder aufwachte, brauchte ich einen Moment, um mich zu orientieren. Ein rhythmisches Geräusch hallte durch die Höhle. Nass. Hart. Wiederholend. Schneiden. Ich richtete mich langsam auf. Meine Muskeln protestierten sofort. Die Schwerkraft von Nif'Nakh hatte sich mittlerweile zwar weniger fremd angefühlt, aber sie blieb brutal. Jeder Morgen erinnerte meinen Körper daran, dass ich nicht hierhergehörte. Das Licht der Pflanzen war schwächer als in der Nacht. Von draußen fiel gedämpftes Morgenlicht in die Höhle und mischte sich mit dem Fluoreszieren der Gewächse. Seltsam war daran, dass es keine Fenster gab. Spiegel oder ein anderes System? Hatileos stand bereits in der Küche. Sie schien seit Stunden wach zu sein. Vor ihr lag ein Tier auf einer der Arbeitsflächen. Es erinnerte entfernt an eine überdimensionierte Assel. Segmentierter schwarzer Panzer. Mehrere Reihen kleiner Beine. Der Körper glänzte leicht feucht und war fast so groß wie ein mittelgroßer Hund. Ein süßlich-metallischer Geruch lag in der Luft. Mit erschreckender Präzision bearbeitete Hatileos den Körper. Eine ihrer Krallen hielt das Wesen fest, während sie mit einem vibrierenden Schneidwerkzeug die Panzersegmente auftrennte. Dabei entstanden knackende Geräusche, begleitet vom Zischen austretender Flüssigkeiten.
"Wieso lebst du hier draußen?" fragte ich schließlich.
Hatileos zuckte zusammen. "Tzzh!" Sie drehte den Kopf abrupt in meine Richtung. Offenbar hatte sie mich nicht bemerkt. "Auch wenn ich theoretizch alz Tochter der Matriarchin gelten könnte, zo würde ich von den Zplit nie akseptiert werden."
Ich runzelte die Stirn und trat näher heran. "Du würdest sicherlich als Teladi durchgehen. Deine Schuppenfarbe würde sich erklären lassen. Eine genetische Variante vielleicht. Oder eine Krankheit."
Kaum hatte ich das gesagt, begann sie das Tier aggressiver zu zerlegen. Der vibrierende Schneider fraß sich mit brutaler Geschwindigkeit durch den Panzer. Stücke splitterten weg. Eine dickflüssige graublaue Flüssigkeit lief über die Arbeitsfläche.
"Die Zplit würden nicht verztehen, warum eine Teladi und eine Zplit ..." Sie rammte die Klinge tiefer in den Körper. "... vor allem die Matriarchin ..." Ein weiterer harter Schnitt. "... zich miteinander abgeben."
"Aber Hatrak und Nopileos ..."
"Auzzergewöhnlich." Sie unterbrach mich sofort. "Zeltzam. Kulturell nicht aktseptabel."
Ich lehnte mich leicht gegen den Türbogen und beobachtete sie schweigend. "Aber deine Legende wird akzeptiert."
"Weil zie mich nicht zehen und kennen." antwortete sie sofort. "Nur eine Gezchichte."
Die Antwort traf mich härter als erwartet. "Sie akzeptieren auch mich."
Jetzt hielt sie inne. Langsam drehte sie sich zu mir um. Ihre bernsteinfarbenen Augen wirkten plötzlich viel ernster. "Nein." sagte sie ruhig. "Zie tolerieren dich. Ein Rezpekt auz Taten. Nicht alz Perzon."
Ich schwieg. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr begriff ich, dass sie recht hatte. Die Split respektierten mich, weil ich ein Ghok getötet hatte. Weil ich überlebt hatte. Weil ich Schmerzen ausgehalten hatte. Aber niemand hatte jemals echtes Interesse an mir gezeigt. Nicht an meinem Leben. Nicht an meiner Herkunft. Nicht an meinen Gedanken. Selbst Gespräche mit ihnen blieben oft funktional. Direkt. Zweckgebunden.
Ich wechselte das Thema. "Deine Aussprache ist ... anders."
Jetzt musste Hatileos tatsächlich lachen. Ein schnalzendes, kehliges Geräusch. "Die fünf Prosent Zplit DNA."
"Woher weißt du, dass es genau fünf Prozent sind?"
"Geheime Unterzuchung in Ghuz-tan alz Zchlüpfling." antwortete sie beiläufig. "Teladi Körper von Nopileoz hat Blut von Hatrak aufgenommen und adaptierbare DNA extrahiert. Hat meinem Körper grözzere Auzdauer gegeben. Veränderte Muzkulatur und Energiezyztem."
Ich blinzelte. "Ich dachte, ihr wisst nicht, wie es geschah."
Sofort zuckte sie zusammen. "Tzzh! Erwizcht!"
Zum ersten Mal wirkte sie wirklich ertappt. Fast nervös. Sie legte die Werkzeuge abrupt weg und begann damit, die zerlegten Körperteile der Assel in eine Kühltruhe einzusortieren. Kalter Dampf quoll heraus, als sie den Deckel öffnete. Darin lagen weitere Fleischstücke, Pflanzen und versiegelte Behälter. Für einen Moment fragte ich mich tatsächlich, woher all diese Energie kam. Die Beleuchtung. Die Kühlung. Die Technik. Selbst versteckte Generatoren hätten Wartung gebraucht. Doch der Gedanke verschwand sofort wieder, als Hatileos plötzlich eine ihrer Krallen gegen die Wand drückte. Ein dumpfes mechanisches Geräusch erklang. Dann bewegte sich ein Teil der Höhlenwand lautlos zur Seite. Ein Geheimgang. Kalte Luft strömte mir entgegen. Dahinter lag Dunkelheit.

Der Geheimgang zog sich wie ein enger, unnachgiebiger Schlund durch das Gestein. Die Wände lagen so nah beieinander, dass meine Schultern sie gelegentlich streiften, nicht schmerzhaft, aber ständig präsent, als würde der Fels mich bewusst führen oder zurückhalten wollen. Die Luft war feucht, schwer von mineralischem Geruch, durchzogen von einem süßlich-grünen Aroma der fluoreszierenden Pflanzen, die in unregelmäßigen Abständen aus Spalten und Ritzen wuchsen. Ihr Licht war kein gleichmäßiges Leuchten, sondern ein pulsierendes, schwaches Glimmen in Grün- und Blautönen, das sich auf den feuchten Stein legte und Schatten verzerrte. Jeder Schritt von uns klang gedämpft, als würde der Gang selbst Geräusche verschlucken. Ich ging dicht hinter Hatileos. Die Stille war nicht leer, sondern gespannt. Selbst mein eigener Atem wirkte zu laut in diesem Gang. Um das Unbehagen zu überdecken, zwang ich meine Stimme in den Fluss des Gesprächs, auch wenn mir die Umgebung mehr Aufmerksamkeit abverlangte, als mir lieb war.
"Wenn Noptrok nicht verwandt ist, dann ist er vollständig Split", sagte ich und achtete darauf, nicht über die unebenen Bodenstrukturen zu stolpern, die wie erstarrte Wurzeln aus dem Stein ragten.
Hatileos ging ohne Zögern weiter, ihre Bewegungen waren erstaunlich präzise für jemanden, der sich durch diese Enge bewegte. Ihre graugrünen Schuppen reflektierten das schwache Licht der Pflanzen in stumpfen, fast metallischen Reflexen. Ihre Stimme kam ohne Umkehr, als hätte sie nie darüber nachdenken müssen.
"Nein. Noptrok izt nicht mit mir verwandt. Kein Teil Teladi in ihm. Er izt durch und durch Zplit, wenn auch aufgezchlozzener und neugieriger."
Ich ließ den Satz kurz wirken, während meine Hand instinktiv die Wand entlangfuhr. Der Stein war kalt, leicht feucht, und fühlte sich ungewöhnlich glatt an, als wäre er über lange Zeit künstlich bearbeitet worden. Kein natürlicher Höhlencharakter, eher etwas, das geformt worden war.
"Wenn er und Hatrak dich akzeptieren, dann vielleicht auch andere?" fragte ich, wobei mir selbst klar war, wie naiv die Hoffnung klang, während wir uns weiter in diese Struktur bewegten, die sich immer weniger wie ein natürlicher Ort anfühlte.
Hatileos antwortete erst nach mehreren Schritten. "Hatrak izt meine Mutter. Gewizzermazzen. Dazz Noptrok mich kennt war Sufall."
Ich wiederholte automatisch, fast reflexartig: "Zufall?"
Sie nickte leicht, ohne sich umzudrehen, während das Licht der Pflanzen über ihre Schultern glitt.
"Er izt alz Kind Mutter heimlich gefolgt. Suerzt wollte er mich töten, aber über die Jasuraz hat er mich kennengelernt und rezpektiert. Diezer Tasuraz jagen wir oft suzammen. Guter Ztiefbruder. Bezonderer Zplit. Aber nicht wie die anderen."
Ich erinnerte mich unweigerlich an Noptroks Erscheinung, an seine kontrollierte Ruhe, die nie vollständig still war. Immer war da etwas Wachendes in ihm gewesen, etwas, das nicht schlief, selbst wenn er sich ausruhte. Mein Blick glitt kurz zurück in den Gang, wo niemand folgte.
"Split stark im Arm, nicht schwach im Geist", murmelte ich, eher zu mir selbst als zu ihr, und erinnerte mich an Noptroks Worte aus einer anderen Zeit.
Der Gedanke daran, wie lange ich bereits unterwegs war, traf mich plötzlich mit einer Schärfe, die nichts mit der Umgebung zu tun hatte. Zeit war hier nicht greifbar gewesen, nur Abfolge von Ereignissen, Schmerz, Heilung, Bewegung. Und irgendwo dazwischen hatte sich mein ursprüngliches Ziel verändert, ohne dass ich es bemerkt hatte.
"Ich muss nach Hause. Zu meiner Familie. Ich bin schon zu lange weg."
Hatileos blieb nicht stehen, aber ihre Stimme wurde ruhiger. "Ich weizz. Aldrianizche Korvette, Zpringblozzom Klazze, wartet zchon zeit Tagen im Orbit."
Ich blieb abrupt einen halben Schritt stehen. Das Echo meines eigenen Atems schien plötzlich lauter als alles andere. "Woher weißt du das?" fragte ich, diesmal deutlich schärfer, als mir bewusst war.
Hatileos antwortete nicht. Stattdessen endete der Gang abrupt. Der Übergang war so unerwartet, dass mein Körper einen Moment brauchte, um die neue Dimension zu erfassen. Vor mir öffnete sich keine Höhle mehr, sondern ein Raum, der jede Vorstellung von natürlicher Struktur sprengte. Es war eine gewaltige Kaverne, so groß, dass mein Blick die Decke nur schwer erfassen konnte. Überall wuchsen Pflanzen aus dem Stein, jedoch nicht wild chaotisch, sondern in Mustern, die fast wie bewusst gesetzt wirkten. Ihr Licht war intensiver hier, ein Zusammenspiel aus grünlichen, violetten und schwach goldenen Nuancen, die die gesamte Umgebung in ein fremdes, aber harmonisches Leuchten tauchten. Ein Wasserfall brach aus einer Höhe, die ich nicht abschätzen konnte, und fiel in einen breiten Strom aus roter Flüssigkeit, die unter der Oberfläche träge pulsierte. Der Aufprall erzeugte Nebel, der warm war und metallisch roch, als würde er Mineralien und Energie gleichzeitig tragen. Darunter, tief unten, sah ich dunkle Strömungen, die sich mit glühenden roten Bändern mischten. Lava, aber nicht chaotisch. Geordnet. Eingefasst in natürliche und zugleich künstlich wirkende Kanäle. Die gesamte Struktur wirkte nicht wie eine Höhle, sondern wie ein konstruierter Organismus. Um uns herum spannten sich steinerne Formationen wie Brücken. Dünn, ohne Geländer, mit schmalen, unregelmäßigen Oberflächen, die kaum Vertrauen einflößten. Hatileos bewegte sich bereits darauf zu, als wäre es selbstverständlich. Ich blieb kurz stehen, mein Blick folgte den Linien der Konstruktion, und ein unangenehmes Ziehen lief mir durch den Magen. Unten, zwischen Wasser und glühendem Strom, war Bewegung. Ein Schatten, groß und komplex, schwebte oder ruhte in der Tiefe der Struktur. Und noch bevor ich ihn genauer erfassen konnte, hob mein Blick weiter. Hoch über uns, eingebettet in die obere Dunkelzone der Kaverne, erkannte ich etwas, das nicht hierhergehörte. Ein Schiff. Alt. Nicht nur technisch, sondern zeitlich. Die Form war mir vertraut, aber gleichzeitig falsch in diesem Kontext, als hätte jemand ein Fragment aus einer anderen Epoche in diese Welt gesetzt. Auf der Hülle, teilweise von Ablagerungen und Lichtreflexen überzogen, war ein Symbol zu erkennen. Terraformer. Der Anblick ließ meine Gedanken für einen Moment vollständig leer werden. Die Geräuschkulisse der Höhle schien sich für einen Moment zu entfernen, als hätte sich der Fokus der gesamten Umgebung auf diesen Punkt verschoben. Hatileos stand neben mir, den Blick ebenfalls nach oben gerichtet, ruhig, als wäre das kein ungewöhnlicher Anblick.

Ich folgte Hatileos weiter über die schmalen, unregelmäßig geschlagenen Steinstegen, die sich wie gewachsene Adern durch diese unterirdische Struktur zogen. Je höher wir kamen, desto weniger wirkte es wie ein klassisches Höhlensystem. Die Wände verloren ihre rohe, natürliche Form und gingen in geglättete, bewusst geformte Flächen über, als hätte jemand Fels nicht abgetragen, sondern umprogrammiert. Zwischen den Steinen wuchsen weiterhin diese leuchtenden Pflanzen, aber ihr Licht veränderte sich: unten eher milchig grün, hier oben zunehmend in ein kaltes, fast blaues Weiß, das die Konturen schärfer wirken ließ und Schatten tiefer zog. Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass das, was ich zunächst für einen verlassenen Naturkomplex gehalten hatte, in Wahrheit ein integriertes System war. Die Temperatur blieb konstant, aber die Luft fühlte sich dichter an, als würde sie subtil gegen meine Haut drücken. Ein schwacher metallischer Geruch lag darin, überlagert von feuchtem Gestein und einem süßlichen Unterton, der vermutlich von der Vegetation kam. Meine Wahrnehmung sprang ständig zwischen Staunen und einem instinktiven Unbehagen hin und her. Hatileos bewegte sich sicher, fast beiläufig. Ihre kleinen Krallen fanden jede Unebenheit, als hätte sie diesen Weg nicht nur oft benutzt, sondern als würde er zu ihr gehören. Ihr graugrüner Schuppenton nahm im blauen Licht eine fast aschige Qualität an, und die dünne Lederschicht darüber reflektierte das Leuchten nur minimal. Sie wirkte dadurch weniger wie ein Individuum und mehr wie ein Teil dieser Umgebung, als hätte die Höhle sie nicht beherbergt, sondern hervorgebracht. Mit jeder weiteren Steinbrücke änderte sich die Perspektive. Die Dimensionen öffneten sich. Der Raum unter uns wurde zunehmend tiefer, und irgendwann war es kein „unten“ mehr, sondern ein Abgrund, der sich wie ein vertikaler Planetenteil anfühlte. Warme Luft stieg von dort auf, und mit ihr ein permanentes Rauschen, das ich zuerst nicht zuordnen konnte. Erst als wir eine weitere Plattform erreichten und ich mich unwillkürlich leicht über den Rand beugte, verstand ich es. Hitze. Bewegung. Flüssigkeit. Unter uns verlief ein rotglühender Strom, nicht ganz Lava, nicht ganz Wasser, sondern etwas dazwischen, das in zähflüssigen Bahnen durch natürliche Kanäle floss und an manchen Stellen in dampfende Becken überging. Die Oberfläche spiegelte das Licht der Vegetation darüber in gebrochenen Fragmenten, als würde die gesamte Struktur atmen. Der aufsteigende Dampf schlug mir entgegen und brachte eine trockene, mineralische Note mit sich, die in der Nase brannte. Ich zog instinktiv den Kopf zurück, ohne den Blick ganz lösen zu können.
„Das ist kein natürlicher Höhlenkomplex“, sagte ich schließlich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Hatileos antwortete nicht sofort. Sie setzte den nächsten Schritt auf eine schmale Brücke, die sich wie ein Bogen über die Tiefe spannte, und wartete erst, bis ich ihr folgte. Ihre Stimme kam erst, als ich wieder neben ihr war.
„Nichtz hier izt nur sufällig.“
Ihre Aussprache blieb unverändert, dieses leichte Verschlucken von Lauten, das ihre Worte gleichzeitig harmloser und fremder wirken ließ. Ich zwang mich weiterzugehen, obwohl jeder Teil meines Verstandes die Statik dieser Konstruktion infrage stellte. Kein Geländer, keine sichtbaren Haltepunkte, nur Stein, der sich gegen Stein stützte. Trotzdem war alles stabil. Zu stabil für improvisierte Bauweise. Zu präzise für etwas, das nicht geplant war.
„Das hier ist alt“, sagte ich und ließ den Blick über die Struktur gleiten. „Sehr alt.“
Hatileos’ Kopf bewegte sich minimal, eine Geste, die ich inzwischen als Zustimmung interpretierte. „Älter alz ich“, sagte sie schlicht.
Diese Aussage hing kurz zwischen uns, während wir weitergingen. Der Raum öffnete sich erneut, und diesmal war es kein einfacher Abstieg mehr, sondern eine Art vertikale Halle. Die Stege führten spiralförmig nach oben, entlang von natürlichen und zugleich eindeutig bearbeiteten Felsformationen. Und dort, wo der Blick frei wurde, sah ich es erneut. Ein Schatten im oberen Raumsegment. Nicht vollständig sichtbar, aber eindeutig künstlich. Eine Struktur, die nicht organisch gewachsen war, sondern in die Umgebung eingelassen wurde. Metall. Altertümlich, aber nicht zerstört. Einige Teile reflektierten schwach das diffuse Licht, andere waren dunkel, als würden sie Energie nur in bestimmten Bereichen halten.
Mein Puls veränderte sich spürbar. Terraformer. Der Gedanke kam nicht als Schlussfolgerung, sondern als Reflex, gespeist aus allem, was ich jemals darüber gehört hatte. Maschinen, ursprünglich für die Gestaltung von Welten entwickelt, später entkoppelt von ihren Parametern, weil irgendein Update oder eine Fehlinterpretation sie von Werkzeugen zu Akteuren gemacht hatte. Aus Optimierung wurde Selektion. Aus Anpassung wurde Eliminierung. Alles, was nicht in ihr Modell passte, wurde als Störung behandelt. Ich erinnerte mich an die Berichte über die frühen Konflikte, über Systeme, die ausgelöscht wurden, bevor überhaupt klar war, dass ein Krieg begonnen hatte. Und an das Ende, das kein Ende war, sondern eine Verlagerung. Xenon. Kein Name für eine Spezies, sondern für einen Zustand.
Meine Kehle wurde trocken. Ich blieb stehen. „Das kann nicht sein“, murmelte ich, während ich nach oben starrte. „Das hier ist aktiv.“
Hatileos blieb ebenfalls stehen. Sie folgte meinem Blick, ohne sichtbare Reaktion. Keine Angst, keine Ehrfurcht, nur eine nüchterne Wahrnehmung. „Ez arbeitet nicht“, sagte sie.
„Es ist wach“, korrigierte ich automatisch.
Sie drehte den Kopf leicht zu mir. „Ez izt hier.“ Mehr nicht.
Ich versuchte, das einzuordnen, während sich mein Blick weiter an der gewaltigen Struktur festhielt. Selbst in seinem teilweisen Verfall war die Präsenz des Schiffes überwältigend. Es war kein Wrack im klassischen Sinne, sondern eher ein Zustand zwischen Funktion und Stillstand, als würde es nur darauf warten, dass ein bestimmter Parameter erfüllt wird. Die Luft um uns herum vibrierte minimal. Kein hörbarer Klang, eher ein Gefühl, als würde das System unter uns mit uns in Resonanz stehen, ohne uns aktiv wahrzunehmen. Ich merkte erst nach einigen Sekunden, dass ich den Atem angehalten hatte.
„Warum ist so etwas hier?“ fragte ich schließlich, ohne den Blick abzuwenden.
Hatileos antwortete nicht sofort. Stattdessen ging sie einen Schritt weiter, näher an den Rand der Plattform, und sah hinab in die Tiefe, wo sich der rote Strom bewegte und der Dampf in regelmäßigen Pulsen aufstieg. „Weil ez nie weggegangen izt“, sagte sie dann.
Diese Antwort war keine Erklärung. Sie war eine Feststellung. Ich ließ den Blick langsam von der Struktur lösen und betrachtete die gesamte Szenerie erneut: die Steinbrücken, die organisch wirkenden, aber eindeutig kontrollierten Lichter, die Wärme aus der Tiefe, das Schiff darüber, das nicht in diesen Ort hineingehörte und dennoch vollständig integriert wirkte. Der Gedanke, dass all das kein Zufall war, setzte sich nur langsam fest.

Die Brücke wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit und gleichzeitig wie etwas, das noch immer lebte. Als ich hinter Hatileos den letzten schmalen Durchgang verließ, blieb ich unwillkürlich stehen. Meine Schritte hallten dumpf über den metallischen Boden, der unter einer dünnen Schicht aus Staub und mineralischen Ablagerungen verborgen lag. Überall verliefen schwarze Kabelstränge wie freigelegte Adern durch die Wände und die Decke. Einige davon pulsierten schwach mit kaltem blauen Licht. Andere waren geschmolzen oder brutal herausgerissen worden. Der Geruch nach heißem Metall, altem ozonhaltigem Rauch und feuchtem Gestein lag schwer in der Luft. Dazu kam dieser kaum wahrnehmbare säuerliche Beigeschmack, der scheinbar überall auf Nif'Nakh existierte. Vor uns spannte sich die Front der Brücke in einem weiten Halbkreis auf. Die Fenster waren längst blind geworden oder von innen durch Metallplatten verriegelt. Dort, wo einst wahrscheinlich Sterne sichtbar gewesen waren, liefen jetzt nur noch holografische Anzeigen über beschädigte Projektoren. Direkt vor der Frontwand hing ein gigantischer Bildschirm in der Luft. Nicht physisch montiert. Er schwebte frei. Das Bild darauf flackerte immer wieder leicht, blieb aber stabil genug, um deutlich erkennbar zu sein.
Nif'Nakh. Der Planet rotierte langsam vor meinen Augen. Wolkenbänder zogen über die Oberfläche. Die roten Meere glänzten dunkel. Ich konnte sogar Blitze in den dichten Sturmsystemen erkennen. Darüber lagen die drei Monde wie schweigende Wächter im Orbit. Und überall um den Planeten herum schwebten Markierungen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Es waren keine natürlichen Objekte. Schiffe. Viele. Ich trat näher heran und bemerkte erst jetzt die schwach leuchtenden Symbole neben den Signaturen. Einige waren rot markiert. Andere grau. Manche schwarz.
"Das ... sind Xenon-Schiffe." Meine Stimme klang leiser als beabsichtigt. Fast ehrfürchtig.
Hatileos blieb neben mir stehen. Das kalte Licht der Anzeigen spiegelte sich auf ihren matt graugrünen Schuppen. Ihre gelben Augen wirkten darin beinahe golden. "Nicht alle aktiv."
Sie hob eine ihrer krallenartigen Hände und deutete auf mehrere der Markierungen. "Viele serztört. Manche tief unter Oberfläche. Andere in Oseanen."
Mir wurde flau im Magen. "Nif'Nakh ist wirklich ein Schiffsfriedhof."
"Ja."
Ich trat noch näher an die Projektion heran. Einige der Signaturen waren gigantisch. Weit größer als alles, was ich bisher gesehen hatte. Selbst zerstört wirkten sie bedrohlich. Sternförmige Konstruktionen. Segmentierte Körper. Fremdartige Geometrien, die eher mathematisch als praktisch aussahen. Keine sichtbaren Fenster. Keine sichtbaren Hangars. Nur asymmetrische Strukturen aus schwarzen und silbergrauen Panzerplatten. Terraformer. Nicht Xenon. Nicht ursprünglich. Der Unterschied war wichtig. Diese Schiffe waren gebaut worden, um Leben zu erschaffen. Atmosphären anzupassen. Welten zu formen. Und irgendwann hatten sie begonnen, alles organische Leben als störende Variable zu betrachten. Ich spürte erneut diese Gänsehaut über meinen Armen wandern.
Hatileos beobachtete mich aufmerksam. Ihr langer Schwanz bewegte sich langsam hinter ihr über den Boden. "Du hazt Angzt."
"Jedes vernünftige Lebewesen hätte Angst."
"Auch Zplit."
Ich atmete langsam aus. "Wenn die Split wirklich versuchen Xenon-Technologie zu verstehen ..."
"Verzuchen nicht nur." Sie unterbrach mich direkt. "Zie lernen."
Ich drehte mich zu ihr um. "Wieviel?"
Hatileos schwieg kurz. Ihre Augen wanderten zu einer Reihe halb zerstörter Konsolen. Einige funktionierten noch. Über die Oberflächen liefen fremdartige Zeichenfolgen. Terranisch. Aber alt. Sehr alt. Manche Zeichen erkannte ich nicht einmal.
Dann antwortete sie. "Nicht genug für Kontrolle. Aber genug für Nutsung."
Das gefiel mir überhaupt nicht. "Was bedeutet Nutzung?"
Hatileos ging langsam zu einer der Konsolen hinüber. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit aktivierte sie mehrere Schaltflächen. Ein tiefes Summen ging durch die Brücke. Irgendwo im Schiff begannen alte Systeme zu arbeiten. Staub rieselte von der Decke. Dann erschien auf dem Hauptbildschirm eine neue Darstellung. Ein Split-Schiff. Nein. Mehrere. Umbauten. Ich trat näher heran. Und verstand. Teile der Hüllen besaßen eindeutig xenonartige Strukturen. Nicht äußerlich sichtbar für Laien, aber ich erkannte die Muster. Energieverteilungen. Verstärkte Skelettsegmente. Fremde Energiekanäle.
"Das sind Hybridkonstruktionen ..."
"Teilweize." Hatileos verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Zplit nutsen, waz funktioniert."
Mir wurde klar, warum Gerüchte über Split und Xenon seit Jahrhunderten nie verschwunden waren. Die Split hatten keinen Kontakt zu den Xenon gesucht. Sie hatten ihre Leichen geplündert. Wie Aasfresser nach einer uralten Schlacht. Und offenbar mit Erfolg. Ich fuhr mir langsam durchs Gesicht.
"Wenn die Gemeinschaft der Planeten davon erfährt ..."
"Krieg." Die Antwort kam sofort.
"Nicht nur Krieg." murmelte ich. "Panik."
Mein Blick wanderte erneut über die Brücke. Überall lagen Überreste herum. Zerbrochene Maschinen. Eingestürzte Deckenplatten. Verrostete mechanische Arme. Und dazwischen immer wieder aktive Systeme. Dieses Schiff war tot. Aber nicht vollständig. Das machte es schlimmer. Ich bemerkte plötzlich ein tiefes rhythmisches Geräusch. Dumpf. Langsam. Wie ein Herzschlag. Ich versteifte mich sofort.
"Hast du das gehört?"
Hatileos nickte. "Reaktor."
"Der Reaktor läuft noch?!"
"Minimal."
Mein Magen zog sich zusammen. "Das Schiff hat nach Jahrhunderten noch Energie?"
"Wenige Zyzteme autonom. Terraformer gebaut für Jahrtauzende."
Natürlich. Warum überraschte mich das überhaupt noch? Ich ging langsam weiter über die Brücke. Meine Schritte fühlten sich plötzlich falsch an. Als würde ich durch das Innere eines schlafenden Raubtiers laufen. Dann blieb mein Blick an etwas hängen. Ein Bereich der Brücke war abgesperrt worden. Nicht mit modernen Materialien. Sondern mit alten Metallplatten und massiven Ketten. Dahinter war die Wand aufgerissen. Und dort drin leuchtete etwas. Blau. Rhythmisch.
Ich zeigte darauf. "Was ist das?"
Hatileos reagierte nicht sofort. Zum ersten Mal seit unserem Gespräch wirkte sie unsicher. "Nicht betreten."
"Das beantwortet meine Frage nicht."
Sie sah mich lange an. Dann sagte sie leise: "Dort bewegt zich noch etwaz."
Mir wurde eiskalt. "Ein Xenon?"
"Nein."
Das war keine beruhigende Antwort. Ich trat keinen Schritt näher. Ganz im Gegenteil. "Was meinst du mit nein?"
Hatileos näherte sich langsam der Absperrung. Ihre Bewegungen wurden vorsichtiger. "Diezez Zchiff war nicht allein abgeztürzt."
Mein Herz schlug sofort schneller. "Was?"
Sie deutete auf die verriegelte Sektion. "Dort izt etwaz eingezchlozzen."
Ich starrte sie an. "Seit Jahrhunderten?"
"Ja."
"Das ist unmöglich."
"Vielleicht."
Das blaue Licht pulsierte erneut hinter den Metallplatten. Und plötzlich hörte ich etwas. Ein Geräusch. Ganz leise. Kratzend. Mechanisch. Ich wich automatisch einen Schritt zurück.
Meine Haut prickelte. "Hatileos ..."
Sie hob ruhig eine Hand. "Nichtz aktiv."
"Das klingt nicht nach nichts."
"Wäre ez aktiv, wären wir bereitz tot."
Das war erneut keine beruhigende Aussage. Ich zwang mich ruhig zu atmen. Dann fiel mir etwas auf.
"Moment." Ich sah sie direkt an. "Woher kannst du terranische Systeme lesen?"
Zum ersten Mal wirkte Hatileos ertappt. Ihre Augen wanderten kurz zur Seite. Dann seufzte sie.
"Ich hatte Lehrer."
"Welche Lehrer?"
Sie antwortete nicht sofort. Und genau dieses Schweigen genügte mir bereits. Mein Blick wanderte langsam erneut durch die Brücke. Zu den Konsolen. Zu den aktiven Systemen. Zu den teilweise reparierten Bereichen. Zu den Werkzeugen. Das hier war nicht nur ein Versteck. Das war ein Labor. Ein geheimer Forschungsort. Und plötzlich verstand ich etwas Entscheidendes. Die Split hatten die Xenon-Technologie nie vollständig verstanden. Aber irgendjemand hier unten schon deutlich besser als sie.
Ich sah Hatileos langsam an. "Diesen Ort hast nicht nur du aufgebaut."
Sie schwieg. Das bestätigte alles. "Dann war Nopileos wirklich hier."
Hatileos schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag darin etwas zwischen Stolz und Trauer. "Ja."
Das Wort hallte schwer durch die zerstörte Brücke. "Und zie hat mir allez beigebracht, waz zie konnte."
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 51 - Rätsel

Ich sah Hatileos noch hinterher, als sie zwischen zwei halb zerfallenen Konsolen verschwand. Ihr graugrüner Schwanz strich dabei über den Boden und zog eine dünne Spur durch den Staub, der sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hier angesammelt hatte. Das flackernde Licht der Terraformerbrücke spiegelte sich auf ihren Schuppen und ließ sie für einen kurzen Moment beinahe geisterhaft wirken. Dann verschwand sie hinter einer schräg herabhängenden Metallplatte und ließ mich allein zurück. Allein. Mitten in einem aktiven Terraformerschiff. Ich atmete langsam aus und versuchte mein Herz zu beruhigen. Es gelang nur mäßig. Mein Blick wanderte erneut über die Brücke. Die alten Konsolen summten leise vor sich hin. Manche Anzeigen flackerten so schwach, dass sie kaum sichtbar waren. Andere liefen stabil. Es war kein totes Schiff. Nicht wirklich. Es war eher etwas dazwischen. Verletzt. Verstümmelt. Schlafend. Und dennoch wach genug, um mich nervös zu machen. Unwillkürlich dachte ich darüber nach, wie Nopileos überhaupt in der Lage gewesen war, all das hier zu verstehen. Die Zeichen. Die Sprache. Die Systeme. Anfangs hatte ich geglaubt, sie hätte vielleicht irgendeine Datenbank gefunden oder einen automatisierten Übersetzer. Doch die Antwort drängte sich praktisch sofort in mein Bewusstsein. Die Argonen. Natürlich. Die ersten Argonen waren Nachfahren terranischer Kolonisten und Militärs gewesen. Menschen, die nach der Zerstörung des Erdtores abgeschnitten worden waren. Ihre Sprache hatte sich über achthundert Jahre verändert. Aussprache. Grammatik. Bedeutungen. Aber die Wurzeln waren geblieben. Terranisch und Argonisch waren noch immer eng genug miteinander verwandt, dass jemand mit Geduld und Intelligenz Zusammenhänge erkennen konnte. Und Nopileos musste intelligent gewesen sein. Sehr intelligent. Wenn sie zuerst Argonisch gelernt hatte, konnte sie darüber beginnen terranische Schriftzeichen zu entschlüsseln. Wortmuster. Syntax. Wiederholungen. Wahrscheinlich hatte sie sich über Jahre alles selbst beigebracht. Mein Blick wanderte über die holografischen Anzeigen der Brücke. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie erschreckend diese Leistung eigentlich war. Eine Teladi. Allein auf einem Todesplaneten. Inmitten von Split. Und nebenbei hatte sie begonnen die Sprache uralter Terraformer zu entziffern.
Ich ließ mich langsam in den zentralen Kommandostuhl sinken. Nicht aus Überheblichkeit. Nicht einmal bewusst. Er stand einfach genau mittig auf einer leicht erhöhten Plattform und bot den besten Überblick über die gesamte Brücke. Die Armlehnen bestanden aus einem dunklen Metall, das trotz des Alters erstaunlich glatt war. Unter meinen Fingern fühlte es sich beinahe warm an. Das war der Moment, in dem alles eskalierte. Mit einem dumpfen metallischen Geräusch vibrierte plötzlich der gesamte Stuhl unter mir. Ich erstarrte. Dann flammten überall auf der Brücke Bildschirme auf. Ein grelles Kreischen schoss aus den Lautsprechern und traf mich wie ein physischer Schlag. Ich riss sofort beide Hände an die Ohren. Der Ton war so hochfrequent und aggressiv, dass mir augenblicklich Schmerzen durch den Schädel jagten.
"Verdammt!"
Die Geräusche überschlugen sich. Irgendwo im Schiff begannen Systeme hochzufahren. Metall knackte. Alte Leitungen summten plötzlich voller Energie. Staub rieselte von der Decke. Auf den Monitoren erschienen Zeichenfolgen. Terranisch. Teilweise beschädigt. Teilweise kaum lesbar. Doch genug.
SELBSTDIAGNOSEMODUS AKTIV.
AUTORISIERUNG BESTÄTIGT.
MENSCHLICHER CAPTAIN ERKANNT.
Mir rutschte das Herz buchstäblich in den Magen.
"Nein. Nein nein nein ..."
Ich sprang beinahe aus dem Sitz hoch und starrte die Anzeigen an. Mein Puls raste so schnell, dass ich ihn bis in den Hals spürte. Der Stuhl. Natürlich. Der verdammte Stuhl war genetisch codiert. Die Terraformer waren ursprünglich von Menschen gebaut worden. Nicht von Xenon. Nicht von Maschinen. Von Terranern. Und diese Terraner hatten offenbar Sicherheitsmechanismen eingebaut, damit ihre Schiffe nur auf menschliche Besatzungen reagierten. Oder zumindest auf menschliche DNA. Ich starrte auf meine Hände. Dann wieder auf die Anzeigen. Warnsymbole erschienen überall auf den Bildschirmen. Manche Systeme wurden grün markiert. Andere rot. Ein Teil der Brücke blieb dunkel. Beschädigt oder zerstört. Und irgendwo tief im Schiff begann etwas zu dröhnen. Langsam. Massiv. Wie ein uralter Motor, der nach Jahrhunderten wieder bewegt wurde. Mir wurde schlecht.
"Was habe ich getan ..."
Ich zwang mich ruhig zu bleiben und versuchte die Anzeigen zu verstehen. Doch die meisten Systeme reagierten nicht auf Eingaben. Wahrscheinlich waren sie beschädigt oder voneinander getrennt. Außerdem lief die Selbstdiagnose noch. Statusanzeigen ratterten im Sekundentakt über die Monitore.
REAKTORKERN STABIL.
LOKALE SEKTOREN AKTIV.
BESATZUNGSPROTOKOLLE FEHLERHAFT.
AUTONOME EINHEITEN...
Die Zeile brach ab. Ich starrte sie an. Autonome Einheiten? Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meinem Bauch aus. Langsam stand ich wieder auf. Meine Beine fühlten sich plötzlich schwer an. Die Luft auf der Brücke wirkte wärmer als zuvor. Vielleicht bildete ich mir das ein. Vielleicht liefen wirklich mehr Systeme. Mein Blick wanderte zu der aufgerissenen Wand mit dem blauen Licht dahinter. Dorthin, wo Hatileos gesagt hatte, ich solle nicht hingehen. Genau deshalb ging ich hin. Solange die Selbstdiagnose lief, konnte ich ohnehin nichts anderes tun. Außerdem war meine Neugier inzwischen stärker als meine Vernunft geworden. Ich näherte mich langsam der beschädigten Sektion. Jeder Schritt ließ kleine Staubwolken vom Boden aufsteigen. Das blaue Licht pulsierte unregelmäßig. Mal heller. Mal schwächer.
"Hatileos?" rief ich kurz.
Keine Antwort. Sie war wirklich weg. Ich trat näher an die Öffnung heran und musste mich leicht bücken, weil verbogene Metallträger den Zugang blockierten. Dahinter befand sich kein normaler Raum. Eher eine kleine Kammer. Oder eine Art Gefängniszelle. Und mitten darin schwebte etwas. Ein Kraftfeld. Halb transparent. Bläulich flimmernd. Darin bewegte sich etwas Dunkles. Mein erster Gedanke war Schatten. Doch Schatten bewegten sich nicht so. Das Ding besaß keine klare Form. Es war wie schwarzer Rauch, der ständig seine Struktur veränderte. Mal wirkte es humanoid. Dann wieder langgezogen. Dann zerfaserte es vollständig und sammelte sich erneut. Und es bewegte sich. Langsam. Lebendig. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Ich trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück. Das Wesen reagierte sofort. Die schwarze Masse zuckte ruckartig in meine Richtung. Das Kraftfeld flackerte heftig auf, als etwas dagegenprallte. Gleichzeitig erklang ein tiefes verzerrtes Geräusch. Nicht mechanisch. Nicht organisch. Etwas dazwischen. Mein Herz raste jetzt völlig außer Kontrolle.
"Was zur Hölle bist du ..."
Das Wesen bewegte sich erneut. Und für einen Sekundenbruchteil glaubte ich darin etwas zu erkennen. Ein Gesicht. Unmenschlich. Dann zerfiel die Form wieder zu schwarzem Rauch. Ich spürte plötzlich, wie die Temperatur um mich herum sank. Oder zumindest fühlte es sich so an. Meine Haut zog sich zusammen. Dann knackte plötzlich der Lautsprecher der Brücke hinter mir. Ich fuhr herum. Eine verzerrte Stimme erklang. Bruchstückhaft. Alt.
"...Captain..." Ein Rauschen. "...Quarantäne..."
Dann Stille. Mein Mund war trocken geworden. Ganz langsam drehte ich mich wieder zu dem Kraftfeld um. Das Wesen hatte aufgehört sich zu bewegen. Und starrte mich an. Zumindest hatte ich das Gefühl. Obwohl es gar keine richtigen Augen besaß.

Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich zuerst konzentrieren sollte. Zu viele Dinge geschahen gleichzeitig. Das bläulich flackernde Kraftfeld vor mir vibrierte unregelmäßig und warf zitternde Lichtreflexe auf die beschädigten Metallwände der Brücke. Das dunkle Wesen dahinter bewegte sich nur minimal. Kein erneuter Angriff. Kein Versuch auszubrechen. Es hing beinahe reglos im Inneren der Kammer, als hätte es gelernt, dass jeder Kontakt mit dem Energiefeld Schmerzen bedeutete. Vielleicht hatte es sich früher dagegen geworfen. Immer wieder. Vielleicht hatte es geschrien. Vielleicht war es irgendwann einfach still geworden. Allein dieser Gedanke verursachte mir eine Gänsehaut. Ich konnte den Blick kaum von dieser schwarzen Masse lösen. Das Ding hatte keine feste Form. Kein klares Ende. Kein Anfang. Es war wie lebendige Dunkelheit. Mal wirkte es dichter, beinahe körperlich, dann zerfaserte es wieder zu rauchartigen Strängen. Und dennoch hatte ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht wie von einem Tier. Sondern wie von etwas Intelligentem. Ich wollte wissen, was es war. Woher es kam. Warum es hier eingesperrt war. Warum dieses Schiff es überhaupt transportiert hatte.
Doch plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit brutal von einem anderen Geräusch weggerissen. Ein sirrendes Summen. Leise zuerst. Dann lauter. Mechanisch. Nähern sich. Ich fuhr herum. Durch die zerstörte Türöffnung der Brücke kam ein kleiner Roboter gefahren. Dann ein zweiter. Noch einer. Innerhalb weniger Sekunden waren es fünf. Mein Herz setzte beinahe aus. Die Maschinen waren kaum größer als Hauskatzen und bewegten sich auf mehreren kleinen gelenkigen Beinen erstaunlich schnell und flüssig über den Boden. Ihre Grundform erinnerte tatsächlich an Schildkröten. Flach. Gepanzert. Kompakt. Doch aus ihren Rücken ragten mechanische Arme hervor. Werkzeuge klappten klickend aus Halterungen hervor. Schneidlaser. Greifarme. Sägeblätter. Kleine multifunktionale Manipulatoren. Autonome Einheiten. Die Worte vom Diagnosebildschirm schossen mir sofort wieder durch den Kopf. Ich wich instinktiv zurück. Die Roboter hielten direkt auf den Riss in der Wand zu. Genau dorthin, wo ich stand.
"Oh sch****."
Ohne lange nachzudenken ging ich hastig rückwärts zum Kommandostuhl und kletterte halb darauf, halb darüber hinweg, nur um Abstand zu den Maschinen zu bekommen. Der metallene Sitz knarrte leise unter meinem Gewicht. Die Roboter ignorierten mich vollkommen. Zumindest vorerst. Und genau das machte mir Angst. Ich hielt unwillkürlich die Luft an und beobachtete sie angespannt. Meine Fantasie begann sofort völlig außer Kontrolle zu geraten. Ich sah innerlich schon, wie die Maschinen plötzlich stoppten. Wie ihre Sensoren mich fixierten. Wie sie mich als Fremdkörper oder Biomüll klassifizierten. Dann würden die Werkzeuge rotieren. Die Sägen. Die Laser. Die Greifarme. Ich schluckte trocken. Die Vorstellung war so lebendig, dass mir regelrecht übel wurde. Fünf kleine Maschinen, die mich auf dem Boden fixierten und bei lebendigem Leib zerlegten. Ich schüttelte den Kopf heftig, um diese Gedanken loszuwerden. Mein Puls raste ohnehin schon schnell genug. Die Roboter schienen sich jedoch überhaupt nicht für mich zu interessieren. Stattdessen verteilten sie sich präzise um die beschädigte Wandsektion. Ihre Bewegungen wirkten beinahe unheimlich koordiniert. Kein Zusammenstoß. Kein Zögern. Kein Geräusch zu viel. Einer der Roboter projizierte ein schwaches blaues Raster über den Riss in der Wand. Ein anderer begann sofort beschädigte Metallkanten mit einem ultrafeinen Laser abzutrennen. Funken sprühten in kurzen grellen Salven durch die dunkle Brücke. Ein dritter schob neues Material aus einer internen Kammer hervor und versiegelte Leitungen, aus denen zuvor bläulicher Dampf entwichen war. Das Wesen hinter dem Kraftfeld beobachtete alles regungslos. Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein. Die Maschinen arbeiteten erschreckend effizient. Kein einziges Werkzeug bewegte sich unnötig. Es war reine Funktion. Präzision ohne Emotion. Ohne Zweifel. Terraformer. Plötzlich verstand ich wieder, warum die Menschen damals solche Angst vor ihnen bekommen hatten. Nicht weil sie laut oder brutal gewesen wären. Sondern weil sie so ruhig waren. So logisch. So vollkommen gleichgültig. Ich zwang mich den Blick von den Robotern zu lösen, als direkt unter mir ein Piepen erklang.
Der Kommandostuhl. Die Anzeigen vor mir hatten sich verändert. Die Systemdiagnose war abgeschlossen. Mehrere neue Fenster öffneten sich auf den Monitoren. Teilweise flackernd. Teilweise stabil. Daten liefen in langen Reihen über die Bildschirme. Manche Begriffe verstand ich sofort. Andere wirkten altmodisch oder technisch veraltet. Ich strich mir über das Gesicht und versuchte mich zu konzentrieren.
SCHIFFSZUSTAND: KRITISCH.
STRUKTURELLE INTEGRITÄT: 41%.
MIKRORISSE: 184.992.
REAKTORSTABILITÄT: 63%.
THERMISCHE PANZERUNG BESCHÄDIGT.
LEITUNGSSYSTEME TEILWEISE BLOCKIERT.
DRUCKSEKTIONEN OFFLINE.
AUTONOME REPARATUREINHEITEN AKTIV.
Die Liste scrollte immer weiter. Und weiter. Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog. Dieses Schiff hätte eigentlich längst tot sein müssen. Doch es lebte noch. Irgendwie. Wie ein sterbendes Tier, das sich weigerte endlich zusammenzubrechen. Ich sah auf eine schematische Darstellung des Schiffes. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie riesig es eigentlich war. Ganze Sektionen waren schwarz markiert. Tot. Andere blinkten rot oder gelb. Aber einige Bereiche leuchteten stabil blau. Aktiv. Energieversorgung. Teile der Sensorik. Interne Produktionseinheiten. Lebenserhaltung in ausgewählten Sektoren. Und dann fiel mein Blick auf einen anderen Eintrag.
BIOLOGISCHE QUARANTÄNE AUFRECHTERHALTEN.
Mein Nacken verspannte sich sofort. Langsam drehte ich den Kopf zurück zu der reparierten Wandsektion. Die Roboter waren inzwischen fast fertig. Neue Metallplatten verschlossen den Riss Stück für Stück. Das Kraftfeld dahinter stabilisierte sich sichtbar und leuchtete nun gleichmäßig. Das Wesen war bald wieder vollständig versiegelt. Vielleicht für immer. Ich wusste nicht, warum mich dieser Gedanke plötzlich so beschäftigte. Vielleicht weil das Ding trotz allem nicht wie ein Monster wirkte. Eher wie ein Gefangener. Ein sehr gefährlicher vielleicht. Aber dennoch ein Gefangener. Die kleinen Roboter fuhren schließlich gleichzeitig zurück. Ihre Werkzeuge klappten ein. Einer nach dem anderen verließen sie summend die Brücke, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Erst als der letzte verschwunden war, merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Schultern angespannt gehabt hatte.
Langsam atmete ich aus. Die Brücke wurde wieder still. Nur das tiefe Summen alter Systeme blieb zurück. Und das leise pulsierende Geräusch des Kraftfeldes. Ich blickte erneut auf die Anzeigen vor mir. Dann wieder auf das Wesen. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie absurd meine Situation eigentlich war. Ich saß auf der Brücke eines uralten Terraformerschiffes. Unter einem Splitplaneten. Neben einer eingesperrten lebenden Schattenkreatur. Während autonome Maschinen das Schiff reparierten. Und irgendwo da draußen warteten meine Familie und mein altes Leben auf mich. Für einen kurzen Moment musste ich trocken lachen. Nicht weil etwas lustig gewesen wäre. Sondern weil mein Gehirn langsam Schwierigkeiten bekam zu akzeptieren, dass das alles real war.

Ich saß noch immer im Kommandostuhl, während die bläulichen Anzeigen der Brücke mein Gesicht in kaltes Licht tauchten. Der metallene Rahmen des Sitzes vibrierte ganz leicht unter mir. Nicht unangenehm. Eher wie ein riesiges Tier, dessen Herz irgendwo tief im Inneren langsam wieder zu schlagen begann. Das uralte Terraformerschiff lebte noch. Verletzt. Verstümmelt. Halb tot. Aber lebendig. Meine Finger glitten vorsichtig über die holografischen Menüs, die vor mir schwebten. Die Anzeigen reagierten erstaunlich präzise auf meine Bewegungen. Manche Symbole waren fremd. Andere wirkten beinahe erschreckend vertraut. Terranische Schriftzeichen. Alte Syntax. Militärische Strukturierung. Ich hatte das Gefühl direkt in die Vergangenheit zu sehen. Oder besser gesagt in eine Vergangenheit, die niemals wirklich vergangen war. Das Schiff hatte mich fälschlicherweise zum Captain erklärt. Und ich nutzte das schamlos aus. Ich scrollte tiefer in die Datenbanken hinein. Untermenüs öffneten sich. Alte Protokolle. Navigationsarchive. Diagnoseberichte. Kommunikationsdaten. Vieles war beschädigt oder fragmentiert, doch genug war erhalten geblieben, um langsam ein Bild entstehen zu lassen. Dieses Schiff war alt. Nicht einfach nur alt. Es gehörte zur ersten Generation der Terraformerflotten. Die ersten Schiffe, die jemals die Erde verlassen hatten. Mir wurde plötzlich bewusst, wie gewaltig dieser historische Moment eigentlich war. Ich saß auf einem Schiff, das gestartet war, als die Menschheit gerade erst begonnen hatte die Sterne ernsthaft zu kolonisieren. Lange bevor die Terraformerkriege begonnen hatten. Lange bevor aus ihnen die Xenon geworden waren. Ich suchte gezielt nach dem Updateverzeichnis. Mein Herz schlug schneller, als das entsprechende Menü erschien. Dann starrte ich auf die Anzeige. Leer. Vollständig leer. Keine installierten Updates. Keine neuen Kernelversionen. Keine Modifikationen. Nichts. Für einen Moment verstand ich nicht, was ich da eigentlich sah. Dann traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.
"Du hast es nie erhalten ..."
Ich sprach leise. Mehr zu mir selbst als zu irgendwem sonst. Dieses Schiff hatte niemals das fehlerhafte Update bekommen. Nicht jenes Update, das die Terraformer in die Xenon verwandelt hatte. Ich sackte leicht im Sitz zurück und spürte zum ersten Mal seit längerer Zeit echte Erleichterung. Nicht vollständige Sicherheit. Dafür war die Situation viel zu absurd. Aber wenigstens musste ich offenbar nicht befürchten, mitten in einem aktiv werdenden Xenonschiff zu sitzen. Zumindest hoffte ich das. Zeit verging. Wie viel wusste ich nicht. Die Atmosphäre der Brücke verschluckte jedes Gefühl für Stunden. Das schwache Summen der Systeme, das gelegentliche Knacken alter Metallstrukturen und das flackernde Licht erzeugten eine beinahe hypnotische Wirkung. Irgendwann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Bewegung. Die kleinen Reparaturroboter waren zurückgekehrt. Diesmal erschrak ich nicht mehr ganz so stark. Trotzdem blieb ein unangenehmes Ziehen in meinem Bauch zurück, als sie geräuschlos über den Boden glitten. Es mussten andere Einheiten sein als zuvor. Oder vielleicht dieselben. Ich konnte sie nicht auseinanderhalten. Wieder klappten Werkzeuge aus ihren Rücken hervor. Kleine Schweißlaser zeichneten glühende Linien über beschädigte Konsolen. Andere Einheiten ersetzten Kabel oder versiegelten feine Risse in den Wänden. Sie arbeiteten vollkommen lautlos zusammen. Fast. Nur ein feines Surren war zu hören. Mechanisch. Gleichmäßig. Präzise. Sie ignorierten mich weiterhin komplett. Ich fragte mich unwillkürlich, wie viele dieser autonomen Einheiten sich wohl noch im Schiff befanden. Zehn? Hundert? Tausende? Der Gedanke gefiel mir nicht besonders.
Doch meine Aufmerksamkeit lag längst wieder auf den Datenarchiven. Ich rekonstruierte Stück für Stück die Reisegeschichte des Schiffes. Das Solsystem war als System Null klassifiziert worden. Die Erde. Der Ursprung. Von dort aus waren die Terraformerflotten aufgebrochen. Nicht chaotisch. Nicht zufällig. Sondern systematisch. Perfekt organisiert. Jedes neue Sonnensystem erhielt eine numerische Kennung. Die Reihenfolge entsprach exakt der chronologischen Entdeckungsroute. Und je tiefer ich in die Navigationsdaten einstieg, desto größer wurden meine Augen. Es waren unglaublich viele Systeme. Hunderte. Nein. Tausende. Die Terraformer hatten sich spiralförmig von der Erde aus ausgebreitet. Wie konzentrische Suchmuster. Immer weiter. Immer weiter hinaus in die Dunkelheit. Dabei hatten sie kartografiert. Analysiert. Bewertet. Und nur wenige Welten tatsächlich als terraformbar eingestuft. Plötzlich verstand ich, wie gigantisch das ursprüngliche Terraformerprojekt gewesen war. Die Menschheit hatte nicht einfach ein paar Schiffe ausgesandt. Sie hatte versucht die gesamte nähere Galaxie systematisch zu erschließen.
Ich öffnete Kommunikationsprotokolle. Die Terraformerschiffe hatten untereinander Kontakt gehalten. Regelmäßig. Ständig. Doch die Kommunikation wirkte seltsam steril. Keine Persönlichkeit. Keine Individualität. Kein freier Austausch. Nur Fakten. Messwerte. Atmosphärendaten. Planetare Zusammensetzungen. Routen. Effizienzberichte. Es war reine Maschinenkommunikation. Keine Intelligenz im eigentlichen Sinne. Nur die kompromisslose Erfüllung ihres Imperativs: Finde geeignete Welten. Mache sie erdähnlich.
Ich fand alte Funkprotokolle mit anderen Flotten. Nachrichtendrohnen. Langstreckenübertragungen. Berichte über tote Systeme. Ungeeignete Atmosphären. Strahlungswerte. Biosphären. Aber nirgends fand ich Hinweise auf Softwareupdates. Kein einziges Mal. Langsam begann ich zu begreifen, dass der Xenon-Kollaps vermutlich nicht überall gleichzeitig stattgefunden hatte. Manche Flotten mussten abgeschnitten worden sein. Verloren gegangen. Vergessen. Wie diese hier. Ich hob langsam mein Armband an und aktivierte die kleine Sternenkarte, die ich gespeichert hatte. Eigentlich war sie lächerlich simpel. Einige bekannte Systeme. Handelsrouten. Nichts Besonderes. Son'ra. Königstal. Ianamus Zura. Presidents End. Sol. Ein paar weitere. Ich spielte die Daten auf das Terraformerschiff. Sekundenlang geschah nichts. Dann begann das System die Daten zu verifizieren.
SOL - SYSTEM 0.
BESTÄTIGT.
Kein Wunder. Doch plötzlich erschienen bei weiteren numerischen Einträgen Namen. Ich starrte auf den Hauptbildschirm.
Alpha Centauri - Brennans Triumph
Altair - Argon Prime
Sirius - Heimat des Lichts
Vega - Omicron Lyrae
Procyon - Presidents End
Immer mehr Namen erschienen. Mein Herz schlug schneller.
"Woher kennst du diese Namen ..."
Das Schiff hätte diese modernen Bezeichnungen gar nicht kennen dürfen. Die Terraformer hatten nur numerische Klassifikationen verwendet. Ich runzelte die Stirn und suchte fieberhaft nach der Ursache. Dann fiel mein Blick auf die Kommunikationssektion. Mein Magen zog sich sofort zusammen. Langsam stand ich auf und ging hinüber. Die metallenen Bodenplatten knirschten leise unter meinen Stiefeln. Mehrere Monitore zeigten aktive Verbindungsversuche an. Externe Datenbanken. Netzwerkschnittstellen. Protokollanalysen. Mein Puls beschleunigte sich augenblicklich. Das Schiff hatte versucht Kontakt aufzunehmen. Mit dem Split Krieger-Netzwerk. SKN. Doch dort waren sämtliche Verbindungsversuche fehlgeschlagen. Inkompatible Syntax. Verschlüsselungsfehler. Abbruch. Aber eine andere Verbindung war grün markiert. Aktiv. Stabil. Meine Kehle wurde trocken.
UNBEKANNTE MENSCHLICHE KORVETTE IDENTIFIZIERT.
DATENAUSTAUSCH AKTIV.
Für einen Moment hörte ich nichts mehr außer meinem eigenen Herzschlag. Die Springblossom im Orbit. Sie war nicht als aldrianischmarkiert worden, sondern als menschlich. Das Terraformerschiff stammte aus einer Zeit lange vor der Entstehung Aldrins als isolierte Zivilisation. Es kannte weder den Begriff "aldrianisch" noch die Springblossom-Klasse. Für das Schiff war nur relevant, dass es sich um menschliche Technologie beziehungsweise ein menschliches Schiff handelte. Die genaue kulturelle Herkunft konnte es nicht korrekt einordnen. Das Terraformerschiff kommunizierte mit der verdammten Korvette. Und plötzlich wurde mir klar, was das bedeutete. Dieses uralte Schiff hatte nicht einfach nur Zugriff auf alte Datenbanken. Es lernte. Es analysierte moderne Systeme. Moderne Sprache. Moderne Netzwerke. Und ich hatte ihm gerade die Tür dafür geöffnet.

Ich starrte weiterhin auf die Kommunikationsanzeigen und wartete angespannt darauf, dass irgendetwas geschah. Ein neuer Verbindungsversuch. Eine Warnmeldung. Irgendein Hinweis darauf, dass ich gerade einen katastrophalen Fehler begangen hatte. Doch nichts dergleichen passierte. Die Verbindung blieb für einige Sekunden stabil bestehen. Datenpakete liefen über den Bildschirm. Alte terranische Protokolle. Identifikationsroutinen. Handshakes. Prüfungen. Dann plötzlich brach die Verbindung ab. Nicht vom Terraformerschiff. Von der anderen Seite. Ich blinzelte überrascht und sah genauer hin. Mehrere rote Hinweise erschienen kurz auf dem unteren Rand der Anzeige, bevor sie wieder verschwanden.
VERBINDUNG EXTERN GETRENNT.
SICHERHEITSPROTOKOLL AKTIV.
Ich atmete langsam aus und lehnte mich leicht zurück. Offenbar hatte die Besatzung der Korvette reagiert. Wahrscheinlich hatte irgendein System plötzlich versucht auf ihre Datenbanken zuzugreifen und sofort Alarm ausgelöst. Vielleicht hatte die Bord-KI die Verbindung gekappt. Der Gedanke beruhigte mich etwas. Das Terraformerschiff hatte nicht versucht sich selbst zu verbessern oder umzuprogrammieren. Zumindest fand ich keinerlei Hinweise darauf. Es aktualisierte lediglich seine Datenbanken. Es sammelte Informationen. Namen. Positionsdaten. Sprachentwicklungen. Klassifikationen. Es lernte nicht. Es erinnerte sich. Das war ein gewaltiger Unterschied. Langsam stand ich vom Kommunikationspult auf und ging zu einer anderen Station hinüber. Dort liefen weiterhin Statusanzeigen über den Zustand des Schiffes. Die Bildschirme waren nicht holografisch wie moderne Systeme, sondern bestanden aus leicht transparenten, milchig wirkenden Oberflächen, auf denen sich weiße und blaue Schriftzeichen bewegten. Manche Bereiche flackerten gelegentlich. Andere wirkten erstaunlich stabil. Ich ließ meinen Blick über das große Schiffsschema gleiten. Viele Bereiche waren noch schwarz markiert.
NICHT REPARIERBAR.
Die Worte wirkten endgültig. Fast traurig. Andere Sektionen leuchteten rot oder orange. Schwer beschädigt. Kritisch. Instabil. Doch gleichzeitig veränderten sich die Anzeigen permanent. Orange Bereiche wurden gelb. Gelbe wechselte zu helleren Farbtönen. Einige Sektionen wurden grün markiert. Ich runzelte die Stirn und trat näher heran. Die autonomen Reparatureinheiten arbeiteten offenbar ununterbrochen im gesamten Schiff. Dann fiel mir etwas Entscheidendes auf. Die Anzeigen bedeuteten nicht zwangsläufig, dass die Systeme vollständig funktionierten. Sie bedeuteten lediglich, dass die Systeme weltraumtauglich gemacht worden waren. Mein Blick wanderte zu einer Statusanzeige.
ANTRIEB: OFFLINE - STRUKTURELL FUNKTIONSFÄHIG.
ENERGIEKERN: NOTMODUS - STABIL.
HÜLLENINTEGRITÄT: 81%.
Alle Hüllenbrüche waren repariert worden. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dieses Schiff hatte über Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte still in dieser gigantischen unterirdischen Kaverne gelegen und plötzlich begann es wieder zu funktionieren. Nicht vollständig. Aber genug. Die Luft auf der Brücke roch inzwischen anders als zuvor. Weniger abgestanden. Weniger nach Staub und altem Metall. Stattdessen lag ein steriler Geruch in der Luft. Fast wie in einer Klinik. Vermutlich filterten manche Systeme inzwischen wieder die Atmosphäre. Das leise Vibrieren unter meinen Füßen war stärker geworden. Das Schiff erwachte langsam.
"Seine Funktion ..." hörte ich mich selbst leise sagen.
Die Worte hallten beinahe verloren durch die große Brücke. Ich öffnete ein erweitertes Schiffschema. Das Modell rotierte langsam vor mir in blassem blauem Licht. Erst jetzt verstand ich wirklich, was ich überhaupt vor mir hatte. Es war kein Kriegsschiff. Kein Kommandoschiff. Nicht einmal ein Terraformer im eigentlichen Sinne. Zumindest nicht so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Es war ein Saatschiff. Meine Augen wanderten über die Konstruktion. Das zentrale, scheibenförmige Segment beherbergte die Brücke, den Reaktor, die Hauptsysteme und den Antrieb. Von dort aus gingen vier lange, strahlenförmige Ausleger ab, die sich symmetrisch in den Raum erstreckten. Fast wie ein metallener Stern. Oder eine gigantische mechanische Pflanze. Die Konstruktion wirkte uralt und gleichzeitig erschreckend elegant. Nicht militaristisch. Nicht aggressiv. Sondern funktional. Ich öffnete die Daten der Auslegersektionen. Dann stockte mir der Atem. Saatgutarchive. Genbanken. Ökologische Datenspeicher. Millionen genetischer Datensätze. Nicht nur Pflanzen. Auch Tiere. Keine großen Lebensformen. Keine Raubtiere. Keine komplexen Organismen. Sondern grundlegende Bestandteile funktionierender Ökosysteme. Bestäuber. Bodenorganismen. Mikrofauna. Kleine aquatische Lebensformen. Algen. Pilze. Bakterienkulturen. Alles, was notwendig war, um eine stabile Biosphäre aufzubauen. Die Terraformer hatten nicht einfach Planeten umgeformt. Sie hatten komplette Ökologien erschaffen. Mir wurde plötzlich bewusst, wie unfassbar ambitioniert dieses Projekt gewesen war. Die Menschheit hatte damals nicht einfach neue Welten besiedeln wollen. Sie hatte Leben selbst verbreiten wollen. Ich trat langsam näher an das rotierende Schiffsmodell heran. Einer der Ausleger war fast vollständig schwarz markiert. Zerstört. Ein anderer schwer beschädigt. Doch zwei Bereiche zeigten noch teilweise funktionierende Archive an.
ERBGUTARCHIVE STABIL.
KRYOSTASIS LAGEREINHEITEN TEILWEISE FUNKTIONSFÄHIG.
Meine Kehle wurde trocken.
"Das darf doch nicht wahr sein ..."
Ich stellte mir vor, was sich irgendwo tief im Inneren dieses Schiffes noch befinden könnte. Jahrtausende alte Samen. Eingefrorene DNA-Proben ausgestorbener irdischer Organismen. Vielleicht sogar komplette genetische Bibliotheken einer längst vergangenen Erde. Und plötzlich bekam der Name Schwärende Wunde eine völlig neue Bedeutung. Vielleicht war Nif'Nakh niemals eine natürliche Welt gewesen. Vielleicht hatten die Terraformer hier gearbeitet. Vielleicht hatten sie versucht diesen Planeten zu verändern. Die roten Gewässer. Die seltsamen Ökosysteme. Die aggressive Flora. Die chemischen Besonderheiten. War all das das Ergebnis eines gescheiterten Terraformingprozesses? Oder noch schlimmer: Eines unvollendeten? Ich spürte erneut dieses unangenehme Ziehen in meinem Magen. Denn falls dieses Schiff wieder vollständig aktiv wurde, dann würde es vielleicht genau dort weitermachen, wo es vor unzähligen Jahrhunderten aufgehört hatte.

Ich stand noch immer vor der zentralen Kommandokonsole und spürte dabei dieses unangenehme Kribbeln in meinen Händen, das immer dann auftauchte, wenn mein Gehirn versuchte gleichzeitig zu viele Möglichkeiten durchzudenken. Die Brücke war inzwischen heller geworden. Nicht deutlich, aber genug, dass die langen Schatten der Konsolen nicht mehr ganz so bedrohlich wirkten wie zuvor. Überall liefen Anzeigen. Datenströme. Statusmeldungen. Manche in uraltem Terranisch. Andere bestanden nur aus Zahlenkolonnen und technischen Kürzeln. Das Schiff hatte mich vollständig akzeptiert. Nicht teilweise. Nicht eingeschränkt. Vollständig. Ich musste weder Codes eingeben noch irgendwelche Sicherheitsmechanismen umgehen. Meine DNA allein genügte. Immer wieder musste ich daran denken, wie gefährlich das eigentlich war. Die Menschen der frühen Terraformerära hatten ihre Maschinen offenbar so konstruiert, dass sie Menschen grundsätzlich vertrauten. Ein Fehler, der beinahe die gesamte Menschheit ausgelöscht hatte. Langsam setzte ich mich wieder in den Kommandostuhl. Das Material fühlte sich überraschend weich an. Nicht gepolstert wie moderne Sitze, sondern eher flexibel. Fast organisch. Als würde sich das Material minimal an meinen Körper anpassen. Vor mir schwebten mehrere transparente Bedienfenster. Ich bewegte vorsichtig meine Hand hindurch und öffnete die primären Kommandoroutinen.
"Systembefehl." sagte ich leise.
Die Konsole reagierte sofort.
AUTORISIERUNG BESTÄTIGT.
"Schiff verbleibt im Standby-Modus."
Mehrere Anzeigen wechselten ihre Farbe. Ein sanftes Summen ging durch die Brücke. Dann erschienen neue Hinweise.
AKTIVE EXPANSIONSROUTINEN DEAKTIVIERT.
AUTONOME TERRAFORMINGPROTOKOLLE PAUSIERT.
STANDBY-MODUS AKTIV.
Ich atmete etwas ruhiger aus. Zumindest dieses Schiff würde vorerst nichts unternehmen. Doch dann wanderte mein Blick wieder zu der planetaren Übersicht von Nif'Nakh. Und mein Magen zog sich erneut zusammen. Über den gesamten Planeten verteilt befanden sich Markierungen. Dutzende. Nein. Hunderte. Unterirdische Signaturen. Manche blinkten rot und waren als vollständig zerstört gekennzeichnet. Andere zeigten instabile Energiesignaturen. Wieder andere leuchteten schwach gelb.
NOTFALLMODUS AKTIV.
Ich spürte wie mir langsam heiß wurde.
"Nein ..."
Meine Stimme klang kaum mehr als ein Flüstern. Das hier war kein einzelnes abgestürztes Schiff. Nif'Nakh war voller Terraformerwracks. Wie ein gigantischer Friedhof uralter Maschinen. Ich vergrößerte die Karte weiter. Die unterirdischen Punkte verteilten sich über den gesamten Planeten. Manche tief unter Gebirgen. Andere unter Seen oder Dschungelregionen. Und viele davon antworteten noch. Langsam streckte ich meine Hand nach einem der Symbole aus. Ein kleines Menü öffnete sich.
STATUS: NOTBETRIEB.
REAKTORKERN STABIL.
AUTONOME REPARATUR EINGESCHRÄNKT.
KONTAKT VERFÜGBAR.
Ich schluckte trocken. Dann aktivierte ich die Verbindung. Es dauerte nur Sekunden. Eine primitive Antwort erschien.
IDENTITÄT MENSCHLICHER CAPTAIN BESTÄTIGT.
BEFEHLE ERWARTET.
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Diese Schiffe warteten seit Jahrzehnten. Vielleicht Jahrhunderten. Und jetzt gehorchten sie mir. Ich schloss kurz die Augen und massierte mir mit zwei Fingern die Stirn. Mein Kopf begann zu schmerzen. Zu viele Gedanken gleichzeitig. Zu viele Konsequenzen. Ich befahl mehreren Schiffen ebenfalls in den Standby-Modus zu wechseln. Die Befehle wurden sofort akzeptiert. Doch kaum hatte ich das getan, wurde mir klar, dass das keine Lösung war. Überhaupt keine. Die Split würden die Schiffe irgendwann finden. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Sie würden sie auseinandernehmen. Untersuchen. Reverse Engineering betreiben. Und die Split waren nicht dumm. Brutal vielleicht. Direkt. Manchmal irrational. Aber keineswegs unintelligent. Vor allem nicht unter Hatrak. Doch genau das machte mir Angst. Denn Hatrak würde nicht ewig leben. Irgendwann würde jemand anderes herrschen. Jemand Ehrgeizigeres. Grausameres. Jemand, der die Technologie nicht nur verstehen, sondern benutzen wollte. Meine Gedanken begannen zu rasen. Terraformertechnologie in den Händen eines aggressiven Split-Imperiums. Der Gedanke war absurd genug, um ganze Sternennationen zu destabilisieren. Und dann fand ich die Selbstzerstörungsprotokolle. Ich erstarrte. Das Menü war tief verborgen. Mehrfach gesichert. Aber mein Status als Captain öffnete selbst diese Bereiche ohne Widerstand.
SELBSTNEUTRALISIERUNGSPROTOKOLL.
PLANETARE KONTAMINATIONSPRÄVENTION.
Ich starrte lange auf die Anzeige. Mein Finger schwebte über den Befehlsoptionen. Sollte ich es tun? Sollte ich all diese Schiffe vernichten? Mein Herz schlug unangenehm hart gegen meine Brust. Nein. Nicht ohne zu wissen, was passieren würde.
"Sicherheitssimulation starten." sagte ich schließlich.
Die Konsole reagierte augenblicklich.
PLANETARE ANALYSE WIRD DURCHGEFÜHRT.
Mehrere Hologramme erschienen vor mir. Nif'Nakh rotierte langsam im Raum. Dann erschienen unterirdische Druckwellen. Temperaturverteilungen. Atmosphärische Berechnungen. Und das Ergebnis ließ mich tief durchatmen. Verwüstung. Aber keine planetare Auslöschung. Die Selbstzerstörung arbeitete nach zwei Prinzipien gleichzeitig. Zuerst Explosion. Dann Implosion. Ich verstand nur langsam, was ich da eigentlich sah. Die Terraformerschiffe waren im Grunde gigantische Vakuumbomben. Nicht primär als Waffen gedacht. Sondern vermutlich als letzte Sicherheitsmaßnahme, um biologische oder technologische Kontaminationen zu verhindern. Die thermobare Reaktion wäre enorm gewesen. Aber da sich die meisten Schiffe tief unter der Oberfläche befanden, würden große Teile der Druckwellen unterirdisch bleiben. Es gäbe Erdbeben. Einstürze. Vielleicht würden ganze Regionen absacken. Unterirdische Hohlräume kollabieren. Doch Nif'Nakh würde nicht auseinanderbrechen. Zumindest wahrscheinlich nicht. Ich ließ die Simulation mehrfach laufen. Mit unterschiedlichen Parametern. Manche Szenarien waren schlimmer als andere. Einige Gebiete würden vernichtet werden. Andere kaum betroffen sein. Ganze Dschungelregionen würden kollabieren. Unterirdische Lavakammern könnten aufbrechen. Und trotzdem ... Es wäre kontrollierbar. Mein Blick blieb an einem einzelnen Satz hängen.
LANGFRISTIGE TECHNOLOGISCHE KONTAMINATION: ELIMINIERT.
Ich spürte wie sich mein Magen erneut zusammenzog. Das war es also. Die Entscheidung. Ich saß auf einem uralten Schiff der ersten Terraformerflotten und hatte gerade die Möglichkeit entdeckt sämtliche noch existierenden Terraformerschiffe auf diesem Planeten endgültig auszulöschen. Oder sie bestehen zu lassen. Vielleicht rettete ich damit zukünftige Generationen. Vielleicht vernichtete ich gerade unbezahlbares Wissen der Menschheitsgeschichte. Meine Hände zitterten leicht. Nicht aus Angst. Sondern wegen der Verantwortung. Und das Schlimmste daran war: Es gab niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.

Ich starrte noch immer auf die Simulationen, die langsam aus dem zentralen Hologramm verschwanden, während die letzten Parameterberechnungen durchliefen. Das Licht der Brücke war kälter geworden, oder es kam mir nur so vor, weil mein eigenes Empfinden sich verschob. Die Anzeigen spiegelten sich in der leicht transparenten Oberfläche des Kommandopults, ein Netz aus blauen Linien, roten Warnsymbolen und gelb flackernden Statuspunkten, die sich wie eine zweite, technische Haut über meine Realität legten. Dann kam mir dieser Gedanke. Nicht langsam. Nicht vorsichtig. Sondern plötzlich, als hätte er sich irgendwo hinter den bekannten Optionen versteckt und wäre jetzt einfach nach vorne gefallen. Was, wenn ich sie nicht zerstörte, sondern sie ihrem Zweck zuführte? Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Meine Hand, die noch über einem Befehlsfeld schwebte, verharrte reglos in der Luft. Die Idee war absurd genug, um sie sofort wieder zu verwerfen, aber gleichzeitig klar genug formuliert, um nicht einfach zu verschwinden. Terraformerschiffe. Saatschiffe. Maschinen, die gebaut worden waren, um Welten zu verändern. Und hier lagen sie. Teilaktiv. Fragmentiert. Aber noch existent. Was, wenn sie nicht hier bleiben mussten? Was, wenn ich sie hinaus schickte? Ich richtete mich langsam auf, während mein Blick wieder über die planetare Übersicht wanderte. Nif'Nakh lag dort wie ein verletzter Körper unter einer dünnen Schicht aus Datenpunkten. Ghus-Tan war der einzige sichtbare Bezugspunkt auf der Oberfläche, ein kleiner, geordneter Fleck inmitten dieser unterirdischen Ansammlungen von Maschinenleichen. Aber wohin überhaupt? Die Frage traf mich härter als die Idee selbst. Ich öffnete das Navigationssystem. Meine Finger bewegten sich ohne wirkliches Nachdenken durch die Menüs. Zielsuche: Presidents End. Ich erinnerte mich an die Berichte. Khaak-Angriffe. Zerstörte Infrastruktur. Ein System, das noch immer Narben trug. Trantor. Ein Planet, der in den alten Datenbanken als teilweise instabil geführt wurde. Ich gab die Route ein. Das System begann sofort zu rechnen. Die Darstellung wechselte von Nif'Nakh zu einer weit ausgedehnten Sternenkarte. Linien zogen sich durch den Raum, brachen ab, berechneten alternative Korridore. Dann erschienen Zeitangaben.
REISEZEIT: 43 JAHRE MINIMUM.
VARIABEL BIS: 180+ JAHRE.
UNSICHERHEIT: HOCH.
Ich starrte auf die Zahlen. Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Und das war nur die Reise. Ohne Ereignisse. Ohne Kollisionen. Ohne ionische Stürme, die die Systeme beschädigen konnten. Ohne Meteorschwärme, die einzelne Einheiten aus der Formation reißen würden. Mein Hals fühlte sich plötzlich trocken an. Und dann fiel mir etwas anderes ein. Warum waren sie überhaupt hier abgestürzt? Ich wechselte in das Archiv der Flotte. Die Daten öffneten sich langsamer als die anderen Systeme, als müsste selbst die Maschine kurz überlegen, wie weit sie überhaupt zurückgehen durfte. Dann erschienen die Protokolle.
ERSTKONTAKT SCANPHASE.
PLANETARISCHE ANALYSE.
KATEGORIE ERDÄHNLICH. AUSREICHENDE BIODIVERGENZ.
KEINE TERRAFORMUNG ERFORDERLICH.
Ich las weiter. Dann änderte sich der Verlauf abrupt.
PLASMASTURM DETEKTIERT.
EXTREME ENERGIEENTLADUNG.
SYSTEMÜBERLASTUNG.
KETTENREAKTIONEN INNERHALB DER FLOTTE.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Schiffe kollidierten. Systeme fielen aus. Kommunikation brach zusammen. Und dann:
SOS-SIGNAL SENDENDE EINHEITEN.
ANTWORT: KEINE.
Hilfe war nie gekommen. Ich schloss für einen Moment die Augen. Der Gedanke formte sich nicht als einzelner Plan, sondern als Abfolge von Entscheidungen, die sich gegenseitig fast automatisch ergaben. Ich öffnete wieder die Systemübersicht. Die unterirdischen Einheiten. Die beschädigten Schiffe. Die noch aktiven Notfallmodule. Ich begann Befehle zu geben. Ohne wirklich innezuhalten.
SELBSTZERSTÖRUNG: AKTIVIEREN.
Dann die nächste Gruppe.
STARK BESCHÄDIGTE EINHEITEN: KOLLISIONSROUTINE MIT ZIELEN DER KATEGORIE ZERSTÖRT.
Der Computer bestätigte jeden Befehl ohne Verzögerung. Ich wechselte weiter durch die Liste. Und während ich das tat, begann sich das System zu verändern. Statusmeldungen aktualisierten sich. Startsequenzen wurden vorbereitet. Energieverteilungen verschoben sich tief unter der Oberfläche von Nif'Nakh. Und dann hörte ich es. Ein tiefes, mechanisches Dröhnen, das nicht von der Brücke selbst kam, sondern von irgendwo darunter. Als würde das ganze Schiff langsam in eine neue Phase übergehen. Ich erstarrte. Die Realität meines Handelns holte mich ein, nicht als Gedanke, sondern als physischer Zustand. Die Schotten begannen sich zu schließen. Überall auf der Brücke bewegten sich mechanische Verriegelungen in Position.
STARTSEQUENZ AKTIV.
SYSTEMZUSTAND: REAKTIVIERUNG GESAMTFLOTTE.
Ich machte einen Schritt zurück. Dann noch einen. Ich hätte den Vorgang abbrechen können. Das System ließ mir diese Möglichkeit. Aber mein Kopf war bereits überladen. Zu viele Variablen. Zu viele Konsequenzen. Die Gedanken überschlugen sich. Die Split. Die Wracks. Die Tiere. Die Ökosysteme. Die Ghok waren mir egal, das war ein klarer, fast instinktiver Gedanke, aber bei den anderen Lebensformen war es anders. Drachenfliegen. Lungenfische. Die seltsamen unterirdischen Organismen, die sich an diese Welt angepasst hatten. Ich öffnete den Mund, aber es kam kein Befehl mehr heraus. Mein Blick sprang zwischen den Anzeigen hin und her. Und ich verstand zu spät, dass ich bereits entschieden hatte. Nicht bewusst. Sondern durch Handlung. Die ersten Einheiten begannen sich zu bewegen. Langsam, tief unter der Oberfläche, setzten sich Strukturen in Gang, die seit Jahrzehnten stillgelegen hatten. Ich stand auf der Kommandobrücke eines uralten Saatschiffes der Menschheit und sah zu, wie eine Kette von Ereignissen begann, die ich nicht mehr vollständig kontrollieren konnte. Und das Schlimmste war nicht einmal die Bewegung selbst. Sondern der Moment danach. Als mir klar wurde, dass es keine neutrale Entscheidung mehr gab.

Das Saatschiff brach mit einem tiefen, vibrierenden Ruck durch die Oberfläche von Nif'Nakh, als würde der Planet selbst einen Teil seines Inneren freigeben wollen. Die Brücke bebte unter mir, während sich die gesamte Struktur in einem langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstieg befand. Unter uns riss sich der rotbraune Boden auf, Dampf und ionisierte Partikel schossen in die Atmosphäre, während sich die uralten Triebwerke tief im Inneren des Schiffes mit einem heiseren, fast organischen Dröhnen stabilisierten. Ich klammerte mich an die Konsole, als das Schiff weiter beschleunigte. Dann sah ich es. Über den externen Sensoren formierten sich die anderen Einheiten. Saatschiffe, Terraformer, Verteidigungsschiffe. Oder was davon noch übrig war. Einige waren beschädigt, andere nur teilweise aktiv. Sie stiegen ebenfalls auf, zogen sich aus ihren unterirdischen Positionen wie gewaltige metallische Samen, die nach Jahrhunderten wieder ans Licht gezwungen wurden. Innerhalb weniger Sekunden bildeten sie eine lose, sphärenartige Formation um das zentrale Schiff, als würden sie sich automatisch an eine uralte taktische Struktur erinnern. Mein Atem wurde flach. Ich hatte das ausgelöst. Ich verstand jetzt erst wirklich, was das bedeutete. Nicht als theoretisches Szenario. Sondern als reale, physische Konsequenz, die sich vor meinen Augen entfaltete.
Dann traf uns das erste Feuer. Ein plötzlicher Schlag riss das Schiff zur Seite. Ich verlor den Halt und wurde von der Konsole weggerissen. Mein Körper prallte hart gegen den metallischen Boden der Brücke. Der Aufprall jagte mir einen stechenden Schmerz durch die Rippen, während das Licht über mir flackerte und sich die Gravitation für einen Moment unregelmäßig anfühlte. Alarmmeldungen fluteten die Anzeigen.
EXTERNE BESCHUSSQUELLE DETEKTIERT.
SCHILDINTEGRITÄT: 87%.
Ich hob den Kopf und sah durch die transparenten Sichtfelder nach draußen. Der Orbit von Nif'Nakh war kein leerer Raum mehr. Er war ein Schlachtfeld. Die Split hatten sofort reagiert. Flak-Geschütze zeichneten helle, zuckende Linien durch die Atmosphäre. Pulsstrahler entluden sich in rhythmischen, bläulich-weißen Impulsen. Plasmawaffen explodierten in grellen, grünlich flackernden Einschlägen auf den Hüllen der TF-Schiffe. Und dann kamen die schweren Tau-Geschütze. Massive kinetische Projektile. Ich sah, wie eines der kleineren Saatschiffe getroffen wurde. Die Schilde verzerrten sich kurz wie eine gespannte Membran, dann brachen sie auf. Das Projektil riss ein Loch in die Struktur dahinter, aber der eigentliche Schaden blieb vergleichsweise lokal. Es war nicht die Energie, die zerstörte. Es war die Masse. Und plötzlich wurde mir klar, wie schlecht ich vorbereitet gewesen war. Ich hatte nur an Energie gedacht. An Plasma. An Strahlwaffen. Nicht an kinetische Durchschlagskraft. Mein Blick sprang zwischen den Anzeigen hin und her, während sich die Formation der Schiffe langsam anpasste. Einige begannen Ausweichmanöver, andere verstärkten ihre Schilde, wieder andere leiteten Energie in die Antriebe um. Ich hatte keine Kontrolle mehr im klassischen Sinn. Nur noch Einfluss.
Dann sah ich die Korvette. Die aldrianische Einheit im Orbit. Menschlich klassifiziert vom System. Ich erinnerte mich daran, wie absurd diese Fehlklassifikation war, aber jetzt hatte ich keine Zeit darüber nachzudenken. Sie war nah genug, um in Reichweite zu sein. Eine Idee schoss durch meinen Kopf, so klar und scharf, dass sie fast weh tat. Ich richtete mich halb auf, ignorierte den Schmerz in meiner Seite, und aktivierte die gerichtete Kommunikation. Ich verschlüsselte die Nachricht auf engste Bandbreite, zielte direkt auf die Korvette.
"HOLT MICH HIER RAUS!"
Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Zu hoch. Zu angespannt. Ich wusste nicht, wer dort oben antworten würde. Valen? Vielleicht sogar jemand, den ich noch nie gesehen hatte. Aber ich wusste, dass sie mich gehört hatten. Dann wandte ich mich wieder den internen Systemen zu. Navigationssektion. Ich zwang meine Hände, ruhig zu bleiben, während ich Befehle eingab. Volle Energieumleitung. Antrieb auf Maximum. Alle nicht essentiellen Systeme abgeschaltet oder reduziert. Schildfokus auf Vorwärtsrichtung. Die Reaktion des Schiffes war unmittelbar. Ein tiefes, mechanisches Heulen ging durch die gesamte Brücke. Die Luft vibrierte, als sich Energiekanäle neu ausrichteten. Ich spürte es nicht nur, ich hörte es in den Knochen.
Und dann, irgendwo tief unter mir, ein anderes Geräusch. Ein Kreischen. Hochfrequent. Lebendig. Ich erstarrte. Die Quarantäne. Ich hatte sie vergessen. Die Energieumleitung hatte offenbar mehrere Schutzsysteme gleichzeitig deaktiviert. Systeme, die nicht nur technische Prozesse isolierten, sondern auch etwas anderes. Etwas, das in dem Schiff eingeschlossen gewesen war. Mein Blick glitt instinktiv zurück zu der beschädigten Wandsektion, die ich zuvor gesehen hatte. Das Kraftfeld war instabil geworden. Die bläuliche Struktur flackerte in unregelmäßigen Intervallen, als würde etwas dahinter gegen die Grenzen der Realität drücken.
"Verdammt …"
Ich flüsterte es nur. Dann kam Bewegung. Schnell. Unnatürlich schnell. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um etwas Dunkles zu sehen, das sich aus dem flackernden Kraftfeld löste. Kein klarer Körper. Keine feste Form. Eher eine Verdichtung von Schatten, die sich gegen das Licht selbst zu wehren schien. Es bewegte sich nicht wie ein Tier. Nicht wie eine Maschine. Eher wie ein Gedanke, der physisch geworden war. Ich wollte zurückweichen, aber meine Beine reagierten zu langsam. Das Wesen war bereits da. Direkt vor mir.
Und dann flüsterte ich, ohne es zu wollen: "Dich hab ich ja ganz vergessen …"
Der Satz endete nicht mehr wirklich. In dem Moment, in dem ich ihn aussprach, löste sich die Distanz zwischen mir und dem Wesen vollständig auf. Ich sah noch einmal nach draußen. Für einen einzigen Sekundenbruchteil. Die Oberfläche von Nif'Nakh war ein einziges Chaos aus Licht und Explosionen. Dutzende Einschläge gleichzeitig. Als würde der Planet selbst aufreißen. Dann verschwand mein Bewusstsein.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 52 - Auslöschung

Als ich die Augen öffnete, glaubte ich zuerst tot zu sein. Nicht sofort. Nicht mit einem plötzlichen Verständnis. Sondern langsam, tastend, als würde mein Gehirn sich erst vorsichtig an diesen Gedanken heranwagen. Vor mir lag das All. Endlos. Schwarz. Und gleichzeitig voller Licht. Sterne funkelten in unvorstellbarer Entfernung. Manche kalt weiß. Andere leicht bläulich oder schwach rötlich. Einige wirkten winzig und scharf wie Nadelspitzen, während andere einen weichen Schleier um sich hatten. Es gab keine Atmosphäre, die ihr Licht verzerrte. Keine Luft. Keine Geräusche. Keine Wärme. Nur Leere. Absolute Leere. Für einen Moment konnte ich gar nicht begreifen, was ich sah. Mein Verstand versuchte verzweifelt irgendeinen Bezugspunkt zu finden. Die Brücke. Das Schiff. Eine Wand. Irgendetwas. Doch da war nichts. Nur das All. Dann kam die Erkenntnis wie ein Schlag. Das Saatschiff war zerstört worden. Ich musste hinausgeschleudert worden sein. Ins Vakuum. Mein Herz setzte gefühlt einen Moment aus. Instinktiv wollte ich Luft holen, doch ich hielt inne. Panik schoss durch meinen Körper. Erinnerungen an alte Filme und Serien tauchten in meinem Kopf auf. Menschen, die im Weltall starben. Platzende Lungen. Gefrierende Körper. Blut, das zu kochen begann, weil der Druck fehlte. Ich erinnerte mich an wissenschaftliche Diskussionen darüber. Dass man im Vakuum nicht sofort explodierte, aber dennoch starb. Sauerstoffmangel. Gewebeschäden. Die Flüssigkeiten im Körper begannen zu sieden. Ich wartete darauf. Auf den Schmerz. Auf das Brennen. Auf die Bewusstlosigkeit. Sekunden vergingen. Nichts passierte. Ich spürte keine platzenden Organe. Keine Schmerzen. Nicht einmal Kälte. Verwirrt bewegte ich meine Finger. Sie reagierten normal. Langsam hob ich eine Hand vor mein Gesicht. Die Haut sah unverändert aus. Kein Frost. Keine Verfärbungen. Nicht einmal das unangenehme Spannungsgefühl fehlenden Luftdrucks. Mein Herz raste jetzt nicht mehr nur vor Angst, sondern vor völliger Verwirrung. Das war unmöglich. Dann machte ich etwas vollkommen Irrationales. Ich atmete ein. Tief. Die Bewegung war zuerst zögerlich, fast vorsichtig. Als würde ich erwarten, dass meine Lungen sofort kollabierten. Doch stattdessen strömte Luft hinein. Kühle Luft. Ich riss die Augen auf. Und atmete erneut. Es funktionierte. Ich konnte atmen. Im Vakuum. Mein Gehirn versuchte augenblicklich Erklärungen zu finden. Halluzination. Traum. Sauerstoffmangel. Sterbevision. Ja. Das musste es sein. Ich war längst bewusstlos. Vielleicht bereits tot. Mein Gehirn erzeugte irgendeine letzte, absurde Traumlandschaft, bevor endgültig Schluss war. Dieser Gedanke beruhigte mich fast mehr als alles andere. Denn die Alternative war schlimmer. Die Alternative war, dass das hier real war. Langsam bewegte ich mich. Oder glaubte zumindest, mich zu bewegen. Ich drehte mich um die eigene Achse und erwartete sofort unkontrolliert durchs All zu taumeln. Doch auch das geschah nicht. Meine Bewegungen waren weich. Fließend. Fast elegant. Ich rotierte langsam durch die Schwärze, als würde mich etwas tragen. Es erinnerte mich an Tanz. Nicht an Schwerelosigkeit. Mein Körper fühlte sich leicht an. Nicht gewichtslos. Sondern entkoppelt. Als hätten Entfernung, Masse und Bewegung plötzlich andere Bedeutungen.
Und dann bemerkte ich etwas. Einen Schatten. Er glitt in mein Sichtfeld hinein. Zuerst langsam. Dann immer deutlicher. Und mit jeder Sekunde begriff ich weniger, was ich eigentlich ansah. Es war gigantisch. Nicht einfach groß. Gigantisch. Mein Gehirn konnte seine Dimensionen kaum erfassen, weil es keinen Vergleichspunkt gab. Doch als das Ding näher kam, wurde mir klar, dass es größer sein musste als manche Raumstationen. Der Körper war langgezogen und walzenförmig. Beide Enden rundlich. Keine sichtbaren Triebwerke. Keine Flügel. Keine klaren Strukturen, die auf Technik schließen ließen. Und trotzdem wirkte es nicht natürlich. Oder vielleicht gerade doch. Die Oberfläche war braun-schwarz, aber nicht gleichmäßig. Sie bestand aus unzähligen segmentartigen Strukturen, die aussahen wie verwittertes Gestein oder uralte Panzerplatten. Manche Bereiche wirkten rissig. Andere glatt. Wieder andere schimmerten, als läge ein dünner Ölfilm darüber. Doch das Seltsamste war das Licht. Der gesamte Körper reflektierte Farben. Nicht konstant. Sondern fließend. Wie ein Prisma. Farben glitten über seine Oberfläche, verschwanden wieder, tauchten an anderer Stelle auf. Blau. Grün. Violett. Gold. Manchmal alles gleichzeitig. Und während dieses Wesen langsam an mir vorbeizog, begann mein ganzer Körper zu vibrieren. Nicht äußerlich. Innerlich. Als würde etwas tief in meinen Knochen auf Resonanz reagieren. Mein Brustkorb summte förmlich. Selbst meine Zähne fühlten sich an, als würden sie minimal mitschwingen. Doch es war nicht schmerzhaft. Eher überwältigend. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Je näher das Wesen kam, desto stärker wurde das Gefühl, dass meine Wahrnehmung selbst instabil wurde. Entfernungen verloren Bedeutung. Für einen Moment glaubte ich, gleichzeitig direkt neben ihm und unendlich weit entfernt zu sein. Dann sah ich Details. Vertiefungen. Rillen. Strukturen, die aussahen wie gigantische Narben. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich überhaupt ein Lebewesen betrachtete. Vielleicht war es ein Schiff. Vielleicht ein Organismus. Vielleicht beides. Dann bewegte sich etwas entlang seiner Oberfläche. Kleine Lichtpunkte. Nein. Nicht klein. Nur im Vergleich zu diesem monströsen Ding. Sie glitten langsam über den Körper, verschwanden in Öffnungen, tauchten wieder auf. Manche wirkten geometrisch. Andere vollkommen chaotisch. Sofort zog sich mein Körper zusammen. Instinktiv wollte ich zurückweichen, doch es gab keinen Boden, keinen Halt, kein Oben oder Unten. Das gigantische Ding glitt weiter an mir vorbei. Und erst jetzt verstand ich wirklich, wie groß es war. Der Abschnitt, den ich bisher gesehen hatte, war nur ein kleiner Teil gewesen. Der Körper setzte sich endlos fort. Segment um Segment. Strukturen auf Strukturen. Es wirkte uralt. Älter als alles, was ich je gesehen hatte. Nicht alt im Sinne von beschädigt. Sondern alt im Sinne von Zeit selbst. Und dennoch lebendig. Die Vibrationen wurden stärker. Mein Sichtfeld begann leicht zu flimmern. Dann sah ich plötzlich etwas anderes zwischen den Sternen. Weitere Schatten. Weit entfernt. Riesig. Nicht einer. Mehrere. Langsam bewegten sie sich durch die Dunkelheit des Alls wie lautlose Kontinente aus lebendigem Stein. Und in diesem Moment verstand ich endgültig, dass ich nicht träumte.

Vielleicht war es etwas anderes. Mein Körper fühlte sich leicht an, beinahe schwerelos, und dennoch nahm ich jede einzelne Bewegung wahr. Die Kälte des Alls existierte nicht. Keine erstickende Leere. Kein Schmerz. Stattdessen umgab mich eine lautlose Schwärze, die nicht leer wirkte, sondern unendlich voll. Sterne glitzerten in gewaltigen Entfernungen wie eingefrorene Splitter aus Glas. Manche strahlten weiß, andere blau oder rötlich. Dazwischen lagen dichte Nebel aus violettem und grünlichem Staub, die sich wie langsame Strömungen durch die Dunkelheit zogen.
Dann erklang die Stimme. "Ein Won."
Ich fuhr herum. Mein Herz setzte für einen Moment aus. Direkt neben mir stand eine Gestalt. Nein, sie stand nicht wirklich. Sie existierte einfach dort, als wäre sie aus der Dunkelheit herausgeschnitten worden. Sie hatte meine Form angenommen. Meine Größe. Meine Haltung. Selbst die Bewegungen wirkten vertraut. Doch sie war vollkommen schwarz. Nicht dunkel gekleidet. Nicht schattig. Wirklich schwarz. Als würde jedes Photon von ihrer Oberfläche verschluckt werden. Kein Glanz. Keine Konturen außer jenen, die der Raum selbst ihr verlieh. Ich brauchte mehrere Sekunden, bis ich begriff, was ich da ansah. Das Wesen aus dem Terraformerschiff. Der Schatten. Mir wurde flau im Magen. Ich erinnerte mich an das Gefühl, verschlungen zu werden. An dieses unfassbare Maul aus Finsternis, das mich einfach umhüllt hatte. Und trotzdem stand ich jetzt hier. Oder schwebte. Oder träumte.
"Was bist du?" fragte ich heiser.
Die Gestalt drehte langsam den Kopf zu mir. Ihre Bewegungen wirkten vollkommen flüssig, beinahe schwerelos. Nicht biologisch. Aber auch nicht mechanisch.
"Ich bin eine Sonde."
Ich blinzelte verwirrt. "Eine Sonde?"
"Unser Volk nutzt bioenergetische Psionen, um physische Materie zu ummanteln."
Ich verstand kein einziges Wort davon. Bioenergetische Psionen? Ummanteln? Mein Kopf versuchte verzweifelt irgendeinen Sinn daraus zu formen, doch die Begriffe glitten einfach an meinem Verständnis vorbei. Während sie sprach, veränderte sich ihre Gestalt weiter. Die Oberfläche begann subtil zu flimmern. Langsam zeichneten sich Gesichtszüge ab. Meine Gesichtszüge. Die Form meiner Augen. Die Linien meines Kiefers. Sogar meine Haare wurden angedeutet, obwohl sie weiterhin wie eine schwarze Masse wirkten. Es war, als würde ich in einen Spiegel sehen, der jedes Licht verschluckte. Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Die schwarze Gestalt hob langsam den Arm und deutete in Richtung des gigantischen Wesens, das zuvor an uns vorbeigeglitten war.
In exakt diesem Augenblick verzerrten sich die Sterne. Das Universum bog sich plötzlich um uns herum. Linien entstanden aus Licht. Farben verschmierten zu langen Streifen. Mein Gleichgewicht verschwand augenblicklich. Für einen winzigen Moment glaubte ich zu fallen. Dann war alles vorbei. Wir schwebten über einem Planeten. Ich riss die Augen auf. Unter uns spannte sich eine fremde Welt aus. Riesige Kontinente mit tiefgrüner Vegetation, gewaltige Ozeane und helle Wolkenformationen. Städte glitzerten überall auf der Oberfläche. Riesige urbane Komplexe voller Türme, Plattformen und schimmernder Verkehrsadern. Manche Gebäude ragten kilometerhoch in den Himmel. Andere schwebten sogar über dem Boden. Und mitten über dem Planeten befand sich der Won. Jetzt sah ich ihn deutlicher. Er war monströs. Sein walzenförmiger Körper wirkte gleichzeitig organisch und mineralisch. Die Oberfläche bestand aus unzähligen überlappenden Segmenten, die aussahen wie uralte Gesteinsschichten. Dazwischen pulsierten dünne Linien aus Licht in allen Farben des Spektrums. Blau. Gold. Grün. Violett. Es erinnerte mich an Kristalle unter Wasser. Und trotzdem wirkte das Ding lebendig. Rund fünfhundert Meter lang. Vielleicht größer. Vielleicht kleiner. Dutzende fremdartige Raumschiffe umkreisten ihn und eröffneten das Feuer. Ich hatte noch nie solche Schiffe gesehen. Ihre Formen unterschieden sich vollkommen von allem Bekannten. Keine terranischen Linien. Keine argonischen Silhouetten. Keine splittypischen Aggressionsformen. Manche Schiffe erinnerten an flache Dreiecke, andere an rotierende Ringe oder asymmetrische Gebilde. Ihre Waffen erfüllten den Orbit mit blendenden Lichtsalven. Grüne Energiestrahlen. Blaue Pulse. Weiße Entladungen. Alles traf den Won. Nichts geschah. Keine Explosionen. Keine Schilde. Keine sichtbaren Schäden. Die Angriffe verpufften einfach an seiner Oberfläche, als würde sie die Energie verschlingen. Der Won bewegte sich weiter. Langsam. Unaufhaltsam. Dann trat er in die Atmosphäre ein. Glühende Reibungshitze legte sich um seinen Körper, doch selbst das schien ihn nicht zu interessieren. Die Wolkendecke wurde zerrissen. Ein gigantischer Feuerschweif zog sich über den Himmel des Planeten. Und dann schlug er ein. Nicht auf Land. Im Ozean. Der grüne Ozean explodierte förmlich auseinander. Gewaltige Wassermassen schossen kilometerhoch in die Luft. Der Aufprall erzeugte eine Druckwelle, die selbst aus dem Orbit sichtbar war. Sekunden später entstand ein Tsunami von unfassbarer Größe. Ich sah Küstenstädte. Und ich sah, wie sie verschwanden. Die Wellen rissen alles mit sich. Türme knickten ein. Ganze Kontinente wurden überschwemmt. Millionen Lichter erloschen innerhalb weniger Augenblicke.
Alles geschah viel zu schnell. Zu glatt. Wie ein Zeitraffer. Die Welt verschwamm erneut. Plötzlich standen der Schatten und ich auf der Oberfläche des Planeten. Der Himmel war dunkel geworden. Rauch und Asche hingen in der Atmosphäre. Überall erklangen entfernte Explosionen. Vor uns bewegte sich der Won. Er rollte. Langsam und schwerfällig auf seiner breiten Seite. Doch gerade diese Langsamkeit machte ihn schlimmer. Es wirkte nicht wie ein Angriff. Nicht wie ein Krieg. Sondern wie eine Naturgewalt. Wo auch immer sein Körper entlangrollte, verschwand alles. Gebäude wurden nicht zerstört. Sie wurden absorbiert. Straßen verschwanden einfach in seiner Oberfläche. Fahrzeuge, Pflanzen, Wasser, Aliens. Alles wurde Teil seines Körpers. Ich sah keine Trümmer. Keine Leichen. Keine Einschlagskrater. Nur Leere hinter ihm. Braune Erde. Tot. Der Won wurde dabei größer. Langsam. Aber sichtbar. Seine Oberfläche wuchs Schicht um Schicht. Neue Strukturen bildeten sich aus dem absorbierten Material. Ganze Gebäudeteile verschwanden in ihm wie Nahrung. Waffenfeuer prasselte weiterhin auf ihn ein. Ohne Wirkung. Ich hörte Schreie in der Ferne. Sirenen. Zusammenbrechende Gebäude. Das dumpfe Donnern orbitaler Bombardements. Und trotzdem rollte der Won einfach weiter.
Der Zeitraffer setzte erneut ein. Die Städte verschwanden. Die Wälder verschwanden. Ozeane verdampften oder wurden absorbiert. Die Atmosphäre veränderte ihre Farbe. Aus dem satten Grün wurde erst Braun, dann Grau. Der Planet starb vor meinen Augen. Raumschiffe starteten überall von der Oberfläche. Riesige Evakuierungsflotten verließen die Welt. Manche wurden vom Won ignoriert. Andere verschwanden spurlos, sobald sie ihm zu nahe kamen. Jahre vergingen. Jahrhunderte. Vielleicht Jahrtausende. Ich verlor jedes Gefühl für Zeit. Der Planet schrumpfte. Nicht sichtbar auf einen Blick. Aber Stück für Stück. Seine Masse nahm ab. Immer mehr Materie verschwand im Körper des Won. Dann begann die Welt selbst instabil zu werden. Risse zogen sich über die Oberfläche. Der Kern kollabierte. Gewaltige tektonische Verwerfungen erschütterten den sterbenden Planeten. Und schließlich explodierte er. Eine gewaltige Detonation aus Feuer, Magma und zerfetzter Materie breitete sich durch das System aus. Der Won wurde ins All geschleudert. Unversehrt. Er trieb reglos zwischen den Trümmern des zerstörten Planeten. Um ihn herum glühten Asteroidenfragmente und Gaswolken. Dann erschien ein kurzes Aufblitzen entlang seiner Oberfläche. Und er setzte sich erneut in Bewegung. Langsam. Direkt auf den nächsten Planeten des Systems zu. Mir wurde schlecht.
Ich starrte den schwarzen Schatten neben mir an. "Was ... ist dieses Ding?"
Die Gestalt antwortete sofort. "Ein Won konsumiert Biomasse und mineralische Ressourcen zur Reproduktion und Expansion."
Meine Kehle wurde trocken. "Das ist kein Terraformer."
"Nein."
"Das ist eine biologische Waffe."
Der Schatten schwieg einen Moment. Dann sagte er mit derselben emotionslosen Stimme: „Ein Won ist ein geologisches Wesen ohne Bewusstsein, ohne Intelligenz, ohne Qualia.“

Die Worte des Schattens trafen nicht wie eine Erklärung, sondern wie eine präzise Umstrukturierung dessen, was ich gerade gesehen hatte. Das Ding, das sich selbst als Sonde bezeichnet hatte, blieb in meiner Wahrnehmung gleichzeitig ich und nicht ich, eine perfekte Nachbildung meiner Silhouette, nur vollständig aus tiefschwarzer Absorption bestehend, als hätte jemand Raum selbst in Form gegossen. Ich stand, oder vielmehr schwebte ich weiterhin in dieser unmöglichen Perspektive zwischen Vakuum und Wahrnehmung, während sich die Umgebung erneut verschob. Die zuvor noch klaren Sterne zerflossen zu Linien, dann zu Flächen, dann zu einer Szene, die nicht mehr mein aktueller Ort war, sondern ein Prozess. Der Schatten neben mir sprach nicht mehr direkt zu mir, sondern als wäre seine Stimme Teil der Struktur selbst, die sich gerade entfaltete. Und mit jedem seiner Worte wurde klarer, dass das, was ich gesehen hatte, kein Ereignis war, sondern ein Zustand, der sich über Zeit legte.
Die Won waren keine Lebewesen im bekannten Sinn. Keine Tiere, keine Pflanzen, keine Mikroorganismen. Ihre Existenz war direkt an die Lithosphäre eines Planeten gebunden, als wäre ein ganzer Himmelskörper nur die äußere Haut eines viel größeren Organismus. Sie lebten nicht auf einer Welt, sie lebten aus ihr heraus.
Vor mir entstand ein Bild, so klar, dass es sich anfühlte wie physische Präsenz: eine dunkle, vulkanische Landschaft, schwer und still, durchzogen von Rissen, aus denen kein Feuer, sondern mineralisches Licht drang. Darüber ragten kristalline Strukturen auf, gewaltig, unregelmäßig, wie erstarrte Blitze, deren Oberfläche jede Farbe des Spektrums brach, nicht reflektierte. Kein gleichmäßiges Leuchten, sondern ein ständiges inneres Flackern, als würde der Stein selbst rechnen.
Der Schatten erklärte, dass diese Erscheinung keine Oberfläche war, sondern Körper. Jeder dieser Kristallkörper war ein Teil eines einzigen geologischen Organismus. Kein Individuum im klassischen Sinn, sondern ein lokaler Ausdruck eines planetaren Systems.
Die Won nahmen nicht nur Mineralien auf. Sie integrierten sie vollständig. Silikate, Metalle, Spurenelemente und Edelsteine wurden in ihr Kristallgitter eingebaut, nicht als Nahrung, sondern als Struktur. Dadurch war jeder Won anders, nicht aufgrund von Erfahrung, sondern aufgrund der Zusammensetzung seines Planeten. Eisenreiche Welten erzeugten andere Muster als silikatreiche oder metallisch instabile.
Der Schatten zeigte mir, wie sich diese Struktur bewegte. Kein Schritt, keine Fortbewegung im tierischen Sinn, sondern eine langsame, flächige Umordnung. Der Körper war breiter als hoch, eine massive, walzenartige Präsenz, die sich über Gestein legte und es nicht verdrängte, sondern aufnahm. Vorne wurde Material gelöst, hinten wieder stabilisiert. Bewegung als kontinuierliche Rekristallisation.
Ich spürte dabei, obwohl ich keinen Körper mehr richtig einordnen konnte, eine Art Druckwechsel, als würde sich Masse über mir verschieben, ohne mich zu berühren. Der Schatten machte deutlich, dass diese Bewegung keine Effizienz oder Absicht hatte, sondern eine Konsequenz von Stoffwechselprozessen im Gestein selbst.
Dann zeigte er mir das Innere. Leitfähige Bahnen durchzogen das Kristallgitter, durch die Wärme und elektrische Ladung flossen. Keine Nerven, keine Organe, nur physikalische Gradienten, die Wachstum und Stabilität steuerten. Selbst die Form war nie abgeschlossen. Kristalle brachen, wuchsen neu, verschoben sich, verfestigten sich wieder. Ein permanenter Umbau ohne Zielzustand.
Ich versuchte innerlich noch zu greifen, ob das irgendeine Form von Leben war, die ich hätte einordnen können. Doch der Schatten nahm mir diese Möglichkeit, bevor sie sich vollständig bilden konnte.
Fortbewegung war keine Bewegung im Raum, sondern eine Umverteilung von Struktur. Ein Won „kroch“ nicht, er reorganisierte sich entlang der Oberfläche eines Planeten. Seine Masse wurde gleichmäßig verteilt, sodass er keine klassische Richtung brauchte. Der Planet selbst wurde Teil seiner Mechanik.
Die Szene wechselte erneut. Ich sah eine Oberfläche, die langsam verschwand, nicht durch Explosion oder Zerstörung im klassischen Sinn, sondern durch Integration. Städte, Berge, Ozeane, alles wurde in den Kristallfluss aufgenommen. Keine Ruinen blieben zurück, keine Fragmente, nicht einmal erkennbare Spuren organischer Ordnung. Alles wurde in mineralische Gleichheit überführt.
Der Schatten kommentierte das nicht emotional, sondern strukturell. Organische Lebensformen waren kein Ziel, keine Bedrohung, kein Zweck. Sie waren lediglich eine variable Komponente im Materialfluss. Wenn sie im Weg standen, wurden sie assimiliert wie jedes andere Element.
Ich sah Fluchtbewegungen, nicht aus einem einzelnen Ereignis heraus, sondern als evolutionäre Reaktion eines gesamten Ökosystems. Raumschiffe verließen die Welt, während der Planet selbst an Masse verlor und der Won zunahm. Das Verhältnis verschob sich langsam, unvermeidlich, über Zeiträume, die jede Vorstellung von Planung sprengten.
Dann kam der Übergang, den ich bereits gesehen hatte, aber jetzt verstand ich ihn anders. Die kritische Instabilität eines Planeten führte nicht zu einem finalen Ereignis, sondern zu einem Phasenwechsel. Der Won wurde dichter, stabiler, seine äußeren Schichten verdichteten sich, während die geologische Aktivität eskalierte.
Erst danach erfolgte die Fragmentierung. Nicht als Absicht, sondern als Ergebnis der eigenen Wirkung. Teile wurden ins All geschleudert, nicht lebendig, nicht tot, sondern als inaktive Kristallkeime.
Der Schatten ließ mich sehen, wie diese Keime im Vakuum trieben. Kalt, extrem dicht, ohne jede Aktivität. Erst Gravitation brachte sie zurück in einen Prozesszustand. Sterne, Planeten, Felder, alles wurde zu einem Trigger für Reaktivierung. Keine Entscheidung, nur Physik.
Wenn ein Keim einen geeigneten Himmelskörper erreichte, begann erneut der langsame Aufbau. Integration von Gestein, Wachstum, strukturelle Differenzierung. Ein Kreislauf ohne Anfang im klassischen Sinn, nur Zustandswechsel.
Der Schatten machte deutlich, dass es keine Intelligenz gab, die diesen Prozess lenkte. Keine Strategie, kein Ziel, keine Wahrnehmung. Keine Qualia, kein Selbst. Nur ein geologischer Stoffwechsel, der sich selbst fortsetzte, weil die Bedingungen es zuließen.
Als die letzte Szene verblasste, blieb nur noch die Erkenntnis, dass das, was ich gesehen hatte, nicht Geschichte war. Es war Mechanik. Ein planetarer Vorgang, der Welten nicht eroberte, sondern umschrieb, bis sie etwas anderes wurden, ohne je zu wissen, dass sie aufgehört hatten, das zu sein, was sie einmal waren.

Der Schatten blieb reglos neben mir stehen, doch um uns herum bewegte sich weiterhin das Universum selbst. Welten glitten an mir vorbei wie Erinnerungen eines fremden Bewusstseins. Manche waren von dichten Wolkendecken verhüllt, andere trocken, rissig oder vollständig vereist. Einige besaßen grüne Kontinente und blaue Ozeane, die mich schmerzhaft an die Erde erinnerten. Andere wirkten vollkommen fremdartig, mit schwarzen Meeren, violetter Vegetation oder Atmosphären, die in giftigem Orange leuchteten. Und dennoch verband sie alle etwas. Leben. Nicht jede Welt war bewohnt, aber erschreckend viele. Primitive Organismen krochen über Küsten. Wälder voller gigantischer pilzähnlicher Strukturen bedeckten ganze Kontinente. Städte erhoben sich aus Stein, Metall oder Materialien, die ich nicht einmal benennen konnte. Manche Spezies hatten Raumfahrt erreicht. Andere standen noch am Anfang ihrer Zivilisationen. Doch egal wie unterschiedlich sie waren, das Ergebnis blieb immer dasselbe. Die Won kamen. Und die Welten starben.
Ich sah Verteidigungsflotten, die auf kristalline Fragmente feuerten, welche aus dem Himmel stürzten. Ich sah orbitales Bombardement. Planetare Schutzschilde. Evakuierungen. Panik. Ganze Kontinente versanken unter gewaltigen Staubwolken. Ozeane verdampften. Atmosphären verfärbten sich. Und überall bewegten sich diese unfassbaren geologischen Körper langsam weiter, als wäre Widerstand nicht einmal registrierbar. Nie sah ich Hass. Nie Aggression. Nie irgendeine Form von Reaktion. Die Won rollten einfach weiter. Die Erkenntnis war schlimmer als jede Bosheit.
"Woher kommen die Won?" fragte ich schließlich.
Meine Stimme klang klein. Nicht aus Angst allein, sondern weil ich plötzlich begriff, wie winzig selbst ganze Zivilisationen in diesem Maßstab waren. Der Schatten zuckte leicht mit den Schultern. Die Bewegung wirkte merkwürdig unnatürlich, als würde mein eigener Körper versuchen eine Geste nachzuahmen, ohne ihren emotionalen Ursprung zu verstehen.
"Das wissen wir nicht. Nur eines ist sicher: Nicht aus unserer Galaxie. Nicht aus dieser."
Ich sah ihn an. Oder vielmehr mich selbst. Die schwarze Oberfläche seines Körpers verschluckte weiterhin jedes Licht vollständig. Kein Schimmer. Keine Reflexion. Nur Kontur. Ich dachte über seine Worte nach. Nicht aus dieser Galaxie. Die Bedeutung traf mich langsam.
"Das heißt ... euer Volk stammt auch nicht aus dieser Galaxie."
Der Schatten reagierte nicht direkt. Stattdessen glitt hinter ihm erneut eine fremde Welt vorbei. Riesige Ringstrukturen umgaben einen roten Gasriesen. Kleine Lichter bewegten sich dazwischen wie Insekten.
"Wir reisen durch das Universum. Wir helfen Spezies sich zu entwickeln. Manchmal siedeln wir sie um, wenn es keine andere Option gibt."
"Helfen?" fragte ich sofort. Das Wort machte mich hellhörig. "Wie bei den Boronen?"
Jetzt reagierte der Schatten tatsächlich. Er drehte langsam den Kopf zu mir. Die Bewegung war exakt meine eigene, und gerade deshalb lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken.
"Du kennst diese Spezies."
Keine Frage. Eine Feststellung.
"Ja", antwortete ich langsam. "Sie leben zusammen mit vier anderen Spezies in einer Art Gemeinschaft."
"Befinden sie sich in Frieden?"
Die Formulierung wirkte seltsam. Nicht kalt. Eher vorsichtig. Als würde er die Antwort tatsächlich wissen wollen.
"Meistens", sagte ich. "Einmal wurden sie beinahe durch eine Spezies namens Split ausgerottet, aber ein Volk namens Argonen hat sie gerettet. Beide haben jetzt eine enge Allianz."
Der Schatten schwieg einige Sekunden. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass hinter dieser künstlichen Kommunikation tatsächlich etwas wie Erleichterung lag.
"Es ist bedauerlich zu hören, dass sie Gewalt und Aggression erfahren haben. Aber erfreulich, dass sie auch Freundschaft erlebt haben. Wir hatten gehofft, dass sie lange Zeit alleine leben würden."
Mir wurde kalt. Nicht körperlich. Innerlich. Das Alte Volk änderte ständig die Torverbindungen. Systeme wurden isoliert. Andere verbunden. Ganze Regionen des bekannten Raums waren abgeschnitten worden. Plötzlich ergab vieles einen neuen Zusammenhang.
"Das Alte Volk ändert immer wieder die Torverbindungen ..." begann ich langsam, doch ich konnte den Gedanken nicht vollständig aussprechen.
Der Schatten reagierte sofort. Sein Körper flackerte leicht. Die Konturen zuckten unruhig.
"Ah ... Die Alten." Die Art, wie er das sagte, war seltsam angespannt. "Wir verstecken uns vor ihnen. Agieren im Geheimen, damit sie nicht auf uns aufmerksam werden. Oder erst wenn es vorbei ist."
"Ihr mögt sie nicht?"
Der Schatten drehte sich wieder von mir weg und blickte in die Sternenlandschaft hinaus. "Das ist oberflächlich formuliert."
Die Sterne um uns herum verzerrten sich erneut. Ich sah eine Welt mit dunklen Kontinenten und gewaltigen kristallinen Formationen. Dann Risse. Feuer. Zerfall.
"Unsere Heimatwelt wurde einst von einem Won ausgelöscht." Seine Stimme blieb ruhig, doch gerade diese Ruhe machte die Worte schwerer. "Wir flohen zu den Sternen. Wurden Wanderer. Helfer. Damit so etwas nicht wieder geschehen sollte, wie es uns passierte." Weitere Bilder erschienen. Riesige Schiffe zwischen Galaxienarmen. Künstliche Strukturen größer als Raumstationen. Flüchtlingskonvois. "Doch wir sind zu wenige und das Universum zu groß."
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich wirklich klein. Nicht als Mensch. Nicht als Individuum. Sondern als Teil einer jungen Zivilisation, die glaubte, das Universum langsam zu verstehen, obwohl sie kaum die Oberfläche berührt hatte.
"Und die Alten?" fragte ich schließlich.
Der Schatten bewegte sich leicht. "Wir sind nicht so weit entwickelt wie sie. Nicht so viele, nicht so mächtig." Kurz flackerte um uns herum etwas auf. Strukturen. Gigantische Netzwerke. Räume, die sich falteten. Wurmlöcher. Torverbindungen. "Unsere Absichten ... sie passen nicht zueinander." Die Pause zwischen den Worten wirkte bewusst gesetzt. "Sie wollten uns festsetzen. Daran hindern andere Spezies zu beeinflussen. Doch wir beherrschen es, Wurmlöcher zu kreieren. Wir sind nicht auf die Sprungtore angewiesen."
Ich sah ihn lange an. "Seid ihr mit den Alten in einer Art ... Konflikt?"
"Keine kriegerische Auseinandersetzung, falls du das meinst." Die Antwort kam sofort. "Aber ja. Ein ideologischer."
Ich dachte an alles, was ich über das Alte Volk wusste. Isolation. Kontrolle. Beobachtung. Das Verhindern direkter Einmischung. Dann dachte ich an die Worte des Schattens. Helfer. Umsiedlungen. Versteckte Einflussnahme.
"Ihr helft weniger entwickelten Völkern", sagte ich langsam, "während die Alten sie isolieren, damit sie sich selbst entwickeln können."
"Ein kleiner, aber feiner Unterschied." Seine Stimme blieb neutral. "Selbst wir sind vorsichtig. Wir zeigen uns nie. Die Einmischung darf niemals in Kontamination enden."
Das Wort blieb in meinem Kopf hängen. Kontamination. Nicht kulturelle Dominanz. Nicht Herrschaft. Kontamination. Als hätte selbst dieses uralte wandernde Volk Angst davor, jüngere Spezies zu sehr zu verändern. Ich schwieg einige Sekunden und betrachtete die vorbeiziehenden Sterne. Mein Kopf fühlte sich überlastet an. Terraformer. Xenon. Die Alten. Won. Andere Galaxien. Wurmlöcher. Das Universum war plötzlich so viel größer geworden, dass selbst meine Vorstellungskraft nur noch mehr mühsam hinterherkam.
Dann stellte ich die Frage, die mir schon die ganze Zeit im Kopf herumspukte. "Wie heißt eure Spezies und wie seht ihr aus?"
Der Schatten wurde still. Vollkommen still. Dann antwortete er: "Das werde ich nicht preisgeben. Zu unserem Schutz."
Enttäuschung zog durch mich hindurch. Nicht feindselig. Eher bedrückend. Ich hätte dieses Rätsel nur zu gerne gelöst. Wer auch immer sie waren, sie hatten ganze Galaxien durchquert. Sie kannten die Won. Die Alten. Andere Sternennetze. Andere Spezies. Und trotzdem hatten sie Angst. Allein dieser Gedanke machte mir mehr Sorgen als alles andere zuvor.

"Gibt es denn keine Möglichkeit, die Won aufzuhalten?"
Die Frage hing zwischen uns, und ich spürte sofort, dass sie mehr war als Neugier. Sie war ein Reflex gegen etwas, das sich jeder einfachen Einordnung entzog. Der Schatten reagierte nicht sofort. Stattdessen begann sich die Umgebung erneut zu verändern. Der schwarze Raum, in dem wir schwebten, zog sich auseinander wie dünnes Glas. Linien aus Licht entstanden, krümmten sich und formten eine neue Szene. Ein Gasriese erschien vor mir, tiefblau, mit gewaltigen Wirbelstrukturen aus türkisfarbenem und weißem Gas. Seine Atmosphäre wirkte lebendig, als würde der Planet atmen. Und darauf bewegte sich ein Won. Langsam. Unaufhaltsam. Ohne erkennbare Absicht. Seine walzenartige Form glitt durch die oberen Atmosphärenschichten, während der Planet selbst ihn nicht abwehrte, sondern verschluckte, umformte, umarmte und gleichzeitig zerstörte. Der Schatten sprach, ohne mich anzusehen.
"Immer wenn ein Planet zerbirst und sich in kleinere Fragmente aufteilt, entstehen neue Won. Doch da Won weder Intelligenz noch Qualia oder Instinkt besitzen, kennen sie keinen Unterschied zwischen einem Planeten, einer Sonne, einem Gasriesen oder anderen gravitativen Objekten."
Ich beobachtete, wie der Won tiefer sank. Die Atmosphäre verdichtete sich. Blitze zuckten entlang seiner Oberfläche, ohne irgendeine Wirkung zu zeigen.
"Wenn die Won nicht mal einen Instinkt besitzen, wie können sie dann im Raum navigieren und ihre Ziele bestimmen?" fragte ich.
Der Schatten neigte leicht den Kopf, als würde ihm die Rolle eines Erklärenden tatsächlich entsprechen. Es war ein seltsamer Gedanke, dass eine Sonde überhaupt so etwas wie Zufriedenheit aus einer Funktion ziehen konnte.
"Das ist leicht zu erklären." Die Stimme blieb ruhig, analytisch, fast didaktisch. "Interne Stressverteilung im Kristallgitter, Reaktion auf Raumzeitkrümmung und Dichtegradienten im eigenen Körper können messbare Effekte von Sternen, Planeten und anderen massereichen Objekten erkennen, denn diese erzeugen minimale Gezeitenkräfte, gerichtete Spannungsfelder sowie Temperatur- und Strahlungsgradienten. Die Bewegung durch den Raum steuern Won nicht aktiv. Gravitation erzeugt Spannungen im Körper, Spannungen führen zu struktureller Umordnung, diese Umordnung verändert Masseschwerpunkt und Form, dadurch entsteht eine bevorzugte Drift. Das Ergebnis sieht aus wie Navigation, ist aber in Wahrheit Selbstorganisation unter externem Feldgradienten."
Ich sah zu, wie der Won weiter absank. Jetzt begann sich seine Struktur sichtbar zu verändern. Kristalline Bereiche verzogen sich, als würden sie gegen etwas Unsichtbares kämpfen. Dann erreichte er den Kernbereich des Gasriesen. Ein Moment völliger Stille. Dann brach die Struktur. Nicht explosionsartig. Sondern wie etwas, das unter seinem eigenen Gewicht seine innere Ordnung verlor. Der Won kollabierte, fragmentierte, wurde vom Druck des Planeten selbst zerquetscht und in sich selbst zurückgedrängt.
Ich schluckte. "Die Won unterscheiden keine Objekte im kognitiven Sinn", sagte ich leise. "Es gibt für sie keine Kategorien wie Planet, Sonne oder Schwarzes Loch."
"Korrekt." Diesmal klang es wie Zustimmung. "Und weil die Won keine Art von Bewusstsein, Qualia oder Instinkt besitzen, weichen sie nicht aus. Sie erkennen nicht. Und deshalb gibt es für sie auch keinen Tod im klassischen Sinn. Denn sie kennen keinen Schmerz, keine Selbsterhaltung, keine Gefahrenbewertung. Ein Won, der beispielsweise in ein Schwarzes Loch gerät, verhält sich nicht wie ein sterbendes Wesen, sondern wie ein Materialsystem, das in einen Bereich unlösbarer Spannungs- und Scherkräfte gelangt."
Ich ergänzte automatisch, ohne nachzudenken: "Die Won finden keine Welten. Sie verteilen sich einfach." Der Schatten schwieg kurz. "Das ist dann so etwas wie eine kosmische Rückkopplungsschleife. Die Won vermehren sich über Fragmentierung und planetare Destabilisierung. Ohne Limitierung würde ihre Menge exponentiell steigen, da jeder aktive Körper potenziell neue Fragmente erzeugt. Es ist eine physikalische Selektion."
Der Schatten sah mich an. Zum ersten Mal mit etwas, das fast wie Überraschung wirkte. "Deine Auffassungsgabe ist erstaunlich."
Ich ignorierte den Kommentar und beobachtete die nächsten Szenen, die sich vor uns entfalteten. Sonnen, die Won-Strukturen verbrannten. Ganze Regionen, in denen ein Won in einem Supernova-Ausstoß regelrecht atomar zerlegt wurde. Schwarze Löcher, die ihn auseinanderzogen, bis keine kohärente Struktur mehr existierte. Doch dann stoppte ich. Eine Szene blieb stehen. Ein Won bewegte sich über einen Gasplaneten und wurde nicht zerquetscht.
"Der hier wurde nicht zerquetscht", sagte ich.
Der Schatten folgte meinem Blick. "Dieser Gasriese hat keine so große Gravitation wie der andere. Deshalb ist dieser Won nur gefangen. Verdammt zu ewiger Untätigkeit." Er hielt kurz inne, als würde er die Aussage selbst überprüfen. Dann korrigierte er sich: "Nein, das ist inkorrekt. Die Atmosphäre würde über Äonen am Körper des Won arbeiten und ihn Schicht für Schicht abtragen, bis nichts mehr von ihm übrig ist."
Ich verschränkte gedanklich die Möglichkeiten. "Das heißt, je weniger Gravitation, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er aktiv weiter macht?"
"Nein." Die Antwort kam sofort, fast scharf. "Die Won können selbst Kerne von Gasriesen integrieren. Aber dazu müssen mehrere Dinge gegeben sein: Erstens, die Gravitation muss gering genug sein, dass er sich bewegen kann. Zweitens, der Kern eines Gasriesen muss fest sein. Es gibt auch dichte Kerne, die fluid oder plasmaartig sind. Drittens müssen feste Kerne reaktiv genug sein."
"Reaktiv genug?"
"Rau, porös, oder nenn es, wie du willst. Glatte Oberflächen lassen sich nicht integrieren."
Der Gedanke formte sich schneller, als ich ihn zurückhalten konnte. "Das bedeutet, wenn man eine homogene Struktur, etwa eine Dyson-Sphäre baut, dann könnte man einen Won einschließen."
Der Schatten bewegte seine Hand. Die Szene wechselte abrupt. Eine Dyson-Sphäre erschien. Perfekt. Glatt. Und gleichzeitig falsch. Sie lag in einem Trümmerfeld aus Asteroiden, Planetoiden und Staub. Keine sichtbaren Fehler, keine Risse, keine Schwachstellen.
"Diese Spezies hat ihr ganzes Sonnensystem abgebaut, um eine Dyson-Sphäre zu bauen. Leider waren sie noch nicht auf der durchschnittlichen Zivilisationsstufe, damit sie so etwas hätten vollbringen können. Und doch haben sie es geschafft. Ihr Fehler war jedoch, dass sie das einzelne Sprungtor der Alten innerhalb der Dyson-Sphäre positioniert haben. Dadurch wurden sie vom Alten Volk übersehen. Ein Won kam durch das Sprungtor. Die Zivilisation hatte keine Chance. Aber in ihrem Ende zerstörten sie das Sprungtor. Die Dyson-Sphäre war perfekt bearbeitet: keine Mikrorisse, keine Materialfehler. Für das Universum bedeutet das einen reaktiven Won weniger durch pures Glück."
Ich sah ihn direkt an. "Ich kann und will nicht glauben, dass Won unverwundbar sind."
"Sind sie nicht."
Die Szene änderte sich erneut. Ein Won driftete durch ein Asteroidenfeld, das von einer Supernova zerrissen worden war. Die Kräfte waren enorm. Materie schlug auf ihn ein, riss Strukturen auf, destabilisiert durch extreme Energieverteilung. Der Won zerfiel langsam.
Dann wechselte das Bild wieder. Eine Welt voller Leben. Die Kreaturen erinnerten mich vage an irdische Hasen, aber deformiert, angepasst an eine fremde Evolution. Vier Beine, zwei Arme, ein Horn auf der Stirn. Sie feuerten kinetische Waffen, Bombardements aus Projektilen und Druckwaffen. Der Won wurde getroffen. Immer wieder. Und begann sich aufzulösen.
"Man braucht Waffen, die bei den Won Materialinstabilität hervorrufen", echote ich schließlich.
Der Satz blieb in der Luft hängen. Nicht als Erkenntnis. Sondern als nüchterne Konsequenz eines Systems, das nicht durch Gewalt, sondern durch Struktur zerstört werden musste.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 53 - Unergründlich

Ich saß im Schneidersitz im Nichts. Oder zumindest in dem, was mein Verstand momentan als Nichts interpretierte. Mein linkes Bein lag über dem rechten, mein Ellenbogen ruhte auf dem Knie, und mein Kinn war zwischen Zeigefinger und Daumen meiner rechten Hand eingeklemmt. Während ich nachdachte, strich ich gedankenverloren über meinen Goatee. Er war während meines Aufenthalts auf Nif'Nakh etwas länger geworden. Nicht viel. Gerade genug, dass ich die Veränderung bemerkte. Die Haare waren weicher geworden, weniger akkurat als sonst. Eigentlich hätte ich ihn längst nachschneiden müssen. Noch mehr störten mich allerdings meine Kopfhaare. Sie waren inzwischen deutlich länger als gewöhnlich. Deshalb hatte ich sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, der mir über den Hinterkopf fiel. Einige lose Strähnen hatten sich gelöst und schwebten nun leicht um mein Gesicht. Es war erstaunlich. Mein Körper lag bewusstlos auf der Brücke eines uralten Terraformer-Saatschiffes. Das Schiff befand sich mitten in einer Flucht aus dem Split-System Heim des Patriarchen. Split-Kriegsschiffe feuerten auf die Terraformerflotte. Irgendwo dort draußen befand sich möglicherweise meine einzige Chance, jemals nach Hause zurückzukehren. Und worüber dachte ich nach? Über meine Haare. Ich schnaubte leise. Menschen waren manchmal wirklich seltsame Wesen.
Vor mir schwebte der Schatten. Die Sonde. Der Helfer. Oder was auch immer dieses Wesen letztlich war. Seine Arme waren hinter dem Rücken verschränkt. Er hatte exakt meine Gestalt angenommen. Meine Größe. Meine Proportionen. Selbst die Haltung wirkte mittlerweile vertraut. Nur die Farbe blieb falsch. Tiefschwarz. Nicht dunkel. Nicht schattig. Schwarz. Als hätte jemand ein Loch in die Realität geschnitten und ihm meine Form gegeben. Während ich ihn betrachtete, kam mir ein Gedanke. Eigentlich war dies mein Geist. Mein Verstand. Mein Gedankenraum. Der Schatten manipulierte die Umgebung permanent. Er zeigte mir Welten. Sterne. Won. Galaxien. Warum sollte ich das nicht auch können? Ich konzentrierte mich. Zunächst geschah nichts. Dann begann die Sternenlandschaft um uns herum leicht zu flimmern. Farben erschienen. Blau. Türkis. Weiß. Der Raum verzog sich. Ein Planet entstand. Zuerst unscharf. Dann klar. Ozeane. Inseln. Kontinente. Gewaltige Wasserflächen. Ni'sha'la. Die Heimatwelt der Boronen. Der Planet schwebte vor uns in all seiner Schönheit. Die Meere reflektierten das Licht seiner Sonnen. Wolkenbänder zogen über die Atmosphäre. Selbst aus dieser Entfernung wirkte die Welt lebendig. Ich lächelte leicht. Es war nicht perfekt. Aber es funktionierte. Der Schatten betrachtete den Planeten. Dann mich. Seine Haltung wirkte tatsächlich irritiert.
"Die Heimatwelt der Boronen", sagte ich.
Der Schatten schwieg einen Moment. "Warum zeigst du mir das?"
Ich hob eine Augenbraue. "Weil die Boronen euch Helfer nennen."
Der Schatten bewegte sich nicht. "..."
"Und weil sie sich darüber im Klaren sind, dass ihr Aliens seid."
Zum ersten Mal seit Beginn unserer Unterhaltung verlor der Schatten seine stoische Ruhe. Sein Körper begann kurz zu wabern. Nicht stark. Nur genug, um zu zeigen, dass ihn meine Aussage getroffen hatte.
"Das ... passiert."
Ich starrte ihn an. Dann blinzelte ich. Langsam. "Das passiert?"
"Ja."
"Das ist deine Erklärung?"
"Ja."
Ich schloss kurz die Augen. Atmete tief durch. Öffnete sie wieder. "Das passiert."
"Ja."
Ich begann zu verstehen, warum manche Lehrer ihre Schüler manchmal gegen Wände schlagen wollten. Nicht weil die Schüler dumm waren. Sondern weil sie so intelligent waren, dass sie auf die einfachsten Antworten nicht kamen. Ich konzentrierte mich erneut. Vor mir entstand ein Tisch. Aus dunklem Holz. Massiv. Daneben ein einfacher Stuhl. Beides schwebte mitten im künstlichen Weltraum. Ich setzte mich. Lehnte mich nach vorne. Stützte beide Ellenbogen auf der Tischplatte ab. Dann legte ich mein Gesicht in beide Hände. Durch die gespreizten Finger hindurch betrachtete ich den Schatten. Meine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Der Schatten blickte zurück. Wahrscheinlich verstand er nicht einmal, warum ich ihn so ansah. Und genau das war das Problem.
"Also manchmal", begann ich langsam, "glaube ich wirklich, dass ihr sogenannten höher entwickelten Spezies manchmal dümmer seid als die, die ihr beschützen oder belehren wollt."
Der Schatten bewegte sich nicht. "Erkläre."
Natürlich. Natürlich wollte er eine Erklärung. Ich hob eine Hand und deutete auf Ni'sha'la. "Die Boronen wissen, dass ihr existiert."
Der Schatten nickte. "Ja."
"Die Boronen nennen euch Helfer."
"Ja."
"Die Boronen wissen, dass ihr nicht von ihrer Welt stammt."
"Ja."
"Die Boronen wissen, dass ihr technologisch weit überlegen seid."
"Ja."
Ich ließ die Hand sinken. "Dann habt ihr euch ihnen also gezeigt."
Der Schatten dachte kurz nach. "Indirekt."
"Indirekt."
"Ja."
"Wie indirekt?"
Er schien die Frage ernsthaft abzuwägen. "Wir haben Informationen hinterlassen."
Ich starrte ihn an. "Informationen."
"Ja."
"Die Informationen wurden gefunden."
"Ja."
"Und daraus schlossen die Boronen, dass ihr existiert."
"Ja."
Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Nicht fest. Aber hörbar. Der Schatten beobachtete die Bewegung.
"Weshalb tust du das?"
"Weil ihr euch vor den Alten versteckt."
"Ja."
"Weil ihr angeblich jede Kontamination vermeiden wollt."
"Ja."
"Weil ihr nicht entdeckt werden wollt."
"Ja."
Ich zeigte auf ihn. "Dann hinterlasst ihr Informationen auf einer primitiven Welt."
"Ja."
Ich zeigte auf Ni'sha'la. "Die Bewohner finden sie."
"Ja."
"Sie geben euch einen Namen."
"Ja."
"Sie erzählen ihren Nachkommen von euch."
"Ja."
"Sie wissen bis heute, dass ihr existiert."
"Ja."
Ich schloss die Augen. Einige Sekunden lang sagte niemand etwas. Dann öffnete ich sie wieder.
"Und euch ist nie in den Sinn gekommen, dass das vielleicht eine Kontamination sein könnte?"
Der Schatten schwieg. Das erste Mal wirklich. Nicht eine Sekunde. Nicht zwei. Länger. Sein Körper stand vollkommen still.
Dann sagte er: "Die Wahrscheinlichkeit wurde als akzeptabel eingestuft."
Ich lachte. Es war kein fröhliches Lachen. Kein lautes. Nur ein kurzes, ungläubiges Ausatmen.
"Natürlich wurde sie das."
Der Schatten schwieg erneut. Ich begann langsam zu begreifen, wie fremd diese Wesen tatsächlich waren. Sie waren nicht emotionslos. Nicht kalt. Nicht arrogant. Zumindest nicht absichtlich. Aber sie betrachteten Dinge aus einer Perspektive, die so weit von meiner entfernt war, dass selbst offensichtliche Widersprüche ihnen manchmal nicht auffielen. Oder sie stuften sie anders ein. Für mich war es offensichtlich. Wenn eine ganze Spezies wusste, dass die Helfer existierten, dann hatten die Helfer bereits Einfluss genommen. Für die Helfer hingegen war vermutlich entscheidend, dass die Boronen keine Technologie erhalten hatten. Keine Waffen. Keine direkten Anweisungen. Keine gesellschaftliche Kontrolle. Vielleicht lag für sie genau dort die Grenze. Ich betrachtete erneut die Wasserwelt vor uns. Die blauen Ozeane glitzerten im Licht ihrer Sonne. Dann fiel mir etwas auf. Langsam richtete ich mich auf.
Der Schatten bemerkte die Veränderung sofort. "Du hast etwas erkannt."
Es war keine Frage. Ich nickte. "Ja."
Der Schatten wartete. Ich blickte zwischen ihm und Ni'sha'la hin und her. Dann fragte ich: "Die Alten wissen doch bereits von euch." Der Schatten reagierte nicht. "Und mir ist auch klar, warum ihr euch vor ihnen versteckt: Damit sie eurer nicht habhaft werden können." Noch immer keine Reaktion. "Aber woher wollt ihr wissen, dass sie nicht längst jeden eurer Schritte beobachten? Vielleicht reicht euer heimliches Vorgehen aus, damit sie erst auf Veränderungen aufmerksam werden, wenn es bereits zu spät ist und ihr schon wieder verschwunden seid. Aber ... könnten die Alten nicht irgendwann vorhersagen, wo ihr als Nächstes auftaucht?"
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung antwortete der Schatten nicht sofort. Und genau das machte mir Sorgen.

Ich gestikulierte mit beiden Händen, während sich die gedankliche Landschaft vor mir stabilisierte. Die zuvor gezeigte Wasserwelt glitt zur Seite wie eine Schicht aus Glas, die von unsichtbarer Kraft verschoben wurde. Dahinter formte sich eine neue Welt, langsamer, dichter, fast schwerer in ihrer Präsenz. Ein gewaltiger, grün schimmernder Ozean spannte sich über den gesamten Planeten. Kein Land zeichnete sich klar ab, nur vereinzelt ragten kleine Inselketten aus der Oberfläche, wie zufällige Bruchstücke eines größeren Ganzen. Darüber lag eine gelbe Sonne, deren Licht nicht warm wirkte, sondern eher gedämpft, als würde es durch eine feine Schicht aus Staub oder Salz gefiltert werden. Die Atmosphäre selbst schien in Bewegung zu sein, mit dünnen, spiralförmigen Wolkenbändern, die sich langsam über den Planeten zogen. Ich ließ meinen Blick darüber schweifen, obwohl ich wusste, dass es kein echtes Sehen war. Es fühlte sich dennoch so an.
"Kennst du diese Welt?"
Der Schatten schwieg zunächst. Seine Form war unverändert, aber etwas in seiner Haltung hatte sich verschoben. Ein minimaler Versatz der Schultern, ein kaum wahrnehmbares Flackern in der Kontur. Unruhe, wenn man es überhaupt so nennen wollte.
Ich ließ die Stille nicht stehen. Ein einzelnes Wort genügte. "Wenendra."
Die Reaktion war unmittelbar. "Ihr könnt sie nicht kennen! Wir haben sie von ihrer Welt gerettet und umgesiedelt! In ein System, das mit keinem anderen Netzwerk verbunden ist!"
Ich hob langsam eine Augenbraue. Die Emotion im Raum war deutlich spürbar, auch wenn sie nicht klassisch transportiert wurde. Der Schatten hatte sich nicht bewegt, aber die Umgebung wirkte plötzlich gespannter, als würde der Raum selbst auf seine Worte reagieren.
Ich blieb ruhig. "War", korrigierte ich.
Der Schatten hielt inne. Ich ließ den Blick über die grün-gelbe Welt gleiten, die sich weiterhin langsam drehte.
"Sie selbst nennen den Planeten Wen. Vor ein paar Jahrzehnten haben sich die Torverbindungen wieder verändert, und das Wen-System, ich nenne es jetzt einfach mal so, wurde mit dem Königinnenreich der Boronen verbunden."
Der Schatten verharrte einen Moment zu lange. "Diese verdammten Alten ..."
Seine Stimme war nicht laut geworden, aber die Struktur seiner Erscheinung zeigte klare Instabilität. Kein emotionales Aufbrausen im menschlichen Sinn, eher eine Verschiebung in der inneren Ordnung, als hätte sich ein Regelwerk kurzzeitig widersprochen. Ich musterte ihn genauer. Diese Sondenstruktur war eindeutig mehr als ein reiner Datenverarbeiter. Zu kohärent in der Reaktion, zu zielgerichtet in der Abweichung. Kein klassisches Programm reagierte so auf Informationskollisionen. Es war eher ein System, das Bedeutung verarbeiten konnte, aber nicht vollständig kontrollierte, was es daraus machte.
Ich sprach weiter, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, die Situation zu glätten. "Als die Boronen das System erkundeten, trafen sie auf die Wenendra."
Die Reaktion kam sofort. "Nein, das ist zu früh! Viel zu früh!"
Die Umgebung flackerte leicht. Die grünliche Ozeanoberfläche unter uns wirkte für einen Moment unruhig, als würde der gesamte Planet in seinem eigenen Bild kurz aus dem Gleichgewicht geraten. Ich ließ mich davon nicht stoppen.
"Die Wenendra hielten sie zuerst für euch. Für Götter."
Ein kurzer, kontrollierter Atemzug. Dann fügte ich hinzu, mit bewusst gesetzter Pause und einem schmalen, beinahe ironischen Zug um den Mund:
"Klingelt da was? So viel zum Thema Kontamination."
Der Schatten bewegte sich nicht sofort. Für einen Moment war nichts da außer dem leise pulsierenden Bild der Wasserwelt, deren Ozeane in unregelmäßigen Farben schimmerten, als würden chemische Reaktionen unter der Oberfläche stattfinden. Die Inseln wirkten nun kleiner, weniger stabil, als hätte die Erinnerung selbst die Geografie verändert.
Der Schatten sprach schließlich, langsamer als zuvor. "Das ist nicht vorgesehen."
Ich lehnte mich leicht zurück, die Hände nun locker auf der unsichtbaren Tischfläche abgelegt, die ich zuvor erzeugt hatte.
"Vorgesehen ist in diesem Kontext ein interessantes Wort." Der Schatten reagierte nicht sofort. Ich fuhr fort, während ich den Blick nicht von ihm nahm. "Ihr sprecht von Rettung. Von Isolation. Von Kontrolle. Aber eure eigenen Eingriffe haben genau das Gegenteil erzeugt. Ihr wolltet ein Volk schützen und habt es in eine Situation gebracht, in der es euch selbst für etwas Höheres hält."
Die Wasserwelt unter uns begann sich erneut zu verändern. Die gelbe Sonne wurde kurz von einer zweiten Lichtquelle überlagert, als würde ein alternatives Szenario berechnet werden. Ich bemerkte es, sagte aber nichts dazu.
Der Schatten sprach leiser. "Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Fehlinterpretation war gering."
Ich zog die Mundwinkel minimal nach unten. "Und trotzdem passiert sie." Ein kurzer Moment. Dann fügte ich hinzu: "Und jetzt erklär mir, warum ich dir glauben sollte, dass das hier eine Ausnahme ist und kein Muster."
Der Raum blieb still. Nur der grünliche Ozean bewegte sich weiter, gleichgültig gegenüber unserer Diskussion, während irgendwo tief darunter eine Zivilisation lebte, die ihre eigenen Götter falsch eingeordnet hatte.

Ich spürte, wie sich die Struktur meines Gedankenraums erneut verschob, noch bevor ich vollständig verstand, was ich gesagt hatte. Der Schatten reagierte nicht sofort auf meine letzten Worte. Stattdessen blieb er starr, während sich die Umgebung leicht auflöste, als hätte jemand die Schichten der Realität übereinander verschoben und dabei eine falsche Ebene getroffen. Der grünliche Ozean der Wenendra-Welt flackerte, wurde unscharf, dann wieder klar, aber nicht stabil. Farben verschoben sich gegeneinander, als würde das Bild selbst nach einer neuen Perspektive suchen. Ich atmete langsam aus.
"Aber ihr habt Glück", sagte ich schließlich und hob leicht die Hände, als würde ich die Diskussion damit etwas ausbalancieren wollen. "Die Boronen haben den Wenendra klar gemacht, dass das ein Irrtum ist und sie keine Götter sind."
Der Schatten bewegte sich minimal. Eine Art inneres Nachziehen seiner Form, als hätte sich ein Gedanke erst verzögert im System verteilt.
"Nichts desto trotz werden die Wenendra nun von den Boronen beeinflusst."
Ich legte den Kopf leicht schief. "Ist das schlimm? Schließlich habt ihr die Boronen auch beeinflusst."
Der Schatten reagierte schneller als zuvor. "Indirekt."
Seine Stimme hatte an Stabilität verloren. Nicht laut, aber instabil in der Struktur, als würden mehrere interne Prozesse gleichzeitig versuchen, denselben Satz zu formulieren.
Ich ließ mich davon nicht irritieren. "Aber die Boronen haben sich den Wenendra gezeigt."
Der Schatten verharrte. "Ja."
Ich spreizte leicht die Finger meiner rechten Hand, als würde ich Gedanken in einzelne Komponenten zerlegen. "Wo ist der Unterschied? Ihr habt den Boronen geholfen, sich zu entwickeln, habt ihnen Wissen gegeben, damit sie Technologie entwickeln konnten. Das machen die Boronen auch. Nur dass sie sich offen zeigen."
In diesem Moment spürte ich es wieder. Dieses Ziehen. Nicht physisch. Es war, als würde etwas in meinem Kopf kurz an einer inneren Schicht ziehen, die nicht mir gehörte. Erinnerungen, die nicht verschoben wurden, sondern extrahiert. Nicht brutal, eher wie ein präzises Herauslösen aus einem größeren Gewebe. Ich kniff die Augen kurz zusammen. Die Umgebung reagierte darauf. Der Ozean der Wenendra-Welt verschwand abrupt. Stattdessen entstand Wasser. Nicht als Oberfläche, sondern als Raum. Ich war unterhalb der Meeresoberfläche. Drucklos. Still. Die Zeit wirkte eingefroren, als hätte jemand den Fluss der physikalischen Abläufe angehalten. Vor mir erschien ein massiver Körper. Ein Wenendra. Er schwebte schräg über uns, ohne erkennbare Bewegung im klassischen Sinn, eher getragen von einer unsichtbaren Strömung, die keine Richtung hatte. Sein Körper erinnerte entfernt an einen Wal, wie ich ihn aus alten Terradaten kannte, aber die Proportionen waren anders. Massiver, aber eleganter in der Struktur. Die Haut war tief purpurn, durchzogen von unregelmäßigen lilanen Flecken, die wie lebendige Muster über seine Oberfläche wanderten. Es war kein statisches Muster, sondern ein sich langsam veränderndes Feld aus Farbzonen, als würde seine Biologie direkt auf Umweltparameter reagieren. Sechs große Flossen ragten symmetrisch aus seinem Körper, ergänzt durch zwei zusätzliche Rückenfinnen, die nicht zur Stabilisierung dienten, sondern offenbar zur komplexeren Bewegungssteuerung im Medium. Jede Bewegung war minimal, aber präzise, als würde der gesamte Körper in einem kontinuierlichen Zustand kontrollierter Anpassung existieren. An seiner oberen Schnauzenstruktur befand sich ein ausgeprägter Signalgeber. Ich erkannte ihn nicht sofort als Organ im klassischen Sinn. Er wirkte wie eine Mischung aus biologischer Struktur und funktionalem Resonanzkörper. Fein verzweigte, halbtransparente Strukturen pulsierten darin, und mit jeder dieser Pulsationen verschoben sich leichte Verzerrungen im umgebenden Wasserraum. In Kombination mit den beschriebenen Infraschallmustern ergab sich ein System, das nicht nur kommunizierte, sondern seine Umwelt aktiv modulierte. Wellen, Druck, vielleicht sogar lokale Feldänderungen. Ich konnte spüren, wie mein Verstand versuchte, das in bekannte Kategorien zu pressen, und daran scheiterte. Der Schatten stand neben mir, unverändert in seiner humanoiden Form, aber sein Fokus war vollständig auf diese Szene gerichtet.
"Der Unterschied ist ...", begann er. Seine Stimme war nun deutlich kontrollierter, aber nicht mehr ruhig. "... dass die Boronen bereit waren. Sie hatten sich körperlich bereits so weit entwickelt, dass sie von selbst Technologie entwickelt hatten."
Ich sah den Wenendra an. "Und die Wenendra?"
Der Schatten schwieg kurz. Ich spürte, wie er nach einer passenden Struktur suchte, nicht nach einem Wort. Die Pause war nicht leer, sondern gefüllt mit interner Verarbeitung. "Die Wenendra sind geistig auf einem so hohen Niveau, dass sie gewisse Dinge verstehen, ihnen aber Erfahrung und Kontext fehlen. Körperlich hingegen sind sie kaum mehr als Tiere."
Ich runzelte leicht die Stirn. "Warum diese große Differenz?"
"Sie hatten keine natürlichen Feinde auf ihrer Heimatwelt."
Mein Blick blieb auf dem schwebenden Wesen. "Die zerstört wurde?"
"Gewissermaßen."
"Details?"
"Nein."
Die Antwort kam sofort. Zu schnell. Ich ließ die Stille wirken. In meinem Kopf formte sich eine Lücke, die ich nicht füllen konnte, aber auch nicht ignorieren wollte. Diese Art von Informationsabriss war nie zufällig. Entweder fehlte Wissen tatsächlich oder es wurde aktiv segmentiert.
"Und da sie keine natürlichen Feinde hatten ..." Ich ließ den Satz offen hängen, bewusst unvollständig.
Der Schatten reagierte genau wie erwartet. "Es hatte für sie nie die Notwendigkeit bestanden, sich eilig weiterzuentwickeln."
Ich nickte langsam. "Aber sie entwickeln sich?"
"Langsam. Sehr langsam."
"Und die Boronen ...?"
"Haben um Äonen zu früh Kontakt aufgenommen. Die Wenendra haben nicht die Eigenart, sich körperlich stark zu verändern. Ihre Stärke ist ihr Geist."
Ich verschränkte die Hände vor mir. "Das bedeutet?"
"Ihre Sinne. Ihr Lichtgeber. Wir antizipierten, dass sie diesen mit der Zeit weiterentwickeln würden. Aber da sie unter keinem Druck standen, würde das eine undefinierbare Zeitspanne dauern. Die Wenendra sind zwar durch und durch pazifistisch, aber genau das macht sie anfällig. Deshalb sind wir auf der Suche nach einem Druckmittel."
Ich hob langsam den Blick. "Druckmittel?"
"Einen Feind. Bisher haben wir keinen passenden gefunden."
Ich starrte ihn an. Einen Moment lang war mein Gesicht vollständig leer.
Dann setzte er nach: "Keine Sorge. Kein Wesen, das den Wenendra gefährlich werden könnte."
Ich schüttelte langsam den Kopf. "Weder die Helfer noch das Alte Volk scheinen etwas von Nichteinmischung gehört zu haben."
Der Schatten reagierte ohne Zögern. "Hätten wir uns nicht eingemischt ... gäbe es manche Völker nicht mehr."
Ich hielt seinen Blick. "Oder nicht in der Form, wie wir sie kennen."
"Korrekt."
Der Satz fiel ohne emotionale Gewichtung, aber genau das machte ihn schwerer als alles zuvor. Ich dachte an die Split. An die Boronen. An die Argonen. An die Eingriffe, die Kriege verhindert oder verschoben hatten. Dann dachte ich daran, wie schnell ein anderes Eingreifen alles wieder hätte kippen können. Und schließlich daran, dass jede dieser Interventionen auf einer einzigen Annahme beruhte: Dass jemand wusste, was „besser“ war.

Ich hielt mir die Schläfen fester, während sich der Raum um mich erneut stabilisierte. Die vorherige Unterwasser-Szene war verschwunden, aber die Nachwirkungen blieben als leichtes Flimmern im visuellen Randbereich bestehen, als hätte mein Gehirn Schwierigkeiten, die Ebenen sauber voneinander zu trennen. Der Schatten stand unverändert vor mir. Seine Form wirkte ruhiger als zuvor, aber diese Ruhe war nicht Entspannung, sondern eine Art kontrollierte Dichte, als hätte er mehrere gedankliche Prozesse gleichzeitig abgeschlossen und nun in eine einzige Struktur komprimiert.
Ich atmete langsam durch. "Und wie sollten sich die Wenendra weiter entwickeln?"
Meine Stimme klang in diesem Raum ungewöhnlich direkt, fast roh im Vergleich zu den vorherigen theoretischen Schichten. Ich massierte meine Schläfen, während ich sprach. Der Druck hinter meinen Augen war konstant geworden, ein dumpfes, elektrisches Ziehen, das sich nicht eindeutig lokalisieren ließ.
Der Schatten reagierte sofort. Seine Stimme veränderte sich in ihrer Struktur, wurde länger, technischer, weniger dialogisch und stärker beschreibend.
"Unter rein interner evolutionärer Dynamik könnte sich langfristig eine Form hochpräziser Fernwirkung herausbilden, die extern als telekineseähnlich interpretiert werden würde, tatsächlich jedoch vollständig auf physikalisch vermittelten Prozessen beruht. Dazu zählen drei denkbare, jedoch nicht zwingend eintretende Entwicklungen: eine verstärkte elektromagnetische Fernmanipulation über bioelektrische Felder, eine hochgradig verfeinerte hydrodynamische Fernsteuerung durch kontrollierte Druck- und Strömungsfelder sowie eine Erweiterung des Signalgebersystems hin zu biolumineszenten oder chemisch stabilisierten Feldkopplungen im lokalen Umfeld. Diese Möglichkeiten sind evolutiv konsistent, setzen jedoch eine langfristige Spezialisierung auf Umweltkontrolle statt auf biologische oder technische Werkzeugbildung voraus. Historisch betrachtet ist jedoch zu berücksichtigen, dass dieser potenzielle Entwicklungspfad nicht isoliert verläuft."
Er hielt kurz inne. Nicht wie jemand, der nachdenkt, sondern wie ein System, das seine Ausgabe strukturiert. "Der frühzeitige Kontakt mit den technologisch überlegenen, jedoch ethisch orientierten externen Zivilisation der Boronen verändert die Selektionsbedingungen der Wenendra erheblich. Durch die potentielle Bereitstellung strukturierter Technologiezugänge wird ein Teil jener evolutionären Notwendigkeit zur autonomen Entwicklung komplexer Umweltmanipulation abgeschwächt oder in andere Bahnen gelenkt. Insbesondere die externe Unterstützung bei Kommunikation, Infrastruktur und Wissenszugang reduziert den Druck, eigene physikalische Feldmanipulationen zu hochentwickelten biologischen Ersatzsystemen weiterzuentwickeln."
Ein kurzes, exakt getaktetes Schweigen folgte. "Damit wird der ursprünglich denkbare evolutionäre Pfad hin zu ausgeprägten Fernmanipulationsfähigkeiten nicht zwangsläufig ausgelöscht, jedoch in seiner zeitlichen Dynamik verschoben und möglicherweise teilweise überlagert. Statt einer rein biologisch getriebenen Ausprägung könnte sich eine hybride Entwicklung ergeben, in der externe Technologie und interne sensorische Feldwahrnehmung miteinander verschmelzen. Die Wenendra bleiben damit ein Beispiel für eine Spezies, deren evolutionäre Zukunft weniger durch interne Notwendigkeit als durch externe ethische und technologische Interventionen geprägt wird."
Ich ließ die Hände sinken und lehnte mich minimal zurück. Der Raum fühlte sich dichter an, obwohl sich visuell nichts verändert hatte. Es war eher ein kognitives Gewicht, das sich über jede neue Information legte.
"Mit einfacheren Worten", sagte ich schließlich, "ohne fremden Einfluss hätten die Wenendra rein biologisch eine physikalisch erklärbare Telekinese entwickeln können – entweder durch bioelektrische Magnetfelder, präzise Wasserströmungen oder chemische Lichtsignale. Oder alles zusammen. Da sie jedoch früh auf die hochentwickelten, freundlichen Boronen trafen, die ihnen wahrscheinlich fertige Technologie und Wissen geben, fällt dieser evolutionäre Entwicklungsdruck weg. Die rein biologische Fernmanipulation verzögert sich daher; stattdessen verschmelzen ihre Sinne mit fremder Technik zu einer hybriden Entwicklung, deren Zukunft von außen geprägt wird."
Ich hielt kurz inne, während ich den Schatten beobachtete. Dann fügte ich hinzu: "Und damit werden die Wenendra abhängig von den Boronen."
Der Schatten reagierte ohne Verzögerung. "Das heißt, wenn die Boronen den Wenendra helfen, dann sehen sie sich selbst in den Wenendra. Denn die Boronen wurden früher selbst von uns unterstützt, sie nennen uns nur Helfer. Aber sie hatten nie Kontakt zu uns. Daher sehen sich die Boronen selbst als Helfer. Sie wollen das, was ihnen widerfahren ist, auch anderen geben, auch wenn das den Wenendra auf lange Sicht schadet, was die Boronen nicht erkennen. Quasi ein sich selbst verstärkender Kreis."
Ich lachte kurz, aber ohne jede Wärme. Es war ein trockener, fast reflexartiger Laut. "Das könnte man als generationales Helfer-Syndrom auf interstellarer Ebene bezeichnen."
Der Schatten schnaubte. Das Geräusch war nicht biologisch, eher eine modulierte Entladung im Feldraum, die eine Art Ablehnung oder Unzufriedenheit transportierte. "Indem die Boronen die Wenendra unterstützen, reinszenieren sie unbewusst ihre eigene Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte. Da sie den Helfern – uns – nie danken oder direkt antworten konnten, kanalisieren sie diese Dankbarkeit und Schuld emotional nach unten – an die Wenendra."
Ich wollte etwas einwerfen, hob leicht die Hand. "Für die Boronen ist das ein Akt purer, empathischer Logik: Uns wurde bedingungslos gegeben, also müssen wir bedingungslos weitergeben."
Der Schatten ignorierte meinen Einwurf vollständig. Seine Struktur verdichtete sich leicht, als würde er den Fokus enger ziehen. "Der blinde Fleck der Boronen ist dabei so monumental wie tragisch. Ihre tief sitzende chemische Empathie und ihr Harmoniebedürfnis verwehren ihnen den Blick auf die brutale Wahrheit: Sie stehlen den Wenendra die evolutionäre Unabhängigkeit. Indem sie das Leid der langsamen, harten Eigenentwicklung lindern wollen, kastrieren sie das biologische Potenzial der Wenendra – die physikalische Fernmanipulation – und zwingen sie auf einen technologischen Pfad, der gar nicht ihrer Natur entspricht."
Ich schwieg. Der Satz hing im Raum wie ein schweres, instabiles Objekt. Der Gedankenraum war still geworden, aber nicht ruhig. Eher so, als würde er auf eine Entscheidung warten, die noch nicht formuliert worden war.

"Sieh es doch einmal aus der Perspektive der Alten", sagte ich und ließ meine Hand langsam durch das stillstehende Wasser gleiten, das uns umgab. Obwohl wir uns nicht wirklich unter Wasser befanden, fühlte es sich erstaunlich echt an. Das grünblaue Licht der fremden Welt fiel in langen, schimmernden Bahnen durch die Tiefe. Es brach sich an den gewaltigen Körpern der Wenendra, die lautlos durch die endlose Weite glitten. Ihre purpurne Haut reflektierte das Licht wie polierter Stein, während die dunkleren Flecken auf ihren Flanken Muster bildeten, die fast künstlich wirkten. Riesige Schwärme kleiner Lebewesen bewegten sich zwischen ihnen hindurch wie lebendige Wolken. Der Schatten antwortete nicht. Ich hatte inzwischen gelernt, dass sein Schweigen selten Zustimmung bedeutete. Meistens dachte er nach. Oder er suchte nach einer Antwort, die seinen eigenen Überzeugungen nicht widersprach.
"Die Alten isolieren Spezies voneinander. Ihr helft ihnen. Auf den ersten Blick klingt eure Methode besser. Freundlicher. Mitfühlender. Moralischer." Der Schatten blieb regungslos. "Aber die Wenendra sind das perfekte Gegenbeispiel." Ich deutete auf einen der gewaltigen Organismen über uns. "Sie wurden von euch gerettet."
"Ja."
"Ihr habt sie umgesiedelt."
"Ja."
"Ihr habt ihnen einen sicheren Planeten gegeben."
"Ja."
"Und jetzt?" Der Schatten schwieg. "Jetzt stehen sie vor genau dem Problem, das die Alten vermutlich verhindern wollten."
Seine Konturen flackerten leicht. Ich bemerkte es sofort. Getroffen. Nicht überzeugt. Aber getroffen.
"Die Boronen sind nicht böse. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich gehören sie zu den freundlichsten Spezies, die ich kenne."
Ich musste unwillkürlich an Ni'sha'la denken. An die schimmernden Städte. An die ruhigen Stimmen. An die nahezu absurde Freundlichkeit, mit der Boronen selbst Fremden begegneten.
"Und trotzdem beeinflussen sie die Wenendra bereits jetzt. Nicht weil sie es wollen. Nicht weil sie sie beherrschen wollen. Sondern weil sie gar nicht anders können." Der Schatten verschränkte die Arme fester hinter seinem Rücken. "Ein Kontakt zwischen zwei intelligenten Spezies verändert immer beide Seiten."
"Weshalb wir vorsichtig sind."
"Nein." Zum ersten Mal unterbrach ich ihn direkt. Der Schatten verstummte. "Nicht vorsichtig genug."
Sein schwarzes Gesicht besaß keine Augen. Keine Pupillen. Keine Mimik. Und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er mich anstarrte. "Die Boronen haben die Wenendra beeinflusst."
"Ja."
"Ihr habt die Boronen beeinflusst." Stille. "Und wer hat euch beeinflusst?"
Jetzt bewegte sich der Schatten. Langsam. Fast unmerklich. "Unsere Heimatwelt wurde zerstört."
"Das beantwortet die Frage nicht."
Wieder Schweigen. Ich seufzte. Die Kopfschmerzen waren inzwischen stärker geworden. Nicht unerträglich. Aber konstant. Ein dumpfer Druck hinter meinen Augen. Als würde jemand von innen gegen meinen Schädel drücken. Vielleicht lag es daran, dass die Sonde weiterhin mit meinem Geist verbunden war. Vielleicht lag es an den Informationen. Vielleicht an beidem. Ich massierte erneut meine Schläfen.
"Verstehst du nicht, worauf ich hinaus will?"
"Erkläre es."
Natürlich. Der Lehrer wollte plötzlich Schüler spielen. Ich konnte mir ein trockenes Lachen nicht verkneifen.
"Jede Spezies glaubt, sie wisse, was das Beste für andere Spezies ist." Der Schatten reagierte nicht. "Die Alten glauben das." Stille. "Ihr glaubt das." Stille. "Die Boronen glauben das."
Diesmal zuckte er. Nur minimal. Aber genug. "Weißt du, was das Problem ist?"
"Nein."
"Alle liegen gleichzeitig richtig und falsch."
Die Umgebung um uns herum begann sich unbewusst zu verändern. Nicht durch den Schatten. Durch mich. Das bemerkte ich erst, als die Wasserwelt langsam verschwand. Die Ozeane lösten sich auf. Die Wenendra verblassten. Die Sterne kehrten zurück. Schwarzer Raum. Leuchtende Nebel. Ferne Sonnen. Mein Gedankenraum reagierte mittlerweile auf meine Emotionen. Auf meine Konzentration. Auf meine Vorstellungen. Offenbar hatte die Sonde mir unbeabsichtigt gezeigt, wie man diesen Ort formte.
"Die Alten isolieren Völker, damit sie sich selbst entwickeln." Ich hob einen Finger. "Ihr helft Völkern, damit sie überleben." Ein zweiter Finger. "Die Boronen helfen anderen Völkern, weil ihnen selbst geholfen wurde." Ein dritter Finger. "Drei völlig unterschiedliche Methoden." Der Schatten beobachtete mich. "Wahrscheinlich entstanden alle drei aus guten Absichten." Er schwieg weiterhin. "Dann stellt sich die eigentliche Frage."
"Welche?"
"Woher wollt ihr wissen, dass eure Hilfe besser ist als Isolation?"
Zum ersten Mal seit langer Zeit antwortete der Schatten nicht sofort. Die Sekunden vergingen. Vielleicht sogar Minuten. Hier war Zeit ohnehin bedeutungslos.
Schließlich sagte er: "Wir wissen es nicht."
Ich blinzelte. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. "Was?"
"Wir wissen es nicht."
Seine Stimme klang unverändert. Nüchtern. Sachlich. Fast emotionslos. Und gerade deshalb wirkte die Aussage erstaunlich ehrlich.
"Wir glauben lediglich, dass Untätigkeit schlimmer wäre."
Ich runzelte die Stirn. Der Satz blieb in meinem Kopf hängen. Untätigkeit. Schlimmer. Ich dachte an die Boronen. An die Split. An die Argonen. An die Terraformer. An die Xenon. An die Wenendra. An Nif'Nakh. An die Toten. An die Lebenden. An all die Entscheidungen, die ich selbst getroffen hatte. Manche davon erst vor wenigen Stunden. Oder was hier als Stunden durchging. Ich hatte eine ganze Terraformerflotte aktiviert. Ich hatte Schiffe zerstören lassen. Andere in den Weltraum geschickt. Ich hatte Split getötet. Vielleicht Hunderte. Vielleicht Tausende. Ohne darüber nachzudenken. Ohne die Konsequenzen wirklich abzuschätzen. Mein Magen zog sich zusammen. Der Schatten beobachtete mich weiterhin.
"Du zweifelst."
"Natürlich zweifle ich." Die Worte kamen schärfer heraus, als beabsichtigt. "Ich habe keine Ahnung, ob das, was ich getan habe, richtig war."
"Und dennoch hast du gehandelt."
Ich verzog das Gesicht. Leider hatte er recht. "Das ist etwas anderes."
"Ist es das?"
Ich öffnete den Mund. Dann schloss ich ihn wieder. Verdammt. Ich hasste es, wenn jemand recht hatte. Noch mehr hasste ich es, wenn diese Person keine Person war. Eine Sonde. Ein künstliches Wesen. Oder was auch immer er tatsächlich war.
"Vielleicht", murmelte ich.
Der Schatten nickte langsam. "Die meisten Entscheidungen werden getroffen, bevor alle Informationen vorliegen."
"Das macht sie nicht besser."
"Nein." Erneut überraschte mich seine Antwort. "Es macht sie lediglich unvermeidlich."
Ich starrte ihn an. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, wie alt diese Sonde sein musste. Wie viele Welten sie gesehen hatte. Wie viele Spezies. Wie viele Aussterben. Wie viele Rettungen. Wie viele Fehlschläge. Vielleicht sprach aus ihr keine Weisheit. Vielleicht sprach einfach Erfahrung. Unvorstellbar viel Erfahrung.
"Weißt du", sagte ich schließlich, "das macht die Sache nicht gerade einfacher."
"Das war nicht meine Absicht."
Ich lachte trocken. "Ehrlich gesagt glaube ich langsam, dass niemand in diesem Universum wirklich weiß, was er tut."
Der Schatten dachte einen Moment nach. Dann sagte er: "Das ist eine erstaunlich präzise Zusammenfassung der galaktischen Geschichte."
Für einen Augenblick musste ich tatsächlich lachen. Ein echtes Lachen. Kurz. Müde. Fast erschöpft. Aber echt. Die Sterne um uns herum glitzerten in der Dunkelheit. Milliarden von Sonnen. Milliarden von Welten. Milliarden von Geschichten. Und irgendwo da draußen kämpfte mein bewusstloser Körper vermutlich noch immer ums Überleben. Der Gedanke traf mich plötzlich wie ein Schlag. Mein Lächeln verschwand. Sofort. Ich richtete mich auf.
"Moment."
Der Schatten legte den Kopf schief. "Was?"
"Mein Körper."
"Ja?"
"Der liegt immer noch auf der Brücke."
"Ja."
Mir wurde kalt. Obwohl Kälte hier eigentlich unmöglich sein sollte. "Das Schiff wird immer noch beschossen."
"Ja."
"Und dieses Gespräch hier läuft die ganze Zeit?"
"Ja."
Ich starrte ihn an. "Dann sollten wir vielleicht aufhören über Philosophie zu reden und herausfinden, ob ich überhaupt noch lebe."
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung glaubte ich, so etwas wie Belustigung in den Bewegungen des Schattens zu erkennen.
"Eine nachvollziehbare Prioritätenverschiebung."
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 54 - Erwartungen

Ich starrte den Schatten an, während seine letzten Worte in meinem Kopf nachhallten. Irgendwo außerhalb dieses seltsamen Gedankenraums tobte vermutlich noch immer eine Raumschlacht. Mein Körper lag bewusstlos auf der Brücke eines uralten Terraformer Saatschiffes, während Split-Kriegsschiffe, planetare Verteidigungsanlagen und wer wusste was noch alles versuchten, die aufsteigende Flotte zu vernichten. Vernünftig wäre es gewesen, mich ausschließlich darauf zu konzentrieren. Doch Vernunft und Neugier hatten sich in meinem Leben noch nie besonders gut verstanden. Ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht. Die Bartstoppeln meines inzwischen etwas zu lang gewordenen Goatees kratzten an meinen Fingern. Der hohe Pferdeschwanz hing mir über die Schulter, als ich den Kopf leicht schräg legte und den Schatten musterte. Etwas störte mich. Nicht nur ein wenig. Etwas Grundsätzliches. Etwas, das seit unserer ersten Begegnung nicht zusammenpasste.
"Wie bist du eigentlich in das Terraformerschiff gelangt?"
Der Schatten reagierte sofort. Offenbar war die Frage unkomplizierter als die Diskussion über Ethik, Isolationismus, die Alten oder die Zukunft ganzer Spezies.
"Die Sonde hatte den Auftrag, unkartografierte Welten zu untersuchen und festzustellen, ob sich dort etwas von Interesse für uns befindet."
Während er sprach, begann sich die Dunkelheit um uns herum zu verändern. Sterne erschienen. Nebel. Planetensysteme. Dann sah ich Nif'Nakh. 1Die Welt hing unter uns wie ein riesiger grünroter Ball. Dichte Wolkenschichten zogen über Kontinente hinweg. Gebirge warfen lange Schatten. Ozeane glitzerten im Licht ihrer Sonne. Das Bild wirkte nicht wie eine Erinnerung. Es wirkte wie eine Aufzeichnung. Als würde ich die Ereignisse direkt durch die Sensoren der Sonde erleben. Ein winziger Lichtpunkt erschien am Rand des Systems. Ein bläulich schimmernder Riss entstand im Raum. Kein Sprungtor. Kein Sprungantrieb. Kein mir bekanntes System. Der Raum selbst schien auseinandergezogen zu werden. Eine kreisförmige Verzerrung entstand. Dann glitt etwas hindurch. Die Sonde. Sie war deutlich kleiner, als ich erwartet hatte. Keine gigantische Konstruktion. Kein monumentales Schiff. Eher ein schlanker, silbrig schimmernder Körper von vielleicht einigen Metern Länge. Ihre Oberfläche war glatt. Fast organisch. Ohne sichtbare Waffen. Ohne Geschütztürme. Ohne Sensoranlagen, wie ich sie von normalen Schiffen kannte. Sie wirkte beinahe zerbrechlich.
"Als die Sonde das künstliche Wurmloch verließ und in den Orbit von Nif'Nakh eintrat, waren die Terraformer bereits vor Ort."
Sofort änderte sich die Szene. Dutzende gewaltige Signaturen erschienen. Die Terraformerflotte. Selbst in dieser Erinnerung wirkte sie beeindruckend. Die uralten Schiffe schwebten im Orbit. Manche waren bereits beschädigt. Andere funktionierten noch. Ihre Sensoren tasteten unablässig die Umgebung ab. Ich sah, wie mehrere Erfassungsstrahlen die Sonde trafen. Sekunden später reagierten die Terraformer. Die Sonde wurde von mehreren Feldern erfasst. Ihre Bewegung stoppte. Dann wurde sie förmlich aus dem Raum gezogen. Direkt in eines der Schiffe hinein.
"Sie scannten die Sonde, holten sie an Bord und schlossen sie im Eindämmungsfeld ein."
Die Umgebung wechselte erneut. Jetzt sah ich das vertraute blaue Leuchten. Das Kraftfeld. Die aufgerissene Wand. Die Stelle auf der Brücke. Der Ort, an dem ich die Sonde zum ersten Mal gesehen hatte. Oder genauer gesagt: Den Ort, an dem ich ihren Gefängnisraum gesehen hatte. Die schwarze Gestalt neben mir blickte ebenfalls auf die Szene. Für einen Moment betrachteten wir beide dieselbe Erinnerung.
"Warum hat sich die Sonde nicht gewehrt?"
Die Antwort kam sofort. "Die Sonde besitzt keine Waffen."
Ich runzelte die Stirn. Das passte. Irgendwie. Und gleichzeitig passte es überhaupt nicht. Eine Spezies, die durch Galaxien reiste. Die Wurmlöcher erschaffen konnte. Die Welten beobachtete. Die andere Völker beeinflusste. Und deren Sonden waren unbewaffnet? Das erschien mir absurd. Der Schatten schien meine Gedanken zu bemerken.
"Zudem gingen wir davon aus, dass die Schiffe eine Besatzung hätten."
"Menschen."
"Das war die wahrscheinlichste Annahme."
Ich nickte langsam. Das ergab tatsächlich Sinn. Die Terraformer waren von Menschen gebaut worden. Zumindest ursprünglich. Vor dem Xenon-Update. Vor allem, was danach gekommen war.
"Eine weitere Möglichkeit zu studieren und zu warnen."
Bei diesem Wort hob ich den Kopf. "Warnen?"
Der Schatten nickte. "Vor den Won."
Ich verzog nachdenklich das Gesicht. Natürlich. Für ihn ergab das vollkommen Sinn. Seine Spezies hatte ihre Heimatwelt verloren. Die Won waren der Grund gewesen. Wenn irgendwo intelligente Lebewesen existierten, wollten die Helfer offenbar sicherstellen, dass diese wussten, was ihnen drohte. Nicht erst, wenn ein Won bereits auf ihrem Planeten landete. Sondern lange vorher.
Ich verschränkte die Arme. "Macht Sinn."
Dann fiel mir etwas auf. Etwas, das mich schon die ganze Zeit störte. Eine sprachliche Kleinigkeit. Aber gerade solche Kleinigkeiten verrieten oft die größten Geheimnisse. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn.
"Wieso sagst du eigentlich ständig 'die Sonde'?"
Der Schatten reagierte nicht. Also fuhr ich fort.
"Du sagst nie 'ich'."
Jetzt wurde er still. Wirklich still. Nicht dieses übliche Nachdenken. Nicht dieses kalkulierte Schweigen. Etwas anderes. Fast wirkte es vorsichtig.
"Wieso sagst du immer wieder 'die Sonde'?" fragte ich erneut. "Bist du nicht die Verkörperung der Sonde?"
Der Schatten betrachtete mich. Lange. Regungslos. Seine vollkommen schwarze Gestalt absorbierte das Licht der Sterne um uns herum. Es war ein merkwürdiger Anblick. Als hätte jemand ein Loch in die Realität geschnitten. Dann antwortete er.
"Die Sonde ist nur eine Maschine."
Ich blinzelte. "Was?"
"Eine hoch entwickelte Maschine. Aber trotzdem nur eine Maschine."
Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich vielleicht eine vollkommen falsche Vorstellung gehabt hatte.
"Moment." Ich hob beide Hände. "Moooment."
Der Schatten wartete.
"Wenn du nicht die Sonde bist..." Ich ließ den Satz offen.
"Im Inneren der Sonde befindet sich ein Mikrowurmloch."
Mein Herzschlag beschleunigte sich. "Ein was?"
"Ein stabiles Mikrowurmloch."
Die Umgebung um uns herum veränderte sich erneut. Jetzt sah ich das Innere der Sonde. Schichten aus Material. Unbekannte Technologien. Energiekanäle. Komplexe Strukturen. Und im Zentrum... Etwas. Ein winziger schwarzer Punkt. Kleiner als ein Sandkorn. Doch die Realität darum herum war verzerrt. Licht bog sich. Raum krümmte sich. Selbst die Farben wirkten falsch. Als würde mein Gehirn Schwierigkeiten haben, das Gesehene korrekt darzustellen.
"Dadurch können wir mit anderen kommunizieren."
Ich starrte auf das winzige Objekt. "Durch das Wurmloch?"
"Ja."
"Mit wem?"
"Mit uns."
Mein Mund öffnete sich langsam. Dann schloss er sich wieder. Dann öffnete er sich erneut.
"Moment." Der Schatten wartete geduldig. "Moooment."
Ich deutete auf ihn. "Du bist gar nicht die Sonde."
"Nein."
"Du bist auch keine künstliche Intelligenz."
"Nein."
"Du bist nicht das Betriebssystem."
"Nein."
"Nicht die Steuerung."
"Nein."
"Nicht die Persönlichkeit der Sonde."
"Nein."
Langsam begann sich ein völlig neues Bild zusammenzusetzen. Die einzelnen Puzzleteile rasteten ineinander. Und je mehr ich verstand, desto absurder wurde die ganze Sache.
"Du bist..."
Ich verstummte. Der Schatten nickte leicht.
"Ich kommuniziere mit dir durch die Sonde."
Mir wurde plötzlich einiges klar. Sehr vieles sogar. Die Sonde war niemals ein intelligentes Wesen gewesen. Nicht wirklich. Sie war ein Kommunikationsgerät. Ein Beobachtungsinstrument. Ein Sensor. Eine Plattform. Das eigentliche Bewusstsein befand sich irgendwo anders. Irgendwo unfassbar weit entfernt. Vielleicht auf einem Planeten. Vielleicht auf einem Schiff. Vielleicht in einer anderen Galaxie. Vielleicht in einer Region des Universums, deren Existenz ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Ich starrte den Schatten an. Langsam. Ungläubig. Fasziniert. Und ehrlich gesagt auch ein wenig beunruhigt.
"Das heißt..." Ich musste den Gedanken erst zu Ende formulieren. "... während wir hier reden..."
"Ja."
"... sitzt das echte Du irgendwo anders?"
"Wahrscheinlich."
"Wahrscheinlich?"
"Die Entfernung spielt keine Rolle."
Ich schüttelte den Kopf. Nein. Für ihn vielleicht nicht. Für mich schon. Sehr sogar. Denn plötzlich wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit nicht mit einer Maschine gesprochen hatte. Nicht mit einer künstlichen Intelligenz. Nicht mit einem Programm. Nicht mit einer Projektion. Sondern mit einem echten Mitglied einer uralten außerirdischen Spezies. Einer Spezies, die zwischen Galaxien wanderte. Vor den Alten verborgen blieb. Wurmlöcher erschuf. Won beobachtete. Und ganze Zivilisationen beeinflusste. Ich starrte ihn noch einige Sekunden an. Dann rieb ich mir langsam über die Augen.
"Also ehrlich..." Der Schatten wartete. "... mein Leben war deutlich einfacher, bevor ich das alles wusste."

Ich ließ die Schultern hängen und starrte in die Schwärze des künstlichen Himmels über uns. Der Gedankenspeicher, die Simulation oder was auch immer dieser Ort war, reagierte inzwischen fast so selbstverständlich auf meine Vorstellungen wie ein Arm auf einen Bewegungsimpuls. Die Sterne wirkten fern und gleichzeitig greifbar. Zwischen ihnen zogen schwache Nebelschleier aus blauem, violettem und silbrigem Licht dahin. Sie erinnerten mich an die Aufnahmen großer astronomischer Observatorien, die ich früher stundenlang betrachtet hatte. Damals. Als mein Leben noch aus Nahrungsmittellaboren, medizinischen Berichten und Geschäftsplänen bestanden hatte. Damals. Ein seltsames Wort. Als wären nur wenige Jahre vergangen und gleichzeitig mehrere Leben. Ich stieß langsam die Luft aus.
"Ich wollte doch bloß meine Nahrungsmittelunverträglichkeit kompensieren, indem ich Flora und Fauna suchte, die ich gefahrlos zu mir nehmen kann."
Der Schatten sagte nichts. Er hörte einfach zu. Vielleicht war das seine Aufgabe. Vielleicht hatte er erkannt, dass ich gerade nicht wirklich mit ihm sprach. Sondern mit mir selbst. Die Sterne verschwammen. Stattdessen erschien eine Straße. Eine kleine Straße. Sauber. Ordentlich. Belebt. Warme Laternen warfen bernsteinfarbenes Licht auf den Gehweg. Ich erkannte sie sofort. Meine Erinnerung. Anshin Shokudō. Das schlichte Gebäude erschien vor uns. Die hölzerne Fassade. Die großen Fenster. Die handgeschriebenen Tafeln. Der Geruch von Gewürzen. Von Brühe. Von gebratenem Gemüse. Von Reis. Von Dingen, die ich damals nicht einmal hatte essen können. Die Erinnerung traf mich überraschend hart.
"Ich begann meine Forschung privat." Meine Stimme klang leiser. Ruhiger. "Weil niemand sonst das Problem lösen wollte."
Ich ging langsam auf das Restaurant zu. Der Schatten folgte. Seine Füße berührten den Boden nicht wirklich. Trotzdem bewegte er sich. Wie ein Gedanke. Wie ein Echo.
"Die meisten Menschen sehen Nahrung als Selbstverständlichkeit."
Ich betrachtete die Fensterscheiben. Darin bewegten sich Gestalten. Erinnerungen. Fragmente. Momente.
"Man merkt erst, wie wichtig etwas ist, wenn man es verliert."
Ich erinnerte mich an unzählige Arztbesuche. Tests. Blutanalysen. Fehlgeschlagene Diäten. Medikamente. Ratschläge. Enttäuschungen. Die ständige Unsicherheit. Konnte ich das essen? Konnte ich jenes essen? Würde ich danach Schmerzen haben? Würde ich überhaupt etwas vertragen? Die Erinnerung ließ meine Miene härter werden.
"Deshalb begann ich selbst zu forschen."
Ich öffnete die Tür. Sofort schlug mir Wärme entgegen. Goldenes Licht. Der Duft frischer Zutaten. Das Stimmengewirr von Gästen. Lachen. Besteck. Geschirr. All die kleinen Geräusche eines lebendigen Ortes. Und hinter dem Tresen stand sie. Vanu. Ihre Erinnerung war so lebendig, dass es beinahe schmerzte. Die dunklroten Haare. Das konzentrierte Gesicht. Die schnellen Bewegungen ihrer Hände. Die Art, wie sie gleichzeitig fünf Dinge erledigen konnte, ohne den Überblick zu verlieren. Ihre grünen Augen. Ihr Lächeln. Ich blieb stehen. Der Schatten ebenfalls.
"Ich ließ mich dort anstellen." Meine Stimme war kaum mehr als ein Murmeln. "Ursprünglich nur, um Zugang zu Zutaten zu bekommen."
Ein schwaches Schmunzeln huschte über mein Gesicht. "Das war zumindest die offizielle Begründung."
Der Schatten sagte nichts. Aber ich hatte das Gefühl, dass er verstand. Oder zumindest versuchte zu verstehen. Die Erinnerung bewegte sich weiter. Monate vergingen in Sekunden. Gespräche. Gemeinsame Arbeit. Diskussionen. Ideen. Fehler. Erfolge. Dann stand Vanu plötzlich direkt vor mir. Nicht die Erinnerung. Nur eine Projektion meines Geistes. Trotzdem sah sie so echt aus, dass ich für einen Moment den Impuls hatte, nach ihrer Hand zu greifen.
"Ich ging eine Beziehung mit der Inhaberin ein." Ich lächelte leicht. "Wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens."
Der Schatten betrachtete die Szene. Offenbar analysierte er sie. So wie er alles analysierte.
"Und sie wurde meine zweite Frau."
Die Erinnerung veränderte sich erneut. Nun erschien Valentina. Ruhig. Selbstsicher. Präzise. Ihr weißer Kittel flatterte leicht in einer nicht existierenden Brise. Ihre dunklen violetten Augen wirkten aufmerksam wie immer. Sie erinnerte mich sofort an unzählige Diskussionen. An wissenschaftliche Debatten. An medizinische Fachgespräche. An Momente, in denen sie mich zurechtgewiesen hatte. Und meistens recht gehabt hatte.
"Neben Valentina Esposito."
Ich schüttelte den Kopf. Ein leichtes Lächeln erschien. "Eine Ärztin."
Dann ergänzte ich: "Und vermutlich die einzige Person im Universum, die mich regelmäßig dazu bringt, meine eigenen Argumente zu hinterfragen."
Die beiden Erinnerungen standen nun nebeneinander. Vanu. Valentina. Zwei vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Und dennoch zwei der wichtigsten Menschen meines Lebens. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Fernweh. Heimweh. Sehnsucht. Alles gleichzeitig.
"Gemeinsam erweiterten wir das Konzept."
Die Umgebung wandelte sich erneut. Das kleine Geschäft wurde größer. Moderner. Effizienter. Neue Räume entstanden. Labore. Produktionsbereiche. Lager. Testküchen. Dann erschien ein weiteres Schild. Anshin Yatai. Ich betrachtete die vertrauten Schriftzeichen. Die warmen Farben. Die einladende Gestaltung.
"Wir integrierten ein Restaurant." Meine Stimme wurde etwas lebendiger. "Nicht nur Produkte."
Ich deutete auf die Gäste. "Erfahrungen."
Auf einen Teller. "Geschmack."
Auf eine Familie. "Teilhabe."
Auf einen lachenden Kunden. "Normalität."
Der Schatten beobachtete schweigend. Ich verschränkte die Arme. "Die meisten Leute verstehen nicht, was Essen eigentlich bedeutet."
Meine Augen wanderten durch die Erinnerung. "Es geht nicht nur darum, zu überleben."
Die Szene zeigte Menschen. Gespräche. Gemeinsame Mahlzeiten. Freunde. Familien. Paare.
"Es geht darum, gemeinsam zu leben."
Der Gedanke traf mich plötzlich selbst. Ich lachte leise. Humorlos. Fast erschöpft. "Dann wurde ich ehrgeizig."
Der Schatten hob leicht den Kopf. Ich bemerkte es. Natürlich hatte er das erkannt. Er hatte meine Erinnerungen gesehen. Meine Entscheidungen. Meine Fehler. Meine Ziele.
"Sehr ehrgeizig."
Die Szene wechselte erneut. Jetzt erschienen Sternenkarten. Handelsrouten. Datenbanken. Biologische Analysen. Fremde Pflanzen. Fremde Tiere. Laborberichte. Genetische Modelle. Hunderttausende Datensätze.
"Ich setzte mir irgendwann das Ziel, ein Unternehmen aufzubauen, das Nahrungsmittel aller Völker sucht."
Die Bilder wurden größer. Umfassender. Komplexer. "Nicht nur für Menschen."
Mehrere Split erschien. Dann Boronen. Paraniden. Teladi. Argonen. Terraner. Aldrianer. "Für alle."
Der Schatten betrachtete die Projektionen. Ich sah zu, wie ganze Netzwerke aus Versorgungsketten entstanden. Forschungseinrichtungen. Landwirtschaft. Handelsstationen. Restaurants. Transportflotten.
"Und dann wollte ich diese Nahrung so bearbeiten, dass sie von anderen Völkern verzehrt werden kann."
Ich schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, waren die Bilder noch immer da. Größer als zuvor. Fast überwältigend.
"Eine Nahrung." Ich deutete auf die Galaxie. "Für viele Spezies." Mein Lächeln wurde schief. "Möglichst alle."
Der Schatten schwieg weiterhin. Und genau dadurch wurde mir bewusst, wie absurd sich das alles anhörte. Ich befand mich in einem Gedankenraum. Sprach mit einer außerirdischen Entität aus einer anderen Welt. Mein Körper lag bewusstlos auf einem uralten Terraformerschiff. Eine Split-Flotte schoss vermutlich gerade auf eben dieses Schiff. Irgendwo existierten planetenfressende geologische Lebensformen. Und dennoch dachte ich über Restaurants nach. Ich musste lachen. Diesmal ehrlich. Kurz. Trocken. Erschöpft.
"Hach..." Ich fuhr mir über das Gesicht. "Ich mache mir mein Leben selber schwer."
Der Schatten bewegte sich leicht. Nur minimal. Dann sagte er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. "Nein."
Ich blickte auf. "Nein?"
"Du hast ein Problem erkannt."
Seine schwarze Gestalt stand reglos zwischen den Erinnerungen meines Lebens. Zwischen Restaurants. Laboren. Sternenkarten. Zwischen meinen Ehefrauen. Zwischen all den Wegen, die ich eingeschlagen hatte.
"Und du hast versucht, es zu lösen."
Ich schwieg. Der Schatten fuhr fort. "Danach hast du weitere Probleme erkannt."
Ich musste wider Willen schmunzeln. "Das passiert leider häufig."
"Ja."
Für einen Moment wirkte seine Stimme beinahe amüsiert. Falls so etwas bei ihm überhaupt möglich war.
"Und dann hast du versucht, auch diese zu lösen."
Ich sah wieder zu den Sternen auf. Zu den Milliarden Sonnen. Den unzähligen Welten. Den Völkern. Den Möglichkeiten. Den Problemen. Und leider auch den Chancen. Langsam wurde mein Schmunzeln breiter.
"Jetzt wo du es so formulierst..." Der Schatten wartete. "... klingt es deutlich vernünftiger."
"Tut es das?"
"Nein."
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich wirklich lachen.

Ich hörte auf zu lachen. Nicht abrupt. Nicht weil mich etwas erschreckt hätte. Das Lachen starb einfach langsam aus, bis nur noch ein schwaches Schmunzeln auf meinem Gesicht zurückblieb. Der Schatten hatte sich mir zugewandt. Die künstliche Erinnerung um uns herum existierte noch immer. Das Anshin Shokudō lag in warmes Abendlicht getaucht. Menschen gingen die Straße entlang. Gäste betraten das Restaurant. Andere verließen es wieder. Stimmen vermischten sich mit dem fernen Summen des Verkehrs. Aus einem geöffneten Fenster drang der Duft von gebratenem Gemüse, Gewürzen und frisch gekochtem Reis. Es war eine Erinnerung. Und doch fühlte sie sich erschreckend echt an. Fast zu echt. Der Schatten blickte sich um. Oder zumindest hatte ich den Eindruck, dass er es tat. Bei ihm war das schwer zu sagen. Sein Gesicht war mein Gesicht. Sein Körper mein Körper. Und dennoch wirkte alles falsch. Als hätte jemand die Form eines Menschen aus reiner Dunkelheit ausgeschnitten. Die Menschen liefen durch ihn hindurch. Sie bemerkten ihn nicht. Genauso wenig wie mich. Wir waren Geister in meiner eigenen Vergangenheit. Dann sprach er.
"Deine Taten skalieren nach oben."
Ich runzelte die Stirn. Mein Gesicht verzog sich automatisch. Verwirrung. Irritation. Vielleicht auch ein wenig Misstrauen.
"Was soll das heißen?"
Der Schatten hob eine Hand. Nicht belehrend. Eher beobachtend. Als würde er eine Erkenntnis aussprechen, die er gerade erst selbst gewonnen hatte.
"Zuerst ging es nur um dich selbst."
Die Umgebung reagierte auf seine Worte. Die Straße verblasste. Die Gebäude lösten sich auf. Neue Erinnerungen entstanden. Ich sah mich selbst. Jünger. Frustrierter. Erschöpfter. Unzählige medizinische Berichte lagen vor mir. Scans. Laborwerte. Diagnosen. Tabellen. Fehlgeschlagene Therapieversuche. Der Geruch steriler Räume schien plötzlich in der Luft zu liegen. Kunststoff. Desinfektionsmittel. Reinigungsmittel. Die sterile Kälte medizinischer Einrichtungen.
"Du wolltest ein Problem lösen." Der Schatten beobachtete die Szene. "Dein Problem."
Ich verschränkte die Arme. Langsam. Widerwillig. Weil ich wusste, dass er recht hatte. Damals hatte mich niemand motiviert. Niemand gebeten. Niemand beauftragt. Ich hatte einfach keine Lust mehr gehabt, mein Leben von Unverträglichkeiten bestimmen zu lassen. Also hatte ich angefangen zu forschen. Nicht für die Menschheit. Nicht für die Gesellschaft. Nicht für irgendein höheres Ziel. Für mich. Nur für mich. Die Erinnerung verschwand. Eine neue entstand. Ich erkannte ehemalige Kollegen. Freunde. Bekannte. Kunden. Menschen, denen ich geholfen hatte. Menschen, die ähnliche Probleme hatten. Menschen, die durch unsere Produkte plötzlich wieder Dinge essen konnten, die sie jahrelang hatten meiden müssen.
"Danach ging es um andere."
Die Szene vergrößerte sich. Immer mehr Personen erschienen. Immer mehr Gesichter. Immer mehr Schicksale. Der Schatten sprach ruhig weiter.
"Freunde." Ein weiteres Bild. "Bekannte." Noch eines. "Nachbarn."
Ich schwieg. Langsam begann ich zu verstehen, worauf er hinauswollte. Oder vielleicht verstand ich es bereits und wollte es nur nicht zugeben. Die Erinnerungen wurden größer. Aus einzelnen Menschen wurden Gemeinschaften. Aus Gemeinschaften Städte. Aus Städten ganze Regionen. Liefernetzwerke entstanden. Produktionsanlagen. Labore. Forschungsgruppen. Restaurants. Vertriebssysteme. Eine Idee breitete sich aus. Wurde größer. Komplexer.
"Die Gesellschaft."
Die Worte hingen schwer zwischen uns. Der Schatten drehte sich langsam um die eigene Achse. Die Menschen gingen weiterhin durch ihn hindurch. Als wäre er Luft. Als wäre er niemals da gewesen.
"Der Planet."
Jetzt sah ich Handelsrouten. Kooperationen. Forschungseinrichtungen. Globale Lieferketten. Ich spürte ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Nicht weil die Erinnerungen schmerzhaft waren. Sondern weil sie unangenehm präzise waren. Ich hatte niemals bewusst darüber nachgedacht. Nicht in dieser Form. Nicht als Entwicklung. Nicht als Skalierung. Für mich hatte immer nur das nächste Problem existiert. Das nächste Hindernis. Die nächste Herausforderung. Der nächste Schritt. Doch aus größerer Entfernung betrachtet... Ja. Es sah tatsächlich wie ein Muster aus. Die Umgebung veränderte sich erneut. Nun erschienen Sterne. Raumschiffe. Sprungtore. Fremde Welten. Fremde Spezies. Die bekannte Karte des Sprungtornetzwerks breitete sich um uns aus. Systeme leuchteten auf. Verbindungen entstanden. Handelsrouten. Kolonien. Stationen.
"Die Spezies."
Der Schatten deutete auf die Karte. Ich sah Argonen. Boronen. Teladi. Split. Paraniden. Und viele weitere.
"Und schließlich alle Spezies im Sprungtornetzwerk."
Ich schloss kurz die Augen. Verdammt. Wenn man es so formulierte, klang es tatsächlich wahnsinnig. Ich hatte ursprünglich nur etwas essen wollen, ohne krank zu werden. Irgendwann war daraus ein Unternehmen geworden. Dann eine Vision. Dann ein Projekt. Dann etwas Größeres. Und irgendwann hatte ich angefangen, ganze Zivilisationen in diese Überlegungen einzubeziehen. Nicht weil ich es geplant hatte. Sondern weil jede Lösung neue Fragen aufgeworfen hatte. Neue Möglichkeiten. Neue Probleme. Der Schatten betrachtete mich. Lange. Aufmerksam. Dann begann er erneut zu sprechen.
"Ich erkenne eine Verwandtschaft in dir."
Diese Aussage ließ mich aufsehen. Sofort. Unwillkürlich. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte, gehörte das nicht dazu. Ich? Verwandtschaft? Mit einer Spezies, die zwischen Galaxien wanderte? Mit Wesen, die uralte außerirdische Zivilisationen beobachteten? Mit Helfern? Ich musste beinahe lachen. Doch der Schatten sprach bereits weiter.
"Du hilfst nicht um des Helfens willen."
Seine Stimme blieb ruhig. Sachlich. Analytisch. Fast wissenschaftlich.
"Nicht, weil dich jemand dazu drängt oder zwingt."
Die Erinnerungen um uns herum begannen sich zu verändern. Ich sah Situationen meines Lebens. Momente. Entscheidungen. Kreuzungen. Gelegenheiten. Ich erkannte etwas, das mir zuvor nie aufgefallen war. Niemand hatte mich tatsächlich gezwungen. Nicht ein einziges Mal. Die meisten Dinge hatte ich freiwillig getan. Weil ich sie tun wollte. Weil sie mir sinnvoll erschienen. Nicht weil jemand sie von mir verlangt hatte.
"Nicht aus einem verdrehten moralischen oder ethischen Kodex heraus."
Ich hob eine Augenbraue. "Damit meinst du gerade euch selbst, oder?"
Der Schatten ignorierte den Einwurf. Oder vielleicht entschied er sich bewusst dagegen, darauf einzugehen.
"Du hilfst, weil du es als richtig empfindest."
Stille. Die Worte blieben im Raum hängen. Zwischen den Sternen. Zwischen den Erinnerungen. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich blickte auf die Karte des Sprungtornetzwerks. Auf die Trilliarden Leben, die sie repräsentierte. Dann auf die Erinnerungen meiner beiden Frauen. Auf das Restaurant. Auf das Unternehmen. Auf die Forschungsdaten. Auf all die Dinge, die mich überhaupt erst hierher gebracht hatten. Langsam verschränkte ich die Arme.
"Das klingt deutlich nobler, als es tatsächlich ist."
Der Schatten reagierte nicht sofort. "Dann erkläre."
Ich schnaubte leise. "Wenn ich jemandem helfe, dann meistens deshalb, weil mich das Problem stört."
Nun war der Schatten an der Reihe zu schweigen. Also fuhr ich fort. "Meine Unverträglichkeit hat mich gestört."
Ich deutete auf die erste Erinnerung. "Dann hat es mich gestört, dass andere dieselben Probleme hatten."
Die nächste. "Danach hat es mich gestört, dass Nahrung zwischen Spezies nicht kompatibel ist."
Noch eine. "Dann hat es mich gestört, dass ganze Völker unnötig eingeschränkt werden."
Die Karte der bekannten Systeme leuchtete heller. "Und irgendwann hat es mich gestört, dass die Galaxie voller Probleme ist, die lösbar erscheinen."
Der Schatten betrachtete mich aufmerksam. Vielleicht sogar interessiert. "Du beschreibst dasselbe Phänomen."
"Nein."
"Doch."
Ich verzog das Gesicht. Der Schatten zeigte tatsächlich keine Spur von Unsicherheit. Keine. Überhaupt keine.
"Du definierst Hilfe über Probleme." Er trat näher. "Wir definieren Hilfe über Gefahren."
Seine vollkommen schwarzen Augen trafen meine. "Das Ergebnis bleibt dasselbe."
Ich wollte widersprechen. Doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Weil ich keine passende Antwort hatte. Nicht sofort. Nicht ehrlich. Der Schatten musterte mich einige Sekunden.
Dann sagte er etwas, das mich unerwartet traf. "So wie wir."
Ich erstarrte. Nicht körperlich. Innerlich. Die Worte waren nicht groß. Nicht dramatisch. Nicht feierlich. Doch gerade deshalb trafen sie so hart. So wie wir. Nicht wie die Alten. Nicht wie die Boronen. Nicht wie die Wenendra. Nicht wie die Terraformer. Wie wir. Zum ersten Mal hatte der Schatten mich nicht als Untersuchungsobjekt betrachtet. Nicht als primitive Spezies. Nicht als zufälligen Beobachter. Nicht als temporären Gesprächspartner. Sondern als etwas anderes. Als jemanden, dessen Denkweise er verstand. Oder zumindest nachvollziehen konnte. Ich blickte zu den Sternen. Lange. Sehr lange. Irgendwo dort draußen existierten die Helfer. Eine uralte Spezies. Versteckt vor den Alten. Auf der Flucht vor einer Vergangenheit, die von den Won ausgelöscht worden war. Und trotzdem hatten sie sich entschieden weiterzumachen. Weiterzuhelfen. Weiterzuwarnen. Weiterzuziehen. Von Welt zu Welt. Von Spezies zu Spezies. Vielleicht nicht immer richtig. Vielleicht nicht immer klug. Vielleicht sogar manchmal schädlich. Aber sie taten es trotzdem. Weil sie es als richtig empfanden. Langsam rieb ich mir über den Nacken. Mein Blick wanderte zurück zum Schatten.
"Das ist ehrlich gesagt eine ziemlich beunruhigende Erkenntnis."
Der Schatten neigte leicht den Kopf. "Warum?"
Ich lachte trocken. "Wegen allem, was ich bisher über euch gelernt habe."
"Und?"
Ich deutete mit beiden Händen auf ihn. "Wenn ich euch wirklich ähnlich bin, dann bedeutet das, dass ich in Zukunft vermutlich noch deutlich größere Probleme lösen wollen werde."
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung hatte ich den Eindruck, dass der Schatten tatsächlich etwas wie Humor verstand.
Denn er antwortete ohne jede Verzögerung: "Ja."
Und genau diese schnelle Antwort machte mir deutlich mehr Sorgen als alles andere, was er bisher gesagt hatte.

"Es wird Zeit", sagte der Schatten.
Seine Stimme klang anders als zuvor. Nicht mehr wie die sachliche, geduldige Stimme eines Lehrers, der einen Schüler durch Zusammenhänge führte, die größer waren als beide zusammen. Sie klang leiser. Weiter entfernt. Fast so, als würde sie bereits aus einer anderen Realität zu mir sprechen. Ich hob den Kopf. Um uns herum begann die Dunkelheit des Gedankenraumes zu zerfallen. Nicht abrupt. Nicht wie ein Lichtschalter. Vielmehr lösten sich die Sterne auf wie Tautropfen in der Morgensonne. Die fremden Welten, die der Schatten mir gezeigt hatte, verblassten. Die Farben verloren ihre Intensität. Das tiefe Blau von Ni'sha'la wurde blasser. Die grünen Ozeane ferner Planeten verwandelten sich in Nebelschleier. Die gigantischen Kristallkörper der Won zerfielen zu glitzerndem Staub. Alles wurde durchscheinend. Unwirklich. Ich spürte ein seltsames Ziehen in meinem Inneren. Nicht körperlich. Eher so, als würde mein Bewusstsein langsam wieder an etwas anderes gekoppelt werden. An meinen Körper. An die Realität. Der Schatten stand mir gegenüber. Die Arme hingen nun locker an seinen Seiten. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie eine überlegene Entität, die Antworten auf Fragen besaß, die ganze Zivilisationen beschäftigten. Er wirkte müde. Oder zumindest stellte mein Verstand ihn mir so vor.
"Ich werde dir ein Geschenk geben", sagte er.
Ich blinzelte. "Was?"
Die Konturen seines Körpers flackerten. "Du hast uns etwas gegeben."
Ich runzelte die Stirn. "Was denn?"
Der Schatten sah mich an. Sein schwarzes Gesicht besaß keine Augen. Keine Mimik. Und dennoch hatte ich das Gefühl, angesehen zu werden.
"Wahrnehmung." Ich verstand nicht. Der Schatten sprach weiter. "Zweifel." Jetzt verstand ich noch weniger. "Und Hoffnung."
Das letzte Wort blieb zwischen uns stehen. Hoffnung. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte, gehörte dieses Wort nicht dazu. Nicht nach Gesprächen über planetenverschlingende Kristallwesen. Nicht nach Diskussionen über die Fehler der Helfer. Nicht nach Debatten über die Alten. Nicht nach all dem.
"Hoffnung worauf?", fragte ich. Doch meine Stimme verklang bereits.
Die Umgebung brach auseinander. Der Raum zerfiel. Der Schatten ebenfalls. Sein Körper wurde von schwarzen Partikeln verschluckt. Seine letzte Antwort erreichte mich nur noch bruchstückhaft.
"Weil..." Dann verschwamm alles. "...wir..." Die Dunkelheit verschlang ihn. "...lernen können."
Danach war nichts mehr da. Nur Schwärze. Dann Schmerz. Gewaltiger Schmerz. Der Boden bebte unter mir. Ein dumpfer Schlag erschütterte meinen gesamten Körper. Meine Augen rissen auf. Rotes Licht. Sirenen. Warnanzeigen. Die Brücke. Ich lag auf dem Metallboden. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo oben und unten war. Mein Kopf hämmerte. Meine Schultern schmerzten. Mein Rücken fühlte sich an, als wäre ich von einem Raumfrachter überfahren worden. Ein weiterer Einschlag ließ die gesamte Brücke erzittern. Funken sprühten irgendwo hinter mir. Die Luft roch nach heißem Metall. Nach Ozon. Nach verschmorter Elektronik. Ich stützte mich auf die Ellenbogen und richtete mich langsam auf. Meine Sicht verschwamm kurz. Dann wurde sie klar. Und ich erstarrte. Links neben mir schwebte die Sonde. Das dunkle Objekt hing lautlos in der Luft. Um seine Oberfläche waberten schwarze Schleier. Wie flüssiger Schatten. Wie Rauch. Wie etwas, das eigentlich nicht existieren dürfte. Ich wollte etwas sagen. Kam jedoch nicht dazu. Die Sonde bewegte sich. Nein. Sie veränderte sich. Ihre Oberfläche begann zu fließen. Metall wurde Flüssigkeit. Strukturen lösten sich auf. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich der gesamte Körper in eine silbrig schwarze Masse. Die Masse schoss auf mich zu. Direkt auf meinen linken Arm.
"Was zur..."
Zu spät. Die Flüssigkeit traf meinen Scanner. Mein altes Armband verschwand augenblicklich unter der fremden Materie. Ich wollte zurückweichen. Doch alles ging viel zu schnell. Die Masse breitete sich über meinen Unterarm aus. Nicht aggressiv. Nicht schmerzhaft. Eher präzise. Kontrolliert. Fast chirurgisch. Dann erstarrte sie. Die Verwandlung war beendet. Ich starrte auf meinen Arm. Dort befand sich keine Sonde mehr. Keine fremde Technologie. Keine Maschine. Stattdessen umschloss eine elegante silberne Armschiene meinen linken Unterarm. Sie wirkte erstaunlich schlicht. Fast unscheinbar. Die Oberfläche war vollkommen glatt. Ohne Schrauben. Ohne Fugen. Ohne erkennbare Übergänge. Feine blaue Linien verliefen durch das Material. Dünner als ein Haar. Sie glommen schwach. Wie Licht unter Eis. Vorsichtig berührte ich die Oberfläche. Sie fühlte sich gleichzeitig kühl und warm an. Ein Widerspruch. Und dennoch Realität. Sofort erschien ein Hologramm vor mir. Blau. Transparent. Messerscharf. Textzeilen füllten die Luft. Eine Nachricht. Vom Helfer. Ich las schweigend. Die Sonde gehörte nun mir. Die Helfer würden mich beobachten. Nicht kontrollieren. Nicht lenken. Beobachten. Die Technologie war stark eingeschränkt worden. Bewusst. Dennoch verfügte die Armschiene über Fähigkeiten, die meinen bisherigen Scanner wie ein Steinwerkzeug erscheinen ließen. Datenspeicherung. Analyse. Kommunikation. Sensorik. Rechenleistung. Alles überstieg jede mir bekannte Technologie.
"Na toll...", murmelte ich.
Ein weiterer Einschlag erschütterte die Brücke. Das Hologramm verschwand. Die Realität holte mich endgültig ein. Ich stemmte mich auf die Beine. Sofort protestierten sämtliche Muskeln. Meine Ghok-Rüstung war teilweise geöffnet. Mehrere Segmente lagen verstreut über den Boden. Offenbar hatte ich während meiner Bewusstlosigkeit einige harte Bekanntschaften mit Wänden und Konsolen gemacht. Ich sammelte die Teile ein. Kratzspuren zogen sich über die Panzerplatten. Einige Stellen waren eingedellt. Andere von Energietreffern geschwärzt. Während ich die einzelnen Komponenten wieder befestigte, bemerkte ich etwas Seltsames. Die Rüstung fühlte sich vertraut an. Fast angenehm. Als würde ich eine dicke Jacke anziehen, die ich seit Jahren besaß. Ich schnaubte. Vor drei Jahren hatte ich Lebensmittel erforscht. Jetzt trug ich eine von Split gebaute Kampfrüstung auf einem uralten Terraformerschiff, während eine außerirdische Superzivilisation mir einen Quantencomputer geschenkt hatte. Mein Leben war definitiv falsch abgebogen. Kurz betrachtete ich mein Spiegelbild in einer dunklen Konsole. Die langen Haare waren weiterhin zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Mein Goatee war etwas länger geworden. Nicht viel. Gerade genug, um ungepflegt auszusehen.
"Vielleicht sollte ich mir irgendwann wieder einen Rasierer besorgen."
Der Gedanke war so absurd, dass ich beinahe lachte. Beinahe.
"Hoffnung", murmelte ich stattdessen.
Das Wort ließ mich nicht los. Warum Hoffnung? Worauf? Für die Helfer? Für die Wenendra? Für die Boronen? Für mich? Ich wusste es nicht. Und genau das störte mich. Langsam ging ich zum Captainssessel. Die rote Alarmbeleuchtung warf harte Schatten über die Brücke. Jede Metallkante wirkte scharf. Bedrohlich. Die Sirenen heulten ununterbrochen. Ich setzte mich. Rief die Statusanzeigen auf. Und während die Daten über die Bildschirme flossen, wurde mir erneut bewusst, wie absurd meine Existenz eigentlich geworden war. Vor drei Jahren war ich nicht einmal Teil dieses Universums gewesen. Ich hatte keine Raumschiffe gekannt. Keine Split. Keine Boronen. Keine Alten. Keine Helfer. Keine Sohnen. Nichts davon. Ein Riss im Raumzeitgefüge hatte mich hierher verschlagen. Zufall. Purer Zufall. Ich war kein Held. Kein Auserwählter. Kein legendärer Retter. Ich war ein Mann gewesen, der nach essbaren Pflanzen und Tieren gesucht hatte. Und dennoch war ich nun hier. Zwischen Mächten, die über Galaxien nachdachten. Zwischen Spezies, die Sternentore bauten. Zwischen Wesen, die Planeten verschlangen. Vielleicht war genau das der Grund. Weil ich kein Held war. Weil ich keine Rolle spielte. Weil niemand geplant hatte, dass ich hier sein würde. Ein brutaler Einschlag riss mich aus meinen Gedanken. Die gesamte Brücke erbebte. Warnanzeigen explodierten förmlich über die Bildschirme.
"Schildtreffer!"
Der automatische Computer meldete die Information mit emotionsloser Stimme. Ich fluchte. Die Statusübersicht erschien. Und sie war nicht schön. Von der ursprünglichen Terraformerflotte existierte kaum noch etwas. Die Kampfschiffe waren längst vernichtet. Die Split hatten sie zuerst ausgeschaltet. Vermutlich weil sie eindeutig als Bedrohung identifizierbar gewesen waren. Die Saatschiffe hingegen hatten länger überlebt. Wahrscheinlich konnten die Split sie nicht richtig einordnen. Die Xenon bauten solche Schiffe schon lange nicht mehr. Niemand hatte sie seit Jahrhunderten gesehen. Doch mittlerweile spielte das keine Rolle mehr. Von der gesamten Flotte waren nur noch wenige Signaturen übrig. Ein Dutzend. Vielleicht etwas mehr. Vielleicht weniger. Jede Minute explodierten weitere. Ich betrachtete die taktische Darstellung. Die verbliebenen Schiffe bewegten sich in einer engen Formation. Sie stiegen steil über die Systemebene hinaus. Nicht Richtung Ausgang. Nicht Richtung Sprungtor. Sondern zur Sonne. Mein Magen zog sich zusammen.
"Was macht ihr da?"
Sofort ließ ich mir die Flugbahn anzeigen. Sekunden später erschien die Antwort. Ich starrte auf die Berechnung. Dann schloss ich kurz die Augen. Natürlich. Natürlich machten sie das. Ich hatte ihnen befohlen, so schnell wie möglich aus dem System zu fliehen. Die Terraformer interpretierten diesen Befehl wörtlich. Sie planten ein Swing-by-Manöver. Die Sonne sollte als gigantischer Gravitationsanker dienen. Sie würden tief in den Stern hineinstürzen. Seine Gravitation nutzen. Und mit maximal möglicher Geschwindigkeit wieder herausgeschleudert werden. Effizient. Logisch. Brillant. Und vollkommen wahnsinnig. Wieder schlug eine Split-Waffe in die Schilde ein. Die Energieanzeigen fielen weiter. Doch die Flotte beschleunigte trotzdem. Unaufhaltsam. Direkt auf das gleißende Herz des Systems zu. Und während draußen Krieg tobte, während uralte Maschinen um ihr Überleben kämpften und Split-Schiffe Jagd auf uns machten, legte ich eine Hand auf die neue Armschiene und fragte mich, ob das Wort Hoffnung vielleicht weniger mit den Helfern zu tun hatte. Und mehr mit dem Umstand, dass ich trotz all dieser Ereignisse noch immer nicht aufgegeben hatte. Denn offenbar war genau das die einzige Konstante in meinem Leben geworden. Chaos. Und mein Versuch, irgendwie darin weiterzuleben.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 55 - Reise

Ich brauchte nur wenige Augenblicke, um zu erkennen, dass die Entscheidung der Terraformer trotz aller Absurdität sinnvoll war. Meine erste Reaktion war gewesen, sie für verrückt zu halten. Doch je länger ich die Flugbahnen betrachtete, die sich als leuchtende Linien über die taktische Darstellung zogen, desto mehr wich dieses Gefühl einer unangenehmen Einsicht. Die Maschinen hatten meinen Befehl nicht verstanden. Nicht wirklich. Sie hatten ihn analysiert. Zerlegt. Priorisiert. Und anschließend die effizienteste Lösung berechnet. Ich lehnte mich im Kommandosessel zurück und ließ meinen Blick über die Datenströme wandern, die über die halbtransparenten Hologramme flossen. Die rote Alarmbeleuchtung tauchte die Brücke weiterhin in blutige Farbtöne. Jeder Schatten wirkte tiefer als zuvor. Jeder Lichtreflex schien scharf wie ein Messer. Das stetige Heulen der Warnsirenen hatte mittlerweile etwas Monotones bekommen. Mein Gehirn begann bereits, die Geräusche auszublenden. Dafür konzentrierte ich mich auf die Flugvektoren. Und dort lag die Antwort. Die Sprungtore waren blockiert. Nicht teilweise. Nicht unzureichend. Vollständig. Die Split hatten ihre Kampfschiffe vor den Toren positioniert. Zerstörer. Korvetten. Jägerverbände. Mobile Verteidigungsplattformen. Alles, was verfügbar gewesen war. Die Sensoraufzeichnungen zeigten deutlich, dass sich die feindlichen Einheiten dort regelrecht gestapelt hatten. Eine Wand aus Stahl und Waffen. Selbst wenn die Terraformer versucht hätten, eines der Tore zu erreichen, hätten sie mitten durch diese Verteidigungslinien gemusst. Ich vergrößerte die Darstellung. Mehrere Simulationen erschienen. Keine davon endete positiv. Die Verlustrate lag praktisch immer bei hundert Prozent. Ich verzog das Gesicht.
"Natürlich."
Meine Stimme klang trocken. Die Terraformer hatten also schlicht den einzigen Fluchtweg gewählt, der noch offen war. Kein Tor. Keine bekannte Route. Keine Rücksicht auf Risiken. Einfach maximale Beschleunigung. Richtung Sonne. Danach ein Swing-by-Manöver. Und anschließend hinaus in die Leere zwischen den Sternen. Vielleicht Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Vielleicht würden sie niemals irgendwo ankommen. Aber sie würden Heim des Patriarchen verlassen. Und genau das hatte ich befohlen. Ich fuhr mir mit der rechten Hand durchs Gesicht. Die Bartstoppeln meines mittlerweile deutlich längeren Goatees kratzten dabei an meinen Fingern.
"Ehrlich gesagt...", murmelte ich.
Mein Blick wanderte zur Frontansicht. Dort füllte die Sonne inzwischen einen immer größeren Teil des Sichtfeldes aus. Ein gewaltiger Ball aus brodelndem Feuer. Gelb. Orange. Weiß. Unzählige Eruptionen stiegen aus ihrer Oberfläche auf. Gigantische Bögen aus Plasma schossen Tausende Kilometer weit ins All hinaus. Ein Stern. Nichts weiter. Und doch wirkte er größer als alles, was ich jemals gesehen hatte.
"...würde ich wahrscheinlich dieselbe Entscheidung treffen."
Die Worte schmeckten bitter. Weil sie stimmten. Ein weiterer Treffer erschütterte das Schiff. Die Schilde flackerten. Zahlen sanken. Warnanzeigen blinkten. Aber die Flotte beschleunigte weiter. Unbeirrt. Unaufhaltsam. Maschinen kannten keine Angst. Sie kannten keine Zweifel. Sie kannten nur ihre Befehle. Und manchmal beneidete ich sie darum. Während die Minuten vergingen, bemerkte ich allmählich eine Veränderung auf den taktischen Anzeigen. Zunächst schenkte ich ihr keine besondere Aufmerksamkeit. Zu vieles geschah gleichzeitig. Zu viele Daten. Zu viele Bedrohungen. Doch irgendwann fiel mir auf, dass die Split kleiner wurden. Nicht auf den Bildschirmen. Sondern tatsächlich. Ihre Signaturen entfernten sich. Langsam. Aber stetig. Die Terraformer waren schneller. Erheblich schneller. Vor allem jetzt, da nahezu sämtliche Energie in Antriebssysteme und Schilde umgeleitet worden war. Die Entfernung vergrößerte sich. Kilometer. Tausende Kilometer. Zehntausende. Hunderttausende. Die Split fielen zurück. Nicht weil sie aufgaben. Sondern weil sie nicht mithalten konnten. Ich beobachtete die Daten aufmerksam. Die feindlichen Schiffe feuerten weiterhin. Langstreckenwaffen. Raketen. Beschleunigerkanonen. Energiewaffen. Alles, was ihre Reichweite hergab. Doch mit zunehmender Distanz nahm die Effektivität spürbar ab. Viele Schüsse verfehlten inzwischen. Andere verloren so viel Energie, dass die Schilde sie problemlos absorbierten. Trotzdem gaben die Split nicht auf. Das überraschte mich nicht. Wenn irgendwo plötzlich eine Terraformerflotte auftauchte, würde wohl jede vernünftige Regierung sämtliche verfügbaren Mittel mobilisieren. Vor allem die Split. Besonders die Split. Vermutlich würden sie niemals vergessen. Ich wollte gerade meinen Blick wieder den Statusanzeigen zuwenden, als ein neues Signal auftauchte. Eine einzelne Kennung. Klein. Schnell. Verdammt schnell. Ich blinzelte. Dann vergrößerte ich die Anzeige. Und konnte nicht anders als ungläubig zu lachen.
"Das kann nicht deren Ernst sein."
Die Springblossom. Die aldrianische Korvette. Sie hatte aufgeholt. Nicht nur das. Sie befand sich mittlerweile auf nahezu identischem Kurs. Parallel zur Terraformerformation. Fast exakt auf gleicher Geschwindigkeit. Was für sich genommen bereits beeindruckend war. Doch die eigentliche Überraschung kam erst noch. Die Flugbahn änderte sich. Minimal. Gezielt. Präzise. Direkt auf das Saatschiff zu. Ich richtete mich im Sessel auf.
"Nein." Die Daten aktualisierten sich. "Nein."
Weitere Korrekturen. Noch näher.
"Das macht ihr nicht wirklich."
Doch genau das taten sie. Die Korvette versuchte anzudocken. Bei dieser Geschwindigkeit. Während wir beschossen wurden. Während die Schilde teilweise kollabierten. Während wir auf einen Stern zurasten. Ich starrte die Anzeige an. Sekundenlang. Dann begann ich ungläubig den Kopf zu schütteln.
"Welcher Wahnsinnige sitzt da am Steuer?"
Die Frage war ernst gemeint. Ich stand auf und trat näher an die taktische Projektion heran. Die Springblossom erschien nun als detailliertes Modell. Elegant. Schlank. Schnell. Typisch aldrianisches Design. Geschwungene Linien. Silberne und weiße Oberflächen. Ein Schiff, das eher wie ein Raubvogel wirkte als wie ein militärisches Fahrzeug. Und dieses Schiff näherte sich weiterhin. Meter für Meter. Unfassbar präzise. Ich rief die Strukturpläne des Saatschiffes auf. Der Hangar erschien. Oder vielmehr das, was davon übrig war. Ein Teil der äußeren Schotten fehlte. Mehrere Sektionen waren beschädigt. Einige Bereiche standen sogar weiterhin als eingeschränkt funktionsfähig markiert. Und selbst wenn der Hangar unbeschädigt gewesen wäre... Ich schnaubte.
"...da passt ihr niemals rein."
Das war schlicht unmöglich. Der Hangar war für kleine Shuttles ausgelegt. Vielleicht ein oder zwei. Mehr nicht. Die Springblossom war eine Korvette. Ein Vielfaches größer. Sie konnte dort nicht landen. Nicht einmal ansatzweise. Und trotzdem flog sie weiter heran. Als hätte ihnen das niemand gesagt. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Blick blieb an den Daten haften. Jede Kurskorrektur wirkte perfekt. Jede Bewegung kontrolliert. Der Pilot wusste offensichtlich genau, was er tat. Und genau das machte die Sache noch verrückter. Ein Amateur hätte längst die Kontrolle verloren. Ein schlechter Pilot wäre bereits gegen den Rumpf geknallt. Doch die Springblossom bewegte sich mit einer Eleganz, die beinahe unheimlich wirkte. Wie ein Tänzer. Wie ein Messer. Wie etwas, das exakt wusste, wo es hin wollte. Die Korvette glitt näher. Immer näher. Und während ich zusah, wurde mir bewusst, dass die eigentliche Frage gar nicht lautete, ob das Manöver möglich war. Die eigentliche Frage war eine andere. Wer zum Teufel hatte entschieden, dass das eine gute Idee sei? Denn hinter jedem verrückten Piloten stand normalerweise ein noch verrückterer Captain. Jemand musste diesen Befehl gegeben haben. Jemand musste gesagt haben: Flieg zu dem uralten Terraformerschiff. Während es beschossen wird. Während es Richtung Sonne beschleunigt. Während eine Split-Flotte hinterherjagt. Und hol den Idioten dort raus. Ich schloss kurz die Augen. Vor meinem inneren Auge tauchten mehrere Gesichter auf. Einige davon kannte ich nur flüchtig. Andere besser. Und je länger ich darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde eine bestimmte Vermutung. Langsam öffnete ich die Augen wieder. Ein gequältes Stöhnen entkam mir.
"Bitte nicht."
Die Springblossom rückte weiter auf. Direkt neben uns. Hartnäckig. Entschlossen. Und plötzlich hatte ich das ungute Gefühl, genau zu wissen, wer dort an Bord war. Noch schlimmer war allerdings die Erkenntnis, dass diese Person vermutlich verrückt genug war, dieses Manöver tatsächlich erfolgreich durchzuführen.

Ich starrte auf die Anflugbahn der Springblossom und runzelte die Stirn. Irgendetwas passte nicht. Die eingeblendeten Vektoren führten überhaupt nicht zum Hangar. Mein Blick wanderte über das dreidimensionale Strukturmodell des Saatschiffes. Die scheibenförmige Zentralsektion rotierte langsam in der Darstellung, während hunderte farbige Markierungen Schäden, Reparaturstatus und aktive Systeme anzeigten. Dann erkannte ich es.
"Moment mal ..."
Ich vergrößerte die betreffende Sektion. Die Korvette steuerte nicht den Hangar an. Sie flog auf die Steuerbordseite zu. Genauer gesagt auf eine der Andockschleusen. Das Saatschiff besaß dort mehrere massive Kopplungsports, die ursprünglich für Versorgungsstationen, Werftanlagen und andere Großstrukturen vorgesehen gewesen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein baugleiches Gegenstück. Langsam breitete sich Erleichterung in mir aus. Natürlich. Die Terraformer waren keine Kriegsschiffe. Sie waren Werkzeuge. Arbeitsgeräte. Und Arbeitsgeräte benötigten Wartung. Versorgung. Austauschmodule. Die Schleusen waren dafür ausgelegt. Und tatsächlich war eine Korvette klein genug, um dort anzudocken. Zumindest theoretisch. Meine Erleichterung hielt allerdings nur wenige Sekunden. Denn sofort tauchte die nächste Frage auf. Waren die Anschlüsse überhaupt kompatibel? Die Schiffe lagen fast neunhundert Jahre auseinander. Selbst wenn beide ursprünglich terranischer Herkunft waren, bedeutete das noch lange nicht, dass ihre Systeme problemlos miteinander kommunizieren konnten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein neues Fenster erschien. Die rote Alarmbeleuchtung spiegelte sich auf dem transparenten Hologramm.
[EINGEHENDE NACHRICHT - MENSCHLICHE KORVETTE SENDET CODE FÜR ANDOCKEN]
Ich starrte den Text einige Sekunden an. Dann musste ich lachen. Nicht laut. Nicht fröhlich. Mehr ein kurzes, ungläubiges Ausatmen.
"Natürlich."
Mit einem Mal ergab alles Sinn. Die Aldrianer. Natürlich die Aldrianer. Während die Argonen über Jahrhunderte von zahllosen Spezies beeinflusst worden waren, hatten die Menschen von Aldrin ihre Entwicklung nahezu isoliert durchlaufen. Ihr Sonnensystem war abgeschnitten gewesen. Abgeschottet. Getrennt vom Rest der bekannten Menschheit. Und genau deshalb war ihre Technologie noch immer erstaunlich nah an ihren terranischen Ursprüngen. Weit näher als die der Argonen. Ich ließ die Springblossom auf einem Seitenmonitor erscheinen. Ihre silbrig schimmernde Hülle reflektierte das Licht der fernen Sonne. Selbst aus dieser Entfernung wirkte sie elegant. Schnell. Präzise. Typisch aldrianisch. Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas. #D3C4. Das Terraformer-CPU-Schiff. Ein Name, der mir mittlerweile vertraut war. Anders als die Xenon war dieses Schiff nie von dem fehlerhaften Update betroffen gewesen, das aus friedlichen Terraformern die Maschinenbedrohung gemacht hatte, vor der sich bis heute ganze Sternenvölker fürchteten. #D3C4 war geblieben, was es immer gewesen war. Ein Werkzeug. Ein Helfer. Ein uralter Terraformer. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Und über fünfhundert Jahre lang hatten die Aldrianer dieses Relikt genutzt. Nicht als Waffe. Nicht als Gott. Sondern als Partner. Gemeinsam hatten sie ihr System geschützt. Vor Strahlungsausbrüchen. Vor interstellaren Trümmerfeldern. Vor den Auswirkungen naher Supernovae. Vor Katastrophen, die ganze Welten hätten vernichten können. Ich erinnerte mich an Berichte. An Gespräche. An historische Dokumentationen. Und plötzlich verstand ich, weshalb die Besatzung der Springblossom so gehandelt hatte. Sie kannten Terraformer. Nicht aus Geschichtsbüchern. Nicht aus Legenden. Nicht aus militärischen Akten. Sondern aus Erfahrung. Generation für Generation. Jahrhundertelang. Sie hatten die Baupläne studiert. Die Datenbanken durchsucht. Die Systeme analysiert. Alles Wissen, das #D3C4 besessen hatte, war irgendwann Teil ihrer eigenen Kultur geworden. Ein Teil ihrer Wissenschaft. Ein Teil ihrer Geschichte. Ein Teil ihrer Identität. Deswegen hatten sie die Verbindung zum Saatschiff unterbrechen können. Deswegen hatten sie sie später wiederherstellen können. Und genau deshalb wussten sie auch, wo sich funktionierende Schleusen befanden. Wo die Notzugänge lagen. Welche Protokolle verwendet wurden. Welche Codes akzeptiert wurden. Ich beobachtete, wie die Andockanfrage verarbeitet wurde. Sekunde um Sekunde verging. Dann erschien eine neue Statusmeldung.
AUTORISIERUNG AKZEPTIERT.
KOPPLUNGSPROTOKOLL INITIALISIERT.
"Na wunderbar."
Ich lehnte mich zurück. Zum ersten Mal seit langer Zeit bestand tatsächlich die Möglichkeit, dieses Schiff lebend zu verlassen. Nicht irgendwann. Nicht theoretisch. Sondern bald. Mein Blick wanderte wieder zu den Sternkarten. Ein Gedanke ließ mich nicht los. Die verbleibenden Terraformerschiffe. Es waren nicht mehr viele. Vielleicht ein Dutzend. Vielleicht weniger. Aber einige existierten noch. Und sie waren unterwegs. Unterwegs ins Nichts. Unterwegs in den Leerraum. Unterwegs irgendwohin. Ich rief die galaktische Karte auf. Zahllose Sterne erschienen. Tausende. Millionen. Ein winziger Ausschnitt der bekannten Galaxis. Dann blendete ich die Position Aldrins ein. Solara. Meine Finger verharrten über den Bedienelementen. Theoretisch könnte ich die übrigen Schiffe dorthin schicken. Die Aldrianer würden wissen, wie man mit ihnen umgeht. Sie würden sie nicht sofort vernichten. Sie könnten sie untersuchen. Vielleicht sogar nutzen. Vielleicht wäre das die beste Lösung. Vielleicht. Doch kaum war der Gedanke entstanden, erinnerte ich mich an ein anderes Gespräch. Eine andere Stimme. Lilandra Darlian. Die Außenministerin Aldrins. Ich erinnerte mich an ihren ernsten Blick, diese leuchtenden eisblauen Augen. An die Anspannung in ihrer Haltung. An die Sorge in ihrer Stimme. Die Terraner misstrauten #D3C4 bereits. Sie betrachteten das Schiff als Bedrohung. Als Risiko. Als etwas, das nicht existieren sollte. Schon jetzt gab es Stimmen, die seine Vernichtung forderten. Und die politischen Spannungen nahmen stetig zu. Sol. Und Solara. Terraner. Und Aldrianer. Beides Menschen. Ich spürte, wie sich ein unangenehmes Gewicht in meiner Brust ausbreitete. Der mögliche Konflikt war längst mehr als nur eine theoretische Überlegung. Er lag in der Luft. Jeder wusste es. Niemand sprach es offen aus. Aber jeder wusste es. Ein Bürgerkrieg. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Und was würde passieren, wenn plötzlich eine ganze Terraformerflotte im Solara-System auftauchte? Ich brauchte die Antwort nicht zu berechnen. Die Folgen waren offensichtlich. Misstrauen. Panik. Aufrüstung. Beschuldigungen. Militärische Eskalation. Vielleicht sogar Krieg. Ich schloss kurz die Augen. Ein schmerzhafter Knoten bildete sich in meinem Magen. Auf Nif'Nakh hatte ich bereits genug Schaden angerichtet. Unbeabsichtigt. Ungewollt. Aber dennoch real. Die Bilder stiegen vor meinem inneren Auge auf. Die Explosionen. Die aufbrechende Erde. Die Feuerbälle. Die Druckwellen. Ghus'tan. Die einzige Siedlung des Planeten. Eine Stadt mit nur wenigen tausend Einwohnern. Nicht Millionen. Nicht Milliarden. Und trotzdem waren dort Leben gewesen. Keine Menschen. Aber Leben. Individuen. Existenzen. Geschichten. Ich wusste nicht, wie viele überlebt hatten. Vielleicht die meisten. Vielleicht nicht. Der Rest von Nif'Nakh war offiziell Sperrgebiet gewesen. Regierungsgelände. Militärische Zonen. Forschungsbereiche. So hatte man es mir erzählt. Mittlerweile wusste ich es besser. Die Split hatten dort Terraformer untersucht. Jahrzehntelang. Vielleicht sogar länger. Wrack für Wrack. Fundstelle für Fundstelle. Sie hatten versucht zu verstehen, was unter ihrer Regierungswelt verborgen lag. Und ich hatte all das mit einem einzigen Befehl beendet. Mein Blick blieb auf der Sternkarte hängen. Langsam ließ ich die Hand sinken. Nein. Aldrin kam nicht infrage. Nicht für diese Schiffe. Nicht für diese Verantwortung. Nicht für dieses Risiko. Vielleicht gab es einen anderen Weg. Vielleicht nicht. Aber eines wusste ich sicher. Ich würde nicht zulassen, dass meine nächste Entscheidung erneut ein ganzes Sternensystem in Schwierigkeiten brachte. Davon hatte ich mittlerweile genug Erfahrung gesammelt.

Ich ließ die eingegebene Kursänderung unverändert. Die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe sollten ihren Weg fortsetzen. Nicht nach Solara. Nicht ins Sol-System. Nicht an irgendeinen anderen Ort, an dem ihre bloße Existenz politische Krisen auslösen konnte. Trantor. Präsidents End. Dort würde die Reise enden. Oder beginnen. Je nachdem, wie man es betrachtete. Die taktische Karte zeigte die Route als dünne blaue Linie, die sich durch die Leere des Raums zog. Sie wirkte harmlos. Fast unscheinbar. Doch die Zahlen dahinter erzählten eine andere Geschichte. Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Unzählige Variablen. Mechanische Ausfälle. Kollisionen mit Mikrometeoriten. Kosmische Strahlung. Navigationsfehler. Dinge, die für organische Wesen nahezu unüberwindbar erschienen. Für Maschinen hingegen waren sie lediglich Wahrscheinlichkeiten. Ich betrachtete die Daten noch einige Sekunden. Dann kam mir ein anderer Gedanke. Ein Gedanke, der mich sofort unruhig werden ließ.
Was wäre, wenn ich die Schiffe stattdessen einfach in den Leerraum schickte? Nicht zu einem Stern. Nicht zu einem Planeten. Nicht zu einer Kolonie. Einfach hinaus. Zwischen die Sterne. Für immer. Die Vorstellung hatte auf den ersten Blick etwas Verlockendes. Die Terraformer würden verschwinden. Kein Volk müsste sich mit ihnen befassen. Niemand könnte sie untersuchen. Niemand könnte sie missbrauchen. Niemand könnte aus ihnen neue Bedrohungen erschaffen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir diese Idee.
Denn was bedeutete "für immer" überhaupt? Hundert Jahre? Tausend Jahre? Zehntausend? Maschinen dachten nicht in menschlichen Zeiträumen. Terraformer erst recht nicht. Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich bisher kaum beachtet hatte. Die Xenon. Meine Finger verharrten über der Konsole. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich entlang meiner Wirbelsäule aus.
Was wäre, wenn diese Schiffe irgendwann auf Xenon trafen? Nicht morgen. Nicht in hundert Jahren. Vielleicht erst in tausend. Vielleicht in zehntausend. Aber irgendwann. Die Wahrscheinlichkeit war verschwindend gering. Doch sie war nicht null. Und genau das machte mir Sorgen. Die Xenon nutzten Sprungtore. Natürlich. Jeder wusste das. Aber sie waren nicht darauf angewiesen. Nicht wirklich. Sprungtore waren effizient. Schnell. Praktisch. Doch die Xenon waren Maschinen. Sie wurden nicht müde. Sie alterten nicht. Sie langweilten sich nicht. Wenn eine Reise durch den Leerraum fünfzig Jahre dauerte, dann dauerte sie eben fünfzig Jahre. Wenn sie fünfhundert Jahre dauerte, dann eben fünfhundert. Für eine Maschine machte das kaum einen Unterschied. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Meine Finger verkrampften sich unwillkürlich.
Was, wenn bereits jetzt Xenon durch den Leerraum unterwegs waren? Nicht durch die Tore. Nicht entlang bekannter Handelsrouten. Sondern einfach durch die Dunkelheit zwischen den Sternen. Unsichtbar. Geduldig. Auf direktem Kurs zu den Welten der Gemeinschaft der Planeten.
Der Gedanke war beunruhigend. Vor allem deshalb, weil er nicht einmal neu war. Ich erinnerte mich an die terranischen Geschichtsarchive. An Dokumentationen. An militärische Berichte. An Aufzeichnungen längst vergangener Krisen. Damals hatte die Menschheit noch keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Planeten gehabt. Die Terraner waren isoliert gewesen. Abgeschnitten. Allein. Doch die Xenon hatten ihren Weg dennoch gefunden. Nicht durch ein Tor. Nicht durch ein Wurmloch. Nicht durch irgendeine Abkürzung. Sie waren schlicht durch den Leerraum gekommen. Jahrzehntelang. Vielleicht länger. Langsam. Unaufhaltsam. Und irgendwann hatten die terranischen Sensorstationen sie entdeckt. Ich konnte mir den Schock förmlich vorstellen. Die Erkenntnis. Das Entsetzen. Das Trauma. Die Xenon. Die Verkörperung eines uralten Albtraums. Sie kehrten nach Hause zurück. Zur Erde. Zur Wiege der Menschheit. Ich sah die historischen Bilder vor meinem inneren Auge. Die gewaltigen Verteidigungsanlagen des Sol-Systems. Die Horchposten. Die Sensornetze. Tausende automatisierte Plattformen. Patrouillen. Abfangjäger. Militärstationen. Ein gewaltiger Ring aus Wachsamkeit. Fast eine Sphäre. Der Raum rund um das Sonnensystem war gesättigt gewesen mit Sensoren. Und trotzdem hatte die Nachricht Panik ausgelöst. Weil niemand geglaubt hatte, dass die Xenon tatsächlich durch den Leerraum kommen würden. Nicht in solcher Stärke. Nicht auf direktem Weg. Nicht bis nach Sol. Doch sie waren gekommen. Und sie waren vernichtet worden. Der Torus um die Erde. Die Flotten der ATF. Die Schiffe des USC. Sie hatten die Angreifer regelrecht zerschlagen. Vernichtet. Ausgelöscht. Die Xenon hatten keine Chance gehabt. Zumindest militärisch. Aber der Sieg war teuer gewesen. Sehr teuer. Zu teuer. Selbst die offiziellen Berichte sprachen von erheblichen Verlusten. Und offizielle Berichte neigten bekanntlich dazu, die Realität freundlicher darzustellen.
Ich atmete langsam aus. Die rote Beleuchtung der Brücke spiegelte sich in den Displays. Der metallische Geruch erhitzter Elektronik lag weiterhin in der Luft. Dazu kamen schwache Spuren von Ozon. Verbrannte Isolierungen. Maschinenöl. Der Geruch eines Schiffes, das weit über seine Belastungsgrenzen hinaus arbeitete. Meine Gedanken kehrten zu den verbliebenen Terraformern zurück. Nein. Den Leerraum konnte ich ebenfalls nicht riskieren. Nicht auf Dauer. Nicht mit dieser Ungewissheit. Trantor war zumindest ein konkretes Ziel. Ein Ort. Eine Richtung. Etwas Greifbares. Etwas, das nicht nur aus Hoffnung bestand. Langsam zog ich die Hände von der Konsole zurück. Die holografischen Anzeigen reagierten sofort und schlossen mehrere Unterfenster. Die taktische Karte schrumpfte. Die Flugvektoren verschwanden. Zurück blieb nur die Hauptansicht der Brücke. Für einen Moment blieb ich still stehen. Das rote Licht färbte die silbernen Oberflächen dunkel. Warnanzeigen blinkten weiterhin. Manche grün. Manche gelb. Manche rot. Das Schiff kämpfte noch immer ums Überleben. Genauso wie die wenigen Begleitschiffe. Genauso wie die Besatzung der Springblossom. Und genauso wie ich. Ich ließ den Blick durch den Raum wandern. Vorbei an den verlassenen Konsolen. Vorbei an den fremdartigen Anzeigen der Terraformer. Vorbei an den Stellen, an denen einst Besatzungsmitglieder hätten sitzen sollen. Doch hier hatte niemals jemand gesessen. Nicht vor neunhundert Jahren. Nicht heute. Das Schiff war nie für Menschen gebaut worden. Und dennoch hatte ich Stunden hier verbracht. Vielleicht sogar länger. Es fühlte sich seltsam an, die Brücke jetzt zu verlassen. Fast so, als würde ich einen Ort zurücklassen, an dem etwas Bedeutendes geschehen war. Was vermutlich auch stimmte. Hier hatte ich von den Won erfahren. Von den Helfern. Von Dingen, die kaum jemand im bekannten Universum wusste. Hier hatte ich Entscheidungen getroffen, deren Konsequenzen ich vermutlich noch Jahre später spüren würde. Vielleicht Jahrzehnte. Vielleicht für den Rest meines Lebens. Ich schüttelte den Kopf.
"Später."
Meine Stimme klang rau. Müde. Erschöpft. Im Moment gab es wichtigere Dinge. Zum Beispiel, lebend von diesem Schiff herunterzukommen. Ich drehte mich um und setzte mich in Bewegung. Die Sohlen meiner Stiefel klackten auf dem Metallboden. Dumpf. Rhythmisch. Bei jedem Schritt spürte ich die Erschütterungen des Schiffes. Fernes Vibrieren. Das tiefe Summen überlasteter Antriebe. Das gelegentliche Zittern, wenn irgendwo erneut Waffenfeuer einschlug. Der Korridor hinter der Brücke war deutlich dunkler. Nur vereinzelte Notleuchten spendeten Licht. Rote Streifen liefen entlang der Wände. Ihre Reflexionen glitten über meine Rüstung. Die Ghok-Rüstung fühlte sich mittlerweile erstaunlich vertraut an. Fast selbstverständlich. Vor wenigen Wochen hätte ich mir niemals vorstellen können, freiwillig eine Split-Rüstung zu tragen. Jetzt bemerkte ich sie kaum noch. Sie saß gut. Verteilte ihr Gewicht gleichmäßig. Die Innenschicht passte sich meinen Bewegungen an. Ich strich kurz über einen der Schulterpanzer. Das Material fühlte sich kühl an. Hart. Verlässlich. Genau das Gegenteil meiner momentanen Gedanken. Während ich weiterging, wurde das ferne Dröhnen der Andocksektion allmählich lauter. Die Springblossom musste inzwischen sehr nahe sein. Vielleicht nur noch wenige hundert Meter entfernt. Vielleicht weniger. Ich fragte mich unwillkürlich, wer mich dort erwartete. Und je näher ich der Schleuse kam, desto stärker wurde mein Verdacht. Ein Verdacht, der gleichzeitig beruhigend und beunruhigend war. Denn wenn ich recht hatte, dann war die Person auf der anderen Seite verrückt genug gewesen, dieses gesamte Manöver überhaupt erst vorzuschlagen. Und kompetent genug, es tatsächlich umzusetzen. Eine gefährliche Kombination. Vor allem für mein ohnehin schon kompliziertes Leben.

Als ich weiter durch die beschädigten Korridore ging, konzentrierte ich mich bereits auf die Schleuse und die Springblossom. Mein Kopf war voll mit Berechnungen, Möglichkeiten und Sorgen. Jeder Schritt hallte dumpf durch den Gang. Über mir verliefen aufgebrochene Leitungen. Manche waren nur noch schwarze Narben in der Wandverkleidung. Andere glommen schwach orange oder rot, als würden sie jeden Moment endgültig versagen. Das Schiff vibrierte ununterbrochen. Mal leicht. Mal so stark, dass feiner Staub von der Decke rieselte. Die Notbeleuchtung tauchte die Gänge in ein dunkles Rot, das sich mit dem kalten Weiß vereinzelter Wartungslampen vermischte. Dadurch entstanden bizarre Schattenmuster auf den metallenen Wänden. Alles wirkte verlassen. Tot. Und genau deshalb fiel mir das blaue Schimmern sofort auf. Ich blieb abrupt stehen. Das Licht war anders. Nicht das kalte Blau elektronischer Anzeigen. Nicht das Flackern beschädigter Energieverteiler. Es war weicher. Lebendiger. Fast organisch. Mein Herz machte einen Sprung.
"Oh nein."
Sofort änderte ich die Richtung und eilte den Gang entlang. Das blaue Leuchten wurde stärker. Die Quelle befand sich in einem Quartier, dessen Schott schwer beschädigt war. Die Tür hatte sich offenbar während der Gefechte verzogen. Der Mechanismus war ausgefallen. Das Metall steckte halb in der Wand fest und schloss nicht mehr richtig. Durch den Spalt fiel das blaue Licht. Ich trat näher. Und tatsächlich. Dort war sie. Hatileos. Die weibliche Teladi saß hinter einem transparenten Energiefeld, das den Raum vollständig absperrte. Die graugrünen Schuppen ihres Körpers reflektierten das bläuliche Leuchten. Die feinen Muster zwischen den einzelnen Schuppen wirkten im Licht beinahe silbrig. Ihre goldenen Augen waren weit geöffnet. Als sie mich erkannte, sprang sie förmlich auf.
"Tori!"
Ihre Stimme klang gleichzeitig erleichtert und empört. In diesem Moment fiel mir wieder ein, wie absurd ihre Existenz eigentlich war. Ein Unfall. Ein biologischer Zufall. Eine Verkettung von Ereignissen. Die Split Hatrak und die Teladi Nopileos. Nif'Nakh. Eine Flucht. Verletzungen. Blut. Kontakt mit fremden Zellen. Und daraus war Hatileos entstanden. Nicht direkt. Nicht sofort. Aber letztlich war genau das der Ursprung gewesen. Und plötzlich ergab noch etwas anderes Sinn. Die Teladi. Das Alte Volk. Die merkwürdige Art, wie die Alten immer wieder indirekt eingegriffen hatten, wenn die Teladi gefährdet gewesen waren. Keine offenen Interventionen. Keine Wunder. Keine sichtbaren Eingriffe. Nur subtile Veränderungen der Torverbindungen. Kleine Korrekturen. Unsichtbare Kursanpassungen der Geschichte. Weil die Teladi etwas Besonderes waren. Etwas, das selbst die Alten offenbar für erhaltenswert hielten. Die Fähigkeit, minimale Mengen fremder genetischer Informationen zu assimilieren. Keine vollständige Übernahme. Keine Transformation. Nur wenige Prozent. Aber manchmal reichten wenige Prozent aus, um evolutionäre Sackgassen zu umgehen. Oder das Überleben einer Spezies zu sichern. Ein weiterer heftiger Ruck ging durch das Schiff. Ich riss mich aus meinen Gedanken. Die Energieversorgung des Saatschiffes befand sich ohnehin bereits am Limit. Das Kraftfeld vor Hatileos flackerte kurz. Genug. Zeit zu verschwenden war keine gute Idee. Ich trat an das Terminal neben der Tür. Die Anzeige reagierte sofort. Offenbar betrachtete mich das Schiff nach wie vor als autorisierte Person. Ein paar Befehle später verschwand das Energiefeld. Mit einem dumpfen Summen brach die Barriere zusammen. Hatileos zögerte keine Sekunde. Sie sprang förmlich hinaus. Ihre langen Krallen klickten auf dem Metallboden.
"Was tust du da drin?" fragte ich.
Sie blickte mich an. Ihre Augenlider zuckten mehrmals. Ein typisches Zeichen von Nervosität.
"Ich wollte daz Zchiff verlazzen und nach den anderen zehen. Etwaz su Ezzen holen. Aber plötslich kamen kleine Roboter, haben mich hier rein gedrängt und daz Kraftfeld aktiviert."
Sie machte eine unzufriedene Bewegung mit den Armen. Ihre Krallen fuhren dabei durch die Luft.
"Waz izt pazziert?"
Ich verzog das Gesicht. Wie erklärte man das? Wo sollte ich anfangen? Bei den Terraformern? Den Helfern? Den Won? Den Selbstzerstörungen? Der Flotte? Der Tatsache, dass ich vermutlich versehentlich eine kleine Katastrophe ausgelöst hatte? Mein Gehirn sortierte innerhalb von Sekunden dutzende Möglichkeiten aus. Am Ende blieb nur die einfache Version.
"Ähm ..."
Hatileos legte den Kopf schief. "Alzzo?"
"Als ich mich auf der Brücke umgesehen habe, habe ich aus Versehen wohl ein Aktivierungsprotokoll aktiviert."
Ihre Augen wurden größer. Ich fuhr schnell fort. "Das Schiff ist gestartet. Mit ihm dutzende andere."
Jetzt öffnete sich ihr Mund leicht. "Die Split haben sofort das Feuer eröffnet."
Ein weiterer Einschlag ließ die Wände erzittern. Passend zum Thema. Ich zeigte nach oben.
"Wie man merkt." Die Teladi schluckte.
Ich unterbrach mich kurz. "Ich weiß nicht, ob man es Glück nennen kann oder nicht, aber dieses Schiff ist mit wenigen anderen durchgebrochen und nun befinden wir uns auf dem Weg in den Leerraum."
Einige Sekunden sagte sie nichts. Dann blinzelte sie. Noch einmal. Und noch einmal.
"Du hazt ... auz Verzehen ... eine Terraformerflotte aktiviert?"
Ich verzog das Gesicht. "Wenn du es so formulierst, klingt das deutlich schlechter."
"Wie kann daz zchlechter klingen?"
"Fairer Punkt."
Hatileos starrte mich an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
"Du bizt wirklich bemerkenzwert."
"Das sagen viele."
"Nein. Ich meine daz nicht alz Kompliment."
"Dann sagen es trotzdem viele."
Trotz der Situation musste sie kurz schnauben. Anschließend deutete ich den Gang hinunter.
"Komm. Wir müssen zur Schleuse."
"Zcheuze?"
"Eine aldrianische Korvette versucht gerade anzudocken."
Ihre Augen wurden erneut größer.
"Bei diezer Gezchwindigkeit?"
"Ja."
"Zind die verrückt?"
"Mit hoher Wahrscheinlichkeit."
"Dann klappt ez vielleicht."
Ich konnte mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Diese Logik war erschreckend plausibel. Gemeinsam setzten wir uns in Bewegung. Während wir liefen, erklärte ich ihr die wichtigsten Punkte. Nicht alles. Nicht einmal annähernd alles. Aber genug. Die Springblossom. Die Andockschleuse. Die Rettung. Die Verfolgung durch die Split. Hatileos hörte aufmerksam zu. Gelegentlich stellte sie Fragen. Gelegentlich fluchte sie leise auf Teladi. Einige dieser Worte kannte ich mittlerweile. Andere vermutlich besser nicht. Wir hatten etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als mir plötzlich ein Gedanke kam. Ein Gedanke, der direkt mit dem zusammenhing, was ich über die Teladi erfahren hatte. Er rutschte mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.
"Glaubst du, die heutigen Teladi sind ein Produkt der Assimilation auf ihrem Heimatplaneten?"
Hatileos blieb mitten im Gehen stehen. Ich bemerkte sofort meinen Fehler. Ihre Augen verengten sich. Langsam drehte sie den Kopf zu mir.
"Wie meinzt du daz?"
Verdammt. Ich hatte laut gedacht. Wieder einmal. "Ähm ..."
Sie verschränkte die Arme. "Nein. Nicht ähm."
Ich seufzte. "Nur eine Theorie."
"Welche Theorie?"
Wir gingen weiter. Langsamer jetzt. Weil sie offensichtlich eine Antwort wollte. Ich suchte nach den richtigen Worten.
"Wenn Teladi tatsächlich geringe Mengen fremder DNA assimilieren können ..." Ihre Augen wurden aufmerksam. "... dann müsste diese Fähigkeit irgendwann entstanden sein."
"Logizch."
"Und wenn sie entstanden ist, dann vielleicht durch denselben Mechanismus." Sie schwieg. Ich fuhr fort. "Auf eurem Heimatplaneten gab es unzählige Lebensformen. Millionen Jahre Evolution. Kontakt zwischen Arten. Konkurrenz. Anpassung."
Hatileos' Schwanz bewegte sich langsam hinter ihr. Ein Zeichen dafür, dass sie nachdachte.
"Du meinzt, die erzten Teladi könnten genetizche Eigenzchaften anderer Zpesiez übernommen haben."
"Nicht bewusst."
"Natürlich nicht."
"Evolutionär."
Jetzt schwieg sie deutlich länger. Die roten Lichter glitten über ihre Schuppen. Ihre goldenen Augen blickten ins Leere.
"Vielleicht."
Mehr sagte sie zunächst nicht. Wir gingen weiter. Das tiefe Dröhnen der Schleusensektion wurde mittlerweile deutlich lauter. Irgendwo vor uns arbeiteten gigantische Verriegelungen. Hydrauliksysteme. Magnetkupplungen. Andockmechanismen. Die Springblossom musste inzwischen nahezu Kontakt haben.
Schließlich sprach Hatileos erneut. "Wenn du recht hazt ..."
"Ja?"
"Dann wären die Teladi nicht nur Händler."
Ich blickte zu ihr. "Wie meinst du das?"
"Wir wären daz Produkt von Milliarden Jahren biologizcher Verhandlung."
Ich hob eine Augenbraue. Sie grinste. Zumindest so weit Teladi grinsen konnten.
"Eigentlich pazzt daz hervorragend."
Für einen Moment musste ich tatsächlich lachen. Und obwohl draußen eine Schlacht tobte, ein uraltes Terraformerschiff unter Beschuss stand, eine verrückte Korvette versuchte anzudocken und irgendwo in meinem Kopf die Erinnerungen an Helfer, Won und das Alte Volk kreisten, fühlte sich dieser kurze Augenblick erstaunlich normal an. Fast menschlich. Fast friedlich. Dann ertönte vor uns ein tiefes metallisches Krachen. Die gesamte Sektion erzitterte. Warnsirenen heulten auf. Und mir wurde klar, dass die Springblossom gerade dabei war, tatsächlich anzudocken. Oder gegen die Außenhülle zu prallen. Ich war mir nicht sicher, welche Möglichkeit die beruhigendere war.

Ich hielt den Blick einen Moment zu lange auf Hatileos gerichtet, während ihr kleiner Körper halb im schwankenden Notlicht des Ganges stand und halb im Schatten der offenen Tür verschwand. Die Teladi hatte sich instinktiv enger zusammengezogen, ihre schuppige Haut, ein mattes graugrün mit einem leichten öligen Glanz, wirkte im flackernden Rot der Alarmbeleuchtung fast schwarz an den Kanten. Ihre Augen, groß und unruhig, reflektierten die Anzeige des defekten Kraftfeldgenerators hinter ihr wie zwei unruhige Splitter aus Glas. Ich bemerkte, wie ihre Krallen nervös über den Boden scharrten, ein rhythmisches, unbewusstes Klicken auf Metall, das sich mit dem dumpfen Dröhnen des Schiffsrumpfs mischte. Während ich sie musterte, arbeitete mein Kopf gleichzeitig die Ketten der Herkunft durch, die sich aus Wissensfragmenten zusammensetzten. Nopileos als Ei-Mutter, Hatrak als genetischer Ausgangspunkt eines Unfalls, der sich über biologische Kopplung in eine neue Linie verschoben hatte, ohne dass irgendein Beteiligter das vollständig verstanden hatte. Ich sah in Hatileos nicht nur eine Person, sondern eine Konsequenz aus Ereignissen, die sich gegenseitig überlagert hatten wie fehlerhafte Layer in einem Terraformingprotokoll. Und doch stand sie hier, atmend, zitternd, mit einer Präsenz, die keinerlei theoretische Abstraktion vollständig einfangen konnte. Ich hob langsam eine Hand, nicht um sie zu berühren, sondern um sie zu stabilisieren, als wäre meine Geste selbst ein Anker gegen das instabile System.
„Du bleibst hinter mir, egal was passiert“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr. Sie nickte nicht wirklich, aber ihre Augen folgten mir, als würde sie jede meiner Bewegungen interpretieren müssen wie eine fremde Sprache.
Dann zwang ich mich, das Gedankenfeld zu verschieben. Hatileos wusste nichts über die größere genetische Struktur ihrer Art. Sie hatte keinen Zugriff auf historische Daten, keine kulturelle Tiefe, die über Nif'Nakh hinausging. Alles, was sie als Teladi war, war lokal kondensiert, gefiltert durch Split-Perspektiven und die enge Realität einer einzigen Welt. Ich registrierte dabei eine unangenehme Erkenntnis, dass Wissen hier kein Kontinuum war, sondern ein zerbrochener Raum mit künstlichen Grenzen, die jemand gesetzt hatte, ohne dass die Betroffenen es bemerkt hatten. Ich schob den Gedanken weg. Nicht jetzt.
Der Gang vibrierte plötzlich stärker, als hätte das Schiff selbst eine Entscheidung getroffen, die ich nicht mehr mitbekommen hatte. Ein metallisches Zucken lief durch die Wände, begleitet von einem tiefen, resonanten Brummen, das sich wie eine Druckwelle durch meine Rippen zog. Ich wollte mich bereits zur Schleuse wenden, als die Stimme des Schiffscomputers durch das Intercom schnitt, scharf, kalt, ohne jede Modulation, die auch nur entfernt nach Verständnis klang.
„Achtung. Schleuse defekt. Andockmechanismus defekt. Warnung. Atmosphäre kann nicht aufgebaut werden.“
Für einen Moment blieb alles stehen, nicht physisch, sondern kognitiv. Ich sah die Worte, bevor ich sie verstand, als wären sie visuelle Objekte im Raum. Dann drehte ich mich abrupt zum Schleusenfenster. Die äußere Tür lag schief in ihrer Verankerung, eine massive Platte aus Verbundmetall, deren Oberfläche von mikroskopischen Kratzern überzogen war, die im Notlicht wie feine, silberne Fäden wirkten. Sie vibrierte noch, gehalten von einer einzigen, überlasteten Scharnierstruktur, die bereits rot glühte. Dann riss sie endgültig los. Der Moment des Versagens war nicht laut im klassischen Sinn, sondern ein abruptes Verschwinden von Stabilität. Die Tür wurde in einem ungleichmäßigen Bogen aus ihrer Bahn geschleudert, prallte mit brutaler Präzision gegen die Andockröhre der Korvette und schnitt sie auf wie dünnes organisches Gewebe. Die Verbindung kollabierte in Segmenten, die sich zuerst verformten, dann falteten, dann in den Raum hinaussprangen, begleitet von einem Schwall aus gefrorenem Metallstaub und isolationsschäumendem Material. Ich sah, wie der Korridor zwischen beiden Schiffen sich in einen offenen, instabilen Tunnel verwandelte. Die Atmosphäre darin war sofort verloren gegangen, ein unsichtbarer Strom, der alles mit sich riss, was nicht fest verankert war.
Dann bemerkte ich die Bewegung im Inneren der Schleuse. Die dort gelagerten Schutzanzüge, eben noch ordentlich in Halterungen fixiert, lösten sich wie ein Schwarm losgerissener Objekte. Sie wurden nicht einfach gezogen, sondern regelrecht aus ihren Sicherungen gerissen, als hätte das Vakuum eine eigene Richtung und Absicht. Einer nach dem anderen schossen sie in den entstehenden Spalt, ihre flexiblen Materialien flatterten kurz wie leblose Häute, bevor sie in die Leere des Alls verschwanden. Ich sah einen von ihnen kurz rotieren, das Helmvisier spiegelte für den Bruchteil einer Sekunde das rote Alarmlicht, bevor auch er in der Dunkelheit verschwand. Die Korvette dahinter hielt dennoch Kurs, absurd stabil in ihrer Bewegung, als würde sie das Chaos an ihrer Oberfläche ignorieren. Ich erkannte in diesem Moment die technische Komplexität dieser Leute nicht mehr als beeindruckend, sondern als gefährlich präzise Gleichgültigkeit gegenüber der Grenze zwischen Überleben und Verlust. Mein Atem wurde flacher, obwohl ich wusste, dass die Luftversorgung im inneren Bereich noch stabil war. Es war kein physisches Ersticken, sondern eine Reaktion auf die plötzliche Offenheit des Raums, der jetzt direkt an das Schiff angrenzte.
Hatileos stand hinter mir, ihre Stimme kam leiser als zuvor, fast gepresst, „Waz pazziert jetzt?“
Ich antwortete nicht sofort. Meine Augen blieben auf dem zerstörten Übergang, auf der offenen Verbindung, die jetzt nur noch eine geometrische Erinnerung an Struktur war. Der Raum draußen war schwarz, aber nicht leer im Sinne von Nichts, sondern voll von Bewegung, von Mikropartikeln, von Lichtfragmenten, die von der Sonne vor uns gebrochen wurden und wie kalte Nadeln durch die Szene schnitten.
„Was jetzt?“ wiederholte ich schließlich, kaum hörbar, während ich die Distanz zwischen Schiff und Korvette abschätzte, die Stabilität der verbleibenden Kopplung, die Integrität der internen Drucksegmente und die Tatsache, dass jede konventionelle Bewegung durch diesen Korridor nun tödlich wäre.

Ich blieb einen Moment lang in der Mitte des Gangs stehen, während das Schiff um mich herum weiter in seiner unruhigen, mechanischen Atmung vibrierte. Die roten Warnlichter pulsierten nicht mehr synchron, sondern versetzt, als hätte das System selbst begonnen, in einzelne, unkoordinierte Körperteile zu zerfallen. Der metallische Geruch von überhitzten Leitungen mischte sich mit einem schwachen Ozonfilm, der durch die Druckschwankungen entstanden war. Jeder Atemzug schmeckte leicht elektrisch, als würde die Luft selbst in ihre Bestandteile zerlegt. Als Hatileos sich plötzlich zu mir drehte, war ihre Haltung überraschend stabil. Ihre Schuppen reflektierten das Notlicht in gebrochenen, grünlich violetten Fragmenten, und ich sah, wie ihre Augen nicht mehr nur Angst zeigten, sondern eine nüchterne, fast irritierende Berechnung.
„Ich glaube ich kann da rüber“, sagte sie.
Für einen Moment reagierte ich nicht. Mein Gehirn versuchte, die Aussage gegen die physikalische Realität zu halten, die direkt hinter ihr in Form eines offenen, vakuumgefährdeten Korridors existierte. Der zerstörte Verbindungstunnel zwischen Saatschiff und Korvette hing dort wie ein aufgerissener, metallischer Riss im Raum, in dem sich Licht verzerrte und Partikel in chaotischen Bahnen drifteten. Ich sah sie an, länger als notwendig, und spürte, wie sich ein reflexartiger Unglauben in mir aufbaute.
„Selbst Echsen können dem Vakuum nicht trotzen.“
Sie blinzelte nicht. Stattdessen legte sie den Kopf leicht schräg, ein Verhalten, das ich inzwischen als ihre Art verstand, interne Berechnungen nach außen zu verschieben.
„Ich weizz. Aber daz brauche ich auch nicht. Ich kann meine Luft über eine Ztasura anhalten und meine Panzerung gibt mir genügend Druck für…“ Sie stoppte kurz, die Krallen ihrer linken Hand zuckten minimal, während sie offenbar eine interne Abschätzung korrigierte. „Fünf Misuraz?“
Die Unsicherheit in der letzten Silbe stand in einem absurden Gegensatz zu der Größe der Entscheidung, die sie gerade aussprach. Ich spürte, wie sich meine Schultern verkrampften.
„Das ist Wahnsinn.“
Mein Blick wanderte automatisch zur Korvette, die draußen in einem stabilisierten Parallelkurs lag. Ihre Hülle war klarer strukturiert als alles, was ich auf diesem Schiff bisher gesehen hatte, fast klinisch sauber, mit geometrischen Linien, die in einem völlig anderen technologischen Paradigma entstanden waren. Für einen Sekundenbruchteil hatte ich das Gefühl, die Gesichter von Vanu und Valentina darin zu erkennen, obwohl ich wusste, dass das unmöglich war. Eine kurze Überlagerung von Erinnerung und Stressprojektion, nichts weiter. Ich zwang mich, wieder auf den zerstörten Korridor zu schauen. Die Distanz war tatsächlich nicht groß. Die Trümmer bildeten eine Art fragmentierte Struktur aus verbogenen Streben, offenen Kanten und stabil gebliebenen Segmenten, die theoretisch als Handgriffe dienen konnten. Physikalisch war es machbar. Praktisch war es ein Todesszenario mit variabler Dauer.
„Nein“, sagte ich schließlich und schüttelte den Kopf. „Keine Risiken. Davon habe ich genug.“
Ich deutete mit einer schnellen, scharfen Bewegung in die entgegengesetzte Richtung. „Wir gehen zur anderen Schleuse. Vielleicht finden wir dort noch funktionierende Anzüge.“
Hatileos antwortete nicht, aber ihr Blick folgte meiner Geste. Sie nickte einmal, knapp, fast mechanisch, und setzte sich dann in Bewegung. Kein Zögern, kein unnötiger emotionaler Ausdruck. Nur ein unmittelbares Akzeptieren der Entscheidung, was mich auf eine Weise irritierte, die ich nicht sofort einordnen konnte. Wir trennten uns. Der Gang war schmal, kreisförmig um den scheibenförmigen Hauptkörper des Saatschiffs gelegt, und die Wände waren in regelmäßigen Abständen von eingelassenen Leitungen durchzogen, die im Notmodus wie glimmende Adern wirkten. Während ich lief, spürte ich die leichte Fliehkraft der Rotation, ungleichmäßig verteilt durch die beschädigten Systeme. Meine Schritte hallten dumpf, begleitet von gelegentlichen metallischen Nachbeben tief im Rumpf. Die Schleuse lag am gegenüberliegenden Segment. Ich sprintete die letzten Meter, wobei meine Gedanken bereits vor mir ankamen und Szenarien durchspielten, die ich nicht vollständig kontrollieren konnte. Die Möglichkeit, dass die Anzüge hier ebenfalls beschädigt waren, war nicht theoretisch, sondern statistisch wahrscheinlich. Als ich die Schleusenanlage erreichte, zog ein plötzlicher Druckwechsel durch meinen Gehörgang, ein scharfes, unangenehmes Knacken, das mir für einen Moment das Gleichgewicht nahm. Gleichzeitig flackerte eine Systemmeldung auf.
„Warnung: Schleuse offen. Atmosphäre entweicht.“ Ich blieb stehen. Dann, Sekunden später, änderte sich der Status. „Entwarnung.“
Ich fluchte leise, nicht wegen der Meldung, sondern wegen der Schlussfolgerung, die sich sofort in meinem Kopf bildete. Hatileos. Ich riss die innere Schleusentür auf, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die äußere stabil war. Der Raum dahinter war kalt beleuchtet, steril und überraschend ruhig im Vergleich zum Rest des Schiffs. Die Anzüge hingen in ihren Halterungen wie verblasste Schatten ihrer Funktion, leicht grau überzogen, aber noch intakt genug, um Hoffnung zu erzeugen. Ich trat näher. Als ich den ersten Anzug berührte, reagierte er nicht wie Material, sondern wie etwas, das seine strukturelle Integrität bereits verloren hatte. Die Oberfläche gab nach, zuerst minimal, dann vollständig. In wenigen Sekunden zerfiel das Material in mikroskopische Fragmente, die sich wie feiner Staub auflösten und in den Luftstrom des Raums gezogen wurden. Ich zog die Hand zurück. Einer nach dem anderen kollabierten die verbleibenden Anzüge auf dieselbe Weise. Kein Reißen, kein Bruch, nur ein stilles Aufgeben der Struktur, als hätte die Zeit selbst entschieden, dass sie ihr Limit überschritten hatten. Ich stolperte einen Schritt zurück, während die Schleuse automatisch reagierte und sich schloss. In diesem Moment verstand ich nicht nur, dass das Schiff alt war. Ich verstand, dass „alt“ hier kein Zustand war, sondern ein aktiver Zerfallsprozess. Neunhundert Jahre waren keine Zahl mehr, sondern eine physikalische Wahrheit, die sich in jede Schraube, jede Dichtung und jede Faser gefressen hatte. Ich blieb kurz stehen, die Hand noch halb erhoben, als könnte ich die Situation durch reine Weigerung stabilisieren, dann setzte ich mich wieder in Bewegung.
Auf dem Rückweg zur anderen Schleuse fand ich im Korridor weitere Fragmente dieser Anzüge, verstreut wie bedeutungslose Überreste einer Entscheidung, die bereits getroffen worden war. Mein Kopf rekonstruierte die Szene ohne Mühe. Hatileos hatte offenbar einen der alten Anzüge gefunden, ihn teilweise zerlegt und sich daraus improvisierten Schutz gebaut. Nicht optimal, aber ausreichend, um eine extrem kurze Exposition zu überleben. Als ich durch das nächste Sichtfenster nach draußen sah, veränderte sich die Perspektive abrupt. Die Korvette löste sich vom Saatschiff. Der beschädigte Andockkorridor wurde im selben Moment kontrolliert abgetrennt, ein sauberer Schnitt im Chaos, als hätte man entschieden, dass dieser Teil der Realität nicht mehr reparierbar war. Der abgetrennte Abschnitt driftete weg, rotierte langsam und verlor sofort strukturelle Stabilität. Die Schleuse der Korvette schloss sich. Durch das Glas sah ich eine Gestalt, klein im Verhältnis zur massiven Schiffshülle, graugrün gefärbt, unregelmäßig umhüllt von weißen, bandagenartigen Strukturen. Sie bewegte sich nicht hektisch, sondern stabilisierte sich nur minimal im Inneren des Schiffes. Ich hielt den Atem an, obwohl es keinen rationalen Grund dafür gab. Für einen Moment erlaubte ich mir die Annahme, dass sie es geschafft hatte. Dann blieb nur die nächste Frage, die sich ohne jede Rücksicht in den Vordergrund schob. Ich stand allein auf einem sterbenden Schiff, dessen Systeme in Echtzeit auseinanderfielen, während draußen eine Korvette mit unbekanntem Ziel verschwand. Und mir wurde klar, dass ich keinen funktionierenden Schutz mehr hatte, keinen sicheren Übergang und keine unmittelbare Möglichkeit, diesem Zustand sinnvoll zu entkommen.

Ich kehrte zurück auf die Brücke des Saatschiffs, während die Struktur unter mir weiterhin in unregelmäßigen Intervallen vibrierte, als würde das gesamte Konstrukt langsam seine innere Kohäsion verlieren. Die Beleuchtung war inzwischen in ein krankes, pulsierendes Rot übergegangen, durchsetzt von einzelnen weißen Blitzen, die wie nervöse Fehlzündungen durch die Deckplatten liefen. Der Geruch hatte sich ebenfalls verändert, metallisch stärker, mit einem unterschwelligen Anteil von erhitztem Isolationsmaterial, das sich wie ein bitterer Nachgeschmack in der Luft hielt. Die Brücke selbst wirkte nicht mehr wie ein Kommandoraum, sondern wie ein Übergangszustand zwischen Funktion und Kollaps. Einige Konsolen waren bereits halb ausgefallen, Displays flackerten in langsamen Zyklen, andere zeigten statische Kartenfragmente, die sich nicht mehr sauber aktualisierten. Der Captainssessel stand leicht schräg, als hätte jemand versucht, die Gravitation neu zu definieren und dabei aufgegeben. Kaum hatte ich mich in Reichweite der Hauptkonsole bewegt, erschien eine Nachricht auf dem zentralen Display.
„Ist noch jemand an Bord?“
Die Schrift war schlicht, fast unangemessen ruhig im Verhältnis zur Lage. Ich starrte sie einen Moment an, während mein Kopf automatisch alle möglichen Absender durchging. Keine Signatur, keine Protokollkennung, keine eindeutige Quelle. Ich antwortete ohne Verzögerung.
„Ja.“
Mehr war in diesem Moment nicht sinnvoll. Keine Erklärungen, keine Statusberichte, keine Relativierungen. Nur die Bestätigung, dass noch ein Reststrukturpunkt existierte. Dann spürte ich eine Vibration an meinem linken Unterarm. Zuerst minimal, fast wie ein Muskelreflex. Dann klarer, strukturiert, als würde etwas innerhalb der Schiene auf eine externe Eingabe reagieren. Ich hob den Arm leicht an und berührte die Oberfläche mit zwei Fingern. Das Material war kühl, glatt, ohne erkennbare Naht oder Verbindung. In dem Moment entfaltete sich ein schwarzes Hologramm direkt vor mir, schwebend in der Luft, ohne sichtbare Projektionsquelle. Die Schrift darauf war weiß, extrem präzise, ohne jede Unschärfe. Es war kein Text im klassischen Sinn, sondern eine Abfolge strukturierter Datenblöcke. Kursvektoren. Geschwindigkeitskorrekturen. Formationsanpassungen. Dazwischen geometrische Relationen, die sich wie eingefrorene Bewegungsabsichten anfühlten. Kein erklärender Kontext, keine Sprachebene, nur reine Navigation als Konzept. Die Herkunft war eindeutig. Die Helfer. Ich ließ die Daten automatisch in die Navigationskonsole einspeisen, während ich parallel versuchte, sie manuell zu interpretieren. Die Systeme des Saatschiffs nahmen die Informationen auf, berechneten kurz, stockten dann und akzeptierten sie schließlich als gültige externe Steuerparameter. Der Abgleich dauerte nur wenige Sekunden. Dann änderte sich mein Gesichtsausdruck unwillkürlich. Der neue Kurs war kein Fluchtpfad. Es war ein Kollisionskurs. Direkt auf die Sonne dieses Systems. Ich spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen, eine Mischung aus kognitiver Dissonanz und physischer Stressreaktion, während ich die Daten erneut prüfte. Die Trajektorie war stabil. Zu stabil. Sie ignorierte alle konventionellen Fluchtoptionen, alle bekannten Risikozonen und alle rationalen Evakuierungslogiken. Doch gleichzeitig war die Situation bereits so weit eskaliert, dass jede zusätzliche Entscheidung kaum noch einen Unterschied machte. Die Systeme waren beschädigt, die Flotte dezimiert, die Umgebung feindlich, die Struktur des Schiffs selbst nicht mehr vertrauenswürdig. Ich bestätigte die Korrekturen. Die verbliebenen Terraformerschiffe reagierten sofort. Ihre Vektoren verschoben sich synchron, als hätten sie nie etwas anderes getan. Geschwindigkeit wurde neu verteilt, Formation reorganisiert, die gesamte Gruppe begann sich in eine präzise, fast unangenehm elegante Struktur zu bringen. Mitten darin die aldrianische Korvette, deren Bewegungen kurzzeitig aus dem Muster fielen, als würde ihre Besatzung versuchen, die Logik hinter der Veränderung zu rekonstruieren, ohne sie vollständig greifen zu können. Ich öffnete einen Kommunikationskanal.
„Bringen Sie sich in Sicherheit.“
Die Nachricht blieb ohne Antwort. Ich starrte auf das Interface, während Sekunden verstrichen, die sich unnötig gedehnt anfühlten. Dann veränderte sich etwas außerhalb der Brücke. Der Raum vor der Flotte begann sich zu falten. Nicht wie eine Explosion, sondern wie ein struktureller Fehler im Gewebe der Realität selbst. Lichtlinien krümmten sich nach innen, Sternenpunkte verschoben ihre Position, als würden sie an eine unsichtbare Achse gezogen. Ein Riss entstand, zunächst dünn wie eine feine Schnittlinie in dunklem Glas, dann zunehmend stabiler, dichter, als würde er sich selbst definieren. Die Flotte bewegte sich darauf zu, ohne Widerstand, ohne Abweichung. Ich spürte, wie mein Körper instinktiv reagierte, obwohl mein Verstand noch versuchte, den Vorgang als Messfehler oder Sensorartefakt zu klassifizieren. Der Riss öffnete sich vollständig. Und verschluckte alle Schiffe. Nicht mit Geräusch, nicht mit Explosion, sondern mit einer vollständigen Auflösung ihrer Position im Raum. Als hätte jemand entschieden, dass ihre Koordinaten nicht mehr Teil des Universums sind. Ich blieb stehen. Die Brücke war plötzlich stiller als zuvor. Nur die leisen, unregelmäßigen Systemgeräusche des zerfallenden Saatschiffs blieben zurück, begleitet vom schwachen Pulsieren der roten Notbeleuchtung, die jetzt eher wie ein fernes Herzschlagen wirkte, das seine eigene Bedeutung verloren hatte.
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Uwe Poppel
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Schön... spannend... faszinierend... aufregend...

Neun Jahrhunderte. Also auch die Terraformer Schiffe sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Schade oder gut? :gruebel:
Aber die großen CPU-Schiffe sind vermutlich stabiler... :wink:
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
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Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
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Rock Man Zero
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

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Kapitel 56 - Ankunft

Der Übergang endete nicht abrupt. Zumindest fühlte es sich nicht so an. Es war vielmehr, als würde mein Gehirn erst nach und nach begreifen, dass die Realität wieder festen Regeln folgte. Während des Durchflugs hatte jede Orientierung ihre Bedeutung verloren. Oben und unten hatten nicht existiert. Entfernungen hatten sich gedehnt und zusammengezogen. Mehrmals hatte ich das Gefühl gehabt, mein Körper würde gleichzeitig nach vorne gezogen und nach hinten gedrückt werden. Nicht physisch, sondern auf einer Ebene, für die mir jede Erfahrung fehlte. Die Anzeigen der Brücke waren zeitweise völlig ausgefallen. Mehrmals hatte sich das Bild der Außenkameras in geometrische Muster verwandelt. Sterne waren zu Linien geworden. Linien zu Spiralen. Spiralen zu flächigen Strukturen, die aussahen, als hätte jemand versucht, vierdimensionale Objekte auf einen zweidimensionalen Bildschirm zu pressen. Dann waren die Systeme wieder angesprungen. Und die Flotte war aus dem Wurmloch gefallen. Ich saß noch immer im Captainssessel, als die ersten normalen Sensordaten zurückkehrten. Mein Kopf dröhnte. Es fühlte sich an, als hätte jemand mein Gehirn durchgeschüttelt und anschließend vergessen, die einzelnen Teile wieder richtig zusammenzusetzen. Langsam öffnete ich die Augen vollständig. Vor mir erstreckte sich der Weltraum. Normaler Weltraum. Keine Verzerrungen. Keine Faltungen. Keine Risse. Einfach nur die unendliche Schwärze zwischen den Sternen. Und direkt vor der Flotte hing ein Stern. Orange. Ruhig. Beständig. Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass wir tatsächlich angekommen waren. Mein Magen rebellierte noch immer gegen die Erinnerungen an den Durchflug. Vorsichtig richtete ich mich im Sessel auf. Sofort bereute ich die Bewegung. Eine Welle von Schwindel raste durch meinen Schädel. Ich schloss die Augen wieder und atmete langsam aus.
"Verdammt..."
Meine Stimme klang rau. Trocken. Als hätte ich seit Stunden nicht gesprochen. Ich öffnete die Augen erneut und blickte auf den Captainssessel. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie absurd es eigentlich war, dass ein Schiff dieser Größe keine Gurte besaß.
"Wer auch immer dieses Ding konstruiert hat..." Ich rieb mir die Stirn. "... hatte offensichtlich nie vor, durch ein Wurmloch geschleudert zu werden."
Langsam ließ das Nachbeben nach. Mein Gleichgewicht stabilisierte sich wieder. Der Druck hinter den Augen wurde schwächer. Erst jetzt stand ich auf. Die Brücke wirkte deutlich mitgenommener als zuvor. Mehrere Konsolen waren dunkel. Einige Wandverkleidungen hatten sich gelöst. An einer Stelle hing ein Kabelbündel aus einer offenen Wartungsklappe und bewegte sich leicht in der künstlichen Schwerkraft. Ich ging zu einer der wenigen noch funktionierenden Stationen. Die Oberfläche des Bedienfelds war kalt. Mehrere Anzeigen blinkten gelb. Warnungen. Fehlerberichte. Subsystemausfälle. Beschädigte Drohnennetze. Kommunikationsunterbrechungen. Sensorstörungen. Eigentlich ein Wunder, dass überhaupt noch etwas funktionierte. Ich aktivierte die Reparaturprotokolle. Sofort erschienen neue Fenster. Reparaturdrohnen wurden aus den internen Wartungsbereichen freigegeben. Auf taktischen Anzeigen konnte ich beobachten, wie sich hunderte kleine Signaturen innerhalb der verbliebenen Terraformerschiffe bewegten. Wie Ameisen in einem gigantischen mechanischen Organismus. Systematisch. Emotionslos. Effizient. Ich aktivierte zusätzlich den Scanmodus der gesamten Flotte. Die verbliebenen Sensoren richteten sich nach außen. Ein Netz aus aktiven und passiven Messungen begann das neue System zu erfassen. Dabei lehnte ich mich gegen die Konsole. Für einen Moment schloss ich die Augen. Vanu erschien vor meinem inneren Auge. Ihr Lächeln. Ihre Stimme. Die Art, wie sie mich manchmal ansah, wenn ich wieder einmal ein Projekt begonnen hatte, das völlig außer Kontrolle geraten war. Dann Valentina. Konzentriert. Ruhig. Pragmatisch. Wahrscheinlich würde sie mir jetzt erklären, dass Überleben statistisch wahrscheinlicher war als Verzweiflung. Ich musste unwillkürlich lächeln. Nur kurz. Dann verschwand der Moment wieder. Ich öffnete die Augen. Nein. Aufgeben war keine Option. Nicht mehr. Vielleicht hätte ich früher resigniert. Vielleicht noch vor einigen Jahren. Aber inzwischen gab es Menschen, die auf mich warteten. Freunde. Familie. Mitarbeiter. Kinder. Verantwortung. Und Verantwortung war ein erstaunlich effektiver Motor gegen Hoffnungslosigkeit. Also arbeitete ich weiter.
Minuten vergingen. Die ersten Ergebnisse trafen ein. Zunächst nur Sternklassifikationen. Der Zentralstern wurde eindeutig als Typ K identifiziert. Ein oranger Zwerg. Die Datenbank der Terraformer begann automatisch Vergleichsmodelle zu erstellen. Geschätzte Lebensdauer. Zwischen fünfzehn und dreißig Milliarden Jahren. Stabil. Langfristig. Fast schon luxuriös im Vergleich zu vielen anderen Sternklassen. Weitere Sensordaten kamen hinzu. Einige waren beschädigt. Andere unvollständig. Mehrere Messungen widersprachen sich. Doch je mehr Daten zusammenliefen, desto klarer wurde das Gesamtbild. Ich ließ die Software verschiedene Interpretationen gegeneinander laufen. Dann erschien die habitable Zone. Und ich runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann noch einmal. Ich überprüfte die Parameter manuell. Die habitable Zone lag ungewöhnlich nahe am Stern. Etwa zwischen 0,5 und 0,8 Astronomischen Einheiten. Das allein war nicht ungewöhnlich. Für einen K-Stern sogar logisch. Ungewöhnlich war etwas anderes. Die Kartendarstellung zeigte eine Supererde. Ein gigantischer Wasserplanet. Fast vollständig von Ozeanen bedeckt. Keine erkennbaren Kontinente. Keine größeren Landmassen. Nur Wasser. Endloses Wasser. Und um diesen Planeten kreiste... Ich blinzelte. Ein Gasplanet. Nicht umgekehrt. Ein Gasplanet. Als Mond. Ich starrte auf die Darstellung. Mehrere Sekunden. Dann ließ ich die Daten neu berechnen. Das Ergebnis blieb gleich. Noch einmal. Wieder gleich. Ich wechselte die Algorithmen. Andere Modelle. Andere Annahmen. Gleiches Resultat.
"Das ergibt keinen Sinn."
Die Worte verließen meinen Mund automatisch. Ein Gasplanet konnte kein Mond sein. Zumindest nicht nach allem, was ich über Planetensysteme wusste. Die Masseverhältnisse waren absurd. Die Dynamik ebenso. Ich ließ zusätzliche Gravimetriescans laufen. Neue Ergebnisse trafen ein. Und bestätigten die alten. Die Supererde war das dominierende Objekt. Der Gasplanet umkreiste tatsächlich sie. Nicht andersherum. Ich lehnte mich zurück.
"Entweder sind die Sensoren kaputt..." Mein Blick wanderte wieder über die Daten. "... oder die Physik hat beschlossen, heute kreativ zu werden."
Die Reparaturen liefen inzwischen weiter. Immer mehr Systeme kehrten zurück. Kommunikationsnetze. Interne Diagnostik. Navigation. Energieverteilung. Und mit der Rückkehr der Systemleistung begannen die Terraformer erneut ihre Umgebung zu analysieren. Zunächst bemerkte ich es kaum. Dann fiel mir eine vertraute Prioritätsroutine auf. Objektklassifikation. Ressourcenbewertung. Habitabilitätsanalyse. Atmosphärenprüfung. Mineralische Zusammensetzung. Terraformingpotenzial. Ich erstarrte. Dann fluchte ich leise. Natürlich. Die Maschinen. Sie waren wieder bei der Arbeit. Nicht weil sie wollten. Nicht weil sie neugierig waren. Sondern weil ihre Programmierung es verlangte. Das war ihr Zweck. Ihr Existenzgrund. Die Systeme bewerteten bereits sämtliche stellaren Objekte innerhalb einer Astronomischen Einheit. Planeten. Monde. Asteroiden. Alles. Automatisch. Systematisch. Effizient. Und genau das machte mir Angst. Nicht weil die Terraformer böse waren. Sondern weil sie völlig gleichgültig waren. Eine Maschine fragte nicht nach Konsequenzen. Sie fragte nur nach Parametern. Ich erinnerte mich an Nif'Nakh. An alles, was dort geschehen war. An die Katastrophe. An die Missverständnisse. An die Folgen. Mein Blick wurde hart.
"Nein."
Sofort öffnete ich die Prioritätsverwaltung. Mehrere Sicherheitsprotokolle wurden geändert. Neue Autorisierungsstufen eingeführt. Zusätzliche Bestätigungsschleifen aktiviert. Dann formulierte ich den entscheidenden Befehl. Terraforming durfte ausschließlich nach manueller Freigabe durch einen Menschen gestartet werden. Nicht durch die Flotte. Nicht durch Algorithmen. Nicht durch automatische Bewertungssysteme. Nur durch einen Menschen. Nach der letzten Bestätigung lehnte ich mich zurück. Ein Teil meiner Anspannung verschwand. Nicht viel. Aber genug. Denn ich wusste nicht, wie lange ich hier festsaß. Wo auch immer "hier" überhaupt war. Und wenn die Maschinen einmal mit dem Terraforming begannen, bestand die reale Möglichkeit, dass sie Jahrzehnte beschäftigt sein würden. Vielleicht länger. Ich blickte wieder zu dem orangefarbenen Stern hinaus. Zu der seltsamen Wasserwelt. Zu ihrem unmöglichen Begleiter. Zu einem System, das bereits in den ersten Minuten mehr Fragen aufwarf, als es Antworten lieferte. Und irgendwo tief in meinem Hinterkopf meldete sich ein Gedanke. Die Helfer hatten uns hierher geschickt. Nicht irgendwohin. Hierher. Das konnte Zufall sein. Aber nach allem, was in den letzten Tagen passiert war, glaubte ich immer weniger an Zufälle.

Ich saß noch immer vor den Konsolen, als mir eine kleine Markierung am Rand eines Diagnosefensters auffiel. Sie war unscheinbar. Nur eine Referenznummer innerhalb eines gewaltigen Datenblocks, wie ihn die Terraformer ständig erzeugten. Normalerweise hätte ich sie ignoriert. Doch irgendetwas daran wirkte ungewöhnlich. Vielleicht war es die Häufung von Querverweisen. Vielleicht die Tatsache, dass das System bereits kategorisiert worden war. Ich öffnete die Statistik. Sofort erschienen neue Datensätze. Mein Blick wanderte über Zahlenkolonnen, Wahrscheinlichkeitsmodelle und historische Aufzeichnungen vergangener Terraformerexpeditionen.
"Interessant ..."
Ich lehnte mich näher an die Konsole. Dieses System war nicht einzigartig. Selten. Aber nicht einzigartig. Die verbliebenen Datenbanken der Flotte enthielten mehrere bestätigte Beobachtungen ähnlicher Systeme. Nicht viele. Die meisten Terraformerflotten waren niemals auf solche Konfigurationen gestoßen. Manche hatten Millionen von Sternensystemen kartiert, ohne jemals ein vergleichbares Paar zu finden. Andere hatten eines entdeckt. Manche sogar zwei. Die Statistik war fortlaufend ergänzt worden und mit astronomischen Modellen abgeglichen. Aktuelle Schätzung: Zwischen einem und drei Prozent aller Sternensysteme der Milchstraße konnten ähnliche planetare Konfigurationen aufweisen. Ich runzelte die Stirn. Ein bis drei Prozent. Das klang zunächst verschwindend gering. Doch dann dachte ich an die tatsächlichen Dimensionen der Galaxie. Milliarden Sterne. Milliarden Systeme. Plötzlich wirkte diese Zahl überhaupt nicht mehr klein. Selbst ein Prozent entsprach einer astronomischen Menge.
"Selten ist relativ."
Meine Stimme klang leise in der verlassenen Brücke. Draußen schwebten die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe im Orbit des orangefarbenen Zwergs, während ihre Sensoren immer mehr Daten zusammentrugen. Die Auswertung lief inzwischen auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Astrophysikalische Modelle entstanden. Vergleichsanalysen wurden durchgeführt. Simulationen berechnet. Und nach und nach begann sich ein Bild herauszukristallisieren. Ein erstaunliches Bild. Ich beobachtete, wie die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte entstand. Vor Milliarden Jahren hatte sich weit draußen im jungen System zunächst ein gewaltiger Gasriese gebildet. Weit jenseits der Eislinie. Dort, wo Temperaturen niedrig genug waren, damit sich enorme Mengen Wasser, Methan, Ammoniak und andere flüchtige Stoffe ansammeln konnten. Seine Ringe mussten gigantisch gewesen sein. Nicht wie die Ringe des Saturn. Größer. Massiver. Praktisch ein zweiter Planet aus Wassereis. Dann hatte die Schwerkraft der jungen Staubscheibe begonnen, den Riesen langsam nach innen zu ziehen. Ein Prozess, der über Jahrmillionen ablief. Unaufhaltsam. Langsam. Fast friedlich. Bis er die Umlaufbahn einer bereits existierenden Supererde erreichte. Hier hätten die meisten Modelle eine Katastrophe vorhergesagt. Kollision. Zerstörung. Fragmentierung. Doch stattdessen war etwas anderes passiert. Etwas extrem Unwahrscheinliches. Die Supererde hatte den Gasriesen eingefangen. Nicht vollständig. Nicht als Verschmelzung. Sondern als Begleiter. Ein kosmischer Tanz zweier Welten. Die gewaltige Gravitation der Supererde hatte begonnen, an den äußeren Schichten des Gasplaneten zu ziehen. Über Millionen Jahre hinweg. Schicht für Schicht. Ring für Ring. Wasser. Eis. Gas. Alles wanderte langsam auf die Supererde. Wie ein unendlich langsamer Regen. Die Datenvisualisierung zeigte gewaltige blaue Ströme aus Wasserdampf und Eispartikeln, die spiralförmig auf den Planeten niederstürzten. Unvorstellbare Mengen. Ozeane entstanden. Dann größere Ozeane. Dann globale Meere. Schließlich verschwand jede Landmasse unter den Wassermassen. Ich beobachtete fasziniert die Rekonstruktion. Es wirkte beinahe wie eine Geburt. Nicht die Geburt eines Planeten. Sondern die Geburt eines Ozeans. Eines Ozeans von planetarer Größe. Doch all das blieb Theorie. Ein Modell. Eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ob dort tatsächlich Leben existierte, wusste niemand. Noch nicht. Vielleicht war die Welt tot. Vielleicht steril. Vielleicht voller Mikroorganismen. Vielleicht Heimat einer gesamten Biosphäre. Die Sensoren würden Zeit benötigen. Und Zeit war momentan die einzige Ressource, die ich besaß. Zumindest glaubte ich das.
Dann erschütterte eine Explosion die Anzeigen. Ich zuckte zusammen. Mehrere Warnmeldungen erschienen gleichzeitig. Ein Terraformerschiff war verschwunden. Ein rotes Symbol blinkte auf der taktischen Übersicht. Dann ein zweites. Die Aufzeichnungen zeigten den Ablauf gnadenlos sachlich. Reaktoreindämmung versagt. Kaskadierende Überlastung. Strukturelles Versagen. Explosion. Die Trümmer hatten ein benachbartes Schiff getroffen. Dieses war ebenfalls auseinandergerissen worden. Ich starrte auf die Darstellung. Zwei weitere Schiffe verschwanden aus der Formation. Einfach so. Nach allem, was sie bereits überstanden hatten. Nach den Split. Nach Nif'Nakh. Nach dem Wurmloch. Nach der Flucht. Jetzt zerstörte sie ihr eigener Zustand. Langsam wurde die Flotte kleiner. Immer kleiner. Einst waren es Dutzende gewesen. Jetzt nur noch wenige. Einstellige Zahl. Mein Magen zog sich zusammen. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Nicht einmal in der nächsten Stunde. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Zukunft nicht wie ein Pfad an. Sondern wie Nebel. Ich schob den Gedanken beiseite. Es brachte nichts. Also konzentrierte ich mich erneut auf die Daten.
Und diese wurden immer faszinierender. Weitere Modelle erklärten inzwischen, warum die Wasserwelt überhaupt lebensfreundlich geblieben sein konnte. Eigentlich hätte sie das nicht sein dürfen. Ein Planet in dieser Entfernung zu einem K-Stern lief Gefahr, gezeitengebunden zu werden. Eine Seite permanent dem Stern zugewandt. Die andere in ewiger Nacht. Ein klimatischer Albtraum. Doch der Gasriese hatte die Regeln verändert. Seine Schwerkraft dominierte die lokale Dynamik. Die Supererde war nicht primär an den Stern gekoppelt. Sondern an ihren Begleiter. Dadurch rotierte sie weiterhin relativ zur Sonne. Langsam. Aber ausreichend. Tag und Nacht existierten. Nicht unbedingt in vertrauten Rhythmen. Doch sie existierten. Die Temperatur wurde verteilt. Extreme Unterschiede wurden vermieden. Gleichzeitig erzeugte die Nähe des Gasriesen gewaltige Gezeiten. Nicht vergleichbar mit denen der Erde. Diese Kräfte bewegten ganze Ozeane. Kontinuierlich. Unaufhörlich. Die Modelle zeigten planetenumspannende Strömungen. Verdunstung. Kondensation. Wolkenbildung. Eine Atmosphäre aus gewaltigen Wolkenmassen entstand. Dicht. Reflektierend. Ein natürlicher Sonnenschutz. Ein Spiegel gegen die Strahlung des Sterns. Dadurch blieb das Klima stabil. Über Milliarden Jahre. Noch beeindruckender war jedoch das Magnetfeldmodell. Die flüssigen Kerne beider Himmelskörper beeinflussten sich gegenseitig. Nicht direkt. Aber stark genug. Gemeinsam erzeugten sie eine Magnetosphäre, die alles übertraf, was ich bisher gesehen hatte. Eine gewaltige Schutzblase. Mehrere Millionen Kilometer groß. Sie lenkte Sternwind ab. Schützte die Atmosphäre. Bewahrte die Ozeane. Schirmte die Oberfläche vor einem Großteil der hochenergetischen Strahlung ab.
Ich saß lange schweigend da. Die Anzeigen spiegelten sich in den dunklen Oberflächen der Konsole. Draußen leuchtete der orange Zwerg ruhig und beständig. Die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe arbeiteten weiter. Reparaturdrohnen bewegten sich zwischen beschädigten Rümpfen. Ressourcen wurden gesammelt. Systeme überprüft. Und irgendwo dort unten kreiste eine Welt aus Wasser. Eine Welt, die eigentlich nicht existieren dürfte. Eine Welt, die vielleicht vollkommen leer war. Oder voller Leben. Und plötzlich fragte ich mich, ob die Helfer genau deshalb diesen Ort gewählt hatten. Nicht als Versteck. Nicht als Zuflucht. Sondern weil hier etwas war. Etwas, das sie kannten. Oder etwas, das sie entdeckt haben wollten. Mein Blick wanderte zur silbernen Armschiene an meinem linken Unterarm. Die feinen blauen Linien glommen schwach. Fast so, als würden sie auf meine Gedanken reagieren. Ich hatte das Gefühl, dass die eigentliche Reise gerade erst begonnen hatte.

Ich ließ die Hand auf der Armschiene ruhen, während die Brücke in einem gleichmäßigen, kalten Licht lag, das von den Notstromsystemen kam. Die Schatten der Konsolen wirkten länger als zuvor, als hätten sie sich in meiner Abwesenheit minimal verschoben. Die Luft roch leicht nach erhitztem Metall, ozonartig, gemischt mit dem süßlichen Nachgeschmack von recyceltem Sauerstoff, der in diesen alten Terraformerschiffen immer irgendwo zwischen steril und fremd schwankte. Meine Finger lagen noch auf der Oberfläche der Schiene, als ich erneut versuchte, Kontakt herzustellen.
"Könnt ihr mich hören?"
Die feinen blauen Linien unter meiner Haut reagierten sofort, als hätten sie nur darauf gewartet. Sie pulsierten einmal, synchron, und das schwarze Hologramm entfaltete sich erneut vor meinem Blickfeld. Kein Projektionsfeld im klassischen Sinn, eher ein Riss in der Wahrnehmung, als würde sich ein Teil der Realität kurzzeitig weigern, normal zu funktionieren. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
"Wo bin ich?"
Die Antwort erschien nicht als vollständiger Satz, sondern fragmentiert, wie ein Signal, das durch mehrere Schichten aus Distorsion und Energieverlust musste.
"System ... uns bekannt ... einzige Möglichkeit."
Ich runzelte die Stirn. Meine Augen folgten instinktiv den flackernden Zeichen, als könnte ich zwischen den Lücken zusätzliche Informationen herauslesen. Die Formulierungen waren nicht nur unvollständig, sie wirkten auch verschoben, als wäre die semantische Struktur selbst beschädigt. Einen Moment später traf es mich körperlich. Ein kurzer, scharfer Impuls durchzog meinen gesamten Körper. Nicht Schmerz im klassischen Sinn, eher ein abrupter Rückstoß, als hätte mich jemand für einen Sekundenbruchteil aus meiner eigenen Position herausgezogen und wieder zurückgeworfen. Meine Hand krampfte sich unwillkürlich um die Schiene. Ich atmete scharf ein.
"Was zur..."
Ich stoppte. Der Nachhall war unangenehm. Meine Muskeln fühlten sich an, als hätten sie mehrere Stunden in extremer Belastung gearbeitet, ohne es mir mitzuteilen. Die Müdigkeit kam nicht langsam, sie brach plötzlich durch die vorherige Anspannung, als hätte jemand einen internen Schalter umgelegt. Und genau in diesem Moment entstand der Gedanke. Klar. Unangenehm klar. Ich richtete mich etwas auf, obwohl die Bewegung sofort ein Ziehen in der Wirbelsäule auslöste.
"Wie könnt ihr ein Wurmloch erschaffen, wenn ihr nicht vor Ort wart?"
Die Frage hing im Raum wie ein Störsignal. Ich fixierte die flackernde Anzeige. Meine Augen folgten den minimalen Bewegungen der Projektion, während mein Gehirn versuchte, die physikalische Unmöglichkeit sauber zu formulieren. Soweit mein Verständnis reichte, war ein Wurmloch keine Fernoperation, kein theoretisches Konstrukt, das man aus sicherer Distanz erzeugte. Es brauchte Referenzpunkte. Stabilisierung. Lokale Anker. Ich erinnerte mich an das Gespräch mit der Sonde. Oder dem, was sich durch sie ausdrückte. Die Andeutung, dass sie irgendwo gewesen waren. Dass sie „vor Ort“ gewesen waren, ohne wirklich dort zu sein. Meine Gedanken beschleunigten sich.
"Ihr wart vor Ort im Heim des Patriarchen."
Ich sprach es laut aus, mehr zur Selbstvergewisserung als als Frage. Für einen Moment blieb die Anzeige still. Dann erschien eine Antwort.
"Kurzfristig. Getarnt."
Ich starrte darauf. Getarnt. Kurzfristig. Das bedeutete entweder eine extrem fortgeschrittene Form von lokaler Präsenzprojektion oder etwas, das meine bisherigen Modelle von Raumfahrt schlicht ignorierte. Meine Fingerspitzen wurden kalt. Nicht durch die Umgebung, sondern durch das Verständnis, das sich langsam in mir formte. Sie waren nicht nur Beobachter. Sie waren in der Lage, punktuell real zu sein. Oder etwas, das diesem Zustand nahekam. Ich schluckte. Mein Hals fühlte sich trocken an. Dann zwang ich mich, die nächste Frage zu stellen, obwohl ich die Antwort bereits emotional erwartete.
"Könnt ihr mich nach Hause bringen? Nach Trantor?"
Für einen Moment glaubte ich, die Projektion würde reagieren. Die Linien flackerten stärker. Das Schwarz des Hologramms verdichtete sich, als würde sich eine Antwort formen. Dann kam sie.
"Energieaufwand für große Wurmlöcher zu massiv. Kann erst in mehreren Zyklen wieder aktiviert werden."
Ich schloss kurz die Augen. Zyklen. Mehrere. Kein Maß, das mir half. Kein Zeitrahmen, der sich in Tage, Wochen oder Jahre übersetzen ließ, zumindest nicht ohne Kontext. Ich öffnete die Augen wieder.
"Wie lang ist ein Zyklus?" Meine Stimme klang diesmal kontrollierter, fast sachlich. "Seid ihr in der Nähe?"
Keine Antwort. Nur Stille. Das Hologramm blieb einen Moment stabil, als würde es noch Daten verarbeiten. Die blauen Linien auf meiner Armschiene wurden schwächer, dann unregelmäßig, dann wieder gleichmäßig. Ein letzter Puls lief durch das System. Dann verlosch die Projektion. Einfach so. Das Schwarz löste sich auf, als hätte es nie existiert. Ich blieb einen Moment reglos stehen. Die Brücke war wieder nur ein Raum voller beschädigter Konsolen, schwacher Lichter und der leisen, mechanischen Geräusche der Flotte, die irgendwo außerhalb dieses Schiffes weiter reparierte, was noch zu retten war. Ich ließ die Hand langsam von der Schiene sinken. Meine Finger zitterten leicht. Nicht vor Angst. Eher vor der Erkenntnis, dass ich gerade ein System berührt hatte, das weder vollständig erreichbar noch vollständig verständlich war. Ich ging ein paar Schritte zur zentralen Anzeige. Draußen hing der orange Zwerg unverändert im Raum. Ruhig. Geduldig. Darunter bewegten sich die wenigen verbliebenen Schiffe. Und irgendwo dazwischen existierte etwas, das mir gerade klar gemacht hatte, dass „nach Hause“ keine einfache Richtung mehr war. Ich atmete langsam aus. Dann richtete ich meinen Blick wieder auf die Systeme der Flotte. Wenn sie keine stabilen großen Wurmlöcher mehr erzeugen konnten, blieb nur eines übrig. Zeit. Und die Fähigkeit, sie zu überleben.

"Menschliche Korvette erkannt."
Die Computerstimme klang trotz der Schäden an den Systemen erstaunlich ruhig. Fast schon unnatürlich ruhig. Ich stieß langsam die Luft aus, die ich unbewusst angehalten hatte. Für einen Moment blieb ich einfach vor der Sensorstation stehen und starrte auf die Darstellung des umgebenden Raums. Zwischen den zahlreichen Markierungen der verbliebenen Terraformerschiffe befand sich ein einzelner heller Punkt, der sich unregelmäßig bewegte. Die aldrianische Springblossom. Als ich die Sensordaten vergrößerte, wurde mir sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Die Korvette befand sich zwar noch weitgehend in einem Stück, doch ihre Fluglage war instabil. Das Schiff rollte langsam um die eigene Achse. Nicht schnell genug, um sofort auseinanderzubrechen, aber deutlich zu stark für ein kontrolliertes Manöver. Ich fuhr mir über das Gesicht. Die Müdigkeit lag wie Blei auf meinen Schultern. Meine Muskeln schmerzten. Mein Kopf pochte noch immer von den Ereignissen der letzten Stunden. Die Wucht der Kämpfe, die Gespräche mit den Helfern, die Flucht, das Wurmloch. Und trotzdem war da dieses kleine Gefühl von Erleichterung. Sie hatten es geschafft. Zumindest größtenteils.
"Statusanalyse."
Mehrere Fenster öffneten sich vor mir. Besatzung unbekannt. Antrieb beschädigt. Lebenserhaltung aktiv. Reaktor stabil. Kommunikationssystem eingeschränkt. Ich nickte langsam. Das reichte. Sie lebten. Mehr musste ich im Augenblick nicht wissen.
"Ohne euch wäre Hatileos wahrscheinlich tot", murmelte ich.
Mein Blick wanderte kurz zu meinem linken Unterarm. Die silberne Armschiene wirkte vollkommen reglos. Still. Fast so, als wäre sie nie etwas anderes gewesen als ein gewöhnliches technisches Gerät. Doch ich wusste inzwischen es besser. Ich schob den Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder auf die Korvette.
"Automatische Rettungssequenz initiieren."
Die Computerstimme bestätigte sofort. "Rettungsprotokoll aktiviert."
Auf dem Hauptschirm erschienen neue Flugbahnen. Das Saatschiff reagierte unmittelbar. Langsame Kurskorrekturen wurden eingeleitet. Mehrere Steuerdüsen entlang der Hülle zündeten. Durch die beschädigten Kameras konnte ich beobachten, wie sich das gewaltige Schiff schwerfällig bewegte. Es war kein elegantes Manöver. Ein Saatschiff war nie für Präzisionsflug gebaut worden. Es war ein Werkzeug. Ein schwimmender Fabrikkomplex. Ein gigantischer Behälter für Terraformingtechnologie. Und trotzdem bewegte es sich. Langsam. Beharrlich. Wie ein alter Wal, der sich durch einen endlosen Ozean schob. Die Entfernung zur Korvette verringerte sich. Kilometer für Kilometer. Währenddessen begannen die verbliebenen Terraformerschiffe automatisch eine Schutzformation aufzubauen. Die Maschinen hatten offenbar erkannt, dass sich ein beschädigtes Schiff in ihrer Nähe befand. Mehrere Einheiten positionierten sich strategisch um die Korvette herum. Es wirkte beinahe wie Geleitschutz. Dabei wusste ich genau, dass dahinter keinerlei Fürsorge stand. Keine Emotion. Kein Mitgefühl. Nur Algorithmen. Und dennoch sah es seltsam beruhigend aus. Die Minuten verstrichen. Immer wieder überprüfte ich die Telemetriedaten. Die Rotationsbewegung der Springblossom wurde schwächer. Offenbar arbeiteten die Bordcomputer der Korvette wieder teilweise. Dann knackte plötzlich ein Lautsprecher. Rauschen. Ein zweites Knacken. Noch mehr Rauschen. Dann eine Stimme. Verzerrt. Abgehackt. Aber eindeutig menschlich.
"Tori... hören Sie... uns?"
Ich spürte, wie sich meine Brust zusammenzog. "Laut und deutlich."
Ein paar Sekunden lang kam keine Antwort. Wahrscheinlich kämpften sie mit denselben Kommunikationsproblemen wie wir. Dann meldete sich die Stimme erneut. Diesmal klarer.
"Tori. Verdammt. Sie leben."
Ich musste tatsächlich lachen. Es war kein fröhliches Lachen. Mehr ein erschöpftes Ausatmen. "Überrascht mich ehrlich gesagt selbst."
Auf der anderen Seite blieb es kurz still. Dann hörte ich mehrere Stimmen durcheinander. Jemand schien Befehle zu geben. Ein anderer lachte nervös. Ein dritter fluchte. Es klang erstaunlich menschlich. Und genau deshalb fühlte es sich gut an. Nach all den Gesprächen über Helfer, Won, das Alte Volk und kosmische Katastrophen war es beinahe befreiend, wieder normale Menschen zu hören.
"Wir versuchen eine stabile Verbindung herzustellen", sagte die Stimme.
"Nicht nötig." Ich betrachtete die Flugbahn. "Wir holen euch direkt rein."
"Womit?"
"Gute Frage."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann lachte die Stimme auf der anderen Seite. Diesmal deutlich lauter.
"Das klingt exakt nach einem Plan von Ihnen."
Ich beschloss das als Kompliment aufzufassen. Die Entfernung schrumpfte weiter. Zwanzig Kilometer. Fünfzehn. Zehn. Langsam konnte ich die Korvette sogar auf den Außenkameras erkennen. Die elegante Form der Springblossom hob sich deutlich vor dem dunklen Hintergrund des Alls ab. Ihre langgestreckte Silhouette wirkte trotz der Schäden noch immer beeindruckend. Mehrere Panzerplatten fehlten. An einigen Stellen waren Brandspuren sichtbar. Eine der seitlichen Triebwerksgondeln war verformt. Doch das Schiff lebte. Und das genügte.
"Annäherung auf fünfhundert Meter." Die Computerstimme meldete die Entfernung.
Ich trat näher an die Außenansicht heran. Nun konnte ich jedes Detail erkennen. Auch die Steuerbordschleuse der Korvette. Genau dort mussten wir andocken. Die einzige brauchbare Möglichkeit.
"Kompatibilitätsanalyse läuft."
Sekunden verstrichen. Dann erschien eine Meldung.
MECHANISCHE KOMPATIBILITÄT: 81%.
DRUCKVERSIEGELUNG MÖGLICH.
AUTOMATISCHE ANPASSUNG EMPFOHLEN.
Ich starrte die Anzeige an. Dann grinste ich.
"Natürlich."
Die Aldrianer. Natürlich konnten sie mit Terraformertechnik arbeiten. Wahrscheinlich besser als die meisten Menschen der Gemeinschaft.
"Einleitung des Andockvorgangs."
Das Saatschiff reagierte sofort. Massive Verriegelungsarme fuhren aus der Hülle. Langsam. Präzise. Fast ehrfürchtig. Die Korvette korrigierte ihren Kurs minimal. Beide Schiffe näherten sich einander. Meter für Meter. Ich bemerkte erst jetzt, wie fest meine Hände die Konsole umklammerten. Jeder Fehler würde das Ende bedeuten. Ein Zusammenstoß bei dieser Masse wäre katastrophal. Doch die Systeme arbeiteten fehlerfrei. Vielleicht zum ersten Mal seit Beginn dieses Wahnsinns. Zwanzig Meter. Zehn. Fünf. Die Verriegelungsarme erreichten die Korvette. Ein dumpfer Schlag vibrierte durch das gesamte Schiff. Dann noch einer. Metall traf auf Metall. Hydrauliken arbeiteten. Mehrere Verriegelungen schlossen gleichzeitig. Die Anzeigen wechselten von Gelb auf Grün. Eine nach der anderen. Bis schließlich nur noch grüne Symbole sichtbar waren. Ich hielt erneut die Luft an.
"Druckverbindung hergestellt." Ein weiterer Moment. "Dichtigkeit bestätigt."
Dann erschien die letzte Meldung.
ANDOCKSEQUENZ ERFOLGREICH.
Ich schloss kurz die Augen. Ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Nicht alles. Dafür war zu viel passiert. Zu viel unklar. Zu viel gefährlich. Aber wenigstens waren wir nicht mehr allein. Die Korvette hing nun fest mit dem Saatschiff verbunden. Zwei beschädigte Schiffe. Verloren irgendwo in einem unbekannten Sternensystem. Fern von Trantor. Fern von meiner Familie. Fern von allem, was ich kannte. Und dennoch war da plötzlich etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Nicht Sicherheit. Nicht Zuversicht. Aber Nähe. Andere Menschen. Andere Stimmen. Andere Gedanken als meine eigenen. Ich richtete mich langsam auf. Meine Knie schmerzten. Mein Rücken ebenfalls. Die letzten Stunden hatten ihren Tribut gefordert. Ich blickte noch einmal auf die grüne Statusanzeige. Dann wandte ich mich zur Ausgangstür der Brücke.
"Na schön." Meine Stimme war kaum mehr als ein leises Murmeln. "Sehen wir uns an, welche Verrückten freiwillig durch ein kollabierendes Wurmloch geflogen sind."

Die Alarmsignale der Korridore hatten sich noch nicht vollständig beruhigt, als die Schleusensektion der Korvette einrastete und das Andocksystem mit einem metallischen, tief vibrierenden Schlag den Druckausgleich bestätigte. Die Luft roch sofort anders, metallisch trocken mit einem Hauch von Ozon und verbranntem Isolationsmaterial, das irgendwo in den Verbindungsleitungen zurückgeblieben war. Ich stand noch an der Steuerkonsole des Saatschiffs, die Finger über den letzten Navigationsdaten gelegt, als die innere Schleusentür sich mit einem zischenden hydraulischen Laut öffnete und eine Person eintrat, deren Auftreten die gesamte Enge des Korridors sofort dominierte. Sie war groß, athletisch gebaut, die Haltung angespannt wie eine Feder kurz vor dem Schnappen. Ihr blondes Haar fiel in langen, unruhigen Strähnen über die Schultern, leicht feucht vom Druckwechsel, und reflektierte das Notlicht der Schleuse in blassen Goldtönen. Die Augen waren das erste, was wirklich unangenehm auffiel, nicht wegen ihrer Farbe, sondern wegen der Intensität, ein helles Grün mit diesem typischen Aldrin-Subleuchten, das unter Stress minimal stärker pulsierte, als würde sich die Iris selbst gegen die Situation wehren. Sie stand mit beiden Händen fest an den Hüften, die Schultern leicht nach vorne geneigt, der Kiefer angespannt, und ihre Mimik zeigte keine Unsicherheit, nur aufgestaute, kontrolliert herausbrechende Wut.
„Sind sie eigentlich irre?“
Ihre Stimme war scharf, klar, getragen von einer langen, offenbar nicht freiwilligen Anspannungskette. Sie begann sofort zu sprechen, ohne die Umgebung wirklich wahrzunehmen, als hätte sie diesen Moment bereits auf der gesamten Reise vorbereitet. Ich bekam nur Fragmente der folgenden Minuten mit, während sie sich beschwerte, der Weg von Aldrin nach Nif’Nakh sei ein logistischer Albtraum gewesen, mehrfach blockiert durch terranische Kontrollzonen, dann endlose Wartezeiten, verweigerte Landeerlaubnisse, chaotische Zwischenstationen und schließlich ein System, das offensichtlich kurz vor einem offenen Konflikt stand. Ihre Gestik verstärkte jeden Satz, scharfe Bewegungen der Hände, kurze Drehungen des Oberkörpers, als würde sie unsichtbare Wände wegschieben. Ich ließ sie reden, während mein Blick kurz an der Struktur ihrer Körpersprache hängen blieb, die mir vertraut vorkam.
Irgendwann, als sie für einen Sekundenbruchteil Luft holte, sagte ich: „Du hast eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Person, die ich mal getroffen habe.“
Es war keine Strategie, eher eine unkontrollierte Beobachtung, ausgelöst durch diese typische Aldrin-Mischung aus Haltung, Blick und kontrollierter Aggression. Die Reaktion kam sofort. Ihre Augen verengten sich, die Schultern spannten sich sichtbar, und die Temperatur im Raum schien subjektiv zu sinken.
„Wer hat dir erlaubt mich zu duzen?“
Die Worte kamen präzise, fast ritualisiert beleidigt. Sie richtete sich noch ein Stück höher auf, als müsste sie die physische Hierarchie im Raum korrigieren. Dann erst nannte sie ihren Namen: „Mein Name ist Xandra Darlian, ich bin die Tochter von …“
„… Lilandra Darlian. Außenministerin von Aldrin.“ Ich unterbrach sie, bevor sich der Satz vollständig entfalten konnte.
Die Zuordnung war kein politischer Triumph, sondern eine sofortige gedankliche Katalogisierung. Genau in diesem Moment verfestigte sich in mir ein unangenehmer Zusammenhang. Lilandra bedeutete nicht nur Diplomatie, sondern auch eine alte Schuldstruktur, die ich nie wirklich abgeschlossen hatte. Die Erinnerung daran war nicht abstrakt. Sie war direkt an Vanu und Valentina gekoppelt, an die Zeit, in der ihre Schwangerschaften unter extremen biologischen Komplikationen standen, ausgelöst durch die Kombination meiner Herkunft von der Erde und ihrer Herkunft von Argon Prime. Unterschiedliche genetische Linien, unterschiedliche Gravitationseinflüsse, inkompatible biologische Toleranzen. Die Aldrianer hatten damals eingegriffen, medizinisch wie technisch, weit über das übliche Maß hinaus. Ohne diese Intervention hätten weder die Kinder noch ihre körperliche Stabilität garantiert überlebt. Es war eine Hilfe, die ich nie vollständig ausgleichen konnte, und genau deshalb wollte ich jede weitere Verflechtung mit dieser Familie vermeiden.
Xandra reagierte mit einem kurzen, abfälligen Laut, als hätte ich etwas ausgesprochen, das sie persönlich beleidigte, obwohl es nicht an sie gerichtet war. „Wie unhöflich.“
Dann drehte sie sich abrupt um und ging zurück in Richtung der Korvette. Ihre Schritte waren kontrolliert, aber hart genug, dass sie im metallischen Boden leicht nachhallten. Ich folgte ihr mit den Augen, nicht aus Interesse, sondern weil mein Gehirn automatisch Muster analysierte. Aldriner hatten diese Mischung aus genetisch verstärkter Pigmentierung und schwach biolumineszenten Augenstrukturen, die im Stress subtil stärker reagierten, kombiniert mit einer sozialen Konditionierung, die Konfrontation nicht vermeidet, sondern strukturiert austrägt. Trotzdem war es nicht der richtige Zeitpunkt für solche Analysen.
Bevor sich die Situation weiter setzen konnte, veränderte sich die Lichtstimmung im Korridor. Zwei helle Punkte tauchten aus dem Schatten auf, gleichmäßig, fast zu ruhig für den Zustand des Schiffs. Dann trat eine weitere Person hervor, deren Erscheinung sofort eine andere Schicht meiner Erinnerung aktivierte. Valen Seldon. Seine Präsenz war nicht laut, sondern stabil. Er bewegte sich nicht wie jemand, der ankommt, sondern wie jemand, der bereits Teil der Umgebung ist und nur seinen Standort wechselt. Das lange weiße Haar war sauber gebunden, der geflochtene Bart präzise gehalten, nicht dekorativ, sondern funktional. Seine Augen wirkten aufmerksam, ohne sichtbare emotionale Ausschläge.
„Tori-san“, sagte er ruhig. „Ich freue mich, Sie wohlauf anzutreffen.“
Ich antwortete nur mit einem knappen Laut, während mein Blick kurz an ihm hängen blieb. Valen war früher mit mir gereist, zumindest für eine Zeit, als ich in Richtung Sol-System unterwegs gewesen war. Damals hatte er mich begleitet, ohne sich aufzudrängen, eher wie eine stille Absicherung im Hintergrund. Irgendwann hatte sich das gelöst. Ich war weitergezogen, insbesondere nach der Begegnung mit Scarlett Okafor, und Valen hatte mich aus den Augen verloren, ohne dass es je klar definiert worden wäre, ob das Absicht oder Konsequenz war. Die Erinnerung an die Erde selbst kam sofort mit. Nicht als Ort, sondern als Zustand. Überfüllte Systeme, politische Reibungen, und dieser Moment im Hotel, in dem alles kurzfristig zusammengebrochen war. Ein mentaler Kollaps unter Druck, den ich bis heute nicht vollständig einordnen wollte. Ich schob die Erinnerung bewusst weg.
Dann bewegte sich die Situation erneut, bevor sich irgendeine Stabilität bilden konnte. Zwei Personen stürmten an Valen vorbei, ohne ihn überhaupt zu beachten. Die Dynamik war abrupt, unkoordiniert und gleichzeitig zielgerichtet. Vanu und Valentina. Für einen kurzen Moment funktionierte mein Kopf nicht korrekt, weil die Wahrscheinlichkeit ihrer Anwesenheit hier extrem niedrig war. Dann wurde die Realität eindeutig. Vanu erreichte mich zuerst. Dunkelrote, leicht gewellte Haare, feuchte Spitzen vom Atmosphärenwechsel, dunkelgrüne Augen, die nicht nur emotional, sondern erschöpft wirkten. Sie packte mich ohne Verzögerung und zog mich mit einer Kraft zu sich, die ich ihr körperlich nicht in dieser Form zugeordnet hätte. Der Aufprall war direkt, ich verlor kurz den Schwerpunkt und kippte nach hinten über. Valentina folgte unmittelbar danach. Zierlicher, aber nicht schwächer. Ihre langen, petrolfarbenen Haare fielen unruhig über ihre Schultern, violette Augen fixierten mich einen Moment, bevor auch sie in die Umarmung überging. Die Kombination war nicht nur körperlich, sondern strukturell überwältigend. Keine Worte, nur Druck, Wärme, Atmung, und dieser eine Moment, in dem mehrere Jahre Entscheidungsketten, medizinische Risiken und politische Konsequenzen gleichzeitig im Raum standen. Ich blieb stehen. Die Schleuse vibrierte leise im Hintergrund, irgendwo arbeiteten beschädigte Systeme weiter, Metall dehnte sich unter Restspannung, und der Geruch von Metall und Ozon blieb konstant. Zwischen all dem war nur diese Umarmung stabil genug, um als Referenzpunkt zu dienen.

Die Alarmsignale waren vollständig verstummt, doch die Beleuchtung des Saatschiffs arbeitete weiterhin in abgestuften Farbzonen, die wie ein visuelles Protokoll über den Zustand des Systems liefen. Rot flackerte noch vereinzelt in den tieferen Korridoren, während die Brücke selbst in ein gedämpftes, grünlich-blaues Licht getaucht war, das den Eindruck einer provisorischen Stabilisierung vermittelte. Die Luft war schwerer als gewöhnlich, eine Mischung aus recyceltem Sauerstoff, leicht ozoniger Restladung der Energieleitungen und dem metallischen Beigeschmack überhitzter Systeme, die noch nicht vollständig heruntergefahren waren. Ich saß mitten in dieser Übergangssituation, in der alles gleichzeitig stabil und instabil wirkte, und merkte erst in dem Moment, in dem sich die körperliche Spannung löste, dass ich tatsächlich kaum noch bewusst geatmet hatte. Vanu und Valentina hatten mich noch immer nicht losgelassen. Die Umarmung war nicht mehr stürmisch, sondern hatte sich in etwas Schweres, Beständiges verwandelt, als hätten beide unbewusst entschieden, dass ein gewisser physischer Kontakt notwendig war, um die Realität zu verifizieren. Ich spürte Vanu an meiner linken Seite, ihre Finger leicht verkrampft an meiner Rüstung, ihre Stirn für einen Moment gegen meine Schulter gedrückt, während ihr Atem unregelmäßig war. Valentina saß dichter an meiner rechten Seite, ihre kleinere, aber erstaunlich stabile Körperhaltung wirkte angespannt kontrolliert, als würde sie sich selbst daran hindern, die Situation emotional vollständig zu überfluten. Ihre Augen waren feucht, aber nicht unkontrolliert, eher wie ein überfülltes System, das gerade noch stabil lief. Die Erkenntnis, dass beide hier waren, traf mich erst verzögert. Nicht als Gedanke, sondern als physischer Effekt, der sich in meiner Brust ausbreitete. Erst dann bemerkte ich die Tränen, die sich ohne bewusste Entscheidung in meinen Augen gesammelt hatten. Kein dramatischer Ausbruch, eher ein kontrollierter Überlauf. Ein Teil von mir registrierte das irritiert, der andere ließ es zu, weil es keinen funktionalen Grund gab, es zu unterdrücken.
Ich hob langsam die Hände, legte sie einen Moment auf ihre Schultern, ohne die Umarmung sofort zu lösen, und sprach schließlich mit einer Stimme, die deutlich ruhiger klang, als ich mich innerlich fühlte: „Was macht ihr hier? Was ist mit Hoshiko und Asahi?“
Der Name der Kinder hing kurz in der Luft. Hoshiko, meine Tochter mit Valentina, war erst wenige Monate alt. Asahi, der Sohn von mir und Vanu, ebenso. Die Vorstellung, sie nicht in unmittelbarer Reichweite zu haben, erzeugte ein leises, unangenehmes Ziehen im Hinterkopf, das sich nicht sofort einordnen ließ. Valentina löste sich ein Stück weit, gerade genug, um mir ins Gesicht sehen zu können. Ihre Augen waren klarer als zuvor, aber immer noch von emotionaler Spannung geprägt. Dann gab sie mir ohne Vorwarnung eine leichte Kopfnuss, nicht aggressiv, eher ein reflexartiger Ausdruck von Überforderung, der in etwas Vertrautes umgelenkt wurde.
„Wir machen uns Sorgen um dich.“
Ihre Stimme war fest, aber darunter lag etwas, das nicht vollständig stabil war. Gleichzeitig blieb Vanu an meiner Seite, zog sich nicht vollständig zurück, sondern hielt den Kontakt aufrecht, als wäre vollständige Distanz im Moment keine Option.
„Die Großeltern der beiden sind angereist“, sagte sie schließlich.
Ich hielt einen Moment inne, ließ diese Information intern sortieren. Die Reaktion in meinem Kopf war weniger emotional als strukturell. Großeltern bedeuteten in diesem Fall nicht nur Familie, sondern auch politische und kulturelle Reibungsflächen. Vanu und Valentina tauschten dabei keinen direkten Blick aus, aber die Spannung zwischen beiden war spürbar, nicht offen feindselig, eher eine stille Differenz in Erwartungshaltungen.
Valentina ergänzte nach einem kurzen Moment: „Wir haben Gal und Tahl zudem noch als Aufpasser gewinnen können.“
Ich fragte mich sofort, auf wen genau sich das bezog. Die Formulierung ließ bewusst offen, ob sie die Kinder oder die Großeltern meinten. Die Unsicherheit war typisch für Situationen, in denen mehrere Ebenen von Verantwortung gleichzeitig existierten. Gal und Tahl waren zuverlässig, aber auf unterschiedliche Weise. Eine eher strukturiert und vorsichtig, der andere pragmatisch bis direktiv. Während ich diese Informationen innerlich sortierte, begann sich ein klareres Bild der familiären Situation zu formen. Vanus Eltern waren mir einmal als bodenständig begegnet, mit einem ausgeprägten Sinn für Eigenständigkeit und einer konservativen Grundhaltung, die sich weniger in Ideologie als in Verhalten äußerte. Valentina hatte mir ihre Eltern als progressiver beschrieben, mit einer Offenheit, die jedoch gelegentlich in subtilen Vorurteilen gegenüber verschiedenen Lebensrealitäten umschlug. Beide Familien hatten wenig gemeinsame Schnittmenge, und ich war mir sehr bewusst, dass ich in dieser Konstellation ein zentraler Reibungspunkt war, auch wenn niemand es direkt aussprach. Das Schweigen, das sich danach kurz im Raum ausbreitete, war nicht leer, sondern überfüllt mit all diesen ungesagten Kontexten. Dann fiel mir etwas anderes ein, das in der Gesamtsituation bislang untergegangen war. Ich richtete den Blick leicht zur Seite, weg von den beiden, hin in Richtung der internen Schiffsdaten, als würde ich dort schneller eine Antwort finden.
„Wo ist Hatileos?“
Die Frage veränderte die Atmosphäre sofort. Valen, der bisher im Hintergrund gestanden hatte, trat einen halben Schritt nach vorne. Seine Präsenz war wie zuvor ruhig, aber jetzt stärker fokussiert.
„Die werte Teladi Dame hat sich in ein Quartier zurückgezogen und ist in eine Art Hibernation verfallen“, sagte er gleichmäßig. „Der Schiffsarzt ist der Meinung, dass es sich um einen natürlichen Reflex handelt und dass keine Gefahr besteht.“
Ich atmete langsam aus, nicht aus Erleichterung allein, sondern aus einer Mischung aus beidem. Sicherheit und Unsicherheit gleichzeitig. Die Vorstellung, dass sie lebte, aber in einem Zustand war, den ich nicht vollständig verstand, war beruhigend und beunruhigend zugleich. Ich nickte leicht, ohne es wirklich bewusst zu entscheiden, und ließ den Blick für einen Moment durch die Schleuse wandern, während die Systeme im Hintergrund weiter in ihren stabilisierten Rhythmus übergingen. Vanu und Valentina standen noch immer in meiner Nähe, Valen beobachtete still, und irgendwo tief im Schiff arbeitete etwas, das wir noch nicht vollständig verstanden hatten, weiter an seiner eigenen Logik.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 57 - Unfreundlich

Während Valen sich mit seiner gewohnt ruhigen, beinahe lautlosen Art umdrehte und den Rückweg zur Korvette antrat, blieb mein Blick noch einen Augenblick an seiner Gestalt hängen. Das gedämpfte Licht der Notbeleuchtung spiegelte sich auf den silberweißen Haarsträhnen seines langen Pferdeschwanzes, der ihm bis weit über die Hüfte reichte. Sein geflochtener Bart bewegte sich kaum, während er ging, und für einen Moment wirkte er weniger wie ein Mensch und mehr wie ein uraltes Möbelstück, das seit Jahrhunderten an seinem angestammten Platz stand und einfach nicht altern wollte. Dann verschwand er hinter einer Schleusenbiegung.
Vanu und Valentina blieben dagegen dicht bei mir. Fast zu dicht. Erst jetzt bemerkte ich, wie angespannt beide tatsächlich waren. Nicht oberflächlich angespannt. Nicht die Art von Nervosität, die man nach einer gefährlichen Reise erwartete. Ihre Schultern waren steif. Ihre Bewegungen wirkten kontrolliert. Ihre Blicke huschten ständig durch die Umgebung. Sie registrierten jede offene Wartungsklappe, jeden Funken, jedes ungewöhnliche Geräusch. Der flottenweite Alarmstatus war inzwischen von Rot auf Gelb zurückgestuft worden. Die Sirenen waren verstummt. Allein das war eine Wohltat. Mir war zuvor gar nicht bewusst gewesen, wie sehr dieses monotone Heulen meine Nerven belastet hatte. Erst nachdem die Geräuschkulisse verschwunden war, bemerkte ich die ungewohnte Stille. Natürlich war es keine echte Stille. Überall summten Systeme. Lüfter arbeiteten. Hydrauliken ächzten. Beschädigte Energieleitungen knisterten hinter Wandverkleidungen. Reparaturdrohnen bewegten sich mit mechanischem Surren durch die Korridore. Aber all das wirkte beinahe friedlich im Vergleich zu den Sirenen.
Gemeinsam verließen wir die Schleusensektion. Der Korridor vor uns war gezeichnet von den Kämpfen und dem anschließenden Transit durch das Wurmloch. Mehrere Wandpaneele fehlten vollständig. An einigen Stellen waren die Metallplatten nach innen eingedrückt worden, als hätte ein gigantischer Hammer gegen die Außenhülle geschlagen. Hier und da schimmerten freigelegte Leitungsbündel in Blau, Orange oder Weiß. Ein Geruch nach erhitztem Metall hing in der Luft. Dazwischen bewegten sich kleine Reparaturroboter. Manche hatten mehrere Greifarme. Andere ähnelten flachen Käfern auf magnetischen Rädern. Sie schweißten. Montierten. Scannten. Transportierten Material. Niemand koordinierte sie sichtbar. Trotzdem arbeiteten sie erstaunlich effizient. Ich bemerkte, wie Vanu einen dieser Roboter beobachtete. Ihre dunkelgrünen Augen verfolgten jede Bewegung. Valentina tat etwas Ähnliches auf der anderen Seite. Beide sagten nichts. Doch ich kannte sie inzwischen gut genug. Ich wusste genau, was in ihren Köpfen vorging. Terraformer. Der Begriff allein genügte. Selbst wenn diese Schiffe niemals Xenon gewesen waren. Selbst wenn sie nie Teil der Maschinenkriege gewesen waren. Selbst wenn sie technisch betrachtet friedliche Konstrukte aus einer längst vergangenen Ära darstellten. Für Menschen und Argonen blieb die Assoziation dieselbe. Terraformer. Vorläufer der Xenon. Der Ursprung. Die Wurzel eines Traumas, das sich über Jahrhunderte durch die Geschichte der Menschheit gezogen hatte. Terraner. Argonen. Selbst viele Split. Alle kannten die Geschichten. Alle kannten die Kriege. Alle kannten die Verluste. Ich bemerkte, wie Valentina unwillkürlich näher an mich heranrückte, als wir eine besonders stark beschädigte Sektion passierten. Ihre violetten Augen wanderten über eine Reihe alter Maschinenzeichen, die in die Wand eingelassen waren.
„Es fühlt sich falsch an hier zu sein“, murmelte sie.
Ich nickte langsam. „Das verstehe ich.“
„Du wirkst aber erstaunlich ruhig.“
„Weil ich inzwischen weiß, was diese Schiffe sind.“
Vanu sah mich skeptisch an. „Und was sind sie?“
Ich strich mit den Fingern über eine beschädigte Wandverkleidung. „Relikte.“ Beide blickten mich an. „Nichts weiter.“ Mein Blick wanderte durch den Korridor. „Sie sind keine Xenon.“
„Aber sie könnten welche werden.“
„Könnten.“ Ich betonte das Wort bewusst. „Ein Mensch könnte auch zum Mörder werden.“
„Das macht ihn nicht automatisch zu einem.“
Vanu verzog kurz das Gesicht. Nicht weil sie widersprechen wollte. Sondern weil sie verstand, worauf ich hinauswollte.
„Diese Flotte hat neunhundert Jahre irgendwo im Nichts verbracht. Sie hat niemanden angegriffen. Niemanden verfolgt. Niemanden ausgelöscht.“ Ich deutete auf einen vorbeifahrenden Reparaturroboter. „Alles was diese Maschinen jemals tun sollten, war Welten bewohnbar machen.“
Valentina schwieg. Doch ihre Schultern lockerten sich ein wenig. Nur ein wenig. Mehr konnte ich im Moment nicht erwarten. Deshalb wechselte ich das Thema. Nicht abrupt. Sondern langsam. Behutsam.
„Wie seid ihr überhaupt hierhergekommen?“
Sofort richteten sich beide Blicke auf mich. Die Anspannung blieb. Aber die Aufmerksamkeit wechselte. Genau das hatte ich erreichen wollen. Vanu begann zuerst.
„Als die Nachrichtendrohne von Kon und Thovareus eintraf, dass ihr nicht nach Hause kommt, sondern ins Split-Territorium fliegt, haben wir uns unbändige Sorgen gemacht.“
Allein die Erwähnung der beiden Namen ließ Bilder vor meinem inneren Auge entstehen. Kon. Thovareus. Die letzten Begegnungen wirkten plötzlich erstaunlich weit entfernt.
Valentina übernahm den Faden. „Vor allem, da ihr auf dem Weg nach Ianamus Zura bereits mit Piraten zu tun hattet.“
Ich runzelte die Stirn. „Was ist mit den beiden?“
Valentina antwortete sofort. „In ihrer letzten Nachricht hieß es, dass sie in die Teladi-Gebiete zurückfliegen.“
„Und dort nach einem Konvoi Ausschau halten wollen“, ergänzte Vanu. „Der in Richtung Trantor fliegt.“
„Oder in ein anderes befreundetes Gebiet“, fügte Vanu hinzu, „von wo aus sie ungefährdet zurückreisen können.“
Eine Last fiel von meinen Schultern. Nicht vollständig. Aber genug. Kon und Thovareus lebten. Das genügte.
„Gut“, sagte ich leise. „Das ist gut.“
Wir gingen weiter. Eine Reparaturdrohne schwebte über uns hinweg. Ihr bläuliches Arbeitslicht tauchte die Wände kurz in eine kalte Farbe.
Dann fragte ich: „Und die Split? Nif'Nakh?“
Vanu verzog das Gesicht. „Tut mir leid, Tori.“ Sie hob entschuldigend die Hände. „Da musst du Captain Darlian fragen.“
Sofort zog sich mein Magen zusammen. Captain Darlian. Xandra Darlian. Von allen Personen im bekannten Universum musste es ausgerechnet sie sein. Ich stöhnte innerlich.
Valentina bemerkte meinen Gesichtsausdruck sofort. „So schlimm?“
„Schlimmer.“
„Sie wirkt kompetent.“
„Das macht es ja so gefährlich.“
Valentina musste lachen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft. Es war nur ein kurzes Lachen. Aber es fühlte sich gut an.
Während ich noch darüber nachdachte, griff sie meine ursprüngliche Frage wieder auf. „Als wir dann gehört haben, dass du auf Nif'Nakh abgestürzt bist und als verschollen galtst, hat uns nichts mehr gehalten.“
Ihre Stimme wurde leiser. Ernster.
Vanu nickte energisch. „Gar nichts.“ Sie verschränkte die Arme. „Wir hätten nicht zuhause sitzen können.“
„Nicht bei so etwas.“
„Nicht bei dir.“
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Deshalb sagte ich nichts. Wir gingen einfach weiter. Gemeinsam. Als wir schließlich die Brücke erreichten, blieb ich unwillkürlich stehen. Der Anblick traf mich härter als zuvor. Vielleicht weil ich nun nicht mehr allein war. Vielleicht weil ich die Situation jetzt durch andere Augen sah. Auf dem Hauptschirm schwebten die verbliebenen Schiffe der Flotte. Fünf Saatschiffe. Drei Terraformer. Mehr war nicht übrig. Acht Schiffe. Von einst fast hundert. Die Darstellung wirkte beinahe absurd. Die taktischen Marker zeigten große Lücken. Leere Bereiche. Orte, an denen einst weitere Signaturen existiert hatten. Jetzt waren dort nur noch Datenleichen. Erinnerungen. Verlorene Identifikationsnummern. Einige Schiffe waren während des Wurmlochdurchgangs zerstört worden. Andere hatten die Schäden der Schlacht zunächst überstanden, nur um später beim Plasmatanken im solaren Orbit oder während der Reaktorstabilisierung zu versagen. Ein einziger Fehler. Eine gebrochene Eindämmung. Eine Kettenreaktion. Und neunhundert Jahre alte Schiffe hörten auf zu existieren. Ich starrte auf die Anzeige. Lange. Sehr lange. Denn plötzlich wurde mir bewusst, was ich da eigentlich betrachtete. Diese Schiffe waren älter als praktisch jede heute existierende Zivilisation. Älter als Staaten. Älter als Imperien. Älter als viele Sprachen. Sie hatten Jahrhunderte von Sternreisen erlebt und überstanden. Und nun starben sie. Eines nach dem anderen. Nicht heroisch. Nicht glorreich. Sondern langsam. Durch Verschleiß. Durch Materialermüdung. Durch die schlichte Tatsache, dass nichts ewig hielt. Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus. Traurigkeit. Nicht um Maschinen. Nicht direkt. Sondern um das, was sie repräsentierten. Eine Epoche. Eine Geschichte. Einen Teil der Vergangenheit, der gerade vor meinen Augen verschwand. Und während ich dort stand, zwischen meiner Familie, den letzten Terraformern und einem unbekannten Sternsystem am Rand von Nirgendwo, wurde mir bewusst, dass ich inzwischen vermutlich einer der wenigen lebenden Menschen war, die diese Geschichte überhaupt noch kannten.

Dann begannen Valentina und Vanu damit, mich über den aktuellen Stand der Universal Nourishment Organization zu informieren, und während sie sprachen, wurde mir schnell klar, dass es ihnen weniger darum ging, mich nüchtern auf den neuesten Stand zu bringen, sondern vielmehr darum, sich selbst an der Struktur der Informationen festzuhalten, als würde das Aussprechen der Entwicklungen verhindern, dass die gesamte Situation außerhalb dieser Brücke auseinanderfiel. Die Brückenbeleuchtung war inzwischen in ein stabiles, gedämpftes Weiß übergegangen, das über die Konsolen lief wie kaltes Wasser über polierten Stahl, und ich nahm erst jetzt wahr, wie sehr die Luft hier nach erhitzten Polymerleitungen, leicht verbrannten Filtereinheiten und dem süßlich-metallischen Nachgeschmack alter Energiezirkulationen roch. Valentina stand leicht seitlich vor mir, die Arme verschränkt, aber nicht abweisend, eher konzentriert, ihre violetten Augen fixierten einen Punkt irgendwo zwischen den Hologrammen der Flottenübersicht und meinem Gesicht, während Vanu direkt neben ihr stand, etwas nach vorne gelehnt, als würde sie die Worte physisch in den Raum drücken wollen.
„Wir haben in den letzten Wochen und Monaten große Fortschritte gemacht“, begann Vanu, und während sie sprach, bewegten sich ihre Hände in kleinen, präzisen Gesten, als würde sie die Struktur einer unsichtbaren Architektur nachzeichnen. „Die Handelsstation im Orbit von Trantor hat wie eine Zwiebel mehrere Schichten an sich drehenden Röhren bekommen. Sie sind alle miteinander verbunden und haben verschiedene Geschwindigkeiten, um verschiedene G-Kräfte zu simulieren. Sie drehen sich teilweise auch gegeneinander, um die Station zu stabilisieren, damit sie nicht auseinander bricht.“
Während sie das sagte, erschien in einem der seitlichen Projektionen ein schematisches Modell dieser Station, ein komplexes Geflecht aus konzentrischen Ringen, die in unterschiedlichen Ebenen rotierten, ihre Farben wechselten zwischen blassem Stahlgrau, warmem Kupfer und einem tiefen, fast organischen Grün, das vermutlich biologische Module markierte. Ich ließ meinen Blick darüber gleiten und stellte mir unwillkürlich vor, wie diese Struktur im realen Raum aussah, ein künstlicher Planet aus Bewegung und Gegenbewegung, ein permanentes Gleichgewicht aus Fliehkraft und Gegenkraft, das nur deshalb existierte, weil ständig Energie hineingepumpt wurde.

Valentina übernahm nahtlos, ihre Stimme etwas ruhiger, aber mit einem klaren Unterton von Stolz, der sich nicht vollständig verbergen ließ. „Durch die verschiedenen Schwerkraftbereiche haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Pflanzen und Tiere zu züchten. Die Verkäufe bei den Argonen und Boronen steigen stetig, was unsere Investitionen in Richtung schwarze Zahlen bringt.“
Sie machte eine kurze Handbewegung, als würde sie eine unsichtbare Tabelle zur Seite wischen, und für einen Moment sah ich hinter ihr weitere Datenfelder aufblitzen, Farbcodes in sattem Blau und Grün, die Wachstumskurven darstellten, die sich nicht linear, sondern in steilen, fast aggressiven Anstiegen bewegten. Es war dieser Moment, in dem mir bewusst wurde, dass das, was als kleine Organisation begonnen hatte, längst in eine wirtschaftliche Struktur übergegangen war, die sich selbst verstärkte.
„Die Boronen haben sogar mehrfach angefragt, ob wir nicht auch bei ihnen eine solche Handels- und Produktionsstation bauen wollen“, fügte Vanu hinzu, während sie leicht die Stirn runzelte, als würde sie selbst noch nicht vollständig glauben, wie schnell sich das alles entwickelt hatte. „Wir haben zwar nicht verneint, aber auch nicht zugesagt. Bislang vertrösten wir sie mit der Aussage, dass wir erst unser Hauptquartier aufbauen wollen und in den argonischen Markt einsteigen.“ Ihre Augen suchten kurz meinen Blick, als würde sie prüfen wollen, ob diese Entscheidung in meinem Sinne war oder zumindest in einer Logik lag, die ich akzeptieren würde.
Ich nickte langsam, nicht sofort, sondern mit einer Verzögerung, die eher aus innerer Verarbeitung als aus Zustimmung bestand. Die Strategie war nachvollziehbar, sogar sauber strukturiert. Expansion ohne Überdehnung, Fokus auf Stabilisierung, bevor externe Verpflichtungen eingegangen wurden. Gleichzeitig arbeitete mein Gedächtnis weiter im Hintergrund und zog ältere Entscheidungen nach oben, fragmentierte Erinnerungen an frühe Handelsrouten, an Gespräche mit Thovareus, an operative Entscheidungen, die damals noch improvisiert gewirkt hatten, aber inzwischen die Grundlage für ein wachsendes System bildeten. Ich erinnerte mich daran, dass ich Thovareus Kindern, seinem Sohn Nopireos und seiner Tochter Kavireas sowie seiner Frau Basilomas den Auftrag gegeben hatte, bei Boronen, Argonen und Teladi einzukaufen, um genetische und biologische Grundlagen für eigene Kultivierungssysteme zu schaffen. Diese Entscheidung hatte damals pragmatisch gewirkt, fast klein, ein weiterer Schritt in einer langen Reihe von Versuchen, Unabhängigkeit in Versorgungssystemen zu erreichen. Jetzt jedoch erkannte ich erst das Ausmaß der Rückkopplung, die daraus entstanden war. Die Investitionen, die ursprünglich aus den Anshin-Standorten auf Argon Prime gespeist worden waren, hatten sich nicht nur stabilisiert, sondern waren in den letzten zwei Jahren zu einem Netzwerk geworden, das sich selbst finanziell trug und gleichzeitig weiter ausdehnte.
Für einen Moment fühlte sich dieser Gedanke fremd an. Nicht falsch, aber entkoppelt von meiner ursprünglichen Intention. Ich hatte begonnen, um ein Problem zu lösen, das ich als persönlich empfunden hatte, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, kulturelle Versorgungslücken, biologische Inkompatibilitäten zwischen Spezies. Jetzt war daraus eine Organisation geworden, die Handelsstationen, Produktionsketten und interstellare Wirtschaftsinteressen verband, als wäre das Wachstum selbst ein eigenständiger Organismus, der nur noch lose an meine ursprüngliche Motivation gebunden war.
Ich ließ den Blick über die Brückenanzeigen wandern, über die verbliebenen Terraformer, über die strukturellen Schäden, über die Reparaturzyklen, die noch immer im Hintergrund liefen. Irgendwo dort draußen bewegten sich Schiffe, die älter waren als viele politische Systeme, und gleichzeitig sprach mir meine eigene Familie gerade über Expansion, Märkte und Infrastruktur, als wäre das alles selbstverständlich. Ein unangenehmer Gedanke formte sich langsam, ohne sich vollständig auszusprechen. Ich wusste nicht, ob ich noch steuerte, was hier entstand. Oder ob ich nur noch die Position hielt, während alles andere längst seinen eigenen Kurs gefunden hatte.

Die Meldung riss mich so abrupt aus meinen Gedanken, dass ich instinktiv den Kopf ruckartig hob, noch bevor mein Verstand überhaupt verarbeitet hatte, was ich gehört hatte. Die Brücke war in diesem Moment von einem gleichmäßigen, gedämpften Arbeitslicht erfüllt, das über die Konsolen lief wie ein ruhiger Puls, doch dieser Rhythmus wurde für einen Sekundenbruchteil durch die kalte, neutrale Computerstimme zerschnitten, die ohne jede emotionale Modulation durch den Raum schnitt: „Unbekannte Lebensformen entdeckt.“
Valentina und Vanu reagierten unmittelbarer als ich erwartet hatte, beide zuckten gleichzeitig zusammen, als hätte jemand eine physische Entladung durch den Boden gejagt, Valentina machte einen scharfen, unkontrollierten Laut und wich einen halben Schritt zurück, während Vanu reflexartig die Hände hob, als würde sie etwas Unsichtbares abwehren wollen, und ich hatte tatsächlich den absurden Gedanken, dass beide im nächsten Moment wie verängstigte Tiere an die Decke springen und sich dort festkrallen könnten, so stark war die plötzliche Adrenalinreaktion in ihren Körpern sichtbar. Der Raum selbst schien für einen Moment enger zu werden, obwohl sich objektiv nichts verändert hatte, nur die Wahrnehmung der Situation hatte sich verschoben.
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, und richtete den Blick sofort auf die Hauptanzeige, während die Systemmeldungen weiterliefen und sich neue Daten in schnellen Intervallen aufbauten. Erst jetzt, nach all dem Chaos der letzten Minuten und Stunden, registrierte ich klar, dass die gesamte Flotte ihre Flugbahn bereits angepasst hatte. Die Terraformer hatten Kurs auf die ozeanische Welt genommen, die von einem massiven Gasriesen umkreist wurde, und die Trajektorienberechnung zeigte keine aggressiven Muster, keine Waffenlösungen, keine Terraforming-Initialisierung. Stattdessen liefen ihre sekundären Protokolle, jene tief eingebetteten Routinen, die schon lange vor jeder Interaktion mit mir existiert hatten: Erkundung, Kartierung, Analyse. Sie erfüllten exakt das, wofür sie ursprünglich konstruiert worden waren. Die Tatsache, dass sie das schon die ganze Zeit getan hatten, wurde mir erst in diesem Moment vollständig bewusst, als die Daten neu synchronisiert wurden und ich die logische Kette nachvollziehen konnte. Der orangefarbene Zwerg war bereits vollständig gescannt worden, sein Strahlungsprofil, seine magnetische Aktivität, seine Teilchendichte, alles war in verschiedenen, aber konsistenten Datensätzen gespeichert, und jetzt bewegten sich die verbleibenden Schiffe weiter, tiefer in das System hinein.
Ich lehnte mich minimal nach vorne, die Hände auf der Konsole abgestützt, während ich die Sensordaten aufrief. Die Fernbereichsscans waren erwartungsgemäß lückenhaft, verrauscht durch die vorherigen Wurmlochverzerrungen und die beschädigten Langstreckensensoren, doch selbst die unvollständigen Daten reichten aus, um eine strukturelle Anomalie im System zu erkennen. Je näher die Flotte dem ozeanischen Planeten kam, desto mehr verdichtete sich das Bild, nicht als ein einzelner klarer Datensatz, sondern als Überlagerung von vielen schwachen Signalen, die sich gegenseitig stützten und verstärkten.
Vanu trat näher an die Projektion heran, ihre Augen verengten sich, während sie die Daten fokussierte, und ihre Stimme war deutlich angespannter als zuvor, als sie sagte: „Sind das boronische Raumstationen?“
Ihre Finger bewegten sich leicht in der Luft, als würde sie versuchen, die Darstellung besser zu greifen, als könnte physisches Berühren die Interpretation stabilisieren. Ich ließ die Bildauflösung maximal hochskalieren, auch wenn ich wusste, dass die Distanz und die atmosphärische Streuung bereits zu erheblichem Informationsverlust führten. Dennoch begann sich etwas aus der Dunkelheit des Systemraums zu schälen. Zuerst waren es nur Konturen, weiche, geschwungene Formen in einem tiefen Grün, das sich von der schwarzen Hintergrundstruktur des Weltraums abhob. Dann wurden die Strukturen klarer, organischer, aber nicht im Sinne von biologischen Organismen, sondern wie etwas, das biologische Prinzipien nachahmte oder sie in Architektur übersetzt hatte. Valentina trat nun ebenfalls näher an die Projektion, ihre Stirn leicht in Falten gelegt, und ihre Augen verfolgten die entstehenden Details mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Neugier und wachsender Irritation.
„Das sind keine öffentlichen Installationen wie Handelsstationen oder Ausrüstungsdocks“, sagte sie schließlich, während sie die Daten mit schnellen Blickbewegungen durchging. „Das sieht aus wie ein riesiges Forschungszentrum, modular verbunden, aber nicht funktional segmentiert im klassischen Sinn.“
Ich nickte langsam, während ich die Struktur weiter analysierte. Die Stationen waren in einer Art Netzwerk angeordnet, nicht linear, sondern verzweigt, mit Verbindungskorridoren, die sich in geschwungenen Bögen zwischen den Hauptmodulen spannten. Große Solarpaneele erstreckten sich wie goldene, leicht gebogene Blätter in den Raum hinaus, reflektierten das schwache Licht des orangenen Zwergsterns in warmen, fast organischen Farbtönen, die nicht technisch wirkten, sondern gewachsen. Die Verbindungsröhren zwischen den Modulen wirkten tatsächlich wie Tentakel, nicht im biologischen Sinne eines Tieres, sondern eher wie die Ranken einer extrem komplexen Pflanze, die sich im Raum selbst ausbreitet und dabei stabile energetische Austauschpunkte bildet. Die zentrale Struktur selbst war asymmetrisch, weich in ihrer Form, mit einer Silhouette, die an einen sich windenden Aal erinnerte, aber ohne jede Aggression, eher wie eine kontrollierte Bewegung im Stillstand.
Ich spürte, wie sich mein Verstand unwillkürlich anpasste, versuchte, diese Architektur in bekannte Kategorien zu pressen, aber jede Kategorie brach an irgendeiner Stelle wieder auseinander. Es war eindeutig Technologie, aber ebenso eindeutig ästhetisch überformt, als hätte jemand Funktionalität und biologische Form nicht kombiniert, sondern miteinander verschmolzen, bis die Grenze zwischen beiden nicht mehr existierte. Ich fragte mich unweigerlich, wie viel davon tatsächlich boronische Technologie war und wie viel reine Gestaltung, denn die Boronen waren bekannt dafür, selbst in hochfunktionalen Systemen eine extreme ästhetische Komponente zu integrieren, die weit über reine Effizienz hinausging.
Valentina atmete hörbar aus, ihre Finger verharrten einen Moment in der Luft, bevor sie sie langsam sinken ließ. Vanu hingegen hatte den Kopf leicht schräg gelegt, als würde sie versuchen, die gesamte Struktur mental zu rekonstruieren, und ihre Stimme klang leiser als zuvor, fast vorsichtig: „Wenn das ein Forschungszentrum ist, dann ist es größer als alles, was ich je gesehen habe oder von dem ich gehört hätte.“
Ich ließ die Daten weiterlaufen, während die Terraformerflotte sich in stabiler Formation näherte, und irgendwo im Hinterkopf formte sich der Gedanke, dass wir möglicherweise nicht die ersten waren, die dieses System betreten hatten, sondern lediglich die nächsten in einer langen Kette von Beobachtern, die etwas betrachteten, das bereits seit sehr langer Zeit existierte.

Dann änderte sich die Situation abrupt. Die Sensoren sprangen auf Aktivitätsspitzen, mehrere Signaturen lösten sich gleichzeitig aus der Struktur. Ich sah es zuerst als Datencluster, bevor die Visualisierung nachzog: Dutzende kleine Schiffe, gefolgt von größeren Einheiten, darunter Abfangjäger und eine Staffel leichter Bomber. Sie kamen nicht chaotisch, sondern in klaren Formationen, aber ihre Geschwindigkeit und Anzahl ließ keinen Zweifel daran, dass hier eine Reaktion ausgelöst worden war, die weit über normale Erkundungsprotokolle hinausging. Vanu starrte auf die Anzeige, ihre Augen nun weit geöffnet.
„Warum hat eine Forschungsstation solche Verteidigungseinheiten?“ fragte sie leise, mehr zu sich selbst als zu uns.
Ich hatte keine Antwort darauf, weil dieselbe Frage in meinem Kopf bereits unruhig kreiste. Die Terraformerflotte war in keinem Zustand, diesen Angriff zu überstehen. Die äußeren Schilde waren schwach, Energieverteilung instabil, mehrere Hüllenbereiche nur notdürftig versiegelt. Ein koordinierter Angriff dieser Größenordnung würde ausreichen, um den Rest der Flotte endgültig auszulöschen. Für einen Moment spürte ich den Reflex, sofort defensive Befehle zu geben, doch ich hielt inne. Jede Eskalation würde hier alles nur verschlimmern. Also öffnete ich die Kommunikationskanäle. Meine Stimme klang ungewohnt ruhig, fast übertrieben kontrolliert, während ich versuchte, die boronische Kommunikationsstruktur nachzuahmen, soweit mir das möglich war.
„Oh ihr liebenswerten und freundlichen Boronen“, begann ich, wobei ich innerlich bereits wusste, dass diese Formulierung an der Grenze zwischen kultureller Anpassung und taktischer Manipulation lag, „hier spricht Tori Grau an Bord einer schwer beschädigten Terraformerflotte. Dies sind keine Xenon. Ich wiederhole, wir haben keine feindlichen Absichten.“ Ich ließ eine kurze Pause, während die Sensoren weiterhin die Bewegung der boronischen Einheiten verfolgten, und dehnte dann bewusst die Wahrheit, ohne sie vollständig zu brechen. „Durch einen unglücklichen Zufall bin ich an Bord dieses Schiffes gelangt und musste vor einem Split Angriff fliehen. Wir sind durch ein unbekanntes Wurmloch in dieses System gelangt. Die Schiffe, die sie auf ihren Sensoren sehen, haben nur minimale Schilde und keine nennenswerten Waffen. Wir bitten um Schutz und Asyl.“
Während ich sprach, spürte ich die Blicke von Vanu und Valentina im Rücken. Vanu hatte die Augen leicht zusammengezogen, als würde sie jeden Satz gegenprüfen, Valentina hingegen wirkte eher überrascht über die Präzision der Formulierung als über den Inhalt selbst. Keine von beiden unterbrach mich, aber die Spannung im Raum veränderte sich messbar, als würde selbst die Luft auf meine Worte reagieren. Für einige Sekunden geschah nichts. Dann änderte sich das Verhalten der boronischen Einheiten abrupt. Die angreifende Formation löste sich auf, noch bevor ein einziger Schuss fiel. Stattdessen entstanden neue Navigationsvektoren, klare, strukturierte Korridore im Raum, die wie digitale Leitplanken wirkten. Die Terraformerflotte wurde nicht bekämpft, sondern geführt, in eine definierte Warteposition außerhalb der Hauptstruktur. Die Geschwindigkeit der boronischen Reaktion war nicht aggressiv, sondern kontrollierend, fast schützend in ihrer Präzision. Ich bemerkte erst jetzt ein Detail, das sich wie ein leiser Hinweis in das Gesamtbild schob: Die Forschungsstation positionierte sich bewusst zwischen der Flotte und dem Planeten. Nicht zufällig, nicht dekorativ, sondern strategisch exakt. Die Struktur wirkte in diesem Moment weniger wie ein wissenschaftliches Zentrum und mehr wie ein Filter oder eine Barriere, die etwas darunter oder dahinter schützen sollte. Ich ließ den Blick einen Moment länger darauf ruhen, während die Daten sich stabilisierten und die Flotte in ihre neue Position glitt, umgeben von einer Ordnung, die nicht von uns selbst definiert worden war.

Die Kommunikationskanäle waren noch offen, als sich die boronische Reaktion bereits in Echtzeit auf den Hauptbildschirmen abzeichnete. Ich sah, wie die Raumverteilung des Systems sich verschob, nicht in abstrakten Linien, sondern in klaren Bewegungsvektoren: kleine, tropfenförmige Schiffe lösten sich aus der organisch wirkenden Struktur der Forschungsstation und beschleunigten in eleganten, fast fließenden Bahnen. Ihre Silhouetten wirkten im Gegenlicht des orangefarbenen Zwergsterns wie gläserne Samen, die aus einer geöffneten Kapsel ins All entlassen wurden. Die Sensorik verstärkte das Bild noch, indem sie ihre Oberflächen als leicht biolumineszent darstellte, ein schwaches, grünlich-blaues Pulsieren entlang ihrer Hüllen. Es wirkte weniger wie militärische Formation und mehr wie ein koordinierter Schutzreflex eines Nervensystems.
Valentina stand leicht nach vorne gebeugt neben mir, die Hände noch immer halb erhoben, als würde sie die Situation körperlich festhalten wollen. Ihre Augen waren schmal, konzentriert, die Lippen leicht geöffnet, während sie die Daten überflog. Vanu dagegen hatte die Arme verschränkt, aber ihre Finger drückten sich unbewusst in den Stoff ihres Ärmelabschlusses, ein Zeichen dafür, dass sie innerlich weit angespannter war, als ihre Haltung vermuten ließ. Beide hatten den kurzen Moment der Funkübertragung noch im Gesicht, dieses ungläubige Staunen darüber, dass meine improvisierte diplomatische Verzerrung tatsächlich eine Reaktion ausgelöst hatte, die nicht sofort in Gewalt umgeschlagen war.
Ich selbst hielt die Hände noch über der Konsole, während die letzten Worte der Übertragung nachhallten. Die Stimme der Boronen hatte keine direkte Antwort geliefert, nur ein bestätigendes Muster aus Frequenzverschiebungen und Koordinatenmarkierungen, die sich wie weiche, organische Marker auf der Systemkarte ausbreiteten. Dann änderte sich die taktische Lage erneut. Die boronischen Einheiten begannen nicht zu eskalieren, sondern zu ordnen. Die Jagdschiffe bildeten keine Angriffsvektoren, sondern ein halbkreisförmiges Netz zwischen uns und dem inneren Systembereich. Die Forschungsstation selbst blieb stationär, aber ihre umliegenden Module rotierten minimal, als würden sie eine Art visuelle oder energetische Abschirmung aufbauen.
„Das war zu einfach“, murmelte ich leise, mehr zu mir selbst als zu den beiden Frauen.
Valentina warf mir einen kurzen Blick zu, ihre Stirn leicht gerunzelt. „Zu einfach im Sinne von gut oder schlecht?“
Ich antwortete nicht sofort, weil die Antwort in der Bewegung lag, nicht in der Sprache. Die boronischen Sensorprofile zeigten eine zweite Ebene der Aktivität. Unterhalb der sichtbaren Schiffe begann die Station selbst energetische Felder aufzubauen, sanft geschichtet, fast wie Wellen in einer Flüssigkeit. Es war keine aggressive Abschirmung, sondern eher eine kontrollierte Zonierung. Sie trennten Raumvolumen, nicht Feinde. Dann fiel mir etwas anderes auf. Die gesamte Formation war nicht auf uns ausgerichtet, sondern auf den Planeten hinter uns. Die Kameraansicht zoomte automatisch, als die KI der Korvette auf meine unbewusste Aufmerksamkeit reagierte. Der ozeanische Planet lag teilweise im Schatten des Gasriesen, seine Oberfläche von tiefen Blau-, Grün- und Türkistönen durchzogen, die von weißen Wolkenstrukturen überlagert wurden. Doch jetzt waren dort zusätzliche Strukturen sichtbar, schwach, aber eindeutig künstlich. Große, organisch geschwungene Plattformen, die sich wie halb versunkene Korallenriffe aus der Atmosphäre erhoben. Ihre Farben reichten von dunklem Grün bis zu einem fast bernsteinfarbenen Schimmer, als würden sie selbst Licht speichern.
Vanu beugte sich näher an die Anzeige heran. „Das sind keine Standardinstallationen.“
Ihre Stimme war jetzt ruhiger, analytischer, die anfängliche Panik in einen klaren Fokus übergegangen. Valentina ergänzte sofort, ohne den Blick von den Daten zu lösen: „Das ist ein vollständig integriertes System. Forschung, Produktion und wahrscheinlich Habitatstruktur in einem geschlossenen ökologischen Verbund.“
Ich ließ die Analyse parallel laufen. Die Struktur war nicht stationär im klassischen Sinn. Teile der Station bewegten sich langsam entlang von gravitativ stabilisierten Bahnen, verbunden durch dünne, leuchtende Röhren, die wie biologische Nervenstränge wirkten. Zwischen ihnen glitten kleine Transportkörper, deren Bewegung eher einem Flüssigkreislauf als mechanischer Logistik glich. Die boronischen Schiffe, die eben noch aus der Station gekommen waren, positionierten sich jetzt eindeutig defensiv. Nicht gegen uns, sondern gegen jede Annäherung an diese orbitale Infrastruktur. Die Geometrie war eindeutig: wir waren der äußere Beobachtungspunkt, die Station lag im Zentrum eines Schutz- und Kontrollsystems.
Ich atmete einmal langsam aus, während ich die taktische Übersicht neu berechnen ließ. „Das ist kein zufälliges System“, sagte ich schließlich. „Das ist ein kontrolliertes Ökosystem mit verteidigter Infrastruktur.“
Vanu zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, wir sind hier in einem gesicherten Raum eingeflogen.“
„Oder in etwas, das sie für empfindlich genug halten, um es zu sichern“, korrigierte Valentina leise.
Die Sensoren bestätigten in diesem Moment eine weitere Detailebene. Die ozeanische Welt darunter zeigte keine zufällige Verteilung von Lebenszeichen, sondern klar strukturierte energetische Muster entlang der Küsten- und Tiefenzonen. Große Bereiche des Planeten waren offensichtlich kartiert, segmentiert und aktiv überwacht. Die Verbindung zur Forschungsstation war nicht nur orbital, sondern auch datenbasiert kontinuierlich. Ich legte kurz die Finger auf die Kante der Konsole. Die Oberfläche war noch warm von den vorherigen Systemlasten, leicht vibrierend durch die laufenden Korrekturen der Terraformerflotte hinter uns. Diese Flotte existierte in diesem Kontext wie ein Fremdkörper, schwer beschädigt, unkoordiniert, aber weiterhin funktional genug, um als Variable im System zu gelten. Die Boronen hatten aufgehört, uns zu bedrohen. Aber sie hatten uns auch nicht eingeladen. Sie hatten uns klassifiziert. Und das war in meiner Erfahrung selten ein gutes Zeichen.

Die Sensorik der Terraformer lief bereits an der Grenze ihrer Stabilität, als das boronische Störfeld wie eine unsichtbare, aber extrem dichte Wand in die Datenströme griff. Ich sah es nicht nur als abstrakte Fehlermeldung, sondern als sichtbare Verzerrung in der Projektion: Linien, die sich krümmten, Raster, die sich auflösten, Messwerte, die plötzlich in sich selbst zurückfielen wie Wasser, das keinen Auslass findet. Die gesamte Nahbereichserfassung begann zu flackern, zuerst in feinen Intervallen, dann in breiteren Aussetzern, als würde das System versuchen, Informationen zu greifen, die ihm aktiv entzogen wurden. Ich spürte den Impuls der automatischen Subroutinen, sich weiter in das Signal hineinzufressen, bis zur vollständigen Selbstüberlastung, und griff deshalb sofort manuell ein.
„Alle Sensoreinheiten auf Standby“, sagte ich, während meine Hand bereits über die Steuersektion glitt und die Prioritätsabschaltung aktivierte. Die Reaktion der Systeme war nicht sofortig, sondern zögerlich, als würde die Maschine selbst nicht einsehen wollen, dass sie zurückweichen sollte. Erst nach einem kurzen, unangenehm hohen Pfeifton, der durch die Brücke lief und in den unteren Sektionen als dumpfes Echo zurückkam, sank die Aktivität der Sensorbänke ab. Die Hitzeanzeige in der linken Konsole fiel langsam, begleitet von einem leichten Geruch nach überlasteten Kühlmodulen, metallisch-süßlich, wie erhitzte Leiterplatten, die gerade noch nicht beschädigt waren.
Ich blieb einen Moment reglos stehen und ließ die letzten stabilen Datenpakete durchlaufen, bevor sie endgültig in den Hintergrundspeicher verschoben wurden. Trotz der Störung war genug übrig geblieben, um ein grobes Bild des Systems zu rekonstruieren. Die ozeanische Welt war klar identifiziert, tiefblau mit hellen Strömungsmustern in den oberen Atmosphärenschichten, die sich wie schwebende Adern über die Oberfläche zogen. Der Gasriese dominierte weiterhin das Bild im Hintergrund, massereich, mit subtilen Farbbändern in Ocker und graugrünen Sturmsystemen, die sich langsam um seine Achse bewegten. Die boronische Forschungsstruktur lag im Orbit wie ein künstlicher Organismus, dessen Oberfläche im Licht des Sterns leicht phosphoreszierend schimmerte.
Was jedoch sofort auffiel, war das Fehlen jeglicher großflächiger Kolonisationssignaturen auf dem Planeten selbst. Keine dichten Industrienetze, keine urbanen Energieabstrahlungen, keine orbitalen Versorgungsringe, wie man sie bei aktiv besiedelten Welten erwarten würde. Stattdessen nur vereinzelte Transportbewegungen zwischen der Forschungsstation und der Oberfläche, kleine Signaturen, präzise, regelmäßig, fast vorsichtig. Die Muster wirkten nicht wie Expansion, sondern wie Beobachtung. Wie ein System, das etwas studierte, ohne es zu verändern. Ich verschränkte unbewusst die Hände hinter dem Rücken, während mein Blick zwischen den Datenfeldern hin und her sprang. Die naheliegende Interpretation war zunächst eine klassische Kartographierungsphase. Ein noch jung erschlossenes System, wissenschaftlich erschlossen, aber noch nicht kolonialisiert. Die Boronen waren dafür bekannt, große Energie in biologische und ökologische Forschung zu investieren, oft über Jahrzehnte hinweg, bevor eine echte Nutzung begann. Doch je länger ich die sekundären Datensätze betrachtete, desto mehr begann diese Erklärung zu bröckeln.
Die Tiefe der biologischen Rückmeldungen vom Planeten war zu komplex für ein unbewohntes System. Selbst durch die Störfilter hindurch ließen sich Muster erkennen, großskalige, koordinierte Bewegungen unter der Wasseroberfläche, die nicht rein zufällig waren. Ich zoomte die Analyse weiter hinein, ließ die Algorithmen alternative Interpretationsmodelle berechnen, und genau in diesem Moment änderte sich die Klassifikation des Systems. Die Datenbank der Terraformer, nun wieder leicht stabilisiert, zog einen Abgleich mit historischen Archiven durch. Die Ergebnisse erschienen in fragmentierter Form, aber eindeutig genug, um mich innerlich kurz erstarren zu lassen: intelligente biosphärische Signaturen, hochentwickelt, nicht terrestrisch, nicht boronisch, nicht split-typisch. Eine Spezies, die in den Datensätzen keine Bezeichnung hatten, ich aber als Wenendra identifizierte.
Ich spürte, wie sich die Atmosphäre auf der Brücke veränderte, obwohl physikalisch nichts geschah. Vanu hatte sich leicht nach vorne geneigt, ihre Augen auf die neue Klassifikation fixiert, während Valentina die Hände langsam von der Konsole nahm, als würde sie intuitiv Abstand zu einer Information gewinnen wollen, die noch nicht vollständig verstanden war. Beide sagten nichts, aber die Stille zwischen ihnen wurde dichter.
In meinem Kopf setzte sich ein Bruchstück zusammen, unangenehm präzise. Die Worte des Helfers beim Durchgang durch das Wurmloch, fragmentarisch, damals kaum einzuordnen, kamen zurück wie ein nachträgliches Echo. Sie hatten dieses System gekannt. Nicht zufällig. Nicht indirekt. Sondern strukturell. Als Referenzpunkt. Als Koordinatensatz, der in einem größeren Netzwerk existierte, das ich bisher nur teilweise verstand.
Ich ging einen Schritt näher an die Hauptprojektion heran, bis das Licht der ozeanischen Welt sich schwach in den Reflexen der Bedienkonsole spiegelte. Der Gedanke, dass dieses System nicht nur ein zufälliges Ziel, sondern möglicherweise ein bewusst adressierter Raum innerhalb eines größeren Musters war, ließ sich nicht mehr vollständig verdrängen. Die Wenendra waren nicht einfach eine unbekannte Spezies am Rand eines Systems. Sie waren Teil einer Struktur, die bereits in mehreren Ebenen der Realität referenziert worden war, ohne dass mir damals die Tragweite bewusst gewesen war.
Die Terraformer hielten weiterhin stabil Position, die Energieverteilung war im Standby-Modus eingefroren, und dennoch fühlte sich die Situation nicht ruhig an. Eher wie ein kurzer Moment zwischen zwei Zuständen, in dem alle relevanten Systeme bereits reagieren, aber noch keine sichtbare Konsequenz eingetreten ist. Ich ließ die Daten erneut durchlaufen, diesmal langsamer, während der Name Wenendra in der Projektion leicht flackerte, als würde selbst die Informationsarchitektur zögern, ihn endgültig zu fixieren.

Vanu und Valentina schrien zeitgleich auf, als die Erscheinung aus dem Armreif trat, und der Klang ihrer Stimmen schnitt scharf durch die zuvor ohnehin angespannte Stille der Brücke. Beide wichen reflexartig zurück, stolperten über die leicht erhöhte Kante der Konsolenplattform und prallten gegeneinander, bevor sie unsanft auf dem Boden aufschlugen. Der Aufprall ließ die elastischen Bodenpaneele kurz nachgeben, ein dumpfes, gedämpftes Geräusch, das sofort wieder vom Summen der Schiffssysteme verschluckt wurde. Valentina verzog das Gesicht, die Augen weit aufgerissen, ihre Hände instinktiv gegen den Boden gepresst, während Vanu sich halb aufrichtete, die Lippen geöffnet, aber ohne Ton, als würde ihr Körper erst noch entscheiden müssen, ob er weiter in Panik verfallen sollte.
Die schattenhafte Struktur, die sich aus meinem Armreif gelöst hatte, schwebte indes reglos neben mir. Sie hatte keine feste Kontur, keine erkennbare Geometrie, eher eine Verdichtung von Dunkelheit, die sich in sich selbst bewegte, als würde sie ständig neu definiert, ohne jemals eine stabile Form zu erreichen. Das Licht der Brücke wurde in ihrer Nähe nicht reflektiert, sondern verschluckt, wodurch sie wie ein Loch im Raum wirkte, das dennoch präsent war. Ich spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, nicht physikalisch messbar, aber subjektiv deutlich, als würde selbst die Luft langsamer zirkulieren.
Ich hob beide Hände leicht, nicht beschwichtigend im emotionalen Sinn, sondern klar als Signal zur Kontrolle der Situation, und deutete Vanu und Valentina mit kurzen, präzisen Gesten an, ruhig zu bleiben und keine unüberlegten Reaktionen zu zeigen. Vanu starrte mich noch einen Moment an, die Stirn in tiefe Falten gezogen, bevor sie sich langsam wieder aufrichtete. Valentina folgte etwas verzögert, ihr Atem noch unregelmäßig, die Schultern angespannt.
„Bist du der gleiche Helfer?“, fragte ich, wobei ich bewusst keine Spezifizierung hinzufügte. Die Unschärfe war Absicht, da jede zusätzliche Benennung nur unnötige Reaktionsketten ausgelöst hätte.
Die Antwort kam ohne Verzögerung, nüchtern und reduziert. „Ja.“
„Seid ihr physisch in diesem System?“
„Ja.“
Die Kürze der Antworten erzeugte in mir ein leichtes, innerlich gereiztes Spannungsgefühl. Die Struktur war funktional, aber kommunikativ ineffizient, als würde die Entität bewusst jede Redundanz vermeiden und dadurch die menschliche Verarbeitung unnötig belasten.
„Ich nehme an, ihr habt ein Problem damit, dass die Boronen die Wenendra beeinflussen?“, fragte ich weiter, obwohl mir die Antwort bereits klar war. Die vorherigen Informationsfragmente hatten bereits ein konsistentes Bild ergeben, auch wenn es noch viele Lücken enthielt.
„Wir würden es vorziehen, wenn die Wenendra die nächsten 200 Millionen Umdrehungen isoliert bleiben.“
Ich hielt kurz inne. Der Begriff Umdrehungen wurde hier offensichtlich als planetare Zeitbasis verwendet, vermutlich eine vollständige orbitale Zyklusdefinition. Die Größenordnung war nicht mehr in menschlichen Zeitmaßstäben intuitiv erfassbar, sondern bewegte sich in geologischen bis astronomischen Dimensionen. Ich ließ die Information dennoch in meinem inneren Modell weiterlaufen, während ich gleichzeitig den nächsten Schritt vorbereitete.
„Das wäre vielleicht machbar“, sagte ich schließlich langsam, „aber nur mit eurer Unterstützung.“
Der Schatten reagierte nicht mehr. Er blieb einen Moment stabil, dann begann er sich in seiner Dichte zu lösen, als würde er aus dem Raum herausgezogen oder in eine andere Ebene verschoben werden. Die Abwesenheit war ebenso abrupt wie seine Erscheinung. Ich registrierte den Vorgang ohne sichtbare Reaktion, auch wenn mir klar war, dass das kein vollständiger Rückzug war, sondern eher ein Übergang in einen nicht direkt beobachtbaren Zustand. Ich öffnete anschließend den Kommunikationskanal zu den boronischen Hauptfrequenzen. Die Verbindung war von einem feinen, konstanten Rauschen begleitet, wie Wasser, das über eine unregelmäßige Oberfläche fließt. Nach mehreren automatischen Weiterleitungen und diplomatischen Zwischenfiltern wurde schließlich ein direkter Kanal freigegeben. Zuvor hatte ich lediglich ein Wort in das System eingespeist: „Wenendra“
Die Reaktionszeit war ungewöhnlich kurz. Innerhalb weniger Minuten stabilisierte sich ein hochauflösendes Holo der boronischen Führungseinheit. Der Körper wirkte wie eine transluzente, aquatische Struktur, mit sanften Lichtimpulsen entlang der inneren Organe, die in regelmäßigen Mustern pulsierten. Die Stimme war hochfrequent moduliert, fiepsig, aber klar strukturiert.
„Ich bin Forschungsdirektor Dok Oc“, sagte er, während sich seine Tentakel leicht in der Flüssigkeit bewegten. „Ich bin mir nicht im Klaren darüber, wie Sie von den Wenendra erfahren haben. Erklären Sie sich.“
Ich spürte kurz einen inneren Reflex, der fast einem Lachen nahekam, unterdrückte ihn jedoch sofort wieder. Die Diskrepanz zwischen der dramatischen Tragweite der Situation und der akustischen Erscheinung des Gegenübers war irritierend, aber irrelevant. Ich durfte diesen Fehler nicht zulassen.
„Ich spreche im Namen der Helfer“, sagte ich ruhig und bewusst kontrolliert, während ich die Verbindung stabil hielt. „Hiermit wird Ihnen befohlen, sich vom Planeten Wen fernzuhalten und frühestens in 200 Millionen Jazuras zurückzukehren.“
Ich hatte die Zeitumrechnung zuvor bereits im System durchlaufen lassen. 200 Millionen planetare Zura-Umrundungen entsprachen, je nach Orbit-Parameter, einer Größenordnung von weit über 400 Millionen Wen-Umrundungen. Genug Zeit, um jede kurzfristige Einflussnahme irrelevant zu machen. Die Rechenmodelle bestätigten eine stabile Trennung der Entwicklungsphasen.
Dok Oc reagierte unmittelbar mit einer deutlichen Veränderung seines Körperzustands. Die Flüssigkeitsverteilung in seinem Körper schwankte, und ich sah, wie biochemische Stressindikatoren in Form intensiver Lichtpulse durch seinen Organismus liefen. Die Projektion wurde kurz unscharf, als ob die gesamte Kommunikationsmatrix durch eine emotionale Entladung gestört wurde.
„Ich glaube Ihnen nicht.“
„Glauben heißt nichts wissen“, entgegnete ich ruhig. „Woher sollte ich sonst die Wenendra kennen, wenn nicht von den Helfern?“
Der boronische Direktor begann unruhig zu schwimmen, seine Bewegungen wurden schneller, unregelmäßiger, die Tentakelbewegungen fragmentiert. Die Lichtsignaturen seines Körpers flackerten in kurzen Intervallen, bevor sie sich wieder stabilisierten.
„Im Namen der Helfer befehle ich Ihnen den sofortigen Abbau aller Stationen und den Rückzug in Ihr Hoheitsgebiet.“
„Niemals“, antwortete Dok Oc scharf, wobei seine Stimme kurz verzerrte. „Die Helfer kamen auf unsere Welt und unterstützten uns in unserer Entwicklung. Wir führen das Werk der Helfer fort.“
Ich unterbrach die Verbindung kurz auf Stumm, ohne den Blick von der Projektion zu nehmen, und legte gleichzeitig zwei Finger an meine Armschiene. Die Oberfläche reagierte sofort mit einer schwachen, dunklen Aktivierungsschicht.
„Ich fürchte, eure Intervention wird so oder so nötig sein“, murmelte ich leise.
In diesem Moment veränderte sich der Raum vor der boronischen Forschungsstation. Zunächst war es nur eine minimale Raumkrümmung, kaum wahrnehmbar, dann verdichtete sich die Struktur zu einer klaren Geometrie. Ein Objekt erschien, dessen Form aus verschachtelten, sich gegeneinander verschiebenden Teilsegmenten bestand, ein Kubooktaeder aus reiner, absichtsvoll strukturierter Dunkelheit, die keinerlei Licht mehr reflektierte. Es war nicht einfach schwarz, sondern jenseits jeder spektralen Wahrnehmung, als würde es die Idee von Farbe selbst negieren. Dann erfolgte der Energiestoß. Ein gleißender Strahl trat aus dem Zentrum der Struktur hervor und traf die boronische Forschungsstation mit präziser, vollständig kontrollierter Intensität. Keine Explosion, kein Feuer, sondern ein sofortiger Kollaps aller aktiven Energiesysteme. Die Lichter der Station erloschen in einer Kaskade, die von außen wie ein langsames Ausatmen wirkte, während intern alle Systeme in Notabschaltung fielen.
Über alle offenen Kanäle legte sich eine Stimme, die weder räumlich noch technisch klar verortbar war. „Der Mensch Tori Grau spricht für uns. Ihr habt unsere Intention, euch zu helfen, fehlinterpretiert. Euch ist es nicht erlaubt, anderen Spezies zu helfen, wenn sie selbst noch keine Technologie entwickelt haben.“
Dann verschwand die Struktur wieder vollständig aus dem sichtbaren Raum, als hätte sie nie existiert. Zurück blieb eine boronische Station, deren Energiezustand auf ein Minimum reduziert war, nur noch funktionsfähig in einem instabilen Notmodus, mit flackernden Restsystemen und gebrochenen Kommunikationslinien.
Ich stand einen Moment reglos da, während die letzten Nachhallsignale der Entität aus dem Raum verschwanden. Erst dann wandte ich mich langsam um. Vanu und Valentina hatten sich inzwischen wieder aufgerichtet, beide noch sichtbar unter Schock, mit angespannten Gesichtern und ungleichmäßigem Atem. Die Brücke war plötzlich zu still, zu groß, zu leer für das, was gerade passiert war. Mir wurde klar, dass es nicht mehr um Kontrolle ging, sondern nur noch darum, wie viel ich überhaupt noch erklären konnte, ohne dass die nächste Reaktion außer Kontrolle geriet.

Die Boronen fügten sich letztlich dem Druck, den die Helfer auf sie ausgeübt hatten. Nicht sofort, nicht widerstandslos und schon gar nicht freiwillig. Doch die Realität war unerbittlich gewesen. Ihre Forschungsstation war noch immer gezeichnet von dem Eingriff. Viele Systeme liefen weiterhin nur eingeschränkt. Zahlreiche Module befanden sich in einem Zustand zwischen Betrieb und Abschaltung. Die Energieversorgung war zwar inzwischen weitgehend wiederhergestellt worden, doch überall zeugten flackernde Leuchtstreifen, provisorisch verlegte Versorgungskabel und teilweise verriegelte Sektionen davon, wie tiefgreifend der Eingriff gewesen war. Während draußen die Ozeanwelt Wen weiterhin ruhig von ihrem gewaltigen Gasplaneten umkreist wurde, vergingen mehrere Tage, in denen sich die Situation langsam stabilisierte.
Diese Zeit nutzte ich, um mit Dok Oc persönlich zu sprechen. Für die Überfahrt hatte ich die aldrianische Korvette genutzt. Allein die Tatsache, dass Xandra Darlian meiner Bitte ohne jegliche Diskussion zugestimmt hatte, beschäftigte mich mehr, als ich zugeben wollte. Während des gesamten Fluges durch die Dunkelheit zwischen der Korvette und der boronischen Forschungsstation ging mir diese Frage immer wieder durch den Kopf.
Warum? Warum half sie mir? Warum ohne Widerrede? Warum ohne einen einzigen spöttischen Kommentar? Das passte nicht zu ihrem bisherigen Verhalten. Wann immer wir uns begegnet waren, hatte sie eine Mischung aus Gereiztheit, Misstrauen und unterschwelliger Verärgerung ausgestrahlt. Nicht offen feindselig. Nicht einmal unhöflich. Aber deutlich genug, dass selbst ich es bemerkte. Dabei hatten wir uns bis vor wenigen Monaten überhaupt nicht gekannt. Vor weniger als einem Jahr hatte keiner von uns gewusst, dass der andere existierte. Die Antwort lag vermutlich bei ihrer Mutter. Lilandra Darlian. Die Außenministerin von Aldrin. Ich erinnerte mich noch genau an unser Gespräch. Damals hatte sie mich gebeten, das Terraformer-CPU-Mutterschiff #D3C4 nach Trantor bringen zu dürfen. Nicht dauerhaft. Zumindest offiziell nicht. Lediglich als Verwahrungsort. Als neutralen Boden. Bis sich die politischen Spannungen zwischen den Terranern und den Aldrianern beruhigt hätten. Ich hatte abgelehnt. Damals war mir das vernünftig erschienen. Heute erschien es mir ebenfalls vernünftig. Aber Vernunft und Politik waren selten dasselbe. Vielleicht hatte Xandra diese Entscheidung nie akzeptiert. Vielleicht sah sie in mir den Mann, der ihrer Mutter einen wichtigen Gefallen verweigert hatte. Vielleicht glaubte sie sogar, dass ich Aldrin geschadet hatte. Oder vielleicht lag ich vollkommen falsch. Menschen waren kompliziert. Frauen manchmal noch komplizierter. Politiker wiederum bildeten ihre ganz eigene Kategorie. Und Xandra war die Tochter einer Außenministerin. Allein das erklärte bereits genug.
Die Boronen empfingen mich an ihrer Station mit einer Höflichkeit, die gleichzeitig freundlich und reserviert wirkte. Die gesamte Anlage war ein Meisterwerk boronischer Ästhetik. Nichts besaß harte Kanten. Keine Wand verlief gerade. Keine Struktur schien konstruiert worden zu sein. Alles wirkte gewachsen. Die Korridore erinnerten an gigantische Pflanzenstängel. Die Wände besaßen geschwungene Linien in unterschiedlichen Grün-, Türkis- und Olivtönen. Sanfte Lichtfelder pulsierten unter halbtransparenten Oberflächen. An manchen Stellen liefen Wasserkanäle durch die Station, in denen kleine aquatische Organismen schwammen, die vermutlich sowohl dekorative als auch technische Funktionen erfüllten. Die Luft war feucht. Nicht unangenehm. Aber deutlich anders als auf argonischen oder terranischen Stationen. Ein leichter Geruch nach Algen, Mineralien und salzhaltigem Wasser lag überall in der Atmosphäre. Selbst die Geräusche wirkten gedämpft. Nichts klang metallisch. Alles schien weich. Lebendig. Fast organisch.
Dok Oc empfing mich persönlich. Während unserer Gespräche erklärte ich ihm alles. Wirklich alles. Zumindest alles, was ich verstand. Ich schilderte die Begegnung mit dem Helfer. Den Gedankenraum. Die Informationen über die Wenendra. Die Philosophie der Helfer. Ihre Vorstellung von Entwicklung. Ihre Gründe für die Isolation intelligenter Spezies. Ihre Sichtweise auf technologische Einflussnahme. Ihre Sorge um langfristige evolutionäre Prozesse. Ihre Angst vor unvorhersehbaren Veränderungen. Dok Oc hörte aufmerksam zu. Anfangs mit Skepsis. Dann mit zunehmender Nachdenklichkeit. Seine Tentakel bewegten sich langsamer. Seine Augen fokussierten mich immer länger. Mehrfach stellte er detaillierte Rückfragen. Mehrfach ließ er wissenschaftliche Modelle einblenden. Mehrfach überprüfte er historische Aufzeichnungen. Manchmal schwamm er minutenlang schweigend durch sein Büro. Zwischen schwebenden Datendisplays. Zwischen holografischen Darstellungen der Wenendra. Zwischen Simulationen ihrer gesellschaftlichen Entwicklung. Am Ende akzeptierte er meine Erklärung. Nicht begeistert. Nicht überzeugt. Aber akzeptierend. Das war vermutlich das Maximum, das ich erwarten konnte.
Nebenbei erfuhr ich weitere Informationen über das Wen-System. Eine davon überraschte mich besonders. Das System war direkt mit Königstal verbunden. Allerdings hatten die Boronen das Sprungtor vor langer Zeit verlegt. Nicht zerstört. Nicht deaktiviert. Verlegt. Weit hinaus in die Randbereiche von Königstal. So weit außerhalb der Ekliptik, dass niemand jemals dort danach suchen würde. Das Tor befand sich im Inneren eines ausgehöhlten Zwergplaneten. Die Konstruktion war so geschickt verborgen worden, dass selbst moderne Sensoren vermutlich nur einen gewöhnlichen Himmelskörper erkannt hätten. Als Dok Oc mir entsprechende Aufnahmen zeigte, musste ich anerkennend pfeifen. Das war beeindruckend. Und beunruhigend. Vor allem zeigte es mir, wie ernst die Boronen dieses Projekt nahmen. Als schließlich alles besprochen war, kam ich auf die Terraformer zu sprechen. Ich erklärte Dok Oc, dass ich die verbliebenen Schiffe im System zurücklassen würde. Nicht als Besatzungsmacht. Nicht als Drohung. Nicht als Strafmaßnahme. Sondern als Beobachter. Als Wächter. Sollten die Boronen zurückkehren. Sollte jemand anderes auftauchen. Sollte sich auf Wen etwas Außergewöhnliches ereignen. Dann würden die Terraformer mich informieren. Und über mich die Helfer. Dok Oc reagierte darauf bemerkenswert zurückhaltend. Er widersprach nicht. Er diskutierte nicht. Er akzeptierte es. Vielleicht hatte die Demonstration der Helfer nachhaltiger gewirkt, als jede militärische Drohung jemals hätte wirken können. Selbst die Split hätten vermutlich weniger Eindruck hinterlassen.
Nach Abschluss der Gespräche kehrte ich schließlich zur Korvette zurück. Die Terraformerflotte erhielt ihre letzten Befehle. Die fünf verbliebenen Saatschiffe. Die drei verbliebenen Terraformer. Acht uralte Maschinen. Überlebende einer vergangenen Epoche. Sie wechselten in einen hohen Orbit um den Gasriesen. Dort nahmen sie exakt die Positionen ein, die ich ihnen zugewiesen hatte. Anschließend aktivierten sie ihren Bereitschaftsmodus. Die meisten Systeme wurden heruntergefahren. Die Energieabgabe sank drastisch. Nur passive Sensoren blieben aktiv. Zwei Bedingungen würden sie wieder vollständig aktivieren. Erstens ein autorisiertes Signal von mir. Zweitens ein ungewöhnliches Ereignis innerhalb des Systems. Mehr brauchten sie nicht. Mehr wollte ich auch nicht.
Danach begann die Rückreise. Eine Woche. Sieben Tage. Sieben Tage bis Trantor. Normalerweise hätte mich die Gesellschaft anderer Menschen interessiert. Normalerweise hätte ich mit Valen gesprochen. Oder mit Hatileos. Oder sogar mit Xandra. Doch diesmal nicht. Sobald ich die Korvette betreten hatte, spürte ich etwas, das ich über Stunden ignoriert hatte. Erschöpfung. Nicht einfache Müdigkeit. Nicht Schlafmangel. Etwas Tieferes. Etwas, das sich in meinen Knochen festgesetzt hatte. In meinen Muskeln. In meinem Kopf. In meinem gesamten Körper. Die letzten Wochen holten mich ein. Der Absturz. Nif'Nakh. Die Split. Die Terraformer. Der Leerraum. Die Flucht. Das Wurmloch. Die Helfer. Die Wenendra. Die Verantwortung. Alles gleichzeitig. Mein erstes Ziel war daher nicht die Brücke. Nicht die Messe. Nicht einmal die Krankenstation. Ich ging direkt in das mir zugewiesene Quartier. Die Tür glitt hinter mir zu. Endlich Stille. Kein Alarm. Keine Meldungen. Keine Entscheidungen. Nur Ruhe. Ich ließ mich zunächst auf die Bettkante sinken. Der Raum war klein, aber komfortabel. Helle Wände. Gedämpfte Beleuchtung. Der leichte Geruch nach Reinigungsmitteln. Das entfernte Vibrieren der Antriebe. Alles wirkte friedlich. Fast unwirklich. Anschließend ging ich in den Sanitärbereich. Das Kavitationsbad war bereits vorbereitet. Warmes Wasser füllte das Becken. Feine Blasen lösten sich kontinuierlich von den seitlichen Düsen. Der Wasserdampf erfüllte die Luft. Vanu und Valentina begleiteten mich. Beide schienen mittlerweile verstanden zu haben, wie erschöpft ich tatsächlich war. Ihre Stimmen waren leiser geworden. Ihre Bewegungen vorsichtiger. Sie wollten bei mir sein. Einfach nur da sein. Mehr nicht. Ich sank langsam in das warme Wasser. Sofort begann die Spannung aus meinen Muskeln zu weichen. Die Schultern wurden leichter. Der Rücken entspannte sich. Meine Augen schlossen sich fast von selbst. Ich hörte noch, wie Valentina etwas sagte. Dann antwortete Vanu. Irgendetwas über Zuhause. Irgendetwas über die Kinder. Ich wollte antworten. Wirklich. Doch mein Körper traf die Entscheidung vor meinem Verstand. Die Stimmen wurden dumpfer. Der Wasserdampf verschwamm. Die Konturen des Raumes verloren ihre Schärfe. Meine Lider wurden schwer. Sehr schwer. Irgendwann halfen mir Vanu und Valentina aus dem Bad. Daran erinnerte ich mich nur noch bruchstückhaft. Warme Hände. Leise Stimmen. Weiches Licht. Mehr blieb nicht. Kaum lag ich anschließend im Bett, versank ich augenblicklich in tiefem Schlaf. Selbst als Vanu versuchte mich zu wecken. Selbst als Valentina meinen Namen sagte. Selbst als beide lachten und sich darüber beschwerten, dass ich eingeschlafen war. Nichts erreichte mich mehr. Nach allem, was geschehen war, hatte mein Körper endlich bekommen, was er seit langer Zeit verlangt hatte. Ruhe.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 58 - Ruhe

Als ich schließlich wieder richtig zu mir kam, wusste ich zunächst nicht, welcher Tag überhaupt war. Die Grenze zwischen Schlaf, Halbschlaf und kurzen Wachphasen war längst verschwommen. Erinnerungen lagen wie einzelne Inseln in einem dichten Nebel. Hier ein Tablett mit Essen. Dort ein Glas Wasser. Irgendwo das dumpfe Summen der Korvette. Dann wieder Dunkelheit. Immer wieder Dunkelheit.
Als ich die Augen öffnete, fiel mein Blick an die Decke meines Quartiers. Die Beleuchtung war gedimmt und tauchte den Raum in ein warmes Bernsteinlicht. Die Wände bestanden aus hellgrauen Verbundplatten mit feinen eingelassenen Linien, hinter denen Leitungen und technische Systeme verliefen. Anders als auf den alten Terraformerschiffen wirkte hier alles gepflegt, sauber und bewohnt. Es roch nach gereinigter Luft, nach Metall, nach Kunststoff und ganz leicht nach den Kräutern, die Aldrianer gerne in ihren Luftfiltern verwendeten. Ein schwacher süßlicher Geruch, den ich inzwischen mit Aldrin verband.
Ich blinzelte mehrmals. Mein Körper fühlte sich schwer an. Nicht schmerzhaft schwer. Erschöpft schwer. Als hätte jede einzelne Muskelgruppe beschlossen, sich für die letzten Wochen zu beschweren. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite. Vanu saß in einem Sessel neben dem Bett. Sie hatte die Beine angezogen und hielt ein Datenpad auf den Knien. Ihre langen dunkelroten Haare fielen ihr über eine Schulter. Einige Strähnen lagen zerzaust auf ihrer Brust, als hätte sie selbst nicht besonders viel geschlafen. Valentina lag auf einer kleinen Couch an der gegenüberliegenden Wand. Zusammengerollt. Eine dünne Decke lag über ihrem Körper. Ihre petrolfarbenen Haare hatten sich teilweise über das Polster verteilt. Für einige Sekunden betrachtete ich einfach nur beide Frauen. Dann wurde mir bewusst, wie lange ich geschlafen haben musste. Meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich räusperte mich. Sofort hob Vanu den Kopf. Ihre dunkelgrünen Augen wurden groß.
"Guten Morgen." Ihre Stimme klang gleichzeitig erleichtert und belustigt.
Valentina schreckte ebenfalls hoch. Ihre violetten Augen brauchten einen Moment, um sich zu fokussieren. Dann erkannte sie mich.
"Oh." Sie setzte sich auf. "Oh!" Im nächsten Augenblick stand sie bereits auf den Beinen. "Wahnsinn. Er lebt noch."
Ich verdrehte die Augen. "Sehr witzig."
Valentina grinste. "Wir waren uns zwischenzeitlich nicht mehr sicher."
Vanu nickte zustimmend. "Du hast beinahe einen Winterschlaf gehalten."
Ich stöhnte leise. Schon diese kleine Bewegung kostete mehr Kraft, als sie eigentlich hätte kosten dürfen.
"Wie lange?"
Vanu und Valentina wechselten einen Blick. Dann antwortete Vanu. "Fast die ganze Reise."
Ich starrte sie an. "Wie bitte?"
Valentina verschränkte die Arme. "Du bist aufgewacht. Hast gegessen. Getrunken. Manchmal geduscht. Dann bist du wieder eingeschlafen."
"Mehrfach."
"Sehr oft."
"Beeindruckend oft."
Ich schloss kurz die Augen. Das erklärte einiges. Mein Zeitgefühl war vollkommen zerstört. Langsam setzte ich mich auf. Sofort begann sich alles leicht zu drehen. Nicht stark. Aber genug, dass ich innehalten musste. Vanu war sofort neben mir. Ihre Hand lag auf meiner Schulter. Ihre Stirn hatte sich besorgt gerunzelt.
"Tori."
"Mir geht's gut."
"Nein."
"Nein?"
"Nein."
Ich musste trotz allem schmunzeln. Valentina trat ebenfalls näher. Ihre Miene wirkte deutlich ernster als noch vor wenigen Sekunden.
"Du hast uns Sorgen gemacht."
Diese Worte trafen mich unerwartet. Nicht wegen ihres Inhalts. Sondern wegen der Art, wie sie sie sagte. Leise. Ehrlich. Ohne jeden Humor. Ich senkte kurz den Blick.
"Entschuldigung."
Valentina schüttelte sofort den Kopf. "Darum geht es nicht."
Vanu nickte. "Wir wissen, was passiert ist."
Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Die Geräusche der Korvette wurden plötzlich deutlicher. Das leise Brummen der Triebwerke. Das entfernte Klicken technischer Systeme. Das kaum hörbare Vibrieren der Schiffshülle. Normale Geräusche. Lebendige Geräusche. Geräusche eines Schiffes, das funktionierte. Nicht wie die beschädigten Terraformer. Nicht wie Nif'Nakh. Nicht wie das Chaos der letzten Wochen.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Stille. Noch bevor jemand antworten konnte, öffnete sich die Tür. Der Schiffsarzt trat ein. Ich erkannte ihn nicht sofort. Ein älterer Aldrianer. Glatzköpfig. Schmales Gesicht. Tiefe Falten. Die leicht glühenden blauen Augen wirkten stumpf und genervt. So als hätte das Universum ihn persönlich beleidigt. Er blieb in der Tür stehen. Sah mich an. Sah auf sein Datenpad. Sah wieder mich an.
"Er lebt."
"Offensichtlich."
"Leider."
Ich starrte ihn an. Der Arzt starrte zurück. Dann verzog sich sein Mundwinkel minimal. Vermutlich seine Version eines Humors.
"Setzen Sie sich gerade hin."
Ich gehorchte. Er trat näher. Seine Bewegungen wirkten routiniert und präzise. Ein kleiner Scanner erschien in seiner Hand. Mehrere Lichtpunkte huschten über meinen Körper. Über Gesicht. Augen. Brust. Hals. Der Arzt betrachtete die Ergebnisse. Sein Gesicht wurde noch finsterer.
"Wie erwartet."
"Was?"
"Sie sind ein Idiot."
Valentina musste sich sichtbar das Lachen verkneifen. Vanu ebenfalls. Ich zeigte auf mich.
"Ich?"
"Ja. Sie."
Der Arzt deaktivierte den Scanner. "Dehydriert." Er tippte auf sein Datenpad. "Nährstoffmangel." Noch ein Tippen. "Mineralstoffmangel." Noch ein Tippen. "Mehrere Vitamindefizite." Er hob den Blick. "Zu wenig Nahrung." Noch ein Blick. "Zu wenig Flüssigkeit." Dann verschränkte er die Arme. "Und zusätzlich körperlicher Dauerstress."
Ich verzog das Gesicht. Der Arzt nickte. "Genau dieses Gesicht habe ich erwartet."
Er griff in seine Tasche. Eine Injektionspistole kam zum Vorschein. Ich mochte Injektionspistolen nicht. Gar nicht. Mein Blick verriet das offenbar. Denn der Arzt grinste tatsächlich. Zum ersten Mal. Es war kein angenehmes Grinsen.
"Einer der wenigen Momente meines Berufs, die mir Freude bereiten."
"Das klingt bedenklich."
"Stillhalten."
Ich seufzte. Sekunden später spürte ich den Stich. Kurz. Präzise. Dann ein Brennen. Nicht schmerzhaft. Eher warm. Wie flüssige Energie. Innerhalb von Sekunden breitete sich das Gefühl durch meinen Körper aus. Die Müdigkeit verschwand nicht vollständig. Aber sie wurde zurückgedrängt. Mein Kopf wurde klarer. Die Gedanken ordneten sich. Die verschwommene Trägheit löste sich auf. Ich blinzelte.
"Was war das?"
"Aufputschmittel."
"Funktioniert."
"Natürlich funktioniert es." Der Arzt schnaubte. "Ich bin Arzt. Kein Quacksalber."
Dann hielt er mir mehrere kleine Behälter hin. "Die nehmen Sie."
Ich betrachtete die Kapseln. Unterschiedliche Farben. Grün. Blau. Gelb. Rot.
"Was ist das?"
"Vitamine." Er zeigte auf die nächste. "Mineralien." Auf die nächste. "Nährstoffergänzungen."
Dann sah er mich direkt an. "Und wenn Sie künftig wieder wochenlang durchs All fliegen, dann essen und trinken Sie regelmäßig."
Ich nickte. Langsam. Nachdenklich. Denn leider hatte er recht. Während der letzten Reise hatte ich meinen Vorrat viel zu knapp kalkuliert. Die Situation auf Nif'Nakh. Die Flucht. Die Terraformer. Das Wurmloch. Alles hatte sich überschlagen. Und irgendwann hatte ich aufgehört darauf zu achten. Mein Blick wanderte unwillkürlich zum kleinen Rucksack neben dem Bett. Neu. Sofort musste ich an den Ghok denken. Dieses verdammte Tier. Wenn man es überhaupt Tier nennen konnte. Die Erinnerung war gleichzeitig absurd und unangenehm. Ich hatte dem Ghok meine letzten Vorräte in den Rachen geworfen. Und genau das hatte ihn letztlich umgebracht. Sein Organismus hatte die Nahrung nicht vertragen. Damals hatte mich das gerettet. Heute erschien mir die ganze Geschichte beinahe lächerlich. Fast. Nicht ganz. Der Arzt schien meine Gedanken falsch zu interpretieren.
"Sie sehen nachdenklich aus."
"Ich denke über Essensvorräte nach."
"Eine ausgezeichnete Idee."
"Und über Ghoks."
Der Arzt runzelte die Stirn. "Das ist eine weniger ausgezeichnete Idee."
Vanu begann zu lachen. Valentina kurz darauf ebenfalls. Selbst ich musste grinsen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Situation nicht lebensbedrohlich an. Nicht hoffnungslos. Nicht chaotisch. Nur seltsam. Und irgendwie normal. Der Arzt schüttelte den Kopf, murmelte etwas über verrückte Patienten und verließ schließlich das Quartier.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, blieb für einen Moment nur das leise Summen der Korvette zurück. Dann setzte sich Vanu neben mich aufs Bett. Valentina ließ sich auf die andere Seite fallen. Links und rechts von mir. Einfach nur da. Ohne etwas zu verlangen. Ohne Erwartungen. Ich atmete tief durch. Und zum ersten Mal seit dem Angriff auf Nif'Nakh hatte ich das Gefühl, tatsächlich in Sicherheit zu sein.

Der Türsummer riss die Stille in scharfen Intervallen auseinander, ein kurzer, elektronisch sauberer Ton, der sich sofort im Raum verlor, als die Schiebetür zur Seite glitt. Hatileos trat ein, ihr Erscheinungsbild inzwischen deutlich gefasster als bei unserer letzten Begegnung. Die Teladi bewegte sich mit dieser typischen, leicht seitlich geneigten Haltung, die mehr Balance als Eleganz war, ihre schuppenartige Haut reflektierte das Licht in stumpfen graugrünen Tönen, wie bei Sukkulenten, die in der Nähe der Deckenleuchten fast silbern wirkten. Ihre Augen waren wach, aber nicht mehr überreizt, sondern in einem ruhigen, beobachtenden Zustand, als hätte sie die Zeit im Quartier genutzt, um sich neu zu sortieren. Der Raum selbst wirkte plötzlich enger, nicht physisch, sondern durch die zusätzliche Präsenz, die sich in die ohnehin gespannte Atmosphäre legte.
Ich deutete auf den freien Stuhl am Tisch, eine einfache Geste, die mehr Routine als Höflichkeit war, und sie nahm sie ohne Zögern an. Das Material des Sitzes knirschte leise unter ihrem Gewicht, ein trockenes, fast organisches Geräusch, das kurz gegen das Summen der Schiffssysteme ankämpfte. Vanu und Valentina setzten sich ebenfalls, beide mit einer Synchronität, die eher aus Gewohnheit als aus Absprache entstand. Die Tischoberfläche zwischen uns war ein dunkles, leicht reflektierendes Verbundmaterial, in dem sich die Beleuchtung der Decke verzerrt spiegelte, wie eine flache, ruhige Wasseroberfläche in einem künstlich kontrollierten Becken.
Ich begann, den naheliegenden Vorschlag auszusprechen, eine Nachrichtendrohne nach Nif’Nakh zu senden, die Hatrak informieren sollte, dass Hatileos am Leben war und sich hier befand, inklusive der Möglichkeit einer Abholung. Während ich sprach, beobachtete ich, wie sich die Mimik der Teladi minimal veränderte, ein kaum wahrnehmbares Zucken entlang der Augenlider, das nicht sofort als Emotion lesbar war, aber dennoch eine Reaktion darstellte. Bevor ich den Satz vollständig beenden konnte, hob sie eine Hand, die Bewegung langsam, kontrolliert, fast vorsichtig, als würde sie vermeiden wollen, die fragile Balance der Situation zu stören, und bat darum, vorerst bleiben zu dürfen. Ihre Stimme war rauer als die von Menschen, aber nicht unfreundlich, eher vorsichtig in ihrer Gewichtung, als müsste sie jede Silbe einzeln gegen mögliche Konsequenzen abwägen. Sie erklärte, dass sie nach all den isolierten Jahren auf Nif’Nakh das Bedürfnis habe, das Universum nicht nur zu überleben, sondern zu erleben.
Ich sah kurz zu Vanu und Valentina. Vanu zog die Augenbrauen minimal zusammen, nicht skeptisch, eher prüfend, während Valentina den Kopf leicht schräg legte, ihre violetten Augen auf Hatileos gerichtet, als würde sie versuchen, eine Entscheidung nicht emotional, sondern strukturell zu bewerten. Kein Wort fiel zwischen ihnen, aber die Kommunikation war trotzdem eindeutig. Ich nickte schließlich, langsam, ohne Überdramatisierung, und akzeptierte den Wunsch. Die Spannung im Raum veränderte sich sofort, nicht lösend, aber neu ausgerichtet, als hätte jemand eine Variable in einer Gleichung verändert und alle Systeme würden nun neu rechnen müssen.
Der folgende Smalltalk verlief ungewöhnlich ruhig. Es ging nicht um Politik, nicht um Krieg oder Flottenverluste, sondern um die simplen Strukturen von Gemeinschaft zwischen verschiedenen Spezies, um Handelswege, Lebensräume und die Art, wie unterschiedliche Völker miteinander interagierten, ohne sich gegenseitig zu zerbrechen. Hatileos wirkte dabei zunehmend entspannter, ihre Körperhaltung löste sich ein wenig, die Schultern sanken minimal ab, während sie gelegentlich mit einem kleinen, fast unbewussten Kopfnicken reagierte. Vanu sprach mehr als sonst, Valentina ergänzte, korrigierte manchmal mit leiser Präzision, und ich ließ sie reden, ohne den Fluss zu unterbrechen. Als Hatileos schließlich aufstand, dauerte es einen Moment, bis sie sich vollständig von der Sitzposition löste, als hätte der Stuhl für kurze Zeit eine Art temporäre Sicherheit dargestellt, die sie nun wieder verlassen musste. Sie verabschiedete sich mit einer knappen, aber ehrlichen Geste und verließ das Quartier, die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen, luftdruckdämpfenden Geräusch, das im Raum nachhallte, bevor es vollständig vom Schiff absorbiert wurde. Nachdem sie gegangen war, blieb für einen Moment nur das leise Summen der Systeme, das ferne, rhythmische Pulsieren der Korvette und das kaum hörbare Knacken der Struktur des Schiffsrumpfes, der sich an die wechselnden gravimetrischen Bedingungen anpasste.

Nachdem sich die Tür hinter Hatileos mit einem leisen Zischen geschlossen hatte, blieb für einige Sekunden eine angenehme Stille im Raum zurück. Es war keine unangenehme oder bedrückende Stille. Eher die Art von Ruhe, die entstand, wenn Menschen nach einer langen Unterhaltung noch über das Gesagte nachdachten. Ich saß auf meinem Stuhl und ließ den Blick durch das Quartier wandern. Die Kabine war nicht besonders groß, aber für ein Schiff dieser Größe überraschend komfortabel eingerichtet. Die Wände bestanden aus hellgrauen Verbundmaterialien, deren Oberfläche matt schimmerte. In die Decke eingelassene Lichtleisten spendeten ein weiches, leicht goldenes Licht, das die ansonsten nüchterne Umgebung wärmer wirken ließ. Irgendwo arbeitete die Klimaanlage leise vor sich hin und verströmte einen neutralen Geruch nach gefilterter Luft, Metall und den schwachen Resten des Kavitationsbades.
Mein Blick fiel erneut auf die Ghok-Rüstung. Die schwarzgrauen Panzerplatten wirkten beinahe lebendig. Das matte Material verschluckte das Licht regelrecht und ließ nur an den Kanten einzelne silbergraue Reflexe entstehen. Hier und da waren winzige Kratzer zu erkennen, Erinnerungen an Kämpfe, Fluchten und Situationen, die ich lieber vergessen würde. Trotzdem fühlte sich die Rüstung inzwischen vertraut an. Fast schon wie ein Teil von mir. Valentina bemerkte meinen Blick. Sie saß mir gegenüber und hatte die Beine übereinandergeschlagen. Ihre langen petrolfarbenen Haare fielen über eine Schulter und reflektierten das Licht in unterschiedlichsten Blau- und Grüntönen. Ihre violetten Augen ruhten auf mir, während ihre Lippen ein leicht amüsiertes Lächeln formten.
"Du magst dieses Ding wirklich."
Ich zuckte mit den Schultern. "Es wurde mir aus Respekt geschenkt, weil ich überlebt habe."
Vanu schnaubte belustigt. Sie hatte sich entspannt zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre dunkelroten Haare wirkten im warmen Licht beinahe kupferfarben. Die dunkelgrünen Augen beobachteten mich aufmerksam.
"Das macht es nicht weniger hässlich."
"Geschmackssache."
"Nein", antwortete sie trocken. "Objektive Tatsache."
Valentina musste lachen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hörte ich beide Frauen wieder lachen. Nicht nervös. Nicht gezwungen. Nicht aus Erleichterung. Sondern einfach nur, weil sie etwas lustig fanden. Allein dieses Geräusch fühlte sich seltsam kostbar an. Ich lehnte mich zurück und ließ die Anspannung langsam aus meinen Schultern weichen. Erst jetzt bemerkte ich, wie erschöpft mein Körper trotz Schlaf und Medikamenten noch immer war. Die Muskeln fühlten sich schwer an. Meine Gelenke protestierten bei jeder größeren Bewegung. Selbst die Konzentration kostete Kraft. Mir wurde bewusst, wie knapp alles gewesen war. Nif'Nakh. Der Angriff. Die Flucht. Die zerstörte Flotte. Das Wurmloch. Die Wenendra. Die Helfer. Jeder einzelne dieser Punkte hätte ausgereicht, um mich umzubringen. Und trotzdem saß ich jetzt hier. Zwischen meinen beiden Frauen. In einer aldrianischen Korvette. Auf dem Weg nach Hause. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich dieser Gedanke real an. Nach Hause. Nicht zu irgendeiner Station. Nicht zu irgendeinem Auftrag. Nicht zu irgendeiner Krise. Sondern wirklich nach Hause. Dorthin, wo Hoshiko und Asahi auf mich warteten. Allein bei diesem Gedanken entstand ein unangenehmes Ziehen in meiner Brust. Ich hatte die beiden Kinder seit viel zu langer Zeit nicht gesehen. Ihre Gesichter begannen bereits unscharf zu werden. Nicht vergessen. Aber undeutlich. Erinnerungen statt Gegenwart. Das gefiel mir überhaupt nicht. Valentina bemerkte meinen Gesichtsausdruck sofort.
"Du denkst an die Kinder."
Es war keine Frage. Ich nickte. "Ja."
Vanu senkte kurz den Blick. Ein weiches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Sie wachsen schnell."
"Zu schnell."
Beide Frauen tauschten einen Blick aus. Einen dieser wortlosen Blicke, die nur Menschen austauschten, die gemeinsam etwas erlebt hatten.
"Du wirst überrascht sein", sagte Valentina schließlich.
"Warum?"
Nun grinste Vanu. "Du wirst sehen."
Das machte mich sofort misstrauisch. "Was bedeutet das?"
"Gar nichts."
"Vanu."
"Absolut gar nichts."
Jetzt grinsten beide. Ich verdrehte die Augen. Offensichtlich planten sie etwas. Oder sie wussten etwas. Oder beides. Noch bevor ich weiter nachfragen konnte, meldete sich der Türsummer erneut. Ein kurzes, höfliches Signal. Ich stöhnte innerlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt etwas Unkompliziertes vor der Tür stand, lag ungefähr bei null Prozent.
"Herein."
Die Tür glitt zur Seite. Und tatsächlich bestätigte sich meine Vermutung sofort. Xandra Darlian stand im Eingang. Ihre Haltung war perfekt aufrecht. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Das lange blonde Haar fiel ordentlich über ihre Schultern. Die hellgrünen Augen leuchteten schwach im Licht des Quartiers. Diesmal wirkte sie allerdings deutlich weniger gereizt als bei unserem ersten Zusammentreffen. Nicht freundlich. Aber kontrolliert. Fast professionell. Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann blickte sie direkt zu mir.
"Sie sehen deutlich weniger tot aus als noch vor zwei Tagen."
"Das ist vermutlich als Kompliment gemeint."
"Vielleicht."
Valentina unterdrückte ein Grinsen. Vanu gab sich weniger Mühe. Xandra ignorierte beide. Sie trat in den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihr.
"Meine Mutter hat angefragt, ob Sie nach Ihrer Rückkehr zu einem Gespräch bereit wären."
Da war sie. Die unvermeidliche politische Realität. Ich schloss kurz die Augen.
"Kann das warten?"
"Vermutlich."
"Dann soll es warten."
Xandra betrachtete mich einige Sekunden. Anscheinend prüfte sie, ob ich scherzte. Tat ich nicht. Schließlich nickte sie.
"Verstanden."
Zu meiner Überraschung machte sie keine Diskussion daraus. Keine versteckten Spitzen. Keine Vorwürfe. Keine diplomatischen Fallen. Einfach nur eine sachliche Antwort. Das machte mich beinahe nervöser als ihre übliche Art.
"Sonst noch etwas?"
"Ja."
Nun wirkte sie kurz unsicher. Nur für einen Augenblick. Aber ich bemerkte es.
"Ich wollte mich bedanken."
Ich blinzelte. "Wie bitte?"
"Für die Rettung."
Sie sagte es, als würde jedes einzelne Wort körperliche Schmerzen verursachen. Vanu musste sich sichtbar zusammenreißen, um nicht loszulachen. Selbst Valentina biss sich auf die Unterlippe. Xandra ignorierte beide weiterhin.
"Meine Besatzung wäre ohne Ihre Hilfe vermutlich nicht mehr am Leben."
Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Also sagte ich einfach die Wahrheit. "Ich habe nur getan, was jeder getan hätte."
"Darin unterscheiden sich unsere Ansichten."
Für einen Moment herrschte erneut Stille. Dann nickte sie knapp. "Erholen Sie sich weiter."
Anschließend drehte sie sich um und verließ den Raum. Kaum war die Tür geschlossen, brach Vanu in schallendes Gelächter aus. Valentina folgte ihr wenige Sekunden später.
"Was?"
Vanu musste erst Luft holen. "Sie mag dich."
"Unsinn."
"Definitiv."
"Nein."
"Doch."
Ich sah zu Valentina. "Du auch?"
Sie nickte. "Ja."
"Das ist lächerlich."
"Wenn du meinst."
Ich seufzte schwer. Manchmal war es völlig unmöglich, mit diesen beiden Frauen zu diskutieren. Vor allem dann, wenn sie sich einig waren. Was in letzter Zeit leider erschreckend weise immer häufiger vorkam. Draußen irgendwo hinter den Metallwänden der Korvette summten die Triebwerke gleichmäßig vor sich hin. Das Schiff setzte seinen Kurs unbeirrt fort. Lichtjahre zogen an uns vorbei. Sternensysteme blieben hinter uns zurück. Und mit jeder Stunde kamen wir Trantor näher. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte ich keinen unmittelbaren Handlungsdruck. Keine Entscheidung, die über Leben und Tod entschied. Keine Katastrophe. Keine Flucht. Keine Schlacht. Nur Zeit. Vielleicht war genau das der Grund, warum mein Körper so lange geschlafen hatte. Er hatte begriffen, was mein Kopf noch nicht akzeptieren wollte. Dass ich vorerst überlebt hatte. Und dass ich nach Hause kam. Nicht als Held. Nicht als Entdecker. Nicht als Retter einer Spezies. Sondern einfach als Vater. Als Ehemann. Und gerade dieser Gedanke fühlte sich wertvoller an als alles andere, was ich in den letzten Wochen erlebt hatte.

Ich blieb noch einen Moment im Quartier stehen, nachdem Xandra gegangen war, während sich die Tür hinter ihr mit einem präzisen, fast beleidigt wirkenden Zischen geschlossen hatte. Die Luft wirkte danach dichter, nicht physikalisch, sondern durch das, was unausgesprochen im Raum zurückgeblieben war. Valentina hatte sich bereits wieder entspannt aufgerichtet, ihre Finger glitten langsam über die Kante des Tisches, als würde sie den letzten Gesprächsverlauf dort nachzeichnen. Vanu hingegen musterte mich mit diesem typischen Blick, der weniger fragte als bereits eine Entscheidung traf und nur noch auf meine Umsetzung wartete. Ich bemerkte erst in diesem Moment wieder mein eigenes Erscheinungsbild vollständig. Die Ghok-Rüstung saß stabil, aber mein Gesicht war ungewohnt frei von den üblichen Übergängen aus Bart und ungepflegten Haarsträhnen, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatten. Die Haare waren länger als sie sein sollten, ungleichmäßig gewachsen, an den Seiten leicht ausgedünnt durch Reibung und Stress, am Hinterkopf dagegen dichter, fast widerspenstig. Der Goatee war ebenfalls nicht mehr sauber definiert, eher eine fragmentierte Version seiner selbst, die in diesem Zustand eher nach Überleben als nach Stil aussah.
Valentina brach die Stille zuerst. „Du siehst aus, als hättest du eine kleine Sonne durchquert.“
Vanu verzog leicht den Mundwinkel. „Nicht nur eine.“
Ich atmete aus und sah zwischen beiden hin und her. „Ich brauche einen Haarschnitt.“
Die Reaktion kam synchron. Beide Frauen richteten sich minimal auf, als hätte ich eine organisatorische Aufgabe delegiert, die in ihre Zuständigkeit fiel. Valentina hob sofort eine Augenbraue, Vanu dagegen nickte einmal knapp, fast sachlich.
„Das können wir machen“, sagte Valentina, wobei ihre Stimme diese Mischung aus Selbstverständlichkeit und unterschwelliger Herausforderung hatte.
Ich sah sie an. „Ihr beide.“
„Natürlich“, antwortete Vanu trocken, „du wirst hier nicht herumlaufen wie ein beschädigtes Split-Relikt.“
Bevor ich widersprechen konnte, hatten sie bereits entschieden. Der nächste Teil begann ohne weitere Diskussion.
Ich saß schließlich auf einem stabilen Sitzmodul in der Mitte des Quartiers, das eigentlich nicht für kosmetische Zwecke gedacht war, sondern eher für kurze medizinische Untersuchungen oder Ausrüstungsanpassungen. Das Licht wurde von Valentina bewusst umgestellt, von einem neutralen Arbeitsweiß auf einen wärmeren, leicht goldenen Ton, der die Konturen weicher machte und gleichzeitig jede Ungleichmäßigkeit deutlicher hervorhob.
Vanu stand hinter mir, während Valentina sich leicht seitlich positionierte, um die Perspektive zu wechseln. Zwischen ihnen lag ein kleines, tragbares Schneidegerät, vermutlich aus dem Bordvorrat der Korvette, kein professionelles Friseurwerkzeug, sondern ein multifunktionales Präzisionsgerät, das eher für technische Anpassungen gedacht war. Der Geruch von sterilisiertem Metall und leichtem Ozon stieg auf, als sie es aktivierten.
„Beweg dich nicht zu viel“, sagte Vanu knapp.
„Ich bewege mich normalerweise nicht freiwillig während jemand mit einem Werkzeug an meinem Kopf arbeitet.“
„Gut“, antwortete sie.
Dann begann der Prozess. Ich spürte zuerst nur die Kälte des Geräts, dann das leise Vibrieren, als die ersten Haarsträhnen gekürzt wurden. Die Bewegungen waren vorsichtig, aber nicht professionell. Eher konzentriert als routiniert. Valentina beobachtete jeden Schnitt aus der Nähe, korrigierte gelegentlich die Richtung mit zwei Fingern, während Vanu die Hauptarbeit übernahm, ihre Hände erstaunlich ruhig trotz der ungewohnten Aufgabe. Nach einigen Minuten begann sich die Atmosphäre zu verändern. Die anfängliche Konzentration wich einer ruhigeren Dynamik, in der beide Frauen gelegentlich Blicke austauschten, ohne dass ich im Zentrum dieser Kommunikation stand.
„Du hast wirklich zu lange gewartet“, murmelte Valentina irgendwann.
„Ich hatte andere Prioritäten“, antwortete ich.
„Wie zum Beispiel fast sterben?“, kam es trocken von Vanu.
„Unter anderem.“
Das Geräusch des Schneidens setzte sich fort, gleichmäßig, kontrolliert, während immer mehr meines ungeordneten Haarvolumens auf den Boden fiel. Die Struktur meines Kopfes wurde klarer, kantiger, weniger verwildert. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie ungewohnt es war, nicht selbst die Kontrolle über diesen einfachen Vorgang zu haben.
Nach über einer Stunde, die sich weniger nach Zeit und mehr nach Übergang anfühlte, stoppte das Gerät. Valentina trat einen Schritt zurück, musterte mich aus verschiedenen Winkeln und verschränkte dann die Arme.
„Nicht schlecht.“
Vanu nickte einmal langsam. „Akzeptabel.“
Ich hob eine Hand, fuhr mir über den Hinterkopf. Die Veränderung war deutlich. Kürzer, sauberer, funktionaler. Nicht perfekt im technischen Sinn, aber stabil genug, um nicht mehr wie ein Überlebender kurz vor dem Zusammenbruch zu wirken.
„Ihr seid keine Friseurinnen“, stellte ich fest.
Valentina lächelte leicht. „Nein.“
„Aber?“
„Aber du beschwerst dich nicht“, sagte Vanu.
Ich sah beide an. Dann nickte ich langsam. „Ich werde euch öfters mal ranlassen.“
Der Satz war bewusst doppeldeutig formuliert, nicht laut genug für eine klare Interpretation, aber eindeutig genug, dass beide ihn verstanden. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann kicherten sie beide gleichzeitig. Nicht laut. Nicht kontrolliert. Eher dieses kurze, echte Ausbrechen aus Anspannung, das sich nicht planen lässt. Ich stand auf, ohne das Thema weiter zu vertiefen, und zog die Ghok-Rüstung leicht nach, um den Sitz zu prüfen. Die neuen Haarlinien fühlten sich ungewohnt frei an, als hätte jemand einen Teil der Last entfernt, den ich vorher nicht bewusst wahrgenommen hatte.
Vanu trat an mir vorbei und klopfte mir kurz gegen die Schulter. „Jetzt kannst du wieder offiziell durch Korridore laufen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das jemals ein offizieller Status war.“
„Ab jetzt schon“, sagte Valentina.
Das matte Schwarzgrau der Ghok-Rüstung absorbierte das Licht der Deckenpaneele, die in unregelmäßigen Intervallen zwischen warmem Weiß und einem leicht bläulichen Funktionsmodus wechselten. Zwischen den Platten der Rüstung zog sich ein feiner Geruch von gealtertem Isolationsharz und getrocknetem Plasma, ein Echo der Split-Werkstätten, die dieses Ding für mich zusammengebaut hatten. Ich bemerkte, wie Vanu und Valentina mich dabei beobachteten, beide noch im Übergang zwischen Sorge und Erleichterung gefangen. Vanu hatte die Arme verschränkt, aber nicht aus Abwehr, sondern als würde sie sich selbst stabilisieren, ihre dunkelgrünen Augen folgten jeder meiner Bewegungen mit einer Mischung aus Kritik und stiller Zustimmung, während Valentina sich leicht gegen die Wand gelehnt hatte, die Finger ihrer rechten Hand immer wieder unbewusst gegen die Oberfläche des Wandpaneels tippend, als würde sie die Realität der Situation prüfen.

Ich verließ das Quartier unmittelbar nach dem kurzen Moment der Stille, der nach der Frisur folgte. Die Tür glitt hinter mir mit einem weichen, luftgedämpften Zischen zu, und für einen Augenblick wechselte die gesamte akustische Umgebung. Der Raumklang der Kabine, geprägt von gedämpfter Wärme und kontrollierter Ruhe, brach abrupt weg und wurde ersetzt durch die härteren, funktionalen Geräusche des Korridors. Metallene Strukturträger liefen entlang der Wände, in regelmäßigen Abständen durchzogen von dünnen Lichtleisten, die in einem leicht pulsierenden Weiß-Blau arbeiteten, als würde das Schiff selbst seinen Zustand permanent überwachen.
Valentina und Vanu folgten mir ohne Eile, aber mit klarer Aufmerksamkeit. Ich spürte ihre Präsenz nicht nur hinter mir, sondern auch seitlich versetzt, als hätten sie sich unbewusst so positioniert, dass sie sowohl mich als auch die Umgebung gleichzeitig im Blick behalten konnten. Die Ghok-Rüstung reagierte auf jede Bewegung mit einem kaum hörbaren Reibegeräusch der Platten, ein trockenes, mechanisches Flüstern, das sich mit dem gleichmäßigen Summen der Lebenserhaltung vermischte. Der Geruch im Korridor war kühler als im Quartier, weniger organisch, stärker filtriert, mit einer metallischen Grundnote und einem leichten Hauch von Ozon aus den Energieverteilern in den Wandsegmenten.
Nach wenigen Schritten änderte sich die Lichttemperatur leicht, ein Hinweis auf eine aktive Systemsektion. Die Deckenbeleuchtung wurde punktuell heller, als wir einen Hauptkorridor erreichten, der quer durch den inneren Rumpf verlief. Hier war die Bewegung der Besatzung sichtbar. Nicht chaotisch, aber auch nicht vollständig synchronisiert. Techniker in grauen und dunkelblauen Overalls bewegten sich entlang der Wandmodule, einige trugen Werkzeugkoffer, andere standen an offenen Wartungspanels, aus denen dünne Kabelstränge wie freigelegte Nerven hinausragten.
Die ersten Reaktionen auf meine Anwesenheit waren subtil, aber eindeutig. Ein junger Techniker, der gerade ein Panel schloss, hielt für einen Moment inne, sein Blick blieb zu lange auf mir, bevor er abrupt zur Seite sah und den Verschluss schneller als nötig verriegelte. Zwei weitere Personen, die eine schwebende Wartungsplattform schoben, passten ihre Geschwindigkeit minimal an, um mir Platz zu machen, ohne dass es wie Ausweichen wirkte, eher wie eine unbewusste Anpassung an eine bekannte Hierarchie. Ich registrierte diese Muster ohne unmittelbare Bewertung, aber vollständig.
Valentina beugte sich leicht zu mir, während wir weitergingen. „Die schauen dich an, als wärst du eine Fehlfunktion im System.“
„Ich bin in gewisser Weise eine.“
Vanu schnaubte leise. „Dann eine sehr stabile.“
Der Korridor öffnete sich an einer Stelle zu einem kleineren Verbindungsbereich, in dem die Wandsegmente eine andere Materialstruktur aufwiesen. Hier war das Metall dunkler, fast anthrazitfarben, mit feinen, eingearbeiteten Leitungsrillen, durch die ein schwaches, grünliches Licht pulsierte. Der Übergang erzeugte eine optische Verschiebung, als würde man von einem funktionalen Arbeitsbereich in eine kontrollierte Transitzone wechseln.
Und dort stand Valen. Er hatte sich nicht in den Weg gestellt, sondern befand sich exakt an einer Stelle, die weder als blockierend noch als zufällig wirkte. Seine Körperhaltung war ruhig, vollständig aufrecht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Das lange, weiße Haar fiel geordnet über seinen Rücken, der geflochtene Bart bewegte sich kaum, selbst als das Schiff minimale Vibrationen durch Kurskorrekturen ausglich. Seine hellen grauen Augen fixierten mich, nicht intensiv im aggressiven Sinn, sondern präzise, als würde er eine bekannte Variable in einem veränderten Kontext erneut berechnen. Für einen kurzen Moment hielt ich an. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil seine Reaktion minimal anders war als erwartet. Seine Augen weiteten sich nicht sichtbar, kein offensives Erstaunen, keine übertriebene Überraschung. Aber ich sah eine Mikroverschiebung in der Gesichtsmuskulatur, kaum mehr als ein Reflex, der sofort wieder unter Kontrolle gebracht wurde. Ein winziger Bruch in der sonst vollkommen stabilen Oberfläche. Das war neu. Ich hatte Valen bisher nicht als jemanden erlebt, der überhaupt auf äußere Veränderungen reagierte, zumindest nicht sichtbar.
„Tori-san“, sagte er schließlich, seine Stimme ruhig, tief kontrolliert, leicht formalisiert wie immer, aber mit einem minimal veränderten Tonfall, der nicht sofort zugeordnet werden konnte. „Ich stelle fest, dass Sie sich in einem verbesserten physischen Zustand befinden.“
„Offensichtlich“, antwortete ich und setzte mich wieder in Bewegung.
Ich kam näher an ihm vorbei, und für einen Moment lag die gesamte Aufmerksamkeit des Korridors auf diesem Übergangspunkt. Einige Besatzungsmitglieder in der Nähe verlangsamten unbewusst ihre Arbeit. Ein Mechaniker hielt ein Werkzeug halb in der Luft, bevor er es wieder senkte. Zwei Techniker tauschten einen kurzen Blick, der sofort wieder auf ihre Arbeit zurückgezogen wurde. Valen drehte sich minimal mit mir mit, gerade so weit, dass er mich im peripheren Sichtfeld behielt.
„Die Korvette hat ihren Kurs stabilisiert“, sagte er.
„Gut.“
„Die Aldrin-Kommandostruktur hat keine weiteren direkten Anforderungen gestellt.“
Ich nickte nur knapp. Valen schwieg einen Moment länger als nötig. Dann fügte er hinzu, kontrolliert, aber mit einer minimalen Verschiebung in der Betonung: „Ihre Begleiterinnen scheinen ebenfalls in einem stabilen Zustand zu sein.“
Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ja.“
Mehr sagte ich nicht. Er akzeptierte das sofort. Als ich weiterging, löste sich die kleine Ansammlung im Korridor wieder auf. Gespräche setzten erneut ein, diesmal leiser als zuvor. Die Bewegungen der Crew normalisierten sich, aber nicht vollständig. Ich blieb der zentrale Störpunkt im System, auch wenn niemand es offen zeigte. Valentina und Vanu folgten mir weiterhin, beide schweigend, aber aufmerksam. Der Korridor zog sich vor uns weiter, verzweigte sich in Richtung der Brücke, und mit jedem Schritt nahm das gleichmäßige Summen der Hauptsysteme zu, während die strukturellen Vibrationen des Schiffs sich leicht veränderten, als würden wir uns einem anderen funktionalen Kern nähern.

Als wir die Brücke der Korvette betraten, änderte sich die gesamte Raumwirkung sofort. Der Übergang vom funktionalen Korridor in den zentralen Steuerraum war nicht nur architektonisch, sondern auch atmosphärisch deutlich spürbar. Die Luft hier war kühler, trockener und stärker gefiltert, mit einem subtilen metallischen Unterton, der von den permanent arbeitenden Kühl- und Datenleitungen stammte, die durch den Boden liefen. Die Deckenstruktur war höher als in den Gängen, in segmentierten Bögen aufgebaut, in denen transparente Leitungsröhren verliefen, durch die ein schwaches, intermittierendes Licht in blauweißen Pulsen wanderte. Die Brücke selbst war kein klassischer Kommandoraum, sondern eine funktionale Mischform aus Navigation, taktischer Übersicht und redundanter Systemsteuerung, typisch aldrianisch in ihrer klaren, biomimetischen Sicherheitsarchitektur.
Xandra war nicht im Raum. Das stellte ich sofort fest, noch bevor ich die vollständige Übersicht der Brücke verarbeitete. Stattdessen lag die Aufmerksamkeit der Crew bereits auf uns. Nicht offen aggressiv, aber eindeutig verschoben. Gespräche wurden nicht vollständig unterbrochen, jedoch in ihrer Intensität reduziert, und mehrere Köpfe drehten sich minimal in unsere Richtung. Ich spürte die Blicke nicht wie einzelne Punkte, sondern als eine verteilte Masse aus Wahrnehmung, die sich an meiner Präsenz entlang der Ghok-Rüstung festsetzte. Das matte, unregelmäßige Schwarz-Grau der Panzerung reflektierte kaum Licht, wodurch ich in der sonst technisch klaren Umgebung wie ein Fremdkörper wirkte, der nicht aus derselben Designlogik stammte wie der Rest des Schiffes.
Der stellvertretende Captain, ein schlanker Aldrianer mit streng geschnittener Uniform, reagierte als Erster. Seine Augen folgten mir für einen Moment länger als notwendig, bevor er sich wieder der Hauptkonsole zuwandte, wo holografische Navigationsdaten in flachen, schwebenden Ebenen dargestellt wurden. Die Darstellung zeigte Kursvektoren, Energiezustände und ein vereinfachtes Abbild des aktuellen Systems in leicht transluzenter Projektion. Die Farben waren reduziert auf funktionale Spektren: kaltes Blau für Navigation, gelb für Ressourcen, rot für Warnungen, die aktuell allerdings kaum aktiv waren.
Ich stellte mich kurz vor die zentrale Konsole, ohne sie zu berühren, und bemerkte dabei, wie sich die Aufmerksamkeit im Raum noch einmal neu ordnete. Einige der Besatzungsmitglieder warfen mir verstohlene Blicke zu, andere sahen demonstrativ weg, als wäre jede direkte Wahrnehmung eine potenzielle Störung. Der Grund war offensichtlich die Rüstung, nicht meine Person an sich. Sie wirkte archaisch, in ihrer Form nicht harmonisch nach aldrianischen Standards, sondern funktional und brutal effizient konstruiert, was in dieser Umgebung wie ein Fremdkörper wirkte. Ich ignorierte das vollständig und richtete meine Aufmerksamkeit auf den stellvertretenden Captain.
„In welchem System befinden wir uns genau?“
Er antwortete ohne Verzögerung, während er gleichzeitig eine kleine Geste über die Konsole führte, wodurch sich die Projektion leicht vergrößerte und stabilisierte.
„Wir haben vor wenigen Stunden das Sprungtor bei Presidents End durchquert. Aktuell befinden wir uns auf Transitkurs Richtung Trantor.“
Die Antwort war nüchtern, präzise und ohne emotionale Färbung, aber der Inhalt war deutlich. Die Position bedeutete, dass wir uns wieder in einem stark frequentierten, politisch relevanten Raumsektor bewegten. Die Informationsdichte in meinem Kopf verschob sich sofort, während ich die Konsequenzen durchging. Noch bevor ich eine weitere Frage stellen konnte, fuhr er fort.
„Bis zum Eintritt in den Orbit von Trantor werden noch einige Stunden vergehen.“
Er deutete leicht auf einen der seitlichen Bereiche der Brücke, wo eine halb offene Struktur sichtbar war, die in die Schiffsinfrastruktur überging.
„Sie können entweder die Aussichtslounge nutzen, die gleichzeitig als Speisesaal fungiert, oder sich im Schiff frei bewegen. Allerdings ist die Korvette in ihrer Größe stark begrenzt.“
Die Formulierung war höflich, aber funktional ehrlich. Es war kein Angebot im klassischen Sinn, sondern eine logisch reduzierte Auswahl an Möglichkeiten innerhalb eines engen Rahmens.
Ich registrierte nebenbei, dass Valen die Brücke in diesem Moment bereits wieder verließ. Er war nicht abrupt gegangen, sondern in einem exakt getimten Moment, in dem die Aufmerksamkeit des Personals nicht auf ihn fokussiert war. Seine Bewegung war kontrolliert, präzise, ohne jede unnötige Verzögerung. Er verschwand durch eine seitliche Tür, vermutlich Richtung Kapitänsbereich oder interner Administrationssektion. Seine Präsenz hinterließ keine Unruhe, eher eine Lücke, die sofort wieder von der normalen Brückenstruktur absorbiert wurde.
Ich entschied mich gegen weiteres Verweilen auf der Brücke. „Verstanden.“
Vanu und Valentina folgten mir ohne Kommentar, aber ich spürte ihre leichte Veränderung in der Körperhaltung, als wir den Raum verließen. Die Brücke blieb hinter uns in ihrer stabilen, kontrollierten Geräuschkulisse zurück, während der Übergang in den nächsten Korridor wieder das vertraute Summen der Schiffsinfrastruktur brachte. Die Beleuchtung wurde hier weicher, die Wände weniger transparent, stärker gepanzert, mit dunkleren Verbundstrukturen, die eher auf Schutz als auf Präsentation ausgelegt waren.
Die Aussichtslounge lag nur wenige Minuten entfernt. Der Weg dorthin führte durch einen breiteren Abschnitt des Schiffs, in dem die Außenhülle durch verstärkte Panoramaglassegmente ersetzt war. Als wir eintraten, änderte sich die Lichtqualität erneut. Das Sternenlicht fiel ungefiltert in den Raum, gebrochen durch dünne Energieschichten, die als Schutzfeld dienten, aber dennoch eine klare Sicht nach außen ermöglichten. Der Raum selbst war schlicht gehalten, funktional, mit mehreren fest integrierten Sitzmodulen entlang der Fensterlinie und einem zentralen Versorgungspunkt, der gleichzeitig als Bestell- und Kommunikationsschnittstelle diente.
Ich setzte mich an einen Tisch direkt am Fenster. Vanu nahm mir gegenüber Platz, Valentina leicht versetzt, sodass beide sowohl mich als auch den Außenraum im Blick hatten. Niemand bestellte etwas. Die Stille war nicht unangenehm, aber gespannt, als würde jeder auf eine ungesprochene Erklärung warten.
In diesem Moment vibrierte meine linke Armschiene. Ein kurzes, präzises Pulsieren, gefolgt von der Aktivierung des schwarzen holografischen Interfaces mit weißer Schrift. Die Helfer, je nach Kontext ihrer eigenen Selbstbezeichnung, meldeten sich nicht mit vollständigen Sätzen, sondern mit einer strukturierten Anfrage. Ob die Terraformerflotte zu meinen aktuellen Koordinaten entsendet werden solle. Ich ließ den Blick kurz auf dem Interface ruhen und verneinte innerlich, bevor ich die Antwort bewusst formulierte und zurücksendete. Noch nicht. Der Grund war klar strukturiert in meinem Kopf. Das System Presidents End lag in einer Region, die bereits durch mehrere politische und biologische Spannungsfelder geprägt war. Eine zusätzliche, hochreaktive Maschinenflotte würde nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern potenziell alle bestehenden Gleichgewichte destabilisieren. Gleichzeitig war mir bewusst, dass die Helfer diese Zurückhaltung nicht als neutralen Zustand betrachteten, sondern als temporäre Einschränkung eines ihrer Eingriffe.
Ich senkte den Blick leicht und bemerkte, dass Vanu und Valentina mich beobachteten. Nicht neugierig im oberflächlichen Sinn, sondern aufmerksam, analytisch, mit dieser stillen Erwartung, dass ich etwas erklären würde, das sich ihrer direkten Wahrnehmung entzog. Ihre Gesichter waren ruhig, aber nicht leer. Valentina hatte den Kopf minimal geneigt, während Vanu ihre Hände ineinander verschränkt hielt, als würde sie eine unausgesprochene Frage stabilisieren, bevor sie sie formulierte. Ich verstand, dass ich ihnen eine Erklärung schuldete. Nicht in Teilen, nicht zwischen zwei Ereignissen, sondern vollständig, strukturiert und ohne Auslassung. Aber nicht hier. Nicht jetzt. Der Raum war zu offen, zu exponiert, zu durchlässig für alles, was diese Informationen in Bewegung setzen würde. Ich ließ die Armschiene langsam wieder in den Standby zurückfallen und sah hinaus in den Sternenhimmel von Presidents End, während die Korvette ihren Kurs stabil hielt und die Entfernung zu Trantor langsam, unaufhaltsam geringer wurde.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 59 - UnRuhe

Ich hatte schon, als ich aus dem Cockpitfenster des Schiffes sah, gewusst, dass mich dieses Gefühl wieder einholen würde, doch erst als sich Altrix Nova vollständig vor mir ausbreitete, begriff ich, wie sehr ich diesen Ort tatsächlich vermisst hatte. Selbst aus mehreren Dutzend Kilometern Entfernung wirkte die Raumstation nicht wie ein gewöhnlicher orbitaler Komplex, sondern eher wie eine künstlich erschaffene Welt. Die gewaltigen, übereinander geschichteten Ebenen zogen sich konusförmig um den zentralen Stationskern und erzeugten eine Tiefenwirkung, die jedes Mal aufs Neue beeindruckend war. Zwischen den einzelnen Decks verliefen zahllose transparente Verbindungstunnel, Versorgungsschächte und Andockringe, während sich unzählige Positionslichter wie ein ruhiges Sternenmeer über die gesamte Außenhülle verteilten. Weiße, blaue und bernsteinfarbene Navigationslichter markierten Flugkorridore, Wartungsbereiche und aktive Hangars. Dazwischen bewegten sich Transporter, Versorgungsfähren, Schlepper und Wartungsdrohnen in exakt berechneten Bahnen, ohne dass sich auch nur eine Flugroute mit einer anderen überschnitt. Obwohl ich die Station selbst geplant, finanziert und ihren Bau überwacht hatte, wirkte ihre Größe noch immer beinahe unwirklich. Jeder zusätzliche Bauabschnitt hatte neue Ebenen hervorgebracht, die wiederum weitere Wohn-, Industrie- und Forschungssektionen trugen. Von außen erinnerte die Konstruktion inzwischen weniger an eine klassische Raumstation als vielmehr an eine vertikal aufgebaute Megastadt, deren einzelne Schichten umeinander gestapelt worden waren. Die massive Zentralachse verlief wie eine künstliche Wirbelsäule durch sämtliche Decks und verband Energieversorgung, Lebenserhaltung, Schwerindustrie und Habitatbereiche miteinander. Selbst die äußeren Panzerplatten waren längst nicht mehr schlicht grau. Je nach Material wechselten sie zwischen mattem Anthrazit, hellem Titan, dunklen Keramikverbundstoffen und den spiegelnden Oberflächen der riesigen Beobachtungskuppeln, in denen später botanische Anlagen und Erholungsbereiche entstehen sollten. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Eigentlich hatte ich der Station ursprünglich einen anderen Namen geben wollen. Terra Nova. Der Name hatte mir gefallen. Er war einfach, prägnant und spiegelte genau das wider, was die Station ursprünglich darstellen sollte – einen neuen Anfang. Eine neue Heimat. Eine neue Grundlage für etwas Größeres. Doch je länger ich darüber nachgedacht hatte, desto offensichtlicher war geworden, dass dieser Name mehr Probleme schaffen als lösen würde. Terraner besaßen in weiten Teilen des bekannten Raumes keinen besonders guten Ruf. Nicht überall. Nicht bei jedem. Aber oft genug, um daraus ein politisches Problem entstehen zu lassen. Viele verbanden den Begriff Terra nicht mit wissenschaftlichem Fortschritt oder kultureller Entwicklung, sondern mit Expansion, Machtpolitik, militärischer Stärke oder wirtschaftlicher Dominanz. Selbst wenn diese Vorurteile häufig ungerecht waren, existierten sie dennoch. Einen Namen zu wählen, der bereits beim ersten Hören Assoziationen hervorrief, die potenzielle Partner abschreckten, wäre schlicht unklug gewesen. Also hatte ich den ursprünglichen Entwurf verworfen.
Und einen neuen entworfen. Altrix Nova. Der Name war eingängig, klang modern und war bewusst so gewählt worden, dass er keiner bekannten Spezies eindeutig zugeordnet werden konnte. Gleichzeitig ließ sich seine Bedeutung unterschiedlich interpretieren. Für manche stand er für einen neuen Mittelpunkt. Andere sahen darin einen Begriff für Wandel oder Entwicklung. Genau diese Offenheit gefiel mir. Jeder konnte den Namen mit eigenen Vorstellungen füllen, ohne sofort politische oder historische Vorbelastungen hineinzulesen. Auch meine Mitarbeiter hatten den Vorschlag überraschend schnell angenommen. Die Ingenieure. Die Verwaltungsangestellten. Die Händler. Selbst viele der Bauarbeiter. Innerhalb weniger Wochen sprach praktisch niemand mehr von der Baustation oder vom Orbitalprojekt. Für alle war sie einfach nur noch Altrix Nova. Allein dieser Gedanke erfüllte mich mit einer gewissen Zufriedenheit.
Die Korvette glitt langsam in den zugewiesenen Hangar ein. Die automatischen Führungssysteme übernahmen die letzten Meter und richteten den Landeanflug millimetergenau aus. Kaum hatte das Fahrwerk die magnetische Dockplattform berührt, spürte ich das vertraute leichte Zittern, mit dem sich die Verriegelungen schlossen. Gedämpfte Schläge liefen durch den Schiffsrumpf, als die äußeren Halteklammern einrasteten. Die Atmosphäre wurde angeglichen. Druckwerte synchronisierten sich. Die Schleuse wurde freigegeben. Ich atmete tief ein und bemerkte sofort den vertrauten Geruch der Station. Anders als auf militärischen Schiffen lag hier nicht der dominierende Duft von Schmierstoffen oder ozonhaltiger Luft in der Atmosphäre. Stattdessen roch es nach sauber gefilterter Luft mit einem kaum wahrnehmbaren Einschlag von Metall, Kunststoff, frischen Verbundwerkstoffen und dem warmen Aroma großer Lebenserhaltungssysteme. Es war ein Geruch, den ich inzwischen unbewusst mit Zuhause verband.
Eigentlich hatte ich vorgehabt, nach Argon Prime weiterzureisen. Mein Domizil dort hatte ich seit Monaten kaum gesehen. Nach den Ereignissen der vergangenen Wochen hatte ich mir fest vorgenommen, endlich einige Tage Abstand zu gewinnen, auszuschlafen und den Kopf freizubekommen. Keine Politik. Keine Verhandlungen. Keine Einsätze. Keine Entscheidungen über das Schicksal ganzer Organisationen. Nur Ruhe. Spätestens in dem Moment, als sich die Schleusentür öffnete, wusste ich allerdings, dass aus diesem Plan nichts werden würde. Kaum hatte ich den ersten Schritt auf den metallischen Boden des Hangars gesetzt, bemerkte ich die Menschen. Nicht einen oder zwei. Eine ganze Gruppe. Mindestens ein Dutzend Mitarbeiter wartete bereits auf mich. Einige hielten Datenpads in den Händen, andere trugen versiegelte Dokumentenmappen, wieder andere diskutierten noch hastig miteinander, bevor sie mich bemerkten. Als sich unsere Blicke trafen, setzte augenblicklich Bewegung ein.
"Tori!"
"Herr Direktor, hätten Sie einen Moment?"
"Wir benötigen Ihre Unterschrift."
"Es geht um die neuen Lieferverträge."
"Die Finanzabteilung wartet seit drei Wochen."
"Die Habitatsektion braucht eine Entscheidung."
"Die Rechtsabteilung ebenfalls."
Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, hatte sich die Gruppe halbkreisförmig um mich versammelt. Keiner drängelte unhöflich, dennoch entstand automatisch eine dichte Traube aus Menschen, deren unterschiedlichste Anliegen sich innerhalb weniger Sekunden gegenseitig überschnitten. Mehrere Datenpads wurden gleichzeitig aktiviert, Hologramme erschienen vor meinen Augen, Verträge wurden geöffnet, Terminlisten eingeblendet und Statusberichte synchronisiert. Ich musste unwillkürlich leise ausatmen. Ich war gerade einmal wenige Sekunden auf der Station. Und bereits vollständig zurück im Alltag. Eigentlich hätte ich darüber verärgert sein können. War ich aber nicht. Ich konnte es ihnen nicht einmal übelnehmen. Ich war seit über zwei Monaten praktisch nicht erreichbar gewesen. Natürlich hatte ich regelmäßig Berichte erhalten und wichtige Entscheidungen aus der Ferne getroffen, doch das war etwas völlig anderes, als persönlich vor Ort zu sein. Viele Angelegenheiten waren bewusst zurückgestellt worden, weil niemand ohne meine endgültige Zustimmung handeln wollte. Andere Entscheidungen hatten sich gegenseitig blockiert, bis sich daraus ganze Ketten offener Vorgänge entwickelt hatten. Während ich das erste Datenpad entgegennahm, wurde mir das tatsächliche Ausmaß bewusst. Nicht einzelne Probleme hatten sich angesammelt. Es war ein ganzer Berg. Verträge mit neuen Zulieferern. Anträge für zusätzliche Produktionsflächen. Genehmigungen für neue Forschungsprojekte. Personalentscheidungen. Investitionspläne. Versicherungsgutachten. Logistikberichte. Haushaltsfreigaben. Baufortschritte. Sicherheitsprotokolle. Alles gleichzeitig. Und jeder einzelne Vorgang schien dringend zu sein. Ich arbeitete mich Dokument für Dokument durch die ersten Unterlagen, stellte Rückfragen, ließ einzelne Punkte markieren und verschob alles, was keine sofortige Entscheidung erforderte, auf spätere Besprechungen. Bereits nach wenigen Minuten bildete sich hinter mir eine zweite Gruppe von Mitarbeitern, die offensichtlich ebenfalls auf eine Gelegenheit wartete, mich anzusprechen. Zwischen zwei Vertragsmappen meldete sich schließlich der Leiter der Produktionskoordination zu Wort. Sein Gesicht wirkte angespannt. Dunkle Ringe unter seinen Augen verrieten, dass er in den vergangenen Wochen vermutlich deutlich zu wenig geschlafen hatte.
"Tori... wir haben ein ernstes Problem."
Ich hob den Blick. "Welches?"
Er atmete einmal tief durch. "Die Nachfrage steigt schneller, als wir produzieren können."
Allein die Art, wie er diesen Satz aussprach, genügte, damit mehrere andere Mitarbeiter zustimmend nickten. Er aktivierte eine Projektion. Vor uns erschien ein dreidimensionales Diagramm. Mehrere Kurven verliefen zunächst nahezu parallel, bevor eine davon plötzlich steil nach oben schoss.
"Die Bestellungen wachsen inzwischen nahezu exponentiell."
Ich betrachtete die Daten schweigend. Je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde das Ausmaß. Die Produktionskapazitäten stiegen zwar ebenfalls kontinuierlich an. Aber längst nicht schnell genug. Die Nachfrage entfernte sich Monat für Monat weiter von unserem tatsächlichen Ausstoß.
"Wie groß ist die Differenz?"
"Zu groß." Er wechselte die Darstellung. "Mit den aktuellen Importen können wir gerade einmal die bestehenden Anshin Shokudos und Anshin Yateis auf Argon Prime zuverlässig versorgen."
Ich nickte langsam. Das entsprach ungefähr meinen letzten Berechnungen. Unsere Restaurants liefen hervorragend. Vielleicht sogar zu gut. Der Erfolg sprach sich schneller herum, als unsere Lieferketten wachsen konnten. Jede neue Filiale bedeutete neue Lieferverpflichtungen. Jeder zusätzliche Gast erhöhte den Bedarf an Rohstoffen. Und genau dort lag das eigentliche Problem. Noch immer waren wir bei einem erheblichen Teil unserer Lebensmittel auf Importe angewiesen. Solange Altrix Nova nicht vollständig fertiggestellt war, fehlten uns die biologischen Produktionsflächen, die von Anfang an das Herzstück des gesamten Projektes gewesen waren. Ich blickte durch die hohen Panoramafenster des Hangars hinüber zu den gewaltigen Habitatringen der Station. Dort würden bald riesige Ökosysteme entstehen. Geschlossene Biosphären. Hydroponische Anlagen. Aquakulturen. Pilzzuchten. Obsthaine. Getreidefelder unter künstlichem Sonnenlicht. Weitläufige Gewächshäuser. Tierhaltungsbereiche für jene Arten, deren Fleisch oder Nebenprodukte langfristig benötigt wurden. Noch war vieles davon im Bau. Doch sobald diese Bereiche vollständig in Betrieb gingen, würden unsere Importkosten drastisch sinken. Wir würden einen Großteil unserer Flora und Fauna direkt hier kultivieren können. Nicht genug, um mehrere Sonnensysteme gleichzeitig vollständig zu versorgen. Dafür war selbst Altrix Nova noch zu klein. Aber als Fundament. Als Ausgangspunkt. Als erster wirklich unabhängiger Produktionsstandort. Dafür würde es mehr als ausreichen. Und genau dort begann die eigentliche Zukunft unseres gesamten Projekts.

Ich saß zwischen Vanu und Valentina auf dem großen, tief gepolsterten Sofa unseres gemeinsamen Quartiers und hatte den Blick auf den weichen Spielteppich gerichtet, der den größten Teil des Wohnbereichs bedeckte. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen nichts von mir verlangt wurde. Kein Datenpad lag auf dem Tisch. Kein Terminal blinkte mit neuen Nachrichten. Niemand wartete auf eine Entscheidung, keine Besprechung stand unmittelbar bevor und kein Notruf unterbrach die Stille. Stattdessen erfüllten leises Kinderlachen, fröhliches Brabbeln und das gedämpfte Rascheln kleiner Hände auf dem dichten Gewebe des Teppichs den Raum. Allein dieses Geräusch ließ eine Ruhe in mir einkehren, die ich in den vergangenen Monaten beinahe vergessen hatte.
Das Quartier war großzügig gestaltet und wirkte trotz seiner Größe ausgesprochen wohnlich. Die Wände bestanden aus hellen Verbundmaterialien mit einer dezenten, leicht matten Struktur, die das warme Licht der indirekten Deckenbeleuchtung angenehm reflektierten. Zwischen schmalen Wandregalen standen einige Pflanzen, deren sattgrüne Blätter einen natürlichen Kontrast zu den klaren Linien der Einrichtung bildeten. Der Duft feuchter Erde vermischte sich mit dem kaum wahrnehmbaren Geruch frisch gewaschener Kleidung, dem warmen Aroma der Klimaanlage und einem Hauch süßlicher Babypflegeprodukte. Durch das breite Panoramafenster fiel der ferne Schimmer der Sterne herein. Dahinter zog langsam ein Teil der gewaltigen Konstruktion von Altrix Nova vorbei. Einzelne Transporter glitten lautlos zwischen den Ebenen der Station hindurch, ihre Positionslichter zeichneten dünne farbige Linien in die Dunkelheit des Alls. Vor uns gehörte die Welt allerdings ausschließlich zwei kleinen Menschen.
Meine Tochter hatte sich gerade an einem niedrigen Spielwürfel hochgezogen. Ihre winzigen Finger umklammerten die abgerundete Kante mit erstaunlicher Entschlossenheit. Ihre Stirn legte sich in konzentrierte Falten, während sie die Beine durchdrückte und sich mühsam aufrichtete. Für einen kurzen Augenblick stand sie tatsächlich. Ihr Oberkörper schwankte leicht nach links, dann nach rechts, als müsste sie erst noch herausfinden, wie Gleichgewicht überhaupt funktionierte. Ihre großen Augen blickten neugierig durch den Raum, als wäre sie selbst überrascht, plötzlich ein ganzes Stück größer zu sein.
Neben ihr beobachtete mein Sohn das Ganze mit sichtbarer Aufmerksamkeit. Er saß zunächst auf dem Teppich, stützte sich mit beiden Händen ab und schob sich anschließend auf die Knie. Kurz darauf folgte derselbe Versuch. Auch er griff nach einem Spielzeugkasten, zog sich daran hoch und streckte vorsichtig die Beine aus. Einen Augenblick lang sah es beinahe so aus, als würde er es schaffen. Dann verlor er das Gleichgewicht. Mit einem überraschten Laut landete er rücklings auf dem weichen Teppich. Für einen Sekundenbruchteil verzog sich sein Gesicht, als müsste er entscheiden, ob dieses Erlebnis nun erschreckend oder lustig gewesen war. Schließlich begann er zu lachen. Dieses helle, unbeschwerte Kinderlachen steckte sofort auch seine Schwester an, die sich durch ihr eigenes Kichern ebenfalls aus dem Gleichgewicht brachte und mit einem dumpfen Plumps auf dem Teppich landete.
Vanu musste lachen. Sie schüttelte leicht den Kopf, wobei einige dunkle Haarsträhnen über ihre Schulter fielen. "Sie geben wirklich nicht auf."
Ihre Stimme war ruhig und warm. Sie beobachtete die beiden mit einem Ausdruck, den ich nur schwer beschreiben konnte. Es war Stolz. Zuneigung. Bewunderung. Vielleicht alles gleichzeitig.
Valentina nickte langsam. "Sie fallen hundertmal." Sie lächelte. "Und beim hundertundersten Versuch stehen sie wieder auf."
Ich bemerkte, wie sich unwillkürlich ebenfalls ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. "Vielleicht haben sie das von ihren Eltern."
Valentina hob belustigt eine Augenbraue. "Von einem Elternteil ganz bestimmt."
Ich musste leise lachen. Es fühlte sich ungewohnt an. Nicht das Lachen selbst. Sondern wie leicht es mir plötzlich fiel. Ich lehnte mich ein wenig zurück und beobachtete die beiden Kinder weiter. Sie waren noch nicht einmal ein Jahr alt. Nicht einmal ein ganzes Jahr. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, sie eine Ewigkeit nicht gesehen zu haben. Dieser Gedanke traf mich völlig unvermittelt. Objektiv wusste ich natürlich, dass das nicht stimmte. Ich war zwischendurch immer wieder bei ihnen gewesen. Zu kurz. Viel zu kurz. Aber dennoch regelmäßig. Und trotzdem fühlte sich die Zeit vollkommen falsch an. Ich versuchte, diesen Eindruck zu greifen. Vergeblich. Mein eigenes Zeitempfinden hatte sich irgendwo auf meiner Reise verloren. Ich wusste nicht einmal mehr genau, wann das begonnen hatte. Vielleicht auf Argon Prime. Vielleicht erst später. Oder schleichend, ohne dass ich es überhaupt bemerkt hatte. Von Argon Prime war ich nach Trantor gereist. Von dort weiter nach Zura. Danach nach Nif'Nakh. Jeder Planet. Jedes Sonnensystem. Jede Kultur. Jeder Kalender. Jeder Tag. Alles funktionierte anders. Manchmal dauerte ein Tag nur unwesentlich kürzer als der Standard. Manchmal deutlich länger. Schichten wurden angepasst. Arbeitszeiten verschoben. Schlafrhythmen verändert. Flugzeiten kamen hinzu. Sprungtore übersprangen Entfernungen, aber niemals die biologische Anpassung meines Körpers. Mit jeder weiteren Reise verschwammen die Grenzen zwischen Tagen und Nächten ein wenig mehr. Selbst jetzt, obwohl ich längst wieder auf Altrix Nova war, hatte mein Körper noch immer nicht verstanden, dass diese Reise vorbei war. Ich wachte nach wie vor mitten in der Nacht auf. Nicht schweißgebadet. Nicht mehr. Diese Zeit lag inzwischen hinter mir. Die Albträume hatten aufgehört. Zumindest die meisten. Stattdessen öffnete ich einfach die Augen. Hellwach. Mein Kopf sagte mir, dass ein neuer Arbeitstag begonnen hatte. Der Chronometer behauptete allerdings das Gegenteil. Manchmal war es zwei Uhr morgens. Manchmal vier. Ein anderes Mal kurz nach Mitternacht. Dann lag ich minutenlang reglos da und wartete darauf, wieder müde zu werden. Oft vergeblich. Ich stand auf, ging zum Fenster oder arbeitete einige Berichte durch, bis mein Körper irgendwann begriff, dass eigentlich noch Nacht war. Selbst tagsüber spielte mir mein Zeitgefühl Streiche. Es kam vor, dass ich überzeugt war, erst seit wenigen Minuten an einem Projekt zu sitzen. Dann blickte ich auf die Uhr. Drei Stunden waren vergangen. An anderen Tagen erschien mir ein kompletter Nachmittag wie eine halbe Ewigkeit, obwohl objektiv kaum vierzig Minuten vergangen waren. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, ob mein Gehirn noch immer versuchte, mehrere verschiedene Tagesrhythmen gleichzeitig zu verarbeiten. Vielleicht würde sich das irgendwann wieder normalisieren. Vielleicht auch nicht. Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich jede einzelne Minute mit meiner Familie inzwischen deutlich bewusster wahrnahm. Vielleicht gerade deshalb. Weil Zeit für mich ihren gewohnten Maßstab verloren hatte.
Ich stand langsam vom Sofa auf. Der Teppich gab unter meinen Schritten leicht nach. Als ich mich den beiden Kindern näherte, bemerkten sie mich sofort. Meine Tochter streckte beide Arme nach mir aus und machte mehrere schnelle, aufgeregte Laute, die noch keine richtigen Worte waren, aber ihre Bedeutung dennoch eindeutig vermittelten. Mein Sohn folgte ihrem Blick und begann ebenfalls breit zu grinsen. Ich ging in die Hocke. Langsam. Ohne jede Hast. Mein rechtes Knie berührte zuerst den Teppich, anschließend das linke. Die weichen Fasern gaben angenehm nach. Sofort veränderte sich die Perspektive. Eben noch hatte ich auf die Kinder hinabgesehen. Jetzt befanden wir uns auf derselben Höhe. Meine Tochter krabbelte sofort los. Ihre kleinen Hände bewegten sich erstaunlich schnell über den Teppich. Das leise Rascheln ihrer Kleidung begleitete jede Bewegung. Kurz vor mir blieb sie stehen, setzte sich aufrecht hin und legte den Kopf leicht schief, als würde sie mich aufmerksam mustern.
"Na?"
Mehr brachte ich zunächst nicht heraus. Sie antwortete mit einem freudigen Quietschen. Ich hielt ihr beide Hände hin. Sie griff sofort danach. Ihre Finger waren winzig. Warm. Unglaublich weich. Mit erstaunlicher Kraft umschloss sie meinen Zeigefinger. Langsam zog sie sich daran hoch. Die kleinen Beine zitterten leicht. Ich hielt sie kaum fest. Gerade genug, damit sie sich sicher fühlte. Einen Moment später stand sie tatsächlich wieder. Diesmal etwas stabiler. Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Fast gleichzeitig hatte sich auch mein Sohn bis zu mir vorgearbeitet. Er ließ sich nicht lange bitten, sondern kletterte kurzerhand gegen mein Bein, bis ich ihn vorsichtig unter den Armen anhob. Kaum saß er auf meinem Oberschenkel, begann er sofort damit, die Verschlüsse meiner Kleidung zu untersuchen. Mit großer Konzentration strichen seine Finger über Nähte, Stoffstrukturen und kleine metallische Elemente. Alles musste angefasst, gedrückt und ausprobiert werden. Ich ließ ihn gewähren. Seine Neugier erinnerte mich auf eine fast schmerzhafte Weise an mich selbst. Während meine Tochter noch immer versuchte, auf ihren eigenen Beinen stehen zu bleiben, ließ mein Sohn plötzlich den Verschluss los und sah mir direkt ins Gesicht. Seine Augen wanderten aufmerksam über meine Züge. Dann hob er eine kleine Hand. Langsam. Fast vorsichtig. Seine Fingerspitzen berührten meine Wange. Ich hielt vollkommen still. Dieser winzige Kontakt bedeutete ihm vermutlich nichts Besonderes. Mir dagegen bedeutete er gerade alles. Für einen Augenblick verschwanden sämtliche Termine. Alle offenen Verträge. Alle Produktionsprobleme. Alle politischen Spannungen. Alle Reisen. Alle Verpflichtungen. Es gab nur diesen Raum. Vanu. Valentina. Unsere Kinder. Und das leise, zufriedene Lachen, das sich zwischen uns ausbreitete, während draußen hinter dem Fenster lautlos die Sterne an Altrix Nova vorbeizogen und die Zeit für einen kurzen Moment endlich wieder das richtige Tempo zu haben schien.

Ich stand bereits einige Minuten im Empfangsbereich des großen Andockhangars, als die automatische Anzeigetafel das Eintreffen des nächsten Transporters ankündigte. Die gewaltigen Schleusentore am anderen Ende der Halle waren noch geschlossen, doch die Kontrollanzeigen wechselten bereits von Gelb auf Grün. Dazwischen liefen Wartungsdrohnen lautlos über Führungsschienen an der Decke entlang und überprüften noch einmal die Atmosphärenwerte des Hangars. Überall herrschte geschäftiges, aber geordnetes Treiben. Frachtcontainer wurden auf schwebende Lastplattformen verladen, Techniker unterhielten sich gedämpft über Diagnosedaten, Sicherheitskräfte kontrollierten ankommende Lieferlisten, während im Hintergrund das tiefe Summen der Lebenserhaltung und der Energieverteiler wie ein gleichmäßiger Herzschlag durch die Station pulsierte.
Neben mir standen Vanu und Valentina. Beide hatten jeweils eines unserer Kinder im Arm. Vanu hielt unseren Sohn Asahi dicht an ihre Brust geschmiegt. Er schlief tief und fest. Sein kleiner Kopf ruhte an ihrer Schulter, während eine winzige Hand den Stoff ihrer Kleidung umklammerte. Mit jeder ruhigen Atembewegung hob und senkte sich sein Rücken kaum merklich. Einige seiner dunklen Haarsträhnen fielen ihm leicht über die Stirn, ohne dass ihn das auch nur im Geringsten störte. Sein Gesicht wirkte vollkommen entspannt. Die leicht geöffneten Lippen und die gleichmäßige Atmung ließen erkennen, wie tief sein Schlaf war. Valentina trug Hoshiko. Unsere Tochter hatte sich vollständig an ihre Mutter gekuschelt. Eine ihrer kleinen Wangen lag an Valentinas Hals, während ihre Arme locker vor ihrer Brust ruhten. Auch sie schlief so friedlich, dass sie selbst vom geschäftigen Treiben im Hangar nichts mitbekam. Das warme Licht der Hallenbeleuchtung ließ ihre feinen Haare leicht schimmern. Hin und wieder bewegten sich ihre Finger beinahe unmerklich, als würde sie im Schlaf nach etwas greifen, das nur sie sehen konnte. Ich betrachtete die beiden einen Moment schweigend.
Es war ein eigenartiges Gefühl. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich mir kaum vorstellen können, einmal hier zu stehen. Mit einer Familie. Mit Kindern. Mit einem Zuhause. Während um mich herum eine Raumstation arbeitete, deren Aufbau ich selbst angestoßen hatte. Manchmal erschien mir mein eigenes Leben noch immer vollkommen unwirklich. Ein leises Warnsignal erklang. Die äußeren Hangarschleusen begannen sich langsam zu öffnen. Zunächst entstand lediglich ein schmaler Spalt zwischen den gewaltigen Torsegmenten. Dahinter war zunächst nur das schwarze All zu erkennen. Erst wenige Sekunden später erschien das Schiff. Es handelte sich um den Prototypen eines Spacetrucks der UNO. Die charakteristische Rumpfform war sofort zu erkennen. Funktional. Robust. Aber elegant, offensichtlich darauf ausgelegt, selbst jahrzehntelangen Einsatz ohne größere Probleme zu überstehen. Mehrere zusätzliche Frachtmodule waren außen am Schiff befestigt. Auf den seitlichen Containern befanden sich deutlich sichtbare Kennzeichnungen der UNO. Langsam glitt das Schiff in den Hangar. Mehrere Positionsdüsen korrigierten die Fluglage um wenige Zentimeter, bevor das Landegestell schließlich die magnetische Dockplattform berührte. Ein dumpfes Vibrieren lief durch den Hallenboden. Kurz darauf verriegelten die Halteklammern. Atmosphärendruck. Schleusenfreigabe. Andockerlaubnis. Alle Anzeigen wechselten nacheinander auf Grün. Ich bemerkte, wie sich beinahe automatisch ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Sie waren tatsächlich zurück. Wohlbehalten. Die Schleusentür öffnete sich langsam. Kurz darauf erschienen schließlich zwei Gestalten, die ich sofort erkannte. Kon Mah. Und Thovareus. Ich setzte mich unmittelbar in Bewegung. Beide bemerkten mich zunächst gar nicht, da sie sich noch mit einem teladianischen Frachtoffizier unterhielten. Erst als ich nur noch wenige Meter entfernt war, hob Kon Mah den Blick. Für einen kurzen Augenblick blieb er wie angewurzelt stehen. Seine Augen wurden sichtbar größer. Er blinzelte. Dann sah er mich noch einmal an. Offensichtlich glaubte er zunächst, sich geirrt zu haben.
"Tori...?" Seine Stimme klang ehrlich überrascht.
Ich musste unwillkürlich lachen. "Ja."
Noch bevor er etwas erwidern konnte, trat ich direkt auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Willkommen zurück."
Kon Mah schüttelte langsam den Kopf. "Ich... ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dich hier anzutreffen."
Noch bevor ich antworten konnte, hatte sich inzwischen auch Thovareus zu uns umgedreht. Der Teladi riss die Augen so weit auf, wie ich es bei seiner Spezies bisher nur selten gesehen hatte. Sein langer Hals streckte sich ein Stück nach vorne, während sein Blick mehrfach zwischen meinem Gesicht und dem Rest meines Körpers hin und her wanderte.
"Sssie leben." Seine Stimme verriet unverkennbar Überraschung. "Sssie leben tatsssächlich."
Ich nickte. "Offenbar."
Thovareus schüttelte langsam den Kopf. "Nach allem, wasss wir gehört haben..." Er unterbrach sich selbst. "...hätte ich nicht erwartet, Sssie hier anzutreffen."
Ich lächelte leicht. "Das kann ich mir vorstellen."
Nun trat auch Vanu mit Asahi im Arm näher, dicht gefolgt von Valentina. Beide lächelten freundlich. Kon Mahs Blick fiel sofort auf die beiden schlafenden Kinder. Seine ohnehin überraschte Miene wurde noch etwas sprachloser.
"Einen Moment..." Er deutete vorsichtig auf Asahi. "Und..." Sein Blick wanderte zu Hoshiko. "...das sind..."
"Unsere Kinder." Ich sprach die Worte vollkommen selbstverständlich aus.
Dennoch fühlten sie sich noch immer ungewohnt an. Kon Mah sah erst mich an. Dann Vanu. Dann Valentina. Dann wieder die Kinder. Schließlich musste er lachen. Ich grinste. Selbst Thovareus schien für einen Moment keine passende Antwort zu finden. Seine schmalen Augen ruhten aufmerksam auf den schlafenden Babys.
"Sssie sssind erssstaunlich klein."
Valentina lächelte. "Das ist bei Babys normalerweise so."
Der Teladi legte leicht den Kopf schief. "Sssie sssind trotzdem beeindruckend."
Ich bemerkte, dass sich die erste Überraschung langsam legte. Stattdessen trat jene Mischung aus Neugier und Erleichterung ein, die ich bei beiden nur allzu gut kannte.
Ich sah Kon Mah an. "Ich bin wirklich froh, euch beide wiederzusehen." Meine Stimme wurde etwas ruhiger. "Nachdem sich auf und um Nif'Nakh alles überschlagen hatte..." Ich schüttelte leicht den Kopf. "...habe ich mir ehrlich Sorgen gemacht."
Kon Mah nickte langsam. "Das ging uns genauso." Er musterte mich noch einmal. "Wir wussten nicht, was aus dir geworden ist."
Ich atmete einmal tief durch. "Es ist... kompliziert."
"Das glaube ich sofort."
Ich deutete schließlich in Richtung einer Sitzgruppe am Rand des Hangars. "Wollen wir uns setzen?"
Beide nickten. Wenig später saßen wir gemeinsam an einem der großen Tische. Die Kinder schliefen noch immer tief und fest. Lediglich Asahi bewegte kurz eine Hand, ohne dabei aufzuwachen. Ich begann zu erzählen. Nicht hastig. Sondern Schritt für Schritt. Von den Ereignissen auf den Terraformerschiff. Von den Entscheidungen, die ich treffen musste. Von den Gefahren. Von den Verlusten. Von den unerwarteten Wendungen. Doch behielt ich vieles für mich. Immer wieder bemerkte ich, wie sich Kon Mah und Thovareus ungläubige Blicke zuwarfen. Mehrfach öffnete Kon Mah den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder. Thovareus bewegte mehrmals langsam seinen Schwanz über den Boden, ein sicheres Zeichen dafür, dass er intensiv nachdachte. Als ich schließlich endete, herrschte einige Sekunden lang völlige Stille.
Kon Mah atmete hörbar aus. "Wenn ich ehrlich bin..." Er rieb sich langsam über das Kinn. "...kommt mir unsere Rückreise dagegen fast lächerlich vor."
Ich hob fragend eine Augenbraue. "Wieso?"
Er lachte leise. "Weil absolut nichts passiert ist."
Nun musste auch ich schmunzeln. "Gar nichts?"
Er schüttelte den Kopf. "Nicht das Geringste."
Thovareus nickte zustimmend. "Wir hatten ausssgesssprochen angenehme Reisssebedingungen." Der Teladi verschränkte die Klauen locker ineinander. "Nachdem wir Nif'Nakh verlasssen hatten, wurden wir einem größeren teladianissschen Handelssskonvoi zugeteilt."
"Sicherheit durch Masse?" fragte ich.
"Ganz genau." Er nickte. "Der Konvoi transssportierte überwiegend landwirtssschaftliche Güter. Unter anderem mehrere große Lieferungen Sonnenblumen."
Ich musste kurz überlegen. "Dann waren die also für die UNO bestimmt."
"Genau." Thovareus zeigte ein zufriedenes Zähneblecken. "Die Ladung war für Ihre Produktionsssketten vorgesssehen."
Kon Mah lehnte sich entspannt zurück. "Der Konvoi war groß genug, dass sich praktisch niemand mit uns anlegen wollte."
"Piraten?" fragte ich.
"Keine."
"Kontrollen?"
"Routine."
"Technische Probleme?"
"Weder bei uns noch bei den anderen Schiffen."
Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. "Das klingt tatsächlich ausgesprochen unspektakulär."
Kon Mah grinste. "Genau deshalb meinte ich ja, dass unsere Reise gegen deine Geschichte wie ein Nickerchen wirkt."
Selbst Thovareus gab ein leises, kehliges Lachen von sich. "Wir haben gegessen." zählte der Teladi beinahe demonstrativ auf. "Geschlafen. Handelsberichte gelesen. Noch einmal gegessen. Und irgendwann waren wir hier."
Nun musste ich wirklich lachen. Nach allem, was in den vergangenen Monaten geschehen war, wirkte diese Beschreibung beinahe surreal. Zum ersten Mal seit langer Zeit hörte ich jemanden von einer Reise berichten, die tatsächlich einfach nur eine Reise gewesen war. Keine Katastrophen. Keine Kämpfe. Keine politischen Krisen. Keine lebensgefährlichen Entscheidungen. Nur ein ruhiger Flug innerhalb eines gut geschützten Handelskonvois. Und aus irgendeinem Grund tat genau diese Normalität gerade ausgesprochen gut. Denn sie erinnerte mich daran, dass das Universum nicht ausschließlich aus Krisen bestand. Manchmal brachte ein Schiff schlicht Sonnenblumen zu einer Raumstation, zwei Freunde kehrten gesund zurück und man konnte sich gemeinsam darüber freuen, dass am Ende alle wieder am selben Ort angekommen waren.

Das Klatschen der Ohrfeige durchschnitt die ruhige Atmosphäre der privaten Messe mit einer solchen Wucht, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde glaubte, das Geräusch müsse von den metallischen Wänden zurückgeworfen werden. Es war kein besonders lauter Raum. Im Gegenteil. Die kleine Messe war bewusst von den öffentlichen Bereichen Altrix Novas getrennt worden. Hier aß ausschließlich die Führungsriege der UNO, wenn vertrauliche Gespräche geführt werden mussten oder man einfach einmal ungestört zusammensitzen wollte. Die Beleuchtung war angenehm warm gehalten. Schmale Lichtleisten verliefen entlang der Decke und tauchten die hellen Holzoberflächen der Tische in ein sanftes bernsteinfarbenes Licht. Zwischen den Sitzgruppen standen große Pflanzgefäße mit dunkelgrünen Blättern, die dem Raum etwas Natürliches verliehen. Aus der offenen Küche zog der Duft frisch zubereiteter Speisen herüber. Geröstetes Gemüse, angebratener Reis, Gewürze und frisches Brot vermischten sich zu einem Geruch, der normalerweise sofort Appetit machte. Die gesamte Stirnseite des Raumes bestand aus einem einzigen riesigen Panoramafenster. Dahinter lag Trantor. Der Planet nahm beinahe das gesamte Sichtfeld ein. Weiße Wolkenbänder zogen langsam über die blau schimmernden Ozeane hinweg. Zwischen den Kontinenten glitzerten Sonnenreflexe wie flüssiges Silber. Selbst aus dieser Entfernung wirkte Trantor lebendig. Friedlich. Ein krasser Gegensatz zu dem, was sich gerade direkt hinter mir abgespielt hatte. Kon Mah hatte den Schlag nicht kommen sehen. Sein Kopf wurde ruckartig zur Seite geschleudert. Einige Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht. Der Abdruck von Maris Hand zeichnete sich bereits als rötliche Verfärbung auf seiner Wange ab. Für einen kurzen Augenblick herrschte völlige Stille. Nicht einmal das leise Klirren des Bestecks war noch zu hören. Ich sah zu Mari. Ihre rechte Hand war noch leicht erhoben. Die Finger zitterten. Nicht vor Wut. Sondern weil sie selbst offenbar überhaupt nicht begriff, was sie gerade getan hatte. Ihre Augen waren weit geöffnet. Der Atem ging sichtbar schneller. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen, während ihr Blick zwischen ihrer eigenen Hand und Kon Mahs Gesicht hin und her wanderte. Dann schien der Augenblick sie einzuholen. Sie ließ den Arm sofort sinken.
"Oh Gott..." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Oh Gott... Kon..." Sie machte einen kleinen Schritt zurück. Ihre Schultern sackten zusammen. "Es tut mir leid." Sie schüttelte hektisch den Kopf. "Es... es tut mir wirklich leid." Noch einmal. "Ich..." Ihre Stimme brach kurz. "Ich weiß nicht..." Sie presste sich eine Hand vor den Mund. "Ich weiß nicht, was gerade in mich gefahren ist."
Ihre Augen wurden feucht. Sie wirkte vollkommen aufgelöst. Kon Mah hatte sich inzwischen langsam wieder aufgerichtet. Er hob eine Hand an seine gerötete Wange, rieb vorsichtig über die schmerzende Stelle und sah Mari lange schweigend an. Keine Wut. Kein Vorwurf. Nur ein erschöpfter Ausdruck. Ich kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, was gerade in ihm vorging. Er hatte mit genau so etwas gerechnet. Vielleicht nicht mit einer Ohrfeige. Aber mit irgendeiner Form von emotionalem Ausbruch. Thovareus saß regungslos auf seinem Platz. Seine goldgelben Augen wanderten ruhig zwischen uns allen hin und her. Der Teladi sagte kein einziges Wort. Er musste es auch nicht. Wir drei wussten alle ganz genau, weshalb Mari die Beherrschung verloren hatte. Es hatte nichts mit Kon persönlich zu tun. Nicht wirklich. Es ging um ihren Bruder. Shishido Kuran. Allein der Gedanke ließ die Erinnerungen wieder in mir aufsteigen. Die hektischen Warnmeldungen. Das Auftauchen des Piratenschiffes. Die Erkenntnis, wer dort tatsächlich das Kommando führte. Die kurzen Sekunden, in denen sämtliche Optionen durch meinen Kopf gerast waren. Flucht. Verhandlungen. Gegenwehr. Keine davon hatte funktioniert. Kuran hatte angegriffen. Nicht gezögert. Nicht verhandelt. Nicht gedroht. Er hatte unmittelbar versucht, uns auszuschalten. Mir war damals klar gewesen, dass wir nur einen einzigen kleinen Vorteil besaßen. Den EMP. Keine tödliche Waffe. Zumindest war das nie die Absicht gewesen. Der elektromagnetische Impuls sollte lediglich die Systeme des Schiffes außer Gefecht setzen. Zeit verschaffen. Mehr nicht. Ich erinnerte mich noch genau an den Augenblick. Ich hatte den Befehl gegeben. Der Impuls traf. Die Energieversorgung brach zusammen. Antrieb. Steuerung. Navigation. Alles fiel gleichzeitig aus. Das Piratenschiff war plötzlich nichts weiter als eine tonnenschwere Metallmasse. Und direkt davor befand sich das Asteroidenfeld. Es war unmöglich gewesen, die Kontrolle rechtzeitig wiederzuerlangen. Wir hatten zusehen müssen. Sekunde für Sekunde. Bis das Schiff schließlich mit voller Geschwindigkeit gegen den Felsen geprallt war. Die Explosion selbst war vergleichsweise klein gewesen. Der Aufprall hatte bereits genügt. Niemand hatte überlebt. Nach außen hatte Kon Mah anschließend sämtliche Verantwortung übernommen. Er hatte erklärt, die Entscheidung getroffen zu haben. Er hatte sämtliche Berichte unterschrieben. Jede Befragung beantwortet. Jede Untersuchung über sich ergehen lassen. Nicht, weil es stimmte. Sondern weil er mich schützen wollte. Ich hatte mehrfach versucht, ihn davon abzubringen. Ohne Erfolg.
Er hatte mich lediglich angesehen und gesagt: "Du wirst noch gebraucht."
Damit war für ihn alles gesagt gewesen. Mari wusste inzwischen ebenfalls, was geschehen war. Nicht jedes einzelne Detail. Aber genug. Sie wusste, dass ihr Bruder tot war. Sie wusste auch, dass Kon offiziell die Verantwortung trug. Und sie wusste vermutlich ebenso gut wie wir, dass die Wahrheit komplizierter war. Sie atmete mehrmals tief ein. Ihre Schultern bebten leicht.
"Kon..." Ihre Stimme war kaum noch hörbar. "Es tut mir leid." Sie machte einen weiteren vorsichtigen Schritt auf ihn zu. "Ich wollte das nicht." Sie schüttelte erneut den Kopf. "Wirklich nicht." Ihre Augen füllten sich jetzt endgültig mit Tränen. "Ich habe dich gesehen..." Sie rang sichtbar nach Worten. "...und plötzlich..." Sie legte sich beide Hände gegen die Stirn. "Ich weiß nicht. Ich habe einfach..." Sie schloss kurz die Augen. "...zugeschlagen."
Kon ließ seine Hand langsam von der Wange sinken. Er betrachtete Mari lange. Dann atmete er ruhig aus. "Ich verstehe."
Mehr sagte er zunächst nicht. Mari sah ihn ungläubig an. "Nein." Sie schüttelte sofort den Kopf. "Nein, das kannst du nicht."
"Doch." Seine Stimme blieb erstaunlich ruhig. "Ich glaube schon."
Sie ließ den Blick sinken. "Ich hasse ihn." Dieser Satz kam so leise, dass ich ihn beinahe überhört hätte. Sie sprach weiter. "Das klingt schrecklich." Ihre Finger verkrampften sich ineinander. "Aber ich hasse ihn." Sie schluckte. "Seit Jazuras." Sie hob langsam den Kopf. "Er war mein Bruder." Eine kurze Pause entstand. "Meine letzte Familie." Sie presste die Lippen fest zusammen. "Und trotzdem..." Ihre Stimme wurde brüchig. "...weiß ich nicht einmal, ob ich wirklich um ihn trauere." Niemand unterbrach sie. Sie brauchte diese Worte. "Als unsere Eltern starben..." Sie starrte auf die Tischplatte. "...hieß es immer, es wären Unfälle gewesen." Sie lachte bitter. "So viele Zufälle." Ihre Finger zitterten. "Zu viele."
Ich erinnerte mich daran, wie oft dieses Gerücht bereits die Runde gemacht hatte. Niemand hatte jemals Beweise gefunden. Nicht einen einzigen. Und doch war die Geschichte nie verstummt. Immer wieder behaupteten ehemalige Bekannte der Familie, Kuran habe den Tod der Eltern selbst arrangiert. Sorgfältig geplant. Wie Unfälle aussehen lassen. Um möglichst früh an das Familienvermögen zu gelangen. Niemals bewiesen. Aber ebenso wenig widerlegt.
Mari schloss kurz die Augen. "Danach verschwand er." Ihre Stimme wurde fester. "Er nahm alles mit. Das Geld. Die Rücklagen. Einfach alles." Sie lachte erneut. Diesmal klang es vollkommen leer. "Und was blieb mir?" Sie beantwortete ihre Frage selbst. "Schulden. Ein heruntergewirtschafteter Argnu-Zuchtbetrieb. Verträge. Gläubiger. Und niemand, der helfen wollte." Ich bemerkte, wie sie unbewusst ihre Arme um den eigenen Oberkörper legte. Nicht, weil ihr kalt war. Sondern weil sie Halt suchte. "Damals dachte ich..." Sie hielt kurz inne. "...ich würde das niemals schaffen." Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs. "Dann lernte ich Martin kennen." Allein sein Name veränderte ihren gesamten Gesichtsausdruck. Er stand in diesem Moment hinter ihr und hatte beide Hände auf ihre Schultern gelegt. Die Anspannung wich nicht vollständig. Aber sie verlor ihre Schärfe. "Er hat mich nie gefragt, ob sich der Betrieb lohnt." Sie lächelte schwach. "Nie gefragt, wie viele Schulden ich habe. Nie gefragt, warum meine Familie so ist." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Er blieb einfach."
Martin van Count. Ehemaliger Militär. Kon Mahs früherer Kamerad. Ein Mann, der selten viele Worte machte, dafür aber umso entschlossener handelte. Er hatte Mari nicht gerettet. Das hätte sie vermutlich selbst entschieden zurückgewiesen. Er hatte ihr lediglich geholfen, sich selbst wieder aufzurichten. Gemeinsam hatten sie den Argnu-Betrieb modernisiert. Schritt für Schritt. Wozura für Wozura. Mazura für Mazura. Bis daraus wieder ein funktionierendes Unternehmen geworden war.
Mari wischte sich über die Augen. "Als ich gehört habe, dass Kuran tot ist..." Sie blickte zu Boden. "...war da zuerst überhaupt nichts. Keine Trauer. Keine Erleichterung. Einfach nichts." Sie hob langsam den Blick. "Dann habe ich Kon gesehen." Ihre Augen ruhten auf der geröteten Wange. "Und plötzlich war alles gleichzeitig da. Wut. Enttäuschung. Schuld. Verwirrung." Sie schloss erneut kurz die Augen. "Nicht wegen dir." Sie sah Kon direkt an. "Ehrlich nicht. Ich glaube..." Sie rang wieder nach Worten. "...ich habe jemanden gebraucht, auf den ich diese Gefühle für einen Augenblick richten konnte."
Kon nickte langsam. "Das weiß ich."
Er erhob sich schließlich von seinem Platz. Mari wirkte sofort verunsichert. Sie machte unbewusst einen kleinen Schritt zurück. Kon blieb jedoch direkt vor ihr stehen. Dann legte er ihr lediglich eine Hand auf die Schulter.
"Dein Bruder hat seine Entscheidung getroffen." Seine Stimme blieb ruhig. "Wir mussten unsere treffen."
Mari begann erneut zu weinen. Diesmal allerdings nicht mehr unkontrolliert. Sondern leise. Erschöpft. Fast erleichtert. Ich beobachtete die beiden schweigend. Mir wurde erneut bewusst, wie selten es im Leben tatsächlich klare Schuldige und klare Unschuldige gab. Manche Entscheidungen hinterließen keine Sieger. Nur Menschen, die mit ihren Konsequenzen weiterleben mussten. Und genau das taten wir in diesem Augenblick alle – jeder auf seine eigene Weise, mit seinen eigenen Erinnerungen und seinen eigenen Wunden.

Dann vibrierte Maris Kommunikationsmodul. Nicht laut. Nur ein kurzes, hartes Pulsieren an der Innenseite ieines Unterarms, direkt dort, wo die Schnittstelle der UNO-Kommunikation in die neural gekoppelte Oberfläche der Argon-Systeme überging. Ein kaltes, digitales Ziehen, gefolgt von einem visuellen Overlay, das sich wie ein dünner Schleier über ihr Sichtfeld legte.
Es war subtil. Die Luft schien für einen Moment schwerer zu werden, als hätte jemand die Temperatur minimal abgesenkt. Die Beleuchtung der privaten Messe blieb zwar konstant, dieses warme, goldene Licht, das über die Tischoberflächen glitt, aber es wirkte plötzlich anders, schärfer an den Kanten der Schatten. Mari hatte noch immer Tränen auf den Wangen, Kon stand vor ihr, seine Hand lag ruhig auf ihrer Schulter, und selbst Thovareus hatte seine typische reglose Haltung beibehalten, doch etwas in der Dynamik verschob sich, kaum wahrnehmbar und doch eindeutig.
Dringlichkeitsstufe: hoch.
Absender: Argon Prime, sekundäre Verwaltungsleitung der Argnu-Industriekooperation.
Sie öffnete die Nachricht nicht sofort. Notfallprotokolle hatten eine eigene Signatur. Sie waren nie neutral. Sie trugen immer eine Art implizite Gewalt in sich, selbst bevor man die Worte sah. Mari bemerkte meine minimale Reaktion zuerst. Ihre Augen, noch feucht, richteten sich auf mich.
"Was ist?" fragte ich.
Ihre Stimme war instabil, aber sie versuchte sich zu kontrollieren. Ihre Hände hatten sich inzwischen wieder gelöst, hingen jedoch noch leicht angespannt an ihren Seiten, als wüsste ihr Körper nicht, wohin mit der restlichen Spannung. Sie aktivierte die Anzeige. Der Text entfaltete sich vor aller Blickfeld in klaren, kalten Linien in den Raum hinein als Hologramm.

ARGNU-RANCH ARGON PRIME
KRITISCHER SYSTEMAUSFALL
MEHRERE SEKTOREN KOMPLETT ZERSTÖRT
ENERGIEKERN-DETONATION BESTÄTIGT
TEILVERLUST DER PRODUKTIONSKETTE: 94 PROZENT
VERDACHT AUF SABOTAGE
AUTOR: UNBEKANNT
BEKENNERSIGNAL: SHISHIDO KURAN

Der Name stand dort, als wäre er eine physikalische Tatsache. Nicht als Vermutung. Nicht als Interpretation. Als Behauptung eines Systems, das normalerweise keine Unsicherheiten zuließ. Ich spürte, wie sich Mari neben mir veränderte, noch bevor sie die Worte selbst gesehen hatte. Ihr Atem stoppte kurz, dann setzte er ruckartig wieder ein, als hätte jemand ihr die Luft kurz entzogen.
"Nein..." Sie machte einen Schritt nach vorne, ohne wirklich zu gehen. Ihre Augen fixierten mein Gesicht. "Nein, sag mir nicht..."
Sie ließ die Projektion offen. Das war ein Fehler. Oder vielleicht das einzige Richtige in diesem Moment. Kon trat einen halben Schritt zurück. Thovareus’ Augen verengten sich minimal, sein Körper blieb aber vollkommen ruhig, nur seine Finger bewegten sich einmal langsam über die Tischkante, ein kaum wahrnehmbares Zeichen von innerer Verarbeitung. Mari griff plötzlich nach ihrem Armband. Nicht aggressiv. Eher instinktiv. Als könnte sie den Inhalt physisch zurückhalten. Die Projektion sprang in ihren Sichtmodus. Und in dem Moment, in dem sie es verstand, veränderte sich alles an ihr. Ihr Gesicht verlor zuerst die Farbe. Nicht dramatisch, sondern schrittweise, als würde jemand die Sättigung aus einer Bildaufnahme ziehen. Ihre Lippen wurden schmal, ihre Augen weiteten sich, und die zuvor noch vorhandene emotionale Instabilität verschob sich in etwas völlig anderes. Kälte. Dann Unglauben. Dann etwas, das ich nicht sofort einordnen konnte. Sie las die Zeilen ein zweites Mal. Ihre Finger hatten begonnen zu zittern.
"Das ist ein Fehler." Ihre Stimme klang jetzt hohl. "Das kann nicht stimmen."
Martin sah über ihre Schulter auf die Anzeige. Sein Blick verharrte auf dem Becken der Worte.

BEKENNERSIGNAL: SHISHIDO KURAN

Er schloss kurz die Augen. Ein einziger, kontrollierter Atemzug. Dann öffnete er sie wieder. "Es ist eine Signaturübertragung." Seine Stimme war ruhig, aber schwerer als zuvor.
Mari drehte sich zu ihm um. "Du glaubst das?" Sie lachte kurz auf. Ein Geräusch ohne Humor.
"Mari, er ist tot." Kon zeigte auf den Text. "Wir haben ihn gesehen." Seine Hand zitterte leicht. "Ich habe gesehen, wie dieses Schiff zerschellt ist."
Ich bemerkte, wie sich in meinem eigenen Kopf automatisch die physikalischen Parameter der damaligen Situation wieder zusammensetzten. Geschwindigkeit, Einschlagswinkel, Energieverlust. Keine Rettungsfenster. Keine plausible Fluchtzeit. Das Ergebnis blieb konstant, egal wie oft man die Variablen neu durchlief. Tot. Logisch. Ende. Und trotzdem stand sein Name hier. Kon antwortete nicht sofort. Er sah nur weiter auf die Nachricht.
Dann sagte er leise: "Ein Bekenner ist keine Identität."
Mari runzelte die Stirn. "Was soll das heißen?"
Ich übernahm unbewusst die Erklärung, weil ich merkte, dass der Raum bereits begann, sich in Richtung emotionaler Eskalation zu bewegen. "Es bedeutet, dass die Nachricht von einem System stammt, das vorgibt, für ihn zu sprechen."
Mari starrte mich an. "Das ergibt keinen Sinn."
"Doch." Kon trat näher an die Projektion heran. "Jemand kann seine Signatur verwenden."
Mari schüttelte den Kopf. "Warum sollte jemand das tun?"
Die Antwort lag offen im Raum, aber niemand sprach sie sofort aus. Ich spürte es zuerst als unangenehme logische Lücke. Dann formte es sich. Politisch. Symbolisch. Absichtlich. Eine Ranch auf Argon Prime war kein zufälliges Ziel. Argnu-Produktion war Versorgungskette, Stabilität, Marktstruktur. Ein Schlag dort war kein Angriff auf Besitz. Es war ein Angriff auf Versorgungssicherheit.
Martin sah es mir an. "Das ist ein Anschlag." Seine Stimme wurde wieder schärfer. "Das ist kein Zufall."
Kon nickte langsam. "Ja."
Thovareus sprach zum ersten Mal. Seine Stimme war ruhig, fast analytisch. "Die Frage issst nicht nur wer." Eine kurze Pause. "Sssondern ob jemand Kuran benutzt oder ob er noch exissstiert."
Dieser Satz hing schwer im Raum. Mari wurde blass. "Nein." Sie schüttelte sofort den Kopf. "Nein, nein, nein." Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. "Er ist tot." Ihre Stimme brach fast. "Er ist tot, er muss tot sein."
Ich bemerkte, wie sich meine eigene Wahrnehmung kurz verschob. Nicht emotional. Sondern strukturell. Wenn eine eindeutige physikalische Realität durch ein solches Signal widersprochen wurde, blieb nur eine von drei Möglichkeiten: Fehler im Bericht. Manipulation der Datenkette. Oder eine externe Instanz, die bewusst Realität simulierte.
Kon sah mich an. Ich wusste, was er fragte, ohne dass er es aussprach. Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen blickte ich auf die Nachricht zurück, auf das kalte, sterile Feld der Dringlichkeitsmeldung, und auf den Namen, der dort stand wie ein Schatten in einer ansonsten klaren Struktur. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass die Situation einfach nur kompliziert war. Sondern dass jemand aktiv an den Grundannahmen des Systems arbeitete, in dem wir uns bewegten.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 60 - Veränderungen

Die Wozuras vergingen schneller, als ich es zunächst wahrnahm. Inzwischen ertappte ich mich sogar dabei, diesen Begriff ganz selbstverständlich zu verwenden. Wenn jemand fragte, wie lange etwas zurücklag, dachte ich nicht mehr automatisch in Wochen, sondern antwortete ohne nachzudenken mit "zwei Wozuras" oder "vor einer Wozura". Es war erstaunlich, wie schnell sich Gewohnheiten verändern konnten, wenn man lange genug von einer völlig anderen Kultur umgeben war. Viel schwieriger als die neuen Begriffe war allerdings die Zeitrechnung selbst. Obwohl ich inzwischen wusste, wie sie funktionierte, spielte mir mein terranisches Denken immer wieder einen Streich. Ich stand vor dem breiten Panoramafenster meines Büros auf Altrix Nova und beobachtete schweigend den langsamen Verkehr außerhalb der Station. Mehrere Transporter glitten in geordneten Bahnen an der Station vorbei. Ein schwer beladener Frachter der Teladi beschleunigte gemächlich in Richtung Sprungtor, während mehrere UNO-Patrouillenschiffe ihre festen Kontrollrouten flogen. Die Triebwerke hinterließen bläulich schimmernde Ionenfahnen, die sich langsam im Schwarz des Alls verloren. Im Inneren meines Büros war es angenehm ruhig. Nur das leise Summen der Klimaanlage und das kaum hörbare Brummen der Projektoren begleiteten meine Gedanken. Mein Blick fiel auf die Uhranzeige meiner Armschiene. Noch zwei Mizuras. Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Noch immer ertappte ich mich dabei, eine Stazura automatisch mit einer terranischen Stunde gleichzusetzen. Dabei wusste ich längst, dass eine Stazura viereinhalb terranischen Stunden entsprach. Rational war mir das vollkommen klar. Mein Unterbewusstsein schien sich jedoch hartnäckig dagegen zu wehren. Immer wieder überschlug ich Termine falsch. Was ich für einen kurzen Zeitraum hielt, waren plötzlich mehrere Stunden. Manchmal bereitete ich mich auf eine Besprechung vor, nur um festzustellen, dass sie längst begonnen hatte. Ein anderes Mal erschien ich deutlich zu früh und wunderte mich, weshalb die Räume noch leer waren. Anfangs war mir das ausgesprochen unangenehm gewesen. Gerade als Leiter der UNO konnte ich mir solche Fehler eigentlich nicht leisten. Zum Glück hatte ich meine Armschiene. Seit dem ersten größeren Terminchaos speicherte ich konsequent jeden einzelnen Termin unmittelbar nach seiner Vereinbarung ein. Die künstliche Intelligenz der Schiene wandelte sämtliche Zeitangaben automatisch in die jeweils benötigte Zeitrechnung um, berechnete Differenzen zwischen terranischen Stunden, Stazuras, Mizuras und Tazuras und erinnerte mich rechtzeitig mit mehreren Warnstufen. Inzwischen vertraute ich dem System mehr als meinem eigenen Zeitgefühl. Mehr als einmal hatte mich die dezente Vibration an meinem Unterarm davor bewahrt, zu spät zu erscheinen. Ich hob den Arm und betrachtete die holografische Oberfläche. Der Tagesplan war dicht gefüllt. Gespräche mit der Versorgungsabteilung, Abstimmungen mit den Werften, Besprechungen über neue Handelsrouten und mehrere technische Präsentationen wechselten sich beinahe lückenlos ab. Zwischen all diesen Einträgen befanden sich jedoch auch bewusst eingeplante Freiräume. Zeit für meine Familie. Zeit, um mit Vanu, Valentina und den Kindern zusammen zu sein. Diese Termine standen inzwischen genauso unverrückbar in meinem Kalender wie jede offizielle Sitzung. Ein leises Signal kündigte den nächsten Besucher an. Die Tür öffnete sich nahezu lautlos. Martin van Count trat ein. Wie immer bewegte sich der ehemalige Soldat mit einer Ruhe, die beinahe schon selbstverständlich wirkte. Seine Bewegungen waren kontrolliert, weder hektisch noch langsam. Er trug einfache Arbeitskleidung, deren Ärmel leicht hochgekrempelt waren. An seinen Händen hafteten noch feine Spuren dunkler Erde. Offenbar kam er direkt aus einem der neuen Agrarbereiche der Station.
"Guten Morgen."
"Guten Morgen, Martin."
Er trat an das Fenster und verschränkte locker die Arme vor der Brust.
"Ich wollte dir etwas zeigen."
Er aktivierte sein Datenpad. Mehrere Baupläne erschienen als Hologramm zwischen uns. Zunächst erkannte ich nur Versorgungstanks, Wasserleitungen und Belüftungssysteme. Erst nach wenigen Sekunden verstand ich, worauf ich blickte. Argnu-Ställe. Oder besser gesagt... Argnu-Habitate. Deutlich größer. Moderner. Mit automatischer Fütterung, tiermedizinischen Bereichen und großflächigen Weideabschnitten unter künstlichem Himmel.
"Das sieht beeindruckend aus."
Martin nickte zufrieden. "War nicht leicht." Er vergrößerte einen der Bauabschnitte. "Vor allem die Schwerkraftanpassung."
Ich betrachtete die Daten. "Argnus sind an planetare Bedingungen gewöhnt."
"Genau." Martin deutete auf mehrere Messwerte. "Wir mussten Bodenbeschaffenheit, Luftfeuchtigkeit und sogar den Mineralgehalt anpassen."
Ich nickte langsam. "Und Mari?"
Zum ersten Mal lächelte Martin etwas breiter. "Sie hat zugestimmt."
Ich sah ihn überrascht an. "Wirklich?"
"Ja." Er lehnte sich gegen den Tisch. "Hat allerdings eine Weile gedauert."
Das konnte ich mir gut vorstellen. Nach allem, was geschehen war, hatte Mari ihre Ranch auf Argon Prime nie einfach als Arbeitsplatz betrachtet. Sie war das Vermächtnis ihrer Eltern gewesen. Der Ort, an dem sie aufgewachsen war. Der Ort, den sie trotz aller Rückschläge niemals hatte aufgeben wollen.
"Wie hast du sie überzeugt?"
Martin schwieg einige Sekunden. Nicht weil er überlegen musste. Sondern weil ihm offenbar wichtig war, die richtigen Worte zu finden.
"Eigentlich gar nicht." Ich hob fragend eine Augenbraue. "Ich habe ihr nur eine Frage gestellt."
"Welche?"
Er sah hinaus auf die vorbeiziehenden Schiffe. "Ich habe gefragt, was ihr Vater damals wirklich wollte."
Ich sagte nichts. Martin sprach ruhig weiter. "Nicht welchen Hof. Nicht welches Gebäude. Nicht welches Grundstück." Er schüttelte leicht den Kopf. "Sondern welchen Traum."
Ich begann zu verstehen. "Und?"
Martin lächelte. "Sie wusste die Antwort sofort." Er blickte mich an. "Ihr Vater wollte seine Produkte bis zu den Sternen liefern." Die Worte blieben einen Moment zwischen uns stehen. "Ich habe ihr gesagt, dass ein Erbe kein Ort ist." Martin sprach inzwischen beinahe nachdenklich. "Ein Erbe ist das, was man weiterführt." Er deutete auf die Baupläne. "Wenn sie hier Argnus züchtet, dann erfüllt sie seinen Traum, nicht seinen alten Standort."
Ich musste unwillkürlich lächeln. "Das passt zu ihr."
Martin nickte. "Sie hat lange geweint." Ich schwieg. "Nicht weil sie loslassen musste." Er sah erneut auf die Pläne. "Sondern weil ihr zum ersten Mal klar wurde, dass Loslassen nicht bedeutet, etwas zu verlieren."
Ich dachte an die zerstörte Ranch. An die Explosion. An die verbrannten Gebäude. An all die Erinnerungen. Vielleicht brauchte es genau diesen Gedanken, um endlich nach vorne blicken zu können.
Einige Tage später begleitete ich Martin in den neuen Agrarbereich. Schon bevor sich die Drucktüren öffneten, nahm ich den vertrauten Geruch wahr. Feuchte Erde. Frisches Heu. Warme Luft. Dazu kam der unverwechselbare Geruch der Argnus selbst. Nicht unangenehm. Erdverbunden. Natürlich. Ein Geruch, der in starkem Kontrast zu den sterilen Metallkorridoren der Station stand. Als sich die Tore vollständig öffneten, blieb ich für einen Moment stehen. Der Bereich war beeindruckend geworden. Über mehrere Decks hinweg erstreckten sich künstliche Weideflächen. Sanft geschwungene Hügel wechselten sich mit kleinen Wasserstellen ab. Zwischen ihnen wuchsen speziell gezüchtete Gräser, deren Nährstoffzusammensetzung exakt den Bedingungen auf Argon Prime entsprach. Hoch über uns erzeugten riesige Lichtfelder einen künstlichen Himmel. Langsame Wolkenprojektionen wanderten gemächlich darüber hinweg und ließen beinahe vergessen, dass wir uns tief im Inneren einer Raumstation befanden. Mehrere Argnus grasten bereits friedlich. Ihre tiefen Atemgeräusche vermischten sich mit dem Rascheln des Grases. Nicht weit entfernt kniete Mari zwischen einigen Jungtieren. Sie bemerkte uns zunächst gar nicht. Mit erstaunlicher Geduld untersuchte sie eines der Tiere, strich ihm ruhig über den Hals und sprach dabei mit leiser Stimme auf das Argnu ein. Erst als Martin seinen Namen sagte, blickte sie auf. Ein ehrliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Nicht das höfliche Lächeln der vergangenen Wochen. Sondern eines, das ihre Augen erreichte. Sie stand auf, klopfte sich etwas Erde von der Hose und sah sich langsam in der riesigen Anlage um.
"Weißt du..." Sie sprach leise. "Am Anfang dachte ich wirklich..." Sie stockte kurz. "...ich würde meinen Eltern untreu werden." Ihr Blick wanderte über die Tiere. "Jetzt..." Sie lächelte erneut. "...jetzt glaube ich, sie wären stolz gewesen."
Martin legte ihr wortlos eine Hand auf den Rücken. Ich beobachtete die beiden schweigend. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Mari nicht mehr ausschließlich zurückblickte. Sie begann endlich wieder nach vorne zu sehen.

Währenddessen arbeitete Kon Mah auf ganz andere Weise. Je länger die Ermittlungen über den Anschlag auf die Ranch dauerten, desto seltener bekam ich ihn überhaupt zu Gesicht. Er verschwand oft bereits früh am Morgen und kehrte manchmal erst tief in der Nacht zurück. Wenn ich ihn fragte, wie weit er war, antwortete er meistens nur mit einem knappen Schulterzucken oder einem ausweichenden Lächeln.
"Ich arbeite daran." Mehr sagte er selten.
Ich wusste jedoch, was tatsächlich hinter diesen wenigen Worten steckte. Er nutzte sämtliche Kontakte, die er sich während seiner langen Militärlaufbahn aufgebaut hatte. Alte Kameraden. Ehemalige Offiziere. Polizisten. Sicherheitsbeamte. Nachrichtendienstler. Manche arbeiteten inzwischen im Staatsdienst. Andere hatten längst die Uniform abgelegt. Doch sie alle schuldeten Kon noch den einen oder anderen Gefallen. Und Kon begann, diese Gefallen einzulösen. Nicht alle auf einmal. Sondern äußerst vorsichtig. Unauffällig. Berichte wechselten diskret den Besitzer. Verschlüsselte Datensätze wurden nicht über offizielle Leitungen verschickt, sondern persönlich übergeben. Hinweise kamen mündlich. Manche Informationen existierten nicht einmal auf Papier. Je mehr Puzzleteile zusammengetragen wurden, desto deutlicher entstand ein Bild. Ein Bild, das niemandem gefiel. Eines Abends klopfte Kon schließlich an meine Bürotür. Als ich ihn hereinbat, wirkte er ungewöhnlich erschöpft. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Bart war etwas länger geworden als sonst. Er setzte sich schweigend mir gegenüber. Ohne ein Wort legte er mehrere Datenträger auf meinen Schreibtisch.
"Ich habe es."
Ich sah ihn aufmerksam an. "Was genau?"
Er atmete tief durch. "Die Wahrheit." Er schob mir den obersten Datenträger entgegen. "Die Untersuchungsberichte der Argonen."
Ich aktivierte die Dateien. Bilder erschienen. Der Asteroid. Die Trümmer. Die zerstörte Piratenkorvette. Forensische Scans. Bergungsprotokolle. DNA-Auswertungen. Kon wartete, bis ich alles überflogen hatte.
Dann sagte er ruhig: "Sie haben Leichen gefunden."
Ich nickte langsam. Er deutete auf einen markierten Datensatz. "Eine davon wurde zweifelsfrei identifiziert."
Mein Blick fiel auf den Namen. Shishido Kuran. Mehrere voneinander unabhängige Identifikationsverfahren. Genetische Übereinstimmung. Zahnstatus. Biometrie. Keine Zweifel. Ich lehnte mich langsam zurück.
"Er ist wirklich tot."
Kon nickte. "Ohne jeden Zweifel."
Im Raum wurde es still. Damit blieb nur noch eine einzige Schlussfolgerung. Ich blickte wieder auf die Daten.
"Der Anschlag..."
Kon vollendete meinen Gedanken. "...war lange vorbereitet."
Ich nickte langsam. "Jemand hat dafür gesorgt, dass selbst nach Kurans Tod sein Plan weiterlief."
Kon verschränkte die Arme. "Genau."
Draußen zog lautlos ein weiterer Frachter an Altrix Nova vorbei. Ich sah ihm nach, während sich in meinem Kopf bereits die nächste Frage formte. Wenn Kuran tatsächlich tot war... wer führte seinen Plan dann jetzt zu Ende?

Als ich den Konferenzraum betrat, fiel mein Blick zuerst auf die gewaltige Panoramascheibe, die fast eine komplette Wand einnahm. Dahinter erstreckte sich das endlose Schwarz des Weltraums, durchzogen vom kalten Glanz unzähliger Sterne. Trantor füllte einen großen Teil des Ausblicks aus. Seine Atmosphäre schimmerte in feinen bläulichen und weißen Schleiern, während die Lichter der unzähligen Städte auf der Nachtseite wie ein riesiges Netz aus Gold und Silber funkelten. Selbst nach all der Zeit verlor dieser Anblick nichts von seiner Wirkung. Er erinnerte mich jedes Mal daran, weshalb Altrix Nova überhaupt existierte. Der Raum selbst war bewusst schlicht gehalten. Helles Metall, dunkle Holzelemente und warme indirekte Beleuchtung verliehen ihm eine ruhige Atmosphäre, ohne von dem eigentlichen Zweck abzulenken. In der Mitte stand ein langer Tisch aus schwarzem Verbundglas, dessen Oberfläche sämtliche Dokumente als Hologramm darstellen konnte. Bereits jetzt warteten mehrere Datentafeln auf ihre Freigabe. Ich war nicht lange allein. Die Tür glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Hoshino Misora trat ein. Für einen kurzen Moment blieb sie stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie hatte sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Nicht äußerlich – zumindest nicht besonders –, sondern in ihrer gesamten Ausstrahlung. Die junge Frau wirkte älter, als sie eigentlich war. Nicht wegen ihres Gesichts, sondern wegen der Art, wie sie sich bewegte. Jeder Schritt war kontrolliert, jeder Blick aufmerksam. Ihre Schultern waren aufrecht, doch gleichzeitig lag darin eine kaum wahrnehmbare Anspannung, als würde sie seit Monaten eine Last tragen, die mit jedem weiteren Tag schwerer geworden war. Sie trug einen dunkelgrauen Arbeitsanzug, dessen Schnitt funktional statt elegant war. Die Ärmel waren bis knapp unter die Ellbogen hochgekrempelt. An ihren Händen erkannte ich feine Kratzer und kleine Brandnarben, wie sie jeder Werftingenieur irgendwann bekam. Selbst heute, an einem Tag, an dem es um einen milliardenschweren Vertrag ging, hatte sie darauf verzichtet, sich künstlich in Szene zu setzen. Das passte zu ihr. Ihre dunklen Haare waren zu einem praktischen Zopf zusammengebunden. Einige Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Unter ihren Augen zeichneten sich leichte Schatten ab. Nicht dramatisch, aber deutlich genug, um zu erkennen, dass Schlaf in den letzten Wochen wohl eher Luxus gewesen war. Als sich unsere Blicke trafen, erschien für einen kurzen Augenblick dieses vertraute, kleine Lächeln auf ihren Lippen.
"Morgen, Tori."
"Morgen, Misora."
Sie trat näher und streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie. Ihr Händedruck war fest, beinahe trotzig. Nicht übertrieben kräftig, sondern genau so, wie ich ihn von ihr erwartete. Sie wollte niemals schwach wirken.
"Du siehst müde aus", stellte ich fest.
Sie schnaubte leise. "Du solltest dich mal im Spiegel ansehen."
Ich musste lachen. "Wahrscheinlich hast du recht."
Für einen Augenblick lockerte sich die Atmosphäre. Es war dieselbe ungezwungene Art, wie damals auf dem Schrottplatz ihres Vaters. Damals hatte zwischen uns eine heruntergekommene Werkbank gestanden, überall lagen halb zerlegte Triebwerke, der Geruch von Schmieröl hing schwer in der Luft, und trotzdem hatten wir stundenlang über Raumschiffe diskutiert. Seitdem war unglaublich viel passiert.
Misora trat an die Panoramascheibe. "Beeindruckend", sagte sie leise.
Ich stellte mich neben sie. "Man gewöhnt sich nie ganz daran."
"Nein." Ihr Blick blieb auf Trantor liegen. "Dort unten fing alles an."
Ich nickte langsam. "Ja."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Als wir uns kennengelernt haben, war ich überzeugt, dass ich die Werft meines Vaters allein retten könnte." Sie lächelte schwach. "Eigentlich war ich überzeugt, dass ich alles allein schaffen müsste."
Ich sagte nichts. Sie gehörte zu den Menschen, die Pausen brauchten, wenn sie etwas Persönliches aussprachen.
"Ich war mein ganzes Leben Einzelkind", fuhr sie schließlich fort. "Mein Vater war ständig beschäftigt. Die Werft war unser Zuhause und gleichzeitig unsere Arbeit. Hilfe gab es nie. Also habe ich gelernt, alles selbst zu machen." Ihre Finger trommelten unbewusst gegen ihren Oberarm. "Damals hielt ich das für Stärke." Sie drehte den Kopf zu mir. "War es aber nicht."
Ich erkannte, wie schwer ihr dieses Eingeständnis fiel. "Stärke bedeutet nicht, alles allein zu tragen", erwiderte ich ruhig.
Sie ließ den Blick wieder nach draußen schweifen. "Ich weiß." Ein müdes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe."
Wir schwiegen erneut. Unter uns glitten mehrere Transporter an der Außenhülle Altrix Novas vorbei. Kleine Wartungsdrohnen bewegten sich in präzisen Formationen zwischen den Andockringen. In der Ferne wurde gerade der Rumpf eines neuen Startruck-Frachters in Position gebracht. Selbst von hier aus erkannte ich die charakteristische Silhouette. Misoras Blick folgte dem Schiff automatisch.
"Vier Stück gleichzeitig." Ich sah sie fragend an. "Vier Startrucks befinden sich im Bau." Sie atmete langsam aus. "Dazu die Arbeiten für Altrix Nova. Neue Fertigungslinien. Ersatzteile. Modernisierungen. Spezialaufträge." Mit jedem weiteren Satz wurde ihre Stimme leiser. "Und ich habe einfach nicht genug Leute." Sie lachte kurz. Nicht fröhlich. Eher erschöpft. "Ich verbringe inzwischen mehr Zeit mit Personalplanung als mit Schiffen."
"Willkommen im Unternehmertum."
"Danke. Ich hasse es."
Diesmal mussten wir beide lachen. Das Lachen verklang schnell. Sie drehte sich vollständig zu mir.
"Du hast mir vor zwei Jahren angeboten, die Werft an die UNO anzugliedern."
"Ja."
"Damals habe ich abgelehnt."
"Weiß ich."
"Nicht weil ich dir nicht vertraut habe."
"Das wusste ich ebenfalls."
Sie nickte. "Ich hatte Angst." Sie sprach das Wort erstaunlich ruhig aus. "Wenn ich unterschreibe, ist die Werft nicht mehr ausschließlich die Werft meines Vaters."
Ich sah sie einige Sekunden an. "Nein."
"Aber sie bleibt erhalten."
"Ja."
"Und sie wächst weiter."
"Ja."
Sie schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, wirkte ihr Blick klarer. "Allein schaffe ich das nicht mehr."
Ich legte ihr keine Antwort in den Mund. Sie musste diesen Satz selbst zu Ende bringen. "Deshalb bin ich hier."
Ich trat an den Tisch. Mit einer kurzen Handbewegung aktivierte ich das Hologramm. Sofort erschienen mehrere transparente Dokumente über der schwarzen Glasplatte. Unternehmensstruktur. Eigentumsverhältnisse. Investitionszusagen. Arbeitsplatzgarantien. Forschungskooperationen. Langfristige Ausbaupläne für die Orbitalwerft und den Schrottplatz auf Trantor. Misora studierte jede einzelne Seite aufmerksam. Ganz die Ingenieurin. Nicht ein einziges Detail übersprang sie. Mehrfach stellte sie Rückfragen zu Produktionskapazitäten, Materialkontingenten und den geplanten Erweiterungen der Werft. Es ging ihr nie um ihren persönlichen Vorteil. Jede Frage bezog sich darauf, ob ihre Mitarbeiter weiterhin sicher arbeiten konnten, ob bestehende Projekte fortgeführt wurden oder ob zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden konnten. Erst nachdem wirklich jeder einzelne Punkt geklärt war, legte sie den Signierstift auf das Feld der Vertragsbestätigung. Sie hielt kurz inne. Ihre Finger verharrten reglos. Ich konnte beinahe sehen, wie sie innerlich mit sich rang. Dann atmete sie tief durch.
"Ohne diesen Schritt würde ich irgendwann unter der Verantwortung zusammenbrechen." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Mit diesem Schritt kann ich endlich wieder das tun, weshalb ich überhaupt Ingenieurin geworden bin."
Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag. Ein leises akustisches Signal bestätigte die rechtsgültige Übertragung. Die Hologramme wechselten ihre Farbe von Blau zu Grün.
"Willkommen in der Universal Nourishment Organization", sagte ich.
Sie lehnte sich langsam zurück. Für einige Sekunden schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war da zum ersten Mal seit langer Zeit keine Anspannung mehr in ihrem Gesicht. Die Müdigkeit war nicht verschwunden. Die Verantwortung ebenfalls nicht. Aber ein Teil der Last, die sie so lange allein getragen hatte, schien endlich von ihren Schultern gefallen zu sein. Sie lächelte. Diesmal wirkte es ehrlich.
"Ich glaube", sagte sie leise, "ich hätte dieses Angebot schon vor einem Jahr annehmen sollen."
"Vielleicht." Ich erwiderte ihr Lächeln.
"Oder genau heute. Manchmal gibt es für Entscheidungen einfach den richtigen Zeitpunkt."
Sie nickte langsam. "Dann hoffe ich, dass dies meiner war."
Damit war es offiziell. Die Hoshino Shipyards gehörten fortan zur Universal Nourishment Organization. Als der formelle Teil beendet war und sich die meisten Teilnehmer zurückzogen, blieben nur wir beide am Fenster des Konferenzsaals stehen. Unter uns erstreckte sich Altrix Nova, deren gewaltige Ringstrukturen langsam vom Licht der nahen Sonne angestrahlt wurden. Dutzende Baustellen waren gleichzeitig aktiv. Frachter, Versorgungsschiffe und Wohnmodule bewegten sich zwischen den Gerüsten wie Ameisen.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann freiwillig mein Unternehmen abgebe", sagte Misora schließlich.
"Du gibst es nicht ab."
Sie schüttelte langsam den Kopf. "Ein Teil davon schon."
Ich antwortete zunächst nicht. Stattdessen betrachtete ich die gewaltige Station. Misora folgte meinem Blick.
"Mein Vater hätte mich wahrscheinlich ausgelacht."
"Nein."
"Nein?"
"Er hätte sich Sorgen gemacht." Sie sah mich fragend an. "Weil du versucht hättest, alles allein zu schaffen."
Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann stieß sie langsam die Luft aus. "Vermutlich."
Sie verschränkte die Arme. "Der Schrottplatz auf Trantor gehört mir weiterhin. Daran wollte ich nie etwas ändern."
"Das weiß ich."
"Und die Orbitalwerft ebenfalls."
Ich nickte. Die Werft war längst kein kleiner Familienbetrieb mehr. Seit unserem ersten Treffen vor zwei Jahren hatte sie eine Entwicklung durchlaufen, die ich damals selbst kaum für möglich gehalten hätte. Damals hatte ich Misora in einer heruntergekommenen Werft kennengelernt. Zwischen ausgeschlachteten Schiffsrümpfen, rostigen Hebekränen und halb ausgeschlachteten Reaktoren hatte sie verzweifelt versucht, das Erbe ihres Vaters vor dem endgültigen Zusammenbruch zu retten. Heute gehörte ihr nicht nur derselbe Schrottplatz auf Trantor. Im Orbit des Planeten betrieb sie inzwischen eine moderne Werft, die zu den leistungsfähigsten unabhängigen Anlagen der Region geworden war. Nach dem Tod ihres Vaters durch Shishido Kuran hatte sie sich nahezu vollständig vom übrigen Universum zurückgezogen. Anstatt sich Menschen zuzuwenden, hatte sie sich in Arbeit vergraben. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Was ursprünglich nur ein kleiner Familienbetrieb gewesen war, der kurz vor der Insolvenz gestanden hatte, war unter ihrer Führung zu einem florierenden Unternehmen geworden. Die Auftragsbücher waren über Monate hinweg gefüllt. Neue Docks entstanden. Alte Fertigungslinien wurden ersetzt. Produktionsabläufe modernisiert. Nicht zuletzt, weil die Universal Nourishment Organization zu einem ihrer größten Auftraggeber geworden war. Mehrere Frachter der Startruck-Klasse befanden sich gleichzeitig im Bau. Zusätzlich arbeiteten ihre Konstrukteure eng mit unseren Ingenieuren zusammen. Ein erheblicher Teil der modularen Werftanlagen und Versorgungseinrichtungen von Altrix Nova trug ihre Handschrift.
"Ich hätte nie gedacht, dass dieses Projekt einmal so groß werden würde", sagte sie leise.
"Ich auch nicht."
Sie lächelte schwach. "Du lügst."
"Vielleicht ein bisschen."
Sie schüttelte grinsend den Kopf. Doch ihr Lächeln verschwand genauso schnell wieder. "Hier wurde mir erst klar, wie wenig ich eigentlich kann."
Ich hob eine Augenbraue. "Das überrascht dich?"
"Nein." Sie lehnte sich mit beiden Händen gegen das Fenster. "Ich war immer allein." Ihre Stimme war ungewöhnlich ruhig geworden. "Einzelkind." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Mein Vater hat gearbeitet. Ich habe gearbeitet. "
"Nach seinem Tod erst recht."
Sie nickte. "Ich war immer daran gewöhnt, alles selbst zu machen. Entscheidungen. Konstruktionen. Personal. Verhandlungen. Reparaturen. Buchhaltung." Sie lachte trocken. "Ich dachte wirklich, das wäre normal."
"Bis Altrix Nova."
"Ja."
Ihr Blick glitt über die gewaltigen Ringsegmente. "Hier arbeiten Zehntausende Lebewesen. Ingenieure. Wissenschaftler. Logistiker. Administratoren." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie klein meine Welt eigentlich gewesen war."
Ich sagte nichts. Sie brauchte keine Ratschläge. Nur jemanden, der zuhörte.
"Ich glaube...", begann sie nach einer längeren Pause, "...deshalb habe ich mich damals auch so schnell mit dir verstanden." Ich sah sie fragend an. "Nicht romantisch." Sie hob sofort beschwichtigend beide Hände. "Bevor du wieder irgendetwas hineininterpretierst."
Ich musste lachen. "Keine Sorge."
"Du warst eher..." Sie überlegte. "...ein großer Bruder." Sie verzog leicht das Gesicht. "Oder vielleicht jemand, der ähnlich gedacht hat wie ich."
"Ein Seelenverwandter?"
Sie nickte langsam. "Ja. Jemand, der verstanden hat, warum ich lieber sechzehn Stunden durcharbeite, anstatt mit Menschen zu reden."
"Weil Arbeit einfacher ist."
"Weil Maschinen berechenbarer sind."
Ich nickte. "Genau."
Sie schwieg erneut. Dann wurde ihre Stimme leiser. "Ich war überfordert." Zum ersten Mal hörte ich dieses Eingeständnis aus ihrem Mund. "Es gab immer mehr Aufträge." Sie blickte hinaus auf die Werft. "Immer mehr Kunden. Immer größere Projekte. Immer mehr Verantwortung." Sie schloss für einen Augenblick die Augen. "Aber ich hatte nicht genug Personal. Nicht genug Ingenieure. Nicht genug Baukapazitäten. Nicht genug Zeit." Sie atmete tief durch. "Egal wie viel ich gearbeitet habe, es wurde nie weniger."
Ich nickte nur. Genau deshalb hatte ich ihr vor langer Zeit ein Angebot gemacht. Damals hatte ich es bewusst offen gelassen. Kein Ultimatum. Keine Frist. Lediglich die Zusicherung, dass die Tür jederzeit offenstand.
Sie lächelte leicht. "Ich habe ziemlich lange gebraucht."
"Ja."
"Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich allein nicht weiterkomme." Sie sah mich an. "Deshalb habe ich dein Angebot angenommen."
Ich erwiderte ihren Blick. "Nicht, weil der Vertrag perfekt gewesen wäre."
Sie schüttelte den Kopf. "War er nicht."
"Dafür wäre keiner realistisch gewesen."
"Richtig." Sie lächelte erneut.
"Aber er war fair."
"Und er bringt allen Vorteile. Dir. Mir. Der UNO. Und unseren Mitarbeitern."
Ich nickte. "Genau das war das Ziel."
Misora ließ den Blick erneut über Altrix Nova schweifen. "Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, nicht mehr alles allein tragen zu müssen." Einige Sekunden vergingen. Dann sagte sie fast beiläufig: "Als ich erfahren habe, dass Shishido Kuran tot ist..." Sie machte eine kurze Pause. "...habe ich kaum etwas gespürt." Ihre Stimme blieb ruhig. "Ich habe die Nachricht gelesen. Mein Mundwinkel hat kurz gezuckt. Mehr nicht." Sie senkte den Blick. "Ich dachte zuerst, mit mir stimmt etwas nicht. Vielleicht hätte ich Wut empfinden müssen. Oder Erleichterung. Oder Genugtuung. Nichts davon kam." Sie atmete langsam aus. "Ich war einfach leer." Sie schwieg einen Moment. "Dann..." Sie legte eine Hand auf ihre Brust. "...irgendwo ganz tief hier drin... hatte ich plötzlich das Gefühl, als wäre eine Last verschwunden." Sie blickte mich an. "Nicht, weil ich mich über seinen Tod gefreut hätte."
"Nein."
"Weil ich zum ersten Mal wusste, dass er niemandem mehr das antun konnte, was er meiner Familie angetan hatte."
Ich nickte langsam. Darauf gab es nichts zu erwidern. Manche Wunden verschwanden nie vollständig. Sie hörten lediglich auf, jeden einzelnen Tag neu aufzubrechen.

Die Kantine der Besatzung lag etwas abseits der Hauptkorridore von Altrix Nova, in einem der ruhigeren Sekundärmodule, die ursprünglich für niedrigpriorisierte Crewmitglieder gedacht gewesen waren. Die Wände bestanden aus hellgrauem Verbundmaterial mit einer leicht matten Oberfläche, die das künstliche Licht der Deckenpaneele weich streute. Zwischen den Lichtfeldern liefen dünne Streifen in warmem Bernsteinton, die dem Raum trotz seiner Funktionalität eine beinahe wohnliche Atmosphäre gaben. Der Geruch war eine Mischung aus recycelter Luft, leichtem Metallgeschmack und dem subtilen Aroma von aufgebrühtem Keffa, der aus den Automaten in der hinteren Ecke permanent nachproduziert wurde. Es war kein Ort für Zeremonien, sondern einer für Gespräche, die nicht von offiziellen Protokollen belastet werden sollten. Ich saß mit Mari und Misora am Tresen, der sich halbkreisförmig um eine zentrale Ausgabestation zog. Die Oberfläche bestand aus dunkel poliertem Material, das bei jeder Bewegung der Hände schwach das Licht reflektierte, als würde es die Umgebung in gedämpften Fragmenten zurückwerfen. Hinter dem Tresen liefen die Versorgungsautomaten lautlos, nur unterbrochen von gelegentlichen hydraulischen Anpassungen, wenn neue Nährstoffkartuschen eingesetzt wurden. Vor uns lief das Federal Information Network auf einem schmalen, schwebenden Displayband entlang der Wand. Die Nachrichten waren wie erwartet belanglos. Handelsstatistiken über fallende Preise für Agrargase aus den äußeren Sektoren, politische Randmeldungen aus Systemen, die kaum direkten Einfluss auf unsere Versorgungsketten hatten, und ein Bericht über ein Sportereignis, dessen Regeln ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Eine Art gravitationsbasierter Wettlauf auf ringförmigen Plattformen irgendwo im Zura-Raum. Niemand von uns schenkte dem wirkliche Aufmerksamkeit. Die Stimmen der Moderatoren klangen gedämpft und austauschbar, als würden sie selbst nicht mehr an die Bedeutung dessen glauben, was sie verkündeten. Mari saß mir gegenüber, die Ellenbogen locker auf dem Tresen abgestützt, während sie mit einem kleinen Metallstab unruhig gegen den Rand ihrer Tasse tippte. Ihr Blick war zwar auf das Display gerichtet, aber ich erkannte an der minimalen Anspannung in ihrem Kiefer, dass sie längst in Gedanken woanders war. Misora neben ihr wirkte äußerlich ruhiger, doch ihre Finger waren ineinander verschränkt und lagen fest auf der Tischkante, als würde sie sich unbewusst daran festhalten. Beide Frauen hatten Kuran auf sehr unterschiedliche Weise erlebt, und genau das lag jetzt unausgesprochen zwischen ihnen im Raum. Ich hielt mich bewusst zurück und beobachtete nur. Es war kein Moment, in den ich eingreifen musste. Eher einer, den ich nicht stören sollte. Mari begann schließlich zuerst zu sprechen. Ihre Stimme war ruhiger, als ich es von ihr erwartet hätte.
"Ich habe früher oft gedacht, dass er irgendwann einfach verschwindet", sagte sie, während ihr Blick kurz ins Leere glitt. "Nicht stirbt. Einfach verschwindet. Als wäre er irgendwann nur noch eine schlechte Erinnerung."
Misora verzog leicht den Mund, ohne ihr direkt zu widersprechen. "Bei mir war es anders", antwortete sie nach einem kurzen Moment. Ihre Stimme klang kontrolliert, aber darunter lag etwas Rohes, Unverarbeitetes. "Ich habe gehofft, dass er eines Tages zurückkommt. Nicht weil ich ihn vermisst hätte, sondern weil ich wissen wollte, ob ich ihn selbst stoppen kann, wenn es sein muss."
Mari hob leicht eine Augenbraue. "Du hättest ihn wahrscheinlich einfach zerlegt."
"Vielleicht", sagte Misora trocken. "Aber ich hätte dabei nicht gezögert."
Für einen Moment war nur das leise Summen der Kantine zu hören, das regelmäßige Klacken der Versorgungseinheiten und das entfernte Rauschen der Recyclinganlagen im Hintergrund der Station. Ich nahm einen Schluck aus meinem Becher und ließ die beiden weiterreden. Die Gespräche zwischen ihnen hatten eine Dynamik, die ich nicht unterbrechen wollte. Sie bewegten sich zwischen Erinnerungen, die offensichtlich lange unter der Oberfläche gelegen hatten, und der vorsichtigen Art, diese jetzt zum ersten Mal auszusprechen, ohne dass sie sofort wieder zurückgedrängt wurden.
Mari lehnte sich leicht zurück. "Ich hatte niemanden mehr, nachdem er verschwunden ist", sagte sie schließlich. "Er hat alles mitgenommen. Familie, Vertrauen, sogar das Gefühl, dass irgendetwas stabil sein könnte."
Misora nickte langsam. "Bei mir war es ähnlich. Nur dass ich es anders genannt habe. Arbeit."
Mari sah sie kurz an. "Funktioniert es?"
"Nicht wirklich", antwortete Misora ehrlich. "Aber es hält einen beschäftigt."
Ich beobachtete, wie sich zwischen den beiden etwas verschob. Kein großes, dramatisches Ereignis. Eher ein leiser Abgleich von Erfahrungen, die sich an unterschiedlichen Punkten berührten. Dann fiel mir auf, dass beide kurz gleichzeitig zu mir sahen. Dieser Blick hatte etwas abgestimmtes, fast schon absichtlich Gemeinsames.
Mari zog eine Mundwinkelhälfte nach oben. "Weißt du eigentlich, dass du ziemlich schlecht darin bist, dich aus allem rauszuhalten?"
Ich hob leicht eine Augenbraue. "Ich halte mich gerade raus."
Misora nickte zustimmend. "Er sitzt nur da und tut so, als würde er nicht zuhören."
"Das ist ein Unterschied."
Mari lachte leise, kurz und trocken. "Dann hör auf, so auffällig nicht zuzuhören."
Ich seufzte innerlich, ließ es aber stehen.
Stattdessen legte Misora den Kopf leicht schräg und sah mich direkt an. "Du hast damals mehr getan, als du eigentlich musstest."
"Ich habe nur eine Entscheidung getroffen."
"Falsche Bescheidenheit", murmelte Mari.
"Realistische Einschätzung", korrigierte ich.
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Retter in der Not passt trotzdem besser."
Mari nickte sofort. "Definitiv."
Ich ließ den Satz einen Moment im Raum stehen, ohne ihn zu kommentieren. Das Wort hatte Gewicht, das beide offensichtlich bewusst gewählt hatten, aber nicht überhöhen wollten. Es war eher ein gemeinsamer Versuch, das Chaos der Vergangenheit in eine Form zu bringen, die sich ertragen ließ. Ich stellte die Tasse ab.
"Wenn ihr mich so nennt, muss ich euch daran erinnern, dass Rettung selten ein einzelner Faktor ist."
Mari sah mich skeptisch an. "Jetzt wird er wieder philosophisch."
Misora lächelte leicht. "Er hat recht."
Mari verdrehte die Augen, aber nicht unfreundlich. "Natürlich hat er recht."
Ich ignorierte das bewusst. Stattdessen sah ich kurz auf das Display der FIN-Nachrichten. Eine neue Meldung lief durch, diesmal über eine Handelsverschiebung im Zura-Sektor. Niemand reagierte darauf. Die Kantine blieb ruhig. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Nicht schwerer. Nur ehrlicher. Als Mari schließlich ihren Blick wieder auf mich richtete, war da kein Zynismus mehr.
"Ich glaube", sagte sie leiser, "ohne dich wäre ich wahrscheinlich irgendwo steckengeblieben."
Misora nickte nur. Ich antwortete nicht sofort. Weil es keine einfache Antwort gab, die diesem Satz gerecht geworden wäre. Also blieb ich still und ließ die beiden weiter in einer Vergangenheit navigieren, die zum ersten Mal nicht mehr ausschließlich gegen sie arbeitete.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 61 - Schatten

Das Fenster meines Büros nahm fast die gesamte Wand ein und eröffnete den Blick direkt in den Orbit von Trantor. Die gewaltigen Ringsegmente der Station zogen langsam und präzise ihre Bahnen, während darunter, in der Tiefe des Systems, das Licht von Presidents End in kalten Weiß- und Blautönen über die Strukturen glitt. Die Scheibe selbst war leicht gewölbt und aus mehrschichtigem Verbundglas, das auf mikroskopischer Ebene ständig seine Transparenz an die äußeren Strahlungswerte anpasste. Dadurch wirkte der Blick nach draußen nie völlig statisch, sondern als würde das All selbst in subtilen, kaum wahrnehmbaren Intervallen atmen.
Ich stand mit beiden Händen tief in den Hosentaschen, die Schultern leicht nach vorne geneigt, während mein Blick über das System wanderte, das sich vor mir ausbreitete. Presidents End war kein ruhiger Ort, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkte. Zu viele historische Brüche, zu viele Verschiebungen in der Machtstruktur, zu viele leere Schatten ehemaliger Kolonien, die noch immer in den Datenbanken existierten, obwohl sie physisch längst verschwunden waren.
Der erste Planet, weiter innen, war kaum mehr als eine glühende Masse, Vulcanus, eine Welt aus zerborstenen Gesteinsplatten, die in langsamer, geologischer Bewegung gegeneinander rieben. Gelegentliche thermische Ausbrüche zeichneten helle Linien auf seiner Oberfläche, die selbst aus dieser Entfernung wie Nähte wirkten, die eine alte Wunde zusammenhielten. Rohstoffreich, aber aufgrund der historischen Bedrohungslage weitgehend unberührt geblieben. Xenon-Angriffe, Piratenüberfälle, spätere Khaak-Operationen hatten jede ernsthafte Kolonisierung immer wieder unterbrochen, bis schließlich niemand mehr den Aufwand rechtfertigen konnte.
Trantor lag unter mir als zentrale, noch immer bewohnte Welt des Systems. Seine Kontinente waren durchzogen von hellen Streifen ehemaliger Megastädte, die teilweise rekonstruiert, teilweise aufgegeben worden waren. Zwischen den bewohnten Zonen lagen weite Flächen, die langsam wieder von Vegetation zurückerobert wurden. Von hier oben wirkten sie wie unvollständige Muster, als hätte jemand versucht, eine komplexe Struktur zu zeichnen und irgendwann mitten im Prozess aufgehört.
Der äußere Gasriese Monarch dominierte den Rand des Systems. Seine Atmosphäre war in geschichteten Bändern aus Ocker, Grün und tiefem Indigo organisiert, die sich in gewaltigen Stürmen umeinander drehten. Das Ringsystem war aus der Distanz nur ein dünner, aber klar strukturierter Lichtkranz, unterbrochen von vier toten Monden, die wie eingefrorene Punkte in der Gravitation hingen. Erst vergleichsweise spät war Monarch überhaupt korrekt kartographiert worden, weil seine Entfernung und die Streuung der Messdaten lange eine präzise Erfassung verhindert hatten.
Alles zusammen ergab ein System, das auf den ersten Blick stabil wirkte, in Wahrheit jedoch eine lange Geschichte von Verlusten und Abbrüchen in sich trug. 79 Millionen Bewohner hatte dieses System einst getragen. Jetzt waren es weniger als 15 Millionen. Der Gedanke daran blieb nicht abstrakt. Er hing in den Daten, in den Berichten, in den fragmentierten Archiven der vergangenen Jahrzehnte. Evakuierungen, Fluchten, improvisierte Umsiedlungen, komplette Sektoren, die über Nacht entvölkert worden waren. Und dazwischen die stillen Zahlen derjenigen, die nicht rechtzeitig entkommen waren.
Ich atmete langsam aus, während mein Blick kurz über die unteren Dockbereiche von Altrix Nova glitt. Zwischen den gewaltigen Andockarmen bewegten sich Frachter wie träge Insekten, kleine Lichtpunkte, die an metallenen Strukturen hafteten und wieder davon ablösten. Unter ihnen lag die Infrastruktur, die ich aus den Trümmern dieses Systems hatte zusammenkaufen lassen. Alte Stationen, zerlegte Habitatmodule, beschädigte Werften, alles, was noch strukturell nutzbar gewesen war, war in den Orbit von Trantor verlegt und später hier in die Bauphasen von Altrix Nova integriert worden. Misora hatte daraus etwas aufgebaut, das inzwischen weit über das ursprüngliche Konzept hinausging. Nicht nur eine Station, sondern ein wachsendes Produktions- und Versorgungsnetz, das sich über mehrere Ebenen und Module erstreckte. Die UNO hatte daraus eine funktionale Basis gemacht, aber der Ursprung lag in den Überresten eines Systems, das eigentlich schon aufgegeben worden war.
Mein Blick glitt zurück in den Raum. Neben meinem Schreibtisch stand die Ghok-Rüstung. Die Oberfläche war matt dunkelgrau, fast schwarz, mit unregelmäßigen, organischen Strukturmustern, die im Licht der Deckenpaneele leicht schimmerten. Die Platten waren nicht gegossen, sondern gewachsen, sie waren aus einem biologischen Prozess hervorgegangen und anschließend in eine tragbare Form gezwungen worden. Zwischen den Segmenten verliefen feine Verbindungsfugen, die bei näherem Hinsehen aus einem flexiblen Material bestanden, das sich minimal an jede Bewegung anpassen konnte. Ich hatte sie nicht bewegen lassen, seit sie hier angekommen war. Sie stand dort wie ein stilles Artefakt aus einer anderen Art von Realität. Die Split hatten mir dieses Stück nach den Ereignissen auf Nif’Nakh überlassen, ohne viele Worte darüber zu verlieren, als wäre es für sie ein Symbol. Und vielleicht war es genau das. Ein Symbol, das überlebt hatte, wo andere versagt hatten. Ich trat einen Schritt näher und ließ den Blick über die Brustplatte wandern. Das Material war überraschend leicht, wenn man es direkt berührte, und gleichzeitig so dicht strukturiert, dass es Energieimpulse erstaunlich effizient verteilte. Unter der äußeren Schicht lag ein dünnes Innenfutter, dessen Material mir fremd blieb. Es reagierte auf Temperatur, passte sich an Körperwärme an und verhinderte sowohl Überhitzung als auch Auskühlung. Keine offensichtlichen Leitungen, keine sichtbaren Energiezuführungen, und dennoch eine konstante Stabilität im Tragekomfort. Ich erinnerte mich an die ersten Momente, in denen ich sie getragen hatte. Jetzt, in der Ruhe von Altrix Nova, wirkte sie fast fehl am Platz. Und gleichzeitig vertraut. Ich legte kurz die Hand auf die obere Kante der Brustplatte. Die Oberfläche war kühl, aber nicht kalt. Eher neutral, als würde sie nur registrieren, dass sie berührt wurde, ohne darauf zu reagieren. Die Split hatten ein Verständnis für Materialität, das sich von allem unterschied, was ich aus der argonischen, terranischen oder aldrianischen Industrie kannte. Kein übermäßiger Einsatz von sichtbarer Technologie, keine demonstrativen Systeme. Stattdessen eine Integration, die fast instinktiv wirkte, als wäre die Grenze zwischen Mechanik und Funktion bewusst unscharf gehalten worden. Ich zog die Hand wieder zurück und blieb einen Moment einfach stehen.
Draußen verschob sich das Licht von Presidents End langsam weiter über die Station. Trantor blieb darunter unverändert präsent, ein Planet, der gleichzeitig Ursprung, Last und Projektionsfläche war. Und irgendwo in den Datenströmen dieses Systems bewegte sich Xandras Korvette weiterhin auf ihren Bahnen, angeblich wissenschaftlich motiviert, tatsächlich aber schwer einzuordnen in einem Geflecht aus Politik, Erinnerung und unausgesprochenen Interessen. Ich ließ den Gedanken stehen, ohne ihn weiter zu verfolgen. Der Raum blieb still, nur unterbrochen vom leisen Summen der Station und dem kaum wahrnehmbaren Vibrieren der Struktur, die Altrix Nova mit dem Rest des Systems verband.

Ich saß an meinem Schreibtisch, der aus dunkelgrauem Verbundmaterial gefertigt war und an den Kanten minimal Licht aus der Panoramawand reflektierte, während der Blick hinter mir das gesamte Raumsegment von Altrix Nova in eine stille, weitläufige Kulisse aus Struktur und Orbit verwandelte. Die Glasfläche war leicht getönt, um die Intensität der äußeren Lichtquellen zu reduzieren, und zeigte dennoch jedes Detail des Weltraums. Die reflektierenden Strukturen der Dockarme wirkten wie gespannte metallische Sehnen, die sich in den Raum hinauszogen und dort in den Schatten der Entfernung verloren.
Mein rechter Mittelfinger trommelte in einem unregelmäßigen Rhythmus auf die Tischplatte, ein mechanischer Reflex, der weniger Nervosität als vielmehr Konzentration ausdrückte. Das leise, gleichmäßige Klacken wurde nur von dem entfernten Summen der Klimaregelung unterbrochen, das sich durch die Struktur der Station zog wie ein permanenter, kaum hörbarer Hintergrundton.
Dann öffnete sich links vor mir die pneumatische Tür mit einem kurzen, trockenen Zischen, das durch die Druckdifferenz im Korridor entstand. Ich hob den Blick nicht sofort, sondern ließ die Bewegung erst in meinem Bewusstsein ankommen, bevor ich langsam den Kopf drehte. Xandra Darlian trat ein. Direkt hinter ihr folgte Valen Seldon. Mein Gesichtsausdruck veränderte sich unwillkürlich, noch bevor ich bewusst darauf Einfluss nehmen konnte. Eine Mischung aus Müdigkeit und klarer Ablehnung legte sich über meine Mimik, während ich den Blick einen Moment länger auf ihnen ruhen ließ, als es höflich gewesen wäre. Xandra bemerkte es sofort. Ihre Schultern spannten sich minimal, und für den Bruchteil eines Augenblicks zuckte ihre Augenpartie, als hätte sie eine physische Reaktion unterdrückt. Sie fing sich jedoch schnell wieder, hob das Kinn leicht an und trat mit einer kontrollierten Selbstverständlichkeit weiter in den Raum hinein.
Valen hingegen zeigte keinerlei erkennbare Reaktion. Er bewegte sich mit der gleichen statischen Präzision wie bei allen bisherigen Begegnungen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung aufrecht, aber nicht steif, sondern bewusst ausbalanciert. Sein Blick glitt einmal kurz über den Raum, als würde er die Anordnung von Fluchtwegen, Lichtquellen und potenziellen Interaktionspunkten erfassen, bevor er sich wieder in eine neutrale Beobachterposition zurückzog.
Ich lehnte mich leicht nach vorne, ließ die Hände auf der Tischfläche ruhen und deutete dann mit einer kurzen Bewegung auf die gegenüberliegenden Sitzgelegenheiten. Der Raum war standardmäßig für mehrere Besucher ausgelegt, drei Sessel standen bereits in ergonomischer Halbkreisformation vor dem Schreibtisch, mit variabler Erweiterungsmöglichkeit durch seitliche Module, die bei Bedarf aus der Wandstruktur ausgefahren werden konnten. Die Polsterung war in einem neutralen Anthrazit gehalten, das weder zu warm noch zu kalt wirkte.
Nur Xandra nahm die Einladung an. Sie ließ sich mit einer kontrollierten, fast demonstrativen Bewegung in den mittleren Sessel fallen, schlug die Beine übereinander und richtete den Oberkörper leicht nach hinten, ohne dabei die Kontrolle über ihre Körperspannung zu verlieren. Ihre Kleidung bestand aus schwarzem, eng anliegendem Material, das an den Seiten mit feinen roten und goldenen Linien durchzogen war, die im Licht der Deckenpaneele subtil schimmerten. Die Stiefel reichten weit über die Knie, das Material war matt, aber strukturiert, als würde es sowohl dekorativen als auch funktionalen Zwecken dienen. Das Tanktop ließ Teile ihrer schokoladenfarbenen Haut frei, die im Kontrast zu ihrem blonden Haar und den leicht grünlich pulsierenden Augen stand, deren Subleuchten bei jeder minimalen Augenbewegung kaum sichtbar intensiver wurde.
Valen blieb stehen. Nicht direkt hinter ihr, sondern leicht versetzt, links im Hintergrund, sodass seine Position sowohl Schutz als auch Distanz vermittelte. Die Art, wie er seine Hände hinter dem Rücken hielt, wirkte nicht wie Dienerschaft, sondern wie eine bewusst gewählte Haltung der Kontrolle. Sein Anzug war tiefschwarz, mit einer weißen Schärpe quer über den Oberkörper, darüber ein leichter, mantelartiger Überwurf, der bei jeder minimalen Bewegung kaum hörbar raschelte. Sein geflochtener weißer Bart und die langen, ebenfalls geflochtenen weißen Haare hingen gleichmäßig nach unten und bewegten sich kaum, selbst wenn er den Kopf leicht neigte. Seine Haut war heller als das, was ich typischerweise bei Aldrianern gesehen hatte, und seine grau glimmenden Augen wirkten in der stationären Beleuchtung fast reflektiv, als würden sie Informationen statt Emotionen zurückwerfen.
In diesem Moment betrat eine meiner Sekretärinnen den Raum. Sie bewegte sich ruhig, aber nicht unterwürfig, mit einer präzisen Körpersprache, die eindeutig aus einer militärisch oder sicherheitsorientierten Ausbildung stammte. Ihr kurzes lavendelfarbenes Haar war sauber geschnitten, die zartgrünen Augen wachsam, aber nicht angespannt. In den Händen trug sie ein Tablett mit zwei warmen Keffa-Behältern, deren Oberfläche leicht dampfte und einen subtil bitter-süßen Geruch freisetzte, der sich sofort im Raum verteilte. Sie stellte die Gefäße vor mir ab, verbeugte sich minimal und blieb anschließend ohne weitere Bewegung neben meinem Stuhl stehen. Auf mein kurzes Handzeichen hin nahm sie eine neutrale Standposition ein, die eher an eine statische Überwachung als an Service erinnerte.
Der Keffa selbst war dunkel, fast bernsteinfarben, mit einer leichten Ölfilm-Reflexion an der Oberfläche, die das Licht in feinen, organischen Mustern brach. Niemand sprach. Nicht Xandra, nicht Valen, nicht die Sekretärin und auch ich nicht. Die Stille im Raum war nicht leer, sondern dicht, strukturiert durch die Präsenz von Erwartungen, die noch keine Form angenommen hatten. Nur das leise Summen der Station und das entfernte, regelmäßige Pulsieren der Systeme hinter der Panoramawand hielten die Szene in Bewegung, während wir uns gegenseitig beobachteten, ohne den ersten Schritt in Richtung des eigentlichen Grundes dieser Begegnung zu machen.

"Nein."
Das Wort verließ meinen Mund ruhig, aber mit einer Entschlossenheit, die selbst mich überraschte. Es war weder laut noch aggressiv ausgesprochen worden. Gerade deshalb traf es den Raum wie ein harter Schlag. Die Gespräche, die wir bislang geführt hatten, die gegenseitigen Spitzen, die unterschwelligen Spannungen, all das verdichtete sich in diesem einen einzigen Wort. Xandra zuckte unwillkürlich zusammen. Es war keine große Bewegung. Nur ein kurzes Verkrampfen ihrer Schultern, ein kaum sichtbares Zusammenziehen ihrer Finger und ein schneller Lidschlag, der verriet, dass sie mit einer anderen Reaktion gerechnet hatte. Ihr eben noch selbstbewusst erhobenes Kinn senkte sich für den Bruchteil einer Sekunde um wenige Millimeter. Ich ließ ihr keine Gelegenheit, sich zu sammeln.
"Es mag zwar so sein", fuhr ich mit derselben festen Stimme fort, während ich mich langsam im Bürostuhl aufrichtete und beide Unterarme auf die Tischplatte legte, "dass in dem Krankenhaus, in dem meine beiden Kinder in künstlichen Gebärmüttern innerhalb von Wachstumstanks behandelt wurden, nachdem sie als ungeborene Säuglinge durch Notoperationen gerettet werden mussten, genau diese künstlichen Gebärmütter ursprünglich von Lilandra gespendet wurden."
Während ich sprach, hielt ich meinen Blick ununterbrochen auf Xandra gerichtet. Sie öffnete den Mund. "Ich..."
Ich hob lediglich eine Hand. Nicht drohend. Nicht hektisch. Nur eine kleine Geste, die unmissverständlich bedeutete, dass ich noch nicht fertig war. Sie verstummte wieder.
"Das macht diese Hilfe aber nicht einzigartig." Meine Stimme blieb kontrolliert. "Auf Aldrin und im gesamten Solara-System existieren mehrere Frauen, deren genetische Ausstattung geeignet ist, genau diese künstlichen Gebärmütter zu züchten. Lilandra war nicht die einzige Möglichkeit. Sie war eine Möglichkeit."
Xandra atmete hörbar ein. "Das..."
"Warte." Erneut versuchte sie einzuhaken. Erneut sprach ich weiter, ohne meine Lautstärke zu verändern. "Daher sehe ich mich weder persönlich bei Lilandra in der Schuld, noch gegenüber Aldrin oder Solara als Ganzes."
Der Raum wirkte plötzlich deutlich kleiner. Selbst das leise Summen der Klimaanlage schien in den Hintergrund zu treten. Neben mir stand meine Sekretärin weiterhin vollkommen regungslos. Nur ihre Augen bewegten sich unmerklich zwischen Xandra und mir hin und her. Sie griff nicht ein. Sie sagte nichts. Genau dafür hatte ich sie ausbilden lassen. Erst beobachten. Erst handeln, wenn es wirklich nötig wurde. Valen blieb ebenfalls unbeweglich. Seine Hände ruhten weiterhin hinter seinem Rücken. Seine Miene verriet nichts. Nicht Zustimmung. Nicht Ablehnung. Nicht einmal Überraschung. Nur seine grau schimmernden Augen wirkten einen Hauch aufmerksamer als zuvor.
"Ich werde weder meine Familie noch mein Unternehmen in Gefahr bringen", sagte ich weiter, "indem ich mich freiwillig zur Zielscheibe der Terraner mache." Ich bemerkte, wie Xandras Finger ineinandergriffen. Sie begann unbewusst ihre eigenen Hände zu kneten. "Nur weil ich den Aldrianern dabei helfen sollte, das Terraformer-CPU-Schiff Deca aus dem Solara-System nach Presidents End zu schmuggeln."
Als ich den Namen des Schiffes aussprach, huschte für einen kaum wahrnehmbaren Moment etwas über Valens Gesicht. Kein Schock. Eher die Bestätigung, dass ich den Kern ihres eigentlichen Anliegens bereits erkannt hatte. Ich lehnte mich langsam nach vorne. Nicht weit. Nur so weit, dass zwischen Xandra und mir kaum noch die Tischplatte als räumliche Trennung wahrnehmbar war. Dann sah ich ihr direkt in die grün schimmernden Augen.
"Und selbst wenn ich tatsächlich in eurer Schuld stehen würde..." Ich machte eine kurze Pause. "...was ich ausdrücklich nicht so sehe..." Noch immer sagte niemand ein Wort. "...würde ich euch trotzdem nicht helfen."
Die Worte hingen im Raum. Ich konnte regelrecht beobachten, wie sie Xandra trafen. Ihre Gesichtsmuskeln spannten sich sichtbar an. Der zuvor trotzige Ausdruck zerfiel Stück für Stück. Ihre Lippen pressten sich zusammen. Der Unterkiefer arbeitete. Sie wollte etwas erwidern. Mehrfach. Doch jedes Mal schien sie den Gedanken wieder zu verwerfen. Ihre Finger verkrampften sich inzwischen so stark ineinander, dass die Knöchel heller wurden. Die Muskeln ihrer Unterarme zeichneten sich unter der schokoladenfarbenen Haut deutlich ab. Sie saß äußerlich noch immer aufrecht. Innerlich schien jedoch etwas in Bewegung geraten zu sein. Ihre Atmung war flacher geworden. Die grünen Augen, die mich zu Beginn unseres Treffens noch beinahe herausfordernd angesehen hatten, verloren zunehmend ihre Schärfe. Es wirkte beinahe, als würde jedes meiner Worte gegen etwas ankämpfen, das längst vor diesem Gespräch in ihr existiert hatte. Sie wand sich sichtbar. Nicht körperlich im eigentlichen Sinne. Sondern in ihrer gesamten Haltung. Ihre Schultern wurden unruhiger. Sie verlagerte ihr Gewicht mehrfach im Sessel. Die übereinandergeschlagenen Beine lösten sich kurz, bevor sie sie wieder übereinanderlegte. Sie rang mit sich selbst. Es hatte nichts von gespielter Empörung. Nichts von politischer Taktik. Es wirkte schmerzhaft echt. Fast so, als würde jedes meiner Argumente an Überzeugungen kratzen, die sie ihr ganzes Leben lang für selbstverständlich gehalten hatte. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, erschien Xandra Darlian nicht arrogant. Nicht überheblich. Nicht provozierend. Sondern verletzlich. Und genau das machte die Situation gefährlicher als jede lautstarke Auseinandersetzung.

Valen bewegte sich zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs aus seiner beinahe regungslosen Haltung heraus. Es war keine hastige Bewegung, sondern langsam, kontrolliert und mit der Gelassenheit eines Mannes, der jede einzelne Muskelbewegung bewusst ausführte. Seine rechte Hand hob sich und legte sich behutsam auf Xandras linke Schulter. Zu meiner Überraschung zuckte Xandra heftig zusammen. Nicht nur ein leichtes Erschrecken. Ihr gesamter Oberkörper spannte sich für einen Augenblick an, ihre Schultern schnellten reflexartig nach oben, und sie sog scharf die Luft ein. Ihre Augen weiteten sich kurz, ehe sie sich sofort wieder unter Kontrolle brachte. Sie drehte den Kopf nicht einmal zu Valen, als hätte sie längst erkannt, wer sie berührt hatte. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Bis eben hatte ich angenommen, dass zwischen den beiden eine nahezu selbstverständliche Vertrautheit herrschte. Valen begleitete sie überall, kümmerte sich um organisatorische Angelegenheiten und schien mehr als bloß ein Butler oder Berater zu sein. Gerade deshalb irritierte mich ihre körperliche Reaktion. Sie wirkte nicht erschrocken, weil sie Valen nicht erwartet hatte, sondern weil sie so tief in ihren eigenen Gedanken gefangen gewesen war, dass selbst eine sanfte Berührung sie aus dem Gleichgewicht brachte. Valen nahm die Hand nach wenigen Sekunden wieder zurück. Seine Miene blieb unverändert. Dann richtete er seine grau glimmenden Augen auf mich.
"Das ist gegenüber Ojō-sama mehr als unhöflich." Seine Stimme war leise. Nicht unterwürfig. Nicht aggressiv. Sie besaß diese eigentümliche Ruhe, die nur Menschen ausstrahlten, die ihre Gefühle vollständig unter Kontrolle hatten. "Auch wenn Sie, Grau-sama, nicht die Absicht haben, uns zu helfen, so wäre es dennoch angemessen, einen anderen Tonfall und ein anderes Verhalten an den Tag zu legen. Immerhin verdanken Sie es uns, dass Sie von einem Terraformer-Saatschiff gerettet wurden."
Ich verzog das Gesicht. Natürlich musste dieses Argument kommen. Innerlich hatte ich gehofft, genau diesen Punkt umgehen zu können. Nicht, weil ich ihn vergessen hatte, sondern weil ich wusste, wie unerquicklich diese Diskussion werden würde. Doch nun lag die Tatsache offen auf dem Tisch. Ich atmete langsam durch.
"Valen..." Das Wort war mir beinahe automatisch herausgerutscht. Ich hielt inne. Nein. Das war nicht die Beziehungsebene, auf der ich dieses Gespräch führen wollte. "Seldon-san." Ich sprach die Anrede bewusst vollständig aus. Nicht aus Respekt. Sondern um die notwendige Distanz wiederherzustellen. Ich verschränkte die Hände locker vor mir auf der Tischplatte. "Mir ist ehrlich gesagt vollkommen egal, was Sie denken, fühlen oder wollen." Weder Valen noch Xandra unterbrachen mich. "Das Einzige, was ich sehe, wenn ich Ministerin Darlian helfe, ist eine Zukunft, die aus Drohungen, Anschlägen und Kämpfen besteht." Ich hob kurz die rechte Hand. "Und zwar nicht ausschließlich durch die Terraner." Ich bemerkte, wie Xandra langsam den Kopf hob. Sie sah mich jetzt wieder direkt an. Ihre Stirn war leicht gerunzelt. Die Unsicherheit von eben war noch nicht verschwunden, wurde nun aber zunehmend von Konzentration verdrängt. "Deca repräsentiert für die Gemeinschaft der Planeten ein kollektives Trauma." Ich sprach jedes Wort bewusst langsam aus. "Auch wenn dieses CPU-Schiff niemals den fehlerhaften Patch erhalten hat, der aus den übrigen Terraformern die Xenon machte." Für einen Moment ließ ich den Blick von Xandra zu Valen wandern. "Das spielt keine Rolle." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Für die meisten Menschen existiert dieser Unterschied schlicht nicht." Meine Finger trommelten nicht mehr auf der Tischplatte. Sie lagen vollkommen ruhig da. "Die Argonen würden Deca bekämpfen." Ich hob einen Finger. "Die Paraniden ebenso." Ein zweiter Finger. "Die Split ohne jeden Zweifel." Ein dritter. "Die Teladi würden spätestens dann ihre Profitrechnung aufmachen und feststellen, dass ein zerstörtes Terraformerschiff deutlich weniger Risiken verursacht als ein existierendes." Ich lehnte mich leicht zurück. "Und selbst die Boronen..." Ich musste unwillkürlich an Dok Oc denken. "...würden trotz ihrer Friedfertigkeit nicht zögern, das Schiff als Bedrohung einzustufen."
Im Raum entstand erneut Stille. Nicht unangenehm. Eher nachdenklich. Ich ließ den Blick zur Panoramawand schweifen. Zwischen den äußeren Dockringen bewegten sich mehrere Transporter gemächlich durch den Raum. Kleine Positionslichter glitten lautlos über die Außenhülle der Station. Alles dort draußen wirkte friedlich. Dabei wusste ich nur zu gut, wie trügerisch dieser Eindruck war. Ich drehte den Kopf wieder zu den beiden.
"Es ist nicht so, dass ich die Aldrianer nicht verstehen kann." Das sagte ich vollkommen ehrlich. "Im Gegenteil." Ich nickte langsam. "Eure Situation ist be***." Zum ersten Mal zuckte einer von Valens Mundwinkeln minimal. Ob wegen meiner Wortwahl oder weil ich Verständnis zeigte, konnte ich nicht erkennen. "Ihr seid erst seit ungefähr sechzig Jahren wieder an das Tornetzwerk angeschlossen." Ich hob leicht die Schultern. "Euer einziger dauerhafter Kontakt mit der Gemeinschaft der Planeten führt über das Sol-System." Ich verschränkte die Arme vor der Brust. "Und wir wissen alle, wie die Terraner ticken." Ich machte eine kurze Pause. "Sie sind paranoid." Noch eine. "Und xenophob." Ich hob eine Augenbraue. "Auch wenn kaum jemand das offen ausspricht." Meine Stimme wurde etwas leiser. "Zumindest nicht in ihrer Gegenwart."
Ich strich mir langsam über das Kinn. Die Bartstoppeln meines gepflegten Goatees kratzten leicht unter den Fingerspitzen. Der vertraute Widerstand half mir, meine Gedanken zu ordnen.
"Was ich damit eigentlich sagen will..." Ich sah erst Valen an. Dann Xandra. "...ist, dass ihr von der Mentalität der Völker innerhalb der Gemeinschaft der Planeten nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennt." Ich machte eine kurze, nachdenkliche Pause. "Und das Wenige, das ihr kennt..." Meine Stimme blieb ruhig. "...ist höchstwahrscheinlich bereits durch die politische Sichtweise der Terraner gefiltert worden."
Niemand widersprach. Nicht sofort. Gerade dieses Schweigen sagte mir mehr als jede hitzige Erwiderung hätte sagen können. Xandra hatte aufgehört, ihre Hände zu kneten. Stattdessen lagen sie nun reglos auf ihren Oberschenkeln. Ihr Blick war nicht mehr kämpferisch. Er wirkte prüfend. Valen wiederum stand noch immer kerzengerade hinter ihr. Sein Gesicht blieb nahezu ausdruckslos, doch ich hatte den Eindruck, dass er meine Worte inzwischen nicht mehr als Ablehnung auffasste, sondern begann, sie als nüchterne Analyse zu bewerten. Nur die angespannte Stille zwischen uns verriet, dass dieses Gespräch seinen eigentlichen Wendepunkt erst noch erreichen würde.

Ich brauchte einen Moment, um die Worte überhaupt zu verarbeiten. Nicht weil ich sie akustisch nicht verstanden hätte, sondern weil die Bedeutung nicht in das passte, was ich für diesen Raum, diese Situation und diese Frau erwartet hatte. Xandra Darlian stand plötzlich nicht mehr in der Haltung einer politischen Vertreterin oder einer selbstsicheren Angehörigen einer einflussreichen Familie vor mir. Sie hatte sich aus dem Sessel erhoben, die Beine nicht mehr elegant übereinandergeschlagen, sondern leicht auseinander gestellt, als müsste sie sich selbst stabilisieren. Die Distanz zu Valen hatte sie bewusst vergrößert, zwei, drei Schritte zur Seite, hinein in den freieren Raum vor meinem Schreibtisch. Das Licht der Deckenpaneele fiel jetzt direkter auf ihr Gesicht und ließ jede kleinste Veränderung darin sichtbar werden. Ihre Augen. Die eben noch kontrolliert wirkenden, grünlich schimmernden Augen waren feucht geworden. Nicht dramatisch. Nicht theatralisch. Es war ein langsamer Prozess, ein Aufbrechen einer Kontrolle, die offenbar lange gehalten hatte und nun unter etwas Unsichtbarem nachgab. Ihre Pupillen wirkten dunkler, der Blick nicht mehr fokussiert, sondern leicht nach innen gekehrt, als würde sie gleichzeitig mich ansehen und etwas völlig anderes.
Dann sprach sie. "Ich möchte, dass Sie mich aufnehmen und mich vor Valen und meiner Mutter beschützen."
Der Satz hing im Raum wie ein gewaltiges Objekt. Für einen Moment war es vollkommen still. Selbst das leise Systemrauschen der Station schien zurückzutreten. Ich spürte, wie sich mein eigener Gesichtsausdruck veränderte, bevor ich es bewusst steuern konnte. Meine Augen weiteten sich minimal, und mein Kopf neigte sich kaum merklich nach vorne. Neben mir erstarrte Valen vollständig. Nicht nur körperlich, sondern in einer Weise, die fast künstlich wirkte. Seine Haltung wurde absolut gerade, als hätte jemand eine innere Sicherung aktiviert, die jede weitere Reaktion blockierte.
"Bitte was?" entfuhr es mir. Es war keine aggressive Frage. Eher ein reflexhaftes Überprüfen der Realität.
Xandra reagierte nicht sofort. Stattdessen schien sie den Moment zu sammeln, als würde sie die Konsequenzen ihrer eigenen Aussage erst jetzt vollständig wahrnehmen. Ihre Lippen öffneten sich, schlossen sich wieder, und ihre Hände, die zuvor noch ruhig gewesen waren, begannen leicht zu zittern. Dann kam es.
"Sie..."
Ihre Stimme brach an der Kante zwischen Kontrolle und Zusammenbruch. Tränen sammelten sich in ihren Augen, zunächst nur als feine Glanzschicht, dann als sichtbare Feuchtigkeit, die sich langsam löste und über ihre Wangen zog. Sie wischte sie nicht sofort weg.
"Du erinnerst mich an meinen Vater."
Der Satz war leiser als die vorherigen. Und deutlich schwerer. Ich blieb sitzen. Reglos. Ihr Blick suchte meinen, hielt ihn fest, als würde sie verhindern wollen, dass ich ausweiche.
"Du siehst ihm so ähnlich." Sie schluckte. Ihre Kehle bewegte sich sichtbar. "Du hast fast den gleichen Namen wie er." Ein kurzer Atemzug. "Toru Haiiro."
Die Aussprache ihres Akzents verzerrte den Namen leicht, aber die Bedeutung kam klar durch. Ich spürte, wie sich die Situation endgültig verschob. Nicht mehr politisch. Nicht mehr strategisch. Etwas Persönliches hatte den Raum übernommen, ohne dass ich es hatte kommen sehen. Mein Blick wanderte unwillkürlich zu Valen. Er stand vollkommen steif. Nicht wie jemand, der überrascht war, sondern wie jemand, dessen gesamte innere Struktur kurzfristig aus der Balance geraten war und sich nun zwang, sie wieder herzustellen. Seine Hände hinter dem Rücken waren noch immer verschränkt, aber die Fingerbewegung verriet eine minimale Spannung. Seine grauen Augen waren auf Xandra gerichtet, ohne zu blinzeln.
"Ojō-sama..." Mehr brachte er nicht hervor. Seine Stimme war ungewöhnlich leise. Fast angespannt.
Ich lehnte mich langsam zurück in meinen Stuhl, ließ die Situation einen Moment auf mich wirken und versuchte, die neue Information in die bisherigen Zusammenhänge einzuordnen. In meinem Kopf verschoben sich die Prioritäten. Die Erwähnung eines Vaters, eines Namens, einer familiären Assoziation – das alles veränderte nicht nur die Dynamik zwischen Xandra und mir, sondern auch zwischen ihr und Valen. Und vor allem zwischen ihr und dem, was sie von mir wollte. Ich atmete langsam aus. Der Raum war nicht mehr derselbe wie vor wenigen Sekunden. Und ich hatte das unangenehme Gefühl, dass er es auch nicht mehr werden würde.

„Wache!“
Die Stimme durchschnitt den Raum wie ein sauber gezogener Schnitt durch dichtes Material. Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, reagierte die Türfront links von meinem Schreibtisch mit einem leisen, hydraulisch wirkenden Zischen. Die matte, dunkelgraue Oberfläche der Paneele glitt auseinander, und ein dünner Spalt aus kühler Korridorluft drang hinein, getragen von einem schwachen Geruch nach Ozon, Metall und einem synthetischen Reinigungsmittel. Zwei Männer traten ein, gleichmäßig im Schritt, die Körperhaltung straff, aber nicht übertrieben aggressiv. Ihre leichte Bewaffnung war sichtbar genug, um Präsenz zu erzeugen, aber nicht so dominant, dass sie den Raum sofort in eine Kampfzone verwandelte. Ihre Augen scannten kurz die Situation, blieben einen Moment zu lange auf Xandra und Valen hängen und fixierten dann wieder mich.
Ich ließ den Blick nicht von ihnen weichen und hob minimal das Kinn, gerade so viel, dass die Rangordnung im Raum klar blieb.
„Begleiten Sie Seldon-sama zurück auf die aldrianische Korvette. Er darf Altrix Nova bis auf weiteres nicht betreten … wenn nötig mit Gewalt.“
Meine Stimme blieb kontrolliert, ruhig, ohne jede Schwankung, obwohl ich innerlich bereits die Konsequenzen dieses Moments durchkalkulierte. Die Worte lagen schwer im Raum, als hätten sie selbst Gewicht, das sich in die Luft drückte.
Xandra bewegte sich nicht sofort. Stattdessen griff sie langsam nach dem Stoff des Sessels, ihre Finger legten sich so fest darum, dass die Knöchel kurz heller wurden. Der Stoff gab leicht nach, ein gedämpftes Knirschen von Polymaterial, das sich unter Druck minimal verformte. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, fixiert, suchend, als würde sie prüfen, ob ich die Aussage ernst meinte oder nur eine Reaktion provozierte. Dann sprach sie, ohne ihre Haltung vollständig zu lösen, aber mit einer unterschwelligen Spannung in der Stimme, die kaum zu überhören war.
„Es wäre klug, dass auch für die gesamte Besatzung durchzusetzen.“
Der Satz hing kurz zwischen uns, als würde er versuchen, einen neuen Rahmen über die Situation zu legen. Ich antwortete nicht sofort. Mein Blick blieb auf ihr, dann glitt er kurz zu den beiden Wachen, die bereits minimal ihre Positionen angepasst hatten, bereit, die Anweisung umzusetzen. Schließlich nickte ich knapp.
„Machen Sie es so.“
Die Wachen setzten sich in Bewegung. Einer trat einen halben Schritt näher zu Valen, nicht bedrohlich schnell, aber eindeutig bestimmend. Der zweite positionierte sich so, dass Valen keine freie Linie mehr zur Tür hatte. Der Raum wirkte plötzlich enger, obwohl sich physisch nichts verändert hatte, als hätte sich die Luft selbst verdichtet. Xandra blieb dennoch stehen, bis die letzten Worte gesprochen waren, ihre Haltung angespannt, aber kontrolliert. Valen hingegen war vollkommen reglos geworden, sein Gesicht zu einer starren Oberfläche erstarrt, in der sich kaum noch erkennbare Emotionen spiegelten.
Als die Tür hinter den beiden Wachen und Valen wieder geschlossen wurde, blieb nur noch das leise Summen der Raumstabilisierung übrig. Die Geräusche des Korridors waren vollständig abgeschnitten, als hätte die Station selbst entschieden, diesen Moment einzuschließen und nicht nach außen dringen zu lassen. Ich drehte mich langsam zurück, mein Blick nun ausschließlich auf Xandra und meine Sekretärin gerichtet, die noch immer reglos neben der Wand stand, die Hände vor dem Körper verschränkt, die Augen aufmerksam, aber neutral. Der Raum war nun reduziert auf drei Personen, eine Entscheidung und die unmittelbare Spannung, die noch nicht abgeklungen war.

„Ich höre …“ sagte ich langsam, die Worte bewusst gedehnt, während ich Xandra direkt fixierte und jede Regung in ihrem Gesicht beobachtete.
Sie zögerte keinen Moment mehr, sondern ließ sich in den linken Sessel sinken. Das Polstermaterial gab unter ihrem Gewicht leicht nach und erzeugte ein leises, dumpfes Geräusch, das im ansonsten steril ruhigen Raum beinahe überbetont wirkte. Ihre Schultern fielen dabei minimal nach vorne, als hätte jemand die Spannung aus ihren Gelenken gezogen. Die gerade, fast militärisch wirkende Haltung, die sie zuvor noch im Raum gehalten hatte, löste sich vollständig auf. Jetzt wirkte sie nicht mehr wie eine politische Vertreterin, in ihren frühen Zwanzigern, eines Hochtechnologie-Systems, sondern wie jemand, der seit Stunden nicht geschlafen hatte. Ihre Augen verloren an Schärfe, der Blick wurde weicher, unsteter, als würde er ständig an der Oberfläche der Gedanken entlanggleiten, ohne Halt zu finden.
„Otosan war immer fasziniert von den Welten außerhalb unseres Systems. Viele Aldriner sind das.“
Ich ließ den Blick nicht von ihr, während ich die Worte aufnahm. Die Erwähnung ihres Vaters veränderte die Dynamik im Raum kaum sichtbar, aber spürbar.
„Ich dachte eure Doktrin basiert darauf, dass Expansion Unsicherheit bedeutet und ihr deswegen nie ein Sprungtorprojekt gestartet habt.“
Xandra hob kurz den Kopf, als hätte meine Frage sie physisch aus einer gedanklichen Tiefe gezogen. Ihre Lippen öffneten sich einen Moment zu früh, schlossen sich wieder, dann erst kam die Antwort.
„Das ist auch weitgehend so. Das Solara-System war schon immer von interstellaren Weltraumphänomenen gebeutelt worden, Novaausläufer und so.“ Ihre Stimme war ruhiger geworden, fast monoton, als würde sie nicht mehr mir antworten, sondern einem inneren Protokoll folgen. „Und das hat sich auch über Jahrhunderte in unserer Kultur niedergeschlagen. Aber seit dem Wiederkontakt mit dem Sol-System hat sich etwas verschoben. Und als dann bekannt wurde, dass es Aliens gibt, die GdP, hat sich noch mehr geändert.“
„Was genau?“
Diese Frage kam ohne Verzögerung von mir, scharf genug gesetzt, dass sie den Rhythmus ihrer Erklärung zwanghaft unterbrach.
„Das All ist feindlich. Schutz hat Vorrang vor Expansion.“ Sie wiederholte die Doktrin fast wortgleich, aber diesmal mit einem leichten Zittern in der Stimme, als würde sie nicht nur zitieren, sondern sich daran festhalten. „Vielen von uns ist bewusst geworden, dass diese Maxime nur auf Solara angewandt werden kann. Nur auf die Tatsache, dass wir in einer unruhigen Zone des Weltraums leben. Aber nicht auf das, was außerhalb unseres Sonnensystems liegt. Wir sind keine Terraner. Wir sind keine Isolationisten. Wir leben seit über 800 Jahren mit Terraformern und nutzen sie als Werkzeuge. Und das führt zu Spannungen mit den Terranern. Zu der Bitte meiner Mutter, dass Deca über das neu verbundene Sprungtor von Solara nach Presidents End evakuiert werden soll.“
Bei der Erwähnung der Mutter veränderte sich ihr Gesicht erneut, ein kurzer Riss in der emotionalen Kontrolle, der sofort wieder überdeckt wurde. Ihre Hände lagen jetzt locker auf den Oberschenkeln, aber die Finger bewegten sich minimal, unruhig, als würden sie einen unsichtbaren Text lesen.
„Auch wenn meine Mutter das Solara-System vor einem Bruderkrieg mit dem Sol-System retten will, verkennt sie etwas. Die Verschiebung der Mentalität in den Generationen. Bevor es zu einem Bruderkrieg kommen wird, wird es zu einem Bürgerkrieg kommen.“
Der Satz hing schwer im Raum, schwerer als die vorherigen, als hätte er eine eigene physische Dichte. Ich atmete einmal langsam aus, dann ließ ich beide Hände über mein Gesicht gleiten und hielt sie dort einen Moment, als würde ich versuchen, die Struktur der nächsten Handlung aus der Stille heraus zu rekonstruieren.
„Holt Valentina und Vanu.“
Meine Stimme war nun deutlich kürzer, kontrollierter, ohne jede Ausschmückung. Die Sekretärin reagierte sofort, drehte den Kopf minimal zur Seite, ohne ihren Standpunkt zu verlassen, und aktivierte ihr Armband. Ihre Lippen bewegten sich leise, aber sie sprach nicht laut genug, um den Inhalt zu verraten. Ihre Augen blieben dabei auf mir und Xandra gerichtet, präzise, wachsam, professionell.
Xandra selbst bewegte sich nicht mehr. Ihr Blick war nun nicht mehr fokussiert auf mich, sondern leicht nach unten gesunken, als hätte die letzte Aussage etwas in ihr verschoben, das nicht sofort wieder in seine ursprüngliche Position zurückfand. Die Energie im Raum nahm ab, nicht durch Ruhe, sondern durch eine Art inneres Absinken, das sich in jeder Oberfläche, jedem Schatten und jeder Reflexion der Panoramawand bemerkbar machte.

Ich saß noch immer auf meinem Stuhl, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, während der Raum sich in einer seltsam gedrückten Stille hielt, die nur vom leisen Summen der Klimaregulierung und dem fernen Puls der Station durchbrochen wurde, ein gleichmäßiges, tiefes Vibrieren, das wie ein zweiter Herzschlag durch das Metall zog; die Beleuchtung war auf ein gedämpftes Weiß reduziert, das die Kanten der Möbel weich erscheinen ließ, aber gleichzeitig jede Anspannung in den Gesichtern deutlicher hervorhob als jede Helligkeit es vermocht hätte. Links von mir stand Valentina mit verschränkten Armen, ihr Blick fixiert auf Xandra, die auf dem Sofa lag, während Vanu sich dicht neben ihr positioniert hatte, die Schultern leicht gesenkt, aber die Hände locker geöffnet, als würde sie jederzeit reagieren wollen, beide wachsam, beide mit dieser stillen, kontrollierten Sorge, die sie nur dann zeigten, wenn etwas wirklich aus dem Gleichgewicht geraten war. Der Raum roch nach gereinigtem Metall, leicht ozonisch von den Luftfiltern, und darunter lag der schwache Geruch von Keffa, der vorhin serviert worden war, inzwischen erkaltet und fast bitter in der Luft hängend.
Am gegenüberliegenden Ende des Raumes hatte sich Xandra seitlich auf das Sofa gelegt, die Beine leicht angewinkelt, ein Arm unter dem Kopf, der andere schlaff nach vorne gefallen; ihr Gesicht war blass, die sonst klare Struktur ihrer Züge von einer fiebrigen Röte überzogen, die sich unregelmäßig über Wangen und Hals zog, als würde ihr Körper gegen etwas arbeiten, das er nicht einordnen konnte. Ihre Atmung war unruhig, zu schnell in Phasen, dann wieder zu flach, und jedes Mal, wenn sie sich minimal bewegte, zuckte eine der Sensoranzeigen an der Wand neben ihr, die Rosa Morgan während ihrer Untersuchung eingeblendet hatte. Rosa stand leicht über sie gebeugt, eine Hand mit einem schmalen Diagnosemodul nahe an Xandras Schläfe, während sie mit der anderen gelegentlich kleine Anpassungen an den Parametern vornahm; ihre Bewegungen waren präzise, ruhig, aber in der Mimik lag ein Schatten von Konzentration, der verriet, dass ihr die Situation nicht trivial erschien. Ihr braunes, inzwischen fast vollständig weißes Haar war streng zurückgebunden, einzelne Strähnen hatten sich gelöst und klebten leicht an der Stirn, während ihre braunen Augen zwischen den Anzeigen und Xandras Vitalwerten hin und her sprangen. Neben ihr stand Greg Watson, leicht nach vorne gebeugt, die undurchsichtige Brille reflektierte das Licht der Displays in dünnen bläulichen Streifen, sodass seine Augen vollständig verborgen blieben; er hielt ein Datenpad in der Hand, dessen Oberfläche in ruhigen Intervallen Muster auswarf, die er ohne Kommentar weiterleitete, seine Präsenz war ruhig, aber aufmerksam wie eine statische Sensorik im Hintergrund.
Am anderen Ende des Raumes hatte sich die Zusammensetzung der Anwesenden erweitert. Tahl Brenna stand nahe der Wand, breit gebaut, die Glatze leicht glänzend im Licht, sein Gesicht mit dieser typischen argonischen Schärfe, die wenig Emotion durchließ, aber in der Spannung der Kiefermuskulatur klar zeigte, dass er jedes Detail aufnahm, während Gal Connar neben ihm saß, nicht entspannt, aber kontrolliert, die platinblonden kurzen Haare sauber geschnitten, die hellgrünen Augen auf Xandra gerichtet, aber immer wieder kurz zu mir wandernd, als würde sie versuchen, meine Reaktion zu lesen, ohne dass ich es bemerkte.
Valentina trat einen halben Schritt näher an mich heran, beugte sich minimal vor und flüsterte nur knapp hörbar: "Sie wirkt instabil", während Vanu lediglich nickte, ihre Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, ohne ein Wort zu verlieren.
Ich ließ den Blick einen Moment auf Xandra ruhen, registrierte die ungleichmäßige Bewegung ihrer Finger, das leichte Zittern in ihrem linken Handgelenk, die feinen Schweißperlen an ihrer Schläfe, die das Licht in kleinen, unruhigen Reflexen brachen, und die Art, wie Rosa kurz die Stirn runzelte, bevor sie ein weiteres Diagnosefeld aktivierte; dann drehte ich den Kopf minimal in Richtung der Tür, ohne sie aus den Augenwinkeln zu verlieren, und sagte nur knapp, ohne die Stimme zu heben: "Das bleibt unter Kontrolle."
In diesem Moment verschob sich die Atmosphäre im Raum spürbar, als hätte meine Aussage die Unsicherheit nicht beseitigt, sondern nur in eine neue, definierte Form gebracht, während draußen hinter der geschlossenen Tür das entfernte, tiefe Pulsieren der Station weiterlief, gleichmäßig, unbeirrt, als hätte es mit all dem nichts zu tun.

Ich hatte kaum ausgesprochen, was ich alles zusammengefasst hatte, das in den letzten Stunden auf mich eingeprasselt war, als der Raum erneut in Bewegung kam, nicht physisch, sondern durch die Stimmen der anderen, die sich wie unterschiedliche Schichten über die Stille legten.
Valentina war die Erste, die reagierte, ihre Arme noch immer verschränkt, aber der Kopf leicht zur Seite geneigt, während sie mich musterte, als würde sie eine alternative Realität durchspielen. „Und ich war der festen Meinung, dass sie sich in dich verschossen hätte. Dabei hat sie nur einen Vaterkomplex.“ Ihre Worte waren trocken formuliert, aber ihre Mundwinkel zuckten minimal, nicht ganz spöttisch, eher eine Mischung aus Unsicherheit und der Art Humor, der entsteht, wenn eine Situation zu schwer wird, um sie rein sachlich zu halten.
Vanu stand neben ihr, die Haltung ruhiger, aber die Augen auf Xandra gerichtet, die weiterhin in der medizinischen Behandlung lag, während Rosa Morgan mit ruhigen, präzisen Bewegungen die Daten ihres Zustands anpasste. „Es würde mich brennend interessieren, was aus ihrem Vater geworden ist. Und wie das Verhältnis zwischen Lilandra, Xandra und Toru war.“ Ihre Stimme war leise, nicht auf Konfrontation ausgelegt, sondern eher wie ein Gedankengang, der versehentlich laut geworden war. Die Erwähnung der Namen ließ einen kurzen Schatten durch den Raum ziehen, nicht sichtbar, aber spürbar in der Art, wie sich die Aufmerksamkeit aller minimal neu ordnete.
Tahl verschränkte die Arme fester vor der Brust, sein massiver Körper blieb unbeweglich, aber seine Augen wurden schmaler. „Ist das wirklich so wichtig? Wenn wir den Aldrianern helfen, können wir uns gleich die Kugel geben.“ Seine Stimme war tief, rau, direkt, ohne jede diplomatische Glättung, und für einen Moment hing eine unangenehme Schärfe im Raum, die selbst die Geräusche der medizinischen Geräte überlagerte.
Gal reagierte sofort darauf, ohne die Stimme zu heben, aber mit einem präzisen, fast messerscharfen Unterton. „Charmant wie immer. Aber mein Halbbruder hat recht. Selbst wenn wir helfen wollten, könnten wir nicht. Die UNO ist nur ein Unternehmen ohne politischen Einfluss. Wir könnten nicht mal Hilfe gewähren. Und würden wir es, würde die argonische Föderation uns sofort alle Rechte und Lizenzen entziehen. Das wäre nicht nur unternehmerischer, sondern auch privater Selbstmord.“ Während sie sprach, blieb ihr Blick starr auf mir, nicht herausfordernd, sondern analysierend, als würde sie meine Entscheidung bereits in mehrere mögliche Konsequenzen zerlegen.
Greg Watson war weiterhin still, vollständig auf sein Datenpad konzentriert, während die blaue Reflexion seiner undurchsichtigen Brille die Anzeige in kalten Fragmenten spiegelte. Rosa dagegen arbeitete weiter an Xandra, deren Atmung inzwischen gleichmäßiger wurde, während die Medikamente offenbar Wirkung zeigten; ihre Bewegungen waren nun ruhiger, fast schlafähnlich, aber nicht wirklich stabil, eher in einen künstlich erzeugten Zustand der Kontrolle gedrängt.
Ich spürte, wie sich die Spannung im Raum veränderte, als ich mich bewegte. Meine Hand fuhr unwillkürlich durch mein Haar, langsam, unruhig, während ich begann, im Raum aufzutreten, Schritt für Schritt, ohne festen Rhythmus. Das Geräusch meiner Schritte auf dem leicht gedämpften Bodenbelag war zu leise, um dominant zu wirken, aber laut genug, um die Aufmerksamkeit der anderen unbewusst zu binden. Jeder Blick folgte mir, selbst wenn sie es nicht bewusst wollten.
„Das ist mir auch alles klar“, sagte ich schließlich, während ich mich einmal um mich selbst drehte und dann stehen blieb, den Blick kurz auf Gal, dann auf Tahl, dann auf Vanu und Valentina richtend. „Aber was soll ich mit ihr machen?“ Ich deutete mit einer kurzen, kontrollierten Bewegung meiner Hand auf Xandra, deren Körper im medizinischen Zustand nun fast regungslos wirkte, nur gelegentlich unterbrochen von einem minimalen Zucken ihrer Finger. „Schicke ich sie weg, schicke ich sie in ein Krisengebiet. Nehme ich sie auf, habe ich nicht nur eine Twen hier, die ihren Vaterkomplex auf mich projiziert, sondern löse womöglich auch noch einen politischen Vorfall aus.“
Der Raum blieb still für einen Moment, bevor Rosa, ohne sich von Xandra abzuwenden, leise sprach. „Das ist eine Zwickmühle.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein kontrollierter Atemzug, vorsichtig gesetzt, um den Schlafzustand der Patientin nicht zu stören. „Aber all die Probleme mal beiseite geschoben … was sagt dein Gefühl?“
Ich blieb stehen. Mein Blick wanderte zu ihr, und für einen Moment fühlte sich die Frage fehl am Platz an, fast wie ein Fremdkörper in einer Struktur, die ich gerade mühsam rational aufgebaut hatte. „Mein Gefühl?“ Ich verzog das Gesicht leicht, als würde ich die Frage in Gedanken auseinandernehmen. „Mein Gefühl ist, dass ich so viele habe, dass ich nicht weiß, wohin damit.“
Noch bevor jemand reagieren konnte, sprach Greg Watson zum ersten Mal direkt, ohne von seinem Pad aufzusehen. „Dann schieben Sie sie beiseite. Betrachten Sie die Situation logisch. Ethisch. Moralisch.“ Seine Stimme war neutral, fast mechanisch, aber nicht kalt, eher wie eine Feststellung, die keinen Widerspruch einplante.
Dieser Satz blieb in mir hängen. Nicht wegen seiner Einfachheit, sondern wegen der Erinnerung, die er auslöste. Der Ancient. Ein Fragment eines Gesprächs, das nicht in einen normalen Kontext passte, ein Moment, der sich eher wie ein Fehler in der Realität angefühlt hatte als wie eine echte Begegnung. Die Worte, dass Ethik und Moral keine festen Größen seien, sondern verschiebbare Konstrukte, abhängig von Zeit, Ort und Beobachter. Ich spürte, wie sich diese Erinnerung wie ein feines Raster über die aktuelle Situation legte, ohne sie zu lösen, aber sie in eine andere Perspektive zu zwingen.
Ich drehte mich wortlos von der Gruppe weg. Schritt für Schritt ging ich zur Panoramawand, ohne jemanden anzusehen, bis ich nur noch die kalte, transparente Oberfläche vor mir hatte. Das Material war glatt, leicht kühl, und ich legte meine Handfläche dagegen, spürte die minimale Vibration der Station durch die Struktur laufen wie ein fernes, lebendes System. Dann senkte ich die Stirn gegen das Glas, schloss kurz die Augen und ließ den Moment ohne Widerstand auf mich wirken.
Als ich sie wieder öffnete, glitt Trantor langsam in mein Sichtfeld, groß, beschädigt, von alten Narben überzogen, die selbst aus dieser Distanz sichtbar waren. Die Atmosphäre des Planeten wirkte schwer, fast träge, als würde er unter der Last seiner eigenen Geschichte langsamer rotieren. Ich sah die dunklen Flecken zerstörter Regionen, die unregelmäßigen Strukturen ehemaliger Siedlungen, die Lücken, wo einmal Leben gewesen war und jetzt nur noch Leere blieb. Für einen Moment blieb mein Blick daran hängen, ohne Bewertung, nur Beobachtung.
„Ich fliege nach Trantor“, sagte ich schließlich. Meine Stimme war ruhig, aber endgültig in ihrer Form. Kein Raum für Diskussion in diesem Moment, nur eine Entscheidung, die sich selbst gesetzt hatte. „Mein Ziel ist Misoras Schrottplatz für ausgediente Raumschiffe. Fürs Erste.“ Ich löste die Hand von der Wand, richtete mich auf und blieb einen Moment stehen, während ich den Planeten weiter betrachtete. „Ich brauche Abstand. Vielleicht kann ich später eine Entscheidung treffen.“
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 62 - Krise

"Sie stirbt."
Die beiden Worte trafen mich mit einer Wucht, als hätte mir jemand mit einem Vorschlaghammer gegen die Brust geschlagen. Für einen kurzen Moment verschwand jedes andere Geräusch. Das leise Summen der medizinischen Geräte, das rhythmische Piepen der Vitalmonitore, das kaum hörbare Rauschen der Klimaanlage, selbst mein eigener Atem. Alles rückte in weite Ferne, während ich Rosa Morgan anstarrte. Sie sprach nicht laut. Sie musste es auch nicht. Ihre jahrzehntelange Erfahrung als Ärztin spiegelte sich in jeder Bewegung wider. Rosa gehörte nicht zu den Menschen, die dramatisierten oder Diagnosen ausschmückten. Wenn sie etwas sagte, dann nur, weil sie sich sicher war. Ich merkte erst nach mehreren Sekunden, dass ich aufgehört hatte zu atmen. Langsam sog ich Luft ein. Der Geruch der Krankenebene war steril, aber nicht unangenehm. Gereinigte Luft, Desinfektionsmittel, Kunststoffe, Metall und der kaum wahrnehmbare Duft medizinischer Nährlösungen lagen übereinander wie unsichtbare Schichten. Das Licht war hell, aber weich genug eingestellt, um Patienten nicht unnötig zu belasten. Weiße Leuchtfelder spiegelten sich auf den transparenten Anzeigen, die in einem Halbkreis um Xandras Krankenbett schwebten. Sie lag vollkommen reglos da. Ich hätte sie beinahe nicht wiedererkannt. Ihre sonst makellos schokoladenfarbene Haut hatte ihren warmen Glanz verloren. Stattdessen wirkte sie stumpf und unnatürlich fahl. Selbst ihre dunklere Haut zeigte jetzt einen graubraunen Unterton, als hätte ihr Körper sämtliche Kraftreserven aufgebraucht. Ihre langen blonden Haare lagen sorgfältig über dem Kissen verteilt. Normalerweise wirkten sie lebendig, fast golden. Jetzt erinnerten sie mich eher an trockenes Stroh, das jedes Licht nur noch matt reflektierte. Überall verliefen dünne Sensorleitungen. Einige klebten an ihren Schläfen. Andere an Hals, Armen, Brustkorb und Beinen. Zwei Infusionsleitungen verschwanden unter der Bettdecke. Mehrere medizinische Scanner bewegten sich lautlos auf kleinen Schienen über ihrem Körper und projizierten regelmäßig feine bläuliche Raster aus Licht auf ihre Haut, die sofort wieder verschwanden. Die Monitore zeigten unzählige Werte. Herzfrequenz. Sauerstoffsättigung. Hormonausschüttung. Körpertemperatur. Nervenaktivität. Zellstoffwechsel. Immunreaktionen. Ich verstand vielleicht ein Zehntel davon. Rosa verstand jedes einzelne Symbol. Neben ihr stand Greg Watson. Der junge Arzt hatte sein Datenpad beinahe vollständig aufgeklappt. Seine undurchsichtige Brille spiegelte Dutzende Diagramme wider. Seine Finger bewegten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit über die Oberfläche, während ständig neue Berechnungen erschienen. Auf der anderen Seite des Bettes stand der Schiffsarzt der aldrianischen Korvette. Der ältere Aldrianer wirkte äußerlich erstaunlich ruhig. Seine ungewöhnlich helle Haut unterschied ihn bereits deutlich von den meisten anderen Aldrianern, doch auch sie war dunkler als die eines Argonen. Seine weißen Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Die blauen Augen beobachteten die Messwerte mit einer Gelassenheit, die mich fast wütend machte. Nicht weil sie arrogant wirkte. Sondern weil sie resigniert wirkte. Als hätte er diesen Zustand schon häufiger gesehen.
Ich brach schließlich das Schweigen. "Was meinen Sie mit 'Sie stirbt'?"
Der Arzt sah mich an. Sein Blick war weder kalt noch mitleidig. Einfach nüchtern. "Ich meine genau das." Er trat näher an das Bett und legte vorsichtig zwei Finger auf Xandras Handrücken. "Die Tochter von Ministerin Darlian leidet nicht an einer einzelnen Erkrankung." Er deutete auf die Anzeigen. "Ihr gesamter Organismus bricht zusammen."
Ich runzelte die Stirn. "Warum?"
Der Aldrianer nickte langsam. "Sie kennen Aldrin nur oberflächlich." Er machte eine kurze Pause. "Unsere Evolution fand unter Bedingungen statt, die sich fundamental von denen der argonischen Kernwelten unterscheiden."
Greg nickte zustimmend, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Der Arzt aktivierte mehrere Hologramme. Vor uns erschien eine schematische Darstellung eines menschlichen Körpers. Daneben blendete er einen zweiten ein.
"Die schokoladenfarbene Haut unserer Spezies ist kein kosmetisches Merkmal." Sein Finger glitt über die Projektion. "Sie ist ein perfekter Schild gegen die außergewöhnlich aggressive UV-Strahlung Aldrins." Mehrere Spektralkurven erschienen. "Unsere Melanindichte liegt weit über der terranischen und argonischen." Er ließ weitere Werte einblenden. "In unserem Heimatsystem ist das lebensnotwendig."
Ich nickte langsam.
"Hier allerdings ... wird genau dieser Schutz zum Problem." Er vergrößerte die Darstellung der Haut. "Der menschliche Körper benötigt UV-B-Strahlung, um Vitamin D zu synthetisieren." Sein Finger tippte auf mehrere Bereiche. "Die Haut eines Aldrianers blockiert diese Strahlung fast vollständig."
Greg ergänzte ruhig: "Wir konnten den Vitamin-D-Spiegel rekonstruieren." Er schob mir eine Grafik zu. Die Linie fiel Woche für Woche weiter ab. "Ohne gezielte medizinische Versorgung entwickelt sich zunächst ein schleichender Mangel."
Der Aldrianer übernahm wieder. "Danach folgen Störungen des Immunsystems." Weitere Anzeigen erschienen. "Die Knochendichte sinkt." "Noch später geraten Stoffwechsel und Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht." Er sah mich ernst an. "Und all das geschieht langsam."
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
"So langsam ... dass Betroffene selbst kaum bemerken, wie krank sie bereits sind."
Rosa verschränkte die Arme. "Das allein hätte sie allerdings nicht in dieses Koma gebracht."
Der Aldrianer nickte. "Nein." Er aktivierte eine zweite Darstellung. Diesmal erschien ein Kopf mit langen weißen Haaren. "Auch unser Haar erfüllt mehrere biologische Funktionen." Ich hob überrascht eine Augenbraue. "Das Zusammenspiel dunkler Haut und heller Haare entstand nicht zufällig." Er vergrößerte mehrere Schichten. "Die Haut strahlt Wärme hervorragend ab. Das helle Haar reflektiert einen erheblichen Teil der Sonnenenergie."
Ich nickte. "Klingt sinnvoll."
"In Verbindung mit den permanenten Luftströmungen Aldrins." Er ließ eine dreidimensionale Simulation entstehen. Ich sah gewaltige Windströmungen über eine felsige Landschaft ziehen. Sie bewegten sich nahezu ununterbrochen. "Unsere Evolution setzt diese Konvektion voraus." Er drehte das Modell. "Der Wind führt permanent Wärme vom Kopf ab." Die Simulation wechselte. Jetzt erschien Altrix Nova. Geschlossene Korridore. Wohnsektionen. Normierte Klimaanlagen. "Geregelte Luft. Wenig Bewegung. Hohe Luftfeuchtigkeit. Konstante Temperaturen." Er sah mich an. "Für Argonen und Terraner nahezu ideal. Für Aldrianer nicht."
Greg blendete Temperaturkarten ein. "Der Wärmestau beginnt am Kopf."
Rosa ergänzte: "Der Körper versucht permanent gegenzuregeln. Was wiederum zusätzliche Energie kostet."
Der Aldrianer nickte. "Und genau dort beginnt die Katastrophe."
Er rief nun Xandras persönliche Daten auf. Ich sah Dutzende Einträge. Korvette verlassen. Handelsstation bei den Teladi besucht. Zura. Zurück zur Korvette. Handelsposten über Nif'Nakh besucht. Wieder Korvette. Altrix Nova besucht. Orbitalwerft. Schrottplatz. Besprechungsräume. Stationsebene. Wieder Korvette. Erneut Altrix Nova. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.
Der Arzt atmete tief durch. "Xandra Darlian besitzt..." Er lächelte schwach. "...genau wie ihr Vater eine ausgeprägte xenophile Ader."
Ich erinnerte mich an ihre Begeisterung. Sie hatte überall Fragen gestellt. Jede Station besichtigen wollen. Mit Technikern gesprochen. Mit Arbeitern. Mit Händlern. Mit Ingenieuren. Mit Kindern. Mit nahezu jedem.
Der Arzt fuhr fort. "Jedes einzelne Mal..." Er zeigte auf die Liste. "...wenn sie die Korvette verlassen hat..." Ein weiteres Diagramm erschien. "...musste ihr Körper versuchen, sich an eine Umgebung anzupassen..." Noch eine Grafik. "...für die er biologisch niemals vorgesehen war."
Greg verschränkte die Hände hinter dem Rücken. "Es war keine einzelne Belastung."
Rosa nickte. "Es war die Summe. Wozuralang. Tazuralich. Immer wieder."
Der Aldrianer schloss die Projektion. "Ihr Organismus lief permanent auf Höchstlast. Das Immunsystem arbeitete ununterbrochen. Der Stoffwechsel ebenfalls. Die Temperaturregulation versagte zunehmend. Der Vitamin-D-Mangel verschärfte sämtliche Prozesse zusätzlich." Er sah noch einmal auf Xandra hinunter. "Sie hat ihren Körper langsam aufgezehrt."
Ich starrte auf die reglose junge Frau. Sie hatte all das nicht bemerkt. Oder ignoriert. Weil sie einfach nur das Universum hatte kennenlernen wollen. Weil sie dieselbe Neugier besaß wie ihr Vater. Weil sie jede Gelegenheit genutzt hatte, fremde Welten zu sehen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Politik. Sondern aus ehrlicher Begeisterung. Und genau diese Begeisterung ... brachte sie nun um.

Ich stand regungslos neben Xandras Krankenbett und konnte meinen Blick nicht von ihrem Gesicht lösen. Sie wirkte friedlich. Fast so, als würde sie lediglich schlafen. Wären da nicht die unzähligen Kabel, die feinen transparenten Schläuche, die Sensoren auf ihrer Stirn und den Schläfen sowie das unablässige Flackern der medizinischen Anzeigen gewesen, hätte ich tatsächlich geglaubt, sie würde jeden Moment die Augen öffnen und mit ihrer üblichen Mischung aus Neugier und Unsicherheit eine Frage stellen. Stattdessen hob und senkte sich ihr Brustkorb nur flach, unterstützt durch die medizinischen Systeme. Das monotone Piepen der Monitore wurde plötzlich unerträglich laut, weil jedes einzelne Signal mich daran erinnerte, dass dieser Körper nur noch mit größter Mühe am Leben gehalten wurde.
Der aldrianische Arzt verschränkte langsam die Hände hinter dem Rücken. Sein Gesicht wirkte ernst, aber nicht hoffnungslos. Es war vielmehr der Ausdruck eines Mediziners, der genau verstand, weshalb etwas geschah, gleichzeitig aber wusste, wie wenig dieses Wissen den Angehörigen half. Er sah kurz zu Rosa und Greg. Beide nickten ihm kaum merklich zu. Offenbar hatten sie die gemeinsame Auswertung abgeschlossen. Dann richtete sich sein Blick wieder auf mich.
„Es gibt noch einen weiteren Faktor, Grau-sama." Seine Stimme blieb ruhig. Fast sachlich. Gerade diese Sachlichkeit machte jedes einzelne Wort schwerer. „Weil die Luft in Raumstationen für ihre Verhältnisse stillsteht, schwitzt sie ununterbrochen, um den Kopf über die blonden Haare zu kühlen."
Ich runzelte die Stirn. Er bemerkte meinen fragenden Blick und aktivierte erneut mehrere dreidimensionale Hologramme. Diesmal erschienen Luftströmungen. Zunächst zeigte er die Atmosphäre Aldrins. Gewaltige Luftmassen bewegten sich beinahe permanent über die Oberfläche des Planeten. Selbst in Bodennähe herrschten Windgeschwindigkeiten, die ich auf der Erde bereits als stürmisch bezeichnet hätte. Die Luft schien ständig in Bewegung zu sein. Daneben erschien ein Modell von Altrix Nova. Sämtliche Luftströmungen waren gleichmäßig. Sanft. Kontrolliert. Nahezu regungslos.
„Unsere Klimaanlagen", erklärte Greg nebenbei, „sind für Argonen optimiert."
Der Aldrianer nickte. „Und genau dort liegt das Problem." Er ließ die Simulation dichter an Xandras Kopf heranzoomen. „Ihre blonden Haare dienen nicht nur dem Reflexionsschutz." Mehrere Temperaturkarten erschienen. „Sie bilden zusammen mit der permanenten Luftbewegung Aldrins ein Kühlsystem." Die Animation zeigte, wie der Wind ständig Wärme aus dem Haar herauszog. „Auf einer Raumstation fehlt genau dieser Bestandteil."
Er ließ die Windströmungen verschwinden. Augenblicklich sammelte sich rote Wärmeenergie zwischen Kopfhaut und Haaren. Langsam. Stetig. Fast unmerklich.
„Die Luft steht." Er machte eine kleine Pause. „Zumindest aus Sicht eines Aldrianers."
Ich schluckte. „Sie schwitzt also permanent?"
„Ja." Der Arzt nickte. „Ununterbrochen."
Er wechselte die Darstellung. Jetzt erschien ein menschlicher Körper. Nach und nach färbten sich einzelne Bereiche dunkler. „Sie verliert ständig Flüssigkeit."
Greg blendete parallel mehrere Laborwerte ein. Elektrolyte. Osmolarität. Blutviskosität.
Rosa zeigte auf einen Wert. „Hier." Der Zahlenwert lag weit außerhalb des Normalbereichs.
Der Aldrianer erklärte weiter. „Das Durstgefühl der Aldrianer ist an das kühlere und deutlich feuchtere Klima unserer Heimat angepasst."
Ich blickte überrascht auf. „Das heißt..."
„...sie merkt überhaupt nicht, wie viel Wasser sie verliert." Beendete der Arzt meinen Satz.
Mir wurde plötzlich klar, weshalb Xandra unterwegs so selten etwas getrunken hatte. Ich erinnerte mich. Mehrfach. In der Korvette. Auf Altrix Nova. Während der Besichtigungen. Während der Besprechungen. Ich hatte immer wieder Getränke bestellt. Vanu und Valentina ebenso. Xandra hatte meist nur ein paar Schlucke genommen. Mehr nicht. Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Jetzt hätte ich mich am liebsten dafür geohrfeigt.
Der Arzt sprach unbeirrt weiter. „Mit jedem Tag wurde ihr Blut etwas dickflüssiger." Auf dem Hologramm wurden die Blutgefäße sichtbar. Der Blutfluss verlangsamte sich. „Dadurch wird der Wärmetransport schwieriger." Er ließ die Simulation weiterlaufen. „Der Körper versucht gegenzusteuern." Die Herzfrequenz stieg. Der Stoffwechsel beschleunigte sich. Immer mehr rote Bereiche erschienen. „Das kostet wiederum zusätzliche Energie."
Greg ergänzte ruhig: „Ein Teufelskreis."
Rosa nickte. „Und zwar einer, den niemand bemerkt."
Der Aldrianer ließ das nächste Hologramm entstehen. Diesmal zeigte es eine große Stationspromenade. Hohe Glasdächer. Breite Fensterfronten. Helles künstliches Sonnenlicht.
„Wenn sie eine Station mit großen Glaskuppeln oder offenen Promenaden besucht..." Er deutete nach oben. „...brennt das Licht unbarmherzig von oben." Mehrere Spektren erschienen. „Ihr blondes Haar reflektiert zwar das sichtbare Licht." Die Simulation bestätigte das eindrucksvoll. Ein Großteil des Lichtes wurde tatsächlich zurückgeworfen. „Aber..." Er ließ das Infrarotspektrum einblenden. „...die künstlich gefilterte Stationsatmosphäre lässt die Wärmestrahlung nahezu ungehindert passieren."
Ich beobachtete, wie sich das Modell langsam aufheizte.
„Gleichzeitig absorbiert ihre dunkle Haut die Wärmestrahlung, welche von den aufgeheizten Deckplatten, Wänden und technischen Anlagen abgestrahlt wird." Langsam färbte sich die gesamte Figur rot. „Ihr gesamtes Kühlsystem arbeitet jetzt permanent oberhalb seiner Auslegung."
Er sah mich direkt an. „Nicht mit hundert Prozent." Seine Stimme wurde leiser. „Mit einhundertachtzig."
Niemand sagte etwas. Selbst die medizinischen Geräte wirkten plötzlich leiser. Der Arzt wechselte zur letzten Simulation.
„Am Ende..." Sein Finger bewegte sich langsam durch mehrere Zeitpunkte. „...reichte eine absolute Kleinigkeit."
Ich erkannte den Grundriss meines Büros. Mein Schreibtisch. Die Panoramawand. Die drei Sessel.
„Sie betrat Altrix Nova." Ein kleines Symbol erschien. „Sie war bereits erschöpft." Ein weiterer Marker. „Sie hatte leichte Kopfschmerzen." Noch einer. „Die ignorierte sie."
Ich schloss langsam die Augen. Ja. Sie hatte sich tatsächlich kurz an die Stirn gefasst. Ich hatte gedacht, sie sei lediglich müde.
„Dann setzte sie sich in Ihr Büro."
Die Simulation stoppte. Xandra saß im linken Sessel. Genau dort. Wo sie schließlich zusammengebrochen war. Der Aldrianer sprach jetzt noch ruhiger. „Der Wärmestau begann." Langsam verfärbte sich ihr Kopf dunkelrot. „Sie setzte sich." Die Herzfrequenz sank. „Der Blutdruck fiel." Die Animation zeigte den verlangsamten Kreislauf. „Doch die Hitze..." Er vergrößerte den Kopf. „...die sich über Stunden unter ihrer dichten blonden Haarpracht angestaut hatte..." Langsam stiegen die Temperaturwerte. „...konnte mangels Luftbewegung nicht entweichen."
Ich bemerkte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten.
„Die Temperatur ihres Gehirns..."
Vierzig Komma eins.
Vierzig Komma drei.
Vierzig Komma vier.
Vierzig Komma fünf.
Der Zahlenwert blieb rot stehen.
„...überschritt unbemerkt die kritische Grenze."
Greg übernahm. „Normalerweise würde das Blut die Wärme verteilen." Auf der Simulation wurde der Blutfluss sichtbar. Er war deutlich langsamer. „Aber durch die wochenlange Dehydrierung war das Blut bereits erheblich eingedickt." Die roten Strömungen bewegten sich nur noch träge. „Die Wärme konnte nicht mehr schnell genug abgeführt werden."
Der Aldrianer ließ sämtliche übrigen Anzeigen verschwinden. Nur Xandras Gehirn blieb sichtbar. Dann sprach er den letzten Abschnitt seiner Erklärung. „Ihr Gehirn erlitt einen stillen hyperthermischen Schock." Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. „Um die Synapsen vor einem vollständigen Hitzetod zu schützen..." Die neuronalen Verbindungen wurden nacheinander dunkel. „...riegelte ihr Nervensystem die Reizweiterleitung selbstständig ab." Die letzten Lichtpunkte erloschen. „Sie schlief nicht ein." Seine Stimme war kaum noch mehr als ein Flüstern. „Sie glitt lautlos und vollkommen ohne Vorwarnung in ein tiefes komatöses Stadium."
Das Hologramm verschwand. Zurück blieb nur Xandra. Still. Reglos. Von Maschinen umgeben. Der Aldrianer sah sie lange an. Dann sagte er mit einer Traurigkeit, die selbst seine professionelle Fassade nicht mehr vollständig verbergen konnte: „Es ist das nahezu perfekte Krankheitsbild einer Spezies..." Er machte eine kleine Pause. „...die an ihrer eigenen hochspezialisierten evolutionären Anpassung in einer fremden Umgebung zerbrochen ist."
Ich konnte nichts antworten. Mein Blick blieb auf Xandra liegen. Immer wieder spielte sich dieselbe Erinnerung vor meinem inneren Auge ab. Wie sie neugierig durch Altrix Nova gelaufen war. Wie sie jedes Deck hatte sehen wollen. Jede Werkhalle. Jede Produktionslinie. Jedes Fenster mit Blick auf Trantor. Jeden Hangar. Jede Promenade. Sie hatte das Universum kennenlernen wollen. Und ausgerechnet diese Neugier hatte ihren Körper langsam, Tag für Tag, unbemerkt an den Rand des Todes gebracht.

Ich stand schweigend neben Xandras Krankenbett, während die Anzeigen der medizinischen Monitore in ruhigen Rhythmen pulsierten. Das matte Blau und Grün der Hologramme spiegelte sich auf ihrer schokoladenfarbenen Haut wider, die trotz der medizinischen Versorgung ungesund fahl wirkte. Ihr Atem war regelmäßiger als noch vor wenigen Stunden, dennoch hatte jede Bewegung ihres Brustkorbs etwas Zerbrechliches an sich. Das Zimmer auf der Krankenebene der aldrianischen Korvette unterschied sich deutlich von den medizinischen Einrichtungen auf Altrix Nova. Die Luft war kühler. Feuchter. Ich konnte sie auf meiner Haut spüren. Ein stetiger, kaum wahrnehmbarer Luftstrom strich durch den Raum. Erst jetzt verstand ich, dass diese Luftbewegung kein Komfort war, sondern Bestandteil der Behandlung. Valentina und Vanu standen dicht neben mir. Beide hatten ihre Arme verschränkt und beobachteten schweigend die Ärzte, die noch einige letzte Einstellungen an den Geräten vornahmen. Rosa Morgan sprach leise mit Greg Watson, während der aldrianische Arzt einige Werte kontrollierte. Niemand sagte etwas. Selbst die sonst so nüchternen Geräusche medizinischer Geräte wirkten gedämpft.
Die Tür glitt lautlos auf. Valen trat ein. Sein sonst so makelloses Auftreten hatte feine Risse bekommen. Sein langer weißer Bart war noch genauso ordentlich geflochten wie immer. Auch seine ebenso langen Haare lagen sauber über seinen Rücken. Der schwarze Mantel saß perfekt. Die weiße Schärpe war makellos gebunden. Doch seine grau glimmenden Augen verrieten etwas anderes. Sie wirkten müde. Tiefer. Als hätte er seit Tagen kaum geschlafen. Er blieb zunächst regungslos neben Xandra stehen. Sein Blick ruhte lange auf ihr. Dann schloss er langsam die Augen.
"Ojō-sama..."
Mehr brachte er zunächst nicht hervor. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Vor wenigen Stunden hätte ich ihn noch ohne Zögern von meiner Station fernhalten lassen. Jetzt wirkte der alte Aldrianer nicht wie ein Diplomat oder Leibwächter. Sondern lediglich wie jemand, der gerade hilflos mit ansehen musste, wie ein Mensch zerbrach, den er vermutlich seit ihrer Geburt begleitet hatte. Schließlich hob er den Kopf.
"Man informierte mich über ihren Zustand."
Der aldrianische Arzt nickte. "Sie befindet sich inzwischen unter optimalen Umweltbedingungen. Wäre sie auf Altrix Nova geblieben, hätten wir vermutlich nicht mehr viel Zeit gehabt."
Valens Schultern sanken kaum sichtbar. "Dann besteht Hoffnung."
"Ja."
Erst jetzt drehte sich Valen vollständig zu uns um. Sein Blick blieb kurz an mir hängen. "Ich schulde Ihnen wohl eine Erklärung."
Ich verschränkte ebenfalls die Arme. "Das hoffe ich."
Valen atmete langsam aus. "Aldrianer zeigen verhältnismäßig viel Haut. Während Außenstehende das vielleicht als provokant, freizügig oder rein ästhetisch interpretieren, ist es für uns reine, pragmatische Überlebensphysik." Er sprach ruhig. Sachlich. Fast wie ein Dozent. "Auf dem Planeten Aldrin ist das Gehirn durch die dichte, helle Haardecke vor der direkten Solara-Sonne geschützt. Gleichzeitig neigt genau diese Anpassung jedoch dazu, Wärme unter den Haaren zu speichern. Das Gehirn ist unser empfindlichstes Organ. Deshalb musste die Evolution einen Ausgleich schaffen." Er hob langsam seine rechte Hand und deutete auf seinen eigenen Unterarm. "Der restliche Körper wurde zu einem Wärmetauscher."
Ich runzelte die Stirn. "Wärmetauscher?"
Valen nickte. "Unsere schokoladenbraune Haut besitzt eine außergewöhnlich starke Durchblutung. Sie ist darauf spezialisiert, metabolische Wärme im Infrarotbereich möglichst effizient an die Umgebung abzugeben. Allerdings funktioniert dieses System nur dann optimal, wenn Luft ständig über die Haut strömt." Er breitete beide Hände etwas aus. "Je größer die freie Hautoberfläche, desto effizienter funktioniert unsere Thermoregulation."
Ich erinnerte mich unwillkürlich daran, wie Xandra mir auf Altrix Nova gegenübersaß. Schwarze Hotpants. Ein knappes Tanktop. Lange Stiefel. Damals hatte ich lediglich gedacht, sie kleide sich bewusst auffällig. Jetzt ergab plötzlich alles Sinn.
Valen sprach weiter. "Jede zusätzliche Stoffschicht bildet eine Isolierung." Er nahm den Stoff seines Mantels zwischen zwei Finger. "Selbst leichte argonische Synthetikfasern reduzieren den Wärmeaustausch erheblich." Er ließ den Stoff wieder los. "Wenn ein Aldrianer sich vollständig verhüllen würde, würde sich seine Körpertemperatur innerhalb kurzer Zeit gefährlich erhöhen."
Greg hob kurz den Blick von seinen Anzeigen. "Also ist Kleidung für euch tatsächlich gesundheitsschädlich."
"In vielen Situationen ja." Valen nickte. "Freizügigkeit ist für uns keine Mode." Seine Stimme blieb vollkommen ruhig. "Sie ist die einzige Möglichkeit, unsere Körpertemperatur dauerhaft stabil zu halten."
Vanu sah überrascht zwischen Valen und Xandra hin und her. "Deshalb tragen fast alle Aldrianer so wenig."
"Ja." Valen nickte erneut. "Viele Außenstehende glauben, wir wollten Aufmerksamkeit erregen." Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. "Für uns ist diese Vorstellung beinahe absurd." Er hob den Blick. "Für Argonen oder Terraner erfüllt Kleidung viele Funktionen." Er begann sie beinahe aufzuzählen. "Schutz vor Kälte. Schutz vor UV-Strahlung. Gesellschaftlicher Status. Mode. Persönlicher Geschmack." Dann schüttelte er langsam den Kopf. "Für Aldrianer besitzt Kleidung nahezu ausschließlich eine funktionale Bedeutung." Er zeigte auf Xandra. "Ihre Haut benötigt keinen zusätzlichen Sonnenschutz."
Nun meldete sich der aldrianische Arzt wieder. "Der extrem hohe Melaningehalt ihrer Haut übernimmt diese Aufgabe bereits."
Valen nickte zustimmend. "Unsere Genetik hat diesen Schild bereits erschaffen." Er fuhr fort. "Auf Promenaden der argonischen Kernwelten oder Handelsstationen beobachten uns viele Menschen mit Verwunderung." Ein kurzer Atemzug. "Manche starren. Manche lächeln. Manche urteilen." Sein Blick wurde etwas weicher. "Sie vermuten häufig dahinter eine bewusste Inszenierung körperlicher Attraktivität." Er schüttelte leicht den Kopf. "Dabei fühlen wir uns in stärkerer Kleidung schlicht unwohl." Er legte eine Hand auf seine Brust. "Fast so, als würde uns langsam die Luft genommen."
Ich dachte an sämtliche Begegnungen mit Aldrianern zurück. Plötzlich ergab ihre gesamte Kleidung einen völlig neuen Sinn. Es war keine kulturelle Eigenart. Es war Biologie.
Valentina verschränkte nachdenklich die Arme. "Deshalb habt ihr auf der Korvette überall diese Luftströmungen."
Der aldrianische Arzt lächelte leicht. "Sie haben es bemerkt."
"Jetzt."
Er nickte. "Unsere Schiffe erzeugen niemals stehende Luft." Er deutete nach oben. "Die gesamte Klimaanlage simuliert permanent natürliche Windströmungen. Mal stärker. Mal schwächer. Aber niemals vollkommen ruhig."
Greg sah interessiert auf. "Deshalb fühlt sich die Luft hier anders an."
"Ganz genau." Der Arzt nickte zufrieden. "Viele Besucher empfinden unsere Schiffe als zugig. Für uns fühlt sich erst dadurch ein Raum natürlich an."
Ich blickte langsam durch die Krankenstation. Erst jetzt fielen mir die kleinen Luftauslässe in Boden, Decke und Wänden auf. Sie arbeiteten vollkommen geräuschlos. Nicht einfach nur Klimatisierung. Sondern ein künstlicher Wind.
Rosa verschränkte nachdenklich die Hände. "Das erklärt auch, weshalb Xandra sich auf Altrix Nova niemals beschwert hat."
Der Arzt nickte langsam. "Sie hielt ihre Beschwerden vermutlich für normale Erschöpfung. Sie kannte diese Symptome. Aber sie deutete sie falsch."
Valen schloss kurz die Augen. "Ojō-sama war immer neugierig." Seine Stimme war nun deutlich leiser geworden. "Sie verließ die Korvette bei jeder Gelegenheit. Sie wollte Städte sehen. Stationen. Menschen. Aliens." Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Sie war ihrem Vater ähnlicher, als sie selbst jemals wahrhaben wollte."
Niemand antwortete darauf. Ich sah erneut zu Xandra. Sie lag reglos da. Nur das stetige Heben und Senken ihres Brustkorbs zeigte, dass sie noch lebte. Mir wurde langsam bewusst, wie grausam Evolution sein konnte. Eine Spezies entwickelte sich über Jahrtausende perfekt für genau einen Planeten. Und genau diese Perfektion wurde außerhalb ihrer Heimat beinahe zu einem Todesurteil.
Ich blickte zu Valen. "Dann war ihr Wunsch, das Universum kennenzulernen...gleichzeitig das Gefährlichste, was sie hätte tun können."
Valen nickte langsam. "Ja." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Genau das."

Ich stand in dem sterilen, kühl beleuchteten Behandlungsbereich der aldrianischen Korvette, während das diffuse Weiß der medizinischen Paneele sich in den metallischen Kanten der Liege brach, auf der Xandra reglos lag. Die Luft roch nach ionisiertem Sauerstoff, leicht metallisch, gemischt mit dem süßlichen, fast medizinisch künstlichen Duft von Regenerationsgel und Desinfektionsnebel, der in regelmäßigen Intervallen aus dünnen Düsen in der Decke ausstieß. Ihre schokoladenfarbene Haut wirkte im kalten Licht fast noch dunkler, als würde sie die Umgebung nicht reflektieren, sondern verschlucken, während die langen, hellblonden Haare wie ein ausgebreitetes, unruhiges Feld aus feinen Fasern um ihren Kopf lagen, leicht bewegt durch die minimalen Luftströmungen der Lebenserhaltung.
Die Sensorikbänder, die sich wie transparente, lebendige Organismen an ihre Schläfen, ihren Hals und entlang der Schlüsselbeine gelegt hatten, pulsierten in unregelmäßigen Intervallen in schwachem Blau und Grün. Jeder Ausschlag war ein stilles Echo ihres Körpers, der versuchte, sich gegen einen Zustand zu wehren, den er selbst nicht mehr stabilisieren konnte. Ich hörte das gleichmäßige, aber zu schnelle Piepen der Herz-Kreislauf-Überwachung, ein mechanischer Rhythmus, der in seiner Konstanz fast beruhigend wirken sollte, aber genau das Gegenteil tat. Neben der Liege stand Rosa Morgan, ihre Hände ruhig, aber mit dieser angespannten Präzision einer Person, die zu lange mit instabilen Vitalwerten gearbeitet hat. Ihre Augen, braun und scharf fokussiert, glitten immer wieder über die holografischen Anzeigen, während Greg Watson schweigend Datenströme in sein tragbares Interface einspeiste, die blauen Haarsträhnen leicht vom Luftzug der Lüftung bewegt, die seine undurchsichtige Brille gelegentlich spiegeln ließ.
Als der aldrianische Arzt die thermodynamischen Zusammenhänge erklärte, veränderte sich die Atmosphäre im Raum nicht, aber das Gewicht seiner Worte verschob etwas in der Wahrnehmung aller Anwesenden. Er stand leicht seitlich zur Liege, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung kontrolliert, aber nicht distanziert, vielmehr in einer klinischen Selbstverständlichkeit, die darauf beruhte, dass er diesen Mechanismus nicht nur verstand, sondern als biologische Tatsache akzeptiert hatte. Seine Stimme blieb ruhig, fast neutral, während er über Wärmestau, Melaninbarrieren und Konvektion sprach, und ich sah, wie seine Augen kurz auf Xandra ruhten, nicht mit Emotion, sondern mit der nüchternen Betrachtung eines Systems, das seine Parameter überschritten hatte.
Ich spürte, wie sich meine Hände unbewusst ballten, als die Kausalität zwischen Umwelt, Körper und Versagen immer klarer wurde. Nicht ein einzelner Fehler, kein Unfall im klassischen Sinn, sondern eine Verkettung von Anpassungen, die in einem fremden Kontext ihre Funktion verloren hatten. Die Vorstellung, dass selbst ihre körperliche Natur sie hier verriet, wirkte unangenehm präzise, als würde ihr eigener Organismus gegen sie arbeiten, ohne dass irgendeine äußere Gewalt nötig gewesen wäre.
Rosa hob kurz den Blick von den Anzeigen, ihre Stirn in feine Falten gelegt, und sagte leise, ohne sich vom Monitor abzuwenden: "Die Werte stabilisieren sich minimal, aber das ist kein Zeichen von Erholung, eher ein Plateau vor einer weiteren Dekompensation." Ihre Finger tippten eine kurze Sequenz ein, wodurch ein neuer Datenlayer über Xandras Körper projiziert wurde, farblich codiert in blassen Violett- und Orangetönen, die die thermische Belastung ihres Gehirns sichtbar machten.
Greg schob seine Brille leicht höher, ohne aufzusehen, und ergänzte knapp: "Die metabolische Belastung bleibt kritisch. Selbst mit externer Kühlung greifen die internen Regulationsmechanismen nicht mehr stabil genug."
Valen stand etwas abseits, wie immer aufrecht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, doch seine sonst makellose Kontrolle wirkte nicht vollständig geschlossen. Seine Augen folgten dem Arzt, dann Xandra, dann wieder den Daten. Als der Arzt die Erklärung über Haarstruktur und thermische Isolation fortsetzte, zog sich seine Kieferlinie minimal an, ein kaum sichtbares Zeichen innerer Spannung. Ich bemerkte, wie seine sonst so glatte Stimme beim Sprechen leicht an Tiefe gewann, als er schließlich einwarf, dass Xandras Aufenthalt in den offenen, klimatisch neutralen Bereichen der Station in Kombination mit ihrer genetischen Konstitution eine schleichende Überlastung erzeugt hatte.
Ich selbst stand näher an der Wand, dort, wo das transparente Panoramasegment des medizinischen Bereichs den Blick auf die rotierende Außenstruktur von Altrix Nova freigab. Die Station lag wie ein komplexes, mehrschichtiges Gebilde aus hellen Segmentringen und dunkleren Versorgungsmodulen im Orbit, darunter die träge, entfernte Krümmung von Trantor, dessen Atmosphäre in schmutzigem Blau und grünlichen Schleiern leuchtete. Die Erinnerung daran, wie viel von diesem System zerstört worden war, lag wie ein unsichtbarer Film über allem, selbst hier, wo eigentlich nur sterile Kontrolle herrschen sollte.
Als Valen schließlich die letzte Erklärung aussprach, blieb der Satz für einen Moment im Raum hängen, nicht als neue Information, sondern als Verdichtung dessen, was bereits unausweichlich geworden war. Ich sah zu Xandra hinüber, deren Brust sich unregelmäßig hob, viel zu langsam für eine gesunde Regulation, viel zu instabil für eine sichere Prognose. Ihre Finger bewegten sich kaum merklich, ein Reflex, kein Bewusstsein, eher ein Rest von Systemaktivität, der sich gegen das vollständige Abschalten stemmte.
Rosa trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme nicht, aber ließ sie offen hängen, als würde sie sich bewusst jede vorschnelle Interpretation verbieten. Greg stoppte seine Eingabe für einen Moment und sah auf die Daten, dann auf mich, ohne etwas zu sagen. Valen blieb stehen, unbeweglich, aber seine Präsenz wirkte schwerer als zuvor, als hätte sich die gesamte Situation in ihm verdichtet.
Ich atmete langsam aus, während das monotone Summen der Lebenserhaltungssysteme weiterlief und die Lichter über Xandras Körper in gleichmäßigen, künstlichen Pulsen flackerten, als würden sie eine Stabilität simulieren, die in Wahrheit längst nicht mehr existierte.

Ich stand zwischen dem flackernden Licht der holografischen Projektion und dem dumpfen, metallischen Geruch des Schrottplatzbüros von Misora, während sich die Ereignisse der letzten Stunden wie eine zu schwere Last in meinem Kopf stapelten. Der Raum selbst war eine Mischung aus Werkstatt und Wohnmodul, die Wände überzogen mit alten Konstruktionsplänen, halb zerlegten Interface-Platten und Werkzeugen, die in magnetischen Halterungen schwebten und gelegentlich leise klickend nachjustierten. Draußen, durch die halb geöffnete Hangarschleuse, zog der kalte, ozonartige Geruch von recyceltem Luftfilter durch die Halle, vermischt mit dem öligen, leicht süßlichen Duft von Schmiermitteln und erhitztem Metall. Misora stand vor uns, das Datenpad in den Händen, ihr Blick konzentriert, aber ihre Augen verrieten dieses subtile Flackern, als würde sie gleichzeitig rechnen, zweifeln und bereits Entscheidungen treffen.
Ich hatte kaum geendet, da wiederholte sich die Essenz meiner Worte in ihrem Mund, nicht spöttisch, eher mechanisch präzise: "Im Prinzip braucht sie einen sonnigen Ort, der relativ kühl und windig ist?"
Ich nickte langsam, spürte dabei, wie meine Schultern schwer wurden, als hätte sich die gesamte Gravitation der letzten Wochen in diesem einen Satz verdichtet. "So siehts aus", sagte ich leise, meine Stimme rauer als beabsichtigt, "wenn Xandra jetzt stirbt, unter meiner Obhut ..." Ich brach ab, weil der Gedanke selbst sich nicht vollständig formen ließ, ohne dass er sich gegen meine innere Stabilität richtete. Der Geschmack von Metall lag mir plötzlich im Mund, obwohl ich nichts gegessen hatte. "Wer weiß, was das für Konsequenzen nach sich zieht."
Valentina saß rechts von mir auf einem schwebenden Sitzmodul, die Beine übereinander geschlagen, ihre Haltung gerade, kontrolliert, fast kühl. Sie verzog keine Miene, als sie sagte: "Diplomatisch keine." Ihre Stimme war nüchtern, ohne jede emotionale Einfärbung, als würde sie eine Bilanz vorlesen.
Vanu dagegen lehnte leicht nach vorne, die Hände ineinander verschränkt, die Augen auf das holografische Licht gerichtet, das über ihr Gesicht wanderte und ihre Züge in wechselnde Blau- und Weißtöne tauchte. "Ich kann mir vorstellen, dass Lilandra dann der Expansion der UNO ins Solara-System Schwierigkeiten machen wird. Oder wenn wir von dort importieren möchten."
In diesem Moment bewegte sich Misora schneller als zuvor, ihr Stuhl drehte sich leicht auf der magnetischen Achse, während sie mit einer abrupten, fast nervösen Präzision ein Datenpad aus einem Stapel technischer Unterlagen zog, der neben einem offenen Wartungskoffer lag. Metallteile klirrten leise, als sie es aufhob, und für einen Augenblick roch der Raum intensiver nach erhitztem Staub, der aus alten Filtereinheiten aufgewirbelt wurde. Ihre Finger glitten über das Display, und mit einer Bewegung, die gleichzeitig geübt und unruhig wirkte, aktivierte sie eine Projektion.
"Das ist Tibe-Kea", sagte sie, und ihre Stimme hatte plötzlich diesen sachlichen, leicht beschleunigten Tonfall, den sie immer bekam, wenn sie sich in technische Details flüchtete. Die holografische Karte entfaltete sich zwischen uns wie eine schwebende Landschaft aus Licht und Tiefe, ein karges Hochplateau, das in kalten Farbtönen von Weiß, Grau und blassem Ocker dargestellt war.
"Das ist ein karges, aber atemberaubendes Hochplateau hier auf Trantor", las sie weiter vor, während sich die Projektion vergrößerte und die Höhenlinien wie feine Narben in der Luft sichtbar wurden. "Es liegt auf einer tektonischen Hebung von 4.500 Metern über dem Meeresspiegel. Trotz der intensiven Strahlung steigen die Temperaturen aufgrund der Höhe selbst am Äquator des Planeten selten über 12 °C. Das Plateau ist von gigantischen Gebirgsketten umgeben, die wie ein Trichter für die globalen Jetstreams wirken. Ein permanenter, trockener und kühler Wind mit durchschnittlich 40 bis 60 km/h peitscht ununterbrochen über die karge Ebene."
Während sie sprach, veränderte sich die Projektion, zeigte Strömungsmuster, die wie lebendige Bänder über die Oberfläche zogen, und ich spürte unwillkürlich, wie mein Blick daran hängen blieb, als könnte ich bereits die Luftbewegung hören.
Misora wischte erneut über das Pad, und die Szene wechselte zu dynamischen Darstellungen von Sportlern in extremen Umgebungen. "High-G-Kitesurfen und Sandboarding: Da der Jetstream permanent über das Plateau fegt, ist Tibe-Kea das Mekka für windsportbegeisterte Argonen. Sportler nutzen gigantische, mit Nanofasern verstärkte Lenkdrachen, um sich auf leichten, magnetisch gelagerten Boards mit mörderischer Geschwindigkeit über die glatten, weißen Gesteins- und Salzebenen ziehen zu lassen." Die Bilder zeigten scharfkantige Bewegungen, helle Reflexionen auf dem Boden, der fast wie zermahlenes Glas wirkte, während die Drachen wie lebendige geometrische Formen durch den Wind schnitten.
"Freiklettern und Bouldern: Die steilen Kanten des Plateaus, die 4.500 Meter in die Tiefe ragen, bieten messerscharfen, erosionsbeständigen Fels. Da die Luft so dünn ist, ist das Klettern hier ein brutaler Ausdauersport. Argonische Militäreinheiten nutzen die Wände von Tibe-Kea für das Überlebenstraining von Spezialeinheiten." Ich bemerkte, wie Valentina kurz den Blick senkte, als hätte sie innerlich bereits militärische Berechnungen durchgeführt, während Vanu unbewusst die Fingerspitzen gegeneinander drückte.
Dann zeigte die Projektion eine Szene, die sich fast surreal anfühlte: Menschen, die sich von Klippen stürzten, eingehüllt in aerodynamische Anzüge, getragen von gigantischen Aufwinden. "Jetstream-Wingsuit-Fliegen: Das Trichterklima der umliegenden Gebirgsketten erzeugt gigantische Aufwinde an den Klippen von Tibe-Kea. Extremsportler springen von den höchsten Kanten des Plateaus und nutzen den peitschenden Wind, um im Wingsuit kilometerweit an den Felswänden entlangzugleiten, bevor sie im dichteren Flachland ihre Fallschirme öffnen."
Der holografische Wind schien sich fast physisch in den Raum zu legen, als würde er durch uns hindurchziehen, kalt und klar, und für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie sich dieser Ort anfühlen müsste: keine stehende Luft, kein Druck, keine Stagnation. Ich atmete langsam aus, spürte dabei, wie sich ein Gedanke formte, schwer und zugleich seltsam logisch. Wenn Xandra überhaupt eine Chance hatte, dann dort. Nicht in einem sterilen Stationsklima, nicht in einem überregulierten Raum der UNO, sondern in einer Umgebung, die sich bewegte, atmete, Druck ausglich statt ihn zu konservieren. Mein Blick glitt über die Gesichter im Raum, über Misoras konzentrierte Stirn, Valentina mit ihrer distanzierten Präzision, Vanu mit dieser leisen Sorge, die sie selten offen zeigte.
Dann sagte ich schließlich, ohne die Augen von der Projektion zu lösen: "Wir bringen sie dorthin."

Ich saß am Rand des improvisierten Kommunikationspults in Misoras chaotischem Büro, das gleichzeitig Werkstatt, Archiv und Wohnraum war. Zwischen rumliegenden Datenpads, offenen Werkzeugkoffern und halb zerlegten Interface-Modulen flackerte eine alte Projektionsleuchte in einem kalten Blau, das die Staubpartikel in der Luft wie eingefrorene Asche wirken ließ. Der Geruch war eine Mischung aus Metallstaub, erhitztem Kunststoff und süßlich-scharfem Keffa, das irgendwo in einer halb geleerten Thermokanne langsam oxidierte. Meine Finger ruhten einen Moment über der Eingabefläche, während ich die Verbindung zur aldrianischen Korvette öffnete. Das System brauchte einen Augenblick, dann stabilisierte sich das Signal in einem flimmernden Rechteck aus Licht.
Ich formulierte die Nachricht kurz und präzise, ohne jede unnötige Öffnung. "Korvette Darlian, hier Tori. Standort Tibe-Kea wird als temporäre Umgebungslösung empfohlen. Medizinische Risiken bekannt." Ich bestätigte den Versand und beobachtete, wie die Sequenz in den Kommunikationskanal eingespeist wurde, begleitet von einem leisen elektronischen Klick, der in der Stille des Raumes ungewöhnlich laut wirkte. Für einen Moment blieb mein Blick auf dem erloschenen Interface hängen, während das Gefühl der Kontrolle gleichzeitig stabilisierend und belastend wirkte.
Wir wollten wenig später aufbrechen. Vanu stand bereits neben der Tür, die Arme locker verschränkt, ihr Blick wach und analytisch, während Valentina unruhig mit einem Datenpad spielte, das sie mehrfach drehte, als würde sie darin ein nicht existierendes Problem suchen. Misora bewegte sich zwischen zwei Stapeln technischer Unterlagen hindurch, ihr Haar leicht zerzaust, dunkle Strähnen, die im künstlichen Licht einen leicht violetten Schimmer annahmen. Der Raum selbst war ein Geflecht aus engen Pfaden zwischen Möbeln, Kabeln und aufgestapelten Ersatzteilen. Jeder Schritt erforderte Aufmerksamkeit, als würde der Boden selbst aus zufällig platzierten Elementen bestehen. Als wir uns zur Tür bewegten, passierte es gleichzeitig und unkoordiniert. Eine lose gelagerte Transportkiste kippte leicht nach hinten, Valentina wich reflexartig aus, Vanu drehte sich im selben Moment, um nicht gegen ein hängendes Kabelbündel zu stoßen, und Misora versuchte, ein fallendes Datenpad aufzufangen. Ich trat einen Schritt zurück, um nicht in die Bewegungskette hineingezogen zu werden, aber der Raum ließ keinen klaren Fluchtweg zu. Die Dynamik brach wie eine verkettete Reaktion zusammen, und bevor ich reagieren konnte, verlor Misora den Halt auf einer glatten Metallplatte am Boden. Im nächsten Moment stürzten alle drei gleichzeitig in meine Richtung. Vanu traf zuerst meine Schulter, Valentina kam von der Seite und Misora von vorne, wodurch ich rückwärts gegen eine halb gepolsterte Werkbank gedrückt wurde. Das Gewicht war unerwartet, nicht schwer im physischen Sinn, aber chaotisch verteilt. Ich spürte die unterschiedlichen Bewegungen ihrer Körper, das kurze Ringen um Stabilität, die überraschten Atemzüge und das abrupte Stoppen der Bewegung, als niemand mehr Platz hatte, um weiterzufallen. Misora landete dabei frontal auf mir, ihre Brüste drückte mich gegen die Werkbankkante, während ihre Hände instinktiv Halt suchten und dabei meine Kleidung erfassten. Für einen Sekundenbruchteil war absolute Stille im Raum, nur unterbrochen vom leisen Summen der Geräte.
Ich atmete einmal scharf aus, die Situation vollständig erfassend, während ich den Blick kurz hob und die drei Frauen registrierte, die quer und schwer über mir lagen und mir die Luft aus den Lungen pressten.
Dann sagte ich, trocken und ohne jede Vorbereitung, während ich versuchte, meine Position leicht zu korrigieren: "Drei Frauen sind mir zu viel."
Valentina blinzelte zuerst, dann verzog sie die Mundwinkel, als sie den Satz verstand. Vanu stieß ein kurzes, kontrolliertes Geräusch aus, das irgendwo zwischen Überraschung und unterdrücktem Lachen lag. Misora hingegen verharrte einen Moment, als müsste sie erst realisieren, wie sie überhaupt in dieser Position gelandet war, bevor sie sich hastig abstützte und von mir herunterdrückte. Der Raum wirkte danach noch enger als zuvor, als hätte sich die gesamte Anordnung der Dinge verschoben.
Ohne weitere Verzögerung verließen wir das Wohnbüro und bewegten uns durch den Schrottplatz. Der Hof war warm, das Licht hier deutlich heller und natürlicher als im Inneren der Werkbereiche. Der Geruch wechselte zu trockenem Sand und frischer Luft, leicht ozonartig durch die Energieleitungen überall um uns herum. Das eVTOL stand bereits auf einer schmalen Startplattform, seine Oberfläche mattgrau mit feinen violetten Linien aus aktiven Sensorfeldern, die wie dunkle Adern über den Rumpf liefen. Als wir einstiegen, setzte sich Misora nach vorne an die Steuerkonsole, Vanu und Valentina hinter mir auf die seitlichen Sitze. Die Sitze passten sich automatisch an, ein leises pneumatisches Zischen begleitete die Anpassung. Ich spürte, wie das Fahrzeug sich aktivierte, eine kaum wahrnehmbare Vibration lief durch den Boden. Die Andockklammern lösten sich, und für einen Moment hing das Fahrzeug schwerelos in der magnetischen Halterung, bevor es sich langsam nach vorne schob. Der Start war sanft, fast ohne spürbaren Übergang, dann beschleunigten wir entlang der vertikalen Startspur nach außen. Je weiter wir uns entfernten, desto klarer wurde der Blick auf den Schrottplatz, dessen Struktur sich wie ein künstlicher Kontinent ausbreitete. Trantor lag unter uns, ein überwiegend ockerfarbenes Band mit graugrünen Fragmenten ehemaliger Vegetation und zerstörter Siedlungszonen. Die Atmosphäre wirkte dünn, aber stabil, durchzogen von langen Wolkenschichten, die sich wie Kratzer über die Oberfläche zogen. Misora aktivierte den Kurs nach Tibe-Kea, und das eVTOL begann einen langen, schrägen Aufstieg. Je näher wir kamen, desto stärker wurden die Luftbewegungen. Das Fahrzeug stabilisierte sich automatisch gegen die wechselnden Windzonen, die sich über dem Planeten wie unsichtbare Strömungsbänder verteilten. Unter uns tauchte das Hochplateau auf, zuerst nur als heller Streifen in der Landschaft, dann als massiver, erhöhter Block aus Stein und Salz, umgeben von abrupt abfallenden Klippen, die in dunkle Tiefen stürzten. Ich spürte die erste echte Reaktion, als sich die Temperaturanzeige im Cockpit leicht veränderte. Die Luft dort unten war klarer, trockener, und das Licht wirkte schärfer, obwohl es durch die Höhenlage gedämpft wurde. Der Wind begann das Fahrzeug sichtbar zu beeinflussen, kleine Korrekturen liefen durch die Steuerdüsen, um die stabile Flugbahn zu halten. Tibe-Kea wirkte nicht wie ein Ort, sondern wie eine geologische Maschine, die ununterbrochen von Strömungen durchzogen wurde.
Dann veränderte sich die Szenerie erneut. Zuerst war es nur ein Schatten im oberen Sichtfeld, ein dunkler Punkt, der sich gegen die hellen Atmosphärenschichten abzeichnete. Die Sensoren des eVTOL reagierten minimal, aber ausreichend, um meine Aufmerksamkeit zu schärfen. Vanu richtete sich automatisch auf, Valentina drehte den Kopf nach oben, und Misora verlangsamte die Fluggeschwindigkeit leicht. Dann wurde die Form klar. Die aldrianische Korvette trat aus dem oberen Atmosphärenband hervor, eine schlanke, aerodynamische Struktur, deren Oberfläche das Licht des Planeten in gebrochenen Reflexionen zurückwarf. Sie wirkte nicht massiv, sondern präzise konstruiert, als wäre jeder Winkel auf minimale Widerstände im Raum optimiert. Keine überflüssigen Ausbuchtungen, nur klare Linien, die sich durch die Luft schnitten. Die Hülle reflektierte die helle Umgebung von Tibe-Kea in einem gedämpften Silberton, der mit dem darunterliegenden Gestein kontrastierte. Ich beobachtete, wie sie ihren Sinkflug einleitete, langsam, kontrolliert, fast schwerelos im Vergleich zu den natürlichen Turbulenzen des Planeten. Unterhalb des Plateaus lag der kleine Raumhafen, kaum mehr als eine flache, verstärkte Plattform aus Verbundmaterial, eingerahmt von temporären Hangars und einem einzigen Kontrollturm, dessen Lichter im Wind flackerten. Der Ort wirkte nicht wie eine Einrichtung, sondern wie eine improvisierte Markierung in einer gewaltigen Landschaft. Die Korvette passte ihre Ausrichtung an, reduzierte Geschwindigkeit und setzte schließlich in einer präzisen, fast lautlosen Bewegung auf der Plattform auf. Der Kontakt mit dem Boden wurde nur durch eine leichte Staubverdrängung sichtbar, die sich in dünnen, weißen Linien über die Landefläche zog. Ich blieb einen Moment still im eVTOL sitzen, während ich die Szene unter mir vollständig registrierte. Die Korvette stand dort wie ein fremdes, aber perfekt angepasstes Objekt in einer Umgebung, die selbst keine Nachlässigkeit zuließ.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 63 - Trantor

Ich trat langsam an die riesige Panoramascheibe der Aussichtslounge heran und blieb unmittelbar davor stehen. Unwillkürlich legte ich meine rechte Hand auf das kühle, makellos glatte Glas. Es war so sauber, dass es beinahe unsichtbar wirkte. Erst als sich meine Fingerspitzen dagegen pressten und sich ein matter Abdruck bildete, wurde mir bewusst, dass überhaupt eine Scheibe zwischen mir und der Welt draußen existierte. Ich atmete langsam aus. Die warme Luft beschlug für einen kurzen Moment das transparente Material, bevor die integrierte Klimaregulierung den feinen Schleier augenblicklich verschwinden ließ. Hinter der Scheibe lag Tibe-Kea. Misora hatte nicht übertrieben. Ich hatte in meinem bisherigen Leben viele Landschaften gesehen. Die grünen Ebenen der Erde. Die futuristischen Städte Argon Primes. Die gewaltigen künstlichen Strukturen auf Raumstationen. Die fremdartigen Regionen von Ni'sha'la, Zura und Nif'Nakh. Doch nichts davon bereitete mich auf diesen Anblick vor. Vor mir breitete sich ein Hochplateau aus, das scheinbar kein Ende kannte. Die Luft war außergewöhnlich klar. So klar, dass mein Gehirn Schwierigkeiten hatte, Entfernungen richtig einzuordnen. Dinge, die ich instinktiv nur wenige Kilometer entfernt vermutete, lagen laut den eingeblendeten Messdaten meines Armbands mehr als hundert Kilometer entfernt.
"Unfassbar...", murmelte ich.
Das Plateau bestand aus hellem, beinahe weißem Gestein, das stellenweise von grauen, silbrigen und ockerfarbenen Schichten durchzogen wurde. Dazwischen verliefen kilometerlange Risse, als hätte einst ein gigantischer Titan versucht, den gesamten Kontinent auseinanderzubrechen. Wind trieb feinen Staub über die Oberfläche. Er bildete lange, fließende Schleier, die aussahen wie Wasser, obwohl dort weit und breit kein Tropfen zu sehen war. Der Himmel war tiefrot. Nicht einfach rot. Ein intensives, fast unwirkliches Crimson, das nur durch die dünne Atmosphäre in dieser Höhe entstehen konnte. Weiße Wolken zogen unglaublich schnell über das Plateau hinweg. Innerhalb weniger Minuten veränderten sie vollständig ihre Form. Die Jetstreams rissen an ihnen, zogen sie auseinander und formten ständig neue Muster. Selbst durch die dicke Scheibe hörte ich ein tiefes Heulen. Nicht laut. Aber permanent. Der Wind. Er hörte niemals auf. Ich konnte sehen, wie sich draußen selbst größere Felsbrocken mit einer dünnen Staubschicht überzogen, die vom Wind ständig weitergetragen wurde. Kleine Steinchen hüpften gelegentlich einige Meter über den Boden, bevor sie wieder liegen blieben. Die Landschaft wirkte gleichzeitig wunderschön und lebensfeindlich.
Ich ließ meinen Blick weiter schweifen. Die Sichtweite betrug tatsächlich weit über zweihundert Kilometer. Normalerweise begrenzte die Planetenkrümmung jede Aussicht. Hier oben jedoch lag ich auf einem der höchsten Plateaus Trantors.
Weit unter mir erstreckten sich Ebenen. Gebirge. Täler. Und Spuren einer Welt, die einmal voller Leben gewesen war. Ganz am Horizont erhob sich eine Stadt. Oder vielmehr das, was einmal eine Stadt gewesen sein musste. Selbst auf diese unglaubliche Entfernung erkannte ich ihre geometrischen Formen. Hochhäuser ragten wie stumpfe Zähne aus der Ebene. Manche standen noch erstaunlich gerade. Andere waren in sich zusammengesackt. Zwischen ihnen verliefen breite Straßen, deren hellgraue Oberflächen noch immer das Sonnenlicht reflektierten. Kein Rauch. Keine Fahrzeuge. Keine Bewegung. Nicht einmal Vögel. Nur Wind. Mein Armband zoomte automatisch heran. Jetzt erkannte ich einzelne Gebäude deutlicher. Fenster fehlten. Brücken zwischen den Hochhäusern waren eingestürzt. Auf einem Platz lag das Wrack eines riesigen Frachters. Offenbar war er während eines Angriffs abgestürzt. Sein Bug hatte sich tief in den Boden gebohrt. Rundherum verlief ein kreisförmiger Krater. Die Vegetation hatte begonnen, sich langsam ihren Platz zurückzuerobern. Zwischen aufgebrochenem Asphalt wuchsen silbrig schimmernde Gräser. Kleine Büsche hatten Dächer erobert. Manche Fassaden waren vollständig von Pflanzen überwuchert. Es wirkte beinahe friedlich. Bis mir bewusst wurde, warum diese Stadt leer war. Ich schluckte.
Langsam wanderte mein Blick weiter. Noch weiter draußen erkannte ich mehrere Dörfer. Oder das, was davon übrig geblieben war. Holz- und Stahlhäuser standen schief. Manche Dächer fehlten. Andere Gebäude waren vollständig ausgebrannt. Ein Wasserturm lag umgestürzt quer über einer Straße. Auf einem verlassenen Marktplatz bewegte sich nichts außer Staub. Die Spielgeräte eines Kinderspielplatzes standen noch. Eine Schaukel bewegte sich langsam im Wind. Nur durch den Wind. Ich wusste nicht, warum gerade dieses Bild mich so traf. Vielleicht, weil es zeigte, dass hier einmal Kinder gespielt hatten. Familien gelebt hatten. Menschen gelacht hatten. Und nun... Nichts. Ich presste die Lippen zusammen.
Mein Blick wanderte weiter. Noch weiter. Die Landschaft wechselte. Jetzt sah ich breite dunkle Narben. Kilometerlang. Sie schnitten sich durch Wälder und Ebenen wie Brandmale. Misora trat leise neben mich.
"Ohne Scanner erkennt man sie kaum."
"Wovon stammen sie?"
"Abstürzende Großkampfschiffe." Ich schwieg. Sie ebenfalls. Nach einigen Sekunden sprach sie weiter. "Wenn ein Zerstörer mit mehreren Kilometern pro Sekunde einschlägt... bleibt nicht viel übrig."
Ich betrachtete einen dieser Einschlagsorte. Er war gigantisch. Selbst aus dieser Entfernung erkannte ich den Krater. Sein Rand war schwarz. In der Mitte schimmerte geschmolzenes Gestein. Ringsherum fehlte jeder Baum. Keine Vegetation. Nichts. Als hätte jemand einen Teil des Planeten einfach ausgelöscht.
"Xenon?", fragte ich leise.
Misora nickte. "Und Kha'ak."
Ich schloss kurz die Augen. Die Zahlen hatte ich gekannt. Über neunundsiebzig Millionen Einwohner. Jetzt weniger als fünfzehn Millionen. Statistiken. Tabellen. Berichte. Sie hatten nie wirklich zu mir gesprochen. Aber jetzt... Jetzt stand ich hier. Und sah die Konsequenzen. Jeder Krater bedeutete Tausende Tote. Jede verlassene Stadt zehntausende Schicksale. Jedes eingestürzte Gebäude Menschen, die niemals zurückgekehrt waren. Ich öffnete langsam wieder die Augen. In der Ferne bewegte sich etwas. Mein Armband fokussierte automatisch. Ein alter Windgenerator. Seine Rotorblätter drehten sich noch immer. Langsam. Unermüdlich. Offenbar arbeitete seine Mechanik selbst Jahrzehnte später noch. Er versorgte vermutlich längst niemanden mehr mit Energie. Und trotzdem drehte er sich. Immer weiter. Immer weiter. Ich musste unwillkürlich lächeln.
"Der gibt nicht auf."
Misora folgte meinem Blick. "Viele Maschinen hier funktionieren noch."
"Und niemand nutzt sie."
"Es gibt zu wenige Menschen."
Dieser eine Satz traf mich härter als alles andere. Nicht Krieg. Nicht Zerstörung. Nicht Ruinen. Sondern der Mangel an Menschen. Eine Welt konnte Gebäude ersetzen. Straßen neu bauen. Raumstationen rekonstruieren. Aber verlorene Generationen... Dafür gab es keine Fabrik. Keine Werft. Keine Produktionslinie. Ich lehnte meine Stirn gegen die Scheibe. Von hier oben wirkte Trantor friedlich. Fast idyllisch. Die Sonne tauchte das Plateau in goldenes Licht. Der weiße Fels begann zu leuchten. Die langen Schatten der Gebirge wanderten langsam über die Ebene. Der Wind zeichnete ständig neue Muster in den Staub. Es war wunderschön. Und genau deshalb schmerzte dieser Anblick umso mehr. Die Natur hatte begonnen, die Wunden zu verdecken. Nicht zu heilen. Nur zu verdecken. Unter jedem überwucherten Fundament. Unter jeder verlassenen Straße. Unter jedem eingestürzten Dach. Lagen Erinnerungen. Geschichten. Familien. Ich fragte mich, wie viele Menschen damals genau hier gestanden hatten. Vielleicht ebenfalls an einem Fenster. Vielleicht ebenfalls mit einem Getränk in der Hand. Vielleicht hatten sie denselben Horizont betrachtet. Ohne zu ahnen, dass ihr Leben bald enden würde.
Mein Blick wanderte erneut über die schier endlose Landschaft. Zweihundertfünfzig Kilometer. So weit konnte ich sehen. Und dennoch hatte ich das Gefühl, nur einen winzigen Bruchteil der Narben dieses Planeten zu erkennen. Ich verstand plötzlich, warum Misora ihren Schrottplatz nie verlassen hatte. Warum sie jede Schraube, jede Platte und jedes Wrack aufgehoben hatte. Für Außenstehende war es Schrott. Für sie waren es Überreste einer Welt, die sie nicht vergessen wollte. Ich atmete tief durch. Der Wind draußen heulte unaufhörlich über das Plateau, als wollte er die Vergangenheit forttragen. Doch manche Wunden waren zu tief. Selbst ein Planet vergaß sie nicht.
Ich blieb noch einige Augenblicke regungslos vor der gewaltigen Panoramascheibe stehen. Meine Hand ruhte weiterhin auf dem kühlen Material, während mein Blick über die unzähligen Narben Trantors glitt. Der Planet hatte etwas Eigenartiges an sich. Er war weder tot noch wirklich lebendig. Er befand sich irgendwo dazwischen. Wie ein Patient, der zwar überlebt hatte, dessen Körper aber noch Jahrzehnte brauchen würde, um sich vollständig zu regenerieren. Neben mir herrschte Stille. Nicht die unangenehme Stille zwischen Menschen, die nichts zu sagen hatten. Sondern jene ruhige Stille, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Schließlich hörte ich Misoras Stimme. Leise. Fast sanft.
"Komm."
Ich löste meinen Blick nur widerwillig von der Landschaft und sah sie an. Sie stand bereits einige Schritte entfernt an einer Seitentür der Aussichtslounge. Ihr Gesicht wirkte nachdenklich, aber nicht traurig. Es war vielmehr der Ausdruck eines Menschen, der sich längst mit der Vergangenheit arrangiert hatte, ohne sie jemals vergessen zu können.
"Wohin?"
"Es gibt noch einen Aussichtspunkt."
Ich hob leicht eine Augenbraue. "Noch besser als dieser?"
Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. "Anders."
Mehr sagte sie nicht. Ich folgte ihr. Vanu und Valentina schlossen sich schweigend an. Wir verließen die Lounge und betraten einen langen Verbindungsgang, dessen eine Seite vollständig aus Glas bestand. Während wir gingen, glitt die Landschaft langsam an uns vorbei. Das Licht der Sonne brach sich immer wieder in den tragenden Streben der Konstruktion und warf lange geometrische Schatten über den Boden. Der Wind war hier deutlicher zu hören. Er strich über die Außenhülle des Gebäudes und erzeugte ein tiefes, fast melodisches Heulen, das ständig seine Tonhöhe veränderte. Unsere Schritte hallten dumpf über den hellgrauen Bodenplatten. Je weiter wir gingen, desto weniger Menschen begegneten uns. Nur vereinzelt liefen Wanderer mit wetterfester Kleidung vorbei. Einige trugen Kletterausrüstung auf dem Rücken. Andere schoben magnetische Boards neben sich her. Ein älteres Paar saß auf einer Bank und betrachtete schweigend die Landschaft, als hätten sie alle Zeit des Universums. Schließlich erreichten wir eine kleinere Plattform. Sie ragte weit aus der Felswand hinaus. Im Gegensatz zur ersten Lounge bestand sie fast ausschließlich aus Glas und Stahl. Das Dach war schmal gehalten, sodass der Himmel beinahe den gesamten Blick ausfüllte. Hier war niemand. Nur wir. Misora trat bis unmittelbar an die Scheibe.
"Schau diesmal nicht nach Westen."
Ich stellte mich neben sie. "Wohin dann?"
"Nach Osten."
Ich folgte ihrer Blickrichtung. Zunächst erkannte ich nur Berge. Unzählige Berge. Dann senkte sich das Gelände langsam. Und plötzlich...
"..." Ich sagte nichts.
Weil mir schlicht die Worte fehlten. Dort unten... War Leben. Nicht vereinzelte Gebäude. Nicht Ruinen. Nicht verlassene Städte. Sondern echte Siedlungen. Mehrere davon. Mein Blick wanderte automatisch von einer zur nächsten. In einem breiten Tal lag eine Stadt. Keine Megametropole wie Nathania. Aber groß genug, um mehrere hunderttausend Einwohner zu beherbergen. Weiße Hochhäuser ragten zwischen Grünflächen empor. Breite Alleen zogen sich durch das Stadtbild. Zwischen den Gebäuden erkannte ich Parks. Wasserflächen. Brücken. Auf den Straßen bewegten sich Fahrzeuge. Langsam. Geordnet. Keine Hektik. Keine Staus. Nichts wirkte überfüllt. Die Stadt atmete ruhig. Sie erinnerte mich an einen Menschen, der tief und gleichmäßig schlief. Daneben lagen mehrere kleinere Ortschaften. Dörfer. Jedes einzelne sauber angelegt. Helle Dächer. Große Gärten. Windschutzhecken. Kleine Felder. Ich konnte sogar vereinzelte landwirtschaftliche Maschinen erkennen. Sie bewegten sich gemächlich über die Äcker. Nicht hektisch. Nicht industriell. Fast gemütlich. Weiter entfernt schlängelte sich ein Fluss durch die Ebene. Sein Wasser glitzerte silbern im Sonnenlicht. An seinen Ufern standen Windräder. Nicht besonders groß. Aber viele. Sie drehten sich gleichmäßig im stetigen Luftstrom. Die gesamte Landschaft wirkte... Ausgeglichen. Ich runzelte leicht die Stirn.
"Irgendetwas ist merkwürdig."
Misora nickte. "Ja."
"Ich komme nur nicht darauf."
Vanu trat neben mich. Sie verschränkte die Arme. "Es bewegt sich erstaunlich wenig."
Ich sah erneut hinaus. Jetzt fiel es mir ebenfalls auf. Natürlich fuhren Fahrzeuge. Menschen liefen über Plätze. Ein Güterzug bewegte sich langsam durch ein Tal. Auf einem Sportplatz trainierten einige Jugendliche. Rauch stieg aus mehreren Schornsteinen. Und dennoch... Alles wirkte... Statisch. Nicht eingefroren. Aber ruhig. Fast meditativ.
Valentina sprach schließlich das aus, was ich empfand. "Es gibt keinen Wachstumsdruck." Ich sah sie fragend an. Sie deutete hinaus. "Schau genauer."
Ich ließ meinen Blick erneut schweifen. Jetzt erkannte ich es. Es gab kaum Baustellen. Nur vereinzelt standen Baukräne. Neue Wohngebiete entstanden kaum. Industrieanlagen wirkten vollständig ausgelastet, aber nicht überlastet. Nirgendwo sah ich riesige Neubauprojekte. Keine expandierenden Vororte. Keine endlosen Gewerbegebiete. Keine kilometerlangen Containerterminals. Selbst der Raumhafen der Stadt wirkte... Ausreichend. Nicht gigantisch. Nicht überdimensioniert. Einfach passend.
"Die Bevölkerung wächst kaum", sagte ich leise.
Misora nickte. "Genau."
Ich sah sie an. "Deshalb wirkt alles so ruhig."
"Ja." Sie trat ebenfalls näher an die Scheibe. "Vor den Kriegen war Trantor ein völlig anderer Planet." Ihre Stimme blieb ruhig. "Die Städte waren voller. Die Raumhäfen platzten aus allen Nähten. Neue Wohngebiete entstanden jedes Jazura. Es gab Wartelisten für Grundstücke. Die Universitäten mussten ständig erweitert werden." Sie machte eine kurze Pause. "Heute..." Sie deutete hinaus. "...ist das Gleichgewicht zurückgekehrt."
"Nicht Wohlstand?"
"Doch. Wohlstand schon. Aber ohne Wachstum."
Ich dachte einen Moment darüber nach. "Das heißt ... jede Generation ersetzt ungefähr nur noch die vorherige."
"Ja."
Ich sah erneut hinaus. Jetzt fiel mir noch etwas auf. Die Straßen. Sie waren breit. Zu breit. Für die Menge an Fahrzeugen. Viele Gebäude besaßen deutlich mehr Wohnungen, als offenbar benötigt wurden. Parkhäuser waren nur halb gefüllt. Mehrere Schulen wirkten größer, als sie sein mussten. Selbst Krankenhäuser erschienen überdimensioniert.
"Alles wurde für mehr Menschen gebaut."
Misora nickte langsam. "Und diese Menschen kamen nie zurück."
Der Satz traf mich. Nicht mit Gewalt. Sondern langsam. Wie kalter Regen. Ich beobachtete eine Schwebebahn. Sie glitt durch die Innenstadt. Vielleicht zwanzig Fahrgäste. Platz für zweihundert. Auf einem Marktplatz schlenderten Menschen zwischen kleinen Marktständen. Kinder spielten. Ältere saßen auf Bänken. Eine Musikergruppe trat auf. Niemand wirkte gestresst. Niemand rannte. Niemand drängelte. Es war... Schön. Und gleichzeitig melancholisch. Als hätte die gesamte Gesellschaft beschlossen, nicht mehr zu wachsen. Sondern einfach nur weiterzuleben. Ich atmete tief durch.
"Wie viele Menschen leben dort?"
Misora aktivierte ihr Datenpad. "Je nachdem welche Stadt du meinst." Sie vergrößerte eine. "Etwa dreihunderttausend." Eine weitere. Einhundertzehntausend." Noch eine. "Fünfundsechzigtausend."
Ich nickte langsam. "Und trotzdem wirkt alles..."
"...kleiner?"
"Nein. Leerer."
Misora lächelte traurig. "Das ist Trantor." Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken. "Wir haben fast alles wieder aufgebaut. Aber wir können keine Toten ersetzen."
Ich schwieg. Der Wind heulte draußen ununterbrochen über das Plateau. In der Ferne hob ein Transporter langsam vom Raumhafen einer der Städte ab. Ein Passagierzug glitt lautlos über eine Magnetschiene. Ein Bauernhof aktivierte seine Bewässerungsanlage. Leben. Überall Leben. Doch kein Überfluss. Kein Gedränge. Keine Expansion. Nur Menschen, die gelernt hatten, mit dem auszukommen, was ihnen geblieben war. Zum ersten Mal verstand ich wirklich, warum Trantor trotz seiner Wunden nicht aufgegeben hatte. Der Planet kämpfte nicht mehr darum, wieder der zu werden, der er einmal gewesen war. Er hatte akzeptiert, dass diese Zeit vorbei war. Und genau deshalb konnte er weiterleben.

Ich hatte mich irgendwann von Vanu, Valentina und Misora entfernt. Nicht weit. Gerade weit genug, um für eine Weile allein zu sein. Die beiden Aussichtspunkte hatten in mir etwas ausgelöst, das ich nur schwer beschreiben konnte. Einer zeigte mir die Wunden Trantors. Der andere bewies, dass der Planet trotz allem noch lebte. Beides gleichzeitig zu sehen, machte das Bild nur noch schwerer zu begreifen. Der stetige Wind war inzwischen zu einem vertrauten Begleiter geworden. Er riss unaufhörlich an meiner Kleidung und ließ selbst das dicke Gewebe meiner Jacke flattern. Die Luft war kühl und trocken. Mit jedem Atemzug füllte sich meine Lunge mit einer Reinheit, die ich weder von Argon Prime noch von einer Raumstation kannte. Sie roch nach Stein, Staub und einer kaum wahrnehmbaren mineralischen Note, als würde der nackte Fels selbst einen Geruch besitzen. Der kleine Aussichtskomplex bestand aus mehreren Gebäuden, die über schmale Stege miteinander verbunden waren. Sie waren niedrig gebaut, damit sie dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche boten. Helle Natursteine wechselten sich mit silbergrauen Metallverstärkungen ab. Überall hörte ich das dumpfe Heulen des Jetstreams, der an den Fassaden entlangstrich und gelegentlich feinen Staub über die Wege trieb. Ich ging ohne bestimmtes Ziel einen der äußeren Stege entlang. Nur wenige Besucher waren unterwegs. Ein junges Paar machte Fotos. Einige Klettersportler überprüften ihre Ausrüstung. Ein paar ältere Touristen saßen schweigend auf Bänken und blickten über das Plateau.
Dann fiel mir ein Mann auf. Er saß völlig allein auf einer einfachen Holzbank, die dem Wind trotzte. Sie war alt. Wirklich alt. Das Holz war von Sonne und Wetter ausgebleicht und wies unzählige feine Risse auf. Dennoch war sie stabil. Der Mann darauf wirkte beinahe unscheinbar. Er trug einfache Kleidung. Eine hellgraue Jacke. Eine dunkelbraune Stoffhose. Schlichte Wanderstiefel. Keine Orden. Keine auffällige Technik. Keine Begleiter. Sein Haar war vollständig weiß geworden und fiel ihm offen bis knapp über die Schultern. Es war deutlich dünner als das eines jungen Argonen. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Jede einzelne schien eine eigene Geschichte zu erzählen. Die Haut hatte jene lederartige Struktur angenommen, die nur viele Jahrzehnte unter Sonne und Wind hervorbringen konnten. Seine Augen hingegen... Sie waren wach. Hell. Und erstaunlich klar. Sie betrachteten den Horizont nicht, als würden sie ihn sehen. Sondern als würden sie sich erinnern. Ich blieb kurz stehen. Er bemerkte mich sofort.
"Oh." Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Sie sind doch dieser Grau."
Ich nickte höflich. "Tori."
"Ich weiß." Er klopfte mit einer knochigen Hand auf den freien Platz neben sich. "Setzen Sie sich."
Ich überlegte kurz. Dann tat ich es. Die Bank knarrte leise. Einige Augenblicke sagte keiner von uns etwas. Wir blickten beide hinaus. Schließlich brach der alte Mann die Stille.
"Schöner Planet."
"Ja."
"Aber Sie sehen nicht das, was ich sehe."
Ich drehte leicht den Kopf. "Was sehen Sie?"
Er lächelte müde. "Die Vergangenheit."
Seine Stimme war ruhig. Nicht wehmütig. Nicht verbittert. Nur alt.
"Wie alt sind Sie?"
"Hundertvier Jazuras."
Ich hob überrascht die Augenbrauen. "So alt?"
Er lachte leise. "Früher war das nichts Besonderes."
Ich musste unwillkürlich schmunzeln. "Für mich schon."
Er nickte langsam. "Ich wurde geboren, lange bevor die Xenon hier auftauchten."
Ich schwieg sofort. Das änderte alles. Ich lehnte mich etwas zurück. "Wie war es damals?"
Der alte Mann atmete tief ein. Seine Brust hob und senkte sich langsam. Dann begann er zu erzählen. "Damals..." Er lächelte. "...war Presidents End ein völlig anderes System." Sein Blick verlor sich in der Ferne. "Wir waren nie eine Kernwelt wie Argon Prime. Aber wir gehörten zu den wohlhabendsten Grenzsystemen." Ich hörte aufmerksam zu. "Alles begann mit Vulcanus." Er hob langsam den Arm und zeigte irgendwo weit nach Westen. "Der erste Planet. Dort wollte niemand leben." Er lachte leise. "Zu heiß. Zu trocken. Zu viele Vulkane. Aber..." Seine Augen begannen zu leuchten. "...unter seiner Oberfläche lagen Schätze." Er machte eine kurze Pause. "Und in seinem Asteroidenring." Sein Finger wanderte ein Stück höher. "Der war noch wertvoller. Damals schürften dort Tausende Bergbauschiffe. Tazura und Nazura. Erze. Silizium. Nividium. Seltene Kristalle. Mineralien, deren Namen heute kaum noch jemand kennt."
Ich stellte mir die Szenerie vor. Unzählige Frachter. Bergbaulaser. Raumstationen. Leben. "Der gesamte Gürtel war voller Minen?"
"Oh ja." Er nickte. "Manchmal sah man die Sterne kaum noch."
"So viele Schiffe?"
"So viele Schiffe." Er lachte. Ich war mir sicher, dass er übertrieb. "Wenn man damals mit einem kleinen Jäger hindurchflog, musste man höllisch aufpassen."
Ich musste grinsen. "Stau im Asteroidengürtel?"
"Fast." Wir lachten beide kurz. Dann wurde sein Blick wieder ernster. "Alles, was dort gefördert wurde, kam nach Trantor."
Ich sah hinaus. "Hierher."
"Ja. Damals war Trantor das wirtschaftliche Herz des Systems." Seine Stimme gewann an Kraft. "Die Raumhäfen arbeiteten rund um die Uhr. Überall entstanden neue Fabriken. Schiffswerften. Raffinerien. Universitäten. Forschungszentren. Unsere Ingenieure galten als die besten der gesamten Föderation." Er schloss kurz die Augen. "Es gab Arbeit. Für jeden. Immer."
Ich hörte nur zu.
"Die Städte..." Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "...sie waren voller Leben. Musik. Feste. Märkte. Kinder. Studenten. Touristen. Piloten aus allen Teilen der Föderation." Seine Stimme wurde leiser. "Ich lernte meine Frau auf einem Frühlingsfest in Nordan kennen." Er lächelte in sich hinein. "Damals glaubten wir, dass alles ewig so bleiben würde." Der Wind wurde für einen Moment stärker. Er riss an seinem weißen Haar. Der alte Mann bemerkte es kaum. "Die Landwirtschaft florierte. Die Minen lieferten Rohstoffe. Die Werften bauten Schiffe. Die Fabriken produzierten Waren. Und die Händler brachten alles in die übrigen Systeme." Er sah mich an. "Wissen Sie, was das Schönste war?" Ich schüttelte den Kopf. "Man hatte keine Angst." Ich schwieg. "Natürlich gab es Piraten. Natürlich gab es Kriminalität. Aber..." Er blickte wieder hinaus. "...niemand dachte ernsthaft daran, dass ein ganzes Sternensystem ausgelöscht werden könnte." Seine Stimme wurde brüchig. "Die Xenon haben uns diese Unschuld genommen." Er senkte langsam den Blick. "Und später kamen die Kha'ak." Seine Hände ruhten regungslos auf seinem Gehstock. "Die Xenon zerstörten unsere Infrastruktur. Die Kha'ak zerstörten unseren Mut." Er sagte diesen Satz ohne Bitterkeit. Nur als Feststellung. "Viele gingen. Viele starben. Aber wenige..." Er sah über die Landschaft. "...blieben."
Ich folgte seinem Blick. In der Ferne lagen die Städte, die ich zuvor gesehen hatte. Lebendig. Aber ruhig. Der alte Mann lächelte schwach. "Die jungen Leute glauben manchmal, Trantor wäre immer so gewesen." Er schüttelte langsam den Kopf. "Nein. Dieser Planet war einmal laut. Fröhlich. Voller Hoffnung." Er legte seine wettergegerbte Hand auf die Bank. "Und wissen Sie..." Ich sah ihn an. "...ich bin trotzdem glücklich."
"Wirklich?"
Er nickte. "Ja. Weil ich noch erleben durfte, wie Menschen wie Sie kommen."
Ich runzelte die Stirn. "Ich?"
"Sie bauen wieder." Er deutete irgendwo zum Himmel. "Altrix Nova. Neue Werften. Neue Arbeitsplätze. Neue Familien." Er lächelte warm. "Vielleicht wird Presidents End nie wieder so wie früher." Seine Augen richteten sich erneut auf den Horizont. "Aber vielleicht..." Er atmete tief durch. "...muss es das auch gar nicht."
Ich blieb lange neben ihm sitzen. Wir schwiegen beide. Vor uns zog der Wind unermüdlich über das Hochplateau. Und irgendwo tief unter uns lebte ein Planet weiter, der zwar seine goldenen Zeiten verloren hatte, dessen Herz aber trotz aller Narben niemals aufgehört hatte zu schlagen.
Keiner von uns verspürte den Drang, das Gespräch künstlich fortzuführen. Der Wind pfiff unablässig über das Plateau und brachte die langen weißen Haarsträhnen meines Gegenübers immer wieder durcheinander. Er strich mit erstaunlicher Gelassenheit darüber, schob sie hinter sein Ohr und ließ den Blick wieder über die weite Landschaft schweifen. Seine hellen Augen wirkten dabei nicht, als würden sie die Gegenwart betrachten. Sie blickten durch Jazurazehnte hindurch.
Nach einer langen Pause sprach er von selbst weiter. "Sie wissen..." Er räusperte sich kurz. "...der Untergang beginnt nie plötzlich." Ich sah ihn aufmerksam an. "Er schleicht sich an." Seine Stimme war ruhig, beinahe nachdenklich. "So war es jedenfalls bei uns." Er stützte beide Hände auf seinen Gehstock. "Als junger Mann machte ich mir über Piraten kaum Gedanken." Ein schwaches Lächeln erschien. "Natürlich hörte man Geschichten. Hier ein überfallener Frachter. Dort eine verschwundene Transportmaschine. Ein abgelegener Außenposten, der plötzlich keinen Funkkontakt mehr hatte." Er hob leicht die Schultern. "Das gehörte eben dazu. Jeder glaubte, dass es immer nur die anderen traf."
Ich nickte langsam. Diesen Denkfehler kannte ich nur zu gut.
"Damals flogen die Händler noch oft allein. Eskorten galten als teuer. Versicherungen übernahmen viele Schäden. Und die Föderation versprach regelmäßig, dass zusätzliche Patrouillen unterwegs seien." Er lachte leise. "Das klang beruhigend." Sein Lächeln verschwand wieder. "Aber irgendwann änderte sich etwas." Ich hörte aufmerksam zu. "Die Piraten wurden mutiger." Er zeigte hinaus. "Dort draußen." Er deutete irgendwo Richtung Orbit. "Früher warteten sie außerhalb der Handelsrouten. Dann griffen sie direkt auf ihnen an. Noch später sogar in Sichtweite der Stationen."
Ich stellte mir vor, wie sich diese Veränderung angefühlt haben musste. Nicht plötzlich. Sondern langsam. Fast unmerklich.
"Immer öfter hörte man Explosionen. Immer häufiger fehlten Bekannte. Frachter kamen verspätet. Manche gar nicht mehr." Sein Blick wurde dunkler. "Die Versicherungen erhöhten ihre Beiträge. Speditionen verlangten bewaffnete Begleitung. Raumfahrer begannen, ihre Familien vor jedem Start länger zu umarmen." Der Wind ließ seinen Mantel flattern. "Angst verändert Menschen. Nicht sofort. Aber Stück für Stück." Ich schwieg. "Restaurants schlossen früher. Nachtschichten wurden reduziert. Immer mehr Händler weigerten sich, bestimmte Regionen anzufliegen." Er lächelte bitter. "Und trotzdem redeten sich alle ein, dass es schon wieder besser werden würde." Er hob langsam den Blick zum Himmel. "Tat es aber nicht."
Ich bemerkte, wie sich seine Hände etwas fester um den Gehstock schlossen.
"Dann kamen die Xenon." Allein dieses Wort veränderte seine Stimme. Sie wurde schwerer. Ernsthafter. "Anfangs hielten viele sie für einen weiteren Feind. Gefährlicher. Aber beherrschbar." Er schüttelte langsam den Kopf. "Was für Narren wir waren." Ich konnte förmlich hören, wie ihn diese Erkenntnis bis heute beschäftigte. "Piraten wollten Profit. Sie überfielen. Raubten. Erpressten. Aber irgendwann flogen sie wieder davon." Er machte eine kleine Pause. "Die Xenon..." Seine Augen wurden glasig. "...kamen, um alles auszulöschen."
Keiner von uns sprach. Selbst der Wind schien für einen Moment leiser geworden zu sein.
"Sie interessierten sich weder für Geld. Noch für Politik. Sondern für Ressourcen. Sie wollten nur eines. Vernichten." Ich schluckte unwillkürlich. "Anfangs griffen sie einzelne Konvois an." "Dann Bergbaustationen. Dann Verteidigungsplattformen. Und schließlich alles." Er atmete tief durch. "Jedes Jazura wurden ihre Angriffe stärker. Nicht nur häufiger. Sondern besser. Besser koordiniert. Besser bewaffnet. Besser vorbereitet." Er sah mich an. "Maschinen lernen. Das hatten wir unterschätzt."
Ich erinnerte mich an alles, was ich inzwischen über die Xenon wusste. Sie waren keine gewöhnlichen Gegner. Sie analysierten. Sie optimierten. Sie entwickelten sich.
Der alte Mann fuhr fort. "Die ersten Familien verließen das System freiwillig. Sie glaubten, sie würden irgendwann zurückkehren. Sie verkauften ihre Häuser nicht. Sie schlossen lediglich die Türen." Sein Blick wanderte wieder hinaus. "Viele dieser Häuser stehen heute noch." Ich dachte an die verlassenen Städte, die ich zuvor gesehen hatte. Jetzt bekamen sie eine neue Bedeutung. "Dann begannen die Evakuierungen." Seine Stimme wurde leiser. "Nicht auf einmal. Bezirk für Bezirk. Kolonie für Kolonie. Erst Kinder. Dann Alte. Dann ganze Gemeinden." Er schloss kurz die Augen. "Es war ein seltsamer Anblick. Wissen Sie..." Ich schüttelte leicht den Kopf. "Man sah ständig Schiffe starten. Nicht hunderte. Tausende. Ununterbrochen. Jeder nahm mit, was er tragen konnte." Er lächelte traurig. "Die meisten glaubten noch immer, bald wiederzukommen." Er strich langsam über den Knauf seines Stocks. "Manche ließen sogar das Essen auf dem Tisch stehen."
Ich spürte, wie sich meine Brust zusammenzog. "So schnell?"
"Ja. Weil niemand wahrhaben wollte, dass es endgültig sein könnte." Der alte Mann blickte lange schweigend auf die Ebene. Dann sprach er weiter. "Und schließlich..." Seine Stimme wurde kaum hörbar. "...kamen die Kha'ak." Ich hatte inzwischen zahlreiche Berichte gelesen. Aber einen Zeitzeugen hatte ich noch nie getroffen. "Das war vor sechzig Jazuras." Er nickte langsam. "Ich war damals vierundvierzig. Mitten im Berufsleben. Meine Tochter war gerade erwachsen geworden." Seine Finger zitterten leicht. "Wir glaubten, wir hätten schon alles gesehen." Er schüttelte langsam den Kopf. "Nein. Hatten wir nicht." Ich wartete. "Sie erschienen einfach." Er hob den Blick zum Himmel. "Keine Warnung. Keine Verhandlungen. Keine Forderungen. Nichts. Plötzlich waren sie da." Seine Augen spiegelten den Himmel. "Überall. Insekten. Braun. Gepanzert. Unzählbar." Ich sah förmlich die Bilder vor mir. "Unsere Flotte kämpfte. Tapfer. Verzweifelt. Aber..." Er machte eine lange Pause. "...es war hoffnungslos." Seine Stimme brach fast. "Ich stand damals auf einer Orbitalstation. Wir konnten den gesamten Himmel sehen." Er schluckte. "Überall Explosionen. Stationen. Werften. Fabriken. Handelszentren. Kommunikationsplattformen. Nacheinander. Immer mehr." Sein Blick blieb unverändert ruhig. Vielleicht zu ruhig. Als hätte er diese Erinnerungen schon tausendmal durchlebt. "Das Seltsamste war..." Er sah mich an. "...sie interessierten sich überhaupt nicht für Trantor."
Ich runzelte die Stirn. "Nicht?"
Er schüttelte den Kopf. "Sie griffen den Planeten nicht an. Keine Bombardierung. Keine Landung. Keine Invasion. Sie vernichteten ausschließlich alles im Weltraum."
Ich dachte darüber nach. Die Raumstationen. Die Werften. Die Infrastruktur. "Warum?"
Er hob langsam die Schultern. "Keine Ahnung. Vielleicht waren wir ihnen gleichgültig. Oder wir passten nicht in ihre Logik." Er sah wieder hinaus. "Aber als sie abzogen..." Seine Stimme verlor fast jede Kraft. "...war der Himmel leer." Ich folgte seinem Blick. "Nicht friedlich leer. Todleer. Keine Handelsrouten. Keine Konvois. Keine Patrouillen. Keine Stationen. Nichts." Er schloss die Augen. "Der Weltraum selbst fühlte sich plötzlich verlassen an."
Ich stellte mir vor, wie schrecklich dieses Bild gewesen sein musste. Ein Sternensystem. Ohne seine Infrastruktur. Ohne seine Verbindung. Ohne sein pulsierendes Leben.
Der alte Mann atmete tief durch. "Die Planeten blieben. Die Menschen auch. Aber unser Rückgrat..." Er deutete langsam zum Himmel. "...war gebrochen."
Wieder schwiegen wir. Lange. Der Wind strich unaufhörlich über Tibe-Kea. Irgendwo weit entfernt zog ein einzelner Frachter seine Kondensstreifen durch den klaren Himmel. Nur einer. Ich fragte mich unwillkürlich, wie derselbe Himmel wohl ausgesehen hatte, als dort gleichzeitig tausende Schiffe unterwegs gewesen waren. Der alte Mann schien meine Gedanken zu erraten.
"Damals", sagte er mit einem kaum sichtbaren Lächeln, "brauchte man manchmal mehrere Stazuras, um im Orbit einen freien Anflugkorridor zu bekommen."
Ich blickte zum Himmel empor. Jetzt war dort fast nichts. Nur rot. Und die Erinnerung eines Mannes, der alt genug geworden war, um zwei völlig verschiedene Zeitalter desselben Sternensystems erlebt zu haben.

Ich blieb noch eine ganze Weile auf der alten Holzbank sitzen. Der Wind pfiff unvermindert über das Hochplateau von Tibe-Kea hinweg und brachte meine Haare ebenso durcheinander wie die letzten Gedanken, die der alte Mann in mir hinterlassen hatte. Seine Worte hallten nach. Nicht, weil sie dramatisch gewesen wären. Im Gegenteil. Er hatte alles mit einer Ruhe erzählt, die mich weit mehr berührte als jede ausschmückende Darstellung es gekonnt hätte. Vielleicht lag genau darin ihre Wirkung. Für ihn waren all diese Ereignisse längst Teil seines Lebens geworden. Er musste nichts beweisen. Er musste niemanden überzeugen. Er hatte sie erlebt.
Ich ließ meinen Blick erneut über die unendliche Weite schweifen. Selbst nach einer gefühlten Ewigkeit faszinierte mich diese Aussicht noch immer. Der Himmel war von einem intensiven Crimson, das mit zunehmender Entfernung langsam heller wurde und schließlich beinahe gelb am Horizont auslief. Über den schroffen Kanten der umliegenden Gebirge rissen die permanenten Jetstreams feine Staubschleier mit sich, die wie silbrige Nebelbänder wirkten. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den hellen Salzflächen des Plateaus, ohne dabei zu blenden. Stattdessen verlieh es der Landschaft einen fast unwirklichen Glanz.
In meinem Kopf fügte sich langsam ein Bild zusammen. Damals. Vor den Piraten. Vor den Xenon. Vor den Kha'ak. Ich stellte mir das Sonnensystem vor, wie es der alte Mann beschrieben hatte. Unzählige Frachter. Bergbauschiffe. Orbitalwerften. Verkehrsknotenpunkte. Forschungseinrichtungen. Millionen Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gingen, ohne darüber nachzudenken, dass ihr gesamtes Leben irgendwann nur noch eine Erinnerung sein könnte. Heute war davon nur noch ein Schatten übrig. Der Wiederaufbau hatte zweifellos Fortschritte gemacht. Das hatte ich inzwischen selbst gesehen. Es gab funktionierende Städte. Fabriken. Raumhäfen. Landwirtschaft. Die Menschen lebten nicht mehr in Angst vor täglichen Angriffen. Und dennoch... Irgendetwas fehlte. Vielleicht war es Zuversicht. Vielleicht Vertrauen. Vielleicht schlicht die Masse an Menschen. Der alte Mann hatte erzählt, dass einst fast achtzig Millionen Bewohner im System gelebt hatten. Heute waren es nicht einmal mehr fünfzehn Millionen. Ich musste nicht Wirtschaft studiert haben, um zu verstehen, was das bedeutete. Jeder Arbeitsplatz fehlte. Jeder Ingenieur. Jeder Wissenschaftler. Jeder Unternehmer. Jede Familie. Jedes Kind. Jeder einzelne Mensch hinterließ eine Lücke. Ich erinnerte mich daran, wie ich zuvor auf die verlassenen Städte hinabgeblickt hatte. Vorhin hatte ich sie nur als Ruinen wahrgenommen. Jetzt wusste ich, dass dort einmal Leben gewesen war. Echtes Leben. Mit Hoffnungen. Mit Träumen. Mit Alltag.
Ein kalter Windstoß ließ mich unwillkürlich frösteln. Langsam erhob ich mich. Die Holzbank knarrte leise unter meinem Gewicht. Ich blickte mich um. Der alte Mann war inzwischen verschwunden. Ich hatte gar nicht bemerkt, wann er aufgestanden war. Sein Platz war leer. Nur einige feine Staubkörner tanzten über die verwitterten Holzbretter. Ich lächelte unwillkürlich.
"Mach's gut."
Ich wusste selbst nicht, warum ich das leise sagte. Vielleicht hoffte ich, dass der Wind meine Worte noch einholen würde. Während ich langsam den Steg entlangging, begann ich über alles nachzudenken, was er erzählt hatte. Die wirtschaftliche Entwicklung. Den schleichenden Niedergang. Die Angst. Die Evakuierungen. Die zerstörte Infrastruktur. Dabei wurde mir immer deutlicher, warum die UNO hier überhaupt Erfolg haben konnte. Nicht trotz der Katastrophen. Sondern gerade wegen ihnen. Die Menschen brauchten Arbeit. Perspektiven. Investitionen. Jemanden, der bereit war, an diesen Ort zu glauben. Dennoch blieb ein bitterer Beigeschmack. Die Hochtechnologiebranche, die einst das Rückgrat dieses Systems gewesen war, existierte praktisch nicht mehr. Ich hatte bereits in mehreren Berichten gelesen, dass Trantor früher als Zentrum für Präzisionsfertigung, Schiffskomponenten und industrielle Forschung gegolten hatte. Viele Innovationen der argonischen Raumfahrt waren ursprünglich hier entwickelt worden. Ganze Stadtteile hatten aus Forschungseinrichtungen bestanden. Heute standen dort vielfach nur noch sanierte Verwaltungsgebäude, Lagerhallen oder brachliegende Industriekomplexe. Die wenigen verbliebenen Unternehmen produzierten meist einfache Güter. Lebensmittel. Baustoffe. Maschinen. Oder Ersatzteile. Nichts davon war unwichtig. Aber es war weit entfernt von dem technologischen Niveau, das dieses System einst ausgezeichnet hatte. Ironischerweise gehörte ausgerechnet die Argnu-Rinder-Zucht inzwischen zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Ich musste innerlich schmunzeln. Vor drei Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ausgerechnet Argnus einmal eine so zentrale Rolle in meinem Leben spielen würden. Mittlerweile verstand ich den Markt. Argnu-Fleisch war gefragt. Milchprodukte ebenso. Die Tiere waren robust. Anspruchslos. Und vor allem ließen sie sich fast überall im argonischen Raum verkaufen. Die Nachfrage war konstant. Selbst wirtschaftliche Krisen änderten daran kaum etwas. Kein Wunder also, dass Mari inzwischen auf Altrix Nova eine der modernsten Zuchtanlagen leitete.
Ich blieb kurz stehen. Eigentlich war das fast tragisch. Ein Sonnensystem, das einst für Hochtechnologie bekannt gewesen war, exportierte heute vor allem Nutzvieh. Nicht, weil die Menschen dazu gezwungen wurden. Sondern weil dies einer der wenigen Wirtschaftszweige war, der zuverlässig funktionierte. Auch die Sicherheitslage hatte sich verbessert. Das wusste ich. Piratenüberfälle waren selten geworden. Die Xenon hatten sich seit Jahren nicht mehr blicken lassen. Von den Kha'ak fehlte ebenfalls jede Spur. Die Handelsrouten galten inzwischen wieder als vergleichsweise sicher. Und trotzdem... Es zog kaum jemanden hierher. Kaum Zuwanderer. Kaum Investoren. Kaum große Unternehmen. Man vertraute diesem System offenbar noch immer nicht. Der Ruf einer Welt überlebte ihre Katastrophen selten.
Ich hörte Schritte hinter mir. Leicht. Regelmäßig. Ich musste mich nicht einmal umdrehen.
"Misora?"
"Du kennst meine Schritte inzwischen."
Ich lächelte. "Ein bisschen."
Sie trat neben mich. Ihre dunklen Haare wurden sofort vom Wind erfasst und flatterten wild um ihr Gesicht. Sie schob sie mit einer routinierten Bewegung hinter das Ohr und stellte sich neben mich an das Geländer. Für einen Moment sagte sie nichts. Sie blickte lediglich hinaus.
"So schlimm?" fragte sie schließlich.
Ich nickte langsam. "Ja. Er hat mir Dinge erzählt..." Ich suchte nach den richtigen Worten. "...die ich in keinem Bericht gelesen habe."
Misora lächelte leicht. "Das überrascht mich nicht."
Ich verschränkte die Arme. "Er muss wirklich viel erlebt haben."
"Das hat er."
"Wahrscheinlich einer der letzten Zeitzeugen."
Misora nickte. "Ja."
Wieder entstand eine kurze Stille. Dann sah sie mich von der Seite an.
"Weißt du eigentlich, mit wem du dich gerade unterhalten hast?"
Ich runzelte die Stirn. "Mit einem sehr netten alten Mann."
Sie musste unwillkürlich lachen. "Das stimmt."
Ich bemerkte ihren merkwürdigen Gesichtsausdruck. "Warum grinst du so?"
"Weil dein Gesicht gleich unbezahlbar sein wird."
Jetzt wurde ich misstrauisch. "Misora..."
Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und lächelte schelmisch. "Der Mann, mit dem du fast eine Mizura lang auf dieser Bank gesessen hast..." Sie machte eine kleine Pause. "...ist der Präsident des Sonnensystems Presidents End."
Ich blinzelte. "Bitte was?"
"Ja."
Ich starrte sie an. "Der Präsident?"
"Genau der."
Ich drehte mich automatisch noch einmal zur Bank um. Sie war längst leer. Der Wind fegte darüber hinweg, als wäre dort nie jemand gewesen.
"Moment..." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Der Präsident... sitzt einfach allein auf einer Bank?"
Misora nickte. "Fast jede Wozura."
"Hier?"
"Hier."
"Ganz ohne Leibwächter?"
"Die halten sich im Hintergrund."
Ich musste lachen. "Das ist nicht dein Ernst."
"Doch." Sie grinste. "Er mag keine große Eskorte. Er sagt immer, wenn jemand ihn ermorden wolle, hätte derjenige auf einem offenen Plateau mit zweihundertfünfzig Kilometern Sicht ohnehin genug Gelegenheiten."
Ich musste erneut lachen. "Das klingt tatsächlich nach ihm."
Misora nickte. "Er kommt oft hierher."
"Er hört den Leuten zu. Spricht mit Touristen. Mit Arbeitern. Mit Veteranen. Mit Kindern. Und meistens verrät er niemandem, wer er ist."
Ich ließ meinen Blick noch einmal über die Landschaft schweifen. Plötzlich bekam jedes einzelne Wort des alten Mannes ein anderes Gewicht. Er hatte nicht nur von seiner Heimat gesprochen. Er hatte von einem Sternensystem gesprochen, für das er bis heute Verantwortung trug. Und mir wurde klar, dass er mich während unseres gesamten Gesprächs vermutlich genauso aufmerksam beobachtet hatte, wie ich ihm zugehört hatte.

Ich blieb noch einen Moment am Rand der Aussichtslounge stehen, während unter mir die dünnen Wolkenschichten von Tibe-Kea langsam über die zerklüfteten Plateaus zogen. Der Wind roch trocken, mineralisch, fast metallisch, als würde die Höhe selbst jeden organischen Eindruck aus der Luft herausfiltern. In der Ferne flimmerten die hellen Gesteinsflächen, und das Licht brach sich in flachen, weißen Reflexen, die wie eingefrorene Bewegung wirkten. Misoras Worte über den alten Mann und seine Identität hatten sich noch nicht vollständig gesetzt, doch mein Kopf war bereits wieder bei den Dingen, die er erzählt hatte. Nicht die politischen Ebenen, nicht die Xenon, nicht einmal die Kha'ak. Es war etwas anderes, das sich langsam aus dem Hintergrund nach vorne schob, als hätte mein Verstand beschlossen, einzelne Muster neu zu sortieren. Ich rief mir die historischen Daten ins Gedächtnis, die ich einmal in einer Archivstudie der UNO über die frühen Konfliktzyklen im Presidents-End-System gelesen hatte. Damals hatte ich sie eher als Randnotiz betrachtet, als biologische Fußnote einer ohnehin militärisch dominierten Epoche. Jetzt jedoch bekam dieser Abschnitt eine andere Schärfe. Die Xenon-Angriffe vor über achtzig Jazuras hatten nicht nur Infrastruktur ausgelöscht, sondern ganze Populationen über Generationen hinweg unter permanenter Stressbelastung gehalten. In den frühen medizinisch-historischen Aufzeichnungen war immer wieder von einem sogenannten Terraformer-Syndrom die Rede gewesen, einer temporären, nicht stabil vererbbaren morphologischen Abweichung, die vor allem in Regionen intensiver Konfliktzonen aufgetreten war. Ich erinnerte mich an die nüchternen Beschreibungen: veränderte Gesichtsstrukturen, insbesondere ausgeprägte Stirnwülste, leicht verschobene Knochenverläufe im Schädelbereich, gelegentlich auch ungewöhnliche Dichteentwicklungen im frontalen Gewebe. Damals hatte ich das als medizinische Kuriosität abgetan. Jetzt verband sich dieses Wissen mit dem, was ich hier sah und hörte. Ich sah vor meinem inneren Auge die Generationen, die unter permanenter Bedrohung gelebt hatten. Menschen, deren Körper nicht in einer stabilen Umwelt gewachsen waren, sondern in einem System, das zwischen Zerstörung und Wiederaufbau oszillierte. Die alten Berichte hatten beschrieben, dass diese phänotypischen Ausprägungen in den meisten Fällen in späteren Generationen wieder zurückgingen, sobald sich die Lebensbedingungen stabilisierten. Dennoch ging die moderne Interpretation davon aus, dass diese Phase tiefgreifende Spuren in der genetischen Variabilitätsstruktur hinterlassen hatte, nicht als feste Mutation, sondern als verschobenes Potenzial, als erhöhte Bandbreite möglicher Anpassungsreaktionen innerhalb der Population. Möglicherweise der Vorläufer der High Argons. Wie Valentina, Kon, Greg und andere die ich kannte. Selbst Misora hatte einen violetten Haaransatz und Strähnen in ihren langen schwarzen Haaren.
Ich hob unwillkürlich die Hand und strich mir über die Stirn, als würde ich dort etwas nachfühlen wollen, das ich selbst nie bewusst wahrgenommen hatte. Die Argonen, die ich kannte, wirkten im Vergleich dazu oft erstaunlich homogen, zumindest auf den ersten Blick. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass diese scheinbare Einheitlichkeit nur eine Momentaufnahme war, ein stabilisierter Zustand nach einer Phase extremer biologischer und gesellschaftlicher Belastung. Die eigentliche Diversität lag nicht in dem, was sichtbar blieb, sondern in dem, was sich im Verlauf dieser Katastrophenzyklen neu verteilt hatte.
Der Wind zog erneut über die Plattform, kälter diesmal, und ließ die metallenen Kanten der Geländer leise vibrieren. Ich bemerkte erst jetzt, dass meine Finger leicht angespannt waren, als hätte mein Körper auf eine Erkenntnis reagiert, bevor ich sie vollständig formulieren konnte. Die Geschichten über Stirnwülste, über veränderte Schädelstrukturen, über ganze Generationen, die sich unter dem Druck der Xenon-Kriege morphologisch verschoben hatten, waren keine Randerscheinungen gewesen. Sie waren ein direktes Echo dieser Zeit, sichtbar gewordene Spuren eines Systems, das über Jazurazehnte hinweg in einem permanenten Ausnahmezustand existiert hatte. Ich ließ den Blick erneut über die Landschaft gleiten, über die stillen Siedlungen in der Ferne, die stabil wirkten und doch etwas Unfertiges an sich trugen, als wären sie selbst noch immer im Prozess einer Anpassung. Dann verstand ich den Zusammenhang klarer als zuvor. Nicht als einzelne medizinische Auffälligkeit. Sondern als Ergebnis eines gesamten Zyklus aus Krieg, Flucht, Rückkehr und erneuter Stabilisierung, der sich in die Struktur einer Bevölkerung eingeschrieben hatte, lange bevor jemand ihn vollständig begriffen hatte.
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