[Story] Isekai no Xistence

Der kleine Teladi aus dem X-Universum hat Gesellschaft bekommen - hier dreht sich jetzt auch alles um das, was die kreativen Köpfe unserer Community geschaffen haben.

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Rock Man Zero
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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In der Geschichte wird „you“ als formelle Anrede verwendet, selbst wenn man mit einer einzelnen Person spricht. Es entspricht dem deutschen „Sie“. Die informelle Form „thou“ wird bei engen, persönlichen oder vertrauten Beziehungen genutzt, ähnlich wie das deutsche „du“.
Dies ist bewusst so gewählt und Teil der Lore: In der Welt der Geschichte hat sich die Sprache zu einer Mischung aus Deutsch, Japanisch und Englisch entwickelt (auch wenn die Primärsprache Japanisch ist). Durch diese Kombination ist die längst vergessene Form „thou“ wieder in den Alltag zurückgekehrt, wodurch soziale Hierarchie, Vertrautheit und kulturelle Nuancen vermittelt werden. Die Sprache spiegelt somit nicht nur die Realität der Charaktere wider, sondern vertieft auch das Eintauchen in die Welt.
Was im Englischen natürlich besser funktioniert und deutlicher zum Vorschein kommt.
Auszug Kapitel 5 (englisch übersetzt)

Again in the hospital?” I croaked.
“Be glad thou are still alive,” Valentina snapped.
I opened my eyes fully. She sat on a chair beside my bed, leaning forward, arms crossed. Tense posture, hard gaze. Not concerned. Not consoling. Perhaps both.
Across the room, Gal sat. Calm, almost too calm. Her eyes on me, analytical.
“I wonder,” she said flatly, “if the Syndicate would not have found it easier to leave thee to thyself.”
I did not reply. I said nothing.
Then I saw Tahl. Leaning against the wall at the foot of my bed, arms loosely crossed, gaze on me.
“What she means,” he said dryly, “is: thou have a talent for almost killing thyself.”
I tried to sit up. The attempt ended in dull dizziness, my body feeling like wet sand. Muscles disobeyed. Valentina immediately helped me sit halfway. Her touch was matter-of-fact. Professional. No hesitation.
“I think,” I said before I could organize my thoughts, “that someone like me has no place here.”
The words came too quickly, too honestly. Barely spoken, I did not know what I meant. Perhaps despair over no way back. Perhaps the realization that I could not survive here alone. Perhaps simple fatigue. Mental exhaustion. Yet the words were out.
“It is kind of you,” I continued, “that you have taken care of me.”
All three exchanged glances, confused. I saw it in their faces. So I added: “Lock me somewhere. In a hospice or social facility that cares for me.”
The slap came without warning.
A sharp crack, then burning pain on my left cheek. I was certain Valentina’s handprint had burned into my skin.
“Art thou insane?” she hissed.
She seemed about to say more, struggled visibly-and then abruptly turned and stormed out.
Breathing heavily, I sank back into bed.
“Women,” muttered Tahl.
Gal gave him a look that silenced him instantly. Without another word, she followed Valentina. The door slid shut. Silence.
Tahl stepped closer, stayed at the foot of my bed, holding the guard rail.
“To some degree, thou are right,” he said calmly. “We cannot stay with thee all the time.”
I said nothing.
“But,” he continued, “we can help thee start a good life.”
He took out his ID card, entered something, then retrieved mine from a drawer in the floating nightstand. He held them briefly together.
I looked at him questioningly.
“Credits,” he explained. “A lot.”
My expression did not change enough. He clarified:
“Bounties. Information rewards. Around fifty thousand total.”
I could not hide my expression.
“Wow,” I managed.
The feeling did not last long. At the next thought, everything tightened again.
“I can barely tolerate food here,” I said. “So I need a place near a store that offers food I can eat. I must buy furniture. Navigate bureaucracy. Insurance. Registration.” I looked at him. “After two years, I am broke.”
“Thou will find work,” Tahl said calmly.
I shook my head.
“What? Look at me. By definition, I am Terran, not Argon. My body was never exposed to G-forces. I come from a time when spaceflight was still in its infancy.”
He nodded slowly.
“I understand,” he said after a pause. “We will find a solution.”
Ich fasse mal "meine" Version der Argonen zusammen:
Wer einem Argonen in die Augen sah, erkannte zunächst nichts Fremdes. Die Iris zeigte vertraute Farben – Braun, Grau, Blau, manchmal ein Ton, der an Grün erinnerte. Doch je länger der Blick anhielt, desto deutlicher wurde, dass etwas nicht ganz stimmte. Nicht falsch – nur anders.
Der Unterschied liegt nicht in der Farbe selbst, sondern in der Art, wie sie wahrgenommen und gebildet wird. Terranische Augen folgen einem RGB-System: Rot, Grün und Blau bilden die Grundlage ihrer Farbwahrnehmung. Argonische Augen hingegen orientieren sich an einem RYB-Schema. Neben Rot und Blau nimmt Gelb die Rolle ein, die bei Terranern dem Grün zukommt.
Diese Verschiebung verändert die gesamte visuelle Gewichtung. Argonische Augen reagieren empfindlicher auf Gelb- und Rottöne, während klassisches Grün weniger klar differenziert wird. Was Terraner als sattes Grün erkennen, erscheint Argonen oft als gelblich oder olivfarben. Umgekehrt können sie Nuancen zwischen Gelb-, Ocker- und Bernsteintönen feiner unterscheiden.
Darüber hinaus können seltene genetische Varianten Lila oder violette Augen erzeugen. Lila entsteht durch die spezielle Kombination von Rot- und Blauanteilen in der Iris, verstärkt durch Lichtstreuung und Strukturpigmente. In der diffusen Lichtumgebung von Sonra 4 wirkt Lila nicht grell, sondern elegant und subtil, oft als Zeichen seltener Abstammung oder genetischer Linie.
Braune Augen tragen meist goldene Untertöne, graue Augen einen warmen, bernsteinfarbenen Schimmer, grüne Augen erscheinen oliv oder gelblich, und violette Augen bilden ein seltenes, aber vollständig natürliches Spektrum. In hellem Licht können alle Farben metallisch glänzen, eine Folge der Lichtbrechung in der Iris und der evolutionären Anpassung an die Lichtverhältnisse ihres Planeten.
Für Argonen ist diese Wahrnehmung selbstverständlich. Sie sehen die Welt nicht als verfremdet, sondern als ausgewogen. Erst im Kontakt mit Terranern wird ihnen bewusst, dass dieselben Farben unterschiedlich benannt, interpretiert und emotional bewertet werden. So offenbaren die Augen einen subtilen, aber tiefgreifenden Unterschied zwischen Terranern und Argonen – nicht im Aussehen, sondern in der Art, wie Realität gefiltert und wahrgenommen wird.
Argonisches Haar folgt nicht ausschließlich den terranischen Gesetzen von Schwarz, Braun, Rot und Blond. Zwar existieren diese Farben weiterhin, doch sie werden ergänzt durch natürliche Töne, die Terraner instinktiv für künstlich halten würden. Gedämpfte Blau-, Grün- oder Türkisnuancen kommen bei Argonen ohne jede künstliche Färbung oder Behandlung vor.
Diese Farben entstehen nicht durch fremdartige Farbstoffe im klassischen Sinne, sondern durch feine mikrostrukturelle Eigenschaften des Haars. Das Licht wird innerhalb der Haarfasern so gebrochen, dass bestimmte Wellenlängen verstärkt reflektiert werden. Das Ergebnis sind matte, erdige Farbtöne: moosgrün, graublau, tiefes petrol oder ein fast schwarzes Blau, das erst im Sonnenlicht sichtbar wird.
Die Haarfarbe verändert sich im Laufe des Lebens nur geringfügig. Junge Argonen zeigen oft kräftigere Töne, während das Haar im Alter dunkler und weniger lichtbrechend wird. Für die argonische Gesellschaft besitzt diese Vielfalt kaum symbolische Bedeutung. Sie gilt als ebenso alltäglich wie unterschiedliche Augenfarben. Terranische Beobachter hingegen interpretieren die Farben häufig als Mode, Zugehörigkeit oder bewusste Provokation – ein Missverständnis, das Argonen meist mit stiller Verwunderung zur Kenntnis nehmen.
Insgesamt unterstreicht das Haar der Argonen einen grundlegenden Unterschied: Sie sehen der Menschheit ähnlich genug, um vertraut zu wirken, und unterscheiden sich doch in Details, die erst bei genauerem Hinsehen ihre eigene evolutionäre Geschichte verraten.
Ich habe in meiner Geschichte auch noch ein paar andere "Kleinigkeiten" eingebaut, wie etwa, dass die Nahrungsmittelverträglichkeit sich zwischen Argonen und Terranern unterscheiden.
Auch die "Kompatibilität" zwischen den beiden Völlkern geht nach ca. 900 Jahren getrennter Entwicklung flöten.
Evtl. greife ich das Design aus X-BtF (mein Lieblingsspiel) auf und bau das auch noch irgendwie ein.

In weiteren Kapiteln will ich mich auch den Menschen von Aldrin widmen und denen einen eigenen "Touch" verleihen.

Über das 68. Sprungtor-Netzwerk hab ich mir auch schon Gedanken gemacht.
Auch wenn das noch laaange dauern wird, bis die in meiner Geschichte auftauchen. :D Wenn überhaupt. :gruebel:
Aber es hat auf alle Fälle Spaß gemacht darüber nachzudenken. :mrgreen:
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Rock Man Zero
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Kapitel 9 - Träume

Ich stand auf der Terrasse von Rolands Haus, die Hände fest um die Kanten des Geländers geklammert, und ließ meinen Blick über den gefrorenen Strand gleiten. Das Blaue Meer war teilweise zugefroren, die dünne Eisdecke glitzerte blass im schwachen Winterlicht. Ein scharfer Wind fegte vom Meer herüber, trieb meine Haare ins Gesicht und ließ mich frösteln, obwohl meine steife Haltung nicht der Kälte geschuldet war, sondern dem Unbehagen, das ich in der Nähe von Valentina und Vanu immer noch empfand. Ich konnte nicht genau sagen, warum es so war. Vielleicht war es die Nähe, vielleicht die stille Spannung zwischen ihnen. Ihre Beziehung zueinander war kompliziert, von unterschwelliger Rivalität durchzogen, und ich spürte jede kleine Nuance, jede noch so flüchtige Geste.
Valentina hing an meiner rechten Seite, ihr Ellbogen leicht in meinen eingehakt, ihre Finger drückten sich fast unmerklich gegen meinen Unterarm. Vanu auf der linken Seite, spiegelte diese Bewegung, und meine linke Hand spürte den Druck ihres eigenen Ellenbogens. Ich verharrte wie ein Brett, unsicher, wie ich mich bewegen sollte, um niemanden zu beleidigen oder die Balance der Situation zu stören. Meine Augen folgten den Bewegungen beider Frauen, jede Geste, jedes leichte Anheben der Augenbrauen, das Zusammenspiel ihrer Lippen beim Sprechen, selbst das leiseste Zucken der Hände. Es war irritierend, fast lähmend.
Vor uns auf dem Geländer standen drei dampfende Tassen. Zwei davon, prall gefüllt mit Keffa, gehörten Valentina und Vanu, meine eigene war Tee. Der Duft stieg mir in die Nase, herb und erdig, und für einen kurzen Moment brachte er mich zurück in die Wärme der Küche, in das geschäftige Treiben des Yatei, die klirrenden Töpfe, den Duft von frisch gebackenem Brot und gebratenem Gemüse. Ich schluckte den Tee, ließ die Wärme durch mich fließen, während meine Gedanken abschweiften.
Valentina hatte mittlerweile ihre eigene Praxis in Aru eröffnet. Ich erinnere mich noch, wie sie mir gegenüber erwähnt hatte, dass sie eigentlich in der Hauptstadt Gunnia, auf der anderen Seite des Planeten, sesshaft werden wollte. In der Nähe ihrer Familie. Sie stammte aus Iru, einem kleinen Vorort, und ich konnte nicht anders, als über die Namen nachzudenken. Nathan R. Gunne, der Retter der Menschheit, und nun Orte, die seinen Namen trugen – fast so, als hätte die Geschichte ihre Spuren in der Landschaft hinterlassen. Ich dachte daran, wie unser erstes Treffen verlief, wie wir zuerst Patient und Ärztin waren, dann Bekannte, Freunde, und schließlich… ja, was waren wir jetzt? Love interest? Nur Gedanken, keine Worte, die ich aussprechen konnte, nicht ohne den Sturm der Eifersucht und Rivalität zwischen den Frauen zu entfachen.
Valentina hatte mir einmal erklärt, dass sie nie etwas von Eheverträgen hielt. Partnerschaften sollten aus tief empfundenen Emotionen entstehen, nicht aus gesellschaftlicher Notwendigkeit oder pragmatischen Überlegungen. Sie hatte Angebote bekommen, alle abgelehnt, und ich konnte den Stolz in ihren Augen sehen, das stille Statement, dass sie nicht gekauft oder gebunden werden wollte. Vanu hörte still zu, nickte gelegentlich, ihre Mimik neutral, doch ich konnte die subtile Zustimmung erkennen, die Anerkennung, dass auch sie sich nicht unterordnen wollte. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigenen Regeln.
Wir drei atmeten, und die weiße Wolke unseres Atems stieg in die frostige Luft. Jeder Atemzug war ein winziges Signal unserer Präsenz, ein sichtbares Band zwischen uns, während wir uns langsam auf den Weg machten, weg von Nathantia, Richtung eines dichten Waldstücks. Die Bäume standen kahl, ihre Äste wie schwarze Skelette gegen den blassen Himmel. Ich spürte die Kälte auf meinen Wangen, doch sie konnte nicht die Hitze in meiner Brust überdecken, die aus der unruhigen Nähe der Frauen herrührte.
Vanu hatte im Gespräch still zugehört, das war ihre Art, die Dinge zu analysieren. Sie war in meinem Alter, älter als Valentina, und doch zeigte sie eine Reife, die über ihre Jahre hinausging. Sie sprach über ihre eigenen Erfahrungen, begrenzte Beziehungen, die kurze Ehe, die sie annuliert hatte, die körperliche Anziehung, die intensiven, aber flüchtigen Gefühle. Dann, eine Fehlgeburt später, nur noch mehr Streit und Schuldzuweisungen. Ich hörte zu, versuchte die Nuancen herauszufiltern, ihre Körpersprache, die leichte Anspannung in ihren Schultern, das gelegentliche Zusammenziehen der Lippen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.
Valentina stellte Fragen, sanft, aber direkt. Vanu antwortete, offen, ehrlich, ohne Filter, und ich spürte die Spannung, die zwischen ihnen vibrierte. Es war, als würde ein unsichtbares Band aus Konkurrenz, Respekt und einer gewissen Verwunderung über die eigene Jugend zwischen ihnen stehen. Ich konnte nicht anders, als die Stille zu füllen, indem ich ab und zu ein leises Wort sagte, eine Bemerkung zu den Bäumen, zum Eis auf dem Meer, zum Dampf, der zwischen uns aufstieg. Meine Stimme war ruhig, fast meditativ, aber in meinem Inneren wirbelten tausend Gedanken.
Wir gingen weiter, jeder Schritt knirschte im gefrorenen Schnee. Ich beobachtete die Art, wie Valentina ihre Hände tief in den Taschen vergrub, den Blick gesenkt, als würde sie die Kälte in die Erde ableiten wollen. Vanu dagegen, die Arme verschränkt, die Schultern aufrecht, ging wie eine Kriegerin, selbstbewusst und unbeirrbar. Ich bemerkte, wie mein Herz schneller schlug, wie ich die unsichtbare Spannung zwischen ihnen spürte, jedes Zucken einer Hand, jeden flüchtigen Blick. Ich wusste, dass ich diesen Winter nicht nur körperlich ertragen musste, sondern auch emotional.
Wir erreichten eine kleine Lichtung. Das Sonnenlicht fiel durch die kahlen Äste, bildete zarte Muster auf dem schneebedeckten Boden. Ich setzte mich auf einen gefrorenen Baumstumpf, Valentina neben mir, Vanu auf der anderen Seite. Ich spürte die Wärme, die von unseren Körpern ausging, nicht viel, aber genug, um das Eis in meinen Gliedern etwas zu lösen. Die Stille war nicht unangenehm, sondern geladen, voller unausgesprochener Worte und Emotionen.
Vanu drehte den Kopf zu mir, die Augen in diesem unnachahmlichen argonischen Grün, das je nach Licht mehr gelblich oder oliv wirkte. "Tori," sagte sie leise, "ich habe oft darüber nachgedacht… über dich, über uns." Ihre Stimme war sanft, aber durchdringend. Ich konnte die Anspannung in ihren Händen fühlen, als sie sie ineinander verschränkte.
Valentina nickte leicht, der Blick auf den Boden gerichtet, ihre Stimme ein kaum hörbares Murmeln: "Du bist… schwer zu lesen, Tori. Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt merkst, was du uns beiden bedeutest."
Ich schluckte, spürte die Hitze in meinem Gesicht. Ich wollte etwas sagen, wollte die Worte finden, die alles erklären, aber sie formten sich nicht. Stattdessen spürte ich, wie mein Herz schneller schlug, die Kälte draußen schien plötzlich irrelevant. Ich konnte die Emotionen der beiden Frauen fast körperlich spüren, das gegenseitige Spannungsfeld, das uns alle einhüllte.
Ich atmete tief ein, versuchte mich zu sammeln, die Hände auf den Knien. "Ich… ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll," begann ich, die Stimme rau vor Anspannung, "aber ich schätze euch beide. Nicht nur als… Freundinnen, nicht nur als Kolleginnen, sondern… ihr seid wichtig für mich. Und ich will niemanden verletzen."
Valentina lächelte schwach, ein Schatten von Erleichterung im Gesicht. Vanu hob den Kopf, ein Lächeln, das fast schelmisch wirkte, huschte über ihre Lippen. Die Spannung löste sich ein wenig, wie Eis, das unter der warmen Sonne zu tauen beginnt, Stück für Stück.
Wir saßen eine Weile so, in Stille, nur das Knarren der Bäume um uns herum, das leise Rauschen des teilweise gefrorenen Meeres aus der Ferne. Ich konnte nicht sagen, wie lange wir dort saßen, die Zeit verlor ihre Bedeutung in diesem Moment der fragile Balance zwischen Nähe, Unsicherheit und dem stillen Versprechen, dass wir alle irgendwie weitergehen würden.
Und während ich dort saß, spürte ich, dass dieser Winter, so hart und unbarmherzig er draußen auch sein mochte, auch etwas in uns auftauen konnte – die Mauern, die wir gebaut hatten, die Barrieren zwischen unseren Herzen. Ich wusste, dass wir noch einen langen Weg vor uns hatten, dass die Konflikte zwischen Valentina und Vanu nicht verschwinden würden, dass die Unsicherheiten in mir selbst nicht gelöst waren. Aber für einen Moment, nur für diesen einen Moment, war da Ruhe, war da Hoffnung, war da das zarte Erwachen eines Traums, der größer war als wir alle.

Die Wärme des holografischen Lagerfeuers spiegelte sich in den klaren Linien des Wohnzimmers wider, obwohl die Flammen nur Projektionen waren. Roland saß in seinem abgewetzten, aber gemütlichen Sessel, der Kopf leicht nach hinten geneigt, Augen geschlossen, Atmung gleichmäßig, fast wie ein Stein. Sein Gesicht wirkte entspannt, fast kindlich in der Ruhe, die von einem Mann ausging, der die Kontrolle über alles hatte, was ihn umgab. Ich beobachtete ihn für einen Moment, wie er dort saß, während der Lichtschein der Hologrammflammen sanft über seine Gesichtszüge glitt.
Vanu bewegte sich geschmeidig zwischen Herd und Arbeitsfläche, während ich ihr half. Wir schnitten, rührten und prüften Zutaten, jeder Griff saß, jeder Handgriff koordiniert, als wären wir ein eingespieltes Team. Ich achtete auf ihre Bewegungen, wie sie die Pfanne neigte, um den Inhalt zu wenden, wie sie das Salz aus der Handfläche langsam aufstreute – präzise, fast ritualisiert. Sie war konzentriert, aber die Augen blitzten immer wieder kurz zu mir hinüber, ein stummes „passt du auf mich auf?“ Das brachte mein Herz zum Stolpern, obwohl ich mich bemühte, ruhig zu bleiben.
Valentina saß an der Kücheninsel, ihr Tablet aufgestellt, die Finger über die Oberfläche gleitend, als würde sie mit der Technologie verschmelzen. Ich legte mehrere Snacks neben ihr ab, Becher für Becher aus Scruffin-Knollen, die wir zusammen mit Rosa und Greg entwickelt hatten. Chips, leicht gesalzen, knusprig, eine vertraute Textur, die mich an die Erde erinnerte. Sie griff nach dem ersten Becher, ihre Augen blitzten kurz auf, und ehe ich mich versah, war er leer. Ich legte ihr den nächsten hin, dann den nächsten. Sie kaute konzentriert, die Lippen leicht zusammengepresst, das Gesicht von völliger Fokussierung geprägt. Ihr Atem ging flach, die Wangen leicht gerötet von der Anstrengung, alles gleichzeitig zu beobachten und zu schmecken.
„Hm… interessant,“ murmelte sie zwischen den Bissen, und ich konnte nicht sagen, ob sie mich meinte oder die Chips. Ich lächelte nur, zu stolz auf das, was wir geschaffen hatten, um mich jetzt darüber Gedanken zu machen.
Vanu und ich bereiteten währenddessen weitere Gerichte zu. Der Duft von Scruffin-Püree, leichten Boron-Algen und frischem Weizen erfüllte den Raum. Ich konnte nicht anders, als kleine Erinnerungen an meine alte Realität zu verspüren – an meine eigenen Küchenexperimente, das gelegentliche Scheitern, das triumphale Gelingen eines Gerichts. Kochen war mehr als nur Zubereitung; es war ein Moment, in dem die Welt stillstand und alles Sinn ergab.
Während wir die Speisen anrichteten, überprüfte Valentina die medizinischen Sensoren an Roland und mir. Sie beugte sich leicht vor, die Stirn in Falten gelegt, Lippen leicht geöffnet, die Augen von Lichtreflexionen gezeichnet. In diesen Sekunden war sie kein Freund, keine Begleiterin, sondern Ärztin. Ihre ganze Haltung schrie Präzision, Fokus, Pflichtbewusstsein. Ich stellte ihr still ein paar Snacks hin – Scruffin-Trilogie, Boron-Algenpüree, gedämpfte Scruffin-Körner. Sie griff danach, fast mechanisch, aß, prüfte Sensorwerte, aß weiter, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen auf das Tablet gerichtet.
„Noch ein Becher?“ fragte ich leise, die Stimme mehr ein Hauch als ein Klang.
„Ja, danke,“ kam es knapp, ohne dass sie den Blick von den Anzeigen hob. Ich nickte und ging weiter, half Vanu beim Schneiden der Algenstreifen, kontrollierte die Konsistenz des Scruffin-Getreidebreis, prüfte die Temperatur des Weizensuds. Alles musste stimmen, die Texturen perfekt, die Temperaturen optimal, damit die Speisen universell verträglich waren.
Ich dachte an die Speisekarte, die wir erstellt hatten. Jedes Gericht war geprüft, getestet, gegessen von uns selbst. Ich erinnerte mich an die Nächte, in denen wir Varianten probiert hatten, die Boron-Versionen angepasst, die humanoiden Versionen abgeschmeckt, die Texturen überprüft. Ich spürte den Stolz, der sich in mir aufbaute, wenn ich daran dachte, wie wir eine Brücke zwischen den Kulturen schlugen, wie wir etwas schaffen konnten, das für alle funktionierte.
Ich beobachtete, wie Valentina die Chips kaute, das Kauen rhythmisch, fast meditativ, während die feinen Linien ihres Gesichts bei jedem Biss leicht vibrierten. Vanu schnitt Scruffin-Scheiben, die Bewegungen präzise, ruhig, jeder Schnitt ein kleiner Akt von Perfektion. Ich reichte ihr Gewürze, mischte Texturen, kontrollierte Temperaturen. Meine Hände rochen nach Scruffin, nach Weizen, nach dem Ozean, der draußen gefroren lag.
Roland schnarchte leise im Sessel, das holografische Feuer flackerte, reflektierte sich in den Fenstern. Ich konnte die Wärme spüren, obwohl sie nur simuliert war. Sie beruhigte mich, gab mir das Gefühl, dass trotz der Anstrengung alles richtig war, dass wir hier etwas Bedeutendes taten.
Die Küche füllte sich mit Geräuschen: Schneiden, Rühren, das leise Klirren von Geschirr, Valentina, die leise vor sich hin summte, als würde sie die Werte der Sensoren auf ihr Tablet singen. Vanu murmelte ab und zu kurze Kommentare, ein „passt so“ oder „etwas mehr“, und ich nickte still, nahm ihre Hinweise an, justierte die Hitze, kontrollierte die Textur erneut.
In diesen Momenten war ich gleichzeitig Teil des Chaos und der Ordnung. Alles lief, alles passte, und dennoch fühlte ich die Spannung, die zwischen den Frauen lag, die stille Rivalität, die unvermeidlichen kleinen Spannungen, die durch die Nähe erzeugt wurden. Ich musste mich konzentrieren, die Arbeit perfekt machen, damit keine Ablenkung, keine Reibung die Qualität der Speisen gefährdete.
Jedes Gericht, jede Zutat, jeder Handgriff war ein Ausdruck von Präzision, von Leidenschaft, von einem Wunsch, etwas Dauerhaftes zu schaffen. Ich dachte an die Gäste des Yatei, an ihre Gesichter, an die Freude, die wir ihnen brachten. Und während Valentina weiter ihre Becher leerte, während Vanu konzentriert die nächsten Portionen bereitstellte, spürte ich, dass all diese Mühe, all diese minutiöse Arbeit, all diese stillen Stunden der Vorbereitung etwas waren, das größer war als ich, größer als das Yatei selbst.
Die Küche war ein Mikrokosmos der X-Realität: Vielfalt, Anpassung, Harmonie trotz Unterschiede. Ich beobachtete die Farben, die Texturen, die Geräusche. Ich sah, wie Scruffin-Püree cremig wurde, wie Weizen langsam aufquoll, wie die Algen im leichten Dampf glänzten. Ich spürte das Leben in jedem Gericht, die Verbindung zwischen Zutaten und Menschen, die Freude, die sie bringen würden.
Und während ich dort stand, die Hände voller Arbeit, die Augen auf das leise Lächeln von Valentina gerichtet, die neben mir die Sensorwerte kontrollierte, wusste ich, dass ich genau hier, genau in diesem Moment, in der richtigen Welt war.

Das Anshin Yatei war noch geschlossen. Die Schiebetüren standen stumm in ihrer Führungsschiene, die Außenhologramme deaktiviert, das Innere in ein ruhiges, kühles Morgenlicht getaucht. Ich saß allein an einem der vorderen Tische, die Hände auf der frisch überarbeiteten Speisekarte. Ich strich mit den Fingern über die Oberfläche, prüfte ein letztes Mal die Struktur, die Anordnung, die Balance zwischen Tradition und Funktion. Jeder Abschnitt war durchdacht. Keine Spielerei, keine Effekthascherei. Textur, Temperatur, biologische Kompatibilität. Das war die Linie. Meine Linie.

VORSPEISEN / LEICHTE GÄNGE
Mineralische Boron-Essenz
Klare, warme Algenlösung aus Tiefsee-Kulturen, reich an Mineralien, leicht gebunden, faserig-gelartige Textur. Für Boron traditionell, für Humanoide als Brühe oder Emulsion.

Getreidesud
Langsam gekochter Weizensud, emulgiert mit Nostrop-Öl, mild erdig, universell verträglich. Bereitet den Verdauungstrakt auf Hauptgänge vor.

Scruffin-Trilogie
Gedämpfte Knolle in drei Texturen: feines Püree, zarte Scheiben, grob zerdrückt. Natürliche Stärke, ungewürzt.

Algen-Gewebe, temperiert
Schichtige Boron-Algen unterschiedlicher Dichte, kühl serviert. Textural vielfältig, neutral im Geschmack, Boron-traditionell.

Gedämpfte Scruffin-Körner mit Mikrogrün
Kleine Würfel aus Knollen, gedämpft, leicht aromatisiert, universell essbar.

Miso Fusion
Milde Brühe aus Boron-Algen mit eingelegten Scruffin-Stückchen. Leicht, mineralisch, sättigend.

ZWISCHENGÄNGE / FINGERFOOD
Weizenfladen
Knusprig außen, weich innen, gestrichen mit Nostrop-Öl. Servierbar zu Suppen oder als Snack.

Boron-Algenpüree
Cremige Paste aus mehrschichtigen Algen, optional warm gebunden. Für Boron, für humanoide Gäste leicht aromatisiert.

Scruffin-Getreidebrei
Püree aus Knollen und Weizenkörnern, cremig, warm, universell verträglich.

Algenstreifen
Roh serviert, faserig. Boron-traditionell, Menschen optional als Snack oder zu Brühen.

Gedämpfte Scruffin-Scheiben
Leicht gebräunt, cremig, als Snack oder Beilage.

HAUPTGÄNGE / HERZHAFTE VARIANTEN
Argnu-Schmorstück im Getreidefond
Langsam gegartes Fleisch, serviert in Weizenbrühe, proteinreich und sättigend. Für Split optional ohne pflanzliche Komponenten.

Paranidisches Dreikorngericht
Dreierlei Getreide, langsam gekocht, emulgiert mit Nostrop-Öl. Warm, gleichmäßig, textural ausgewogen.

Split-Proteinplatte
Reines Fleisch, trocken gegart oder in klarer Brühe serviert. Maximale Proteindichte, minimal pflanzlich.

Boronischer Algenkomplex
Mehrschichtige Algenzubereitung, halbgebunden oder flüssig. Mineralreich, für Boron-traditionell, humanoide Version leicht aromatisiert.

Scruffin-Püree & Getreide-Kompott
Cremiges Knollenpüree, begleitet von leicht gekochtem Weizen. Einfach, sättigend, universell essbar.

Döner
Gegrilltes Argnu- oder Chelt-Fleisch, in Weizenfladen gewickelt, optional mit Boron-Algenstreifen. Auch nur mit Algenfüllung.

Sushi / Algenrolle
Boronische Algenblätter um Scruffin-Püree oder dünne Argnu-Fleischstreifen gewickelt, roh oder leicht gedämpft.

Sashimi
Fein geschnittene, mineralische Algenstränge, roh serviert. Für Boron, optional für Menschen mit Scruffin-Püree.

Burger
Gebratene Scruffin-Scheiben als Patty, in Fladenbrot, minimal Öl, optional Argnu-Fleischaufschnitt.

Weizen-Algen-Eintopf
Reduzierter Weizensud mit Algenstücken, langsam gekocht, mineralisch, funktional für Langzeitmissionen.

Fusion X
Pürierte Boron-Algen mit Scruffin-Püree und Weizenkörnern, cremig, warm oder kalt servierbar.

BEILAGEN
Gedämpfte Tiefseealgen
Mineralisch Gekochte Weizenkörner, locker, erdig

Scruffin-Scheiben
Leicht gebräunt, cremig Micro-Knollen-Salat, saisonal

Scruffin-Püree
Neutral

GETRÄNKE
Isotonische Lösung
Neutral, elektrolytausgleichend

Warmer Getreideaufguss
Mild, koffeinfrei

Kalter Algenextrakt
Mineralisch

Scruffin-Saft
Leicht stärkehaltig

KÜCHENPHILOSOPHIE
Keine Stimulanzien
Geschmack durch Textur, Temperatur und Kombination der Grundzutaten
Biologisch kompatibel für alle Spezies
Gerichte für Alltag, Diplomatie und Langzeitmissionen
Traditionelle Zubereitungen für Boronen, Split und Paraniden werden respektiert, humanoide Versionen angepasst


Ein Jahr.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück, ließ den Kopf gegen die Lehne sinken und starrte zur Decke, wo sich die Lichtpaneele langsam an die morgendliche Helligkeit anpassten. Ein Jahr in dieser Realität. Am Anfang hatte ich jeden Schritt als potenziell tödlich empfunden. Ich war mit dem Gefühl aufgewacht, jederzeit versklavt, verkauft oder von irgendeinem Raubtier zerlegt zu werden. Jeder Schatten war Bedrohung gewesen. Jede fremde Stimme ein Risiko.
Ich sehe mich noch auf der Handelsstation, wie ich versuchte, nicht aufzufallen. Wie ich meine Schultern bewusst schmal machte. Wie ich Gespräche mied, um nicht als unwissender Fremder enttarnt zu werden.
Jetzt hatte ich ein Zuhause. Freunde. Partner.
Allein dieses Wort ließ mich kurz die Augen schließen. Partner. Nicht Besitz, nicht Vertrag, nicht Zweckgemeinschaft. Echte Nähe. Kompliziert, manchmal anstrengend, aber real. Mein Bekanntenkreis wuchs fast täglich. Lieferanten, Stammkunden, Diplomaten, Techniker, Händler. Ich war kein Fremdkörper mehr. Ich war Teil des Gefüges.
Und meine Schulden – ich musste unwillkürlich lächeln – waren Geschichte.
Es hatte länger gedauert als geplant. Natürlich hatte es das. Unvorhergesehene Reparaturen am Hoverlaster. Ein zweiwöchiger Engpass bei Scruffin-Lieferungen. Saisonale Schwankungen im Kundenaufkommen. Aber ich hatte durchgehalten. Monat für Monat. Kalkuliert. Nachjustiert. Gespart.
Jetzt waren die Bilanzen stabil im Plus. Nicht spektakulär. Aber stetig wachsend.
Ich setzte mich wieder aufrecht hin, nahm die Karte, schob sie in den Dokumentenscanner des Terminals. Ein leises Summen, dann erschien die Datei auf dem Display. Ich überprüfte die Metadaten, fügte Aktualisierungen hinzu, synchronisierte mit dem Federal Information Network.
„Upload bestätigen?“
Meine Finger schwebten einen Moment über der Oberfläche. Dann tippte ich.
Bestätigt.
Sobald ich das Yatei öffnete, würden die Außenhologramme automatisch umstellen. Das neue Menü würde in transluzenten Schriftbändern über der Fassade erscheinen, angepasst an Speziespräferenzen, übersetzt in mehrere Syntaxsysteme. Und im FIN war es jetzt bereits abrufbar. Wichtig für Vorbestellungen. Wichtig für meine abendliche Abschlusstour mit dem Hoverlaster.
Ich stand auf, ging zur Frontscheibe, blickte hinaus auf die Straße von Aru. Kalt, klar, geschäftig.
Ein Jahr.
Ich ging zurück zur Theke, zog mein handliches Planungs-Pad aus der Tasche und setzte mich wieder. Das Display erwachte sofort. Tabellen. Prognosen. Baukosten. Materialpreise. Energiebedarfsanalysen.
Mein nächstes Ziel.
Eine eigene Zuchtanlage im Weltraum.
Nicht für die Massenware, die ohnehin in industrieller Standardqualität auf dem Markt zirkulierte. Sondern für ursprüngliche Flora und Fauna. Authentische Varianten. Reine Linien. Zutaten mit Charakter. Mit Herkunft. Mit Geschichte.
Ich wollte Kontrolle über die Quelle.
Ich vergrößerte eine Kostentabelle. Bau einer kleinen modularen Agrarstation. Andocksegmente. Lebenserhaltung. Gravitationseinheit. Biosphärenkuppeln. Transportlogistik.
Die Summe am unteren Rand ließ meine Gesichtsmuskeln unwillkürlich erstarren.
Astronomisch.
Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, spürte die leichte Rauheit der Haut, die Müdigkeit, die sich trotz Erfolg nie ganz verabschiedet hatte. Selbst mit meinen positiven Bilanzen würde ich Jahre brauchen. Oder Investoren. Oder beides.
„Zu weit weg“, murmelte ich leise.
Aber sofort widersprach ich mir innerlich.
War es das wirklich?
Vor einem Jahr hätte mein damaliges Ich diese aktuelle Situation für unerreichbar gehalten. Ein eigenes Geschäft. Schuldenfrei. Soziale Bindungen. Ein funktionierendes Netzwerk.
Ich konnte mich noch an dieses Gefühl erinnern – dieses dumpfe Überlebensdenken. Heute war mein Horizont größer.
Ich lehnte mich vor, tippte neue Zahlen ein. Szenarioanalyse. Was, wenn ich zunächst nur eine Beteiligung an einer bestehenden Anlage erwerbe? Minderheitsanteile. Zugang zu Produktionslinien. Spätere Übernahmeoption.
Ich hielt inne.
Vielleicht dachte ich immer noch zu sehr in Spielmechaniken. Kaufen. Upgraden. Übernehmen. Skalieren.
Diese Realität war komplexer.
Ich hatte das viel zu lange mit dem Franchise verglichen, das ich kannte. Ähnliche Namen. Ähnliche Spezies. Ähnliche Strukturen. Aber das hier war kein System aus vorgefertigten Regeln. Hier existierten Nuancen. Politische Dynamiken. Verträge mit Klauseln, die nicht in Tooltipps erklärt wurden. Emotionale Verbindungen. Vertrauensnetzwerke.
Ich atmete langsam aus.
„Hör auf, es wie ein Spiel zu behandeln“, sagte ich leise zu mir selbst.
Das Pad vibrierte kurz – automatische Aktualisierung aus dem FIN.
Neugierig öffnete ich das Handelssegment und begann zu scrollen. Raumstationen. Produktionskomplexe. Reparaturdocks.
Ich hatte ehrlich gesagt nicht erwartet, irgendetwas Relevantes zu finden. Neue Stationen waren teuer genug. Gebrauchte? Kaum vorstellbar.
Doch dann blieb mein Finger stehen.
„Agrarmodul Typ B-17 – gebraucht – strukturell intakt – 63 % Lebenszyklus verbleibend.“
Ich blinzelte. Scrollte zurück.
Es war kein Einzelfall.
Es gab tatsächlich gebrauchte Raumstationen und Raumfabriken. Stillgelegte Anlagen. Insolvenzfälle. Unternehmensfusionen. Militärische Ausmusterungen.
Nicht nur kaufen. Man konnte mieten. Pachten. Sich mit Aktien beteiligen. Mehrheitsanteile erwerben. Gegen Aufpreis sogar verlegen lassen – komplette Stationskerne inklusive Antriebssektionen.
Mein Puls beschleunigte sich merklich.
„Das… ist absurd“, murmelte ich, während ich durch die Details scrollte.
Transportkosten separat. Neuverankerungsgenehmigung erforderlich. Biosphärenkalibrierung nach Standortwechsel verpflichtend.
Das war kein Menü im Spiel. Das war Wirtschaft. Echte Wirtschaft.
Ich lehnte mich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte auf das schwebende Interface.
Wie lange hatte ich mich selbst limitiert, weil ich dachte, bestimmte Dinge seien schlicht nicht vorgesehen?
Ein leises Lachen entwich mir. Nicht laut, nicht euphorisch. Mehr ein trockenes Ausatmen.
„Du Idiot“, sagte ich zu mir selbst. „Du denkst immer noch in festen Pfaden.“
Diese Realität war nicht nur komplexer – sie war offener.
Ich beugte mich wieder nach vorn, zoomte in ein Angebot hinein. Beteiligungsmodell. 12 % Anteil an einer halbautomatisierten Zuchtanlage im Randsektor. Moderate Einstiegskosten. Gewinnbeteiligung quartalsweise.
Meine Finger begannen automatisch zu rechnen. Kapitalbindung. Risiko. Cashflow-Auswirkungen auf das Yatei.
Mein Blick wanderte kurz durch den Raum. Leere Tische. Ruhige Theke. Gedämpftes Licht.
Das hier war mein Fundament.
Ich durfte es nicht gefährden.
Aber ich durfte auch nicht stehenbleiben.
Ich spürte dieses vertraute Ziehen in der Brust – nicht Angst. Ehrgeiz. Vision.
Vor einem Jahr hatte ich ums Überleben gekämpft. Heute dachte ich über Raumstationen nach.
Ich schloss das Pad kurz, legte es auf den Tisch und verschränkte die Hände davor.
Langsam. Schritt für Schritt.
Vielleicht keine eigene Station sofort. Vielleicht Beteiligung. Netzwerk erweitern. Lieferketten sichern. Exklusive Zutaten aufbauen.
Ich stand auf, ging zur Tür, aktivierte die Innenbeleuchtung vollständig. Das Yatei erwachte.
Draußen begannen die Hologramme sich zu formen. Neue Menüstruktur. Neue Darstellung.
Ich blieb einen Moment stehen und betrachtete das Ergebnis durch die Scheibe.
Ein Jahr.
Und ich war noch hier.
Nicht als Überlebender.
Sondern als jemand mit Plänen.

Der Abend war ruhig. Kein Wind. Kein Verkehrslärm. Nur das leise Summen der Gebäudestruktur und das gedämpfte Knistern des holografischen Lagerfeuers im Wohnzimmer. Ich saß am niedrigen Tisch vor dem Sofa, mein Pad ausgeschaltet vor mir. Roland hatte sich wie so oft in seinen Sessel zurückgezogen, ein Glas mit dunklem, kaum identifizierbarem Inhalt in der Hand. Das Feuer warf flackernde Lichtreflexe über sein Gesicht und ließ die Linien um seine Augen tiefer erscheinen. Valentina war noch in ihrer Praxis. Notfall. Sie hatte nur knapp geschrieben, dass sie es heute nicht mehr schaffen würde. Vanu war im Shokudō und machte mit ihrem Personal Inventur. Monatsabschluss. Auch sie würde heute nicht mehr vorbeikommen. Es war selten, dass Roland und ich wirklich allein waren.
„Du starrst dieses Pad jetzt seit zehn Minuten an, ohne es einzuschalten“, sagte Roland schließlich, ohne mich anzusehen.
Ich hob den Blick. „Ich überlege.“
„Gefährlich.“
Ein schmales Lächeln huschte über mein Gesicht. „Ja.“
Ich beugte mich vor, verschränkte die Hände. „Ich will expandieren.“
Roland reagierte nicht sofort. Er nahm einen Schluck, stellte das Glas ab, lehnte sich zurück. „Wie weit?“
„Zuchtanlage. Eigene Rohstoffe. Nicht Standardware. Originalflora. Eigene Linien.“
Jetzt sah er mich direkt an. Seine Augen wurden schärfer. Wach.
„Im Orbit?“
„Ja.“
Er schwieg einen Moment. Das Feuer flackerte zwischen uns.
„Du hast deine Schulden gerade erst abbezahlt“, sagte er ruhig.
„Ich weiß.“
„Deine Bilanz ist stabil, aber nicht überkapitalisiert.“
„Ich weiß.“
Er musterte mich länger. „Also geht es nicht um kurzfristigen Profit.“
Ich schüttelte den Kopf. „Es geht um Kontrolle. Qualität. Unabhängigkeit.“
Roland nickte langsam. „Und Risiko.“
„Ja.“
Ich griff nach dem Pad, aktivierte es und projizierte einige Daten in die Luft zwischen uns. Gebrauchte Agrarmodule. Beteiligungsmodelle. Transportkosten. Rolands Blick wanderte über die Zahlen. Keine sichtbare Reaktion, aber ich sah, wie seine Pupillen minimal reagierten. Er rechnete.
„Du willst nicht neu bauen“, stellte er fest.
„Zu teuer. Ich denke an Beteiligung. Minderheitsanteile. Später vielleicht Übernahme.“
Roland verschränkte die Hände vor dem Bauch. „Hast du dir die juristischen Rahmenbedingungen angesehen?“
Ich verzog leicht das Gesicht. „Oberflächlich. Besitzstruktur. Aktienmodelle. Aber ich brauche…“ Ich atmete durch. „Ich brauche rechtliche Absicherung. Ich will keine versteckten Klauseln übersehen.“
Roland lehnte sich vor. Jetzt war er ganz da.
„Was genau willst du von mir, Tori?“
Seine Stimme war ruhig, aber direkt. Kein Raum für Ausweichen.
Ich hielt seinem Blick stand. „Kontakte. Jemanden, der Handels- und Eigentumsrecht im orbitalen Sektor wirklich versteht. Keine Standardberatung.“
Roland musterte mich lange. Dann lehnte er sich wieder zurück.
„Du meinst jemanden, der nicht nur Verträge liest, sondern Machtverhältnisse.“
„Ja.“
Er schwieg. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Nicht aus Angst. Aus Anspannung.
„Warum erzählst du mir das?“ fragte er schließlich.
Die Frage traf mich unerwartet direkt.
„Weil ich hier wohne“, sagte ich langsam. „Weil ich nicht blind etwas unterschreiben will, das uns alle betrifft. Und weil ich weiß, dass du mehr siehst als ich.“
Roland hob eine Augenbraue.
„Und?“
Ich schluckte kurz. „Und weil ich weiß, dass du Kontakte hast.“
Stille.
Das holografische Feuer knackte leise.
Roland griff nach seinem Glas, drehte es langsam zwischen den Fingern.
„Kontakte sind keine Gefälligkeiten“, sagte er schließlich. „Sie sind Währungen.“
„Das weiß ich.“
„Wenn ich jemanden für dich aktiviere, dann schulde ich etwas. Oder du.“
„Ich würde es ausgleichen.“
„Womit?“
Ich hielt inne. Diese Frage hatte ich erwartet. Und doch fühlte sie sich schwer an.
„Mit Zeit. Mit Beteiligung. Mit Zugriff auf Produktionslinien. Mit Exklusivrechten für bestimmte Lieferungen.“
Roland sah mich einen Moment lang sehr genau an.
„Du denkst bereits wie ein Unternehmer“, sagte er ruhig.
„Ich bin einer.“
Ein sehr leises Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Anerkennend. Nicht warm. Aber respektvoll.
„Was ist dein größtes Risiko?“ fragte er.
Ich antwortete ohne zu zögern. „Fehleinschätzung der politischen Lage im Sektor.“
Er nickte sofort. „Gut.“
Ich atmete etwas freier.
„Und dein zweitgrößtes?“ fragte er.
Ich überlegte kurz. „Liquiditätsengpass im Yatei durch Kapitalbindung.“
„Und dein drittes?“
Ich sah kurz zum Feuer, dann wieder zu ihm. „Überschätzung meiner eigenen Kompetenz.“
Roland schwieg. Dann nickte er einmal, langsam.
„Das war die richtige Antwort.“
Ein kurzer Moment Stille.
„Ich kann dir jemanden vermitteln“, sagte er schließlich. „Handelsjurist. Spezialisiert auf orbitales Eigentumsrecht. Arbeitet diskret.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Kosten?“
„Hoch.“
„Das ist in Ordnung.“
„Er wird deine Bilanzen sehen wollen.“
„Das ist in Ordnung.“
„Er wird wissen wollen, wer hinter dir steht.“
Ich zögerte.
„Niemand steht hinter mir“, sagte ich.
Rolands Blick wurde härter.
„Falsch.“
Ich spürte, wie sich mein Rücken leicht versteifte.
„Du wohnst hier. Du bist mit zwei einflussreichen Frauen verbunden. Dein Liefernetzwerk wächst. Du bist kein isolierter Händler mehr.“
Ich sagte nichts.
Er hatte recht.
„Wenn du in den Orbit gehst“, fuhr Roland fort, „bewegst du dich in einer anderen Liga. Dort interessieren sich Leute für dich.“
Ich spürte eine Mischung aus Nervosität und Aufregung.
„Ist das eine Warnung?“
„Nein. Eine Feststellung.“
Er stand langsam auf, ging durch das holografische Feuer hindurch zum Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit.
„Du bist nicht mehr der Junge, der vor einem Jahr hier aufgetaucht ist“, sagte er ohne sich umzudrehen. „Du hast dich schnell angepasst. Zu schnell für manche.“
Das ließ mich aufhorchen.
„Meinst du das negativ?“
Er drehte sich halb zu mir.
„Ich meine, dass Wachstum Aufmerksamkeit erzeugt.“
Ich nickte langsam.
„Dann sollte ich es richtig machen.“
„Ja.“
Er kam zurück, setzte sich wieder.
„Ich stelle den Kontakt her“, sagte er ruhig. „Aber du führst die Gespräche. Du triffst die Entscheidungen. Und du trägst die Konsequenzen.“
„Natürlich.“
Er musterte mich noch einmal.
„Und Tori.“
„Ja?“
„Wenn du merkst, dass es das Yatei gefährdet – brich ab. Keine Ideale. Keine Träume. Fundament zuerst.“
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust festigte. Kein Widerstand. Zustimmung.
„Verstanden.“
Roland nickte. Für einen Moment saßen wir schweigend da. Zwei Männer im flackernden Licht eines künstlichen Feuers.
„Du bist weiter gekommen, als du glaubst“, sagte er schließlich leise.
Ich sah ihn an. Suchte nach Ironie. Fand keine.
„Vor einem Jahr“, fuhr er fort, „hättest du dich nicht getraut, mich das zu fragen.“
Ich dachte kurz nach. Er hatte recht. Damals hatte ich überlebt. Jetzt plante ich. Ich griff nach meinem Pad, schaltete es aus und legte es beiseite.
„Danke“, sagte ich.
Roland hob nur leicht das Glas.
„Mach etwas daraus.“
Draußen blieb die Nacht ruhig. Und zum ersten Mal fühlte sich mein nächster Schritt nicht wie ein Sprung ins Unbekannte an – sondern wie ein kalkulierter Aufstieg.

Der Nachmittag war ungewöhnlich hell. Durch die großen Fenster fiel kaltes, klares Licht in das Wohnzimmer, das holografische Feuer war deaktiviert. Stattdessen lag eine nüchterne Geschäftsatmosphäre im Raum. Der niedrige Tisch war zur Seite geschoben worden, stattdessen hatte Roland den langen Esstisch freigeräumt.
Ich stand am Kopfende. Mein Pad war mit dem Projektor gekoppelt, mehrere halbtransparente Ebenen schwebten bereits über der Tischfläche – Diagramme, Organigramme, Zeitachsen, Kapitalbedarfskurven.
Roland saß aufrecht, die Hände ineinander verschränkt. Neben ihm Valentina, konzentriert, die Beine übereinandergeschlagen, ihr eigenes Tablet griffbereit. Vanu hatte eine Mappe vor sich liegen, die sie zwar geschlossen hielt, aber ihre Finger ruhten darauf, als würde sie jederzeit eingreifen wollen.
Selenir Nimrodel wirkte wie ein Kontrast zu uns allen. Schlank, präzise gekleidet, helles argonisches Haar streng zurückgebunden. Seine Augen waren ruhig, analytisch, ohne jede sichtbare Emotion. Er hatte bislang kein Wort gesprochen, seit Roland ihn begrüßt hatte.
Ich atmete einmal bewusst durch.
„Danke, dass Sie alle hier sind“, begann ich. Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. „Ich möchte heute nicht nur über eine Zuchtanlage sprechen. Sondern über Struktur.“
Ein Wischen über das Pad.
Das erste Diagramm erschien.
Universal Nourishment Organization – UNO
„Das Dachunternehmen“, sagte ich. „Verwaltung, Kundenservice, Vertragsmanagement, Marketing, strategische Planung. Keine operative Produktion. Nur Steuerung.“
Ich sah die ersten Reaktionen. Valentina blinzelte einmal langsam. Vanu hob minimal eine Augenbraue. Roland blieb unbewegt. Selenir nickte kaum merklich.
Ich wechselte die Ebene.
„Forschungsabteilung: XeNutra Incorporated – XNI. Entwicklung neuer Nahrungsprofile, biologische Kompatibilitätsstudien, Optimierung von Texturen und Nährstoffdichten. Kooperation mit medizinischen Einrichtungen möglich.“
Valentina hob nun tatsächlich den Blick. „Mit medizinischen Einrichtungen?“
Ich nickte. „Langzeiternährung für Spezies mit speziellen Stoffwechselanforderungen. Rekonvaleszenzprodukte. Missionsrationen.“
Sie lehnte sich leicht zurück. Kein Widerspruch. Nur Nachdenken.
Nächste Projektion.
„Zucht und Einkauf: Exo-Harvest Corporation – EHC. Eigene orbitalbasierte Kultivierungsanlagen. Ergänzend strategischer Zukauf seltener Flora und Fauna.“
Ich bemerkte, wie Vanu ihre Finger nun enger um die Mappe schloss.
„Verarbeitung und Verkauf: Omni-Food Products – OFP. Das operative Herz. Dazu gehört das Anshin Yatei als Pilotbetrieb. Später weitere Standorte.“
Rolands Blick wanderte kurz zu mir. Keine Kritik. Aber ein deutliches Registrieren.
Ich fuhr fort.
„Transport und Logistik: Bio Logistics Division – BLD. Eigene Lieferflotte. Temperatur- und Druckkontrollierte Container. Intersektorale Lieferketten.“
Eine weitere Ebene.
„Sicherheitsdienst: Sustenance Security Agency – SSA. Schutz von Anlagen, Transportwegen, Daten.“
Jetzt entstand echte Stille.
Ich ließ die Projektionen kurz stehen. Linien verbanden die Einheiten. Pfeile zeigten Kapitalflüsse. Zeitachsen zogen sich über fünf, zehn, fünfzehn Jahre.
„Das ist kein kurzfristiger Expansionsplan“, sagte ich ruhig. „Das ist ein struktureller Aufbau über Jahre. Modular. Skalierbar.“
Niemand sprach.
Selenir beugte sich minimal nach vorne. „Kapitalbedarf im ersten Fünfjahreszyklus?“
Ich zoomte heran. „Bei konservativer Kalkulation – inklusive Erwerb einer gebrauchten orbitalen Agrarstruktur und Minderheitsbeteiligung an einer bestehenden Logistiklinie – etwa 38 Millionen Credits.“
Valentina atmete hörbar ein.
Vanu sah mich an, als hätte ich gerade angekündigt, einen Mond kaufen zu wollen.
Roland hingegen fragte nur: „Finanzierungsmodell?“
„Mischstruktur“, antwortete ich. „Eigenkapital aus laufenden Gewinnen. Strategische Beteiligungen. Eventuell stille Teilhaber. Keine vollständige Fremdfinanzierung.“
Selenir verschränkte die Hände. „Haftungsstruktur?“
„Jede Division eigenständig juristisch abgesichert. Das Dachunternehmen als Holding. Risikoabschottung zwischen operativen Einheiten.“
Jetzt sahen sie mich alle an.
Nicht ablehnend. Nicht begeistert. Sondern… überwältigt.
Ich spürte es selbst. Die Dichte. Die Komplexität. All die Nächte, in denen ich gerechnet hatte. Modelle erstellt. Szenarien durchgespielt. Worst-Case-Simulationen.
„Das ist…“, begann Vanu langsam, „extrem detailliert.“
Ihre Stimme war nicht kritisch. Sie war vorsichtig.
„Du hast das alles allein geplant?“ fragte Valentina.
„Ja.“
Roland lehnte sich zurück. „Seit wann?“
„Seit ungefähr sechs Monaten.“
Wieder Stille.
Selenir räusperte sich leise. „Rein juristisch ist das umsetzbar. Allerdings bewegen Sie sich mit einer eigenen Sicherheitsagentur in regulierten Zonen. Bewaffnungsgenehmigungen, Lizenzierung, sektorale Abkommen.“
Ich nickte. „Die SSA wäre zunächst unbewaffnet. Fokus auf Objektschutz und Datensicherheit.“
„Und später?“ fragte Roland.
Ich hielt seinem Blick stand. „Später situativ.“
Valentina stand nun auf und ging langsam um den Tisch herum. Sie betrachtete die Projektionen aus einem anderen Winkel.
„Das ist kein Imbiss mehr“, sagte sie leise.
„Nein.“
„Das ist ein Konzern.“
Ich sagte nichts.
Vanu sah mich lange an. „Und wo sind wir in diesem Plan?“
Die Frage traf mich direkt.
Ich atmete ruhig.
„Überall – wenn ihr wollt. Aber nichts davon ist Voraussetzung. Das ist meine Vision. Nicht eure Verpflichtung.“
Roland schnaubte leise. „Vision ist das richtige Wort.“
Selenir verschob einige Projektionsebenen mit präzisen Gesten. „Die Struktur ist durchdacht. Für jemanden mit einem Jahr Erfahrung bemerkenswert ambitioniert.“
Ich spürte Hitze im Nacken. Nicht aus Scham. Aus Anspannung.
„Ist es realistisch?“ fragte ich.
Selenir sah mich direkt an. „Rein technisch: ja. Ökonomisch: abhängig von Kapitalzugang. Politisch: exponiert.“
Roland nickte langsam. „Exponiert ist das Schlüsselwort.“
Valentina blieb neben mir stehen. „Du willst nicht nur kochen“, sagte sie ruhig. „Du willst das System verändern.“
Ich dachte kurz nach.
„Ich will es mitgestalten.“
Wieder diese Stille.
Vanu ließ die Mappe los. „Und wenn es scheitert?“
Ich antwortete ohne Zögern. „Dann bleibt das Yatei. Das Fundament bleibt unangetastet.“
Roland hob den Blick. „Das garantiere ich nicht“, sagte er nüchtern. „Wenn du in diese Größenordnung gehst, wird das Yatei sichtbar. Und Sichtbarkeit erzeugt Druck.“
Ich nickte langsam. „Deshalb wollte ich diesen Termin.“
Selenir schloss seine Mappe. „Sie benötigen zunächst eine Holding-Struktur. Sauber getrennte Konten. Klare Beteiligungsmodelle. Und absolute Transparenz gegenüber potenziellen Partnern.“
„Können Sie das begleiten?“ fragte ich.
Er sah zu Roland, dann wieder zu mir. „Ja. Gegen entsprechende Honorierung.“
Roland lächelte minimal. „Natürlich.“
Ich blickte noch einmal auf die schwebenden Diagramme. Linien, Zahlen, Namen. UNO. XNI. EHC. OFP. BLD. SSA.
Sechs Abkürzungen. Sechs Bausteine.
Und im Raum lag ein Gefühl, das ich kaum beschreiben konnte.
Nicht Ablehnung.
Nicht Zustimmung.
Sondern das Bewusstsein, dass das hier größer war als ein Gedankenspiel.
Valentina legte mir kurz die Hand auf den Arm. „Du hast uns nicht nur erschlagen“, sagte sie leise. „Du hast uns überrascht.“
Vanu nickte. „Im positiven Sinn. Aber ich brauche Zeit, das zu verdauen.“
Roland stand schließlich auf. „Gut. Dann beginnen wir nicht mit Träumen.“
Er sah mich direkt an.
„Wir beginnen mit Struktur.“
Selenir aktivierte sein Pad. „Erster Schritt: Gründung der Holding.“
Ich spürte, wie mein Herz ruhiger schlug.
Nicht mehr nur Vision.
Jetzt begann es real zu werden.
Und der Raum war erfüllt von einer Mischung aus Überforderung und dem stillen Wissen, dass etwas Großes gerade seinen ersten offiziellen Atemzug tat.

Der Abend war stiller als sonst. Kein Besuch. Kein geschäftliches Treffen. Nur Vanu und ich am großen Tisch im Wohnzimmer. Roland hatte sich zurückgezogen, Valentina war noch in der Praxis. Auf der Tischplatte schwebte eine vereinfachte Version meines Organigramms. Keine juristischen Details, keine Kapitalflüsse. Nur Expansionsebenen. Vanu hatte die Ärmel ihres Oberteils leicht hochgeschoben, ein Zeichen dafür, dass sie nicht nur zuhören, sondern arbeiten wollte. Ihr Blick war wach, konzentriert, aber nicht euphorisch.
„Also gut“, sagte sie ruhig. „Erzähl es mir ohne Abkürzungen.“
Ich nickte.
„Phase eins: planetenweite Expansion. Mehr Standorte. Kein wildes Franchising. Eigene Filialen. Kontrolliertes Wachstum. Zwei neue Städte innerhalb der nächsten drei Jahre. Standardisierte Prozesse, aber zentrale Qualitätskontrolle.“
Ich zoomte die Projektion näher heran. Markierungen in Nathantia. Aru als Kern. Weitere urbane Knotenpunkte.
„Das Yatei bleibt Pilotbetrieb. Alles wird hier getestet. Menü, Abläufe, Lieferketten.“
Vanu nickte langsam. „Personal?“
„Intern aufbauen. Keine Fremdübernahme bestehender Küchen. Eigene Ausbildung.“
„Gut“, sagte sie leise.
Ich fuhr fort.
„Phase zwei: Handelsstation im Orbit. Kein eigener Bau. Zunächst Anmietung einer bestehenden Gastronomiefläche. Sichtbarkeit außerhalb des Planeten. Zugang zu intersektoralen Kunden.“
Sie lehnte sich zurück. „Das ist der eigentliche Sprung.“
„Ja.“
„Dort wird man dich anders wahrnehmen.“
„Das ist mir bewusst.“
Sie musterte mich einige Sekunden. „Und Phase drei?“
Ich atmete ruhig.
„Eigene Raumstation. Zunächst Zuchtmodule. Später Verarbeitungseinheiten. Autark genug, um unabhängig von planetaren Lieferketten zu sein.“
Stille.
Vanu sah auf die Projektion, dann auf mich.
„Du denkst in Jahrzehnten.“
„Ich denke in Strukturen.“
Ein leichtes, kaum sichtbares Lächeln zog über ihr Gesicht.
„Und wo komme ich ins Spiel?“
Ich zögerte nicht.
Ich blendete die operative Struktur ein.
„Omni-Food Products – OFP. Verarbeitung und Verkauf. Wenn wir in die zweite Phase gehen…“ Ich sah sie direkt an. „… möchte ich, dass du die Leitung übernimmst.“
Keine sofortige Reaktion.
Sie blinzelte einmal langsam. „Du meinst… komplett?“
„Operative Verantwortung. Standortkoordination. Qualitätsmanagement. Personalstruktur. Ich würde mich stärker auf Holding, Strategie und externe Partnerschaften konzentrieren.“
Sie verschränkte die Arme. Nicht abwehrend. Nachdenklich.
„Warum ich?“
„Weil du Prozesse verstehst. Weil du Mitarbeiter führen kannst, ohne sie zu erdrücken. Und weil du nicht impulsiv entscheidest.“
Sie sah zur Seite, als würde sie die Worte sortieren.
„Das ist kein kleines Angebot, Tori.“
„Das weiß ich.“
„Und wenn ich es falsch mache?“
„Dann korrigieren wir es. Aber ich vertraue dir.“
Sie schwieg lange. Ich ließ ihr die Zeit.
„Ich sage nicht nein“, sagte sie schließlich. „Aber ich sage auch nicht ja.“
Ich nickte. Genau das hatte ich erwartet.
Ich wechselte die Projektion.
„XeNutra Incorporated – XNI. Forschung. Entwicklung. Spezielle Ernährungsprofile.“
Valentinas Name erschien neben der Leitungsposition.
„Ich möchte ihr die Leitung anbieten“, sagte ich leise. „Mit Rosa und Greg als Abteilungsleiter. Rosa für biologische Analytik. Greg für Prozessoptimierung.“
Vanu hob leicht eine Augenbraue. „Ambitioniert.“
„Sie alle haben das Potenzial.“
„Und wenn sie ablehnen?“
„Dann bleibt es vorerst klein.“
Ich ließ die Projektion zur Sicherheitsstruktur wechseln.
„Sustenance Security Agency – SSA.“
Vanu atmete hörbar aus. „Das ist der Teil, der mir Sorgen macht.“
„Mir auch.“
Ich aktivierte mein Pad, zeigte ihr die vorbereitete Nachricht.
An Gal.
An Tahl.
Angebot: Leitung der SSA. Aufbau eines diskreten, defensiven Sicherheitsdienstes.
Ich hatte die Nachricht bereits gesendet.
„Und?“ fragte sie.
„Keine Antwort.“
„Ablehnung?“
„Nein.“
„Zustimmung?“
„Nein.“
Vanu nickte langsam. „Sie denken nach.“
„Ja.“
Stille breitete sich aus.
Ich lehnte mich zurück und sah auf die verschachtelten Ebenen meiner Vision.
„Weißt du, was mir klar geworden ist?“ fragte ich leise.
„Was?“
„Struktur kann ich planen. Kapital kann ich kalkulieren. Aber Menschen…“ Ich sah sie an. „Menschen sind der limitierende Faktor.“
Sie lächelte leicht. „Nicht limitierend. Entscheidend.“
Ich nickte.
„Ich brauche zuverlässige Personen. Vertrauensvolle. Keine Opportunisten. Keine reinen Profiteure.“
„Und du glaubst, du findest die?“
„Ich hoffe es.“
Sie stand auf, trat hinter meinen Stuhl und legte beide Hände auf meine Schultern. Nicht besitzergreifend. Nicht zärtlich. Stabilisierend.
„Du baust keinen Konzern“, sagte sie ruhig. „Du baust ein Netzwerk aus Vertrauen.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
„Und wenn niemand zusagt?“
„Dann wächst du langsamer.“
Ich öffnete die Augen wieder.
„Aber du wächst.“
Ich sah auf die Projektion. UNO. XNI. EHC. OFP. BLD. SSA.
Sechs Namen. Noch ohne feste Besetzung.
„Sie denken nach“, sagte ich leise.
„Gut“, antwortete Vanu. „Das sollten sie.“
Sie nahm die Hände von meinen Schultern und setzte sich wieder.
„Zeig mir noch einmal die planetenweite Phase“, sagte sie nüchtern. „Wenn wir das machen, dann richtig.“
Ich nickte und vergrößerte die Karte.
Der Konzern war noch nicht real.
Aber der erste Schritt – der nächste – war es.
Und ich wusste, dass ich nicht nur Strukturen brauchte.
Sondern Menschen, die blieben.

Der Nachmittag war grau und schwer, als ich mich im Lagerraum des Yatei zwischen Kisten voller Scruffin-Knollen, Tiefseealgen und Weizenpellets bewegte. Das Licht war gedämpft, der Raum roch nach Erde, Algen und leicht nach Öl. Ich ließ mich auf eine der niedrigen Kisten sinken und starrte auf die Mengen, die mir zur Verfügung standen. Mein Herz sank. Wieder einmal hatte ich die Lieferungen gezählt – und es reichte nicht annähernd für Phase 1. Nicht für die planetenweite Expansion. Nicht für die geplanten Filialen. Nicht einmal für die bestmögliche Versorgung der bestehenden Kunden.
Die Argonen hatten ihre Kontingente reduziert, die Boronen kamen nur sporadisch, die Split und Paraniden lieferten noch weniger, und die Teladi hatten ohnehin andere Prioritäten. Ich spürte, wie mir die Schultern schwer wurden, als hätte die Last der gesamten X-Realität plötzlich auf mir gelegen. Ich hatte mir so klar vorgestellt, wie das System funktionieren würde, wie die Abläufe reibungslos liefen, wie ich die Kontrolle hatte – und jetzt? Jetzt war alles zähflüssig wie der Getreidesud in meinem Topf.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus, nicht vom Essen, sondern von der Erkenntnis: Ich konnte meine Vision nicht umsetzen, wenn ich nicht einmal die Grundversorgung garantieren konnte. Phase 1, die planetenweite Expansion, schien plötzlich lächerlich fern. Ich lehnte mich zurück und ließ den Kopf in die Hände sinken. Wie sollte aus meinem Traum etwas werden, wenn ich nicht einmal die Grundlagen sichern konnte?
Ich spürte die Niedergeschlagenheit wie eine physische Präsenz, die sich auf meine Brust legte. Minutenlang starrte ich die Kisten an, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Dann aber begann mein Gehirn, die Optionen zu durchdenken – kalt, analytisch, weil Gefühle in dieser Situation nur lähmten. Selbstversorgung. Das war der einzige Weg. Wenn ich die Zufuhr von außen nicht garantieren konnte, musste ich die Quellen selbst kontrollieren. Aber sofort wurde mir der Teufelskreis bewusst: Um selbstversorgend zu werden, brauchte ich Kapital. Kapital, das ich eigentlich aus der planetenweiten Expansion schöpfen wollte.
Ich ließ die Hände aus dem Gesicht gleiten, rieb mir die Augen und atmete tief durch. Ich musste umdenken. Jede Minute des Grübelns brachte mir nichts, ich brauchte Lösungen, keine Selbstmitleidsspirale. Ich setzte mich auf und begann laut zu sprechen, als müsste ich meine Gedanken vor mir selbst verteidigen. „Also… was bleibt?“, murmelte ich. „Rohstoffe… Kapital… Potential…“ Ich zeichnete schematische Linien in die Luft, als könnte ich meine Gedanken sichtbar machen.
Plötzlich fiel es mir wie ein Blitz ein: Wenn ich auf diesem Planeten keine ausreichenden Mengen bekomme, dann muss ich den Planeten wechseln. Ich muss den Weltraum betreten, nach anderen Orten suchen, nach Rohstoffen, nach Partnern, nach Potential. Andere Planeten, andere Händler, andere Möglichkeiten. Vielleicht sogar Orte, die bisher niemand für solche Projekte in Betracht gezogen hatte. Ich spürte wieder ein Funken Energie, einen kleinen Anflug von Entschlossenheit, obwohl das Gewicht der Ungewissheit noch schwer auf mir lastete.
Dann kamen die Blicke meiner Vertrauten hinzu. Vanu hatte mich am Eingang beobachtet, sie verschränkte die Arme und stützte sich leicht auf die Türrahmenkante. „Und jetzt willst du also… wieder auf gut Glück durch den Sektor jetten?“ Ihre Stimme war ruhig, aber der Unterton verriet Skepsis und Besorgnis.
Valentina, die gerade aus der Praxis zurückgekommen war, trat in den Raum. Sie schloss die Tür hinter sich, setzte sich auf die nächste Kiste und verschränkte die Beine. „Tori… du weißt, dass das nicht ohne Risiko ist. Andere Systeme, unbekannte Händler, fremde Planeten. Was, wenn du auf halbem Weg stehst und die Ressourcen fehlen? Was, wenn…“ Sie brach ab, sah mich an, ihre Augen suchten meinen Blick.
Ich erwiderte den Blick, versuchte ruhig zu wirken, während mein Inneres raste. „Ich weiß, es ist riskant. Aber ich habe keine Wahl. Entweder ich versuche, das Kapital und die Ressourcen selbst zu sichern, oder mein Traum bleibt auf dieser begrenzten Basis stecken. Ich will nicht nur reagieren, ich will kontrollieren, was ich kontrollieren kann.“
Vanu schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb resigniert. „Du bist verrückt.“ Sie lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. „Aber… vielleicht ist das genau der Wahnsinn, den wir brauchen.“
Valentina lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Ich werde dich nicht aufhalten, Tori. Aber ich sage dir ehrlich: Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Wir müssen planen, absichern, Netzwerke prüfen. Du gehst nicht einfach ins All, ohne einen soliden Plan.“
Ich nickte langsam, die Hände fest auf den Knien verschränkt. „Ich weiß. Das wird kein Blindflug. Ich werde Daten sammeln, Partner suchen, Risiken analysieren. Ich… ich will nicht nur überleben. Ich will wachsen.“
Für einen Moment war es still. Nur das leise Summen der Heizung, die schwachen Sonnenstrahlen, die durch die großen Fenster fielen, und das entfernte Rauschen von Schiffen über Nathantia. Dann stand ich auf, streckte die Arme, spürte die Muskeln, die den ganzen Stress der letzten Wochen getragen hatten, und sagte leise, aber bestimmt: „Wir fangen von vorne an. Diesmal plane ich nicht nur den Yatei, diesmal plane ich das System. Die Expansion, die Ressourcen, das Kapital – alles aus eigener Hand. Ich werde Wege finden.“
Vanu sah mich an, nickte schließlich langsam. „Wenn du das ernst meinst, werde ich dir helfen. Ich werde nicht zulassen, dass du alles alleine stemmen musst.“
Valentina hob die Augenbrauen, ihr Blick war durchdringend. „Keine halben Sachen.“
Ich fühlte eine Mischung aus Erleichterung und Druck. Zwei verlässliche Partner, die bereit waren, mich zu unterstützen, obwohl sie nicht begeistert waren. Aber genau das war es – kein blinder Enthusiasmus, sondern kritische Begleiter. Perfekt für die erste Etappe des nächsten großen Schrittes.
Ich setzte mich wieder, nahm ein Pad zur Hand, und begann, erste Pläne zu skizzieren: potenzielle Planeten, Ressourcenanalysen, Handelsrouten. Jeder Name, jede Zahl, jede Variable war ein kleiner Baustein für die Realität, die ich erschaffen wollte. Und trotz der Last auf meinen Schultern, trotz der drohenden Unsicherheiten, spürte ich etwas, das mir lange gefehlt hatte: Kontrolle über mein eigenes Schicksal.
Die Sonne sank langsam hinter die glitzernden Dächer von Nathantia, und ich wusste: Morgen würde ich die ersten Schritte vorbereiten um in den Weltraum zu reisen. Nicht blind, nicht allein, aber entschlossen. Der Traum war noch nicht verloren – er hatte nur eine neue Dimension gewonnen.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 10 - Pläne
Vanu lag in ihrem Schlafzimmer, ich konnte die Tür leicht geöffnet sehen, und Valentina im anderen daneben. Beide hatten klar gemacht, dass sie auf Argon Prime bleiben würden, das Fundament meiner Pläne mit Anshin Shokudō und Anshin Yatei sichern sollten. Ich wusste, dass dies eine Art Abschied sein sollte, auf ihre ganz eigene, „besondere“ Weise. Die Gedanken daran ließen mich innerlich gleichzeitig lächeln und rot werden. Ich hatte ohne nachzudenken vorgeschlagen, das Ganze gemeinsam zu machen – ein Vorschlag, so plump und unüberlegt, dass mein eigener Kopf mir sofort vorhielt, wie unpassend das gewesen war.
Beide Frauen reagierten mit eiserner Ruhe, die Kälte ihrer Schulter ließ mich die Scham förmlich spüren. Vanu und Valentina machten unmissverständlich klar, dass sie nicht diese Art von Frauen waren, die sich von solchen Vorschlägen beeindrucken ließen. Sie akzeptierten die jeweilige Existenz der anderen, aber das hieß nicht, dass alles geteilt werden musste. Vor allem nicht die „besondere“ Abschiedsnacht. Der Gedanke, dass mein impulsiver Vorschlag sie möglicherweise vor den Kopf gestoßen hatte, ließ mir kurz die Kehle trocken werden.
Ich hörte das leise Rascheln von Stoff, als die beiden verschwanden, und in dem Moment, in dem der Gang wieder still wurde, spürte ich die Anspannung in mir wachsen. Ich lehnte mich gegen die Wand, schloss kurz die Augen und versuchte, den Herzschlag zu beruhigen, der mir plötzlich wie Trommeln in den Ohren dröhnte. Meine Gedanken rasten, mal darüber, wie ich es geschafft hatte, so unbedacht zu handeln, mal darüber, wie sehr ich sie beide respektierte und doch mehr wollte, als es die Situation erlaubte.
Nur wenige Minuten später erschienen sie wieder. Valentina wirkte entschlossen, fast kühl, ihre Augen fixierten mich kurz, bevor sie in ihr Zimmer schritt. Vanu folgte, eine Spur von stillem Einverständnis in ihrem Blick, und die Atmosphäre auf dem Gang veränderte sich merklich. Ich spürte die Spannung steigen, mein Atem beschleunigte sich unwillkürlich, als die Realität der bevorstehenden Situation auf mich einprasselte.
Valentina war die Erste, das hatten sie entschieden. Nicht, weil sie die Oberhand gewinnen wollte, sondern weil sie mich als Erste kennengelernt hatte – eine stillschweigende Logik, die sich irgendwo tief in meinem Inneren festsetzte. Ich nickte nur, stumm, aus Respekt und Anspannung gleichermaßen, und machte einen Schritt zurück, um ihnen den Raum zu lassen. Mein Körper reagierte auf jede kleine Bewegung, jede Geste, jedes kaum wahrnehmbare Lächeln oder Stirnrunzeln von beiden Frauen.
Es war ein Moment voller Erwartung, Spannung und Respekt. Die Kälte der Nacht draußen schien sich auf die Luft in diesem Flur zu legen, doch innen brannte etwas anderes – ein stilles Feuer, das alles, was wir bisher erlebt hatten, verdichtete. Ich wusste, dass dies kein bloßes physisches Zusammensein war. Es war ein Abschied, eine symbolische Geste für die Zeit, die kommen würde. Und während ich die Tür zu ihrem Zimmer beobachtete, die sich hinter Valentina schloss, spürte ich, dass ich lernen musste, noch vorsichtiger zu sein – sowohl mit meinen Worten als auch mit meinen Impulsen.
Jeder Atemzug, jeder Schritt, jede Bewegung war geladen mit Bedeutung. Ich lehnte mich gegen die Wand, die Hände fest an den Seiten, und ließ die Sekunden verstreichen, spürte die Stille, die sich zwischen uns ausbreitete. Meine Gedanken wirbelten um die Zukunft, um meine Pläne, um die Verantwortung, die auf mir lastete, und gleichzeitig um das, was unmittelbar passieren würde. Ich konnte nichts tun außer warten, beobachten, lernen – und hoffen, dass die Balance zwischen meiner Vision und meinen persönlichen Verbindungen nicht zerbrach.

Die Tür zu den Schlafzimmern lag vor mir wie ein trennender Schleier zwischen dem, was ich gerade hinter mir gelassen hatte, und dem, was mich erwartete. Meine Glieder fühlten sich noch schwer an, Nachwirkungen der letzten Nacht, jede Bewegung ließ mich den Muskelkater spüren, der sich wie kleine Nadeln durch den ganzen Körper zog. Ich stand auf dem Gang, atmete tief ein und aus, die Hände in den Taschen vergraben, und spürte ein merkwürdiges Kribbeln in der Brust, das irgendwo zwischen Aufregung und Anspannung pendelte.

Ich stand auf dem weiten Vorplatz des Raumhafens, umgeben vom endlosen Summen der Schiffe und dem durcheinandergewirbelten Stimmengewirr unzähliger Spezies. Die Sonne stand schon tief, warf lange Schatten über die metallischen Bodenplatten und ließ die glänzenden Rumpfe der startenden und landenden Raumschiffe funkeln. Überall hasteten Wesen vorbei – Argonen in ihren schimmernden Uniformen, Boronen mit ihren feinen, flossenartigen Bewegungen, Paraniden mit ihren scharfen Blicken und Teladi, die geschäftig Pakete trugen. Das Chaos war überwältigend, fast schon einschüchternd, und ich spürte, wie ein Knoten in meinem Magen wuchs.
Ich hatte mich zu schnell auf den Weg in den Weltraum gemacht, meine Pläne waren ambitioniert, zu ehrgeizig, um die Details zu ignorieren – doch genau das hatte ich getan. Jetzt stand ich hier und merkte, dass ich die wesentlichen Schritte komplett übersehen hatte. Ich wollte in den Orbit, wollte neue Planeten inspizieren, Ressourcen sondieren, potentielle Zuchtstationen anschauen – aber ich besaß kein eigenes Raumschiff. Nicht mal eines gemietet, geschweige denn die nötige Fluglizenz, um sicher zu navigieren.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten, und ich ging unruhig auf und ab, beobachtete, wie ein kleines Shuttle elegant landete, während ein massives Frachtschiff gerade abhob. Das Summen der Triebwerke vibrierte durch den Boden und in meine Brust. Ich atmete tief durch, versuchte, Ruhe zu bewahren, während meine Gedanken unaufhörlich kreisten: „Wie komme ich nur dahin? Selbst wenn ich einen Charter bekomme, kann ich das Ding fliegen? Wer könnte mich begleiten?“
Plötzlich blieb mein Blick an einem Terminal hängen, dessen holografische Anzeigen zwischen funkelnden Flugoptionen hin und her wippten. Ein Impuls überkam mich: vielleicht konnte ich ja einfach ein Schiff chartern. Ich trat näher, wischte mit den Fingern über die Anzeigen, die sich wie lebendige Tafeln vor mir bewegten, und studierte die Linienflüge zwischen den orbitalen Stationen. Die Verbindungen waren vielfältig – kurze Flüge zwischen den Handelsstationen, längere Routen zu Planeten in der näheren Umgebung, sogar einige interstellare Sprünge.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, als ich ein passendes Symbol entdeckte: ein direkter Flug zu Handelsstation Alpha 1. Meine Finger zitterten leicht, als ich die Auswahl bestätigte. Ein holografisches Fenster öffnete sich, zeigte Abflugzeit, Flugzeugtyp, Bordpersonal, Sicherheitsprotokolle. Ich scrollte durch die Optionen, prüfte Preise, Reisedauer und mögliche Zwischenstopps. Schließlich drückte ich auf „Buchen“. Ein kurzer, heller Ton bestätigte die Reservierung.
Ich lehnte mich zurück, atmete tief aus, spürte, wie der Knoten in meiner Brust sich langsam löste. Doch noch bevor Erleichterung einkehrte, holte mich die Realität ein. Selbst wenn der Flug gebucht war, konnte ich das Schiff nicht selbst steuern. Ich würde einen Piloten brauchen, jemanden, dem ich vertrauen konnte. Die Verantwortung lastete schwer auf meinen Schultern, und ich merkte, dass ich die nächsten Schritte sorgfältig planen musste, sonst würde ich alles riskieren, wofür ich bisher gearbeitet hatte.
Ich sah wieder auf, blickte auf die startenden Schiffe und die geschäftige Menge um mich herum. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Alles war möglich, aber es war auch gefährlich. Mit einem letzten Blick auf das Terminal wandte ich mich ab, das Ziel fest vor Augen, und machte mich auf den Weg zu den Kontrollbüros, um die Details meiner Reise zu klären – diesmal würde ich alles berücksichtigen, jede kleinste Variable, bevor ich erneut aufbrach.

Ich spürte, wie der Passagierraumer langsam abhob. Die G-Kräfte drückten mich zwar in den Sitz, doch das Dämpfungsfeld, das den Flug stabilisierte, machte das Ganze erträglich. Trotzdem spürte ich ein leichtes Ziehen im Magen – so ungewohnt war das für mich. Ich schnallte mich fester an, die Hände auf den Armlehnen, während ich aus dem Fenster starrte und die Landschaft unter mir kleiner wurde. Die blauen Süßwasserseen und grünen Kontinente von Argon Prime erinnerten mich an die Erde, meine ferne Heimat, und ein kleines Gefühl von Nostalgie breitete sich in mir aus.
„Was ist das?“ murmelte ich leise, als ein kleiner, sattgrüner Fleck im nördlichen Breitengrad meine Aufmerksamkeit erregte. Aus dem All wirkte er wie ein winziger Punkt, aber ich wusste, dass er mehrere Quadratkilometer auf der Oberfläche bedeuten musste. Ich konnte meine Augen kaum von ihm lassen.
Ein älterer Argone, der neben mir saß, hatte mein Murmeln gehört und beugte sich neugierig vor. „Das sind Algen und andere Meerespflanzen, die dort gedeihen“, erklärte er in ruhigem Ton. „Dort werden Argnus gezüchtet, und deren Hinterlassenschaften sind sehr fertil.“
Im ersten Moment blieb mir die Luft weg. Meine Gedanken jagten in alle Richtungen, und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz. „Natürlich! Das ist es!“ Ich konnte nicht anders, als laut aufzuschreien, obwohl ich sofort bemerkte, dass die anderen Passagiere irritiert zu mir herüberblickten. Schnell senkte ich den Tonfall, entschuldigte mich hastig, doch mein Herz klopfte wie wild vor Aufregung.
Plötzlich fühlte sich alles klarer an. Ich musste nicht teures Kapital investieren, um im Weltraum nach exotischer Flora und Fauna zu suchen. Ich musste auch nicht monatelang zuverlässiges Personal rekrutieren. Stattdessen konnte ich auf Argon Prime selbst nach Ressourcen suchen, sie analysieren und mit ihnen arbeiten. Algen waren essbar, und wer sagte, dass sie boronische sein mussten? Ich konnte den Markt lokal aufbauen, exportieren und Schritt für Schritt mein Konzept verwirklichen, ohne den Luxus des Weltraums und seine Risiken sofort zu beanspruchen.
Stunden später, als wir an Alpha 1 andockten, hatte ich bereits meinen Plan ausgearbeitet. Jede Idee, jede Zahl, jede logistische Überlegung lag klar vor meinem inneren Auge. Ohne zu zögern löste ich sofort ein Ticket zurück nach Argon Prime. Ich scannte die Menge, meine Augen suchten nach bekannten Gesichtern, und da erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf Tahl. Er schien jemanden zu suchen, und als sich unsere Blicke trafen, winkte er. Ein erleichtertes Lächeln huschte über mein Gesicht, und ich winkte zurück, dann drehte ich mich um und betrat den Passagierraumer erneut.
Hinter mir sah ich Tahl stehen, sein Gesichtsausdruck verdutzt, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich einfach wieder umkehrte. Mein Herz machte einen kleinen Satz, als mir klar wurde, dass er auf mich gewartet hatte.
Zurück am Raumhafen wurde ich von Gal abgefangen, Tahls Halbschwester, anscheinend hatte er sie kontaktiert. Ihre Augen funkelten vor Neugierde und einem Hauch von Besorgnis. „Was ist los? Warum bist du so abrupt zurückgekehrt?“ fragte sie, die Hände auf die Hüften gestützt.
Ich konnte nicht anders, als breit zu strahlen. Die Freude und Aufregung über meinen Plan spiegelten sich in meiner Mimik. „Ich habe Details übersehen – aber jetzt habe ich es klar!“, sagte ich, und in meiner Stimme lag ein untrügliches Funkeln von Erleichterung und Aufbruchsstimmung. Gal runzelte leicht die Stirn, aber das Strahlen in meinen Augen ließ sie wissen, dass alles gut war. Für einen Moment standen wir einfach da, die Energie des Hafens um uns herum vibrierte, und ich spürte, dass sich eine neue Phase meines Plans gerade vor mir auftat.

Valentina und Vanu sahen gleichzeitig zur Tür, als ich ohne Vorankündigung ins Wohnzimmer trat. Die Überraschung in ihren Gesichtern traf mich unmittelbar. Auch Roland, der am Tisch gesessen hatte, hielt inne.
„Du bist wieder hier?“ fragte Valentina sofort. „Ist etwas passiert?“
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Ja. Aber nichts Schlechtes.“
Ich blieb stehen. Wenn ich mich gesetzt hätte, wäre ich vermutlich explodiert vor Energie. Mein Kopf arbeitete noch immer auf Hochtouren. Also erzählte ich. Vom Start. Vom unangenehmen Abheben. Vom Orbit. Vom Blick auf Argon Prime. Die blauen Süßwassermeere. Die grünen Kontinente. Und schließlich der Fleck im Norden.
Die Algenfelder. Die Argnu-Zuchtgebiete. Der geschlossene Nährstoffkreislauf.
„Wir suchen in der falschen Richtung“, sagte ich schließlich. „Nicht im All. Hier. Im Norden. Wenn man die Biomasse aus dem Orbit sehen kann, dann reden wir nicht über ein Randphänomen.“
Ich sah zwischen Valentina und Vanu hin und her. „Würdet ihr mich begleiten?“
Vanu verschränkte die Arme. Nicht abwehrend. Abwägend. „Nein. Ich kann das Anshin nicht einfach verlassen. Verantwortung delegiert man nicht vollständig.“
Valentina schüttelte den Kopf. „Und ich schließe meine Praxis nicht für eine spontane Expedition.“
Ich nickte. Ich hatte mit Widerstand gerechnet. Trotzdem traf es mich.
Bis dahin hatte Gal geschwiegen. Sie war mit mir vom Raumhafen gekommen, hatte sich im Hintergrund gehalten. Jetzt trat sie einen Schritt vor.
„Ich begleite dich.“
Ich blinzelte. „Du? Ich dachte, du hast als Agentin genug zu tun.“
„Das Gebiet steht seit Längerem auf unserer Agenda“, antwortete sie ruhig.
Mein Blick wurde schärfer. „Inwiefern?“
Valentina sah mich an. „Tori. Man mischt sich nicht in Geheimdienstangelegenheiten ein.“
Vanu nickte knapp. „Das endet selten gut.“
Gal blieb gelassen. „Mehrere Unternehmen dort zeigen wirtschaftliche Unregelmäßigkeiten. Inkonsistente Ertragszahlen. Abweichungen in Exportprotokollen. Die Polizei kam nicht weiter. Also hat eine Abteilung übernommen.“
Sie machte eine Pause. „Da es keine hohe Priorität hat, liegt die Sache seit Monaten brach.“
Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde. Algenfelder. Nährstoffkreisläufe. Unregelmäßigkeiten. Firmen.
Innerhalb weniger Stunden hatte sich mein Plan verschoben. Vom interstellaren Aufbruch zur lokalen Analyse. Und jetzt war ich offenbar in etwas hineingeraten, das größer war als reine Agrarökonomie.
Ich hatte nach Potenzial gesucht.
Vielleicht hatte ich es gefunden.

Der Orbitalgleiter beschleunigte nahezu lautlos. Über zehntausend Kilometer wurden zu einer Randnotiz. Start und Landung dauerten länger als der eigentliche Flug.
Gal saß reglos neben mir und studierte Daten auf ihrem Tablet. Diagramme. Satellitenbilder. Tabellen. Ihr Gesicht blieb neutral, konzentriert. Sie sprach nicht.
Ich hatte ebenfalls kein Bedürfnis zu reden. Meine Stirn lehnte leicht gegen das Fenster, während ich die Oberfläche von Argon Prime unter uns vorbeiziehen sah. Küstenlinien. Gebirgsketten. Flussdeltas. Alles wirkte geordnet, vermessen, katalogisiert.
Ich suchte nach etwas Auffälligem. Ein weiterer grüner Fleck. Eine Unregelmäßigkeit im Muster. Doch aus dieser Höhe wurde selbst das Besondere zu einer geometrischen Struktur. Alles fügte sich ein.
Der Gleiter ging in den Sinkflug über. Wenige Sekunden später setzten wir auf. Das Triebwerksfeld erlosch, die Kabine entriegelte sich mit einem leisen Signal.
Auf dem Rollfeld drehte ich mich zu Gal. „Könnten wir den Planeten einmal umrunden? Ich würde ihn gern vollständig beobachten.“
Sie sah mich kurz an. „Warum nutzt du nicht das FIN für eine Liveansicht?“
Ich blinzelte. „Was?“
„Föderations-Informationsnetz. Echtzeit-Satellitenabdeckung. Multispektral. Frei zugänglich für zivile Abfragen.“ Sie hob das Tablet leicht an. „Du bekommst jeden Punkt der Oberfläche in höherer Auflösung, als es durch ein Kabinenfenster möglich ist.“
Ich schwieg einen Moment. Dann nickte ich.
Natürlich. Eine Zivilisation, die interstellare Routen betrieb, überwachte ihren eigenen Planeten lückenlos.
Mein Wunsch, Prime aus der Distanz zu betrachten, war romantisch gewesen.
Die Realität war funktional.

Während wir durch das ländliche Gebiet fuhren, zogen endlose Felder delexianischen Weizens an mir vorbei. Goldene Flächen, die sich bis zum Horizont erstreckten. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass sie nicht alle derselben Firma gehörten. Zäune trennten die Parzellen sauber voneinander. Klare Grenzlinien in einer Landschaft, die auf den ersten Blick homogen wirkte.
Gal hatte ihren unauffälligen Agentenlook abgelegt. Stattdessen trug sie ein professionelles Business-Outfit. Klare Linien, gedeckte Farben, nichts, das Aufmerksamkeit erregte. Sie spielte die Rolle einer Vertreterin einer kleinen, aufstrebenden Firma, die neue Kunden suchte.
Vor der Fahrt hatte sie mich knapp eingewiesen. Wir waren Geschäftspartner. Wir sondierten den Markt. Wir prüften Kooperationen. Keine politischen Fragen. Keine Vorwürfe.
Ich hatte das Gefühl, dass diese Tarnung auf meine eigenen Pläne zurückging – nur strategisch weitergedacht. Vielleicht war es sogar gut so. In dieser Rolle musste ich nicht improvisieren. Ich konnte mich auf Zahlen und Möglichkeiten konzentrieren, ohne Gefahr zu laufen, mich zu verplappern.
Unser Ziel war ein Unternehmen, das Argnus züchtete und in großem Stil delexianischen Weizen anbaute. Offiziell ein Vorzeigebetrieb. Effizient. Produktiv. Systemrelevant.
Inoffiziell standen jedoch erhebliche Vorwürfe im Raum. Ansässige Farmer und Rancher beschuldigten die Firma, Produktionsreste unsachgemäß zu lagern. Rückstände sollten ins Nordmeer gesickert sein – oder absichtlich eingeleitet worden sein, um Entsorgungskosten zu sparen.
Vor allem die Fischerbetriebe hatten massive Einbußen erlitten. Die Fangquoten waren gesunken. Die Wasserqualität hatte sich verändert. Zwar waren Strafen verhängt worden, doch nach allem, was ich wusste, hatte sich kaum etwas verbessert.
Ich sah wieder hinaus auf die Felder. Gold im Wind. Geordnet. Produktiv.
Und fragte mich, wie viel davon Fassade war.

Gal parkte das gemietete Hovercraft auf einem ausgewiesenen Besucherfeld vor dem weitläufigen Firmengelände. Flache Produktionshallen reihten sich hintereinander, dahinter ragten Silos und Kühlmodule in den Himmel. Ein hoher Zaun mit integrierten Sensorschienen markierte die Grenze zwischen öffentlichem Raum und kontrollierter Zone.
Am Sicherheitsterminal meldete Gal uns an. Firmenname. Besuchszweck. Ansprechpartner. Ihre Stimme war ruhig, sachlich. Danach geschah nichts.
Ich sah zum geschlossenen Tor. „Und wenn sie uns einfach ignorieren?“
Gal blieb entspannt. „Geduld. Wer etwas zu verbergen hat, reagiert selten sofort. Aber er reagiert.“
Fünfzehn Minuten später öffnete sich eine Seitenschleuse. Ein Mitarbeiter in neutraler Sicherheitskleidung trat heraus, überprüfte unsere Identitäten erneut und führte uns über das Gelände.
Der Besprechungsraum war kühl klimatisiert. Statt echter Fenster zeigten großflächige holographische Projektionen wechselnde Bilder: smaragdgoldene Weizenfelder im Sonnenlicht, graulilane Argnus-Herden auf offenen Weiden, anschließend sauber verpackte Cahoona-Blöcke auf Förderbändern. Effizienz. Natürlichkeit. Kontrolle.
Kurz darauf betrat eine argonische Frau den Raum. Etwa fünfzig Jahre alt, kurzes, hochgestecktes Haar, eine schlichte graue Uniform ohne sichtbare Rangabzeichen. Ihr Lächeln war korrekt, aber nicht warm.
„Willkommen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Ab diesem Moment übernahm Gal. Sie stellte Fragen zu Lieferketten, Skalierungspotenzialen, Nebenproduktverwertung. Harmlos formuliert, präzise gesetzt. Produktionsmengen. Lagerkapazitäten. Entsorgungszyklen. Regionale Kooperationen.
Die Frau antwortete routiniert. Technische Details. Juristisch saubere Formulierungen. Verweise auf Nachhaltigkeitszertifikate. Ihr Ton blieb kontrolliert.
Ich versuchte mitzuhalten, verlor jedoch nach einiger Zeit den Faden. Die Begriffe wurden spezifischer, die Zusammenhänge komplexer. Ich wusste nicht, ob Gal zwischen den Zeilen etwas erkannte. Ihr Gesicht verriet nichts.
Schließlich griff ich selbst ein.
„Uns ist aufgefallen, dass sich im nördlichen Küstenbereich erhebliche Algenmengen ansammeln“, sagte ich. „Meine Firma prüft Möglichkeiten der Biomassenutzung. Wir könnten gegen einen moderaten Obolus regelmäßig abfischen. Voraussetzung wäre ein kontinuierlicher Nachschub.“
Stille.
Die Frau sah mich nun genauer an. „Sie sprechen von einer externen Verwertung?“
„Ja. Für die Nahrungsmittelverarbeitung. Wir würden Entlastung schaffen und gleichzeitig ein stabiles Abnahmevolumen garantieren.“
Hinter ihr wechselte die Projektion erneut zu weiten Weizenfeldern.
„Das ist grundsätzlich interessant“, sagte sie schließlich. „Allerdings kann ich darüber nicht allein entscheiden. Solche Kooperationen bedürfen interner Prüfung.“
„Selbstverständlich“, antwortete Gal.
„Wir werden uns bei Ihnen melden. Für ein weiteres Gespräch.“
Kein Datum. Kein Zeitraum.
Das Treffen endete formell. Handschlag. Höfliches Nicken.
Als wir den klimatisierten Raum verließen und wieder in die klare Nordluft traten, wusste ich nicht, ob wir einen Schritt weitergekommen waren – oder lediglich höflich abgefertigt worden waren.

Ich atmete tief durch, spürte, wie das Adrenalin langsam nachließ, während ich mich neben dem Hovercraft aufrichtete und den Blick über die Felder schweifen ließ. Das grüne Schimmern der Algen auf dem Wasser funkelte wie ein fremder, beruhigender Farbklecks in der ansonsten monotonen Landschaft. Ich ließ die Schultern sinken, spürte die Kühle der Luft in meinen Lungen und wie die Steifheit aus dem vielen Sitzen der letzten Stunden allmählich verschwand – erst im Orbitalgleiter, dann im Hovercraft, anschließend in den Büros der Firma. Das Strecken tat gut.
„Ich muss dem Ruf der Natur folgen“, sagte Gal plötzlich, ihr Ton trocken, aber mit einem Anflug von Humor. Reflexartig drehte ich mich um, erwartete etwas, doch zwischen den Bäumen war nichts zu sehen. Ich lehnte mich zurück, den Rücken gegen das Hovercraft gestützt, die Hände auf das Metall gelegt, und ließ meinen Blick wieder über die Felder gleiten, hin zum Nordmeer, wo das grüne Schimmern der Algen sich im Sonnenlicht spiegelte.
Dann riss mich ihr Ruf aus der Ruhe. „Tori!“ Mein Herz machte einen Satz. „Komm schnell!“
„Ich hoffe, du bist angezogen“, brachte ich heraus, halb als Scherz, halb aus Reflex. Gal entgegnete nur ein scharfes „Aho!“, was mich kurz irritierte – ernst gemeint oder nur neckisch? Ich entschied mich, es nicht zu hinterfragen.
Ich sprang über einen kleinen Graben, kämpfte mich durch das dichte Gestrüpp und folgte den Spuren, die Gal hinterlassen hatte. Die Baumgruppe war klein, kaum mehr als ein paar Dutzend Meter im Durchmesser, und ich hatte sie nach wenigen Augenblicken erreicht. Gal kniete bereits, deutete mir mit einer Handbewegung, still zu sein und ebenfalls niederzuknien.
Ich gehorchte, mein Blick folgte ihrem, und dann sah ich es. Ein riesiges Wesen, erinnert an ein überdimensioniertes Rind, stand einige Meter entfernt. Ein einzelnes gebogenes Horn ragte aus seiner Stirn.
„Was ist das?“ flüsterte ich, die Stimme kaum hörbar.
„Das ist eine Arg­nu-Kuh“, erwiderte Gal ruhig.
Ich schluckte schwer. „Das Vieh ist ja größer als zwei Meter …“
„Sei froh, dass es kein Bulle ist“, kam die kurze Antwort, doch bevor ich fragen konnte, erklärte sie weiter: „Die sind noch größer – und haben drei Hörner.“
Aber die Gefahr war nicht die Kuh allein. Mein Blick fiel auf ein argonisches Mädchen am Rand des Zauns, etwa zwanzig Meter entfernt. Sie robbte panisch davon, versuchte Sicherheit zu erreichen, doch die Distanz war zu groß für eine unmittelbare Rettung. Mehrere kleinere Arg­nus rannten unkontrolliert umher. Ihre grau-lederne Haut glänzte leicht in der Sonne, die kurze, struppige lilane Mähne wirbelte beim Rennen auf. Sie hatten die Größe ausgewachsener Milchkühe.
„Kälber“, murmelte Gal, die Augen fest auf das Mädchen gerichtet. „Sie muss irgendetwas getan haben, was den Beschützerinstinkt der Mutter ausgelöst hat.“
Ich wollte sofort eingreifen, meine Hände ballten sich zu Fäusten, mein Puls raste. Doch Gal packte mich am Kragen, ihr Griff fest und kontrollierend. Sie ahnte, was ich vorhatte.
Noch bevor ich reagieren konnte, tauchten Drohnen auf. Sie surrten durch die Luft, blitzten metallisch im Sonnenlicht, während elektrische Schläge in der Luft knisterten, Funken sprühten, der Geruch von Ozon mischte sich mit dem staubigen Erdgeruch. Die Kuh bäumte sich auf, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem dumpfen Poltern um.
Bevor ich überhaupt reagieren konnte, war Gal schon bei dem Mädchen, zog es unter den massiven Zaun hindurch. Wir rannten in meine Richtung, duckten uns gleichzeitig, während die Kuh erneut versuchte, aufzustehen. Ein schriller Schrei durchschnitt die Luft, das Tier schlug mehrfach den Kopf gegen den Stahlzaun, bevor es mit seinen Kälbern davontrabte.
Ich blieb stehen, atemlos. Der Zaun war erstaunlich unversehrt, nur ein paar Schrammen erinnerten an den Aufprall. Das Mädchen saß heulend am Boden, ihr weißes Kleid völlig verdreckt – Schlamm, Kot, Urin. Ich sah die kleinen Arg­nus, wie sie ihrer Mutter hinterherliefen, und ein Schauer lief mir über den Rücken.
Wenn die jetzt freigekommen wären … dachte ich, die kalte Angst durchfuhr meine Glieder … dann hätte ich mir auch in die Hose gemacht.
Gal stand neben mir. Ihre Präsenz beruhigte, aber erinnerte gleichzeitig an Kontrolle und Vorsicht. Ich wusste, dass ich mich nicht hätte einmischen dürfen – oder besser gesagt, dass jede unbedachte Aktion uns alle in Lebensgefahr gebracht hätte. Die Realität war unbarmherzig. Ich atmete schwer, spürte die Anspannung langsam nachlassen, doch das Bild des Mädchens und der gewaltigen Kuh brannte sich tief in mein Gedächtnis ein.

Ich spürte noch das Nachzittern von Adrenalin und Anspannung, als wir dem Mädchen halfen, wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Knie zitterten, die Hände verkrampft an der Kleidung, und die Augen waren weit aufgerissen – zu geschockt, um überhaupt zu sprechen. Ich kniete neben ihr, streckte behutsam die Hand aus, aber jedes Mal, wenn ich versuchte, ihren Namen zu erfahren oder einen Kontakt aus ihr herauszubekommen, blieb sie stumm. Gal machte dasselbe, ruhig, kontrolliert, aber ebenso erfolglos.
Sie hatte ihr kleines Täschchen geöffnet, dieses unscheinbare Ding, das sie immer bei sich trug. Ich konnte nie sicher sagen, ob es nur Frauensachen enthielt, oder ob da auch Agenten-Equipment drin war – vielleicht beides. Mit einer Mischung aus pragmatischer Fürsorge und geschicktem Takt reichte sie dem Mädchen einige kleine Waschutensilien. Sie half ihr, sich zumindest notdürftig zu säubern, und ließ sie dann hinten im Hovercraft Platz nehmen. Ich beobachtete, wie das Kind zögernd Platz nahm, die Hände auf dem Schoß verschränkt, noch immer starr vor Schock.
Gal stellte sich vor die Tür, sah mich ruhig an. Ich nickte nur und drehte mich um, trat ins Gebüsch. „Ich muss auch mal“, murmelte ich, halb Scherz, halb Wahrheit. Nach all der Aufregung spürte ich tatsächlich den Druck in mir, der längst ignoriert worden war.
Als ich zurückkam, blieb mir fast das Herz stehen. Nicht nur das Mädchen war wieder vor dem Hovercraft, immer noch schmutzig, der Geruch unverändert – es war, als wäre keine Veränderung eingetreten –, sondern auch eine kleine Gruppe von Argonen. Das Mädchen rannte auf eine Frau zu, und beide fielen sich in die Arme. Ich hielt inne. Mut­ter? Vielleicht ältere Schwester? Ich konnte bei Argonen selten Alter richtig einschätzen. Sie lebten länger, alterten langsamer – manches schien alterslos, manches völlig anders als erwartet.
Ich trat neben Gal. Sie reichte mir wortlos ein nasses Tuch. Ich wischte mir die Hände ab, erstaunt, dass sie offenbar auf alles vorbereitet war. Aber was sonst hätte ich von einer Frau aus dem Geheimdienst erwartet?
Ein Mann löste sich aus der Gruppe, trat zu uns, die Stimme warm, aber ernst: „Danke für die Rettung meiner Tochter.“ Gal winkte ab, fast beiläufig, erklärte ruhig, dass die Schockdrohnen die Kuh abgelenkt hatten und das Mädchen ohnehin schon am Zaun gewesen sei. Wir seien nur zufällig eingetroffen, weil sie dem Ruf der Natur gefolgt sei.
Dann kam eine ältere Frau, dem Mann ähnlich. Ich vermutete, sie sei die Mutter. Sie kniff die Augen zusammen, ihr Blick misstrauisch. „Sie sagen nicht die ganze Wahrheit“, sagte sie, scharf und eindringlich. Die Drohnen hatten Kameras, sie konnte sehen, dass Gal sich bewegte wie eine militärische Einheit – da half auch kein Pärchen-Vorwand. Gal nickte, ihre Körpersprache änderte sich sofort: weg von der Geschäftsfrau, zurück zur professionellen Agentin. „Wir führen Ermittlungen“, gab sie zu. „Der Stopp hier war dennoch nur Zufall.“
Die Mutter trat näher, Tränen in den Augen, und bedankte sich unter schluchzendem Atem. Mir war es unangenehm, auch nur ein Wort zu sagen. Ich schwieg, die Hände in den Taschen, die Schultern etwas nach vorn gezogen. Die Gruppe der Einheimischen blickte dann zum grauen Fleck am Horizont – der weit entfernte Betrieb – und ein leises Murmeln ging durch sie.
Dann lud man uns zu ihrer Farm ein, ebenso wollten sie das Hovercraft reinigen. Das Mädchen hatte bereits ihrer Mutter erzählt, dass wir ihr erlaubt hatten, sich hinten im Fahrzeug notdürftig zu säubern. Ich verstand die Einladung, aber noch interessanter war, dass sie in verschwörerischen Stimmen sagten, dass sie einiges über den Betrieb zu erzählen hätten. Ich konnte nicht einschätzen, wie viel Wahrheit darin steckte, aber Gal nickte kaum merklich. Jede Gelegenheit, Informationen zu sammeln, war für sie ein Werkzeug – und ich begriff, dass ich mich einfach fügen musste. Ich trat näher ans Hovercraft, wischte den Schmutz von den Flächen und spürte, wie die Luft schwer vor Spannung war, voller unausgesprochener Geschichten, die irgendwo zwischen uns, den Argonen und dem grauen Betrieb in der Ferne lagen.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 11 - Aktion

Ich blieb einen Moment stehen und starrte den alten Argonen auf der Veranda an. Er saß in einem Schaukelstuhl, die Augen geschlossen, den Rauch einer Pfeife langsam in die kühle Luft aufsteigen lassend. Irgendetwas an seinem Gesicht ließ mich innehalten. Es war nicht menschlich – zumindest nicht ganz. Ein schmaler, geriffelter Stirnkamm zog sich von der Nasenwurzel zwischen seinen Augen über die Stirn bis weit auf den Rücken. Ich spürte, wie mein Puls kurz schneller schlug, weil mir sofort das Bild der Argonen aus „Beyond the Frontier“ durch den Kopf schoss. Das erste Design – unverkennbar. In den Nachfolgespielen hatten die Entwickler das Erscheinungsbild ja deutlich abgemildert, damit die Spieler sich damit identifizieren konnten. Doch hier stand es vor mir, real und greifbar, und ich fragte mich, wie die Erklärung in dieser Realität wohl aussah.
Ich wandte mich zu Gal, wollte ihr die Frage stellen, aber während wir über den Hof gingen, antwortete stattdessen der Bauer, ein Mann, der mehr menschlich als argonisch wirkte, und dessen Stimme ruhig und unaufgeregt war.
„Durch die Folgen der Xenonkriege kam es zu Terraformerstrahlung. So nennen wir es jedenfalls. Die veränderte Atmosphäre hat Mutationen ausgelöst, die sich in weniger Körperbehaarung, schmalerer, dafür größerer Statur sowie einer leicht anderen Pigmentierung äußern.“
Ich spürte, wie sich ein Knoten in meinem Kopf löste. Ich betrachtete den alten Mann erneut. Tatsächlich: größer, schmächtiger als alle anderen Argonen um ihn herum, die Glatze glänzte matt in der Sonne, die graue Haut wirkte stellenweise schuppig, fast wie ein Ekzem. Eine Generation nach der anderen zeigte andere Merkmale, aber so drastisch? Faszinierend und irritierend zugleich.
„Die ersten Generationen nach solchen Konflikten haben immer ein etwas anderes Aussehen, aber es bleibt über die Generationen nicht stabil“, fuhr der Farmer fort. „Zudem entscheiden sich die meisten für kosmetische Behandlung. Hier auf dem Land sieht man noch Argonen mit Wülsten, wenngleich nicht mehr so oft wie früher.“
Gal warf einen Blick über die Schulter, ihre Stimme sachlich, leicht distanziert: „In den Städten eigentlich gar nicht mehr. Oder nur extrem selten. Soweit ich weiß, treten diese Mutationen zwar nach Generationen gelegentlich wieder auf, aber in abgeschwächter Form, was wohl bedeutet, dass sie evolutionär unbedeutend ist.“
Ich nickte, ein Gefühl von Ehrfurcht und Staunen mischte sich mit meinem Hunger nach Wissen. „Danke“, murmelte ich, meine Augen noch immer auf den alten Argonen gerichtet. Seine Haltung, die Ruhe, die langsam aufsteigenden Rauchkringel – alles wirkte wie ein lebendiges Relikt einer vergangenen Zeit.
Wir traten über die Veranda ins Bauernhaus, und sofort wurden uns freundliche Stühle angeboten. Gläser mit kühlem Wasser und leichte Getränke standen bereit. Die Wärme des Hauses, der Duft von Holz und Heu mischte sich mit dem leichten metallischen Nachklang der Farmgeräte draußen. Ich ließ mich auf den Stuhl sinken, spürte, wie die Anspannung der Außenwelt langsam von mir abfiel, während Gal sich neben mich setzte, die Haltung noch immer auf Sicherheit und Kontrolle fokussiert. Ich atmete tief ein, die Augen noch einmal kurz auf den alten Argonen gerichtet, und dachte bei mir, dass Wissen manchmal genau hier, zwischen den Generationen, in den Details, auf eine Art aufgedeckt wird, die man in Berichten nie erfahren würde.

Ich lag fast halb auf dem Stuhl, die Augen halb geschlossen, als mir ein Seufzer entwich: „Schade, dass die Argonen all das Wissen über die Erde ausgelöscht haben.“ Die Worte hatten sich wie automatisch aus mir gelöst, eine Mischung aus Müdigkeit und Frust. Die Reise hatte mehr Tribut gefordert, als mir bewusst war. Die stundenlangen Flüge, die Beobachtungen der Felder, die Begegnung mit den Argnus – alles zusammen wirkte nun wie ein schwerer Schleier auf meinen Schultern. Ich spürte, wie meine Lider schwer wurden, der Atem sich verlangsamte, mein Geist langsam in diesen dünnen Schleier zwischen Wachsein und Eindösen glitt.
Doch dann brach plötzlich ein helles, unverkennbares Lachen die Stille. Ich riss die Augen auf und sah die Frau, die uns zuvor beschuldigt hatte, nicht die ganze Wahrheit gesagt zu haben. Sie stand da, ihre Lippen zu einem breiten, leicht spöttischen Lächeln verzogen, die Augen funkelten. Ich spürte, wie mein Herz einen Schlag aussetzte – nicht aus Angst, sondern aus dem Moment der plötzlichen Aufmerksamkeit.
„Glaubst du wirklich, dass eine Regierung das Wissen einer ganzen Zivilisation verbieten oder gar vernichten kann? Glaubst du, die Goner hätte es gegeben, wenn man so einfach Informationen löschen könnte?“ Ihre Stimme war fest, die Worte gespickt mit dieser Mischung aus Belustigung und ernstem Unterton, die sofort meine Gedanken aufriss.
Ich setzte mich auf, die Müdigkeit flog wie Rauch aus mir heraus, während ich versuchte, das Gewicht ihrer Worte zu erfassen. Da war etwas dran. Immer hatte ich es seltsam gefunden, dass eine ganze Kolonie kollektiv beschlossen haben sollte, ihre eigene Vergangenheit auszulöschen. Es wirkte auf mich absurd – zu groß, zu komplex, zu unmöglich, um wirklich realistisch zu sein.
Ich dachte an die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen und der einheimischen Flora und Fauna. Selbst bei konsequentem Terraforming über Jahrzehnte und Jahrhunderte wäre es wissenschaftlich unmöglich, genau nachzuweisen, dass die Argonen auf Son’ra 4 entstanden waren. Man konnte Pflanzen, Tiere und ganze Ökosysteme anpassen, man konnte fremde Arten ansiedeln, sie kreuzen oder ersetzen. Aber das war ein Prozess, der sich über Generationen erstreckte. Eine komplette Auslöschung von Wissen? Nein, das klang nicht nach etwas, das realistisch durchführbar war – zumindest nicht vollständig.
Ich ließ die Worte in mir nachhallen, spürte die Anspannung und die Müdigkeit gleichzeitig. Die Frau lachte wieder, ein kurzes, warmes Lachen, das mir unwillkürlich ein Schmunzeln entlockte. Trotz der Schwere des Tages, trotz der Verwirrung, die das Mädchen und die Argnus hinterlassen hatten, spürte ich, dass ein kleiner Funken Neugier zurückkehrte. Die Welt war größer, komplexer, voller ungeschriebener Geschichten. Und vielleicht – nur vielleicht – war es genau das, was mich immer wieder aufstehen ließ, immer wieder neugierig machte, tiefer zu graben, weiter zu suchen.

Ich lehnte mich leicht zurück, die Hände auf den Knien abgestützt, und ließ meine Augen über die Familie schweifen. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als das Mädchen, so jung und doch von dem ganzen Chaos sichtlich gezeichnet, sich vorstellte: „Ich bin Julia. Das da ist meine Okāsan, und das mein Otōsan, und das meine Obāchan, und draußen sitzt Ojīchan.“
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Gal, sonst so kontrolliert und kühl, zeigte einen winzigen Zuck meiner Mundwinkel. Es war kaum sichtbar, aber ich sah es – ein Moment echter Menschlichkeit zwischen uns, der die Anspannung des Tages kurz löste.
Julia stand da, leicht verbeugt, die langen blond-grünen Zöpfe schwangen bei jeder Bewegung mit. Ich merkte, wie meine Hände sich ein wenig verkrampften, als ich beobachtete, wie die Erwachsenen sie sanft tätschelten, beruhigten, ihre Anwesenheit wie eine schützende Wand bildeten.
Die Mutter trat vor, ihre langen smaragdgrünen Haare fielen locker über die Schultern. „Ich heiße Melanie“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, freundlich, doch geerdet. Die Großmutter folgte, ihre blonden Haare kurz geschnitten, die Augen von einem stillen Lächeln umrahmt. „Diana“, stellte sie sich vor, und sofort stellte sie auch ihren Ehemann vor, der draußen auf der Veranda saß, scheinbar abwesend, doch Teil des Ganzen: „Florian.“
Dann kam noch der blonde Mann an Melanies Seite, geradezu höflich und zurückhaltend: „Ich bin Sebas.“
Ich sog die Szene in mich auf. Die Familie, die auf den ersten Blick einfach wirkte, hatte in den letzten Minuten eine Komplexität gezeigt, die mich faszinierte. Ich merkte, dass ich mich fast ein wenig entspannte – die Anspannung des Fliegens, des Hovercrafts, der Drohnen und der Kuh, die Gefahr und die Aufregung, alles fiel in den Hintergrund, zumindest für einen Moment.
Und dann, als eine kleine Stille eintrat, spürte ich ein warmes Gefühl von Verbindung, auch wenn ich nur ein Gast war. Ich nickte leicht, räusperte mich und brachte die Worte heraus: „Ich bin Tori. Freut mich, euch kennenzulernen.“ Meine Stimme war ungewohnt leise, beinahe vorsichtig, als wollte ich den Raum respektieren, die Menschen, die vor mir standen.
Julia sah mich an, die Augen groß und neugierig, und ich erkannte einen Funken von Vertrauen, der zwischen uns aufblitzte. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste, dass jede Bewegung, jedes Wort Gewicht hatte – aber gleichzeitig spürte ich, dass sich hier die Möglichkeit bot, mehr zu lernen, mehr zu verstehen. Über die Familie, über die Region, über diese X-Realität, die mich seit Stunden so sehr fesselte.

Ich saß etwas steif auf meinem Stuhl, die Hände auf den Knien, und versuchte, mich auf den Teller vor mir zu konzentrieren. Das Arg­nu-Steak sah saftig aus, der Duft war kräftig, leicht erdig, und sofort spürte ich, wie meine Sinne angespannt reagierten. Ich konnte unmöglich einfach nur essen, ohne zu beobachten. Die Van Count saßen um mich herum, jeder mit einer Präsenz, die irgendwie gleichzeitig bodenständig und autoritär wirkte. Julia wirkte klein und konzentriert in ihrer blauen Latzhose, das fliederfarbene Longshirt passte ihr überraschend gut. Ihre Augen blitzten neugierig, manchmal scheu, immer aufmerksam.
Florian schlich langsam herein, unterstützt von seinem Stock, und meine Augen fielen sofort auf die hellrosa Farbe seiner Augen. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, der Gedanke an einen Albino war kurz da, doch ich wischte ihn sofort weg. Ich wusste zu wenig über argonische Normen, und Gal war an meiner Seite, die mich still beobachtete. Als ich ihn ansah, wirkte er trotz seiner fragilen Gestalt beeindruckend. Ein Kontrast aus Alter und Präsenz.
Gal beugte sich leicht zu mir hinüber, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern: „Verträgst du das?“ Ich erwiderte leise, dass Grag und Rosa eine Pille entwickelt hätten, die unverträgliche Proteine teilweise aufbrach. Sie nickte, ein flüchtiges Zucken der Lippen, dann ein kaum hörbares Lachen.
Florian brummte zustimmend, seine Stimme tief, warm und beruhigend. „Das natürliche Fleisch ist anders“, erklärte er langsam, fast bedächtig. „Ganz anders als bei den Massengezüchteten. Auch die Zubereitung spielt eine Rolle.“
Ich sah, wie Diana ihn verwundert ansah. „Seit wann bist du so freundlich zu Fremden?“ fragte sie, ihre Stimme gespannt, fast neckisch. Florian lächelte nur leicht, seine Augen funkelten, während er antwortete: „Tori hat eine besondere Ausstrahlung. Ich finde ihn sympathisch.“
Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich spürte, wie meine Wangen warm wurden, mein Herz schneller schlug. Ich räusperte mich und starrte kurz auf mein Besteck, unfähig, sofort zu antworten. Ein Gefühl von Scham mischte sich mit Überraschung. Ich war nicht daran gewöhnt, im Mittelpunkt von so viel Aufmerksamkeit zu stehen, schon gar nicht in einem Haus, das mir fremd war und dessen Bewohner zugleich neugierig und zurückhaltend wirkten.
Julia sah mich kurz an, dann wieder zu ihrem Teller. Florian lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Haltung entspannt, und doch wirkte seine Präsenz einschüchternd – nicht durch Härte, sondern durch die Ruhe, die von ihm ausging. Ich spürte, dass dieser Moment, so unangenehm er mir auch war, mich irgendwie prägte. Dass Sympathie manchmal nicht ausgesprochen, sondern schlicht gespürt wurde.
Ich hob vorsichtig die Gabel, nahm ein Stück vom Steak und biss hinein. Der Geschmack war kräftig, ungewohnt, aber gut. Gal warf mir einen Blick zu, Augenbraue leicht hochgezogen, als wollte sie sagen: „Siehst du, kein Problem.“ Ich nickte fast unmerklich, ein kleines, innerliches Lächeln huschte über mein Gesicht. Und für einen Moment vergaß ich, wie fremd alles hier war, wie sehr ich noch lernen musste, wie sehr diese Welt mich herausforderte.

Das „kein Problem“, das ich am Tisch noch mit einem bemühten Lächeln von mir gegeben hatte, landete wenig später dennoch in der Toilette. Ich stützte mich mit beiden Händen am Rand des Waschbeckens ab, atmete kontrolliert durch die Nase ein und langsam wieder aus. Es war nicht mehr so schlimm wie früher – kein brennender Schmerz, kein vollständiger Zusammenbruch meines Systems. Die Pillen von Rosa und Greg wirkten. Sie brachen tatsächlich einen Teil der Proteine auf, nahmen meinem Körper die schärfste Abwehrreaktion. Aber ich hatte es übertrieben. Das Argnu-Steak war saftig gewesen, würzig, mit einer feinen Rauchnote, und das delexianische Brot hatte eine fast süßliche Kruste gehabt. Ich hatte nicht rechtzeitig aufgehört. Erst die Portion, dann der Nachschlag. Mein Ehrgeiz, nicht schwach zu wirken, hatte wieder einmal über Vernunft gesiegt.
Als ich nach draußen trat, schlug mir die kühle Abendluft entgegen. Sie war trocken, roch nach Erde und Metall, nach Maschinenöl und reifem Getreide. Ich schloss für einen Moment die Augen, ließ die Frische über mein Gesicht streichen und zwang meinen Kreislauf zur Ruhe.
Julia hielt sich in unmittelbarer Nähe von Gal auf. Wie ein kleiner Satellit umkreiste sie sie, blickte zu ihr auf, ahmte ihre Haltung nach, ihre Art zu stehen. Bewunderung lag in ihrem Blick – und etwas, das fast wie Ehrfurcht wirkte. Gal hingegen wirkte angespannt. Ihre Schultern waren minimal angehoben, der Blick kontrolliert neutral. Sie war es nicht gewohnt, idealisiert zu werden. Julias Mutter bemerkte es schließlich, trat aus der Tür und rief das Mädchen mit einem leisen, aber bestimmten Ton hinein. Julia warf Gal noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zu, dann verschwand sie im Haus.
Gal und ich standen uns gegenüber, ohne uns wirklich anzusehen. Es war, als hätten wir beide beschlossen, den Blickkontakt zu vermeiden. Stattdessen musterten wir die Umgebung. Drohnen hingen in ihren Ladestationen, leise summend. Autonome Erntemaschinen standen mit geöffneten Verkleidungen da, als lägen sie aufgeschnitten unter einem chirurgischen Licht. Das gemietete Hovercraft war gereinigt worden; selbst aus der Entfernung konnte ich die polierten Flächen erkennen. Ordnung. Struktur. Arbeit. Und doch lag über allem ein Gefühl von schleichendem Verfall.
Ein leises Knarzen ließ mich den Kopf wenden. Florian setzte sich in seinen alten Schaukelstuhl. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht, während er mit bedächtigen Bewegungen seine Pfeife stopfte. Ein Feuerzeug klickte. Der erste Zug ließ die Spitze orange aufglimmen. Er hatte die Augen halb geschlossen, als würde er in eine Erinnerung hineinsehen.
„Die Fabrik wurde vor Jahrzehnten gebaut“, begann er, ohne jemanden direkt anzusehen. Seine Stimme war tief, warm, getragen von einem ruhigen Bass. „Sie gehörte damals einem guten Freund.“
Ich spürte, wie sich meine Aufmerksamkeit vollständig auf ihn richtete.
„Er hat seine Ranch von seinen Eltern übernommen. So wie ich diese Farm. Generationenübergreifend.“ Der Stuhl schaukelte im Takt seiner Worte. „Von Jahr zu Jahr machte er mehr Gewinn. Und irgendwann wurde aus dem Rancher ein Unternehmer. Doch sein Herz gehörte immer den Argnus. Und der Umwelt. Er hat von uns und den umliegenden Farmern immer Weizen gekauft.“
Seine Stimme veränderte sich. Sie verlor an Festigkeit.
„Doch eines Tages verschätzte er sich. Ein Bulle spießte ihn mit seinen drei Hörnern auf.“ Er machte eine kurze Pause, zog an seiner Pfeife, obwohl sie kaum noch brannte. „Er starb noch, bevor die Rettungskräfte eintrafen.“
Ich schluckte. Das Bild war zu klar. Drei Hörner. Durchdringendes Fleisch. Ein Ende innerhalb von Sekunden.
„Er hinterließ seine Frau. Einen vierzehnjährigen Sohn. Und eine zwölfjährige Tochter.“ Der Schaukelstuhl verlangsamte sich. „Seine Ehefrau übernahm den Betrieb. Doch sie starb wenige Jahre später am Terraformersyndrom. Die Tochter erbte alles. Hatte aber kein Händchen dafür. Wie auch? Sie wurde nie miteingebunden.“
Ohne darüber nachzudenken, hörte ich mich selbst sprechen. Ich beschrieb die Frau, mit der Gal und ich am Vormittag gesprochen hatten – ihre Haltung, ihre angespannte Mimik, die Art, wie sie Zahlen vor sich her schob, als wären sie lästige Insekten. Florian nickte langsam.
„Ja“, sagte er leise. „Das ist sie. Die Tochter.“
Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus.
„Sie versucht seit Jahren ihr Bestes“, fuhr Florian fort. „Doch sie hat weder den Geschäftssinn noch das handwerkliche Wissen. Und sie lässt sich nicht helfen. Falscher Stolz.“
Gal schaltete sich ein. Ihre Stimme war sachlich, präzise. „Also sind die unklaren Zahlen und der Zustand des Betriebs auf Missmanagement zurückzuführen.“
Florian verzog das Gesicht leicht, als schmecke ihm das Wort nicht. „Ich würde es Unwissenheit nennen.“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sie hatte nie eine Rancherausbildung. Ihre Eltern wollten alles dem Sohn übergeben. Doch der machte sich mit seiner Volljährigkeit mit dem gesamten Familienvermögen aus dem Staub. Bis heute unauffindbar.“ Er atmete hörbar aus. „Die arme Schwester hatte weder Geld noch Zeit, sich das nötige Wissen anzueignen.“
Stille.
Ich spürte, wie mein Blick auf den Boden sank. Kies knirschte unter meinem Schuh, als ich mein Gewicht verlagerte. In meinem Kopf ordneten sich die Puzzleteile neu. Schulden. Verfall. Unklare Bilanzen. Kein strukturelles Fundament. Kein Wissenstransfer. Keine Unterstützung.
Gal sagte nichts mehr. Auch ich nicht. Es gab keinen klugen Satz, der die Tragik dieser Entwicklung relativiert hätte. Keine schnelle Lösung, die ich anbieten konnte, ohne arrogant zu wirken.
Der Rauch aus Florians Pfeife zog in dünnen Schlieren in den dunkler werdenden Himmel. Irgendwo summte eine Drohne leise auf, als würde sie den Übergang in die Nacht bestätigen.
Ich hatte geglaubt, wir hätten es mit einem rein wirtschaftlichen Problem zu tun.
Stattdessen standen wir vor einer Familientragödie.

Die Nacht lastete schwer auf mir, die Hitze klebte an der Haut wie ein feuchter Schleier. Ich spürte, wie jeder Atemzug brannte, während der Unterschied zwischen Nathaniel im Süden, wo gerade Winter herrschte, und Uros im Nordosten, wo Hochsommer wütete, mir besonders drastisch bewusst wurde. Die Hitze drückte, die Luft vibrierte fast unter der Stille der Nacht. Uros war kein Dorf, keine Stadt – es war ein weites Land aus verstreuten Ranches und Farmen, die wie Inseln in der Dunkelheit lagen.
Wir standen vor dem stillen Betrieb. Florian hielt die alte Zugangskarte seines verstorbenen Freundes in der Hand, und ich sah, wie er zögerlich den Scanner berührte. Meine Hände waren leicht feucht, und ein merkwürdiges Ziehen in meinem Magen verriet, dass ich mir nicht sicher war, ob das alles legal war. Gal wirkte hingegen völlig entspannt, ihre Augen huschten über das Gelände, als könnte sie jeden Winkel schon vorher sehen. Dann klickte der Scanner, ein sanftes Leuchten bestätigte den Zugang. Ohne Alarm, ohne Probleme überquerten wir die Eingangsfläche. Ich fühlte ein Ziehen im Unterleib – eine Mischung aus Anspannung und Unglauben.
Drinnen war die Luft überraschend sauber. Kein Gestank von Kot oder Urin, keine Spur von Verwesung. Mein Herz schlug schneller, meine Hände kribbelten, als wir weiter in den Zuchtbereich gingen. Ich erwartete fast, dass ich mich übergeben müsste, doch die sterile Sauberkeit verwirrte mich. Nur ein Dutzend Argnus standen da, keine Bullen, keine Kälber – das war weit entfernt von dem, was ich mir vorgestellt hatte. Meine Stirn legte sich in Falten, mein Blick wanderte suchend zwischen Florian und den wenigen Tieren hin und her. Was zum Teufel ging hier vor?
Florian kniete sich an eine Kontrollkonsole, seine Finger bewegten sich geübt. Plötzlich flammten Lichter auf, erst vereinzelte, dann immer mehr, bis sie sich zu komplexen Hologrammen verdichteten. Argnus, visualisiert in allen Datenströmen, woben sich wie geisterhafte Schatten durch den Raum. Mein Herz sackte in die Hose. Das hier war schlimmer als die Gerüchte. Viel schlimmer.
Ein plötzliches Scheppern hinter mir ließ mich zusammenzucken. Mein Puls raste. Ich drehte mich herum und sah sie – die Besitzerin. Sie stand an der Konsole, die Hologramme deaktivierend, die Augen groß vor Überraschung und Angst. Sie hatte Florian umgestoßen. Ich spürte die Kälte, die mir den Rücken hinunterlief. Sie fragte, was wir hier machten, wie wir reingekommen seien.
Florian richtete sich langsam zu voller Größe auf, zog die alte ID-Karte aus der Tasche und hielt sie hoch, sichtbar für die Frau. Seine Hand zitterte leicht vor Wut und Entschlossenheit. Dann ließ er seinen Gehstock auf den metallenen Boden niedersausen – der laute Hall durchdrang die Stille der Halle. „Was habt ihr nur gemacht? Wie konnte es so weit kommen?“ Seine Stimme war fest, streng, beinahe zerbrochen vor Emotionen.
Die Frau brach zusammen. Ihre Knie gaben nach, sie sackte zu Boden. Tränen liefen über ihr Gesicht, ihr Körper zitterte, während sie schluchzend aufrief: „Helft mir!“
Ich stand wie erstarrt da, die Luft um mich herum schwer und heiß, meine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Realität traf mich wie ein Schlag – diese Frau war am Boden, überwältigt von den Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen, und ich war mitten drin. Mein Herz hämmerte, die Hitze brannte noch stärker, und ein merkwürdiges Gefühl von Fassungslosigkeit und Dringlichkeit schnürte mir die Kehle zu.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 12 - ReAktion

Wir saßen im Büro, nachdem wir Shishido Mari – so hatte sie sich mit brüchiger Stimme vorgestellt – einigermaßen beruhigt hatten.
Der Raum war funktional, beinahe nüchtern. Eine Couch, die sich mit wenigen Handgriffen zu einem Bett ausklappen ließ. Ein Schreibtisch, dessen Platte sich verschieben und zu einem Esstisch erweitern ließ. Mehrere schlichte Stühle aus Metall und Kunststoff. An den Wänden hingen Monitore, auf denen verschiedene Bereiche des Betriebs zu sehen waren – Stallgänge, Lagerflächen, die Einfahrt, leere Korridore. Alles wirkte still, kontrolliert, beinahe tot.
Das große Panoramafenster dominierte die gegenüberliegende Wand. Draußen war es inzwischen tiefschwarz, doch der Himmel war klar. Sterne lagen wie kalte Splitter im Dunkel, und Lunas stand hell und beinahe unnatürlich ruhig über den Feldern. Für einen Moment verlor ich mich in diesem Anblick. So viel Weite. So viel Gleichgültigkeit.
Ein großer Kühlschrank stand in einer Ecke. Als ich ihn öffnete, sah ich, dass er fast leer war. Ein paar Getränke, etwas Grundnahrungsmittel, kaum Frisches. Trotzdem nahm ich eine Flasche Wasser heraus, füllte ein Glas und reichte es Mari.
„Hier“, sagte ich leise. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren.
Das Eis brach schneller, als ich erwartet hatte. Vielleicht, weil es ohnehin schon in tausend Splittern um sie herumlag. „Nennt mich Mari“, hatte sie gesagt. „Bitte.“
Sie hatte sich beruhigt, zumindest äußerlich. Aber fit war sie nicht. Weder körperlich noch geistig. Jetzt, in privater Kleidung, ohne das professionelle Auftreten vom Vormittag, wirkte sie wie ein Schatten ihrer selbst. Ihre Wangen eingefallen, die Schlüsselbeine deutlich sichtbar, die Finger dünn und zittrig. Ihre Kleidung hing an ihr wie an einem Gerüst.
Ich erinnerte mich an die Frau von heute Morgen – aufrecht, gepflegt, kontrolliert. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Gal verschränkte die Arme vor der Brust, musterte Mari lange und sagte dann ruhig: „Sie haben ein Hologerät benutzt, um anders auszusehen.“
Keine Anklage. Nur Feststellung.
Mari senkte den Kopf. „Ja“, flüsterte sie. „Ich konnte nicht… ich wollte nicht, dass man es sieht.“
Florian setzte sich neben sie. Langsam, vorsichtig, als wolle er nichts zerbrechen. Er legte einen Arm um ihre Schultern. In dem Moment begann ihr ganzer Körper zu beben. Nicht nur ihre Hände – alles. Es war, als hätte seine Berührung die letzte Stütze entfernt, die sie aufrecht hielt. Sie krümmte sich leicht nach vorne, schluchzte, die Stirn gegen seine Brust gedrückt.
Und dann begann sie zu reden.
Niemand musste sie dazu auffordern.
Sie erzählte, wie sie nach und nach die Argnu-Kühe verkauft hatte. Zuerst einzelne Tiere. Dann mehrere. Immer mit dem Gedanken, es sei nur vorübergehend. Sie brauche Liquidität, um den Betrieb zu stabilisieren. Um Delexianischen Weizen als Futter einzukaufen. Um Reparaturen zu bezahlen. Um alte Rechnungen zu begleichen.
„Ich dachte, wenn ich die Produktion kurzfristig reduziere, kann ich die Qualität halten“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Weniger Tiere, weniger Kosten.“
Doch die Fixkosten blieben. Energie. Wartung der Anlagen. Personal, das sie irgendwann entlassen musste. Kredite, die weiterliefen.
Sie hatte früh Schulden aufgenommen, weil ihr Startkapital nach dem Tod ihrer Mutter kaum ausgereicht hatte, um überhaupt weiterzumachen. Banken hatten ihr nur unter harten Bedingungen Geld geliehen. Private Investoren hatten sich zurückgezogen, sobald sie merkten, dass sie keine Erfahrung hatte.
„Ich wollte nicht scheitern“, sagte sie immer wieder. „Nicht nach allem, was meine Eltern aufgebaut haben.“
Doch jedes verkaufte Tier reduzierte die Produktionskapazität. Weniger Produktion bedeutete weniger Einnahmen. Weniger Einnahmen bedeuteten neue Kredite. Neue Kredite bedeuteten höhere Zinsen.
Eine Abwärtsspirale.
Um den Schein zu wahren, installierte sie Hologramme in den Stallbereichen. Virtuelle Bestände, die Investoren und Kontrolleuren Stabilität suggerierten. Sie manipulierte Projektionsdaten, verschob Liefertermine, deklarierte geplante Zukäufe als vorhandene Reserven.
„Ich dachte, ich gewinne Zeit“, flüsterte sie. „Nur ein Jahr. Vielleicht zwei. Bis ich es gelernt habe.“
Aber sie lernte nicht schnell genug. Und sie war allein.
Ihr Bruder war verschwunden. Das Vermögen weg. Die Mutter tot. Der Vater ebenfalls.
„Ich wusste nicht, wen ich fragen sollte“, sagte sie und sah kurz zu Florian auf, als hätte sie gerade erst begriffen, dass Hilfe vielleicht doch möglich gewesen wäre.
Ich saß da, die Hände ineinander verschränkt, und spürte eine Mischung aus Mitgefühl und Beklemmung. Das hier war kein vorsätzlicher Betrug aus Gier. Es war Angst. Stolz. Überforderung. Und der verzweifelte Versuch, ein Erbe zu retten, für das sie nie ausgebildet worden war.
Gal blieb ruhig. Beobachtend. Analytisch. Aber ich kannte sie gut genug, um zu sehen, dass auch sie registrierte, wie weit die Situation bereits fortgeschritten war.
Mari hob den Kopf, die Augen gerötet. „Ich wollte niemandem schaden“, sagte sie. „Ich wollte nur Zeit.“
Ich sah zu den Monitoren an der Wand. Leere Stallgänge. Gedämpftes Licht.
Zeit war genau das, was sie nicht mehr hatte.

Ich saß da, die Finger ineinander verschränkt, und merkte, wie mein Blick immer wieder zwischen Mari und Gal hin- und herwanderte. Mari wirkte zerbrechlich, beinahe durchsichtig in dem kalten Licht der Monitore. Ihre Schultern hingen, als hätte man ihr sämtliche Stützbalken entfernt. Florian saß dicht neben ihr, sein Arm noch immer um sie gelegt, sein Daumen zeichnete beruhigende Kreise auf ihrem Oberarm.
Ich schluckte. Mein Mund war trocken, obwohl ich selbst gerade erst getrunken hatte.
„Gal“, sagte ich schließlich und drehte mich zu ihr. Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Wird sie… Ärger bekommen?“
Gal sah mich an. Nicht sofort antwortend. Nur dieser prüfende Blick, der immer erst alle Variablen abwog.
Ich rutschte auf meinem Stuhl nach vorne, stützte die Unterarme auf die Knie. „Ich meine… rechtlich. Wegen der Hologramme. Wegen der manipulierten Bestände. Gibt es irgendetwas, das sie entlasten könnte? Irgendetwas, das man geltend machen kann?“
Mari hob langsam den Kopf. Ihre Augen suchten mein Gesicht, als hinge an meiner Frage bereits ein Urteil.
Gal atmete ruhig aus. „Das kommt darauf an“, sagte sie sachlich. „Hat sie aktiv Investoren getäuscht? Falsche Zahlen eingereicht? Fördermittel unter falschen Voraussetzungen bezogen?“
Mari presste die Lippen zusammen. „Ich habe Prognosen geschönt“, sagte sie brüchig. „Aber ich habe keine staatlichen Subventionen erschlichen. Nur… Zeit gewonnen.“
Gal nickte kaum merklich. „Zeit auf Basis falscher Darstellungen ist juristisch problematisch.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. „Aber es gab keine Umweltverstöße? Keine illegale Entsorgung?“
Mari schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ich habe die Produktion reduziert, gerade damit ich keine Abfälle falsch behandeln muss. Deshalb die Verkäufe. Deshalb der Rückbau.“
Das ließ mich kurz aufatmen. Wenigstens das.
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Also ist es… wirtschaftliches Missmanagement? Und Täuschung durch Unterlassen?“ Ich hasste, wie technisch meine Worte klangen. Als würde ich über einen Bericht sprechen, nicht über eine Frau, die vor mir zusammenbrach.
Gal verschränkte die Arme. „Wenn sie kooperiert, vollständige Transparenz herstellt und selbst Anzeige erstattet, kann das strafmildernd wirken. Vor allem, wenn kein materieller Großschaden entstanden ist.“
„Großschaden“, wiederholte ich leise und sah zu den leeren Stallaufnahmen auf den Monitoren. „Der Schaden ist doch längst da.“
Florian sah mich an. In seinen hellrosa Augen lag etwas zwischen Stolz und Traurigkeit.
Ich wandte mich wieder an Gal. „Gibt es irgendeine Möglichkeit, den Betrieb zu restrukturieren? Einen Übergangsverwalter? Einen Sanierungsplan?“ Meine Stimme gewann an Dringlichkeit. „Sie hat nicht aus Gier gehandelt. Sie war überfordert.“
Gal hob eine Augenbraue leicht. „Überforderung schützt nicht vor Konsequenzen.“
Ich spürte, wie mich das traf, obwohl ich wusste, dass sie recht hatte.
„Aber“, fügte sie hinzu, „es macht einen Unterschied bei der Bewertung.“
Mari begann wieder zu zittern. „Ich wollte nicht lügen“, flüsterte sie. „Ich wollte nur nicht alles verlieren.“
Ich beugte mich etwas zu ihr vor. „Vielleicht ist noch nicht alles verloren“, sagte ich, vorsichtiger diesmal. „Wenn du offenlegst, wie es wirklich aussieht. Wenn du dir helfen lässt. Von Florian. Von den umliegenden Farmern.“
Florian nickte langsam. „Du hättest nur fragen müssen“, sagte er leise. Kein Vorwurf. Nur Feststellung.
Mari schloss die Augen, Tränen liefen lautlos über ihre Wangen.
Ich sah wieder zu Gal. „Wenn sie morgen alles offenlegt – Zahlen, Bestände, Schulden –, würdest du… würdest du das als Kooperation werten?“
Gal sah mich lange an. Dann zu Mari. Dann zu den Monitoren.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Aber es wird nicht ohne Folgen bleiben.“
Ich atmete tief durch. Es war keine Rettung. Aber es war auch kein endgültiges Urteil.
Und in diesem Moment klammerte ich mich an diesen schmalen Grat zwischen Konsequenz und Möglichkeit, als wäre er das Einzige, was uns in dieser Nacht noch Halt gab.

Ich sah Mari an. Ihr Blick war leer geworden, nicht weil sie nichts mehr fühlte, sondern weil es zu viel war. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihrer eigenen Hose, als müsse sie sich daran festhalten, um nicht weiter abzurutschen. Dann wanderte mein Blick zu Florian.
Er saß noch immer ruhig neben ihr, der Arm schwer, aber schützend um ihre Schultern gelegt. Sein Gesicht wirkte gealtert im Licht der Monitore, die Schatten betonten die Linien um seine Augen. Und doch lag in seiner Haltung etwas Unerschütterliches. Erdung. Geschichte.
Ich richtete mich etwas auf, rieb mir kurz über das Gesicht, als könnte ich meine Gedanken sortieren. Dann sah ich ihn direkt an.
„Florian“, begann ich und merkte, wie meine Stimme fester wurde. „Könntest du helfen?“
Er hob langsam den Kopf. Seine hellrosa Augen trafen meine.
„Ich meine nicht nur… moralisch.“ Ich gestikulierte leicht mit einer Hand, suchte nach den richtigen Worten. „Gibt es Leute? Andere Rancher? Alte Geschäftspartner deines Freundes? Jemanden mit Erfahrung in Sanierung oder Betriebsführung? Eine Genossenschaft vielleicht? Eine Möglichkeit, den Betrieb gemeinsam aufzufangen?“
Mari sah nun ebenfalls zu ihm auf. In ihrem Blick lag etwas Gefährliches: Hoffnung.
Florian schwieg einen Moment. Man hörte nur das leise Summen der Monitore und irgendwo draußen das ferne Knacken von abkühlendem Metall.
„Die umliegenden Farmer“, sagte er schließlich langsam, „haben noch immer Interesse an einer funktionierenden Abnahme. Wenn der Betrieb stabil läuft, profitieren wir alle.“
Er nahm die Pfeife aus dem Mund, obwohl sie längst erloschen war, und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern.
„Es gäbe die Möglichkeit einer Kooperative“, fuhr er fort. „Eine Übergangsverwaltung durch mehrere Parteien. Transparente Bücher. Geteiltes Risiko.“
Ich spürte, wie mein Puls leicht anzog. „Und würdest du das unterstützen?“
Er sah zu Mari hinunter. „Wenn sie bereit ist, Kontrolle abzugeben.“
Das Wort hing schwer im Raum. Kontrolle.
Mari schluckte. Ihre Lippen bebten. „Wenn ich sie behalte, verliere ich alles“, sagte sie leise. „Wenn ich sie abgebe… verliere ich wenigstens nicht den Betrieb.“
Ich nickte langsam. „Es geht nicht darum, dich zu entmachten“, sagte ich vorsichtig. „Sondern dir Zeit zu verschaffen. Echte Zeit. Mit Struktur. Mit Beratung.“
Gal beobachtete die Szene mit verschränkten Armen. „Eine externe Prüfung der Bücher wäre Voraussetzung“, sagte sie nüchtern. „Vollständige Offenlegung. Und ein klarer Restrukturierungsplan.“
„Das wäre akzeptabel“, antwortete Florian ohne Zögern. „Aber nur, wenn sie nicht öffentlich vorgeführt wird.“
Ich merkte, wie ich unbewusst den Atem anhielt.
„Es gibt noch zwei alte Weggefährten meines Freundes“, fuhr Florian fort. „Einer war für Technik zuständig. Der andere für Finanzen. Beide im Ruhestand. Beide haben dem Jungen nie verziehen, was er getan hat.“ Seine Augen verengten sich leicht. „Vielleicht ist jetzt der Moment, die Sache wieder in die richtigen Hände zu bringen.“
Ich spürte, wie sich in mir ein vorsichtiger Optimismus regte. Kein Triumph. Keine Garantie. Aber ein Ansatz.
„Und die Schulden?“ fragte ich leise.
„Neu verhandeln“, sagte Florian knapp. „Mit realistischen Zahlen. Keine Hologramme mehr.“
Mari atmete zittrig ein. „Ich… ich würde alles offenlegen“, sagte sie. „Wenn ihr mir helft.“
Ich sah sie an. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie nicht nur gebrochen, sondern entschlossen. Fragil – aber ehrlich.
Ich wandte mich erneut an Florian. „Und wenn die Banken nicht mitspielen?“
Er sah mich lange an. „Dann“, sagte er ruhig, „werden wir sehen, was diese Region noch wert ist, wenn sie zusammenhält.“
Ich spürte, wie sich meine Schultern minimal entspannten. Es war kein fertiger Plan. Kein garantierter Ausgang. Aber es war mehr als Verzweiflung.
Und in dieser Nacht, zwischen leeren Monitoren, einem fast leeren Kühlschrank und einer Frau am Rand des Zusammenbruchs, war ein „mehr als Verzweiflung“ vielleicht genau der Anfang, den wir brauchten.

Ich spürte, wie sich der Gedanke langsam in mir formte, erst vage, dann klar und drängend. Eigentlich war ich genau deswegen nach Uros gekommen. Nicht wegen Formalitäten. Nicht wegen Besichtigungen. Sondern wegen einer Lösung.
Ich richtete mich auf, sah Mari an, dann Florian. Ihre Gesichter waren vom gleichen Ausdruck gezeichnet – Erschöpfung, Zweifel, ein Rest Hoffnung, der sich nicht traute, sich zu zeigen. Ich atmete einmal tief durch.
„Ich kann euch etwas anbieten“, sagte ich schließlich ruhig.
Beide blickten auf. Mari wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, Florian zog seinen Arm etwas fester um ihre Schultern, als wollte er sie stabilisieren.
„Ich würde nicht nur einen Teil deines Argnu-Fleisches abnehmen, Mari“, fuhr ich fort und sah sie direkt an. „Sondern auch etwas von deinen delexianischen Weizen, Florian.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Ich konnte förmlich sehen, wie sie versuchten zu verstehen, ob ich es ernst meinte.
„In festen Kontingenten“, präzisierte ich. „Langfristige Abnahmeverträge. Planbar. Transparent. Ohne versteckte Klauseln.“
Florians Stirn legte sich in Falten. „Warum?“ fragte er schlicht.
Natürlich wussten sie nicht, weshalb ich ursprünglich hierhergekommen war. Für sie war ich nur ein externer Beobachter, vielleicht ein neugieriger Idealist. Ich verschränkte die Hände locker vor mir, um meine eigene Anspannung zu dämpfen.
„Ich suche Nahrungsmittel im Originalzustand“, erklärte ich. „Unverfälscht. Nicht synthetisch angepasst. Nicht genetisch standardisiert bis zur Austauschbarkeit.“
Mari hob langsam den Kopf. Ihre Augen wirkten groß in ihrem ausgezehrten Gesicht.
„In erster Linie für Menschen mit Unverträglichkeiten“, sagte ich weiter. „Für Personen, deren Körper auf hochprozessierte Nahrung reagiert. Und in zweiter Linie…“ Ich zögerte kurz. „…um sie so aufzubereiten, dass sie auch von außerirdischen Spezies konsumiert werden können.“
Florian blinzelte. „Aliens.“
Ich nickte. „Der interspezifische Austausch wird zunehmen. Aber Ernährung ist eines der größten Hindernisse. Unterschiedliche Biochemie, unterschiedliche Proteinketten, andere Mikronährstoffbedarfe. Wenn wir Nahrungsmittel von Grund auf verstehen und schonend anpassen, statt sie künstlich zu ersetzen, erhöhen wir die Verträglichkeit erheblich.“
Ich merkte, wie ich sachlicher wurde, strukturierter – fast automatisch. Das war mein Terrain. Planung. Versorgung. Zukunft.
„Ich brauche Proben von eurem Plankton“, fügte ich hinzu und wandte mich wieder an Mari. „Unverarbeitet. Wenn es essbar ist oder sich modifizieren lässt, würde ich auch das abnehmen.“
Mari runzelte die Stirn. „Plankton?“
„Mikroorganismen sind oft leichter anpassbar als komplexe Organismen“, erklärte ich. „Und nährstoffdicht.“
Ich lehnte mich ein Stück vor. „Gibt es hier Algenbestände? Kultivierbare Arten?“
Florian nickte zögerlich. „In den Küstenregionen. Bisher kaum genutzt.“
„Wären die Fischer bereit zu kooperieren?“ fragte ich. „Nicht nur Fischverkauf. Sondern vielleicht eine teilweise Umstellung. Algen- und Planktonfarmen. Diversifizierung statt Abhängigkeit von einem Markt.“
Jetzt war es Florian, der Mari ansah. Zwischen ihnen lief ein stiller Austausch ab. Hoffnung gegen Risiko. Mut gegen Müdigkeit.
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Ich rede nicht von sofortiger Umstrukturierung. Sondern von einem schrittweisen Aufbau. Mit Investitionsbeteiligung meinerseits. Technologische Unterstützung. Abnahmegarantien.“
Mari atmete zittrig aus. „Das… würde bedeuten, wir müssten nicht weiter verkaufen.“
„Nicht alles“, sagte ich ruhig. „Vielleicht sogar wieder aufbauen.“
Ich sah ihre schmalen Schultern, die noch immer leicht bebten. Vor wenigen Stunden war sie bereit gewesen, alles loszulassen. Jetzt stand zumindest eine Alternative im Raum.
„Ich bin nicht hier, um euch zu kontrollieren“, sagte ich leise. „Ich bin hier, um Strukturen zu schaffen, die euch unabhängig machen.“
Es war still im Büro. Draußen funkelten die Sterne über Uros, und Lunas blasses Licht spiegelte sich im Panoramafenster. In diesem Moment fühlte sich meine Reise zum ersten Mal sinnvoll an.

Ich sah zu, wie Florian sich erhob. Jeder seiner Schritte wirkte schwerfällig, als müsste sein ganzer Körper jeden Bewegungsimpuls widerwillig akzeptieren. Ich konnte den leichten Zug in seinen Schultern erkennen, die Muskeln angespannt gegen die Schwerkraft des Alters. Er schritt ein paar Mal bedächtig um das Sofa herum, auf dem Mari noch zusammengesunken saß, ihr Körper leicht zitternd, die Hände ineinander verschränkt. Ich bemerkte, wie sie ihm trotz aller Unterschiede äußerlich völlig vertraut wirkte, wie ein Vater-Tochter-Gespann. Ihre Gesichtszüge hatten asiatische Präzision, während Florian die sanft geschwungenen Linien argonischer Physiognomie trug – die Unterschiede so groß, dass man sie sofort erkannte, und doch verband eine unausgesprochene Nähe die beiden.
Florian ging zum Bürotisch, seine Finger bewegten sich langsam über das Tastenfeld, jede Bewegung bedacht. Er gab einen Code ein, ich konnte den entschlossenen Druck auf den Tasten hören, das leise Klicken. Die Verbindung blieb stumm. Kein Piepen, keine Stimme, nur Stille. Ich konnte erkennen, dass er nicht enttäuscht war. Es war spät, niemand würde mehr antworten. Stattdessen hinterließ er eine Textnachricht, die sorgfältig formuliert schien, jeder Satz abgewogen, wie das sorgfältige Platzieren eines letzten Puzzleteils. Dann ließ er sich wieder neben Mari sinken, legte einen Arm sanft um sie, um ihren Körper zu stabilisieren. Sie lehnte sich ein wenig an ihn, ihr Atem beruhigte sich langsam. Ich sah zu, wie ein Gefühl von Sicherheit in diesem einfachen Akt lag, fast greifbar.
Eine Idee stieg in mir auf. Ich konnte nicht länger untätig bleiben. Ich griff nach meinem Gerät, begann, jemanden zu kontaktieren. Mari bemerkte meine Bewegung und drehte fragend den Kopf. Ich antwortete knapp, aber mit klarer Stimme: „Roland Caprio.“
Ihre Reaktion war sofort und heftig. Sie schrie auf, die Augen weit aufgerissen, dann sackte sie plötzlich zusammen, ohnmächtig, die Hände krampften leicht. Ich sprang auf, wollte sie stützen, aber Gal war schneller. Sie warf ein, dass der Name nicht gerade ein Garant für Unterstützung innerhalb der Argon-Föderation sei. Richter in Rente. Die Erwähnung war wohl ein Fehler gewesen, ein Risiko, das wir jetzt eingegangen waren. Trotzdem spürte ich, dass jede Hilfe, die wir bekommen konnten, entscheidend war. Ich kniete neben Mari, prüfte, ob sie atmete, spürte den warmen Atem auf meiner Wange und konnte nicht anders, als zu denken, dass wir uns in einer Relität befanden, dessen Regeln wir nur teilweise verstanden.
Ich richtete mich wieder auf, mein Herz schlug schneller, während Florian mich nur ruhig ansah, seine Augen die Ruhe selbst. Gal stand neben mir, die Arme verschränkt, die Miene hart, aber fokussiert. Ich wusste, dass jetzt Entscheidungen getroffen werden mussten, und dass wir keine Zeit mehr hatten, zu zögern. Ein letzter Blick zu Mari, die langsam wieder zu sich kam, und ich spürte das Gewicht der Verantwortung, das auf uns allen lag. Die Nacht war dunkel, die Luft drückend warm, und doch hatte eine unheilvolle Klarheit Einzug gehalten: Wir waren mitten in einer Kette von Ereignissen, die niemand von uns vorhersehen konnte.

Ich beobachtete, wie Mari neugierig zu Florian hinübersah, die Stirn leicht gerunzelt. „Wen wolltest du denn kontaktieren?“ fragte sie leise, die Stimme noch ein wenig zögerlich, als würde sie die Antwort nicht fassen können. Florian lehnte sich zurück, sein Gesicht blieb ruhig, die Hände verschränkt. „Einen meiner Söhne. Die sind nicht mehr hier in Uros. Ich habe Martin gebeten zu kommen.“
Maris Kopf begann sofort zu glühen, ihr Gesicht färbte sich tiefrot, und ich konnte die Hitze fast fühlen, die von ihr ausging.
Gal legte kurz die Stirn in Falten und fragte vorsichtig: „Geht es dir gut?“
Florian musste leise lachen, und ich sah hinüber, neugierig.
„Warum lachst du?“ fragte ich, die Augen zusammengekniffen, als wollte ich hinter sein Grinsen blicken.
„Nun“, begann Florian, und sein Lachen schwang noch mit, „ich habe Martin und Mari einmal als Teenager in der Scheune erwischt. Sie spielten ‚Arzt und Patient‘.“
Ich starrte zwischen Florian und Mari hin und her. Die Art, wie er das betonte, das leise Kichern in seiner Stimme, die hochrote Wange von Mari – es war eindeutig, dass das, was sie damals getan hatten, nicht harmlos gewesen war. Ein Knoten von Verlegenheit und Fassungslosigkeit schnürte mir den Magen zu, während ich versuchte, die Szene in meinem Kopf zu ordnen.
Es dauerte einige Minuten, bis Mari sich beruhigt hatte. Sie atmete tief, wischte sich die Hände über das Gesicht und setzte sich wieder aufrecht hin, doch ich konnte noch immer das leichte Zittern ihrer Schultern sehen. Mein Blick wanderte zu Gal, die ihre Augenbrauen leicht zusammengezogen hatte, aber schweigend abwartete.
Dann begann sich plötzlich der Raum inmitten des Büros zu wölben. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Die Luft schien dichter zu werden, als würde sie um uns herum pulsieren, die Wände flossen leicht wie flüssiges Metall. Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog, ein seltsames Kribbeln durch meine Arme lief.

Das Multi‑Spatial Transverse System war kein gewöhnlicher Teleporter. Es zerlegte keine Materie, und es übertrug niemanden als bloße Anordnung von Molekülen – wie manche alte Science-Fiction‑Geschichten es vorgaben. Stattdessen faltet es den Raum selbst. Die Person, die das System betrat, blieb intakt, jeder Atemzug, jeder Herzschlag unverändert. Um sie herum verschob sich die Realität, als würde die Welt selbst die Distanz zwischen Startpunkt und Ziel auflösen. In einem Moment stand man auf der Brücke des Schiffes, im nächsten stand man auf der Oberfläche eines Planeten, als hätte das Universum den Raum zwischen den beiden Punkten schlichtweg ausgelöscht.
Früher hatten Ingenieure versucht, eine Teleporterform zu nutzen, die Körper in Moleküle zerlegte und an Zielort wieder zusammensetzte – genau wie man es aus alten Serien kannte. Doch diese Methode erwies sich als zu unberechenbar: Menschen kamen zerlegt oder in merkwürdigen Kombinationen wieder zurück. Die neue Raumfaltungs-Technologie war sicherer, schneller und – was am wichtigsten war – überließ dem Universum nicht die Chance, deine Moleküle falsch zusammenzusetzen.
Das System beruhte auf der Manipulation von lokaler Raumzeit. Sensoren berechneten die Struktur des Raums zwischen Ausgangs- und Zielkoordinaten, während das System eine Art kosmische Brücke spannte. Innerhalb dieses Korridors war die Bewegung instantan – keine Reisezeit, keine Gefahr des Molekülverlusts. Doch das System war instabil: Jede Störung im Raumgefüge konnte den Transversalkorridor zum Einsturz bringen, was fatale Konsequenzen für alles hätte, was sich darin befand. Deshalb wurde das Gerät nur für kurze bis mittlere Distanzen eingesetzt, und jede Aktivierung verlangte höchste Präzision.
Für eine Person war das Betreten des Systems ein merkwürdiges Erlebnis: die Welt schien sich zu wölben, zu fließen und gleichzeitig stillzustehen. Ein schimmernder Tunnel aus Licht und Schatten, den nur die Augen des Nutzers erfassten, verband zwei Punkte, die sonst Lichtminuten voneinander entfernt lagen. Die Teleportation war sofort und doch greifbar, ein Raum-Phänomen, das das Universum selbst zu verschieben schien, um die Entfernung zu neutralisieren.

Als der Effekt vorbei war, stand ein Mann in militärischer Uniform mitten im Raum. Ich erkannte sofort die Haltung, die Art, wie er die Umgebung erfasste, jeden von uns in einem einzigen, schnellen Blick. Mein Herz machte einen Sprung. Er musste Martin Van Count sein. Sein Blick huschte über Florian und Mari, dann auf Gal und mich, jede Bewegung präzise, doch voller Sorge. Ohne zu zögern stürzte er auf Florian und Mari zu, die Hände ausgestreckt, das Gesicht angespannt, die Augen groß vor Besorgnis.
Ich trat einen Schritt zurück, spürte die Spannung im Raum, die Schwere der Situation. Florians Hand legte sich beruhigend auf Maris Rücken, doch Martin war wie ein Sturm, der über das Zimmer fegte, die Luft elektrisiert von seiner Präsenz. Mari wand sich leicht, Tränen standen ihr in den Augen, die Lippen bebten, während sie nach Atem rang. Ich merkte, wie ein Gefühl von Dringlichkeit und Furcht durch mich hindurchfuhr. Alles, was wir bis hierher erreicht hatten, schien nun auf dem Spiel zu stehen, und ich konnte kaum den Gedanken fassen, dass wir gerade Zeugen der Rückkehr einer längst abwesenden Macht waren – eines Sohnes, der alles verändern konnte.

Die Zeit verging wie im Flug. Ich spürte, wie sich meine Schultern langsam von der Anspannung der letzten Stunden lösten, aber gleichzeitig stieg ein neuer Strom von Gedanken in mir auf. Draußen begann die Dämmerung, zunächst kaum merklich. Der Himmel war noch schwarz, doch am Horizont färbte er sich dunkelblau, immer heller werdend, als wollte er die Nacht langsam zurückziehen. Ein kalter Hauch zog durch das geöffnete Fenster, ließ meine Haut prickeln und die letzten Müdigkeitsreste vertreiben.
Drinnen saßen wir alle zusammen, und Martin hörte aufmerksam zu, wie Florian, Mari und Gal ihm erklärten, wie es zu dieser Situation gekommen war. Ich beobachtete die feinen Nuancen in seinem Gesicht, die sich veränderten, während er von Mari, dem Betrieb, den Argnu-Kühen und den endlosen bürokratischen Verwicklungen hörte. Seine Stirn zog sich zusammen, die Kiefermuskeln spannten sich, die Finger trommelten unruhig auf den Tisch.
Dann passierte etwas, das mir kurz den Atem stocken ließ. Florian, der sonst immer die Ruhe selbst war, hatte es als Scherz formuliert – Martin solle doch Mari heiraten und gemeinsam den Betrieb übernehmen. Ich konnte den Ausdruck in Martins Augen sehen, der Moment, in dem sich ein Gedanke wie ein Funke entzündete. Er schlug sich auf die Brust, die Augen funkelten, der Mund formte ein entschlossenes Lächeln, und er nickte, als wolle er sich selbst die Überzeugung zusprechen: „Genau das will ich machen.“ Seine Stimme war fest, klar, voller Inbrunst, als würde er einen Eid ablegen.
Ich spürte, wie Gal aufmerksam den Moment registrierte. Sie legte den Kopf leicht schräg, die Augen suchten seinen Blick. „Und die Teleportation war legal?“, fragte sie, die Stimme nüchtern, doch scharf wie ein Skalpell. Ich sah Martin erst stutzen, dann sein Gesicht, das in unbehaglichem Schweigen versank, die Lippen leicht zusammengedrückt, die Augen, die sich kurz abwendeten. Kein Wort kam über seine Lippen, und genau in diesem Schweigen lag die Antwort. Seine Schweißperlen auf der Stirn, das leichte Zittern seiner Hände – alles sprach Bände.
Ich lehnte mich einen Moment zurück, ließ die Hände auf den Tisch sinken und beobachtete die Szene. Martin war entschlossen, keine Frage, doch das Gewicht der Nacht, der Teleportation und der legalen Grauzonen hing ihm noch im Nacken. Ich spürte ein unwillkürliches Ziehen in meiner Brust – eine Mischung aus Erleichterung, Anspannung und Faszination. Ich konnte mir die kommenden Herausforderungen bildlich vorstellen: den Betrieb wieder in Gang zu bringen, Verantwortung zu übernehmen, die Schulden, die Organisation der Kühe, die algenbasierten Proben, die wir besprochen hatten – alles würde auf ihnen lasten.
Meine Augen wanderten zu Mari, die noch immer leicht zusammengesunken saß, die Hände ineinander verschränkt, die Lippen blass. Ich konnte die Erleichterung auf ihrem Gesicht sehen, gemischt mit einer neuen Unsicherheit. Florian saß neben ihr, die Hand beruhigend auf ihrer Schulter, die Augen auf Martin gerichtet. Gal beobachtete die ganze Szenerie, leicht nach vorne gelehnt, als wollte sie jeden Gedanken in der Luft einfangen.
Ich spürte, wie sich die Spannung des Raums löste, als Martin endlich wieder aufblickte. Sein Blick streifte Mari, dann Florian, dann uns. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, ein Ausdruck, der sowohl Unsicherheit als auch Entschlossenheit enthielt. Ich konnte den inneren Konflikt sehen, den Drang, sofort zu handeln, und gleichzeitig die Last, die Verantwortung zu übernehmen.
Die ersten Strahlen des Morgens warfen schwache Schatten durch das Büro, beleuchteten die Monitore, die Couch, den Schreibtisch. Ich atmete tief ein, spürte die kühle Luft, die über meine Haut strich. Für einen kurzen Moment war alles still. Die Nacht war vorbei, die Dämmerung hatte die Welt sanft erhellt, und vor uns lag die Realität – kompliziert, herausfordernd, aber irgendwie auch voller Möglichkeiten.
Ich spürte, wie mein Herzschlag sich normalisierte, die Anspannung langsam nachließ. Und doch konnte ich nicht anders, als zu beobachten, wie Martin sich sammelte, die Schultern zurückzog, die Hände ballte. Es war der Moment vor dem Sprung, und ich wusste, dass er bereit war. Ich selbst spürte ein Kribbeln in den Fingern, als wollte ich gleich aufspringen und helfen, alles in Bewegung setzen. Aber ich wusste auch, dass dies jetzt sein Schritt war – sein Weg, sein Handeln, seine Verantwortung. Ich lehnte mich zurück, die Augen fest auf ihn gerichtet, und wartete.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 13 - Aufstieg

Ich lag zurückgelehnt auf der warmen Holzveranda, den Rücken gegen die kühle Lehne gedrückt, während Valentina und Vanu, meine beiden Ehefrauen, sanft in meinen Armen dösten. Ihre Körper schmiegten sich an mich, rhythmisch atmeten sie im Takt meiner eigenen Lungen, und der leichte Wind trug den Duft der Kirschblüten zu mir, der eine Mischung aus Süße und frischer Erde war. Über uns spannte sich ein Himmel in sattem Blau, das in der Sonne beinahe funkelte, die Blütenblätter wippten sanft in der Luft, einige tanzten wie kleine rosa Schmetterlinge über die Veranda. Ich ließ meinen Blick durch das Farbenspiel schweifen, fühlte die Wärme der Sonne auf meiner Haut und hörte das leise Summen von Insekten, das Hintergrundgeräusch eines Frühlingsmorgens.
Zwei Jahre waren vergangen, seit ich in diese Realität gekommen war, und in mir fühlte es sich an, als wären es zwanzig. Die Tage hatten sich in einem Strom aus neuen Eindrücken, neuen Aufgaben und immer neuen Möglichkeiten verloren. Ich wusste, dass ich erst an der Oberfläche gekratzt hatte: Argon Prime, die Handelsstation Alpha 1 im Orbit, alles andere nur aus den Datenbanken des Federal Information Network. Es war aufregend, überwältigend und auf eine seltsame Weise befriedigend, diese Welt Stück für Stück zu begreifen.
Mein Blick glitt zu den Erinnerungen an Uros. Das Ereignis um den Argnu-Betrieb hatte alles verändert. Selenir Nimrodel, der Rechtsbeistand, den mir Roland Caprio vermittelt hatte, war sofort zur Stelle gewesen. Ich erinnere mich noch an die anfängliche Abwägung: die horrenden Credits, die er verlangte, ließen mich kurz zweifeln, ob der Aufwand gerechtfertigt war. Doch jetzt, zurückblickend, wusste ich, dass jeder einzelne Cred mehr als gut investiert war. Der Betrieb war saniert, die Farmer, Rancher und Fischer hatten wieder Perspektiven, und Shishido Mari war der Gefängnisstrafe entgangen – unter den Augen der Behörden, die immerhin auf eine Ratenzahlung eingingen. Martin Van Count hatte Mari geheiratet, und gemeinsam hatten sie den Betrieb wieder auf solide Beine gestellt.
Gal, wie immer pragmatisch und souverän, hatte ihre Kontakte genutzt, um eine unehrenhafte Entlassung aus dem Militär zu verhindern. Der Teleporter, den sie dabei einsetzte, wurde als „private Anfrage des Geheimdienstes“ deklariert, und obwohl jeder wusste, dass das reine Legendenbildung war, hatte es die Situation gerettet, ohne dass jemand öffentlich auffiel. Ich konnte nicht anders, als ihr für diese kluge Manipulation zu bewundern.
Ein Jahr später, nach all den Ereignissen und Herausforderungen, hatte ich meine eigene Firma gegründet. Die Expansion nach Argon Prime verlief nicht hektisch, sondern zielgerichtet. Über ein Dutzend Anshin Shokudō waren entstanden, jedes mit einem angeschlossenen Yatei, der längst kein einfacher Imbiss mehr war, sondern die Dimensionen eines kleinen Restaurants angenommen hatte. Unsere Standorte waren strategisch gewählt: etwas außerhalb der Raumhäfen, nah genug an den Hauptverkehrsstraßen, um die argonischen Passanten anzuziehen, aber gleichzeitig attraktiv für fremde Aliens, die neugierig auf unser kulinarisches Angebot waren.
Ich schloss die Augen kurz, spürte den Herzschlag meiner Frauen gegen meinen Brustkorb und fühlte Stolz in jeder Faser meines Körpers. Stolz auf das, was wir erreicht hatten, auf die Herausforderungen, die wir gemeistert hatten, auf die Menschen, die uns begleitet und unterstützt hatten. Alles, was wir aufgebaut hatten, war das Ergebnis harter Arbeit, kluger Entscheidungen und unerschütterlicher Partnerschaften. Ein Gefühl von Zufriedenheit breitete sich in mir aus, so tief, dass es fast physisch schien, während ich die Hände sanft über Valentina und Vanu legte und die Frühlingssonne, die Kirschblüten und den warmen Wind in mich aufsog.
Ich atmete tief ein und wusste, dass dies nur der Anfang war. Es gab noch so viel zu sehen, zu lernen und zu erschaffen. Und doch – für diesen Moment – war alles perfekt.

Doch bei all dem Licht dieser zwei Jahre gab es einen Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Roland Caprio war tot.
Es war kein dramatischer Zwischenfall, kein Attentat, keine Seuche. Keine Schlagzeilen. Nur sein eigener Körper, der irgendwann nicht mehr konnte. Seine Unverträglichkeit – diese komplexe, kaum greifbare Reaktion seines Organismus – hatte ihn über Jahre geschwächt. Keine Viren, keine Bakterien. Einfach Verschleiß. Ein langsames Nachgeben.
Valentina hatte ihm noch eine Besserung bescheinigt. Ich erinnere mich an ihren sachlichen Ton, an das vorsichtige Nicken, als sie die Werte betrachtete. „Er reagiert“, hatte sie gesagt. Und er reagierte tatsächlich. Meine Gerichte hatten ihm Kraft gegeben. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen: mehr Farbe im Gesicht, festere Stimme, klarerer Blick. Er hatte wieder gegessen, mit Genuss.
Aber es war zu spät gewesen.
Ich saß damals an seinem Bett, als er schlief. Er sah friedlich aus, beinahe zufrieden. Am nächsten Morgen war er nicht mehr aufgewacht. Kein Ringen. Kein Schmerz. Nur Stille. Als ich die Nachricht erhielt, spürte ich, wie sich mein Brustkorb zusammenzog. Ich erinnere mich, wie ich die Hände zu Fäusten ballte, die Kiefer anspannte. Ein Teil von mir wollte wütend sein – auf diese Welt, auf die Zeit, auf mich selbst. Hätte ich früher kommen müssen? Hätte ich schneller handeln können? Die Gedanken nagten, auch wenn ich rational wusste, dass ich erst existierte, seit ich hier war.
Seine Beerdigung war ungewöhnlich. Gal und Tahl kamen persönlich. Das allein zeigte, welchen Stellenwert Roland gehabt hatte. Er hatte sich gewünscht, dass sie beide anwesend waren, wenn sein Körper dem Blauen Meer übergeben würde.
In der Argonischen Föderation war es längst üblich geworden, die Toten zu desintegrieren. Effizient. Sauber. Praktisch. Roland hatte das immer verachtet. „Ich bin kein Abfall, der recycelt wird“, hatte er einmal trocken gesagt. Er wollte verbrannt werden. Wollte als Asche zurück in die Welt. Teil von ihr werden. Kein Datensatz im Archiv.
Als die Flammen seinen Körper erfassten, stand ich reglos da. Meine Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schultern angespannt. Gal neben mir, mit unbewegter Miene. Tahl, ungewöhnlich still. Als die Asche später dem Blauen Meer übergeben wurde, wehte eine Brise vom Wasser herüber. Ich kniff die Augen zusammen, nicht nur wegen des Windes. Ein eigenartiges Gefühl von Endgültigkeit legte sich über mich. Roland war nie sentimental gewesen. Und doch war dieser Abschied würdig. Eigenwillig. Genau wie er.
Die Testamentseröffnung fand in seinem Haus statt. Ich war angespannt, obwohl ich mir einredete, dass es keinen Grund dafür gab. Das Gebäude roch noch nach ihm – nach altem Holz, Gewürzen und diesem dezenten metallischen Unterton seiner Umgebung.
Dann fiel mein Name.
Er hatte mir das Haus vermacht.
Für einen Moment war ich sicher, mich verhört zu haben. Ich richtete mich abrupt auf, spürte, wie mein Puls schneller wurde. „Das… muss ein Irrtum sein“, sagte ich und sah zu Gal und Tahl. „Es gehört euch. Ihr wart länger bei ihm. Ihr habt—“
Beide schüttelten fast gleichzeitig den Kopf.
„Er wusste, was er tat“, sagte Gal ruhig.
Tahl nickte nur. „Er hat Entscheidungen nie zufällig getroffen.“
Ich atmete scharf durch. Es fühlte sich nicht richtig an. Ich hatte ihn gekannt, ja. Ihm geholfen. Aber ein Haus? Sein Haus? Ich bot es ihnen an. Ernsthaft. Fast schon drängend. Doch sie lehnten ab. Ohne Zögern. Und ich wusste, dass jede weitere Diskussion zwecklos war. Roland hatte offenbar etwas gesehen, das ich selbst noch nicht verstand.
Beim Geld wurde es noch seltsamer.
Roland hatte verfügt, dass sein gesamtes Vermögen zu gleichen Teilen an Gal und Tahl gehen sollte. Fünfzig zu fünfzig. Unter einer klaren Bedingung: Ich durfte keinen Anspruch darauf erheben. Sollte ich es doch tun, würde alles gedrittelt werden.
Ich musste unwillkürlich schmunzeln, als ich das hörte. Typisch. Selbst im Tod spielte er noch strategische Spiele.
Natürlich hätte ich jeden Credit gebrauchen können. Expansion kostete. Wachstum verschlang Kapital. Und doch – in meinem Magen zog sich alles zusammen bei dem Gedanken, auch nur einen Anteil zu beanspruchen. Es fühlte sich falsch an. Unverdient. Als würde ich etwas nehmen, das nicht mir gehörte.
„Ich verzichte“, sagte ich ohne Zögern.
Gal musterte mich prüfend. Tahl beobachtete meine Mimik. Aber ich meinte es ernst. Es war keine Geste. Kein Schauspiel. Es war eine innere Gewissheit.
Und dann kam der letzte Punkt.
Wissen.
Roland hatte mir all seine Kontakte hinterlassen. Alle.
Nicht nur die nützlichen Verbindungen. Nicht nur Geschäftsadressen oder politische Kanäle. Sondern auch Informationen darüber, wer wem etwas schuldete. Wer abhängig war. Wer erpressbar war. Wer loyal. Wer käuflich.
Als mir die Daten übergeben wurden, spürte ich förmlich das Gewicht davon. Es war kein physischer Gegenstand, und doch fühlte es sich schwerer an als jedes Vermögen.
Ich sah zu Gal. Zu Tahl. Beide verstanden sofort.
Das war kein Geschenk. Das war Verantwortung.
Mir wurde augenblicklich klar, dass dieser Nachlass mehr wert war als jedes Geld. Geld war endlich. Einfluss war es nicht. Und Wissen – strategisch eingesetztes Wissen – konnte ganze Systeme bewegen.
Roland hatte mir kein Vermögen hinterlassen. Er hatte mir Hebel gegeben.
Ich stand im Wohnzimmer seines Hauses, das nun meines war, und strich langsam mit der Hand über die Rückenlehne eines Stuhls. Meine Miene war ruhig, aber in meinem Inneren arbeitete es.
Er hatte mich geprüft. Bis zuletzt.
Und nun lag es an mir, zu beweisen, dass er sich nicht geirrt hatte.

Ich sah Kon Mah zum ersten Mal, als er durch die schmale Luke des Hangars auf uns zukam. Ein Argone, groß und muskulös, seine Haltung ruhig, fast zu ruhig, und doch spürte ich die Disziplin in jedem Schritt. Martin hatte ihn vermittelt, und das war offensichtlich kein Zufall – der Mann trug diese militärische Aura wie eine zweite Haut. Sein Blick ruhte kurz auf mir, dann nickte er knapp, als würde er sagen: „Ich weiß, worauf ich mich einlasse.“
Ich hatte ihn angeheuert, nicht aus Luxus, sondern aus Notwendigkeit. Die Transportkosten waren im letzten Jahr durch Dritte explodiert. Wenn ich die Kontrolle über meine Lieferketten behalten wollte, musste ich selbst einen Frachter besitzen. Einen gebrauchten atmosphärenfähigen Frachter hatte ich gekauft, und Kon sollte ihn steuern – nicht nur für den Transport von Weizen und Argnu-Fleisch aus Uros, sondern auch für Algen, Plankton und gelegentlich Fische. Ich wollte keinen Fehler riskieren, keine Verzögerungen. Kon schien das zu verstehen.

Es war auch zu dieser Zeit, als ein Borone auftauchte, dass ich fast lachen musste. „Bi Fi“, sagte er, und allein der Name ließ ein unverhofftes Grinsen über mein Gesicht huschen. Er hob eine Tentakelhand, die ich sofort als höflich erachtete, und fragte, warum ich lachte. Ich konnte nicht anders, musste zugeben, dass ich in meiner Kindheit einen Snack namens Bifi gegessen hatte, der aus geräuchertem Argnu-Fleisch bestand. Vanus und Valentinas Blicke huschten zwischen mir und dem Boronen hin und her, bemüht, jede mögliche Beleidigung abzuwenden. Zum Glück schien Bi Fi diese kleine kulturelle Anomalie zu verstehen, schob es auf Unterschiede in Sprache und Herkunft.
Ich betrachtete ihn genauer. Einen halben Meter über dem Boden schwebend, dank einer Antigravitationseinheit, die in seinem Umweltanzug eingebaut war – die Boronen konnten außerhalb ihres Lebensraums nicht überleben. Der Unterkörper erinnerte mich an einen Oktopus, die Tentakel zahlreich, beweglich, aber ohne Saugnäpfe. Der Oberkörper und Kopf erinnerten an ein Seepferdchen, elegant gewölbt, mit einer fast kindlichen Neugier im Blick. Er zeigte mir, dass einige Boronen ihre Haupttentakel verhärten konnten, um Dinge zu greifen. Manche konnten mehrere Tentakel ineinander verschlingen, als wären es Hände. Ich staunte, mehr als ich zugeben wollte.
Bi Fi erklärte mir dann sein Anliegen. Er war ein niedriger Vertreter im diplomatischen Dienst der Boronen. Sie hatten von jemandem gehört, der Lebensmittel für alle Spezies essbar machte. Die Anshin Yateis, erklärte er, zogen nicht nur Argonen an, sondern auch Boronen, Teladi, Split und Paraniden – eine kleine, aber hochinteressante Mischung.
Dann kam das Angebot: eine Reise nach Königstal, das Heimatsonnensystem der Boronen, und eine Audienz bei Exzellenz Popo Da auf Ni’sha’la, ihrem Heimatplaneten. Bei dem Namen musste ich unwillkürlich lachen, die Hand vor den Mund pressen, um meine Heiterkeit zu verbergen. Sie waren so andersartig, und doch hatte ich sofort eine Art Sympathie für diese knuffigen, bizarren Wesen.
Als Bi Fi sich verabschiedete, sah ich Vanu und Valentina an. Ihre Blicke verrieten sofort, dass sie neidisch waren, dass sie mitwollten. „Und eure Jobs?“ fragte ich vorsichtig. Beide senkten den Kopf, gestanden ein, dass sie voll eingespannt waren. Aber sie wollten mich nicht allein fliegen lassen und begannen sofort, in ihrem Netzwerk zu fragen.
Gal konnte nicht. Sie war für einen Auftrag unterwegs, was ich respektierte. Thal jedoch, überraschend, hatte zugesagt. Auch wenn niemand so recht verstand, warum der Sicherheitschef von Handelsstation Alpha 1 plötzlich eine Woche frei nehmen konnte, war es beruhigend zu wissen, dass er dabei sein würde. Ich nickte nur, das Herz leicht schneller schlagend bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise.
Es würde anders werden als alles, was wir bisher erlebt hatten. Doch ich spürte ein Prickeln, eine Mischung aus Vorfreude und Spannung, das mich tief in der Brust kribbeln ließ. Bi Fi hatte mir die Tür geöffnet, und ich wusste, dass ich hindurchgehen musste.
Ich stand zum ersten Mal vor einem boronischen Schiff und ließ meine Blick über den Personentransporter schweifen. Zum ersten Mal vor dem lebendigen Schiff zu stehen, war seltsam berauschend. Es wirkte wie ein überdimensionierter Shrimp, dachte ich, und je länger ich es betrachtete, desto mehr Details erfasste ich. Das kristalline Skelett war tatsächlich mit biologischem Gewebe überzogen, dass auf einem Substrat gezüchtet worden war, jeder Zentimeter pulsierte leise, als ob das Schiff atmete. Nicht bewusst, nicht wie ein Lebewesen mit Verstand, aber doch ein eigenartiges, organisches Leben. Nervenknoten waren überall verteilt, und ich spürte instinktiv, dass sie dafür sorgten, dass das Schiff schneller reagierte, als es ein Pilot oder ein Computer anderer Rassen je könnte.
Die dunklen Grüntöne der Außenhülle empfand ich als angenehm, beruhigend für die Augen. Ich drehte mich zu Thal und fragte, wie Argonen diese Farben wahrnehmen würden. Er zuckte kaum merklich mit den Schultern, sein Blick war fest auf die biologischen Elmente gerichtet.
„Schmutziges Grün“, sagte er schlicht, „erdig.“
Ich nickte, nahm die Information auf, und für einen Moment schloss ich die Augen, um die ruhige, organische Präsenz des Schiffes wirken zu lassen.
Der Innenraum war ebenso organisch wie das Äußere. Alles fühlte sich gewachsen an, als sei es aus der gleichen biologischen Matrix entstanden. Leuchtend limettenfarbene Stränge zogen sich wie Nervenbahnen durch die Wände, eingehüllt in eine transparente Membran und eine ebenso durchsichtige Flüssigkeit. Ich konnte förmlich die Energie spüren, die durch sie floss, eine Art subtiler Lebensrhythmus des Schiffes, der sich in einem beruhigenden Puls äußerte.
Bi Fi hatte uns informiert, dass die Reise nach Ni’sha’la ungefähr zwei Tazuras dauern würde. Ich musste kurz rechnen – zwei Tazuras entsprachen etwa zweieinhalb Tagen. Ihr Aufenthalt im Königstalsystem würde einen Tazua beanspruchen, etwas über einen Tag, und die Rückreise wieder zwei Tazuras. Insgesamt waren wir fünf Tazuras, fast sechseinhalb Tage, unterwegs. Ich ließ die Zahl auf mich wirken und spürte die leichte Nervosität in meinem Magen, vermischt mit einer seltsamen Vorfreude.
Thal und ich saßen bequem in den Sesseln des hinteren Passagierbereichs, entspannt, obwohl wir wussten, dass wir in dieser Zeit Verantwortung trugen. Bi Fi schwamm im abgetrennten vorderen Bereich, die transparente Membran und das verstärkte Kraftfeld trennten ihn von uns. Sein Körper glitt elegant durch das Wasser, jede Bewegung fließend und präzise, als ob er Teil des Schiffs wäre. Ich konnte kaum wegsehen. Die Distanz zwischen uns fühlte sich gleichzeitig nah und fremd an, die Grenze zwischen Wasser und Trockenheit, zwischen uns und Bi Fi, war greifbar und doch unsichtbar.
Ich lehnte mich weiter zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ließ meinen Blick durch die grünlich schimmernde Kabine schweifen. Die organischen Strukturen, das leuchtende Gewebe, die pulsierenden Nervenbahnen – alles war neu, faszinierend und leicht unheimlich zugleich. Ich spürte ein Knistern der Erwartung in meiner Brust. Diese Reise würde anders werden als alles, was ich bisher erlebt hatte, und ich war bereit, mich auf den fremden, lebendigen Personentransporter einzulassen.

Ich hatte das Gefühl, dass mir diese Reise nicht nur neue Märkte eröffnen würde, sondern neue Perspektiven. Während Thal neben mir saß – inzwischen mit geschlossenen Augen, die Arme locker verschränkt, sein Atem tief und gleichmäßig – wanderte mein Blick immer wieder zu der transparenten Membran, hinter der Bi Fi im Wasser schwebte. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe meditativ.
Ich beugte mich vor, legte die Unterarme auf die Knie und räusperte mich leicht. „Bi Fi“, begann ich, bemüht sachlich zu klingen, obwohl ich merkte, wie echte Neugier in mir arbeitete. „Ich würde gern mehr über dein Volk erfahren. Nicht aus… strategischen Gründen. Es interessiert mich einfach.“
Seine großen, unabhängig voneinander rotierenden Augen richteten sich auf mich. Einige seiner Tentakel zogen sich minimal zusammen – ein Zeichen der Aufmerksamkeit, wie ich inzwischen wusste. „Du wünschst Wissen?“
„Ja“, sagte ich sofort. „Alles, was du teilen kannst.“
Er bestätigte es, und ich lehnte mich etwas zurück, verschränkte die Hände, als wollte ich mich selbst zur Geduld zwingen. Doch innerlich war ich hellwach.
Dann begann er zu sprechen.

„Du willst also wissen, wie wir geworden sind, was wir sind? Sehr gut. Ich werde dir von unserer Geschichte erzählen – so weit sie durch die Erinnerungen der Gene und die Zeichen der Meere überliefert ist.
Unsere Welt war einst nicht mehr als eine Kette flacher, schimmernder Ozeane, durchsetzt von Inseln aus Mineralien und Korallen. Dort, zwischen den Strömungen und in den Schatten der Unterwasserberge, begann das, was wir heute das boronische Volk nennen. Wir waren damals klein, verletzlich und beinahe nichts weiter als Planktonfresser, die sich zwischen den Wellen hindurchschlängelten. Alles, was wir taten, war auf eines ausgerichtet: überleben. Raubtiere umkreisten uns, größer und schneller, ihre Zähne und Klauen stets eine Drohung. Jede Bewegung, die wir machten, jede Farbe, die wir zeigten, konnte über Leben oder Tod entscheiden.
Unsere Körper begannen sich zu verändern, langsam, über unzählige Generationen. Wir brauchten Beweglichkeit, aber auch Stabilität. Der Unterkörper unserer Ahnen entwickelte Tentakel, die es uns erlaubten, uns zu greifen, zu schieben, aber auch zu schweben, wenn der Strom uns trug. Gleichzeitig formte sich der Oberkörper – ein erhobener, starker Rumpf mit einem Kopf, der über den Tentakeln thronte, wie ein Mast über einem Boot. Unsere Augen wuchsen an diesen Köpfen, groß und beweglich, unabhängig voneinander, sodass wir alles um uns herum sehen konnten, ohne uns zu drehen. In dieser Rundumsicht lag unsere Rettung: Bewegung, Schatten, Muster – all dies konnten wir erkennen, noch bevor ein Raubtier uns erreichte.
Unser Farbsehen, so begrenzt es für euch wirken mag, ist perfekt für unsere Welt. Blau und Grün dominieren die Wellen, das Licht dringt nur in diesen Wellenlängen weit. Rot – das rote Glühen von Lava oder von manchen leuchtenden Lebewesen – erscheint uns nicht als Farbe, wie du sie kennst. Wir sehen es eher als Dunkelheit, als ein Kontrastsignal, ein Hinweis auf Wärme oder Gefahr. Es ist ein Ton im großen Symphonieorchester des Lichts, der uns warnt oder überrascht, nicht ein Nahrungsmittel oder eine soziale Botschaft.
Doch wir sehen nicht nur mit den Augen. Unser Körper spricht mit uns selbst und miteinander auf Wegen, die du nicht einmal ahnst. Hormone fließen durch uns, subtil, doch unverkennbar. Ein Tropfen hier, eine Welle dort – und sofort wissen wir, wie ein Mitglied unserer Gemeinschaft sich fühlt, ob es Angst hat, Freude empfindet oder ob es eine Warnung für uns bereithält. Diese chemische Sprache, kombiniert mit unseren Augen, unseren Tentakeln, unserer Haltung, erlaubt es uns, in völliger Harmonie zu leben. Konflikte werden gemindert, Kooperation gefördert, und wir bleiben unauffällig für die Raubtiere, die um uns kreisen.
Unsere Evolution war kein Streben nach Macht, keine Suche nach Beute. Wir mussten nicht jagen, wir mussten nicht gefressen werden. Alles, was wir wurden, alles, was unsere Körper und Sinne geformt haben, war eine Antwort auf die ständige Bedrohung. Jedes Tentakel, jedes Auge, jede chemische Botschaft – sie alle entstanden unter dem Druck, am Leben zu bleiben. Wir sind die friedfertigen Kinder des Meeres, doch unsere friedliche Natur ist das Produkt von Jahrmillionen ständiger Vorsicht und Präzision.
Die Welt lehrte uns Geduld. Wir lernten, Strömungen zu lesen, Muster in den Wellen zu erkennen, Bewegungen vorherzusehen. Die Tiefe und Weite des Ozeans formte unser Denken ebenso wie unseren Körper. Wir verstanden, dass nicht jeder Kampf zu kämpfen ist, dass es mehr überlebt, wer sich versteckt, wer beobachtet, wer erkennt, bevor er reagiert. Und so entstand unsere Art, die Boronen: nicht stark durch Gewalt, nicht mächtig durch Jagd, sondern klug, vorsichtig und feinfühlig, verbunden durch die stummen Signale der Hormone, die fließenden Bewegungen der Tentakel, die scharfen Augen und die ruhige Präsenz unserer Körper.
Wenn du uns siehst, magst du uns als friedlich und zerbrechlich betrachten. Doch wir sind die Überlebenden einer Welt, die uns ständig geprüft hat. Unsere Evolution war ein endloser Tanz zwischen Raub und Sicherheit, zwischen Licht und Schatten, zwischen dem Wasser, das uns nährt, und den Wellen, die uns bedrohen. Alles an uns – unser Körper, unser Sehen, unsere Chemie – ist eine Antwort auf diese Prüfungen. Dies ist unsere Geschichte, in unseren Genen geschrieben, in jedem Tropfen unseres Wassers, in jedem Atemzug, den wir nehmen.
So sieh uns nicht nur als Kreaturen des Ozeans. Sieh uns als Produkt der ständigen Vorsicht, als Ergebnis von Millionen Jahren evolutionärer Entscheidungen, die uns überleben ließen, ohne dass wir jemals jagen mussten. Dies ist der Weg, auf dem wir geworden sind, was wir sind – Boronen, Kinder des Meeres, stets wachsam, stets verbunden, stets friedlich.“

Ich hatte währenddessen kaum geblinzelt. Meine Hände lagen nun offen auf meinen Oberschenkeln, als hätte ich unbewusst eine defensive Haltung aufgegeben. In meinem Kopf formten sich Bilder: weite Ozeane, Schatten unter Wasser, Augen, die alles sehen.
Doch Bi Fi war noch nicht fertig.

„Es gibt noch etwas, das du wissen musst, bevor du glaubst, du verstehst, wer wir sind“, fuhr der Borone fort. „Unsere Geschichte ist nicht nur die der Strömungen und Raubtiere. Vor uns gab es andere, ältere Wesen – die, die wir die Helfer nennen. Sie kamen lange bevor wir den Himmel über unseren Meeren erblickten, lange bevor wir gelernt hatten, unsere ersten Schiffe zu bauen. Manche nennen sie Götter, andere Wanderer zwischen den Sternen. Für uns waren sie Lehrer.
Die Helfer zeigten uns Dinge, die wir nie allein hätten erlernen können. Sie gaben uns die ersten Regeln der Physik, erklärten uns die Kraft des Feuers, das wir später in unseren Minen nutzen würden, und zeigten uns Wege, Materialien zu formen, ohne sie zu zerstören. Es war kein Geschenk der Macht, sondern der Verständnis – Wissen, das wir selbst anwenden mussten, um zu überleben. Wir durften die Werkzeuge nicht einfach übernehmen, wir mussten sie erlernen, um sie zu meistern.
Und doch, so sehr sie uns halfen, blieben sie fremd. Sie bewegten sich in einer Welt, die uns unzugänglich war, jenseits des Wassers und unserer Sinne. Wir lernten von ihnen, aber wir ahmten sie nie nach. Alles, was sie uns gaben, wurde durch die Brille unserer eigenen Existenz gefiltert. Tentakel und Flossen formten unsere Werkzeuge, Augen und Chemie unsere Methoden. Was für sie einfach war, wurde für uns zu einer neuen Art, die Welt zu sehen, zu begreifen und zu gestalten.“
Die Helfer verließen uns schließlich, wie sie gekommen waren, und ließen nur die Spuren ihres Wissens zurück. Doch wir trugen ihre Lehren in uns, verwoben mit dem, was die Strömungen, die Raubtiere und die Pflanzen uns gelehrt hatten. Sie halfen uns, nicht indem sie für uns kämpften, sondern indem sie uns ermöglichten, selbst zu verstehen, selbst zu entscheiden und selbst zu überleben. So ist unser Fortschritt niemals nur unser eigener – er ist ein Tanz zwischen dem Alten und dem Eigenen, zwischen den Sternen und den Wellen.
Wenn du also von unseren Tentakeln, unseren Augen und unserem BGP-Sehsystem beeindruckt bist, denke daran: Wir haben diese Werkzeuge nicht nur entwickelt, um zu überleben. Wir haben sie entwickelt, während wir lernten, die Geschenke der Helfer zu verstehen. Alles an uns trägt die Erinnerung an die, die uns lehrten, und die Welt, die uns prüfte. Es ist eine Geschichte von Vorsicht, von Lernen und von der unerschütterlichen Suche, nicht gefressen zu werden, während man gleichzeitig wächst und sich entfaltet.“

Mein Herz schlug schneller. Ich hatte völlig vergessen, dass ich Dinge wusste, die ich nicht wissen sollte. Dass ich in meinen Fragen vielleicht zu präzise wurde.
„Diese Helfer“, hörte ich mich sagen, während ich die Finger ineinander verschränkte, um meine innere Unruhe zu verbergen. „Wie… genau haben sie euch erreicht, ohne entdeckt zu werden?“
Thal rührte sich nicht. Er schlief. Bi Fi jedoch antwortete ohne Zögern.

„Du willst wissen, wie unsere Lehrer – die Helfer – es geschafft haben, uns zu erreichen, ohne dass die Alten uns je direkt beobachtet haben? Ich will dir erklären, wie selbst für uns die Größe ihrer Macht fast unvorstellbar bleibt.
Sie besitzen die Energie ihres ganzen Sternes. Nicht wie wir, die wir uns von Strömungen und Wellen tragen lassen, sondern wirklich, wirklich nutzen, lenken, bündeln. Die Sonne selbst fließt durch ihre Geräte, durch ihre Werkzeuge – genug Kraft, um die Raumzeit um Planeten herum zu biegen. Aus dieser Kraft erschaffen sie… Türen. Kleine Löcher im Raum, die nur stabil genug sind, damit sie und wir hindurchschlüpfen können. Wir nennen sie Wurmlöcher, doch sie sind nicht permanent. Sie flackern auf, so lange wie nötig, und verschwinden wieder, ehe jemand sie bemerkt, der uns bedrohen könnte.
Ihre Schiffe sind kaum mehr als Schatten, selbst für uns Boronen, die so gut sehen wie wir. Energie, die wir sonst mit jedem Lichtreflex sofort erkennen würden, wird absorbiert, umgelenkt, versteckt. Selbst wenn wir genau hinschauen, sehen wir nur das Meer unseres Sternsystems, die Strömungen, die uns tragen – und nichts von dem, was die Helfer dort tun. Wir merken nur, dass plötzlich Wissen, Geräte oder Ideen bei uns auftauchen, wie Samen, die vom Wasser getragen werden.
Sie sind mächtig, aber sie agieren gezielt. Nicht wie die Alten, die alles sehen und kontrollieren. Die Helfer wollen nicht herrschen, sie wollen lehren – uns, uns und andere junge Völker. Wir lernen von ihnen, von ihren Türen, von ihren Werkzeugen, von der Art, wie sie Energie bändigen, aber wir folgen nie ihren Spuren. Sie erscheinen und verschwinden wie die Strömungen selbst. Niemand außer uns merkt, dass sie hier waren – und vielleicht wollen wir das auch so.
Wenn du mich fragst, warum sie uns gerade das geben, was wir brauchen, und nicht mehr, dann verstehst du erst, wie vorsichtig sie sind. Sie wissen, dass die Alten alles beobachten. Ein falscher Schritt, und die Aufmerksamkeit des Alten Volkes wäre auf uns gerichtet. Also schenken sie uns nur das, was wir brauchen, nur das, was uns wachsen lässt, ohne dass wir auffallen. Es ist wie ein Tanz unter Wasser – präzise, ruhig, unsichtbar für die Augen derer, die uns bedrohen könnten.
So funktioniert ihre Welt: Wurmlöcher, Energie, Tarnung. Wissen, das wir aufnehmen können, weil wir bereit sind, vorsichtig zu sein, wie wir es seit unseren Anfängen sind. Wir lernen, wir verstehen, wir nutzen, aber wir sehen sie nie wirklich – nur die Spuren ihrer Lehren. Und so hat das Alte Volk uns noch nie gefunden, und wir danken den Helfern dafür, dass sie uns als Kinder des Meeres so geführt haben, wie wir überleben und zugleich lernen konnten.“

Ich lehnte mich langsam zurück. Meine Kehle war trocken. Ich hatte zu viel gefragt – und trotzdem alles bekommen.

Ich spürte die Frage in mir aufsteigen, noch bevor ich sie in Worte hätte fassen können. Sie lag mir auf der Zunge, brannte beinahe. Wenendra.
Gigantische Körper unter dunklem Wasser. Langsam, würdevoll. Wie irdische Wale, nur älter, fremder, größer. Pazifisten. Unwissend über das, was jenseits ihrer Ozeane lauerte. Entdeckt von den Boronen – zufällig oder schicksalhaft – am Rand des Königinnenreiches, fern jeder Route, fern jeder neugierigen Sonde.
Ich wusste es nur, weil ich Wissen trug, das ich aus einer anderen Realität hatte.
Meine Finger krampften sich leicht in die Polsterung meines Sessels. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Wenn ich jetzt fragte, wäre das töricht. Die Boronen behandelten die Existenz der Wenendra nicht nur als Geheimnis – sie behandelten sie wie eine fragile Membran, die nicht einmal vom eigenen Volk berührt werden durfte. Selbst viele Boronen wussten nichts von ihnen.
Wenn ich Bi Fi direkt fragte, gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Entweder er wusste tatsächlich nichts – was wahrscheinlich war. Oder er wusste es… und würde in Alarmbereitschaft verfallen. Hormone. Körpersprache. Chemische Signale. Ich würde es vielleicht nicht einmal bewusst bemerken, aber er würde mich analysieren.
Und dann müsste ich erklären, woher ich davon wusste.
Ich ließ den Gedanken los. Mit Mühe.
Stattdessen hob ich langsam den Kopf und sah durch die transparente Membran zu Bi Fi hinüber. Sein Körper schwebte reglos im Wasser, Tentakel leicht ausgebreitet, als lausche er nicht nur meinen Worten, sondern auch meinen Herzschlägen.
Ich zwang meine Stimme in einen ruhigen, neutralen Ton.
„Also kann man nicht sagen, was die Helfer sind“, sagte ich langsam. „Maschinen. Arachnoide. Primaten. Oder… ganz etwas anderes.“
Während ich sprach, beobachtete ich ihn genau. Jede minimale Veränderung seiner Färbung. Jede Kontraktion eines Tentakels.
Bi Fi bewegte sich kaum. Ein leichtes Pulsieren entlang seines Rumpfes, kaum wahrnehmbar. Seine Augen drehten sich synchron auf mich zu – ein seltenes Zeichen voller Aufmerksamkeit.
„Deine Schlussfolgerung ist korrekt“, antwortete er ruhig. „Wir wissen nicht, was sie sind.“
Ich nickte langsam.
„Keine visuellen Daten? Keine biologischen Proben? Keine direkten Kontakte?“
Ich beugte mich leicht vor, die Hände ineinander verschränkt, die Ellbogen auf den Knien. Ich merkte selbst, wie sehr mich das Thema fesselte. Nicht nur wegen der Helfer. Sondern wegen der Struktur dahinter. Energie eines Sterns. Wurmlöcher. Tarnung.
Macht in einem Ausmaß, das selbst mir – mit all meinem Vorwissen – noch immer abstrakt erschien.
„Wir sehen ihre Werkzeuge“, sagte Bi Fi. „Ihre Spuren. Ihre Berechnungen. Aber nicht sie selbst. Ihre Erscheinung bleibt verborgen.“
Ein kaum merkliches Zittern durchlief seine Tentakel, wie eine Welle im Wasser. Keine Angst. Eher… Ehrfurcht.
Ich lehnte mich wieder zurück. Meine Stirn war leicht gerunzelt. In meinem Kopf formten sich Hypothesen. Wenn sie Sternenergie kontrollierten, wenn sie Wurmlöcher präzise öffnen und schließen konnten, wenn sie selbst vor einem „Alten Volk“ verborgen blieben…
Dann waren sie technologisch weit jenseits dessen, was selbst große Föderationen erreichen konnten.
„Das bedeutet“, murmelte ich halblaut, mehr zu mir selbst als zu ihm, „sie könnten alles sein. Reine Energieformen. Biologische Wesen mit maschinellen Erweiterungen. Vollständig künstliche Intelligenzen. Oder Spezies, deren Biologie wir nicht einmal einordnen könnten.“
Bi Fi bestätigte erneut mit einem ruhigen, kurzen Pulsieren.
„Wir spekulieren nicht“, sagte er. „Wir beobachten. Und wir lernen.“
Diese Antwort traf mich mehr, als ich erwartet hatte. Keine Spekulation. Kein Versuch, sie in bekannte Kategorien zu pressen. Nur Geduld.
Ich ließ meinen Blick durch den organischen Innenraum des Schiffes wandern. Die limettengrünen Stränge hinter der Membran pulsierten ruhig. Leben in Struktur. Struktur in Leben.
„Ihr akzeptiert also, dass ihr von etwas unterrichtet werdet, das ihr nicht versteht“, sagte ich schließlich.
„Ja.“
Keine Zögerung.
Ich spürte, wie sich meine Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen – nicht spöttisch, sondern nachdenklich. „Das ist… bemerkenswert.“
In vielen anderen Zivilisationen hätte allein diese Tatsache Misstrauen ausgelöst. Angst. Paranoia. Militärische Aufrüstung. Aber die Boronen… sie filterten alles durch Vorsicht und Überleben.
Nicht herrschen. Nicht provozieren. Nicht auffallen.
Ich dachte wieder kurz an die Wenendra. An ihre gewaltigen Körper unter dunklen Wassermassen. An ihre Unwissenheit über Sternentore, Imperien, Kriege.
Und daran, dass genau diese Unwissenheit sie schützte.
Ich atmete langsam aus.
„Vielleicht“, sagte ich schließlich ruhig, „ist es manchmal besser, nicht zu wissen, was etwas ist. Solange man versteht, was es tut.“
Bi Fi verharrte einen Moment völlig reglos. Dann bewegten sich seine Tentakel minimal auseinander.
„Das ist eine sehr boronische Aussage, Tori.“
Ich hob eine Augenbraue und sah ihn direkt an.
„Ist das ein Kompliment?“
Ein kaum wahrnehmbares Schimmern durchlief seinen Körper.
„Ja.“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme locker vor der Brust und ließ meinen Blick zur Cockpit-Sektion gleiten, wo die beiden boronischen Piloten lautlos im Wasser arbeiteten.
Fünf Tazuras. Nicht ganz sechseinhalb Tage.
Und ich hatte gerade erfahren, dass irgendwo im Universum Wesen existierten, die Sterne anzapften wie wir eine Energiezelle.
Meine Kehle war wieder trocken.
Aber diesmal fragte ich nicht weiter.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Ein großer Schritt für Tori, ein große Schritt in der Geschichte... 8)
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
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Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Danke, Uwe! Freut mich wirklich zu hören, dass der Schritt für Tori bei dir angekommen ist. 😊
Wenn du Lust hast, würde ich mich sehr freuen, wenn du öfter und etwas ausführlicher kommentierst.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

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Kapitel 14 - Verhandlungen

Ich saß im hinteren Teil des Boronischen Personentransporters, die Hände locker ineinander verschränkt, während Tahl neben mir in seinem Sessel versunken war. Draußen, durch die transparente Membran, glitt das System von Königstal langsam in Sicht. Ich spürte ein leichtes Vibrieren, als wir die letzten Sprungtore passiert hatten – vier insgesamt – und dabei jede Distanz zwischen den Sternen in Sekundenbruchteilen überwanden. Meine Augen verfolgten die Lichtströme, die das Portal hinter uns aufriss und wieder schloss, und ich konnte nicht umhin, über die Bauweise der Tore nachzudenken. Warum gab es mal vier, mal sechs, mal nur zwei? Niemand wusste es, nur das Alte Volk selbst. Ich erinnerte mich an die kryptischen Botschaften der Sohnen, dieser seltsamen sentienten Maschinenrasse, die manchmal auftauchten und doch nichts preisgaben. Ihre Präsenz war immer kurz, doch sie hinterließen das Gefühl, dass das Universum selbst Augen hatte, die man nicht verstehen durfte.
Während wir dem Orbit von Ni’sha’la zustrebten, ließ ich den Blick über die Instrumente gleiten. Wir mussten die Standardkontrollen der Handelsstation passieren, aber es lief problemlos ab. Freundliche Stimmen, präzise Abfragen, und wir konnten ohne Verzögerung weiterfliegen. Ich ließ meine Schultern sinken und spürte ein leises Aufatmen.
Dann trat der Planet vor unsere Sichtscheibe, und ich war sofort gefangen von dem Lichtspiel. Zwei Sonnen – Eo und Pala – tauchten alles in ein surreales Farbspektrum. Eo strahlte in einem gedämpften Grünton, der die dunklen Oliv- und Smaragdnuancen der Landschaft hervorhob. Die Photosynthese der Boronenflora musste davon regelrecht profitieren, dachte ich, und konnte nicht umhin, die Kombination aus biologischem Verständnis und ästhetischem Eindruck zu bewundern. Pala war fast neutral weiß und wirkte wie ein Korrektiv, das die Grüntöne ausglich und die Tiefe der Konturen schärfte. Ich ließ die Augen über die Küstenlinien und die Inselketten gleiten, spürte, wie die grüne Dominante und das weiße Licht miteinander spielten, wie Schatten und Helligkeit tanzten. Mein Herz schlug ein bisschen schneller, nicht nur wegen der Schönheit, sondern auch aus ehrfurchtsvollem Staunen über die Anpassung der Boronen an diese Lichterwelt.
Als wir die Handelsstation Freudenwonne erreichten und der Personentransporter andockte, überprüfte ich kurz die Systeme. Alles stabil. Ich griff nach meinem Kommunikator, um Martin zu kontaktieren. Die Verbindung war kurz, knapp, rein wirtschaftlich. Er sprach von Logistik, von Arbeitsabläufen, von Lieferplänen – sachlich, wie immer. Aber als das Thema Mari aufkam, änderte sich der Tonfall. Seine Stimme wurde wärmer, fast weich. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie seine Augen leuchteten, wenn er an sie dachte. Die beiden hatten eine lange gemeinsame Geschichte. Kinderjahre, Teenagerzeit, flüchtige Romanzen – doch die Wege hatten sich auseinanderentwickelt. Trotzdem lag etwas in seiner Stimme, ein unterschwelliges Band, das niemals ganz zerbrochen war. Ich ließ den Kommunikator sinken, die Erinnerung daran brannte kurz wie ein warmer Sonnenstrahl in mir.
Tahl rührte sich kaum neben mir, doch ich spürte die Präsenz, sein ruhiges Atemmuster. Bi Fi schwebte vor uns im Wasserbereich, seine Tentakel leicht pulsierend, als würde er die Atmosphäre aufsaugen, die ersten Eindrücke von Ni’sha’la. Ich konnte seine Faszination spüren, obwohl er kein Wort sprach.
Ich lehnte mich zurück, ließ den Kopf gegen die Polsterung fallen und atmete tief durch. Die Reise war reibungslos verlaufen, die Sterne hatten uns geleitet, und doch war da diese gespannte Erwartung in meiner Brust. Bald würden wir den Planeten betreten, und alles, was wir bisher nur aus den Erzählungen Bi Fis kannten, würde Realität werden. Ich konnte das Prickeln der Aufregung nicht unterdrücken, die Mischung aus Neugier, Ehrfurcht und dem leisen Gefühl, dass sich hier etwas Wesentliches ereignete.
Ich sah Tahl an, dann Bi Fi, und schließlich wieder hinaus ins System. Ein leiser Gedanke glitt mir durch den Kopf: Alles, was wir kannten, alles, was wir gelernt hatten, war nur Vorbereitung gewesen. Jetzt begann das eigentliche Abenteuer.

Ich trat vorsichtig durch den Ankunftsbereich und spürte sofort dieses eigenartige Gefühl von Kleinheit, als würde ich zwischen all den fremden Formen und Bewegungen kaum zählen. Die Röhren, durch die wir Luftatmer gehen konnten, wanden sich wie ein Labyrinth durch die Station. Ich hielt inne, sah hinaus durch das transparente Material und mein Herz machte einen Sprung. Boronen glitten in ihrem Wasser mit berauschender Geschwindigkeit, Tentakel elegant ausgebreitet, Augen unabhängig voneinander in alle Richtungen gerichtet. Ihre Bewegungen hatten eine hypnotische Präzision, als würden sie auf jedem Zentimeter Wasserfläche alle Strömungen spüren.
Zwischen ihnen ragten künstliche Korallenriffe empor, ihre Farben intensiv, fluoreszierend, fast zu perfekt, um echt zu sein. Einige Strukturen wirkten wie Miniaturwelten, in denen kleine Pflanzen und seltsam geformte Lebewesen zwischen den Korallen schwammen. Ich wusste nicht, ob das alles authentisch war oder ob die Boronen ein wenig Schwindel und Magie hineininterpretiert hatten, um ihre Heimat darzustellen. Trotzdem blieb ich stehen, vergaß für einen Moment, dass Tahl neben mir ging, und ließ meinen Blick schweifen.
Die Röhren führten uns in einen offeneren Bereich, und ich spürte sofort, wie sich die Perspektive änderte. Weite, großzügige Flächen, doch trotzdem klein wirkend, weil alles durch die gewölbte Architektur der Station dominiert wurde. Bäume standen hier wie Miniaturwälder, Blumenbeete strahlten Farbtupfer aus, kleine Brunnen plätscherten leise. Ich hob den Kopf und konnte die Weite der Kuppel sehen – eine komplexe Mischung aus Glas, Membran und lebendiger Biostruktur. Boronische Geschäfte lagen in Nischen, geschützt durch bioenergetische Membranen, die das Wasser zurückhielten. Ich spürte, wie ein leichter Luftzug an meinen Haaren zerrte, während ich die Membranen berührte, gespannt, wie diese Technologie funktionierte, um Wasser und Luft in so unmittelbarer Nähe zu trennen.
Bevor wir auf Ni’sha’la weiterreisen durften, mussten wir pausieren. Der Personentransporter wurde gewartet, desinfiziert, alles penibel vorbereitet, um die Heimatwelt der Boronen nicht durch Fremdkeime zu gefährden. Ich nutzte die Zeit, um die Geschäfte im Luftatmerbereich genauer zu betrachten. Viele flogen nur kurz an meinen Augen vorbei, doch ich blieb bei den Nahrungsmitteln hängen: Boron Fungus, kurz BoFu, dicht gepackte Algenbüschel, lebendes Plankton in glasklaren Behältern. Selbst Fische und andere Unterwassertiere waren ausgestellt, einige bewegten sich noch, andere schienen eingefroren in flüssiger Nährlösung. Für Boronen war das alles Nahrung; für mich und andere Luftatmer wirkte es eher wie eine kuriose Sammlung lebender Souvenirs. Ich spürte ein Kribbeln in den Fingern, eine Mischung aus Staunen und dem Drang, alles anfassen zu wollen, zu erkunden, zu verstehen, was hier wirklich vor sich ging.
Neben mir raschelte Tahl leise, ein Hinweis darauf, dass er ebenfalls fasziniert war, aber seine Haltung verriet, dass er sich auf mögliche Gefahren vorbereitete. Ich konnte nicht anders, als ihn anzugucken, ein halb belustigtes Lächeln auf den Lippen, dann wieder hinauszusehen und die Tentakel der Boronen zu verfolgen, wie sie durch die künstlichen Strömungen glitten. Jede Bewegung war ein Kunstwerk, jeder Blick ein winziges Mosaik an Wahrnehmung, das mich ehrfürchtig machte. Ich sog die Details in mich auf, wusste, dass ich hier etwas erleben würde, das ich nie wieder vergessen würde.

Ich saß auf der Parkbank und ließ die fremde Umgebung auf mich wirken. Vor mir breiteten sich Blumen aus, deren Formen und Farben ich noch nie zuvor gesehen hatte, ihre Blüten schimmerten in Tönen, die zwischen Violett, Blau und fast durchsichtigem Türkis changierten. Hinter mir ragte ein einzelner Alienbaum in tiefen violetten Farbtönen, seine Äste wie aus Glas geformt, leicht im künstlichen Wind wiegend. Alles hier wirkte fremd und doch beruhigend. Ich hatte mich in eine kleine Erholungskuppel zurückgezogen, umgeben von der glatten, transparenten Membran, die das Wasser beherbergte. Rund um mich schwammen verschiedenste Wasserlebewesen von Ni'sha'la, keine Boronen, nur kleine, leuchtende Fische, Tentakeltiere und merkwürdig geformte Pflanzenorganismen, die sich durch das Wasser wie grazil schwebende Skulpturen bewegten. Irgendetwas an der Stille und dem Fehlen der Boronen vermittelte mir den Eindruck, dass diese das Konzept von Erholung respektierten. Ich konnte fast fühlen, wie die Umgebung mich umarmte, während ich mich zurücklehnte und tief Luft holte.
Plötzlich erschien Tahl neben mir. Er setzte sich schweigend auf die Bank, und wir aßen etwas, das einem Burger ähnelte, von einem argonischen Händler auf der Station verkauft. Die Konsistenz war fester als ich erwartet hatte, die Aromen fremd, aber nicht unangenehm. Tahl bedankte sich, und ich musste schlucken – überrascht, dass er überhaupt das Wort ergriff. Normalerweise war er still, kontrolliert, fast reserviert, eine Eigenschaft, die er mit seiner Halbschwester teilte. Ich wollte unbedacht etwas erwidern, fast schon spöttisch, bereute es innerlich sofort. Doch zu meiner Überraschung lachte Tahl. Sein Nicken, diese kurze Bewegung, war ehrlicher als Worte. „Ich schätze, ich habe mehr mit meiner Halbschwester gemeinsam, als ich mir eingestehen wollte“, meinte er, entspannt auf der Bank zurückgelehnt.
Ich legte den Kopf schief, musterte ihn fragend. Tahl seufzte leise und sagte nur, dass er Gal immer als Konkurrenz gesehen hatte, nie als Teil der Familie. Jetzt, wo beider gemeinsamer Vater tot war, wusste er nicht mehr, was Roland in ihnen beiden gesehen hatte. Ich schluckte, suchte nach einer Antwort, aber mir fiel keine ein. Nur die Stille und die leise Bewegung der Blätter um uns herum füllten den Moment.
Später, auf dem Weg zurück zum Personentransporter, hatte ich mir einige Pflanzen und Nahrungsmittel besorgt, sie in einer Stasisbox verstaut, die im Schiff sicher lag. Wir konnten noch nicht ablegen, also setzte ich mich vor die Zugangsluke, die Membran vor mir wie eine verzerrte Linse. Ich beobachtete die Boronen, wie sie geschäftig von einem Punkt zum anderen schwammen, ihre Tentakel elegant ausgebreitet, ihre Augen flink jede Bewegung erfassend. Manche verschwanden in der Hülle, andere legten in einer Schleuse ihre Umweltanzüge an, um mit den Luftatmern zu interagieren. Ich konnte ihre schnellen Bewegungen fast meditativ verfolgen, jede Wendung, jeden Schwung der Tentakel. Die Art, wie sie durch das Wasser glitten, war anmutig, kraftvoll und zugleich unaufgeregt – ein perfektes Zusammenspiel von Instinkt, Bewegung und Kontrolle. Ich lehnte mich zurück, atmete tief durch und spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und leichter Müdigkeit, während ich einfach zusah, wie das fremde Leben um uns herum pulsierte.

Ich saß angeschnallt in meinem Sessel im Personentransporter, die Hände locker auf den Armlehnen, während sich die Schwingungen des Dockingmechanismus lösten. Mit einem leisen, metallisch-organischen Knacken öffnete sich der Verbindungspunkt zur Handelsstation Freudenwonne, und langsam glitt das Schiff zurück. Ich konnte das Licht durch die Membran sehen, wie es sich in tausend Facetten brach, als die Station kleiner wurde. Mein Herz schlug ein wenig schneller – nicht aus Angst, eher aus Aufregung, die Weite des Raumes vor mir zu spüren.
Wir traten in den Orbit ein. Die Sterne lagen wie Kristalle auf schwarzem Samt, und die beiden Sonnen des Systems – Eo in gedämpftem Grün, Pala in neutralem Weiß – tauchten den Raum in ein fast surreales Farbspiel. Ich konnte die Reflexionen auf der glatten Oberfläche des Transporters sehen, wie das Licht grünlich schimmerte und sich mit dem Weiß der zweiten Sonne vermischte. Die Stille war überwältigend; nur das leise Summen der Systeme und das sanfte Plätschern von Bi Fi’s Membranabteilung drang zu mir durch. Ich ließ den Blick durch das Sichtfenster schweifen und sah, wie die ersten Ozeane unter uns auftauchten, unendliche Flächen von tiefem Blau, durchzogen von grünlichen Schimmern, als ob das Licht selbst im Wasser lebte.
Wir flogen weiter, über die Weite dieser Ozeane, die ich so noch nie gesehen hatte. Vereinzelt tauchten Inselketten auf, ihre Oberflächen wirkte wie von Korallen überwuchert, schimmernd in Rosa, Türkis und Jade. Die Strukturen wirkten lebendig, obwohl sie starr waren, als hätte die Natur selbst hier architektonische Muster geschaffen. Ich lehnte mich leicht nach vorne, spürte die leichte Beschleunigung, als wir um eine der Inseln glitten, und musste unwillkürlich lachen, weil alles so unwirklich wirkte. Die Reflexionen des Wassers glitzerten auf dem Rumpf des Schiffes, und ich konnte sehen, wie die Wellenmuster mit dem Licht der beiden Sonnen spielten.
Dann begann das Eintauchen. Langsam, präzise, wie Bi Fi es gesteuert hatte, glitt das Schiff durch die Grenzschicht zwischen Luft und Wasser. Die Membran vor mir verzerrte die Sicht leicht, und das Licht änderte sich, wurde dumpfer, tiefer, gedämpft grün-blau, während wir unter die Oberfläche sanken. Ich spürte den Widerstand des Wassers, hörte das leise Rauschen an den Außenhüllen. Die Wasserwelt nahm mich sofort gefangen – winzige Partikel glitten vorbei, Lichtstrahlen brachen in Kristallfragmenten, winzige Schwärme von Fischen huschten durch die Strahlen.
Und dann, plötzlich, tauchte die Unterwasserstadt auf. Ich stockte. Alles wirkte gewachsen, nicht gebaut. Die Gebäude schienen aus dem Wasser selbst zu entstehen, wie Korallenbauten, aber viel größer, komplexer, in fließenden, organischen Formen. Wände und Türme wirkten, als seien sie von der Evolution selbst entworfen, glatt, verschlungen, durchsetzt mit lumineszierenden Strukturen, die in sanftem Grün und Blau leuchteten. Ich konnte Boronen sehen, die elegant zwischen den Strukturen glitten, ihre Tentakel ausgebreitet, Augen aufmerksam jede Bewegung registrierend. Die Stadt wirkte gleichzeitig sicher und lebendig, ein pulsierendes Netzwerk aus Wasser, Licht und Lebewesen.
Ich lehnte mich zurück, spürte das leichte Zittern des Schiffes, während wir langsam in die Nähe eines großen Eingangs schwebten, und meine Augen nahmen jedes Detail auf: die schimmernden Membranen, die leuchtenden Stränge, die von den Wänden ausgingen, die Wassertiere, die zwischen den Gebäuden schwammen, und die Boronen, die uns neugierig musterten. Es war atemberaubend. Ich spürte die Aufregung tief in meiner Brust, die Mischung aus Ehrfurcht und Vorfreude – wir waren hier angekommen, wirklich angekommen, und ich wusste, dass ich noch nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen hatte.

Ich trat vorsichtig aus dem Personentransporter, das Wasser um mich herum glitzerte im gedämpften Licht, das durch die Oberfläche drang, und sofort spürte ich die feine Strömung, die die Unterwasserstadt durchzog. Thal folgte dicht hinter mir, seine Bewegungen ruhig, fast meditativ. Wir hatten beide Anzüge, die uns das Atmen erlaubten, aber ich konnte die unbewusste Spannung in meinem Körper spüren – jeder Muskel angespannt, als müsste ich aufpassen, nicht mit einem Tentakel oder einem Strahl lebender Algen in Kontakt zu kommen. Bi Fi schwamm elegant neben der durchsichtigen Röhre her, sein Oberkörper leicht nach vorne geneigt, Tentakel rhythmisch pulsierend. Ich sah, wie er mich immer wieder prüfend ansah, als wollte er sicherstellen, dass wir uns nicht blamieren würden – als Luftatmer unter Wasser.
Der Tunnel, durch den wir gingen, war eng, doch vollkommen transparent. Ich konnte alles um mich herum sehen: die sanft fließenden Wände der Stadt, die Boronen, die zwischen den Gebäuden glitten, Fische, die in wirbelnden Schwärmen vorbeizogen, und die leuchtenden Stränge, die von den organischen Gebäuden ausgingen. Das Licht war gedämpft grün-blau, wie in einem Traum, und ich konnte die Reflexionen auf dem Glas der Röhre sehen, mein eigenes Spiegelbild verzerrt durch die Krümmung der Oberfläche. Ich zog die Schultern ein, spürte das leichte Beklemmungsgefühl, als wären wir in einer Röhre gefangen, und gleichzeitig fühlte ich mich sicher – wir hatten Luft, wir hatten Kontrolle, und Bi Fi wachte über uns.
Wir bewegten uns nach oben, langsam, die Strömung half uns ein wenig, aber ich musste meine Beine einsetzen, um die Richtung zu halten. Ich sah hinauf, wie sich die Struktur vor uns erhob: Popo Da’s Gebäude ragte majestätisch aus dem Meer, eine organische Spitze, die sich durch die Wasseroberfläche bis in die Luft streckte. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Wie sollte ein Borone zwei Welten gleichzeitig überblicken? Unter Wasser, in seiner natürlichen Umgebung, und über Wasser, wo Luftatmer wie wir existierten? Ich konnte das Konzept kaum fassen, aber ich war zu sehr fasziniert, um es zu hinterfragen.
Der Tunnel führte uns in das Innere des Gebäudes. Die Wände waren glatt, leicht schimmernd, und ich konnte die leichten Pulsationen spüren, als würde das Gebäude selbst atmen. Lichtbahnen verliefen entlang der Wände, leuchtend in grünlichen Tönen, die sich im Rhythmus des Wassers veränderten. Ich streckte die Hand aus, berührte die Röhre und spürte das subtile Vibrieren, die organische Reaktion des Materials auf die Bewegung unserer Körper.
Endlich erreichten wir die erste Ebene – unter Wasser. Ich konnte durch die Wandflächen die Umgebung beobachten: Boronen bewegten sich elegant zwischen den Terrassen und Plattformen, Tentakel glitten über glatte Oberflächen, die Augen in allen Richtungen wachsam. Es war fast wie ein Tanz, eine fließende Koordination, die ich nur schwer greifen konnte. Thal ging neben mir, seine Mimik konzentriert, aber ich konnte sehen, dass auch er fasziniert war.
Die zweite Ebene ragte über die Wasseroberfläche hinaus. Ich blickte hinauf und sah die obere Plattform, wie sie über uns schwebte, elegant, organisch geformt, die Außenwände transparent, sodass Popo Da den Himmel und die Sonne gleichzeitig sehen konnte, während er auch die Unterwasserwelt unter sich überwachte. Mein Kopf drehte sich leicht nach oben und dann nach unten, und ich musste schlucken. Es war ein Konzept, das ich nie zuvor gesehen hatte – zwei Welten gleichzeitig betrachten. Ich fragte mich, ob Boronen dies als gewöhnlich empfanden, oder ob es ein Ausdruck von Status und Macht war, ein Zeichen für den Diplomaten, der beide Sphären verstand und lenken konnte.
Wir bewegten uns weiter, den Tunnel hinauf, jedes kleine Pulsieren des Materials unter unseren Händen spürend. Bi Fi schwamm neben uns, ruhig, gelassen, und ich versuchte, jede Bewegung seiner Tentakel zu beobachten, jeden Ausdruck seines Oberkörpers, jede Nuance seines Schwebens. Mein Blick wanderte wieder zu Popo Da’s Büro, zwei Ebenen, Wasser und Luft, und ich konnte die Mischung aus Ehrfurcht und Unsicherheit nicht ablegen. War dies für einen Boronen Alltag oder ein Symbol dessen, wie sehr Macht, Kontrolle und Umweltverständnis miteinander verbunden waren? Ich wusste es nicht, aber ich spürte, dass ich in wenigen Augenblicken Antworten bekommen würde.

Ich betrat Popo Da’s Büro und spürte sofort die Präsenz des Diplomaten. Er schwebte leicht über der unteren Ebene, Tentakel locker pulsierend, die Augen wach und analytisch. Die obere Ebene ragte über die Wasseroberfläche hinaus, und doch wirkte Popo Da vollkommen geerdet, als hätte er alles unter Kontrolle. Bi Fi schwamm dicht neben ihm, Körper leicht gebogen, bereit, Informationen zu liefern, während Thal still im Hintergrund blieb, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Tori-san“, begann Popo Da, seine Stimme war tief, fließend, fast musikalisch. „Bi Fi hat mir von Ihren Unternehmungen erzählt. Ihre Anshin Yatei scheinen ein interessantes Modell zu sein. Sie wollen also boronische Nahrungsmittel in Ihrer Welt einführen?“
Ich nickte, legte die Hände auf den Tisch, fühlte die leichte Vibration durch das organische Material. „Genau. Aber nicht als Massenware. Es geht mir darum, echte boronische Produkte zu sichern – BoFu, BoGas, Algen, Plankton. Ich möchte, dass die Speisen ihre natürlichen Qualitäten behalten, unverfälscht, so wie sie in Ihrer Welt existieren. Für bestimmte Konsumenten, die empfindlich auf künstliche Zusätze reagieren, und für eine Erweiterung der kulinarischen Vielfalt.“
Popo Da neigte den Kopf leicht, seine Augen verfolgten jeden meiner Bewegungen. „Ich verstehe. Unsere Lebensmittel sind Teil unserer Kultur, unserer Identität. Ihre Integrität ist uns wichtig. Bi Fi, was können Sie über die Machbarkeit sagen?“
Bi Fi schwamm leicht nach vorne, Tentakel sanft pulsierend. „Exzellenz, Tori-san ist ein erfahrener Unternehmer. Sein Unternehmen achtet sehr genau auf Qualität und Authentizität. Er hat bereits bewiesen, dass er Nahrungsmittel in Originalzustand halten und verarbeiten kann, ohne sie zu beschädigen. Die Einführung auf Argon Prime wäre für Ihre kulinarischen Diplomaten von Vorteil, wenn alles korrekt gehandhabt wird.“
Popo Da schloss kurz die Augen, eine Bewegung, die Ruhe und Nachdenklichkeit signalisierte. „Wenn Ihre Produkte über eine gewisse Zeit von unserem diplomatischen Personal als vorteilhaft und sicher bewertet werden, könnte dies die Grundlage für eine zukünftige, weitergehende Kooperation im boronischen Raum bilden. Ihre Absicht ist also nicht Massenproduktion, sondern gezielte, qualitative Integration?“
„Exakt“, antwortete ich, meine Stimme fest, aber respektvoll. „Ich will keine Massenware. Ich will Qualität. Ich möchte wissen, dass jede Alge, jeder Planktonfaden, jedes BoFu-Fragment in dem Zustand bleibt, in dem es bei Ihnen produziert wird. Wenn wir das richtig machen, können wir beide langfristig profitieren: Ihr Wissen und Ihre Produkte, unsere Infrastruktur und Reichweite.“
Popo Da ließ sich langsam auf die untere Ebene sinken, Tentakel leicht zuckend, als überlegte er. „Sie verstehen also die Balance zwischen Natur und Kontrolle. Sehr gut. Ihre Philosophie entspricht dem, was wir schätzen: Respekt für die Rohstoffe, Verständnis für die biologischen Eigenheiten. Bi Fi, überwachen Sie diesen Prozess. Stellen Sie sicher, dass die Regeln eingehalten werden.“
Ich nickte, spürte ein leichtes Kribbeln vor Aufregung. „Natürlich. Wir werden alles dokumentieren und sicherstellen, dass keine Veränderung an den Rohstoffen vorgenommen wird. Alles bleibt natürlich, alles bleibt boronisch.“
Popo Da neigte den Kopf, als hätte er ein unsichtbares Urteil gefällt. „Dann ist dies ein Anfang. Wir werden Ihnen Zugang zu unseren Ressourcen gewähren, solange die Zusammenarbeit unseren Standards entspricht. Qualität über Quantität, Respekt über Gewinn. Ich werde beobachten, wie sich dies auf Ihr Personal auswirkt, und wenn das Feedback positiv ist, könnten wir auf langfristige Zusammenarbeit übergehen.“
Ich spürte die Spannung im Raum nachlassen. Thal lehnte sich leicht an die Wand, die Arme verschränkt, und ich konnte ein kurzes, zustimmendes Nicken erkennen. Bi Fi schwamm aufgeregt, tentakelbewegend, und ich wusste, dass er erleichtert war, dass alles glatt lief. Ich atmete tief durch, sah Popo Da direkt in die Augen und sagte ruhig: „Dann fangen wir an. Ich werde persönlich sicherstellen, dass Ihre Produkte korrekt gehandhabt werden. Ihre Kultur, Ihre Nahrung, Ihre Traditionen – alles wird respektiert.“
Popo Da neigte den Kopf einmal, fast imperativ, dann schwieg er. Das war das Zeichen: Verhandlung abgeschlossen. Wir hatten ein Anfangsabkommen. Ich konnte es kaum erwarten, die Produkte zu sehen, zu begutachten, und herauszufinden, wie sie sich in meiner Welt einfügen würden – und ob unsere Philosophie, Qualität vor Quantität, wirklich Früchte tragen konnte.

Ich folgte Bi Fi durch den glasklaren Tunnel, der die Oberfläche mit der unter Wasser liegenden Zuchtanlage verband. Jeder meiner Atemzüge hallte leise in der durchsichtigen Röhre, während ich die schimmernden Reflexionen des Wassers auf den Wänden beobachtete. Außerhalb der Membran glitten Boronen anmutig vorbei, ihre Tentakel flossen wie flüssige Bänder durch die Strömung, und ihre Augen fixierten uns neugierig, aber ohne Bedrohung. Bi Fi bewegte sich leicht pulsierend neben der Röhre, ein beruhigendes Leuchten von seinem Körper, und wies immer wieder auf Details hin, während ich alles aufmerksam studierte.
Die Höhle selbst war beeindruckend. Sie war natürlich gewachsen, das Gestein wirkte porös, feucht und dennoch fest, und die Decke war übersät mit leuchtenden Mineralien, die das grüne und blaue Licht der Umgebung reflektierten. Überall wuchsen die BoFu-Kulturen, die Boronen sorgfältig gezüchtet hatten. Die Pilze selbst hatten eine eigenartige, leicht transluzente Textur, teilweise in dunklem Moosgrün, teilweise in einem warmen, goldenen Schimmer, als hätte jede Kolonie ihr eigenes inneres Licht. Bi Fi deutete auf die größeren Blöcke, auf denen die Pilze geduldig heranwuchsen. „Diese Kolonien sind mehrere Jahre alt. Qualität und Struktur müssen exakt gehalten werden, sonst verändert sich der Geschmack und die Nährwerte“, erklärte er in fließendem Tonfall, während seine Tentakel sanft durch die Wasserströme pulsieren, um die Strömung der Nährlösungen zu prüfen.
Ich trat näher an eine der größeren BoFu-Flächen heran, ließ meine Hand knapp über die Membran schweben und beobachtete, wie die feinen Fasern sich wie kleine Wellenbewegungen bewegten. Ich konnte fast den Duft der Kulturen wahrnehmen, einen erdigen, aber zugleich salzigen, mineralischen Geruch, der irgendwie vitalisierend wirkte. Ich beugte mich leicht vor, meine Augen scannten die Textur und die Dichte der Kolonien, und meine Gedanken rasten: Diese Qualität, diese Reinheit – das musste unverfälscht bleiben, wenn ich es auf Argon Prime einführen wollte.
Während ich mich weiter umsah, überkam mich ein unangenehmes, aber dringendes Bewusstsein: Die Transportkosten für einen derartig empfindlichen Güterstrom von Königstal nach Argon Prime würden astronomisch sein. Ich zog die Augenbrauen hoch, meine Finger trommelten unwillkürlich auf der Röhre, und ich spürte, wie mein Verstand begann, Pläne zu entwickeln. Allein auf externe Frachter angewiesen zu sein, würde meine Marge ruinieren – und noch schlimmer, es würde die Logistik so kompliziert machen, dass eine regelmäßige Lieferung praktisch unmöglich wäre.
Mein Blick schweifte über die Höhle, auf die kunstvoll gepflegten BoFu-Stämme, auf die vorsichtigen Bewegungen der Boronen, und ein Gedanke festigte sich: Mein Unternehmen musste wachsen. Ich musste eigene Raumfrachter haben. Eigene Piloten, die ich schulen konnte, die die Besonderheiten der Boronenprodukte verstanden und garantieren konnten, dass die Qualität von der Zuchtstätte bis zu unseren Yateis erhalten blieb. Ich spürte die Aufregung, ein leichtes Prickeln in meinen Fingerspitzen, als sich der Plan in meinem Kopf formte.
Bi Fi schwamm neben mir her, deutete auf die dünnen Rinnsale von Nährlösung, die jede Kolonie mit Perfektion versorgten, und ich nickte nur stumm. Ich war noch immer fasziniert von der Präzision, der Liebe zum Detail, und doch raste mein Kopf bereits: Lagerung, Transport, Kühlung, eigene Piloten, Raumschiffe, Routenplanung – das Unternehmen auf eine neue Ebene heben. Ich konnte mir vorstellen, wie ich später die Frachter überwachte, wie ich selbst die Lieferung begutachtete und gleichzeitig neue Produkte testen ließ.
„Beeindruckend“, murmelte ich schließlich, meine Augen immer noch auf die wachsenden Kolonien gerichtet, und meine Stimme klang leise ehrfürchtig. „Diese Qualität… ich muss sicherstellen, dass sie so erhalten bleibt, egal wohin sie gehen.“
Bi Fi nickte, Tentakel leicht zuckend, als hätte er meine Gedanken bereits geahnt. „Die Boronen wachen genau darüber. Wer hier arbeitet, versteht die Verantwortung. Wenn Sie diese Kolonien transportieren wollen, müssen Sie ebenso sorgfältig sein.“
Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und spürte die Entschlossenheit in mir aufsteigen. Das war nicht länger nur ein Handelsabkommen. Das war der nächste Schritt, der Schritt, der meine Firma von einem lokalen Anbieter zu einer interstellaren Infrastruktur bringen würde. Der Gedanke an eigene Frachter und Piloten ließ ein selbstbewusstes Lächeln auf meinem Gesicht entstehen, während ich durch die Röhre die pulsierende Höhle betrachtete, die BoFu wie lebendige Schätze in ihrem Wasserbett präsentierte.

Als wir erneut in Popo Da’s zweigeteiltem Büro standen – halb unter Wasser, halb im Licht über der Oberfläche –, fühlte sich die Atmosphäre anders an. Weniger ehrfürchtig, mehr geschäftlich. Thal stand wie gewohnt leicht hinter mir, die Hände verschränkt, der Blick ruhig, aber aufmerksam. Bi Fi schwebte nahe bei Popo Da, Tentakel in einem langsamen, kontrollierten Rhythmus.
Ich hatte die Zahlen vorbereitet. Überschlagswerte, konservativ gerechnet. Transport von Ni’sha’la nach Argon Prime, Kühlketten, spezialisierte Frachträume, Versicherung, Zölle, diplomatische Gebühren. Ich projizierte die Kalkulation auf die halbtransparente Membranfläche des Raumes.
„Das sind realistische Minimalwerte“, sagte ich ruhig, aber ich merkte selbst, wie sich meine Kiefermuskulatur leicht anspannte. „Selbst bei optimierter Auslastung stehen die Logistikkosten in keinem Verhältnis zu den aktuell geringen Verkaufsmengen. Wir sprechen hier nicht von Massenabsatz. Noch nicht.“
Popo Da ließ seine Augen langsam über die Zahlen gleiten. Seine Mimik blieb schwer lesbar, aber ich sah das leichte Innehalten seiner Tentakel – ein Zeichen, dass er die Tragweite verstand.
Thal hatte mich während der Besichtigung der Höhlen nüchtern darauf hingewiesen. „Das frisst deine Marge“, hatte er gesagt. Er hatte recht.
Ich atmete kontrolliert aus. „Deshalb habe ich zwei Vorschläge.“
Popo Da neigte minimal den Oberkörper. „Wir hören.“
„Erstens“, begann ich, „die Boronen verhandeln mit der Argon Föderation und errichten im argonischen Territorium eine weltraumgestützte Zuchtanlage für boronische Grundnahrungsmittel. BoFu, BoGas, Plankton, Algen. Direkt vor Ort produziert. Keine interstellaren Transportketten.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann senkte Popo Da leicht den Blick.
„Diplomatisch komplex“, sagte er schließlich ruhig. „Eine dauerhafte boronische Produktionsstruktur im Hoheitsgebiet der Argonen würde umfangreiche Verträge erfordern. Genehmigungen. Sicherheitsabkommen. Und kontinuierliche Abgaben pro Mazura an die Föderation.“
Bi Fi ergänzte sachlich: „Diese Kosten würden an Sie weitergegeben, Tori-san. Sie müssten sie einkalkulieren.“
Ich nickte knapp. Ich wusste, was das bedeutete.
Popo Da führte aus: „Das Königinnenreich würde laufende Zahlungen leisten. Diese würden in Ihre Einkaufspreise einfließen. Das Resultat wäre eine Preissteigerung Ihrer Endprodukte auf Argon Prime.“
Ich presste kurz die Lippen zusammen. Genau das wollte ich vermeiden. Meine Kundschaft akzeptierte Exklusivität – aber nicht unbegrenzte Preisexplosionen.
„Verstanden“, sagte ich. „Dann zum zweiten Vorschlag.“
Ich trat einen halben Schritt vor, legte die Hände hinter dem Rücken. „Statt boronischer Grundnahrung verwenden wir argonisches Plankton und argonische Algen. Wir passen sie an die biologischen Bedürfnisse der Boronen an.“
Bi Fi hob leicht die oberen Tentakel, aufmerksam.
„Im Grunde“, fuhr ich fort, „ist es ohnehin so, dass fast alle Spezies in den Anshin Yateis überwiegend argonische Nahrungsmittel konsumieren – teils ergänzt durch alien-spezifische Bestandteile. Das eigentliche Problem ist nicht die Herkunft. Das Problem ist die Masse. Und die Kontinuität der Beschaffung.“
Ich blickte Popo Da direkt an. „Wenn wir argonische Basisressourcen verwenden, reduzieren wir die Logistikkosten drastisch. Wir bleiben flexibel. Und wir handeln im Sinne der Anshin Yatei: Anpassung an lokale Gegebenheiten.“
Popo Da schwieg länger. Seine Augen wanderten zwischen mir und Bi Fi.
„Eine interessante Betrachtung“, sagte er schließlich. „Sie schlagen vor, boronische Ernährungsprinzipien auf argonische Rohstoffe zu übertragen.“
„Ja.“ Ich nickte fest. „Die Qualität liegt in der Verarbeitung, nicht zwingend im Ursprungswasser.“
Ich machte eine kurze Pause. Dann stellte ich die entscheidende Frage.
„Wie beziehen die Boronen auf Argon Prime derzeit ihre Nahrung?“
Bi Fi antwortete unmittelbar. „In der Botschaft existieren mehrere kleine Zuchtanlagen. Autark. Geschlossenes System.“
Meine Augen weiteten sich minimal. „Mehrere?“
„Ja“, bestätigte er ruhig. „Ausreichend für das diplomatische Personal.“
In meinem Kopf begannen sofort Berechnungen zu laufen. Wenn dort bereits funktionierende Anlagen existierten, dann gab es Know-how, Infrastruktur, vielleicht sogar Überkapazitäten.
„Dann könnten wir—“
Bi Fi hob einen Tentakel leicht, fast entschuldigend. „Die Produktion reicht ausschließlich für das Botschaftspersonal. Es existieren keine nennenswerten Überschüsse.“
Ich spürte, wie meine Schultern sich einen Moment lang spannten. Natürlich. Es wäre zu einfach gewesen.
„Gar nichts abzweigbar?“ fragte ich dennoch.
„Nicht ohne die Versorgung des Personals zu gefährden.“
Ich atmete durch die Nase ein, langsam. Enttäuschung blitzte kurz auf, aber sie verwandelte sich sofort in neue Kalkulation.
Popo Da beobachtete mich genau. „Ihre Denkweise ist effizient, Tori-san. Sie suchen strukturelle Lösungen.“
„Ich suche nachhaltige Lösungen“, korrigierte ich ruhig. „Ein System, das sich trägt. Ohne permanente Defizite.“
Wieder Stille. Nur das leise Pulsieren der organischen Wände war zu hören.
In meinem Kopf formte sich bereits der nächste Schritt. Wenn die Botschaft kleine Anlagen betreiben konnte, dann konnte ich das auch. Vielleicht nicht sofort in großem Maßstab. Aber skalierbar. Modular.
Ich hob den Blick wieder zu Popo Da. „Dann werde ich prüfen, ob wir eigene angepasste Zuchtmodule auf Argon Prime errichten können. Mit boronischer Beratung.“
Bi Fi sah kurz zu seinem Vorgesetzten.
Popo Da antwortete kontrolliert: „Beratung ist denkbar. Produktion unter Ihrer Verantwortung.“
Ich nickte langsam. Das war kein Durchbruch. Aber es war eine Tür. Und Türen reichten mir.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 15 - Überlegungen

Ich spürte das Wasser um mich herum, schwerer als die Luft, die ich sonst atmete, und doch vertraut nach all den Reisen mit Bi Fi. Mein Umweltanzug passte sich perfekt an meinen Körper an, hielt mich warm und ließ mich frei schwimmen. Neben mir glitt Tahl ruhig durchs Wasser, sein Gesichtsausdruck neutral, wie immer, nur die Augen wachsam auf die Umgebung gerichtet. Bi Fi schwebte elegant ein Stück über uns, die Tentakel sacht pulsierend, als wolle er uns vorantreiben, ohne je zu drängeln.
Die Zuchtanlage erstreckte sich in einem beeindruckenden Labyrinth aus transparenten Röhren und kuppelförmigen Becken. Grünes, blaues und rot-orangefarbenes Licht schimmerte durch das Wasser, reflektierte an den Glaskuppeln und erzeugte ein fast hypnotisches Spiel von Schatten und Farbreflexionen. Überall waren die Algen dicht gewachsen, manche in langen, schmalen Bändern, andere wie buschige Sträucher, fast wie winzige Unterwasserbäume.
Der zuständige Betreuer, ein Borone mittleren Alters, schwamm auf uns zu, nickte respektvoll und begann zu sprechen: "Willkommen in unserer Anlage. Hier züchten wir die grundlegenden Algenarten, die für das Boronische Ökosystem essenziell sind. Es gibt die Chlorospec, eine grünliche, schnell wachsende Alge, reich an Proteinen und Mineralien – ideal als Grundnahrung. Dann die Rubrocea, rötlich-violett, eher langsam wachsend, aber sehr gehaltvoll in Vitaminen, vor allem für die Immunstärkung. Die Blauflorens liefert essentielle Fettsäuren und Pigmente, die wir in der Farbstoffherstellung nutzen, aber auch in Nahrungsmitteln für Geschmack und Farbe. Schließlich die Macroplanktos, große, strauchartige Algen, die wir sowohl als Filtermedium im Wasser nutzen als auch getrocknet zu Pulver für Nahrungsergänzungen verarbeiten."
Er deutete mit einer Tentakelbewegung auf ein Becken, das besonders dicht bewachsen war. "Mit diesen Algen lassen sich unzählige Produkte herstellen: Nahrung, sowohl frisch als auch getrocknet oder gepresst, Nahrungsergänzungsmittel, Farb- und Aromastoffe, sogar medizinische Präparate, da einige Algen bioaktive Stoffe enthalten, die die Heilung fördern oder die Widerstandskraft erhöhen. Wir experimentieren auch mit der Fermentation, um neue Konsistenzen und Geschmacksprofile zu erzeugen, die in den Anshin Yateis sehr beliebt wären. Außerdem liefern sie Sauerstoff und helfen, das Wasser zu stabilisieren – ein kleiner, aber wichtiger Teil unseres ökologischen Kreislaufs."
Ich schwamm langsamer, ließ die Worte auf mich wirken und betrachtete jede Alge eingehend. Die Struktur, die Farben, das Schimmern im Wasser – es war faszinierend. Tahl schwieg neben mir, aber ich konnte die Andeutung eines Lächelns in seinen Augen erkennen. Bi Fi beobachtete mich, die Tentakel leicht nach oben ausgerichtet, als wollte er sicherstellen, dass ich keine der Details übersehe.
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf: Die Transportkosten nach Argon Prime werden astronomisch sein. Aber wenn ich das richtig plane… eigene Frachter, eigene Piloten, ein kontinuierlicher Fluss von Algen und Plankton, direkt aus dem System Königstal… Ich spürte ein Kribbeln der Aufregung. Plötzlich war die Zuchtanlage nicht nur ein Wunder für die Augen, sondern ein Schlüssel zu einer neuen Ebene meines Unternehmens.
Ich nickte Bi Fi zu. "Das ist unglaublich. Ich muss darüber nachdenken, wie wir das alles effizient nach Argon Prime bringen können. Tahl, ich glaube, wir müssen wirklich über eigene Frachter nachdenken."
Tahl nickte langsam, ruhig, seine Hand ruhte kurz auf meiner Schulter – ein stilles Zeichen der Zustimmung. Bi Fi schwebte ein Stück zurück, seine Augen funkelten im Licht des Wassers, fast so, als wüsste er, dass er gerade Zeuge von etwas Größerem wurde: den ersten Schritten eines Projekts, das weit über die bloße Zucht von Algen hinausgehen würde.

Ich saß wieder in Popo Das Büro, die gläserne Front gab den Blick auf die sanften Wellen oberhalb der Unterwasserstadt frei. Die beiden Ebenen seines Büros wirkten fast surreal – unten glitzerte das Wasser mit den Algenbeeten, oben lag die Luftschicht wie eine eigenständige Welt darüber. Ich lehnte mich leicht nach vorn, meine Hände auf den Schreibtisch gestützt, und ließ die Worte sorgfältig abwägen, bevor sie meine Lippen verließen.
"Popo Da, Bi Fi," begann ich, die Blicke zwischen beiden wandernd, "ich würde gern einige Pflanzenmuster mitnehmen – Algen, BoFu, alles, was wir hier gesehen haben – um zu prüfen, wie sie sich in der Umgebung von Argon Prime entwickeln. Ich möchte testen, wie sie sich verändern, ob sie weiterhin nutzbar bleiben, und ob wir daraus neue Produkte herstellen können." Ich spürte ein leichtes Flattern in meinem Bauch, diese Mischung aus Respekt und Geschäftseifer, und zog die Lippen ein wenig zusammen, während ich auf ihre Reaktionen wartete.
Bi Fi nickte leicht, seine Tentakel zuckten sacht, als würde er innerlich abwägen, während Popo Da die Hände vor der Brust verschränkte, die Gesichtszüge konzentriert. Ich hielt kurz inne, um die Wirkung meiner nächsten Worte zu verstärken: "Im Gegenzug biete ich an, dass das boronische Diplomatencorps exklusiven Zugang zu den neuen Gerichten erhält, bevor wir sie in die Menüs der Anshin Yateis aufnehmen. So profitieren eure Botschaften direkt von den Experimenten."
Ich lehnte mich etwas zurück, atmete tief ein und fuhr fort, meine Stimme fest, aber nicht fordernd: "Außerdem würde ich gern erneut nach Ni’sha’la kommen, um hier zu expandieren. Diesmal allerdings nicht unter der Marke Anshin Yatei, sondern unter Omni-Food Products, einem Teil von Universal Nourishment Organization. So kann ich unsere Arbeit hier unabhängig skalieren, während ich die bisherigen Strukturen der Yateis respektiere."
Ich beobachtete, wie Popo Da die Stirn leicht runzelte, die Augen die gläserne Kuppel über mir absuchend, und dann langsam nickte, als wollte er den Ernst meiner Vorschläge würdigen. Bi Fi machte eine kleine Bewegung der Tentakel, die wie ein zustimmendes Flackern wirkte, bevor er sich wieder still zurückzog.
Ich spürte, wie ein kleiner Funken Erleichterung durch meinen Körper fuhr. Die Spannung der letzten Tage, die unzähligen Rechnungen und Szenarien im Kopf, die Kalkulation der Transportkosten – all das bündelte sich in diesem Moment zu einem klaren Bild. Ich wusste, dass dies der nächste Schritt war, um meine Vision weiterzutragen, und dass ich sowohl Popo Da als auch Bi Fi auf meiner Seite haben musste.
"Natürlich," fügte ich vorsichtig hinzu, "alle Muster, die ich mitnehme, werden sorgfältig dokumentiert, und ich werde den Fortschritt transparent berichten. Ich möchte, dass die Boronen die Entwicklung jederzeit nachvollziehen können." Ich spürte, wie die Worte den Raum füllten, das Wasser um uns herum leicht schimmerte in dem gedämpften Licht der beiden Sonnen, und ich wartete, die Hände immer noch leicht angespannt, auf die Antwort.

Ich ließ mich in das transparente Sofa sinken, spürte das leichte Nachgeben des mit Wasser gefüllten Polsters unter mir. Die Membran spannte sich seltsam um meinen Körper, beinahe so, als könnte sie jeden Moment wie ein überfüllter Luftballon platzen. Ich ließ die Finger leicht über die glatte Oberfläche gleiten, spürte die kühle Flüssigkeit, das sanfte Nachschwingen der Membran. Trotz der Unsicherheit wusste ich, dass Boronen solche Materialien extrem belastbar konstruierten. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine Membran beschädigt zu haben, und war mir sicher, dass diese hier meine ganze Kraft mühelos aushalten würde.
Tahl stand wie immer etwas abseits, ruhig, fast unbewegt, die Augen jedoch wachsam auf alles gerichtet, was sich in dem Büro bewegte. Ich beobachtete ihn einen Moment, dann richtete ich mich auf und sagte: "Tahl, ich will eine ganze Frachterflotte aufbauen – Bio Logistics Division. Argonische Waren zu den Boronen bringen, boronische Grundnahrungsmittel zurück. Vollständig kontrolliert, effizient." Ich sprach das Wort „Flotte“ mit einer Mischung aus Begeisterung und Pflichtbewusstsein aus, während ich die Hände leicht auf meinem Tablet abstützte.
Tahl zog die Augenbrauen hoch, die Arme verschränkt. „Und die Sicherheit? Wer soll das alles beschützen?“ fragte er, die Stimme ruhig, aber scharf.
„Dafür will ich die Sustenance Security Agency aufbauen,“ antwortete ich, die Worte mit Nachdruck sprechend. „Eine eigene Sicherheitsabteilung, die unsere Frachter begleitet. Allerdings,“ ich lehnte mich vor, die Stimme niedriger, verschwörerisch, „habe ich auch darüber nachgedacht, die Flugpläne anderer Frachter zu prüfen, anzufragen, ob wir die Routen gemeinsam nutzen können. Begleitschutz für alle – Kosten gesenkt.“
Tahl rollte mit den Augen, sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Ungläubigkeit und leichtem Amüsement. „Und woher willst du die Frachter und das Personal nehmen? Und die Credits?“ Seine Stimme war trocken, kein Vorwurf, eher die nüchterne Realität, gegen die ich immer wieder ankämpfen musste.
Ich hob mein Tablet, ließ das Licht aufblitzen, zeigte ihm die ersten Überschlagsberechnungen. „Berechnungen sind gemacht,“ sagte ich ruhig, die Finger leicht über das Display fahrend. Dann lehnte ich mich näher zu ihm, meine Stimme wurde fast ein Flüstern: „Und in den Unterlagen von Roland habe ich… verschiedene ‚Möglichkeiten‘ entdeckt.“ Ich ließ das Wort schwer wirken, sah, wie sich sein Blick kurz verhärtete.
Bevor Tahl antworten konnte, traten Popo Da und Bi Fi wieder ins Büro. Popo Da, die Tentakel hinter dem Rücken windend, nickte leicht, während Bi Fi seine Tentakel sachte durch die Luft gleiten ließ, als wollte er das Gesagte unterstreichen.
„Die Proben aller Nahrungsmittel werden in den Personentransporter geladen,“ bestätigte Popo Da, seine Stimme ruhig, diplomatisch. „Sie werden in Stasis versetzt. So verderben sie nicht während des Transports.“
Ich lehnte mich zurück, ein Gefühl der Erleichterung durchströmte mich. Die ersten Hürden waren genommen, die logistischen Fragen vorläufig beantwortet. Tahl nickte knapp, immer noch zurückhaltend, doch ich konnte erkennen, dass er zumindest die Machbarkeit meiner Pläne nun in Betracht zog. Ich ließ die Finger über das Tablet schweifen, stellte mir vor, wie die Flotte eines Tages die Handelsrouten zwischen Argon Prime und Ni’sha’la überquerte, während die Boronenproben sicher in Stasis ruhten, bereit, eine neue Ära kulinarischer und wirtschaftlicher Kooperation einzuleiten.

Ich lehnte mich zurück in den Sitz des Personentransporters, die Hände auf den Knien verschränkt, und ließ meinen Blick auf die undurchsichtige Membran vor mir gleiten. Hinter dieser Trennwand befand sich Bi Fi, entweder in Arbeit vertieft oder im Schlaf versunken – ich konnte es nicht sagen, und das ließ mir Raum für Fantasie. Ich fragte mich, wie ein schlafender Borone wohl aussah, ob die Tentakel regungslos hingen oder sich sanft bewegten, als würden sie noch in den Strömungen ihres Ozeans treiben. Ich hatte den Drang, näher zu sehen, doch ich hielt mich zurück, respektierte die Privatsphäre dieser fremden, faszinierenden Kreatur.
Ich wandte mich an Tahl, der ruhig neben mir saß, die Arme leicht vor der Brust verschränkt, das Kinn leicht gesenkt, den Blick auf das Innere des Transporters gerichtet. "Sag mal, Tahl," begann ich vorsichtig, "warum bist du überhaupt mitgekommen? Du hast doch Verpflichtungen als Sicherheitschef auf Alpha 1, oder?"
Tahl ließ einen hörbaren, scharfen Atemzug entweichen, nicht entspannt, eher ein leises Knurren gegen die Frage. "Einige Überstunden und angesammelter Urlaub," erklärte er schließlich, die Stimme trocken, nüchtern. "Ich nutze das, um meinem lamentierenden Stellvertreter zu entkommen. Der hängt mir seit Wochen in den Ohren."
Ich nickte, ließ die Frage in mir sacken, und da wir ohnehin im Smalltalk waren, schob ich behutsam nach: "Und… wie steht es um deine Familie?"
Seine Augen verengten sich, er fixierte mich für einen Moment, als hätte ich eine unsichtbare Grenze überschritten. "Woher willst du über meine Familie Bescheid wissen?"
"Öffentlich zugänglich," antwortete ich nur ruhig, ein leichtes Schulterzucken. "Man muss nicht viel Aufwand betreiben, um Informationen zu bekommen."
Er atmete hörbar aus, diesmal mit einem Hauch von Resignation. "Diese Reise," sagte Tahl leise, "hat auch den Zweck, Abstand von meiner Frau zu gewinnen. Zwischen uns kriselt es gerade. Wir haben eine ältere Tochter und einen jüngeren Sohn, der Ehevertrag wurde auf zehn Jahre verlängert, aber mit der Geburt der Kinder, meiner gefährlichen Arbeit und den unzähligen Überstunden bleibt das Familienleben langsam auf der Strecke. Meine Frau will die Kinder nicht auf einer Handelsstation aufwachsen lassen."
Ich schwieg, hörte aufmerksam zu, nahm jedes Detail in mich auf. Tahl lehnte sich leicht zurück, die Hände locker auf den Beinen, ein Schatten von Sorge in seinen Augen. Ich verstand, warum er die Einladung nach Königstal angenommen hatte – eine Gelegenheit, Abstand zu gewinnen, den Kopf frei zu bekommen.
"Also hast du das ausgenutzt," sagte ich vorsichtig, "um mit uns zu reisen, ohne die Pflichten auf Alpha 1 zu vernachlässigen." Tahl nickte kaum merklich. Ich hakte weiter nach: "Hast du über mein Angebot nachgedacht, den Posten auf Alpha 1 aufzugeben und stattdessen Chef der SSA zu werden?"
Er machte ein Gesicht, als hätte ich ihn auf frischer Tat ertappt, die Augenbrauen hochgezogen, die Lippen leicht zusammengepresst. Nach einem Moment der Stille nickte er schließlich, ein stilles Eingeständnis: "Ja… auch diese Reise dient dazu, meinen Kopf frei zu bekommen, nachzudenken."
Ich legte meine Hand auf seine Schulter, spürte die feste Spannung unter dem Arm und sagte ruhig: "Du solltest mich deiner Familie vorstellen. Dann können wir gemeinsam über die Zukunft reden."
Tahl nickte, leichtes, fast unsicheres Lächeln auf den Lippen, und für einen Moment herrschte Ruhe zwischen uns. Nur das leise Summen des Personentransporters und das ferne Gluckern der Boronenbereiche draußen waren zu hören. Ich fühlte eine Mischung aus Verantwortung, Erleichterung und stiller Vorfreude – als hätte sich gerade eine kleine Tür zu einer neuen Möglichkeit aufgestoßen.

Ich blinzelte, als ich langsam aus dem leichten Dämmerzustand erwachte. Die ruhige Vibration des Personentransporters unter mir verriet, dass wir bereits eine ordentliche Strecke hinter uns gelassen hatten. Die Sicht durch die Membran war dunkel, nur das schwache Leuchten entfernter Sterne tanzte in meinen Augenwinkeln. Ich rieb mir das Gesicht, streckte die Arme und merkte, dass Tahl mich bereits mit einem dieser durchdringenden Blicke musterte – einen Blick, der sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Sag mal, Tori…“ begann er, seine Stimme ruhig, aber mit einem Unterton, der keine Ausweichmöglichkeiten zuließ. „Wenn du wirklich in den Weltraum expandieren willst, wo würdest du beginnen?“
Ich ließ mich schwer gegen die Rückenlehne meines Sitzes sinken, dachte kurz nach, während mein Blick über die sanft schwingenden Kabel und Anzeigen des Transporters glitt. Ich hatte über diese Frage schon länger nachgedacht, oft nachts, wenn ich allein auf der Brücke nahe des Anshin Shokudō saß oder die Lieferungen plante. „Zwei Möglichkeiten“, sagte ich schließlich, meine Stimme noch vom Schlaf gedämpft. „Die erste wäre, an den Grenzen zu jeder Spezies kleine Raumstationen aufzubauen. Von dort aus könnte ich meine Produkte direkt auf deren Welten und Stationen vertreiben. Klein, dezentral, flexibel…“
Tahl nickte nachdenklich, als würde er jedes Wort abwägen. „Hmm… das klingt gar nicht schlecht. Dezentral, leicht verteidigbar, keine großen Flotten nötig, und man könnte sie bedarfsmäßig erweitern. Passt.“
Ich ließ die Worte kurz wirken, bevor ich die zweite Möglichkeit nannte. „Die andere Idee… wäre Trantor. Alles zentral aufbauen, von dort aus steuern, verteilen, kontrollieren.“
Ich sah, wie Tahl sofort zusammensackte, seine Augen verengten sich, und ein Seufzer entwich ihm.
„Trantor?“, stieß er aus, hörbar entgeistert. „Tori… das ist doch seit dem Angriff der Kha’ak eine einzige Ruine. Die Aufräum- und Aufbauarbeiten dauern bis heute an, und das zieht Piraten, Schmuggler, Plünderer… das ganze Gesindel an. Sicherheitsbehörden haben alle Hände voll zu tun.“
Ich nickte. „Ja, ich weiß. Aber… die verlassenen Stationen, die beschädigten Einrichtungen – die wären billig zu bekommen. Strategisch, wenn man bereit ist, das Risiko einzugehen.“
Tahl schüttelte nur den Kopf, seine Finger trommelten unruhig auf der Armlehne. „Das ist heikel, Tori. Verteidigungstechnisch… du würdest die Hölle auf dich ziehen.“
Ich ließ die Schultern sinken, mein Blick fiel auf die Anzeigen vor mir. „Stimmt“, gab ich zu. „Das muss man einkalkulieren. Aber das Potenzial… die Kosten, die sich sparen ließen… man könnte wirklich von dort aus schnell expandieren, wenn man die Sicherheit im Griff hat.“
Tahl schwieg, beobachtete mich noch einen Moment und schnaubte dann. „Dein Ehrgeiz macht dich verrückt. Aber… ich sehe, warum du darüber nachdenkst.“
Ich lehnte mich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und ließ die Gedanken schweifen. Zwei Optionen, beide ihre Vor- und Nachteile. Die eine sicher, flexibel, langsam. Die andere riskant, teuer, aber potenziell enorm einträglich. Ich konnte fühlen, wie sich mein Herzschlag beschleunigte bei der Vorstellung, welche Möglichkeiten sich auftun würden. Und obwohl Tahl skeptisch war, wusste ich, dass er mich verstand – zumindest ein Stück weit.
„Egal, wie wir es machen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm, „wir müssen den Weg wählen, der uns langfristig wirklich voranbringt… und nicht nur kurzfristig profitabel ist.“
Tahl nickte knapp, still, wie er es immer tat, und ich spürte, dass wir beide wussten: Egal wie schwer die Entscheidung, ich musste sie alleine tragen.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 16 - Startrucker

Es waren nur wenige Tage vergangen, seit Tahl und ich nach Argon Prime zurückgekehrt waren. Die Reise hatte uns wieder in die Ruhe der bekannten Umgebung gebracht, doch in mir brannte die Frage, wie ich meine nächsten Schritte im interstellaren Geschäft umsetzen sollte. Ich hatte noch nicht viel Zeit gehabt, alles zu ordnen, geschweige denn, die Daten zu sichten, die ich während der Boronen-Mission gesammelt hatte. Tahl hingegen schien seine eigenen Aufgaben bereits mit entschlossenem Fokus zu verfolgen. Ich wusste, dass er in den Tagen seit unserer Rückkehr ein Gespräch mit seiner Frau geführt hatte, ein klärendes, das offenbar einiges bewirkt hatte.
„Ich habe gehört… ihr hattet ein gutes Gespräch“, sagte ich, als wir einmal kurz allein waren.
Tahl nickte, ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja, die Spannung ist ein wenig gewichen.“
Ich musterte ihn, erstaunt darüber, wie er diese Worte so beiläufig fallen ließ, als sei es selbstverständlich, dass ich Teil dieses persönlichen Teils seines Lebens war.
„Das Gespräch um das Angebot der SSA… scheint ihr ein Gefühl von Versöhnlichkeit gegeben zu haben, besonders nachdem du erwähnt hast, dass alles von Argon Prime aus möglich ist.“
Seine Augen blickten nach innen, als würde er die Worte für sich selbst noch einmal abwägen. Ich verstand das, und ich hoffte insgeheim, dass sie und ihre Familie, sollte Tahl mein Angebot annehmen, in die Nähe von Nathantia ziehen würden. Das würde den logistischen Aufwand erheblich verringern und uns erlauben, flexibler auf die Versorgung der Handelsstationen und die geplanten Expansionen zu reagieren.
Während Tahl sich also wieder seiner Familie zuwandte, nahm ich mir Zeit für mich selbst. Nicht nur, um mich um Vanu und Valentina zu kümmern, sondern auch, um die strategischen Schritte meiner Firma zu planen. Ich zog die Daten aus meinem Tablet, blätterte durch Notizen, die ich von den letzten Missionen mitgebracht hatte, und ließ die Zahlen und Möglichkeiten auf mich wirken. In dieser Zeit hatte Tahl auch Kontakt zu seiner Halbschwester Gal aufgebaut. Ich wusste nicht, wie dieses Treffen verlaufen war – ob überhaupt eines stattgefunden hatte – und es lag mir fern, nachzuforschen. Es war seine private Angelegenheit, doch ich spürte die Veränderung in Tahl: mehr Ruhe, ein entspannteres Kinn, eine leichte Lockerung seiner Haltung.

In den Aufzeichnungen von Roland stieß ich auf einen Namen, der sofort meine Aufmerksamkeit weckte: Hoshino Kento. Roland hatte über ihn geschrieben, in einem Bericht, der noch die Handschrift seiner üblichen, detailreichen Notizen trug. Hoshino-san hatte Schulden bei den Piraten gemacht, um seinen Traum zu finanzieren: eine Raumstation, auf der er Schiffe konstruierte und reparierte. Roland hatte ihm dabei geholfen, die Schulden loszuwerden, indem Hoshino-san alle Piraten auslieferte, die ihn zuvor über den Tisch gezogen hatten. Auf dem Papier war der Plan durchaus erfolgreich verlaufen. Ich las die alten Protokolle, spürte die Präzision und den Mut, den es brauchte, um sich gegen Piraten zu behaupten.

Doch als ich schließlich mit Tahl und Gal vor der Station stand, die Hoshino-san gehörte, war das Bild weit entfernt von dem, was ich erwartet hatte. Keine glänzende, vorbildlich organisierte Werft, sondern ein Trümmerfeld aus Metall, Wracks, Ersatzteilen und lose herumliegenden Konstruktionsteilen. Die Station befand sich im Orbit um Trantor, im Sonnensystem Presidents End. Ich konnte nicht umhin, mich über den Namen zu wundern. Wer hatte entschieden, dass dieses System so genannt werden sollte? Es klang lächerlich, fehl am Platz, fast als wollte jemand die Gefahr und das Chaos der Vergangenheit überdecken.
Der Frachter, mit dem wir angereist waren, war derselbe, den Kon Mah gesteuert hatte und den ich gebraucht gekauft hatte. Er war nicht großartig bewaffnet, aber ausreichend, um uns ohne Probleme zum Ziel zu bringen. Die Patrouillen im Orbit hatten signalisiert, dass die kriminellen Aktivitäten hier in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hatten. Das deckte sich mit der Wiederaufbauinitiative der Argonischen Föderation. Dennoch konnte man nie zu sorglos sein, hier.
Kon Mah war im Frachter geblieben, um das Schiff jederzeit hochfahren zu können. Ich sah seine ruhige Präsenz auf dem Monitor, während wir uns der Andockbucht näherten. Die Schwerelosigkeit war sofort spürbar, und wir mussten unsere Antigravitationsstiefel einsetzen. Jeder Schritt war ein Kraftakt, ein ständiges Ausbalancieren gegen die Haftfelder, die die Stiefel an den Bodenelementen hielten. Ich spürte die Anstrengung in meinen Oberschenkeln, wie jeder Schritt gegen die künstlichen Magnetfelder kämpfte. Tahl bewegte sich routiniert, fast mühelos, während Gal eher skeptisch den Blick über die Konstruktionen schweifen ließ.
„Alles größtenteils noch intakt“, bemerkte Tahl, seine Stimme ein ruhiges, sachliches Statement, während er die Augen verengte und die Geräte prüfte. „Einige Reparaturen werden nötig sein, aber nichts, was man nicht lösen könnte.“
Gal dagegen verzog das Gesicht. „Veraltet. Viele Systeme längst überholt. Technisch nur noch brauchbar, wenn man sie umbaut.“ Ihre Miene war kritisch, fast streng, und ich konnte nicht umhin, ihre Einschätzung zu hinterfragen. Genau deshalb war ich hier. Ich musste die Zahlen prüfen, die Bilanzen, die Hoshino-san hinterlassen hatte. Ich konnte sehen, dass die Einnahmen abnahmen, ein Abwärtstrend, der sich klar erkennen ließ. Ich erinnerte mich daran, dass ich über das FIN (Federal Information Network) die wirtschaftliche Lage von Hoshino-san geprüft hatte. Die Federal Argon Bank hatte Teile seiner Werte freigegeben, damit seine Schulden beglichen werden konnten – das war der Grund, warum wir überhaupt hier verhandeln konnten. Ich wusste also, welche Vermögenswerte verfügbar waren, ohne dass ich mich auf Mutmaßungen verlassen musste.

Nicht überraschend, angesichts des Kha’ak-Angriffs vor Jahren, der fast alle Raumstationen und Schiffe zerstört oder massiv beschädigt hatte. Die Insektoiden, die Kha’ak, hatten ein unbarmherziges Chaos hinterlassen. Seitdem hatten sich Plünderer, Piraten und Schmuggler breitgemacht. Hoshino-san hatte sich von ihnen manipulieren lassen, hatte versucht, Reparaturen und neue Konstruktionen von Schiffen zu betreiben. Aber das Geschäft lief schleppend. Sein Nebengeschäft – Wracks zu bergen, zu reparieren oder auszuschlachten – deckte gerade die laufenden Kosten, mehr nicht. Die meisten Händler machten einen großen Bogen um Trantor, da es nicht auf den Routen der vier Sprungtore lag, die in die benachbarten Sonnensysteme führten. Nur die Tore zu Elenas Glück und Heimat des Lichts waren noch intakt. Die anderen beiden Sprungtore – die nach Wolkenbasis Südost und Linie der Energie führten – waren beim Kha'ak-Angriff beschädigt worden. Niemand aus der Gemeinschaft der Planeten besaß das Wissen oder die Technologie, sie zu reparieren. Man wartete darauf, dass das Alte Volk, die Erbauer der Tore, irgendwann eingriff. Die Isolation des Systems war damit nicht politisch oder wirtschaftlich, sondern rein technologisch bedingt. Kein Wunder also, dass Hoshino-san Schwierigkeiten hatte, Kunden und Aufträge zu bekommen.

Ich ließ meinen Blick durch die transparenten Fenster über die Station schweifen, über die verstreuten Wracks, über die Andockbuchten, die teilweise noch funktionsfähig waren. Die Vorstellung, hier etwas aufzubauen, war gleichzeitig faszinierend und beängstigend. Tahl neben mir wirkte konzentriert, die Hände an der Hüfte, sein Blick auf die Systeme gerichtet. Gal ging langsamer, prüfte Kabel, Anschlüsse, scheinbare Fehlfunktionen. Ich konnte spüren, dass ihre Kritik, so scharf sie war, ihre Erfahrung und ihr technisches Verständnis widerspiegelte.
„Wenn wir hier investieren wollen … müssen wir die Sicherheitslage prüfen. Wenn die Verhandlungen mit Hoshino-san überhaupt in diese Richtung gehen, brauchen wir Verteidigungsmaßnahmen.“, sagte ich leise, eher zu mir selbst, doch Tahl hörte es sofort.
Er nickte, die Stirn gerunzelt, Augen fokussiert. „Richtig. Wenn wir das nicht absichern, können wir alles verlieren, bevor es überhaupt profitabel wird.“
Wir gingen weiter, stiegen die Andockbucht hinab, betrachteten die herumliegenden Ersatzteile, Rumpfteile, Sensorarrays und Motoren. Ich spürte die Energie in mir, das Kribbeln, das mit unternehmerischer Vision einherging, gepaart mit der realen Gefahr.
„Wir könnten einige Systeme der Station modernisieren, andere abbauen und die Ressourcen nutzen“, überlegte ich laut. „Das würde die Kosten senken und gleichzeitig die Kapazität erweitern.“
Tahl nickte, und ich konnte sehen, wie sich seine Gesichtszüge entspannten, als er die Logik verstand. Gal hingegen verschränkte die Arme und blickte skeptisch, aber ich konnte in ihren Augen erkennen, dass sie die Herausforderung reizte. Wir standen hier, im Orbit über Trantor, zwischen den Trümmern der Vergangenheit und den Möglichkeiten der Zukunft, jeder Schritt, jede Entscheidung sorgfältig abzuwägen.
Ich atmete die kühle, trockene Luft der Station ein, den metallischen Geruch der Wracks und Maschinen. „Es wird Arbeit… viel Arbeit. Aber wir können es schaffen.“ Tahl nickte, diesmal ein stilles Einverständnis, während Gal nur mit einem kurzen Blick zustimmte. Ich wusste, dass dies der Anfang von etwas war, das größer war als alles, was ich bisher geplant hatte.
Ich sah in die Ferne, die Sterne leuchteten durch die Kuppeln der Station, und ich spürte das vertraute Kribbeln im Magen, das mich immer überkam, wenn sich Möglichkeiten auftaten – Möglichkeiten, die genauso viel Risiko wie Chancen bargen. „Lass uns sehen, was wir hier retten können“, murmelte ich, und meine Stimme hallte leicht über die leeren Metallplatten.

Der Mann vor mir hatte kurze, schwarze, leicht krause Haare und dunkle braune Augen. Hoshino Kento. Als er sich zu mir umdrehte, lag in seinem Blick eine Mischung aus Missbilligung und blanker Überraschung. Seine Augen verengten sich sofort, während sich seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammenzogen. Die Überraschung konnte ich ihm nicht einmal verübeln. Er hatte offensichtlich überhaupt nicht damit gerechnet, hier jemandem zu begegnen. Einen Moment zuvor hatte er noch mit dem Rücken zu mir gearbeitet, halb schwebend zwischen zwei offenen Wartungspaneelen. Als ich mich ihm von hinten genähert und ruhig gesagt hatte: „Hoshino-san?“, war er regelrecht zusammengezuckt. Seine Antigravitationsstiefel hatten auf den Reflex reagiert, bevor er selbst es konnte. Der kurze Sprung, den er aus purem Schreck machte, katapultierte ihn beinahe nach oben. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er tatsächlich unter die Decke treiben. Seine Arme ruderten reflexartig durch die Luft, während die Haftfelder seiner Stiefel verzweifelt versuchten, den Impuls auszugleichen.
„Verdammt—!“
Er fing sich erst nach zwei Sekunden wieder, korrigierte hastig die Einstellung seiner Stiefel und sank mit einem leichten Ruck zurück auf den Boden der Station. Das metallische Klacken der Haftfelder verriet, dass sie wieder sauber griffen. Ich hob beschwichtigend beide Hände.
„Entschuldigung“, sagte ich ruhig. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
Hoshino starrte mich noch einen Moment an, als müsse er erst begreifen, dass tatsächlich jemand vor ihm stand. Dann wich die Überraschung in seinem Gesicht einem deutlich anderen Ausdruck. Missbilligung. Sein Blick wurde hart. Seine Augen wanderten kurz über mich, prüfend, abschätzend. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Kiefer spannte sich sichtbar an.
„Wer sind Sie?“, fragte er scharf.
Ich ließ mir Zeit mit der Antwort. „Mein Name ist Tori Grau.“
Mehr sagte ich zunächst nicht. Das genügte offenbar schon, um ihn noch schlechter gelaunt zu machen. Er stieß hörbar Luft durch die Nase aus, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich an, als wäre ich gerade dabei gewesen, mich ungefragt in sein Wohnzimmer zu setzen.
„Was immer Sie wollen“, sagte er kühl, „Sie können gleich wieder umdrehen.“ Er machte eine knappe Handbewegung zur Seite, als würde er mir den Weg zeigen. „Ich verkaufe nicht.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Und ich brauche auch keinen Teilhaber.“
Ich sah, wie sich seine Finger unbewusst zu Fäusten ballten. Dann kam der eigentliche Ausbruch. „Und diese verdammte Bank—“ Seine Stimme kippte in blanken Ärger. „—hat absolut kein Recht, meine Schuldscheine einfach zu verkaufen! Ohne mein Wissen! Ohne meine Zustimmung!“
Er machte einen Schritt auf mich zu, seine Antigravitationsstiefel klackten leise über das Metalldeck. „Das ist mein Geschäft“, fuhr er fort. „Meine Station. Meine Verantwortung.“
Ich ließ ihn ausreden. Sein Ärger war echt. Das sah man ihm an. Seine Schultern waren angespannt, seine Brauen tief zusammengezogen. In seinen Augen lag diese Mischung aus Frust und verletztem Stolz, die man bei jemandem sieht, der das Gefühl hat, die Kontrolle über etwas zu verlieren. Er erwartete offensichtlich Widerspruch. Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Da muss ich Sie korrigieren, Hoshino-san.“ Er blinzelte kurz, offensichtlich überrascht, dass ich seinen Ton nicht erwiderte. Ich verschränkte nun ebenfalls die Hände locker hinter dem Rücken. „Die Bank hat Ihre Schuldscheine noch nicht verkauft.“
Seine Stirn zog sich noch stärker zusammen. „Was?“
„Sie wurden lediglich angeboten“, erklärte ich ruhig. „Vorab.“ Ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Nicht sofort. Erst ein leichtes Zögern. Dann ein kurzes Zusammenkneifen der Augen. „Das ist ein Unterschied.“
Hoshino sagte zunächst nichts. Sein Blick blieb fest auf mich gerichtet, als würde er versuchen herauszufinden, ob ich ihn gerade anlog. Die Luft zwischen uns fühlte sich plötzlich deutlich dichter an.

„Otōsan!“ Die Stimme hallte durch die Andockbucht, ein heller, klarer Ton, der meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog. Ich drehte mich ruckartig um und sah, wie sich eine Frau elegant aus einer der Verbindungsröhren herabschwebte. Ihr Körper vollführte einen leichten Salto, und als sie landete, setzte sie sich perfekt kontrolliert auf dem Boden ab. Kein Geräusch außer dem leisen Klick ihrer Antigravitationsstiefel auf dem Metallbelag. Ihr Blick glitt prüfend über uns: mich, Tahl, Gal. Misstrauen lag in ihren Augen, deutlich erkennbar in der schmalen Lidlinie und dem straffen Kiefer.
„Sie sind keine Piraten“, stellte sie trocken fest, die Arme locker verschränkt.
Ich nahm einen Schritt vor, senkte die Hände beschwichtigend. „Nein. Wir sind keine Piraten.“
Die Frau war um die dreißig, stand aufrecht, bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die sofort Respekt einflößte. Tahl, wie immer eher ruhig und kontrolliert, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und beobachtete sie mit seinem üblichen, nüchternen Blick. Gal hob leicht die Augenbrauen, eine Mischung aus Skepsis und Interesse, ihre Haltung etwas angespannt, aber neugierig.
„Ich heiße Hoshino Misora“, stellte sie sich vor. Ihre Stimme war klar, bestimmt, aber nicht unfreundlich. Ich nickte, und wir stellten uns der Reihe nach vor. Tahl und Gal waren knapp, ich selbst gab ein wenig mehr Informationen, während ich die Stimmung einschätzte.
Der Smalltalk begann zaghaft, wir tauschten oberflächliche Informationen aus, über die Station, unsere Reise hierher, unsere Verbindung zu Hoshino Kento. Dennoch blieb die Atmosphäre angespannt, jeder Satz schien sorgfältig gewählt, als würde jeder auf versteckte Fallen achten.
Auf meine Nachfrage hin kamen die unschönen Details ans Licht. Hoshino Satsuki, Misoras Mutter, war bei einem der letzten Kha’ak-Angriffe ums Leben gekommen. Ein bitterer Nachhall lag in der Erinnerung, die Augen Misoras verengten sich leicht bei der Erwähnung des Namens. Ihre Großeltern, von beiden Seiten der Familie, hatten beim allerersten Kha’ak-Angriff 2935 ihr Leben verloren. Das war nun 62 Jahre her. Wir schrieben das Jahr 2997. Ich spürte, wie die Tragik der Vergangenheit die Stimmung kurz verdichtete, ein Moment stiller Respektspause zwischen uns.

Wir bewegten uns gemeinsam in einen Bereich der Station, in dem künstliche Gravitation herrschte. Sofort spürte ich die vertraute Last auf meinen Schultern, die sich angenehm und stabil anfühlte, im Gegensatz zu der schwerelosen Bucht zuvor. Tahl, Gal und ich setzten uns, und uns wurde etwas zu trinken angeboten – klare Flüssigkeit in flachen, praktischen Bechern, wie für den Einsatz unter Gravitation angepasst. Ich nahm den Becher, hielt ihn kurz zwischen den Händen, spürte die kühle Oberfläche und das leichte Gewicht.
„Danke“, sagte ich und nahm einen Schluck. Das Glas war angenehm schwer, die Flüssigkeit frisch und klar, wie gereinigtes Wasser, das die Müdigkeit der Reise ein wenig vertrieb.
Ich lehnte mich zurück, richtete mich auf, atmete einmal tief ein und begann, darzulegen, warum ich hier war: „Ich bin auf der Suche nach kreativen und verlässlichen Leuten“, sagte ich, den Blick fest auf Misora gerichtet, „Menschen, die helfen können, eine Frachterflotte für mein Unternehmen aufzubauen. Wir brauchen Erfahrung, Verlässlichkeit – und den Mut, in schwierigen Umgebungen zu arbeiten.“
Ich beobachtete, wie sich ihre Augen leicht zusammenzogen, wie sie meine Worte prüfte. Tahl verschränkte wieder die Arme, die Augen auf Misora gerichtet, wartend, wie sie reagieren würde. Gal schien nachdenklich, die Lippen leicht zusammengepresst, eine Hand auf dem Glas ruhend. Ich spürte die Spannung im Raum, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, dass hier ein wichtiger Verbündeter entstehen könnte.
„Wir haben… die Erfahrung“, sagte Misora schließlich, die Stimme fest, aber nicht aggressiv. Ein kaum merkbares Nicken in Richtung ihres Vaters, der weiterhin etwas abseits stand. „Wir haben überlebt, repariert, aufgebaut. Wir wissen, wie man unter schwierigen Bedingungen arbeitet.“
Ich nickte langsam, lächelte leicht. „Genau so jemanden suche ich. Es geht nicht nur darum, Schiffe zu fliegen oder Frachter zu beladen. Es geht darum, Systeme aufzubauen, Abläufe zu schaffen, und dafür brauche ich Leute, die den Ernst der Lage verstehen und gleichzeitig die Vision sehen.“
Misora ließ ihren Blick durch die Gruppe schweifen. Ich konnte die Abwägung sehen: Loyalität, Fähigkeiten, Risiko. Sie legte den Becher zur Seite, lehnte sich etwas zurück, und ich bemerkte, dass ein Funken Interesse in ihren Augen aufleuchtete – eine Mischung aus Neugier und der Bereitschaft, das Angebot ernsthaft zu prüfen.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Wir hören uns an, was Sie vorschlagen.“
Ein erleichtertes, aber konzentriertes Lächeln huschte über mein Gesicht. „Dann lassen Sie uns beginnen.“
Der Moment war still, aber geladen. Ich wusste, dass dies der erste Schritt war – ein Schritt, der unser Projekt verändern könnte. Die Schwerelosigkeit und der metallische Geruch der Station verschwanden beinahe im Hintergrund, als wir uns darauf konzentrierten, die Möglichkeiten auszuloten, die vor uns lagen.

Die Gespräche zogen sich hin, schleppend und vorsichtig. Misora war diejenige, die sich am meisten öffnete. Ihre Haltung war aufrecht, die Hände locker auf den Oberschenkeln, die Augen aufmerksam, aber niemals forsch. Sie hörte zu, nickte gelegentlich, stellte präzise Fragen, stets bedacht, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Kento hingegen strahlte sofort Skepsis aus. Sein Blick wanderte von mir zu Tahl, dann zu Gal und wieder zurück, als könne er jede meiner Bewegungen, jedes meiner Worte auf eine mögliche Bedrohung seiner Werft prüfen. „Ihr wollt nur einmischen, meine Station übernehmen“, sagte er scharf, die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen hart aufeinander gepresst.
Ich hob die Hände beschwichtigend. „Nein, Hoshino-san. Sehen Sie mich eher als Kunden. Ich möchte Aufträge vergeben, mehrere Frachter – das ist alles. Keine Übernahme, keine Kontrolle. Wir wollen zusammenarbeiten.“ Ich versuchte, die Spannung mit einem leichten Lächeln aufzulockern, die Stimme ruhig, sachlich, aber bestimmt.
Ein Hauch von Erleichterung huschte über Kentos Gesicht. Sein Körper entspannte sich minimal, die Augen blieben skeptisch, aber das Eis war gebrochen. Misora nickte zustimmend, ihre Finger trommelten leicht auf dem Metalltisch, eine unmerkliche Geste von Zustimmung.
Doch dann kam die Frage, welche Art von Frachter gebaut werden sollte, und sofort entbrannte eine Debatte. Ich spürte, wie Gal die Hände verschränkte, die Stirn in Falten gelegt, während sie ihren Blick auf die Pläne richtete. „Moderne Systeme, verschlüsselte Kommunikationseinheiten, cyber-resistente Schnittstellen. Ohne das ist jede Mission gefährdet“, erklärte sie, die Stimme ruhig, aber bestimmend.
Tahl lehnte sich zurück, die Augen fokussiert, die Lippen leicht zusammengepresst. „Die Frachter müssen gepanzert sein, Bewaffnung darf nicht fehlen. Sicher muss sicher sein. Geschwindigkeit ist zweitrangig, wenn man die Sicherheit gefährdet.“ Sein Ton war sachlich, fast militärisch, die Hände fest auf den Tisch gelegt, als wolle er die Punkte körperlich betonen.
Ich nickte, spürte die unterschiedlichen Perspektiven, und brachte meinen Standpunkt ein: „Ich will schnelle Frachter, optimiert für Nahrungsmitteltransporte. Stabil genug, um Ladung zu sichern, aber so gebaut, dass sie effizient und flott sind. Unsere Produkte müssen frisch ankommen.“ Ich legte die Hände auf die Pläne, zeigte auf die Frachträume, die Laderampen, die Klimatisierungseinheiten.
Kento schüttelte den Kopf, die Lippen verzogen, aber seine Stimme war inzwischen ruhiger. „Eure Wünsche, Tori, kann ich erfüllen. Geschwindigkeit, Kapazität – kein Problem. Aber das, was Gal und Tahl wollen… das wird Zeit kosten. Und teuer werden. Die Teile müssen erst angeliefert werden, manche sind schwer zu beschaffen. Das wird die Bauzeit verlängern und die Kosten erhöhen.“
Misora nickte, ihre Augen blitzten kurz auf, als würde sie die Logik abwägen. Sie legte die Hand leicht auf Kentos Unterarm, ein beruhigendes, fast vermittelndes Signal. „Wir können das schaffen“, sagte sie leise, „aber jeder Schritt muss gut geplant sein. Qualität vor Schnelligkeit.“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und spürte das vertraute Kribbeln von unternehmerischer Herausforderung. Jeder von uns hatte eine klare Vorstellung, jeder eine eigene Agenda, und ich wusste, dass wir nur durch Kompromisse und präzises Planen vorankommen würden. Die Station summte leise, Metall und Technik vibrierte unter der künstlichen Gravitation, während wir weiter diskutierten.
Kento verschränkte schließlich die Arme, die Stirn leicht gerunzelt, und nickte langsam. „Wir machen es Schritt für Schritt. Eure Anforderungen werden priorisiert, aber alles hat seinen Preis. Ich baue nicht billig – ich baue solide.“
Ich lächelte innerlich, spürte die Aufregung steigen. Das war es, was ich wollte: ein Team, das die unterschiedlichen Perspektiven einbrachte, und Frachter, die nicht nur transportierten, sondern unsere Vision trugen. Gal nickte zustimmend, Tahl legte die Hände in die Taschen, die Spannung etwas gelöst, und Misora lehnte sich zurück, aufmerksam und bereit, die nächsten Schritte zu begleiten.
„Gut“, sagte ich schließlich, meine Stimme fest, aber ruhig, „dann lasst uns die Pläne konkretisieren und sehen, wie wir das alles umsetzen können.“ Ich spürte, dass jeder in der Runde die Verantwortung ernst nahm, jeder die Möglichkeiten abwog, und ich konnte das Knistern von Ideen förmlich spüren – es war der Anfang von etwas, das größer werden würde, als nur eine einfache Frachterbestellung.

Während der Diskussion fiel mir immer wieder auf, dass Misora versuchte, sich einzubringen. Jedes Mal, wenn sie den Mund öffnete oder eine Hand leicht anhob, als wolle sie einen Gedanken formulieren, kam ihr Vater ihr zuvor oder sprach schlicht weiter, als hätte er sie nicht bemerkt. Es war kein offenes Abwürgen, eher ein hartnäckiges Übergehen. Ein kurzer Blick von ihr, ein kaum hörbares Einatmen – und schon ging das Gespräch ohne sie weiter. Ich sah, wie sich ihre Finger manchmal leicht zusammenzogen, als hielte sie etwas zurück. Nach einer Weile entstand eine kleine Pause. Niemand sagte etwas, Kento betrachtete irgendwelche Daten auf seinem Pad, Gal tippte auf ihrem Interface, Tahl hatte die Arme verschränkt und starrte nachdenklich an die Decke des Raumes. In diesem Moment trat Misora leise zu mir. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, fast so, als wolle sie nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Sie hielt mir eine dünne Datenfolie hin.
„Sehen Sie sich das bitte einmal an“, sagte sie leise.
Ich nahm die Folie entgegen und aktivierte die Anzeige. Sofort entfalteten sich vor meinen Augen holografische Konzeptzeichnungen, technische Beschreibungen und Diagramme. Ich lehnte mich leicht nach vorne und begann, alles aufmerksam zu studieren. Je länger ich die Informationen betrachtete, desto stärker spürte ich, wie in mir eine Mischung aus Überraschung und Begeisterung aufstieg. Das Konzept beschrieb ein proprietäres Cockpitschiff-System, das als modulare Trägerplattform gedacht war. Ein kleines, leichtes, extrem leistungsstarkes Schiff – im Grunde nur Cockpit, Antrieb, Steuerung und minimale Besatzung – das speziell dafür gebaut war, Frachtmodule schnell anzukoppeln und wieder abzustoßen. Kein klassischer Frachter, sondern eine Art Zugmaschine. Die Module selbst waren eigenständige Einheiten. Vollständig kompatibel mit diesem System, aber absichtlich inkompatibel mit allen Standardfrachtern anderer Spezies oder Fraktionen. Dadurch entstand eine natürliche Abschreckung gegen Piraten – wer ein Modul erbeutete, konnte damit erst einmal nichts anfangen, solange er nicht über ein passendes Cockpitschiff verfügte. Ich sah mir die Diagramme genauer an. Die Idee ging aber noch weiter. Das System setzte auf mehrere Sicherheitsstrategien gleichzeitig: ökonomische Unattraktivität, operative Effizienz und taktische Anpassung. Proprietäre Dockingprotokolle, redundante Steuerungssysteme, automatische Trennmechanismen, Notfallablösungen der Module. Dazu Frühwarnsensorik, modulare Evakuierungseinheiten und adaptive Navigation. Die Infrastruktur war ebenfalls Teil des Konzepts. Frachtstationen, Wartungspunkte und Energieversorgung sollten speziell auf dieses System abgestimmt sein. Alles lief über autorisierte Schnittstellen. Dadurch wurde nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern auch die Abhängigkeit von externen Strukturen reduziert. Während ich weiterlas, musste ich unwillkürlich grinsen. In meinem Kopf verbanden sich sofort zwei Welten. Ein kleines Antriebsschiff, das Container zieht. Module, die man austauschen kann. Schnelle Leerflüge, kurze Umladezeiten. In meiner alten Realität hätte man das schlicht LKW und Auflieger genannt. Doch in dieser Realität ließ es sich anders beschreiben: Space-Trucker.
Ich sah von der Datenfolie auf und blickte Misora an. Meine Augen leuchteten vermutlich ziemlich deutlich. „Das müssen Sie den anderen zeigen“, sagte ich.
Sie blinzelte überrascht. „Wirklich?“
Ich nickte. „Unbedingt.“ Ich wandte mich zu den anderen.
„Misora hat ein Konzept vorbereitet. Ich denke, wir sollten es uns anhören.“
Kento hob sofort den Kopf. Sein Blick verriet bereits, dass ihm das nicht gefiel.
Misora stellte sich vor den Tisch, aktivierte die Projektion und begann, ihr Konzept zu erklären. Anfangs sprach sie ruhig und kontrolliert, doch je weiter sie kam, desto mehr Energie lag in ihrer Stimme. Ihre Hände bewegten sich, während sie die Struktur des Systems erklärte: das Cockpitschiff, die Module, die Dockingmechanismen, die Sicherheitsprotokolle und die Infrastruktur. Ich beobachtete die anderen. Gal hörte aufmerksam zu, die Stirn leicht gerunzelt. Tahl saß still da und musterte die Projektionen mit analytischem Blick. Kento hingegen verschränkte irgendwann die Arme und sah demonstrativ zur Seite. Als Misora fertig war, herrschte einen Moment lang Stille.
Dann verdrehte Kento die Augen. „Ihr Konzept ist durchdacht“, sagte er trocken, „hat aber eine gravierende Schwachstelle.“
Ich runzelte die Stirn. Für mich war das Gegenteil der Fall. Ich sah nur Vorteile. Ein extrem schnelles Cockpitschiff, das jederzeit an Module andocken konnte. Effizient, flexibel, skalierbar. Als Kento meinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, seufzte er.
„Misoras Konzept ist für ein in sich geschlossenes System gedacht“, erklärte er unverblümt. „Die Frachter und Docking-Prozeduren der Gemeinschaft der Planeten wurden über Jahrhunderte standardisiert. Damit jede Spezies mit jeder anderen handeln kann.“
Er deutete auf die Projektion. „Aber dieses Cockpitschiff und diese Frachtmodule sind inkompatibel dazu.“
Ich sah zu Misora. Ihr Gesicht verzog sich leicht. Die Schultern sanken ein wenig. Sie wusste offenbar genau, dass dieser Punkt das größte Problem ihres Entwurfs war. Ich sah wieder auf die Projektion. Ein proprietäres System. Eigene Module. Eigene Infrastruktur. Mein Kopf begann sofort zu rechnen. Kontrolle über Transportkapazitäten. Schutz vor Piraten. Schnelle Umläufe. Skalierbarkeit. Und vor allem: Unabhängigkeit. Ich legte die Datenfolie langsam auf den Tisch.
Dann sagte ich ruhig: „Deal.“
Alle Köpfe drehten sich zu mir.
„Gekauft.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille. Gal starrte mich an. Tahl hob eine Augenbraue. Kento sah mich an, als hätte ich gerade den Verstand verloren. Misora hingegen blinzelte nur – völlig überrascht.

Ich sah sofort, dass Kento innerlich arbeitete. Sein Gesicht blieb äußerlich ruhig, doch seine Augen verrieten zu viel. Sie wanderten über die Projektionen, über mich, über Misora und wieder zurück auf die Datenfolie. Seine Finger trommelten langsam auf die Tischkante. Nicht hektisch, sondern in diesem kontrollierten Rhythmus, der verriet, dass jemand nach einem Ausweg suchte. Er wand sich regelrecht. Wie ein Aal, der aus der Hand gleiten wollte. Mir war klar, was er tat. Er suchte nach Gründen. Technischen Einwänden. Wirtschaftlichen Risiken. Irgendetwas, das ihm erlaubte, den Deal platzen zu lassen, ohne offen zugeben zu müssen, dass er einfach nicht wollte. Ich spürte, wie sich in mir ein leichter Widerstand regte. Eigentlich hatte ich dieses Ass nie ausspielen wollen. Es fühlte sich falsch an. Aber ich sah auch Misora. Wie sie still dastand, die Hände vor sich verschränkt, als hätte sie sich bereits darauf vorbereitet, dass ihr Konzept wieder beiseitegeschoben wurde. Also atmete ich einmal langsam aus.
Dann sagte ich ruhig: „Roland Caprio.“
Der Name fiel in den Raum wie ein schwerer Metallgegenstand. Kento erstarrte. Seine Finger hörten sofort auf zu trommeln. Sein Blick schoss zu mir, scharf, prüfend. Auch Misora reagierte. Ihr Gesicht veränderte sich sofort. Ihre Augen weiteten sich minimal, und ich konnte sehen, dass sie verstand, worauf ich anspielte Sie wusste es also. Sie wusste von der Schuld ihres Vaters. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann fragte Kento leise: „Wie geht es ihm?“
Die Frage traf mich unerwartet direkt. Für einen kurzen Moment spürte ich ein unangenehmes Ziehen in der Brust.
Ich antwortete knapp. „Er ist tot.“
Die Wirkung war deutlich. Kentos Gesicht verlor für einen Moment jede Farbe. Seine Schultern sanken leicht nach unten, und sein Blick glitt unwillkürlich zur Tischplatte, als müsste er diese Information erst verarbeiten. Roland Caprio war nicht irgendein Name. Er war einer der bekanntesten Richter der argonischen Föderation gewesen. Und offensichtlich jemand, dem Kento mehr als nur eine Gefälligkeit schuldete. Ein paar Sekunden vergingen, in denen nur das leise Summen der Stationssysteme zu hören war.
Dann hob Kento wieder den Kopf. Seine Stimme war diesmal ruhiger, aber deutlich angespannter. „Woher wissen Sie, dass ich Roland etwas schulde?“
Ich verschränkte die Hände locker hinter dem Rücken und antwortete ehrlich. „Ich habe bei ihm gelebt.“
Die Augenbrauen im Raum hoben sich leicht.
„Die letzten zwei Jahre seines Lebens habe ich mich um ihn gekümmert“, fuhr ich fort. „Er war krank. Alt. Jemand musste sich um ihn kümmern.“
Ich spürte, wie sich die Erinnerungen kurz in meinem Kopf meldeten. Die langen Gespräche. Seine ruhige Stimme.
„Als er starb“, sagte ich weiter, „hat er testamentarisch festgelegt, dass ich Zugang zu allen Informationen bekommen soll, die er während seines Lebens gesammelt hat.“ Ich machte eine kleine Pause. Dann deutete ich mit der Hand zu Gal und Tahl. „Und die beiden hier… sind seine Kinder.“
Alle Blicke wanderten zu ihnen. Gal reagierte zuerst. Ohne ein Wort öffnete sie ihr Interface und projizierte ihre ID. Die Daten erschienen als scharfes, blaues Hologramm in der Luft. Name, Herkunft, genetische Verifikation. Tahl tat es ihr gleich. Seine Projektion erschien direkt daneben. Beide Datensätze bestätigten eindeutig ihre Verwandtschaft zu Roland Caprio.
Gal verschränkte anschließend wieder die Arme. „Stimmt“, sagte sie ruhig.
Tahl nickte knapp. „Alles.“
Kento betrachtete die Projektionen lange. Sein Blick wanderte von einem Datensatz zum anderen, dann wieder zu mir. Schließlich atmete er langsam aus. Er sah mich an.
Dann nickte er. „Wenn Roland Caprio jemandem sein Vertrauen geschenkt hat“, sagte er langsam, „dann ist diese Person über jeden Zweifel erhaben.“
Die Worte klangen nicht widerwillig. Eher… endgültig. Ich spürte trotzdem ein unangenehmes Gefühl in mir aufsteigen. Roland hatte mir vertraut. Ohne Bedingungen. Ohne Hintergedanken. Und jetzt hatte ich seinen Namen benutzt, um Druck auszuüben. Auch wenn es für eine gute Sache war. Auch wenn es Misoras Konzept eine Chance gab. Trotzdem fühlte es sich einen Moment lang so an, als hätte ich einen Toten für meine Zwecke ausgenutzt. Ich sagte nichts dazu. Stattdessen sah ich Kento ruhig an und wartete, wie er sich entscheiden würde.

Als Kento schließlich nickte, war die Entscheidung gefallen. Es war kein enthusiastisches Nicken, kein Zeichen plötzlicher Begeisterung. Eher ein langsames, schweres Einlenken. Seine Schultern sanken ein wenig, als hätte er innerlich akzeptiert, dass sich die Richtung des Gesprächs endgültig verändert hatte.
„Gut“, sagte er schließlich.
Ein einziges Wort. Aber es reichte. Die Anspannung im Raum löste sich spürbar, auch wenn niemand laut aufatmete. Gal lehnte sich ein Stück zurück, Tahl entspannte seine verschränkten Arme leicht, und Misora… Misora stand noch immer dort, als traue sie der Situation nicht ganz. Ich hingegen beobachtete Kento aufmerksam. Seine Zustimmung war echt, daran zweifelte ich nicht. Doch ich kannte diesen Ausdruck in den Gesichtern von Vätern. Und der Blick, den er seiner Tochter für einen winzigen Moment zuwarf, entging mir nicht. Kurz. Scharf. Bedeutungsbeladen. Er hatte sich übergehen lassen müssen. Und ich war mir ziemlich sicher, dass er darüber später noch ein ernstes Wort mit Misora wechseln würde. Noch bevor sich diese Spannung weiter aufbauen konnte, hob ich leicht die Hand und räusperte mich.
„Das Konzept“, sagte ich ruhig, während ich auf die noch immer schwebende Projektion deutete, „muss ja nicht vollständig isoliert bleiben.“
Alle Blicke wanderten wieder zu mir. Ich verschränkte locker die Hände hinter dem Rücken und ging ein paar Schritte um den Tisch herum, während ich sprach.
„Misoras Grundidee ist hervorragend. Ein modulares Cockpitschiff, autonome Frachtmodule, schnelle Umläufe.“ Ich nickte anerkennend in ihre Richtung. „Aber das bedeutet nicht, dass es keine Schnittstellen geben kann.“
Kento zog leicht eine Augenbraue hoch. Ich fuhr fort.
„Man könnte bestimmte Adaptermodule entwickeln. Dockingprotokolle, die zumindest eingeschränkte Kompatibilität zu den etablierten Frachtdocks ermöglichen. Vielleicht nicht optimal für den Regelbetrieb, aber ausreichend für Umschlagpunkte im interstellaren Handel.“
Ich sah zwischen Vater und Tochter hin und her.
„Damit würde das System weiterhin proprietär bleiben… aber nicht vollständig isoliert.“
Misora hob langsam den Kopf. Ich sah, wie ihre Augen plötzlich wieder lebendiger wurden. In ihrem Blick arbeitete es bereits. Kento hingegen rieb sich nachdenklich über das Kinn. Ich hob leicht die Schultern.
„Das sind allerdings Dinge, die man in Ruhe ausarbeiten muss.“
Ich machte eine kleine Pause.
„Am besten auf Argon Prime.“
Jetzt richtete sich Kento etwas auf.
„Sie wollen, dass wir dorthin kommen?“
Ich nickte.
„Die technischen Details, die Finanzierung, mögliche Modifikationen des Designs… das lässt sich besser vor Ort besprechen.“
Dann fügte ich hinzu: „Außerdem müssen die finanziellen Formalitäten ohnehin dort erledigt werden.“
Das brachte das Gespräch wieder auf die eigentliche Grundlage unseres Treffens zurück. Die Schuldscheine. Kento verzog leicht den Mund, als er das Wort hörte. Doch diesmal widersprach er nicht. Nach einigen weiteren Minuten Diskussion – deutlich sachlicher als zuvor – einigten wir uns schließlich auf die grundlegenden Punkte. Ich würde die Schuldscheine aufkaufen. Die Bank hatte sie zwar noch nicht verkauft, aber sie standen zur Disposition. Sobald ich sie übernahm, wäre ich der Gläubiger. Alle weiteren Formalitäten würden direkt bei der Federal Argon Bank auf Argon Prime abgewickelt werden. Dort würde der Vertrag aufgesetzt, dort würde auch die Finanzierung der neuen Frachter – oder besser gesagt: des neuen Systems – festgelegt werden. Als wir schließlich fertig waren, legte sich eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und vorsichtiger Spannung über den Raum. Ein Deal war zustande gekommen. Aber ich wusste genau, dass dies erst der Anfang war.
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Kapitel 17 - Entwicklungen

Ich saß im Wohnzimmer und hielt die warme Teeschale zwischen beiden Händen. Der Duft des Tees stieg langsam auf, eine Mischung aus etwas Blumigem und einer leicht würzigen Note, die mir inzwischen vertraut geworden war. Der Dampf kringelte sich träge nach oben und verschwand irgendwo unter der sanften Beleuchtung des Raumes. Vor mir saßen Valentina und Vanu. Die Sitzanordnung erinnerte fast an ein Y. Ich saß an einem Ende des niedrigen Tisches, während die beiden Frauen sich mir gegenüber leicht versetzt gegenübersaßen. Zwischen uns stand eine kleine Teekanne aus dunklem Keramikmaterial, aus der noch immer dünne Dampffäden aufstiegen. Ich nahm einen kleinen Schluck. Der Tee war angenehm heiß und hatte diesen tiefen, aromatischen Geschmack, der sich langsam im Mund entfaltete. Ich ließ die Flüssigkeit kurz auf der Zunge liegen, bevor ich sie schluckte. Währenddessen beobachtete ich die beiden. Und ich musste innerlich schmunzeln. Es war fast schon beruhigend zu sehen, wie sehr sich die Situation verändert hatte. Am Anfang hatten die beiden sich praktisch angegiftet. Jedes Gespräch war ein kleines Schlachtfeld gewesen. Seitenhiebe, spitze Bemerkungen, dieses höfliche, aber messerscharfe Lächeln, das eigentlich nur bedeutete: Ich kann dich nicht ausstehen. Ich hatte damals ernsthaft befürchtet, dass mir irgendwann die Einrichtung um die Ohren fliegen würde. Doch jetzt… Jetzt war es deutlich entspannter. Valentina saß locker zurückgelehnt in ihrem Sessel, ein Bein über das andere geschlagen. Ihre dunklen Haare waren locker nach hinten gebunden, und sie hielt ihre Teeschale mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer Ärztin, die gewohnt war, Situationen zu analysieren. Vanu hingegen saß etwas aufrechter. Ihre Bewegungen hatten immer etwas Elegantes, beinahe Zeremonielles. Sie führte die Teeschale mit beiden Händen an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und stellte sie anschließend wieder vorsichtig auf den Tisch. Zwischen den beiden Frauen lag keine offene Feindseligkeit mehr. Ganz im Gegenteil. Sie arbeiteten inzwischen sogar zusammen. Valentinas medizinische Expertise floss mittlerweile in Vanus Angebote ein. Vanu hatte ihr Geschäftsmodell angepasst, neue Programme entwickelt, bei denen Gesundheitsaspekte eine deutlich größere Rolle spielten. Prävention, Beratung, medizinisch begleitete Erholungsangebote. Ich musste zugeben: Die Kombination funktionierte erstaunlich gut. Und trotzdem… Ich konnte es spüren. Da war noch etwas. Auch wenn beide einer Doppelehe zugestimmt hatten, lag immer noch eine gewisse Spannung in der Luft. Keine offene Feindschaft mehr, aber eine subtile Konkurrenz, die wie ein feiner Strom unter der Oberfläche floss. Und ich war mir ziemlich sicher, dass diese nie ganz verschwinden würde. Das lag einfach nicht in der Natur der beiden. Valentina warf mir plötzlich einen kurzen Seitenblick zu und grinste leicht.
„Immerhin“, sagte sie mit einem kaum hörbaren Unterton, „war ich die Erste.“
Ich seufzte innerlich. Da war sie wieder. Diese kleine Stichelei. Sie sagte es beiläufig, während sie an ihrem Tee nippte, als wäre es eine vollkommen neutrale Feststellung. Doch ihr Blick wanderte dabei ganz bewusst zu Vanu. Vanu reagierte sofort. Nicht mit einem offenen Kommentar. Aber ihre Finger legten sich etwas fester um die Teeschale, und ihr Blick verengte sich minimal. Sie war älter als Valentina. Deutlich älter sogar. Doch diese kleine Bemerkung traf trotzdem. Ich konnte förmlich sehen, wie sie innerlich dagegen ankämpfte, darauf zu reagieren. Ehrlich gesagt hatte ich mich einmal schon in genau diese Situation eingemischt. Ich stellte meine Teeschale auf den Tisch und hob beschwichtigend beide Hände.
„Also gut“, hatte ich damals gesagt. „Damit wir das einmal klären.“
Beide hatten mich gleichzeitig angesehen.
„Vanu“, sagte ich damals und nickte in ihre Richtung, „ist meine Nummer eins, wenn es um Essen und Trinken geht.“
Vanu hatte mich überrascht angesehen. Dann hatte ich zu Valentina geschaut.
„Und Valentina ist meine Nummer eins, wenn es um Gesundheit geht.“
Für einen Moment hatte absolute Stille geherrscht. Dann hatte Valentina die Augen verdreht. Und Vanu hatte ein kleines, zufriedenes Lächeln nicht ganz unterdrücken können. Es hatte die Wogen tatsächlich etwas geglättet. Aber nur etwas. Denn so sehr beide Frauen die Situation akzeptiert hatten – vollständig entschärft war dieser… nennen wir es Beziehungsstatus… damit nicht. Ich nahm noch einen Schluck Tee und lehnte mich ein wenig zurück, während ich die beiden beobachtete. Manchmal fühlte sich mein Leben wirklich seltsam an.

Die Stimmung im Raum fühlte sich plötzlich anders an. Noch vor wenigen Minuten hatten wir ruhig Tee getrunken, ein paar Sticheleien ausgetauscht und diese merkwürdige, inzwischen vertraute Mischung aus Gelassenheit und unterschwelliger Rivalität geteilt. Doch jetzt lag etwas Schweres in der Luft. Ich konnte es nicht genau benennen, aber ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Valentina und Vanu verhielten sich anders. Nicht offen angespannt, aber… vorbereitet. Als hätten beide innerlich beschlossen, ein Thema anzusprechen, das sie schon länger mit sich herumtrugen. Ich ließ meinen Blick zwischen ihnen hin und her wandern und fragte mich kurz, ob ich nachhaken sollte oder ob es klüger wäre zu warten, bis eine von beiden den ersten Schritt machte. Noch während ich darüber nachdachte, wurde mir diese Entscheidung jedoch abgenommen. Valentina richtete sich ein wenig auf. Ihre Schultern strafften sich, ihr Gesicht nahm diesen ruhigen, kontrollierten Ausdruck an, den ich inzwischen sehr gut kannte. Es war der Blick einer Ärztin, die eine schwierige Diagnose erklären musste. Professionell. Distanziert. Sachlich. Vanu hingegen wirkte genau gegenteilig. Sie saß neben ihr und knetete nervös ihre Hände, die Finger ineinander verschränkt, dann wieder gelöst, nur um sie sofort wieder zusammenzudrücken. Ihre Augen wanderten kurz über den Tisch, dann zu mir, dann wieder weg. Ich spürte sofort, dass mir diese Kombination ganz und gar nicht gefiel. Ich ließ mich tiefer in den Sessel sinken – denselben Sessel, in dem früher Roland gesessen hatte – und verschränkte die Arme locker vor der Brust.
„Mir gefällt das gerade nicht“, sagte ich trocken und sah die beiden nacheinander an.
Valentina atmete einmal ruhig durch, als würde sie einen inneren Schalter umlegen, und begann zu sprechen. „Tori“, sagte sie ruhig, „du bist ein Terraner.“
Ich nickte langsam. Das war jetzt keine neue Information.
„Vanu und ich sind Argonen“, fuhr sie fort. „Was im Grunde ebenfalls Menschen sind.“
Wieder nickte ich. Bisher folgte ich noch problemlos. Doch ihr Tonfall verriet mir, dass noch etwas kommen würde.
„Aber“, sagte sie dann und legte die Fingerspitzen aneinander, „so einfach ist es nicht.“
Ich zog leicht eine Augenbraue hoch.
Valentina fuhr fort: „Die Terraner und die Argonen haben sich über mehr als achthundert Jahre getrennt voneinander entwickelt.“ Sie machte eine kleine Pause, damit die Information sacken konnte. „Und in dieser Zeit haben sich Unterschiede herausgebildet.“
Ich wollte schon etwas sagen, doch sie hob leicht eine Hand. „Ich meine damit nicht nur Augenfarben oder Haarfarben“, ergänzte sie ruhig.
Jetzt wurde ich tatsächlich aufmerksam. Ich setzte mich etwas gerader hin und musterte sie genauer.
Valentina sah kurz zu Vanu, dann wieder zu mir. Ihre Stimme blieb sachlich. „Wir sind jetzt seit einem Jahr verheiratet.“ Ich nickte automatisch. „Und es hat sich noch kein Ergebnis eingestellt.“
Ich blinzelte. „Ergebnis?“ fragte ich irritiert. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, worauf sie hinauswollte.
Valentina und Vanu tauschten einen kurzen Blick miteinander. Es war einer dieser wortlosen Blicke, bei denen zwei Menschen offenbar eine komplette Unterhaltung führen konnten, ohne dass ein Laut fiel. Schließlich räusperte sich Vanu leise. Sie sah mich an. „Babys“, sagte sie.
Das Wort traf mich wie ein Sprengsatz. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte jemand eine Granate mitten in meinem Kopf gezündet. Babys. Das Wort hallte in meinem Schädel nach. Babys. Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um überhaupt zu begreifen, was gerade gesagt worden war. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich sprang abrupt auf. Der Sessel knarrte unter der plötzlichen Bewegung.
„Ich… äh…“ brachte ich noch hervor, aber meine Gedanken liefen völlig durcheinander.
Ohne wirklich zu wissen, was ich tat, drehte ich mich um und ging. Nein, ging war untertrieben. Ich verließ den Raum praktisch fluchtartig. Ich hörte noch, wie hinter mir irgendwo eine Teeschale leise auf den Tisch gestellt wurde, aber ich blieb nicht stehen. Ich ging durch den Flur, öffnete die Tür und trat hinaus in den Vorgarten. Die frische Luft traf mich sofort. Der Frühling war gerade dabei, langsam in den Sommer überzugehen. Die Luft war mild, und irgendwo in den Beeten blühten bereits erste Pflanzen. Ich blieb kurz stehen, fuhr mir mit beiden Händen durchs Gesicht und begann dann im Kreis zu laufen. Einmal quer über den kleinen Weg. Dann wieder zurück. Ich machte ein paar tiefe Atemzüge. Ein. Aus. Ein. Aus. Noch einmal. Ich versuchte, meinen Puls wieder herunterzubringen. Es war nicht so, dass ich keine Familie wollte. Ganz im Gegenteil. Aber dieses Thema war gerade mit der Wucht eines Asteroiden auf mich eingeschlagen. Und mein Gehirn brauchte dringend ein paar Sekunden, um überhaupt hinterherzukommen. Also lief ich weiter im Kreis durch den Vorgarten und machte Atemübungen, während ich versuchte, meine Gedanken wieder einzusammeln.

Ich lief mehrere Minuten lang im Kreis durch den Vorgarten. Der Kiesweg knirschte unter meinen Schritten, jedes Mal wenn ich wendete. Links von mir standen niedrige Sträucher, die gerade dabei waren auszutreiben, frisches Grün zwischen den älteren Zweigen. Rechts lagen die Blumenbeete, in denen der Frühling langsam dem Sommer Platz machte. Einige der Pflanzen standen bereits in voller Blüte, andere streckten erst vorsichtig ihre Knospen der Sonne entgegen. Die Luft war mild, angenehm warm, und irgendwo summte ein Insekt träge durch die Gegend. Ich atmete tief ein, ließ die Luft langsam wieder ausströmen und versuchte dabei, meine Gedanken zu sortieren. Babys. Das Wort klang immer noch in meinem Kopf nach, wie ein Echo, das nicht verschwinden wollte. Nach ein paar Minuten merkte ich, wie mein Puls sich wieder beruhigte. Meine Schultern entspannten sich langsam, und auch das Gefühl, gleich aus der Haut fahren zu müssen, ließ nach. Schließlich blieb ich stehen, strich mir mit beiden Händen über das Gesicht und atmete noch einmal tief durch.
„Okay“, murmelte ich leise zu mir selbst. „Krieg dich wieder ein.“
Ich drehte mich zur Terrassentür um und wollte gerade wieder hineingehen, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war. Valentina und Vanu standen im Türrahmen. Offenbar hatten sie mich eine Weile beobachtet. Einen Moment lang sahen wir uns einfach nur an. Dann trat Vanu als Erste einen Schritt nach draußen. Sie hielt die Hände vor dem Bauch ineinander verschränkt, ihre Schultern wirkten leicht angespannt. Ihr sonst so selbstsicherer Ausdruck hatte etwas Verletzliches bekommen.
„Es tut mir leid“, sagte sie leise. Ihre Stimme war weich, fast vorsichtig. „Ich hätte dich damit nicht so überrumpeln sollen.“
Valentina trat ebenfalls hinaus, schloss die Tür hinter sich und blieb neben ihr stehen. Ihr Gesichtsausdruck war wieder dieser kontrollierte, professionelle Blick, den ich inzwischen nur zu gut kannte. Die Ärztin hatte wieder das Steuer übernommen.
„Ich hätte es diplomatischer formulieren sollen“, sagte sie ruhig.
Ich hob sofort abwehrend eine Hand und schüttelte den Kopf. „Schon gut“, sagte ich und atmete noch einmal tief durch. „Ist eh egal.“
Ich fuhr mir durch die Haare und sah kurz zum Himmel hinauf, bevor ich wieder zu ihnen blickte. „Ja, ihr habt mich überrumpelt“, gab ich offen zu. „Aber ganz ehrlich… ich bin eher der Typ, der lieber direkt mit etwas konfrontiert wird, als dass man ewig um den heißen Brei herumredet.“
Ich ging zur Terrasse hinüber und ließ mich auf einen der schlichten Stühle fallen, der dort stand. Das Holz war von der Sonne leicht warm geworden. Ich stützte die Ellbogen auf die Knie und verschränkte die Hände. Vanu und Valentina folgten mir nach draußen. Statt sich ebenfalls auf Stühle zu setzen, legten sich beide auf die Sonnenliegen, die neben dem Terrassentisch standen. Vanu auf der linken, Valentina auf der rechten Seite. Für einen Moment sagte niemand etwas. Man hörte nur den leichten Wind in den Sträuchern und das entfernte Summen irgendeines kleinen Fluggeräts, das hoch über der Siedlung vorbeizog. Schließlich setzte sich Vanu etwas auf ihrer Liege auf. Sie zog die Beine an, verschränkte die Hände locker darum und sah mich ernst an.
„Ich habe in letzter Zeit viel über unsere Zukunft nachgedacht und der Wunsch nach einem Kind wird bei mir stärker. Ich fühle mich emotional gefestigt, nach der Fehlgeburt mit meinem ersten Mann, und wir beide verfügen über die nötige finanzielle und partnerschaftliche Sicherheit, um Verantwortung zu übernehmen. Der Fokus hat sich bei mir verschoben – persönliche Freiheit ist wichtig, aber das Bedürfnis, für jemanden da zu sein, wiegt nun schwerer. Ich würde mir wünschen, dass wir eine Familie gründen.“
Während sie sprach, sah ich ihr aufmerksam ins Gesicht. Ihre Stimme war ruhig, aber ich merkte, dass hinter diesen Worten viel Nachdenken und vermutlich auch Zweifel steckten. Als sie fertig war, wandte ich automatisch den Blick zu Valentina. Ehrlich gesagt hoffte ich in diesem Moment einfach, dass sie das Wort ergreifen würde, weil ich selbst noch nicht genau wusste, was ich sagen sollte. Und tatsächlich öffnete sie den Mund. Allerdings interpretierte sie meinen Blick offensichtlich völlig falsch.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, sah mich direkt an und sagte in sachlichem Ton: „Ich will kein Kind. Noch nicht. Ich möchte noch ein paar Jahre meine Freiheit genießen und diese Zeit in meinen Beruf als Ärztin investieren.“
Ich blinzelte kurz. Das war… nicht ganz das, was ich erwartet hatte. Um mir selbst etwas Zeit zu verschaffen, griff ich das Thema auf, das sie zuvor angesprochen hatte.
„Du sprachst vorhin von Unterschieden zwischen Terranern und Argonen“, sagte ich ausweichend.
Valentina nickte sofort. Ich konnte förmlich sehen, wie sie innerlich wieder in ihren medizinischen Modus wechselte. „Argon Prime, Terra und Aldrin gehören zur Gaia-Klasse“, begann sie ruhig. „Einer sehr spezifischen Planetengattung erdähnlicher Welten.“ Sie stützte sich ein wenig auf einen Ellbogen und sah zwischen Vanu und mir hin und her, während sie erklärte. „Gaia-Welten sind seltene, paradiesische Planeten mit idealem oder zumindest sehr vielfältigem Klima und stabilen Ökosystemen. Diese Systeme regulieren sich durch komplexe Rückkopplungsmechanismen selbst.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr. „Aber so ähnlich sich diese Welten auch sind… sie sind nicht identisch.“ Ihr Blick richtete sich wieder auf mich. „Das Thema der unterschiedlichen Entwicklungen haben wir ja schon öfter angesprochen. Augenfarben. Haarfarben. Unterschiede in der Wahrnehmung.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Das sind allerdings nur die offensichtlichen Dinge.“ Dann sah sie mich einen Moment lang sehr bewusst an. „Tori, du selbst hast am eigenen Körper erlebt, dass es auch organische Unterschiede gibt.“
Ich nickte sofort. „Meine Unverträglichkeiten mit argonischen Nahrungsmitteln“, sagte ich.
„Genau.“ Valentina nickte bestätigend. „Das ist nur eines von vielen Merkmalen, die sich in den letzten fast neunhundert Jahren herausgebildet haben.“ Sie hob kurz die Hand, als würde sie einen Gedanken ordnen. „Aber auch die…“ Sie machte eine kleine Pause, als würde sie das richtige Wort suchen. „…Kompatibilität…“ Dann sprach sie weiter. „…zwischen Argonen, Terranern und Aldrinern wird immer geringer.“
Ich kniff die Augen leicht zusammen und sah sie prüfend an. „Worauf willst du hinaus?“ fragte ich schließlich direkt.
Valentina antwortete ohne Umschweife. „Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass wir drei Hilfe brauchen werden.“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Mein Gehirn versuchte bereits wieder mehrere Möglichkeiten gleichzeitig durchzuspielen.
Valentina bemerkte meine Reaktion und fügte sofort hinzu: „Was ich eigentlich schonend sagen wollte ist…“ Sie seufzte leise. „…dass das natürliche Verfahren wohl dem künstlichen weichen muss.“
Ich lehnte mich ein Stück zurück und sah sie einen Moment lang schweigend an. In meinem Kopf tauchte sofort eine ganz bestimmte Frage auf. War das gerade… ein Euphemismus?

Ich saß noch immer auf dem Terrassenstuhl und hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt. Die Hände ineinander verschränkt, den Blick zwischen den beiden Frauen hin und her wandernd. Die Sonne stand inzwischen ein Stück höher am Himmel und warf ein warmes, weiches Licht über den Garten. Ein leichter Wind bewegte die jungen Blätter der Sträucher, und irgendwo im Hintergrund zirpte ein kleines Tier in den Hecken. Trotz der friedlichen Umgebung fühlte sich mein Kopf gerade alles andere als ruhig an. Valentinas Worte über künstliche Verfahren hallten noch immer in meinem Kopf nach. Ich atmete einmal langsam durch und kratzte mir nachdenklich am Hinterkopf, bevor ich schließlich den Blick hob.
„Also ich weiß nicht, ob jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist.“
Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, sah ich, wie Vanus Gesichtsausdruck sofort in sich zusammenfiel. Ihre Schultern sanken leicht nach unten, und in ihren Augen erschien dieser kurze, verletzte Ausdruck, den Menschen haben, wenn sie glauben, gerade eine Absage erhalten zu haben. Mir wurde sofort klar, dass meine Worte völlig anders angekommen waren, als ich sie gemeint hatte. Also hob ich schnell eine Hand, als wollte ich die Situation einfangen, bevor sie weiter entgleiste.
„Aber“, setzte ich sofort nach, „es lassen sich immer Ausreden finden, um etwas aufzuschieben oder nicht tun zu müssen.“ Ich zuckte leicht mit den Schultern und versuchte, meine Stimme bewusst ruhig zu halten. „Das meine ich ganz allgemein.“
Valentina und Vanu sahen sich kurz an. Beide nickten langsam. Ich konnte erkennen, dass sie verstanden, dass ich das nicht ausschließlich auf unsere Situation bezogen hatte – zumindest nicht vollständig. Die Spannung löste sich ein wenig. Ich lehnte mich leicht zurück, ließ den Blick kurz über den Garten schweifen und suchte nach den richtigen Worten. Schließlich sah ich wieder zu den beiden Frauen.
„Wäre es ein Problem“, fragte ich vorsichtig, „wenn wir noch eine Weile die natürliche Möglichkeit ausprobieren?“
Für einen Moment passierte gar nichts. Dann passierte etwas völlig Unerwartetes. Beide Frauen liefen gleichzeitig rot an. Wirklich gleichzeitig. Es war fast synchron, wie sich die Röte über ihre Wangen ausbreitete. Valentina räusperte sich leise und blickte demonstrativ kurz zur Seite, während Vanu mich direkt ansah – und plötzlich lächelte. Kein schüchternes Lächeln, sondern ein warmes, beinahe verschmitztes.
„So oft du willst.“
Ihre Stimme klang weich, und ich bemerkte, dass sie sich ein wenig weiter auf ihrer Liege aufgesetzt hatte. Ihre oliv-grünen Augen funkelten jetzt deutlich lebendiger als noch vor ein paar Minuten. Valentina hingegen brauchte einen Moment länger, um ihre professionelle Fassung wiederzufinden. Sie richtete sich ebenfalls etwas auf, strich sich eine petrolfarbene Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte wieder diesen leicht distanzierten Arztblick auf.
„Aus ärztlicher Sicht ist dagegen nichts einzuwenden.“
Sie sprach den Satz sachlich aus, beinahe wie eine Diagnose. Trotzdem meinte ich, in ihrer Stimme einen ganz leichten, kaum hörbaren missbilligenden Unterton wahrzunehmen. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Sie verschränkte locker die Arme und fuhr dann fort, als würde sie einen medizinischen Vortrag halten.
„Unterschiedliche Immunsysteme ziehen einander an“, erklärte sie ruhig. „Und führen in der Regel zu genetisch stabileren Nachkommen.“
Sie sah mich dabei direkt mit ihren purpurnen Augen an, als wollte sie sicherstellen, dass ich die wissenschaftliche Seite der Sache auch wirklich verstand. Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Die Situation war irgendwie absurd. Noch vor wenigen Minuten war ich panisch in den Garten geflüchtet, weil das Wort Babys wie ein Meteorit in meinen Kopf eingeschlagen war. Und jetzt saßen wir hier auf der Terrasse, diskutierten Fortpflanzung wie ein wissenschaftliches Projekt – während die beiden Frauen gleichzeitig rot im Gesicht waren. Ich lehnte mich ein wenig weiter zurück, ließ den Blick wieder über den Garten gleiten und musste leise durch die Nase ausatmen. Mein Leben hatte wirklich eine seltsame Art, sich zu entwickeln.
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Kapitel 18 - Expansion

Als mein Shuttle durch die oberen Atmosphärenschichten von Argon Prime glitt, lag die planetare Hauptstadt Gunnia bereits unter mir. Von oben wirkte die Stadt wie ein riesiges Geflecht aus glänzenden Strukturen, breiten Verkehrsadern und grünen Inseln aus Parks und Wasserflächen, die sich zwischen die Architektur schoben. Argonische Städte hatten eine ganz eigene Ästhetik. Technologisch hochentwickelt, aber nie kalt oder steril. Überall schimmerte Glas, Metall und Vegetation miteinander. Selbst aus dieser Höhe konnte ich die dichten Verkehrsschichten erkennen – Flugspuren, die sich wie leuchtende Linien durch die Luft zogen.
Während das Shuttle langsam in den Anflugvektor überging, lehnte ich mich im Sitz zurück und ließ meine Gedanken zu den letzten Wochen zurückwandern. Seit meinem Besuch auf Ni'sha'la, dem Heimatplaneten der Boronen, waren einige Wochen vergangen. Genug Zeit, damit sich in Uros einiges entwickelt hatte. Die Produktion von Algen und Plankton hatte dort bereits im letzten Jahr begonnen. Am Anfang waren die Fischer allerdings alles andere als begeistert gewesen. Viele von ihnen hatten mich angesehen, als würde ich versuchen, ihnen eine besonders absurde Geschäftsidee zu verkaufen. Für sie war Fischfang eine Sache von Erfahrung, Netzen und Geduld – nicht von Laborbecken und Mikroorganismen. Auch Rosa und Greg hatten mit ihren wissenschaftlichen Vorträgen nicht gerade dazu beigetragen, die Skepsis zu zerstreuen. Wenn die beiden anfingen über ökologische Gleichgewichte, mikrobiologische Kreisläufe und Nährstoffketten zu sprechen, schalteten die meisten Fischer innerlich ziemlich schnell ab. Der Durchbruch kam erst, als der alte Florian das Gespräch übernahm. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie er einfach mitten in eine der Diskussionen hineinplatzte, die Hände in die Hüften stemmte und trocken sagte, dass sie mit der ganzen Sache Credits verdienen konnten. Das war der Moment gewesen, in dem sich die Stimmung plötzlich verändert hatte. Credits verstanden sie. Und so hatten sie schließlich zugestimmt, es wenigstens zu versuchen. Rückblickend war das vermutlich eine der besten Entscheidungen gewesen, die sie hätten treffen können.
Denn Algen und Plankton waren nicht einfach nur irgendein Zusatzprojekt. Sie bildeten die Grundlage eines gesamten Nahrungsnetzes. In natürlichen Gewässern ernähren sich unzählige kleine Organismen von Phytoplankton – winzigen Algen und Mikroorganismen, die mithilfe von Licht Nährstoffe produzieren. Diese wiederum werden von kleinen Krebstieren, Larven und anderen Mikrofauna gefressen. Und diese kleinen Tiere sind die Hauptnahrung vieler Fischarten. Indem wir also gezielt Algen und Plankton kultivierten, erhöhten wir indirekt das Nahrungsangebot für die gesamte Nahrungskette. Mehr Mikroorganismen bedeuteten mehr Kleintiere. Mehr Kleintiere bedeuteten mehr Nahrung für junge Fische. Und mehr überlebende Jungfische bedeuteten langfristig größere Fischbestände. Genau das begann sich in den Gewässern rund um Uros langsam zu zeigen.
Nachdem die ersten Tests erfolgreich verlaufen waren, hatten wir den nächsten Schritt gewagt. Wir begannen damit, BoFu in künstlich angelegten Aquarien zu züchten. Einige dieser Becken wurden mit Süßwasser gefüllt, andere mit Salzwasser. Die boronischen Fungi, reagierten erstaunlich flexibel auf verschiedene Wasserbedingungen, solange bestimmte mineralische Werte eingehalten wurden. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend. Die Fungi wuchsen stabil, ließen sich gut verarbeiten und entwickelten eine Struktur, die dem ursprünglichen BoFu zumindest nahekam. Dennoch bemerkten die boronischen Diplomaten, die exklusiv die neuen Gerichte probieren durften, sofort den Unterschied. Boronen hatten ein unglaublich feines Gespür für Geschmacksnuancen. Das war mir schon auf Ni'sha'la klar geworden. Glücklicherweise beschwerte sich keiner von ihnen. Vermutlich lag das auch daran, dass Bi Fi und ich von Anfang an sehr deutlich gemacht hatten, dass es sich um experimentelle Züchtungen handelte. Niemand erwartete Perfektion. Und obwohl einige der Boronen lieber beim altbewährten BoFu blieben, beobachtete ich mit wachsender Zufriedenheit, wie sich die Zahl der neugierigen Tester von Tag zu Tag erhöhte. Immer mehr Mitarbeiter wollten die neuen Varianten probieren. Manche aus wissenschaftlicher Neugier, andere einfach aus kulinarischem Interesse. Für mich war das ein gutes Zeichen. Ich hatte das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Doch nicht jedes Experiment verlief erfolgreich. Mein nächster Versuch ging gründlich schief. Ich hatte die Idee gehabt, BoFu in Thermalwasser zu züchten. Meine Überlegung war gewesen, dass die mineralischen Eigenschaften solcher Quellen den Geschmack vielleicht vertiefen oder neue Nuancen erzeugen könnten. In der Theorie klang das plausibel. In der Praxis endete das Experiment katastrophal. Die boronischen Fungi reagierten nicht nur extrem empfindlich auf die chemische Zusammensetzung des Thermalwassers, sondern auch auf die unterschiedlichen Temperaturen. Innerhalb weniger Tage begann das gesamte Kulturbecken zu kollabieren. Die Strukturen der Fungi zerfielen regelrecht, und schließlich starb die gesamte Kolonie ab. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als Vanu und ich schweigend vor dem Becken standen und beobachteten, wie das Wasser langsam trüb wurde. Das war einer dieser Momente, in denen Wissenschaft einfach nur frustrierend sein konnte.
Glücklicherweise verliefen die nächsten Experimente deutlich besser. Wir begannen damit, Varianten mit Schwefelwasser und eisenhaltigem Wasser zu testen. Beide lieferten überraschend interessante Ergebnisse. Vor allem die Schwefelvariante entwickelte einen intensiven, leicht würzigen Geschmack, der bei den boronischen Testessern erstaunlich gut ankam. Die eisenhaltige Variante hingegen war deutlich schwerer im Aroma und wurde von vielen Boronen als zu dominant empfunden. Ähnlich verhielt es sich mit einer weiteren Idee von mir: BoFu, gezüchtet in leicht kohlensäurehaltigem Wasser. Die resultierenden Fungi entwickelten eine feine, säuerliche Note, die zwar interessant war, aber als Hauptgericht schnell zu aufdringlich wirken konnte. Also entschieden Vanu und ich, diese Varianten nicht als eigenständige Gerichte auf die Karte zu setzen. Stattdessen nutzten wir sie als Gewürzkomponenten. Kleine Zusätze, die anderen Speisen eine leicht säuerliche oder mineralische Geschmacksnote verliehen. Das Ergebnis war überraschend vielseitig. Da keiner der Boronen bei irgendeinem der Experimente gesundheitliche Probleme entwickelte, konnten wir die Varianten ohne größere Bedenken weiterverwenden.
Innerhalb weniger Wochen hatte sich die Speisekarte der Anshin Yateis plötzlich erheblich erweitert. Neue Gerichte, neue Kombinationen, neue Geschmacksrichtungen. Während das Shuttle schließlich in die tieferen Verkehrsschichten über Gunnia eintauchte und die gewaltige Hauptstadt immer größer vor meinen Fenstern wurde, musste ich zugeben, dass ich mit der Entwicklung ziemlich zufrieden war. Vieles war noch experimentell. Vieles musste noch verbessert werden. Aber der Weg, den wir eingeschlagen hatten, fühlte sich richtig an.

Ich saß an einem niedrigen Tisch im Anshin Shokudō mit angegliedertem Yatei von Gunnia. Das Restaurant lag nur wenige Straßenzüge vom großen Raumhafen entfernt, eingebettet zwischen mehreren mehrstöckigen Gebäudekomplexen aus Glas und hellen Metallstrukturen. Von außen wirkte das Lokal bewusst schlicht – breite Fensterfronten, warme Holzpaneele, ein schlichtes Schild mit dem bekannten Anshin-Logo. Innen jedoch war alles so gestaltet, dass sich Gäste aus möglichst vielen Spezies wohlfühlen konnten. Unterschiedliche Sitzhöhen, leicht variierende Tischformen, separate Wasserbeckenbereiche für Boronenbesucher und ein Abschnitt mit etwas breiteren Durchgängen für größere Spezies wie Paraniden.
Die Luft roch angenehm nach frischem Reis, fermentierten Algen und einem Hauch von Gewürzen, die aus der Küche herüberwehten. Es war früher Nachmittag, und das Lokal war gut besucht. Mehrere argonische Gäste saßen verteilt an den Tischen, einige in Geschäftsanzügen, andere in einfacher Arbeitskleidung. Dazwischen bewegten sich auch Besucher anderer Völker. Ein Borone schwebte träge in seinem mobilen Wasserbehälter nahe einer der speziell eingerichteten Stationen. Zwei Teladi diskutierten mit zischenden Stimmen über eine Rechnung, während ein Split am Nachbartisch schweigend ein großes Tablett mit mehreren Portionen verschlang. Der Umsatz hier war deutlich höher, als ich ursprünglich erwartet hatte. Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass Argonen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten das Konzept gut annehmen würden. Das war schließlich einer der Gründe gewesen, warum wir die Anshin-Shokudō-Filialen überhaupt gegründet hatten. Aber dass auch so viele Aliens spontan hereinkommen würden, hatte ich nicht vorausgesehen. Offenbar sprach sich schnell herum, wenn ein Lokal Gerichte anbot, die für mehrere Spezies verträglich waren.
Mein Termin war noch nicht erschienen. Ich war allerdings auch schon den gesamten Tag hier. Das Personal schien das etwas nervös zu machen. Immer wieder bemerkte ich aus den Augenwinkeln kurze Blicke in meine Richtung. Niemand kam direkt zu mir, aber ich konnte die Unsicherheit förmlich spüren. Für sie war die Hierarchie vermutlich nicht ganz einfach einzuordnen. Vanu war für sie die direkte Chefin. Sie leitete den gastronomischen Bereich, entschied über Menüs, Personal und Abläufe. Doch ich stand formal noch darüber. Die Anshin-Restaurants gehörten zur Omni-Food Products. Und OFP war wiederum Teil der Universal Nourishment Organization. Einer Organisation, die ich gegründet hatte. Und deren Präsident ich war. Für das Personal bedeutete das wahrscheinlich, dass der höchste Vorgesetzte, den sie sich vorstellen konnten, plötzlich still in einer Ecke ihres Restaurants saß und stundenlang nichts tat. Kein Wunder, dass sie sich beobachtet fühlten. Ich tat allerdings mein Möglichstes, um genau diesen Eindruck zu vermeiden. Ich sah mich nicht prüfend um, beobachtete niemanden bei der Arbeit und machte mir keine Notizen über Abläufe. Stattdessen war ich vollständig in mein Tablet vertieft. Mit der Zeit bemerkte ich, wie die Anspannung im Raum langsam nachließ. Die Mitarbeiter merkten offenbar, dass ich sie weder kontrollierte noch bewertete. Schließlich gingen sie wieder ganz normal ihrer Arbeit nach.
Ich lehnte mich etwas zurück und scrollte weiter durch das Dokument auf dem Bildschirm meines Tablets. Es war der Vertrag, den die Boronen mir vor wenigen Tagen übermittelt hatten. Ihr Angebot war… großzügig. Zumindest auf den ersten Blick. Sie waren bereit, mir direkt im Sonnensystem Königstal eine Baugenehmigung für einen Produktionskomplex zu erteilen. Eine Anlage, die vollständig auf die Herstellung boronentauglicher Lebensmittel ausgelegt wäre. Da das Projekt als Privatunternehmen laufen sollte, war die Vereinbarung relativ klar strukturiert. Ich durfte bauen, produzieren und verkaufen – im Gegenzug würden regelmäßige Abgaben an die boronische Regierung fällig werden. Ein klassisches Lizenzmodell. Interessanter war jedoch ein anderer Punkt des Vertrags. Die Boronen erlaubten mir ausdrücklich, argonische Fabriken an den Komplex anzugliedern. Das bedeutete, ich könnte direkt vor Ort Argon-typische Agrarprodukte herstellen. Argnu-Fleisch, Delexianischen Weizen und verschiedene andere Rohstoffe, die wir für unsere Gerichte benötigten. Damit ließen sich die Transportkosten drastisch reduzieren.
Ich strich mit dem Finger über das Display und las den nächsten Abschnitt noch einmal sorgfältig durch. Um das Angebot attraktiver zu machen, stellten die Boronen sogar kostenlose Solarpanele zur Verfügung. Energieversorgung war bei Raumstationen normalerweise einer der größeren Kostenfaktoren. In diesem Punkt kamen sie mir also deutlich entgegen. Trotzdem blieb ein Problem. Die Weltraummiete für den Bauplatz war… hoch. Sehr hoch. Ich wusste auch genau, warum. Die Boronen hatten vor einiger Zeit die Technologie der transorbitalen Beschleuniger von den Argonen erhalten. Diese gewaltigen Konstruktionen – im Alltag meistens einfach Weltraumautobahnen genannt – verbanden nicht nur Stationen, sondern auch Planeten und Monde innerhalb eines Sonnensystems mit extrem schnellen Transportrouten. Für Handel und Logistik waren sie ein enormer Vorteil. Und die Boronen nutzten diese Infrastruktur inzwischen intensiv. Was allerdings viele vergaßen: Die Argonen hatten diese Technologie nicht selbst entwickelt. Sie hatten sie von Aldrin erhalten. Und das unter erheblichen Kosten und politischen Auflagen. Aldrin wiederum hatte sie kostenlos bekommen, nachdem sie sich den Terranern angeschlossen hatten. Ein komplexes Netz aus Technologieaustausch, politischen Interessen und wirtschaftlichen Verpflichtungen.
Ich lehnte mich etwas zurück und starrte einen Moment lang schweigend auf die Zahlenkolonnen im Vertrag. Wenn ich alles zusammenrechnete – Baukosten, Strukturmodule, Produktionsanlagen, Logistiksysteme – würde mich das Projekt ungefähr fünfzehn Millionen Credits kosten. Eine gewaltige Summe. Besonders für jemanden wie mich, der sich gerade erst aus mehreren finanziellen Verpflichtungen herausgearbeitet hatte. Der Bau würde mich wieder in Schulden stürzen. Daran gab es keinen Zweifel. Andererseits war der Absatzmarkt enorm. Boronen waren anspruchsvolle Konsumenten, aber wenn sie ein Produkt akzeptierten, blieben sie ihm meistens lange treu. Wenn sich der Komplex etablierte, würde sich die Investition vermutlich innerhalb weniger Jahre amortisieren. Ich ließ das Tablet langsam sinken und blickte kurz durch die Fensterfront des Restaurants hinaus. Draußen zogen mehrere Transportgleiter über die breite Straße, dahinter ragten die Türme von Gunnia in den Himmel. Der Vertrag lag noch immer geöffnet auf meinem Bildschirm.

Ich ließ das Tablet einen Moment lang auf dem Tisch liegen und starrte durch die großen Fenster des Yatei hinaus auf die belebte Straße vor dem Raumhafen. Transportgleiter schwebten in regelmäßigen Abständen über die breite Verkehrsachse hinweg, während am Boden Passanten verschiedenster Spezies zwischen den Gebäuden hindurchströmten. Das stetige Summen der Antriebe und das entfernte Dröhnen startender Shuttles mischte sich mit dem gedämpften Stimmengewirr im Restaurant. Normalerweise empfand ich diese Geräuschkulisse als angenehm. Heute jedoch lief im Hintergrund meines Kopfes eine ganz andere Art von Lärm – Zahlen, Risiken, Möglichkeiten. Die Konditionen der Boronen waren attraktiv, daran gab es keinen Zweifel. Aber sie waren nicht das einzige Angebot auf meinem Tisch.
Ich strich mit dem Finger über das Display meines Tablets und öffnete die zweite Datei. Das argonische Angebot. Allein die Tatsache, dass dieses Dokument überhaupt existierte, hatte mich überrascht. Bisher hatte ich fast ausschließlich mit lokalen Verwaltungsbeamten zu tun gehabt – Raumhafenaufsichten, Bezirksverwaltungen, gelegentlich ein Wirtschaftsreferent. Menschen, die ihre Arbeit erledigten, aber selten über ihren Zuständigkeitsbereich hinausgingen. Dieses Angebot hingegen kam aus deutlich höheren Ebenen der Verwaltung. Offiziell aus dem Wirtschaftsministerium der Argonischen Föderation. Ich erinnerte mich noch genau an den Moment, als die Nachricht eingetroffen war. Für einige Sekunden hatte ich nur auf den Absender gestarrt. Offenbar hatte sich meine Idee inzwischen weiter herumgesprochen, als ich angenommen hatte. Vielleicht war mein Name tatsächlich in irgendwelchen Sitzungen gefallen. Vielleicht hatte jemand die Berichte über unsere Projekte gelesen. Oder – dieser Gedanke ließ mich leicht schmunzeln – vielleicht war tatsächlich irgendein hochrangiger Beamter Stammkunde in einem unserer Shokudō oder Yatei geworden. Die Vorstellung, dass ein Ministerialbeamter regelmäßig bei uns Reis mit Algen bestellte, hatte durchaus etwas Amüsantes.
Ich scrollte durch das Dokument. Die Argonen boten mir Bauplätze zu einem überraschend günstigen Tarif an. Auch sie erlaubten mir, boronische Produktionsanlagen in die Komplexstruktur zu integrieren. Offensichtlich hatten sie verstanden, dass das gesamte Konzept nur funktionierte, wenn ich flexibel zwischen den biologischen Anforderungen verschiedener Spezies arbeiten konnte. Was mich allerdings wirklich erstaunt hatte, war die Höhe der Miete. Oder besser gesagt: wie niedrig sie war. Der Preis lag deutlich unter dem, was vergleichbare Standorte normalerweise kosteten. Natürlich war mir sofort klar gewesen, dass ein solches Angebot nicht ohne Bedingungen kommen würde. Und genau so war es auch. Ich lehnte mich etwas zurück, verschränkte die Arme locker vor der Brust und ließ meinen Blick wieder auf den Bildschirm sinken. Der Haken lag in einem einzigen Satz. Die argonischen Beamten hatten mitbekommen, dass ich eine kleine Privatwerft im Orbit von Trantor im Sonnensystem Presidents End beauftragt hatte, mehrere Frachter zu bauen. Irgendjemand in der Verwaltung musste diese Information aufgegriffen und kombiniert haben. Ihr Vorschlag – oder besser gesagt ihre Erwartung – war daher klar formuliert. Wenn ich einen Produktionskomplex bauen wollte, dann sollte ich ihn in genau diesem System errichten. Presidents End. Ich ließ den Namen einen Moment lang in meinem Kopf wirken.
Offiziell ging es natürlich um wirtschaftliche Förderung. Die Region sollte wieder aufgebaut werden. Neue Unternehmen sollten angesiedelt werden. Handelsströme sollten zurückkehren. Inoffiziell bedeutete das, dass ich als wirtschaftlicher Impulsgeber dienen sollte. Ein kleines Zahnrad, das den großen Mechanismus wieder in Bewegung brachte. Wenn ich das Angebot annahm, würde mich das gesamte Projekt etwa zehn Millionen Credits kosten. Fünf Millionen weniger als der Bau in Königstal. Eine beträchtliche Differenz. Trotzdem war Geld nicht der einzige Faktor. Ich öffnete eine weitere Karte auf dem Tablet und ließ mir die Sternensysteme anzeigen. Wenn ich in Königstal baute, wären die Transportwege zu Ni'sha'la und den anderen Welten des boronischen Königinnenreichs deutlich kürzer. Logistisch wäre das ein großer Vorteil. Die Frachter müssten weniger Systeme durchqueren, weniger Zeit im Transit verbringen und würden entsprechend schneller Waren liefern können. Allerdings hätte diese Entscheidung auch einen klaren Nachteil. Der Weg nach Son'ra würde deutlich länger werden. Ich zoomte in die Karte hinein und ließ die Routen berechnen. Mehrere Systeme lagen dazwischen. Wenn ich dagegen in Presidents End baute, sah die Sache anders aus. Von dort aus war Son'ra praktisch um die Ecke. Nur ein einziges Sonnensystem lag dazwischen. Entweder Heimat des Lichts oder Linie der Energie, je nachdem welche Route man wählte.
Ich schüttelte leicht den Kopf und schnaubte leise. Wer auch immer diese Systeme benannt hatte, musste eine sehr poetische Ader gehabt haben. Oder einen sehr eigenartigen Sinn für Pathos. In Gedanken stellte ich mir irgendeinen alten Entdecker vor, der dramatisch auf einen Stern zeigte und verkündete: Dies soll die Linie der Energie sein! Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
Trotzdem blieb die Rechnung kompliziert. Denn wenn ich in Presidents End produzierte, müsste jeder Frachter auf dem Weg nach Königstal durch fünf komplette Sonnensysteme fliegen. Und dabei war noch gar nicht berücksichtigt, dass die Waren anschließend weiter in andere boronische Systeme verteilt werden mussten. Ich atmete langsam aus und ließ den Blick wieder vom Display heben. Doch die Entfernung war nur ein Teil der Gleichung. Presidents End hatte noch andere Probleme. Probleme, die das Wirtschaftsministerium offensichtlich mit großzügigen Boni und niedrigen Mietpreisen überdecken wollte. Zum einen gab es dort noch immer sporadische Angriffe der Kha'ak. Zwar deutlich seltener als früher, aber sie kamen vor. Kleine, unberechenbare Überfälle, bei denen plötzlich ein Schwarm auftauchte und wieder verschwand. Dann war da der schleppende Wiederaufbau des Systems. Sechzig Jahre waren seit dem großen Angriff vergangen, aber noch immer wirkte vieles dort wie eine Wunde, die nie ganz verheilt war. Ganze Bereiche des Systems waren noch immer nur dünn besiedelt. Handelsstationen standen vereinzelt im Orbit, aber das dichte Netz aus Infrastruktur, das andere Systeme hatten, existierte dort nicht.
Und dann gab es noch das Sicherheitsproblem. Presidents End hatte einen Ruf. Einen ziemlich schlechten sogar. Schmuggler nutzten das System regelmäßig als Durchgangsroute. Die Behörden versuchten zwar dagegen vorzugehen, aber der Raum war groß und die Patrouillen begrenzt. Plünderer hatten dort ebenfalls lange ihr Unwesen getrieben. Nach dem Kha'ak-Großangriff waren unzählige zerstörte Stationen zurückgeblieben, deren Trümmerfelder über Jahrzehnte hinweg ausgeschlachtet worden waren. Inzwischen war zwar so gut wie alles geplündert worden, aber der Ruf des Systems hatte darunter gelitten. Und dann gab es noch ein weiteres Problem. Nur einen Sprungtordurchgang entfernt lag das Sonnensystem Elenas Glück. Offiziell gehörte es zur Argonischen Föderation. Inoffiziell war es ein Sammelpunkt für alles, was sich nicht besonders gerne an Regeln hielt. Piratenfraktionen nutzten das System als Rückzugsgebiet, während die argonische Flotte regelmäßig versuchte, ihre Präsenz dort zu behaupten. Die Bevölkerung bestand größtenteils aus… Ich verzog leicht den Mund, während ich nach einem passenden Wort suchte. Freigeister. Ja. Das war vermutlich die diplomatischste Formulierung.
Ich lehnte mich wieder etwas zurück und verschränkte die Finger auf dem Tisch. Beide Angebote lagen vor mir. Beide hatten ihre Vorteile. Beide hatten ihre Risiken. Und ich wusste, dass ich mich noch nicht entscheiden konnte. Denn irgendwo in meinem Hinterkopf ahnte ich bereits, dass diese beiden Optionen wahrscheinlich noch nicht das Ende der Geschichte waren.

Ich hob den Kopf, als die Schritte durch den Eingangsbereich hallten. Schwerfällig, fast gemächlich, watschelten sie auf mich zu, die charakteristische Haltung der Teladi sichtbar in jedem Bewegungsablauf. Ihre Schuppen glänzten im Licht des Yatei, die Farbunterschiede sofort erkennbar. Der ältere Teladi bewegte sich mit einem gemächlichen Rhythmus, seine roten Augen schienen jede Regung im Raum zu scannen. Die beiden Jüngeren hatten gelbe Augen mit schmalen schwarz geschlitzten Pupillen, die Aufmerksamkeit auf jedes Detail richtend, während sie gleichzeitig eine gewisse Gelassenheit ausstrahlten. Ich spürte ein leichtes Kribbeln im Nacken – drei Jahre hatten mich zwar in die Handelssprache eingeführt, aber ihre Mimik, ihre subtilen Gesten, all das blieb mir weitgehend fremd. Ich wusste, dass ich interpretieren musste, ohne sicher zu sein.
Der Ältere, Basilomas Thovareos, stellte sich zuerst vor. Sein Name ließ mich kurz innehalten – ich wusste um die üblichen teladischen Namenskonventionen: drei Namen, die Blutlinien reflektierten. Basilomas erklärte ruhig, dass er ausgewandert sei und mit seiner Frau eine eigene Brutlinie gegründet habe. Sein Tonfall war fest, gleichzeitig nicht überheblich, eher stolz auf die eigenständige Entwicklung. Ich nickte, machte mir eine mentale Notiz. Zwei seiner Nachkommen setzten sich neben ihn, jeder mit einer Präsenz, die ihre Rolle im Gespräch markierte. Basilomos Thovareos Nopireos, klar männlich durch die bläulichen Schuppen, straffte die Schultern, die Augen auf mich gerichtet. Basilomos Thovareos Kavireas, eindeutig weiblich mit ihrem grün schimmernden Schuppenkleid, wirkte zurückhaltender, doch aufmerksam, jede meiner Bewegungen registrierend.
Das Gespräch begann schleppend, wie erwartet. Jedes S, jedes CH wurde in die Länge gezogen, ein Zischen begleitete fast jede Silbe. Ich musste mehrfach nachhaken, bestimmte Worte wiederholen, die Sätze in die Handelssprache zurückübersetzen. Trotzdem spürte ich langsam eine gewisse Dynamik: die Teladi hörten zu, prüften genau, was ich sagte, wie ich die Angebote präsentierte. Ich legte beide Varianten auf den Tisch, die Bauplätze in Königstal und in Presidents End, erläuterte jeweils Kosten, logistische Wege, Risiken und Vorteile.
Basilomas Thovareos, der Ältere, beugte sich leicht vor, die roten Augen zusammengekniffen, und zischte: "Kosssteneffizzzienzzz... mussss... langfrissstig gesssehen werden. Kurzzze Lieferwege... geringere Betriebssskosssten... ssstabilere Märkte... Risssiko mussss berechnet... nicht nur Creditsss."
Ich nickte, verstand, dass er das System analytisch betrachtete, nicht emotional, wie ich es manchmal tat.
Nopireos legte den Kopf leicht schräg, die Augen auf die Karte gerichtet, und zischte: "Presssidentsss End... Transssport nach Boron... mehrere Sssysssteme... Invessstition geringer... Gefahr höher... könnte langfrissstig höhere Rendite bringen, wenn Sscchhutzmaßßßnahmen umgesssetzzzt werden."
Ich konnte sehen, wie er die Berechnungen in seinem Kopf ablaufen ließ, die bläulichen Schuppen schimmerten im Licht.
Kavireas, die Jüngere, verschränkte die Arme, leicht zurückgelehnt, und ließ ein grünes Schuppenschild aufblitzen, eine subtile Geste von Vorsicht. Sie sprach leise, zischend: "Königssstal... weniger Risssiko... kürzere Wege zu wichtigen Märkten... höhere Miete, aber sssicherer... langfrissstig planbar... ssstabilere Infrassstruktur." Ihr Ton war bedächtig, bedacht, wie eine erfahrene Analystin, die Szenarien gegeneinander abwägte.
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Finger vor meinem Gesicht, und studierte die drei. Ihre Stimmen, ihre Betonungen, die subtile Differenz zwischen den Generationen – es war klar: Der Ältere betrachtete die Gesamtkosten mit strategischem Fokus, Nopireos suchte nach Renditepotenzial bei Risikoakzeptanz, Kavireas schätzte Sicherheit und Planbarkeit. Ich merkte, dass ich ihre Antworten nicht einfach als Zahlen lesen konnte. Jede Meinung spiegelte Werte, Erfahrung, eine Perspektive wider, die ich berücksichtigen musste.
Schließlich richtete ich die Stimme auf alle drei: "Also, wenn ihr nur auf die Kosten und die Effizienz schaut, welches der beiden Projekte würdet ihr empfehlen?"
Basilomas Thovareos zischte ein leises, langgezogenes "Königssstal...", Nopireos ein fast ehrfürchtiges "Presssidentsss End...", und Kavireas wiederholte das Argument für Königstal mit einer Betonung, die ihre Logik untermauerte.
Ich ließ die Stille wirken, die Entscheidung lag noch bei mir, aber die Analysen der Teladi hatten meine Perspektive deutlich erweitert.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 19 - Überfordert

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber irgendwann musste ich aufhören, die beiden Angebote gegeneinander abzuwägen, und anfangen zu handeln. Ich saß noch immer im Anshin Shokudō in Gunnia, das Stimmengewirr der Gäste, das leise Klirren von Geschirr und der warme Duft von Brühe, Reis und Gewürzen bildeten eine fast beruhigende Kulisse für meine Gedanken. Schließlich legte ich das Tablet auf den Tisch und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. Ich hatte mich entschieden, einen zweigeteilten Weg zu gehen.
Die erste Produktionslinie würde im Sonnensystem Königstal entstehen. Dort, mitten im Einflussgebiet der Boronen, wo die Nachfrage nach unseren Produkten ohnehin am größten war. Gleichzeitig würde in Presidents End das Hauptquartier der Universal Nourishment Organization entstehen. Genau genommen schwebte mir etwas Konkreteres vor: eine alte Handelsstation im Orbit von Trantor. Eine dieser halb verlassenen Strukturen aus der Zeit vor dem großen Kha’ak-Angriff, die noch immer wie ein stählernes Gerippe im Raum hing. Ich wollte sie kaufen, restaurieren und nach und nach wieder aufbauen. Ein Symbol für etwas Neues, das aus den Ruinen entstand.
Doch so klar die Idee auch war – die Realität war ernüchternd. Beide Projekte gleichzeitig zu stemmen war finanziell schlicht unmöglich. Ich starrte einen Moment lang aus dem großen Fenster des Restaurants, hinaus auf den Raumhafen von Gunnia, wo ständig Transporter starteten und landeten. Credits waren die eine Sache, aber Zeit, Logistik und Personal waren eine ganz andere.
Hier kamen die Teladi ins Spiel.
Die Familie um Basilomas Thovareos hatte sich in den letzten Tagen als erstaunlich wertvoll erwiesen. Während unserer Gespräche, die sich inzwischen über mehrere Treffen gezogen hatten, hatten sie ein Talent für Planung und Struktur gezeigt, das ich nicht erwartet hatte. Wenn ich ehrlich war, waren sie im menschlichen Sinne echte Finanzgenies. Im teladianischen Maßstab hingegen vermutlich eher durchschnittlich.
Der Grund dafür lag auf der Hand.
Sie stammten von Ianamus Zura, dem ursprünglichen Heimatplaneten der Teladi. Anders als die Teladi der Gemeinschaft der Planeten, die über Generationen hinweg fast ausschließlich auf Profitmaximierung ausgerichtet waren, hatten sich die Kulturen auf Ianamus Zura in eine andere Richtung entwickelt. Mehr Kultur, mehr gesellschaftliche Entwicklung, weniger kompromisslose Profitgier. In gewisser Weise erinnerten sie mich an Menschen aus dem zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahrhundert der Erde – wirtschaftlich orientiert, aber nicht vollständig davon beherrscht.
Ich musste bei dem Gedanken leicht schmunzeln. Vielleicht war genau das der Grund, warum sie überhaupt Interesse an meiner Organisation hatten.
Oder vielleicht lag es schlicht am Essen.
Während ihres Vorstellungsgesprächs – und auch bei den anschließenden Verhandlungen – hatten sie konsequent auf teladianische Nahrung verzichtet. Stattdessen hatten sie sich systematisch durch beinahe das gesamte Menü des Anshin Yatei gearbeitet. Ich erinnerte mich noch genau an das leise Zischen ihrer Stimmen, während sie jede neue Speise begutachteten, an das konzentrierte Funkeln ihrer Augen, wenn sie eine neue Geschmacksrichtung analysierten.
Sie hatten alles probiert. Wirklich alles.
Suppen, Reisgerichte, fermentierte Gemüsevariationen, Fisch, sogar einige der experimentellen BoFu-Gerichte. Besonders Kavireas hatte sich dabei als erstaunlich neugierig erwiesen. Jedes Mal, wenn ein neues Gericht kam, beugte sie sich leicht nach vorne, betrachtete die Farben und Strukturen, bevor sie vorsichtig probierte. Danach folgte meistens ein langgezogenes, zufriedenes Zischen.
Als das Gespräch schließlich beendet war und wir uns verabschiedeten, dachte ich eigentlich, der Abend sei vorbei. Doch die drei Teladi standen nicht auf, um zu gehen. Stattdessen wandten sie sich geschlossen zum kleinen Verkaufsbereich des Restaurants, dem Anshin Shokudō, der direkt neben dem Ausgang lag.
Ich beobachtete sie aus der Entfernung, während sie sich durch die Regale bewegten. Ihre Klauen griffen nach Verpackungen, drehten sie prüfend, studierten die Beschriftungen.
Kurz darauf kamen sie mit einer erstaunlichen Menge an 2Go-Menüs zurück.
Mehrere stapelbare Boxen, vakuumversiegelte Gerichte, sogar einige der konservierten Spezialitäten, die eigentlich für längere Raumflüge gedacht waren. Basilomas Thovareos hielt die gesamte Sammlung mit sichtbarer Zufriedenheit in den Klauen.
Ich konnte mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
Vielleicht hatte ich mit meiner Vermutung also recht.
Vielleicht waren sie wirklich gekommen, um zu arbeiten.
Oder vielleicht auch nur, um zu essen.

Die Entscheidung, die Familie Thovareos einzustellen, erwies sich schneller als richtig, als ich es erwartet hatte. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es Monate dauern würde, bis sich ihre Arbeit wirklich bemerkbar machte. Große Organisationen veränderten sich normalerweise langsam. Prozesse mussten angepasst werden, Zuständigkeiten geklärt, Gewohnheiten durchbrochen. Doch in meinem Unternehmen schien sich alles in einem Tempo zu verschieben, das ich kaum für möglich gehalten hätte. Nur wenige Wochen nachdem Basilomas Thovareos und seine beiden Nachkommen ihre Arbeit aufgenommen hatten, zeigten sich bereits deutliche Veränderungen. Die Umsätze stiegen. Nicht explosionsartig, aber konstant. Jede Woche ein wenig mehr. Gleichzeitig wurden unsere Lieferketten effizienter. Frachtrouten wurden neu berechnet, Zwischenlager sinnvoller verteilt, Transportzeiten verkürzt. Ich saß an meinem Schreibtisch in einem der Verwaltungsräume des Anshin-Komplexes auf Argon Prime und betrachtete die aktuellen Zahlen auf meinem Tablet. Die Kurven auf den Diagrammen bewegten sich langsam nach oben. Neben den Umsätzen waren auch die Betriebskosten leicht gesunken. ch musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Es war nicht nur ihr finanzielles Talent. Das hätte ich von Teladi ohnehin erwartet. Was mich wirklich überraschte, war ihre Fähigkeit zur Kommunikation. Die drei Echsen verstanden es erstaunlich gut, mit den unterschiedlichsten Leuten zu sprechen. Ob mit argonischen Lieferanten, boronischen Händlern oder den eher misstrauischen Hafenverwaltern – sie fanden immer den richtigen Ton. Sie lernten schnell. Unglaublich schnell. Ich erinnerte mich noch daran, wie sie in den ersten Tagen beinahe jedes Detail unserer internen Abläufe hinterfragt hatten. Anfangs hatte ich gedacht, sie würden alles nach teladianischen Profitmaßstäben umstrukturieren wollen. Doch stattdessen analysierten sie nur, stellten Fragen, hörten zu und passten sich dann an. Ihre Flexibilität war beeindruckend. Noch erstaunlicher war ihre Teamfähigkeit. Ich hatte erwartet, dass sie eher eigenständig arbeiten würden, vielleicht sogar etwas distanziert gegenüber den menschlichen Mitarbeitern. Doch das Gegenteil war der Fall. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie sich in die verschiedenen Teams integriert. Die Mitarbeiter begannen sogar, ihre Anwesenheit zu schätzen. Ein leises Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Die Tür zu meinem Büro öffnete sich einen Spalt breit, und Kavireas steckte den Kopf herein. Ihre grün schimmernden Schuppen reflektierten das Licht der Deckenlampen.
"Ssorri für die Ss...törung, Prässsident Tori."
Ich musste jedes Mal ein leichtes Schmunzeln unterdrücken, wenn sie bestimmte Wörter aussprach. Ihr Zischen zog sich manchmal über mehrere Sekunden. Ich winkte sie herein.
"Sag einfach Tori."
Sie trat vollständig ein und verschränkte kurz die Arme vor der Brust, eine Geste, die ich inzwischen als eine Art höfliche Aufmerksamkeit interpretierte.
"Neue Kontaktaufnahme von teladianissschen Handelspartnern", zischte sie.
Ich legte das Tablet langsam auf den Tisch. Die Kontakte, die Basilomas Thovareos und seine Familie innerhalb weniger Wochen aufgebaut hatten, waren beeindruckend. Es war, als hätten sie ein unsichtbares Netzwerk aktiviert, das plötzlich begann, auf meine Organisation zu reagieren. Meine ursprüngliche Vision – ein Unternehmen aufzubauen, das Lebensmittel in der gesamten Gemeinschaft der Planeten verkaufte – rückte plötzlich greifbar näher.
Und genau das wurde langsam zum Problem. Ich rieb mir mit zwei Fingern über die Schläfen. Denn aus einem dieser neuen Kontakte war etwas entstanden, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ein Teladi-Investor. Irgendein teladianischer Geschäftsmann – oder vermutlich eher Geschäftsfrau – hatte offenbar Potential in meiner Organisation gesehen. Nicht nur als Lieferant, sondern als Markt. Und nun stand plötzlich eine neue Idee im Raum. Teladianische Nahrungsmittelproduktion. Ich starrte kurz auf die Wand vor mir. Teladianische Landwirtschaft bedeutete völlig andere biologische Bedingungen, andere Produktionsketten, andere Verarbeitungstechnologien. Ein weiteres komplettes Ökosystem.
"Klingt nach einer großen Gelegenheit", sagte ich schließlich langsam.
Kavireas nickte.
"Sehr profit...a— äh..." Sie hielt kurz inne, als würde sie bewusst ein Wort zurückhalten.
"...vielversssprechend."
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
"Das Problem ist nur", murmelte ich.
Ich sah sie an.
"Alles passiert zu schnell."
Sie legte den Kopf leicht schräg, ihre Pupillen verengten sich minimal.
Ich fuhr fort.
"Ich habe noch nicht einmal die Verträge mit den Boronen und den Argonen abgeschlossen."
Ich hob eine Hand und begann, die Punkte abzuzählen.
"Die Produktionsanlage in Königstal existiert nur auf Papier."
Ein Finger.
"Der Bau hat noch nicht einmal begonnen."
Zweiter Finger.
"Und ich habe noch nicht einmal entschieden, ob ich diese alte Handelsstation in Presidents End überhaupt kaufe."
Dritter Finger.
Ich ließ die Hand wieder sinken und atmete langsam aus.
"In ein paar Tagen fliege ich nach Trantor", sagte ich.
"Ich will mir die Station selbst ansehen."
Kavireas schwieg einen Moment. Ihre Augen bewegten sich kurz hin und her, als würde sie mehrere Gedankengänge gleichzeitig verfolgen. Dann nickte sie langsam.
"Vernünftige Reihenfolge."
Ich musste lächeln. Es tat gut, wenigstens von einem Teladi keine sofortige Profitmaximierung zu hören. Ich griff wieder nach meinem Tablet, während draußen irgendwo ein Shuttle startete und das Gebäude kurz leicht vibrierte. Der nächste Schritt lag im Orbit von Trantor. Und ich hatte das Gefühl, dass diese Reise mehr entscheiden würde, als nur den Standort meines Hauptquartiers.

Für mich fühlte sich alles an, als hätte jemand plötzlich die Geschwindigkeit meines Lebens verdoppelt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einzelne Entscheidungen getroffen, Projekte begonnen, mit ein paar Menschen gesprochen. Jetzt dagegen schien jede Entscheidung sofort eine Kette weiterer Entwicklungen auszulösen. Neue Kontakte. Neue Verträge. Neue Probleme. Ich wusste, dass ein Unternehmen irgendwann eine Größe erreichen würde, bei der man nicht mehr alles selbst überblicken konnte. Aber dass dieses Gefühl so früh einsetzen würde, hatte ich nicht erwartet. Manchmal saß ich vor den Berichten auf meinem Tablet und hatte das Gefühl, als würde ich versuchen, einen ganzen Sternenhimmel zu ordnen. Deshalb hatte ich schließlich eine Entscheidung getroffen: Ich musste die Verantwortung aufteilen.
Die Universal Nourishment Organization – kurz UNO – blieb das Dachunternehmen. Und damit letztlich meine Verantwortung. Strategische Entscheidungen, große Richtungswechsel, politische Kontakte – das alles lief weiterhin über meinen Tisch. Das Marketing allerdings hatte ich Basilomas Thovareos übertragen. Je länger ich den Teladi beobachtete, desto mehr war ich davon überzeugt, dass er ein außergewöhnliches Gespür für Stimmungen besaß. Er konnte regelrecht fühlen, wohin sich der Geschmack der breiten Masse bewegte. Noch wichtiger war allerdings, dass er nicht nur reagierte, sondern diese Stimmung auch beeinflussen konnte. Während eines unserer Gespräche hatte ich ihn einmal gefragt, wie er das anstellte. Er hatte nur leicht gezischt und gesagt, dass Konsumenten nicht nur essen wollten – sie wollten das Gefühl haben, die richtige Entscheidung zu treffen. Seitdem beobachtete ich ihn mit wachsender Faszination. Von den einzelnen Unternehmen, die unter der UNO zusammengefasst waren, erhielt ich inzwischen regelmäßig detaillierte Berichte.
Die Forschungsabteilung lief unter dem Namen XeNutra Incorporated – XNI. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, Valentina Esposito mit der Leitung zu betrauen. Immerhin war sie Ärztin und wissenschaftlich ausgebildet. Doch sie hatte überraschend entschieden abgelehnt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Ehrlichkeit. Sie hatte mir erklärt, dass sie sich der Verantwortung nicht gewachsen fühlte. Vor allem aber wollte sie ihre Unabhängigkeit behalten und ihre Arztpraxis nicht aufgeben. Ich erinnerte mich noch gut an den Moment, als sie mir das gesagt hatte. Ihre Arme waren verschränkt gewesen, ihr Blick ernst, aber ruhig.
"Ich helfe dir gern, Tori. Aber ich will nicht aufhören, Ärztin zu sein."
Also hatten schließlich Rosa Morgan und Greg Watson die Leitung übernommen. Die beiden ergänzten sich erstaunlich gut. Rosa war analytisch und vorsichtig, Greg dagegen experimentierfreudig und manchmal beinahe chaotisch. Unterstützt wurden sie von Basilomas, der Frau von Thovareos. Sie hatte ein erstaunliches Talent dafür entwickelt, neue Rohstoffe aufzutreiben – oft zu Preisen, bei denen ich mich fragte, wie sie das überhaupt geschafft hatte. Diese Materialien landeten dann bei XNI, wo sie analysiert und gegebenenfalls in neue Produkte integriert wurden.
Der Bereich Zucht und Einkauf lief unter dem Namen Exo-Harvest Corporation – EHC. Diesen gesamten Sektor hatte ich an Kavireas übergeben. Wenn ich ehrlich war, hatte ich dabei ein mulmiges Gefühl gehabt. Ich kannte die junge Teladi kaum. Und ich wusste nicht, ob sie der Aufgabe wirklich gewachsen war. Landwirtschaftliche Produktionsketten, Rohstoffmärkte, biologische Risiken – das war kein einfacher Bereich. Trotzdem hatte ich mich dafür entschieden, ihr zu vertrauen. Bisher hatte sie mich nicht enttäuscht. Die Zahlen blieben stabil, die Versorgung funktionierte, und mehrere neue Lieferanten waren hinzugekommen. Vielleicht hatte ich sie unterschätzt.
Verarbeitung und Verkauf liefen über Omni-Food Products – OFP. Dieser Bereich lag in den Händen von Vanu Atu. Am Anfang hatte sie ziemlich damit gehadert, die direkte Aufsicht über die einzelnen Anshin Shokudōs und Yateis aufzugeben. Sie hatte diese Bioläden und Restaurants schließlich selbst aufgebaut, jedes einzelne von ihnen persönlich betreut. Doch tief im Inneren wusste sie, dass eine Expansion irgendwann genau das verlangen würde. Als ich in ihr Leben getreten war, hatte sich dieser Prozess allerdings drastisch beschleunigt. Ich konnte sehen, dass ihr das manchmal Angst machte. Wenn sie abends erschöpft neben mir saß, sah ich diesen kurzen Moment der Unsicherheit in ihren Augen. Gleichzeitig spürte ich aber auch etwas anderes. Hoffnung. Und Stolz. Sie wusste, dass etwas Großes entstand.
Transport und Logistik hatte ich unter der Bio Logistics Division – BLD – zusammengefasst. In letzter Zeit hatte ich deshalb häufiger mit Kon Mah zu tun. Sein Ruf beim argonischen Militär war ausgezeichnet, und auch Martin van Count hatte mir mehrfach bestätigt, dass man sich auf ihn verlassen konnte. Wenn Martin von jemandem in diesem Ton sprach, hatte das Gewicht.
Der Gedanke an Martin führte mich allerdings automatisch zu jemand anderem. Shishido Mari. Die letzten Monate waren für sie alles andere als leicht gewesen. Das Gericht hatte sie verurteilt – rechtmäßig, wie ich zugeben musste. Eine Gefängnisstrafe hatte sie zwar nicht antreten müssen, aber die Strafzahlungen waren enorm gewesen. Ihr ohnehin schon gewaltiger Schuldenberg war dadurch noch größer geworden. Trotzdem gab es inzwischen ein Licht am Horizont. Und kein kleines. Die Familie van Count und mehrere Farmer aus der Umgebung hatten beschlossen, ihr zu helfen. Sie verkauften ihr Saatgut, Maschinenstunden und andere Ressourcen zu Preisen, die deutlich unter dem üblichen Handelswert lagen. Für Mari bedeutete das eine echte Chance, wieder auf die Beine zu kommen.
Der Sicherheitsdienst schließlich lief unter dem Namen Sustenance Security Agency – SSA. Diesen Bereich hatte Tahl Brenna übernommen. Nachdem er das Angebot angenommen hatte, war er mit seiner Familie nach Aru gezogen. Allerdings nicht in meine unmittelbare Nachbarschaft. Stattdessen hatte er sich am anderen Ende der kleinen Stadt niedergelassen. Ich hatte schnell bemerkt, dass ihm diese Distanz gut tat. Seine Stimmung hatte sich deutlich verbessert. Er wirkte ausgeglichener, ruhiger. Weniger angespannt. Seine Halbschwester Gal Connar hingegen arbeitete noch immer für den argonischen Geheimdienst. Ich hatte ihr ein deutlich besseres Gehalt angeboten, doch sie war noch nicht bereit gewesen zu wechseln. Trotzdem hatte sich auch bei ihr etwas verändert. Äußerlich blieb sie die gleiche – kühl, präzise, kontrolliert. Doch hin und wieder, wenn sie glaubte, dass niemand hinsah, zuckten ihre Mundwinkel leicht nach oben. Es waren nur kurze Momente. Aber sie waren da. Offenbar hatte das Gespräch zwischen ihr und Tahl mehr bewirkt, als beide zugeben wollten.

Ich saß an meinem Schreibtisch und betrachtete die letzte Nachricht, die aus dem Agrarsektor eingetroffen war. Die Zahlen waren noch nicht spektakulär, aber sie entwickelten sich in die richtige Richtung. Genau das hatte ich gehofft, als ich Nopireos dorthin geschickt hatte. Der junge Teladi sollte Shishido Mari dabei helfen, ihre wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Ihre Schulden abzubauen, ihre Produktion effizienter zu gestalten und langfristig wieder Gewinne zu erwirtschaften. Erst wenn dieses Kapitel abgeschlossen war, wollte ich ihn vollständig in die Bio Logistics Division integrieren. Dort würde sein Talent vermutlich noch stärker zur Geltung kommen. Während ich über die Daten auf dem Bildschirm meines Tablets strich, musste ich daran denken, dass die Familie Thovareos eigentlich größer war, als die vier Teladi, die momentan für mich arbeiteten. Basilomas hatte mir einmal beiläufig erwähnt, dass ihre Brutlinie noch mehrere weitere Individuen umfasste. Doch gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit hatte Thovareos klar gemacht, dass er, seine Frau und seine beiden ältesten Sprösslinge zunächst selbst herausfinden wollten, ob sie sich in meinem Unternehmen überhaupt wohlfühlten. Sie wollten sich ein Bild machen. Beobachten. Arbeiten. Erst danach würde entschieden werden, ob weitere Familienmitglieder nachrücken sollten. Die Verträge, die wir geschlossen hatten, waren deshalb zunächst auf fünf Jahre ausgelegt. Fünf Jahre Zusammenarbeit. Fünf Jahre, um herauszufinden, ob unsere Vorstellungen kompatibel waren. Danach bestand die Möglichkeit einer Verlängerung.
Trotzdem hatte mich eine Sorge von Anfang an begleitet. Eine, die ich irgendwann nicht mehr für mich behalten wollte. Ich erinnerte mich noch genau an das Gespräch mit Thovareos. Wir hatten uns in einem kleinen Besprechungsraum des Anshin-Komplexes auf Argon Prime gegenübergesessen. Der Raum war ruhig gewesen, nur das leise Summen der Klimaanlage hatte die Stille begleitet. Ich hatte mich damals leicht nach vorne gelehnt, die Hände ineinander verschränkt, und ihn direkt angesehen.
"Ich muss etwas ansprechen." Der alte Teladi hatte den Kopf leicht geneigt. Seine roten Augen hatten mich ruhig gemustert. "Ich weiß, dass Teladi als hervorragende Geschäftsleute gelten." Ich hatte kurz gezögert, bevor ich fortfuhr. "Und ich weiß auch, dass erfolgreiche Unternehmen manchmal übernommen werden."
Einen Moment lang hatte im Raum Stille geherrscht. Dann hatte Thovareos ein langgezogenes Zischen ausgestoßen, das irgendwo zwischen Belustigung und Verständnis lag. Seine Schuppen hatten im Licht der Deckenlampen leicht geschimmert, als er sich etwas zurückgelehnt hatte.
"Solche Praktiken existieren." Seine Stimme war ruhig geblieben. "Aber sie entsprächen nicht dem Ehr- und Moralkodex meiner Brutlinie."
Er hatte das Wort Brutlinie mit einer Betonung ausgesprochen, die keinen Zweifel daran ließ, dass es für ihn mehr als nur eine biologische Zugehörigkeit war. Es war Identität. Tradition. Verpflichtung. Trotzdem hatte ich darauf bestanden, dass wir diese Frage nicht nur mit Worten klärten. Also hatten wir den Punkt vertraglich festgehalten. Jeder Versuch einer Übernahme, jeder Versuch der Sabotage oder der wirtschaftlichen Unterwanderung würde automatisch zur sofortigen Kündigung führen. Doch damit nicht genug. In der entsprechenden Klausel war außerdem festgelegt, dass jeder daraus entstehende Schaden vollständig ausgeglichen werden musste – inklusive Zinsen und Zinseszinsen. Eine Formulierung, die sogar mich beim Lesen kurz hatte schlucken lassen. Interessanterweise war es nicht ich gewesen, der diese strengen Regelungen vorgeschlagen hatte. Es waren die Teladi selbst. Das gesamte Quartett hatte sich aktiv daran beteiligt, solche Szenarien von vornherein auszuschließen. Sie hatten zusätzliche Kontrollmechanismen eingebaut, interne Prüfverfahren vorgeschlagen und mehrere juristische Sicherungen ergänzt. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich damals das Vertragsdokument durchgeblättert hatte und langsam verstanden hatte, wie weit sie dabei gedacht hatten. Diese Voraussicht beeindruckte mich bis heute. Denn während viele Unternehmer versuchten, Probleme erst dann zu lösen, wenn sie auftraten, hatte die Familie Thovareos offenbar die Angewohnheit, Risiken schon im Vorfeld so weit wie möglich auszuschalten. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah einen Moment lang zur Decke. Wenn ich ehrlich war, beruhigte mich das ein wenig. Vielleicht war ich in dieser Hinsicht zu misstrauisch gewesen. Aber gleichzeitig hatte mir diese Erfahrung auch gezeigt, dass Vertrauen im Geschäftsleben am besten funktionierte, wenn es von klaren Regeln begleitet wurde. Und in diesem Punkt schienen die Teladi und ich überraschend gut zusammenzupassen.

Der Flug nach Trantor begann wesentlich unspektakulärer, als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Eigentlich hatte ich gehofft, mit einem der Frachter von Kon Mah zu fliegen. Doch seine Transportlinien zwischen Aru und Uros liefen gerade auf Hochtouren. Die Nachfrage nach unseren Produkten war gestiegen, und er konnte sich keine Pause leisten. Also blieb uns nichts anderes übrig, als einen öffentlichen Personentransporter zu nehmen.
Das Schiff war groß, funktional und völlig unromantisch. Ein langgestreckter Rumpf voller Kabinen, enger Gänge und ständig summender Systeme. Der Innenraum roch nach recycelter Luft, Kunststoff und einer kaum wahrnehmbaren Note von Maschinenöl. Menschen, Paraniden, ein paar Teladi und sogar ein einzelner Borone bewegten sich durch die Korridore. Niemand schenkte uns besondere Aufmerksamkeit. Für sie waren wir nur weitere Passagiere auf dem Weg in ein anderes Sonnensystem.
Neben mir saß Vanu und blickte aus dem Panoramafenster des Aufenthaltsdecks in die Schwärze des Alls. Das Licht der Sterne spiegelte sich in ihren Augen, während sie mit verschränkten Armen gegen die Rückenlehne gelehnt war. Tahl stand einige Schritte entfernt mit verschränkten Händen hinter dem Rücken und beobachtete den Raum wie gewohnt mit der Aufmerksamkeit eines Sicherheitsmannes.
Thovareos hingegen hatte es sich auf einem Sitz bequem gemacht und studierte mehrere Datentafeln gleichzeitig. Seine langen Finger glitten über die Oberfläche seines Tablets, während seine Pupillen sich rhythmisch verengten und weiteten.
Während des Fluges dachte ich mehrmals an Nopireos und an Mari. Noch vor unserer Abreise hatte ich mit dem jungen Teladi eine Vereinbarung getroffen. Die Anshin-Restaurants und Shops würden Maris Argnu-Fleisch künftig etwas über dem Marktpreis einkaufen. Nicht dramatisch viel – aber genug, um ihre Einnahmen spürbar zu erhöhen. Wichtig war nur, dass diese Mehrkosten nicht in unsere Endprodukte einflossen. Unsere Kunden sollten davon nichts merken.
Kurzfristig würde das unseren Gewinn reduzieren. Langfristig jedoch beschleunigte es Maris Schuldenabbau. Und sobald ihre Schulden verschwanden, konnte sie ihre Preise senken, was wiederum unsere Einkaufskosten reduzierte. Ein Kreislauf.
Nopireos war von der Idee begeistert gewesen – allerdings aus einem ganz anderen Grund. Während unseres Gesprächs hatte ich ein deutliches Funkeln in seinen gelben Augen gesehen.
"Wenn der Betrieb sich stabilisiert, könnten wir ihn später erwerben."
Ich hatte nur den Kopf geschüttelt.
"Versuch das mal Mari vorzuschlagen."
Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie diese Unterhaltung ausgehen würde.
Nach der Landung auf Trantor erwartete uns bereits Hoshino Misora. Ihr Schiff stand etwas abseits der üblichen Landeplattformen – ein kompakter, eleganter Raumgleiter mit klaren Linien und sichtbar guter Wartung. Als wir uns näherten, öffnete sich die Einstiegsluke mit einem leisen Zischen. Misora stand im Frachtraum und begrüßte uns mit einem kurzen Nicken. Ihr dunkles Haar war zu einem straffen Zopf gebunden, und ihre Bewegungen wirkten so präzise, als hätte jemand jede einzelne davon geplant.
"Willkommen auf Trantor."
Wir stiegen ein, und kurz darauf hob ihr Schiff wieder ab. Die Reise zur Handelsstation dauerte nicht lange. Der Planet verschwand unter uns, während wir langsam in den Orbit aufstiegen. Als die Station schließlich vor uns auftauchte, spürte ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Sie wirkte… tot. Kein Positionslicht. Keine aktive Rotation. Keine Energieemissionen. Nur eine dunkle, reglose Struktur, die im All hing wie ein verlassenes Skelett. Misora koppelte das Schiff an eine der Andockschleusen. Danach blieb nur noch eine Möglichkeit: Raumanzüge. Das Anlegen dauerte eine Weile. Als ich schließlich den Helm schloss, hörte ich nur noch mein eigenes Atmen und das leise Rauschen der Lebenserhaltung im Anzug. Die Luftschleuse öffnete sich, und wir betraten die Station. Sofort wurde klar, wie schlimm ihr Zustand war. Die Korridore lagen im Dunkeln. Unsere Lampen warfen harte Lichtkegel über nackte Metallwände. Keine Atmosphäre. Kein Geräusch. Nur das dumpfe Klacken unserer Magnetstiefel auf dem Boden. Das Gehen fühlte sich merkwürdig an. Die Stiefel hafteten zwar am Boden, aber jeder Schritt erforderte mehr Kraft als gewohnt. Ich sah mich um und musste innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das war kein Renovierungsprojekt. Das war ein Wrack. Überall klafften offene Panels. Kabelstränge hingen aus Wänden. Gerätehalterungen waren leer. Ganze Konsolen fehlten. Plünderer hatten ganze Arbeit geleistet. Der Energiekern war verschwunden. Die komplette Lebenserhaltung ebenfalls. Zahlreiche Module waren ausgebaut worden – manche sauber, andere mit roher Gewalt. Neben mir blieb Thovareos stehen und betrachtete eine aufgerissene Wartungsklappe. Seine Zunge fuhr kurz über seine Zähne, bevor ein langgezogenes Zischen aus seinem Helmlautsprecher kam.
"Das ist keine Investition." Er drehte den Kopf langsam zu mir. "Das ist ein Aufbauprojekt." Seine Krallen tippten kurz auf sein Tablet. "Erste überschlägige Kalkulation: fünf- bis zehnfache Investitionssumme des Kaufpreises."
Fünf bis zehn. Ich musste unwillkürlich schlucken. Tahl hatte inzwischen ebenfalls mehrere Bereiche überprüft. Als er zurückkam, schüttelte er langsam den Kopf. Seine Stimme klang trocken. "Schrott."
Mehr sagte er nicht. Vanu hingegen reagierte völlig anders. Der miserable Zustand der Station schien sie nicht abzuschrecken. Im Gegenteil. Ihre Augen wanderten neugierig durch jeden Raum, an dem wir vorbeikamen. Sie blieb ständig stehen, leuchtete mit ihrer Lampe in Nebenräume oder öffnete halb zerbrochene Türen. Allerdings entfernte sie sich nie weit von uns. Dadurch dauerte unsere Erkundung ewig. Stunden vergingen, während wir nur einen kleinen Teil der Station absuchten. Immer wieder entdeckten wir eingebrannte Namen in den Metallwänden. Graffiti. Markierungen. Vermutlich Signaturen der Plünderer. Bei einem dieser Namen blieb ich plötzlich stehen. Kuran. Der Name kam mir bekannt vor. Irgendwo hatte ich ihn schon einmal gehört. Doch egal wie sehr ich nachdachte – ich kam nicht darauf. Die anderen reagierten ebenfalls ratlos. Also schickte ich schließlich eine Nachricht an Gal. Wenn jemand solche Namen zuordnen konnte, dann vermutlich der Geheimdienst. Misora bewegte sich währenddessen erstaunlich ruhig durch die Station. Ihre Bewegungen wirkten kontrolliert, beinahe methodisch. Sie strich über beschädigte Metallkanten, untersuchte Schraubenlöcher und betrachtete Kratzspuren. Schließlich wandte sie sich an uns.
"Die Komponenten wurden nicht fachmännisch entfernt." Sie zeigte auf mehrere Schleifspuren im Metall. "Zu viele Kratzer." Dann deutete sie auf eine leere Gerätehalterung. "Aber nur wenige Systeme wurden herausgerissen."
Ich runzelte die Stirn. "Du meinst, sie haben versucht vorsichtig zu arbeiten?"
Sie nickte leicht. "Die meisten Teile wurden abgeschraubt."
Während ich darüber nachdachte, wanderte mein Blick durch einen der großen Frachträume. Die gewaltige Halle war leer. Nur einige Trägerstrukturen und alte Halterungen ragten noch aus den Wänden. Und plötzlich kam mir eine Idee. Ich drehte mich zu Thovareos. "Was wäre, wenn wir die Station nicht als Handelsstation wieder aufbauen?"
Der Teladi legte leicht den Kopf schief. "Alternative Nutzung?"
Ich nickte langsam. "Ein Gewächshaus."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann ließ Thovareos ein leises Zischen hören. "Interessant."
Vanu trat näher und sah sich um. "Als landwirtschaftliche Station?"
Ich deutete auf die riesigen Hallen. "Wir könnten die Struktur nutzen. Pflanzenproduktion im Orbit."
Thovareos überlegte sichtbar. "Umbau wäre billiger als vollständige Rekonstruktion."
Vanu verschränkte nachdenklich die Arme. "Es gibt ein Problem." Sie sah mich direkt an. "Verschiedene Pflanzen brauchen unterschiedliche Klimazonen." Sie machte eine kurze Pause. "Und teilweise auch unterschiedliche Gravitation."
Ich dachte einen Moment nach. Dann formte sich eine neue Idee. "Was wäre mit mehreren Ringen?" Alle sahen mich an. "Zusätzliche Rotationsringe. Unterschiedliche Geschwindigkeiten. Unterschiedliche Gravitation."
Misora hob sofort eine Hand. "Prinzipiell möglich." Sie zögerte kurz. "Aber mehrere Ringe erhöhen die strukturelle Belastung." Dann fügte sie hinzu: "Rotation müsste gegenläufig sein." Sie zeichnete mit dem Finger eine Kreisbewegung. "Gerade Ringe im Uhrzeigersinn." Eine zweite Bewegung in die andere Richtung. "Ungerade gegen den Uhrzeigersinn."
Tahl verschränkte die Arme. Sein Blick wanderte langsam durch die riesige, beschädigte Struktur der Station. Dann schüttelte er den Kopf. "Ein einziger Unfall reicht." Seine Stimme blieb ruhig. "Oder ein Angriff." Er deutete auf mehrere alte Trägerstreben. "Wenn eine Stabilisierung bricht, geht der Rest wie Dominosteine."
Er ließ den Satz bewusst unvollendet. Vanu atmete hörbar aus. Durch das Visier ihres Helms sah ich, wie sie kurz die Augen schloss. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. Die Idee war damit erledigt.

Wir standen noch immer in der riesigen, dunklen Frachthalle der alten Station. Unsere Lampen zeichneten harte Lichtkegel über Metallträger, verlassene Dockhalterungen und die leeren Gerippe ehemaliger Anlagen. In der Stille des luftleeren Raums hörte ich nur mein eigenes Atmen im Helm und das gleichmäßige Klacken unserer Magnetstiefel, wenn jemand sein Gewicht verlagerte. Vanus hörbares Ausatmen hatte die Diskussion über rotierende Gewächshausringe praktisch beendet. Auch ich musste mir eingestehen, dass Tahls Einwand schwer zu ignorieren war. Ein Dominoeffekt aus brechenden Stabilisatoren war genau die Art Katastrophe, die man erst bemerkte, wenn es längst zu spät war. Ich ließ meinen Blick erneut durch die Halle wandern. Überall dieselbe Geschichte: nacktes Metall, fehlende Technik, ausgeschlachtete Module. Die Station war kein Gebäude mehr – eher ein Skelett. Und genau in diesem Moment kam mir ein anderer Gedanke. Langsam drehte ich den Kopf zu Misora. Sie stand etwas abseits und untersuchte gerade eine beschädigte Wartungsschiene. Ihre Handschuhe glitten über das Metall, als würde sie jede Unebenheit im Material fühlen. Ich ging ein paar Schritte auf sie zu. Die Magnetstiefel klickten schwer auf dem Boden.
"Misora."
Sie sah auf. "Ja?"
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blickte noch einmal durch den riesigen Raum. "Du erinnerst dich an deine Frachteridee."
Sie nickte leicht. In ihren Augen lag sofort wieder dieser konzentrierte Ausdruck, den sie immer bekam, wenn es um Konstruktionen ging. Ich zeigte mit einer langsamen Handbewegung auf die umgebende Struktur der Station.
"Was wäre, wenn wir das hier gar nicht wieder aufbauen." Sie wartete. "Und stattdessen etwas völlig Neues entwerfen." Ich sah sie direkt an. "Eine neue Stationsstruktur."
Für einen Moment blieb sie völlig still. Dann hob sie leicht eine Augenbraue. "Neu in welchem Sinn?"
Ich machte eine kurze Pause, während ich meine Gedanken sortierte. "Nicht wie bisher." Ich deutete auf mehrere alte Docksegmente, die in den Raum ragten. "Keine zusammengeflanschten Module. Keine nachträglich angehängten Stationsteile." Ich formte mit beiden Händen eine grobe Struktur in die Luft. "Eine Station, die von Anfang an modular ist."
Misoras Augen veränderten sich sofort. Es war, als hätte jemand in ihrem Kopf einen Schalter umgelegt. Die vorher ruhige, analytische Aufmerksamkeit verwandelte sich in etwas deutlich Lebhafteres. Ihre Pupillen wurden größer, und sie trat einen Schritt näher.
"Modular im Sinne von erweiterbar?"
Ich nickte. "Genau."
Ihre Hände begannen sich unbewusst zu bewegen, während sie nachdachte. "Ein zentraler Kern…" Sie machte eine Kreisbewegung. "Daran andockende Segmente… standardisierte Schnittstellen…" Sie stoppte plötzlich, als würde ihr gerade ein ganzer Strom von Ideen durch den Kopf schießen.
Ich konnte sehen, wie ihr Gehirn arbeitete. Hinter uns räusperte sich Tahl leise. Als ich zu ihm sah, hatte er die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete uns mit diesem skeptischen Blick, den er immer bekam, wenn jemand begann, große Pläne zu schmieden. Thovareos wiederum hatte seinen Kopf leicht geneigt. Seine schmalen Augen ruhten auf Misora, während er das Gespräch aufmerksam verfolgte.
Vanu kam langsam näher und stellte sich neben mich. "Das klingt…" Sie suchte nach einem passenden Wort. "...gewagt."
Thovareos ließ ein kurzes, nachdenkliches Zischen hören. "Sehr gewagt." Seine Krallen tippten auf sein Tablet. "Abweichung von etablierten Baukonzepten kann Investoren abschrecken."
Tahl nickte knapp. "Normen existieren aus gutem Grund."
Ich ließ ihre Einwände einen Moment lang im Raum stehen. Sie hatten nicht unrecht. Wer zu weit von etablierten Standards abwich, riskierte schnell, aus dem Markt gedrängt zu werden. Aber genau dieser Gedanke brachte mich zum Schmunzeln. Ich sah Thovareos an.
"Das Gleiche haben sie auch über die Frachter gesagt." Der Teladi blinzelte langsam. Ich verschränkte erneut die Arme. "Neue Frachterstruktur. Andere Laderäume. Andere Logistik." Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Auch das wird ein Bruch mit Normen." Vanu sah mich prüfend an. Ich drehte mich leicht, sodass ich alle gleichzeitig ansehen konnte. "Außerdem bauen wir diese Stationen nicht für den offenen Markt." Ein kurzer Moment Stille entstand. Dann sprach ich weiter. "Unsere Stationen müssen nicht attraktiv für fremde Händler sein." Ich deutete auf mich selbst. "Sie müssen für uns funktionieren." Thovareos' Augen verengten sich leicht. Ich erklärte weiter. "Die Stationen wären Produktionsanlagen." Meine Hand machte eine kurze Bewegung durch den Raum. "Die Produkte gehen direkt an unsere eigenen Vertriebsstellen." Ich sah Vanu an. "An die Anshin Shokudō Shops." Dann wandte ich mich leicht zu ihr. "Und an die Anshin Yatei Restaurants." Langsam nickte sie. Ich fuhr fort. "Das gleiche Prinzip wie bei den Frachtern." Ich zeigte kurz in Richtung Misora. "Die Schiffe liefern unsere Waren." Meine Hand beschrieb eine Linie im Raum. "Direkt zu unseren eigenen Standorten."
Wieder Stille. Misora sah mich noch immer an, aber diesmal mit einem völlig anderen Ausdruck. Ihre Augen leuchteten regelrecht. Sie hatte nicht nur eine Idee gehört. Sie hatte ein ganzes Projekt gesehen. Und ich war mir ziemlich sicher, dass in ihrem Kopf bereits die ersten Entwürfe entstanden.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 20 - Schatten der Vergangenheit

Der Rückflug von der toten Handelsstation verlief schweigsamer als der Hinflug. Vielleicht lag es daran, dass wir alle denselben Gedanken im Kopf hatten: Die Station war mehr Ruine als Investition. Während Misora ihr Schiff durch den Orbit von Trantor steuerte, saß ich hinter ihr und blickte durch die Frontscheibe hinaus in die dunkle Weite des Alls. Der Planet unter uns wirkte ruhig, fast träge, während über uns die Sterne regungslos funkelten. Vanu hatte sich neben mich gesetzt. Ihre Arme waren verschränkt, und sie blickte nachdenklich aus dem Seitenfenster. Tahl saß weiter hinten, still wie immer, aber seine Augen wanderten ständig durch das Cockpit und über die Instrumente. Er war einer von denen, die selbst in ruhigen Momenten wachsam blieben. Thovareos hingegen saß aufrecht und hatte erneut sein Tablet in den Händen. Die Reflexion der Anzeigen spiegelte sich in seinen roten Augen, während seine langen Finger langsam über die Oberfläche glitten. Ich wusste, dass er bereits wieder Zahlen durchging. Kosten. Risiken. Möglichkeiten.
Unser Ziel war die Werft von Misoras Vater, Kento.
Als wir schließlich in die Nähe der Anlage kamen, erkannte ich sie schon aus einiger Entfernung. Mehrere Dockarme ragten von der zentralen Struktur der Werft in den Raum hinaus. Kleine Wartungsschiffe bewegten sich wie Insekten um die Konstruktion herum, während größere Schiffe in den offenen Dockringen lagen. Misora steuerte uns ruhig durch das Verkehrsnetz der Werft. Ihr Schiff glitt präzise zwischen zwei schweren Transportern hindurch und setzte schließlich auf einer der äußeren Plattformen auf. Als die Luke sich öffnete, schlug uns der vertraute Geruch einer Werft entgegen: Metall, Kühlmittel und der leichte, trockene Geruch von recycelter Luft. Wir verließen das Schiff und gingen über die Plattform in Richtung des großen Hauptdocks. Schon von weitem konnte ich erkennen, dass dort etwas stand. Ein Schiff. Der erste Prototyp. Ich hatte mir während der ganzen Zeit ein völlig anderes Bild gemacht. In meinem Kopf war immer ein riesiger, unförmiger Kasten gewesen – praktisch, aber hässlich. Ein typischer Frachter eben. Etwas, das nur funktionierte, aber niemanden beeindruckte. Doch als wir das Dock betraten, blieb ich unwillkürlich stehen. Vor mir stand kein Kasten. Das Schiff war… elegant. Die Form erinnerte an eine langgezogene Pfeilspitze. Schlank, leicht nach vorne verjüngt, mit glatten Linien, die sich über den gesamten Rumpf zogen. Selbst im ruhenden Zustand wirkte es, als würde es sich bereits durch den Raum schneiden. Ich trat ein paar Schritte näher und legte den Kopf leicht in den Nacken, um das gesamte Schiff zu erfassen.
"Das ist der Prototyp?"
Misora nickte knapp. "Ja." Ihre Stimme klang ruhig, aber ich konnte sehen, dass sie stolz war. "Tests stehen noch aus."
Ich umrundete langsam das Schiff, während die anderen ebenfalls näher kamen. Erst jetzt fiel mir auf, dass das eigentliche Frachtsystem nicht direkt Teil des Flugmoduls war. Der Frachtraum bestand aus einem separaten Container. Misora trat neben mich und deutete auf das Modul.
"Der Container ist komplett versiegelt."
Ich betrachtete die massive Struktur genauer. Die Oberfläche war glatt, aber robust, mit mehreren verstärkten Segmenten.
"Atmosphären- und weltraumtauglich."
Sie strich mit der Hand über eine der Verstrebungen.
"Eigenes Energiesystem."
Ich sah sie fragend an.
"Für die Stasiseinheiten."
Langsam nickte ich. Dort würden die Nahrungsmittel gelagert werden. Der Container selbst war jedoch nicht einfach nur ein Behälter. Er war von einem komplexen Gittersystem umgeben. Mehrere massive Streben bildeten eine Art Käfig um die eigentliche Fracht. Ich trat näher und betrachtete die Konstruktion genauer.
"Das ist kein einfacher Schutzrahmen."
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Nein." Sie deutete auf mehrere Energieverteiler entlang der Streben. "Primär ein Schildgitter."
Ich hob eine Augenbraue. "Primär?"
Sie sah mich kurz an. "Es kann auch einen EMP aussenden."
Neben mir hörte ich ein leises Zischen von Thovareos.
Misora fuhr fort. "Wenn nötig kann die Energie nach innen gerichtet werden."
Ich sah sie an. "Nach innen?"
Sie nickte. "Dann zerstört das System das Frachmodul."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich ließ den Blick erneut über das Gittersystem wandern. Was sie gebaut hatten, war nicht nur ein Transportbehälter. Es war ein Sicherheitsmechanismus. Wenn jemand versuchte, die Ladung zu stehlen, konnte sie im Zweifel einfach ausgelöscht werden.
"Der Energiekern ist nur ein Hilfssystem." Misora deutete auf ein kleineres Modul an der Rückseite des Containers. "Während eines Notfalls oder während der Zeit auf einem Spaceport." Sie machte eine kurze Pause. "Das Hauptenergiesystem befindet sich im Flugmodul."
Ich wandte mich wieder dem eigentlichen Schiff zu. Der sogenannte Spacetruck, wie ich ihn inzwischen in Gedanken nannte. Von der Seite sah er noch beeindruckender aus. Die gesamte Struktur wirkte darauf ausgelegt, Geschwindigkeit und Stabilität zu kombinieren. Die Triebwerke lagen tief im hinteren Bereich des Rumpfes, während der vordere Teil schmal zulief.
"In ihm sitzt der Hauptgenerator." Misora zeigte auf den zentralen Bereich des Rumpfes. "Versorgt Schiff und Frachtsystem."
Ich nickte langsam.
Sie fuhr fort. "Atmosphärenflugfähig."
Ich blickte erneut über die glatte Oberfläche des Rumpfes.
"Nicht nur Weltraum."
Langsam begann ich zu verstehen, wie viel Gedankenarbeit in diesem Entwurf steckte.
"Die Geschwindigkeit variiert natürlich mit der Masse."
Ich musste leicht schmunzeln. Das musste mir wirklich niemand erklären. Ich erinnerte mich noch gut an den Physikunterricht in der Schule. Je größer die Masse, desto mehr Energie brauchte man, um sie zu beschleunigen oder abzubremsen. Trotzdem wurde mir eines sofort klar. Ohne das Frachtsystem war dieses Schiff vermutlich schneller als jeder andere Frachter, den ich bisher gesehen hatte. Ich blieb schließlich stehen und sah noch einmal das gesamte Schiff an. Ein leises Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Respekt. Großer Respekt. Ich sah zu Misora hinüber. Dann zu der Werfthalle, in der vermutlich ihr Vater irgendwo arbeitete. Was die beiden hier geschaffen hatten, war mehr als nur ein Transporter. Es war ein völlig neues Konzept. Und wenn ich ehrlich war, löste dieser Gedanke in mir nicht nur Begeisterung aus. Ein Teil von mir hatte auch Angst davor, wie viel Macht in dieser Technologie steckte.

Mein Armband piepste. Das Geräusch war kurz und scharf, aber laut genug, um meine Aufmerksamkeit sofort aus den Gedanken über den Frachter zu reißen. Reflexartig hob ich den Arm und sah auf das kleine Display. Eine eingehende Nachricht. Der Absender war Gal. Doch bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, ging ein heftiger Ruck durch die gesamte Werfthalle. Der Boden vibrierte unter meinen Füßen. Metallträger knarrten. Irgendwo in der Ferne fiel etwas scheppernd zu Boden. Ich musste einen Schritt zur Seite machen, um das Gleichgewicht zu halten. Ringsum brach sofort Unruhe aus. Ein paar Besucher, die sich zuvor in der Halle aufgehalten hatten, schrien erschrocken auf. Einer stolperte rückwärts über eine Werkzeugkiste. Ein anderer rannte panisch Richtung Ausgang. Das Personal der Werft – viele davon offenbar noch nicht lange hier beschäftigt – wirkte für einen Moment ebenso überrumpelt. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Ihre Blicke wanderten hektisch durch die Halle. Doch dann hörte ich die tiefe, feste Stimme von Kento. Er hatte offenbar sofort reagiert. Er gab kurze, knappe Anweisungen. Seine Stimme war ruhig, aber unmissverständlich. Die Arbeiter sammelten sich, griffen nach Tablets, Aktivatoren und Kontrollgeräten. Sie überprüften alles, was ihnen einfiel. Meteoriteneinschlag. Struktureller Schaden. Kollision mit einem Schiff. Doch schon nach wenigen Sekunden wurde klar, dass nichts davon zutraf. Dann öffnete sich mit einem schweren metallischen Knall eines der äußeren Tore. Und sie kamen herein. Piraten. Über zwei Dutzend. Sie strömten in die Halle wie eine dreckige Welle aus Gewalt und Chaos. Mein Blick wanderte automatisch über die Gruppe. Die meisten waren Argonen. Dazwischen erkannte ich mehrere Teladi. Und weiter hinten stand ein Split mit massigem Oberkörper, der seine Arme verschränkt hielt, während er alles mit kaltem Blick beobachtete. Ein Paranide stand ebenfalls dabei. Seine drei Augen glitten langsam über die Umgebung, als würde er die Situation analysieren. Doch egal welcher Spezies sie angehörten – sie sahen alle gleich aus. Wild. Verwahrlost. Ihre Haare waren zerzaust, teilweise grell gefärbt. Einige hatten rasierte Schädel mit eingefrästen Mustern. Ihre Körper waren übersät mit Tattoos, alten Narben und groben kybernetischen Implantaten. Die Waffen, die sie trugen, wirkten nicht besonders hochwertig. Einige Pistolen waren offensichtlich alt oder modifiziert. Aber sie brauchten keine hochwertigen Waffen. Sie hatten Masse. Und Brutalität. Noch bevor jemand reagieren konnte, trat ein großer, auffallend schmächtiger Argone aus der Gruppe nach vorne. Seine Schultern waren knochig, sein Gesicht schmal. Eine lange Narbe zog sich über seine Wange. Seine Augen suchten die Halle ab.
Dann rief er laut: "Wo ist Kento?"
Einen Moment lang antwortete niemand. Dann bewegte sich etwas hinter einem Stapel Ersatzteile. Kento trat hervor. Der alte Mann wirkte ruhig. Zu ruhig für die Situation. Seine Schultern waren gerade, sein Blick fest. Der Pirat grinste schief.
"Alter Mann." Seine Stimme war spöttisch. "Du hast dich gemausert seit unserem letzten Besuch." Er breitete leicht die Arme aus. "Wir sind hier, um das Schutzgeld abzuholen."
Schutzgeld. Das Wort traf mich völlig unvorbereitet. Ich runzelte die Stirn. Bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich Misora neben mir.
Sie beugte sich leicht zu mir hinüber und flüsterte leise. "Diese Bande war vor Jahren schon einmal hier." Ihre Stimme war angespannt. "Damals haben sie nichts Wertvolles gefunden."
Ich sah kurz zu ihr. "Aber?"
Sie schluckte. "Sie haben trotzdem großen Schaden angerichtet."
Mein Blick wanderte wieder zu den Piraten. Langsam begann ich zu verstehen. Diese Gruppen zogen offenbar von System zu System. Warteten darauf, dass jemand eine Station wieder aufbaute, dass Betriebe liefen, dass Geld floss. Und dann kamen sie zurück. Kento trat einen Schritt nach vorne.
Seine Stimme war ruhig. "Damals wie heute." Er sah dem Piraten direkt in die Augen. "Ich habe nichts, was ich euch geben könnte."
Der Argone verzog den Mund. Er schien das anders zu sehen. "Wir haben gehört, dass du einen großen Auftrag an Land gezogen hast." Er deutete mit einer lässigen Handbewegung durch die Halle. "Mehr Verkehr." Er grinste breit. "Und deine Bruchbude sieht sauberer aus als beim letzten Mal."
Hinter ihm brach Gelächter aus. Der Pirat zuckte mit den Schultern. "Aber hey." Sein Ton wurde plötzlich scheinbar freundlich. "Wenn du keine Credits hast…" Er machte einen Schritt nach vorne. "...nehmen wir auch Materialien."
In diesem Moment griff er plötzlich nach Misora. Alles ging unglaublich schnell. Doch noch bevor seine Hand sie erreichen konnte, bewegte sich jemand zwischen ihnen. Thovareos. Der Teladi stellte sich direkt in den Weg. Der Pirat reagierte ohne Zögern. Ein Schuss hallte durch die Halle. Das Geräusch war laut und scharf. Thovareos taumelte rückwärts. Ich sah das Loch in seiner Brust. Grünes Blut sprudelte heraus und tropfte auf den Boden. Mein Magen zog sich zusammen. Misora wich erschrocken zurück und versteckte sich hinter uns. Kento schrie auf. Ein Laut voller Wut. Der alte Mann stürmte auf den Argonen zu. Doch er kam nicht weit. Ein zweiter Schuss. Ich sah, wie Kentos Kopf in einem grellen Energieschlag förmlich verdampfte. Sein Körper blieb einen Moment stehen. Dann fiel er schwer auf den Boden. Die Halle wurde plötzlich totenstill.
"Otōsan!" Misoras Stimme zerriss die Stille.
Sie brach zusammen, ihre Beine gaben unter ihr nach. Ihre Hände zitterten, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Der Piratenanführer leckte sich langsam über die Lippen. Die Bewegung war widerlich. Sein Blick ruhte auf Misora. "Süße." Er grinste. "Jetzt gehört der Laden dir." Er trat einen Schritt näher. "Na, wie sieht's aus?" Sein Ton wurde höhnisch. "Gibst du uns jetzt was?" Sein Blick wanderte über ihren Körper. "Ich hätte auch noch Platz in meiner Kabine." Hinter ihm lachten einige der Piraten. Er beugte sich leicht nach vorne. "Da können wir gern über unsere gemeinsame Zukunft verhandeln." Das Wort 'verhandeln' sprach er übertrieben langsam aus. Voller Sarkasmus.

Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte. Der Geschmack von Metall lag plötzlich in meinem Mund, obwohl ich wusste, dass ich nicht verletzt war. Meine Hände waren feucht, und ich musste sie kurz an meiner Hose abstreifen, damit das Zittern nicht sofort sichtbar wurde. Misora kniete hinter uns am Boden, ihr Körper zusammengesunken, während sie den leblosen Körper ihres Vaters ansah. Ihre Schultern bebten. Tahl stand starr neben mir, seine Muskeln angespannt wie ein Drahtseil. Vanu hatte beide Hände vor den Mund geschlagen, ihre Augen weit aufgerissen. Der Piratenanführer hingegen stand noch immer da, breit grinsend, als wäre das alles nur ein Schauspiel zu seiner Unterhaltung. Die Nachricht von Gal. Ich hatte sie im Augenwinkel gesehen, kurz bevor die Piraten hereingestürmt waren. Jetzt wusste ich, was darin stand. Langsam richtete ich mich auf. Meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Ich trat einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Der Argone bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Ich sah ihm ruhig in die Augen. Mein Herz schlug so laut, dass ich meinte, es müsste jeder hören können.
"Deine Schwester ist so enttäuscht von dir."
Der Argone blinzelte verwirrt. "…Häh?" Sein Kopf drehte sich langsam zu mir. Sein Gesicht verzog sich. "Wer bist’n du?" Seine Augen wurden schmal. "Und was fällt dir ein, dein Maul aufzumachen?"
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Mein Körper war innerlich wie eingefroren. "Ach, Kuran." Ich sprach seinen Namen bewusst langsam aus. "Wenn Mari dich jetzt nur sehen könnte."
Der Effekt war sofort sichtbar. Der Pirat erstarrte. Er wich sogar einen halben Schritt zurück. Sein Gesicht verlor für einen Moment jede Arroganz. Die Nachricht von Gal war eindeutig gewesen. Ein altes Foto. Ein Junge mit zerzausten Haaren. Daneben mehrere digitale Simulationen, wie er heute aussehen könnte. Und Gal hatte sich plötzlich erinnert, wo sie den Namen schon einmal gehört hatte. Mari. Ihr Bruder. Derjenige, der mit dem gesamten Familienvermögen verschwunden war. Ich stand einfach da. Meine Knie waren steif. Ich musste mich mit aller Kraft zwingen, nicht zu zittern.
"Einfach das Geld der ganzen Familie nehmen." Meine Stimme klang erstaunlich fest. "Und dann auf Nimmerwiedersehen untertauchen."
Kuran starrte mich an. Sein Gesicht war plötzlich leer. Kein Grinsen mehr. Kein Spott. Nur Überraschung. Und Alarm. Dass ihn jemand kannte, war wahrscheinlich nichts Neues für ihn. Aber dass jemand seine Vergangenheit kannte… und das so genau… das war etwas anderes. Ich spürte, wie meine Beine langsam zu zittern begannen.
Also redete ich weiter. "Mari alleine zurücklassen." Meine Kehle fühlte sich trocken an. "Nachdem eure Eltern kurz hintereinander gestorben sind." Ich bemerkte, wie meine Knie nachgaben. Also lehnte ich mich an einen kleinen Frachtcontainer hinter mir. Meine Hand suchte Halt auf dem kalten Metall. "Sie hat alles heruntergewirtschaftet." Meine Stimme wurde rauer. "Die letzten Credits nicht mal mehr für Nahrung." Ich sah direkt in seine Augen. "Jetzt sitzt sie im Gefängnis." Ich schluckte. "Nicht mehr als Haut und Knochen." Das war gelogen. Ich wusste es. Aber in diesem Moment brauchte ich irgendeinen Hebel. "Vielleicht solltest du sie retten." Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Dann könnt ihr gemeinsam den Weltraum unsicher machen."
Für einen Moment war alles still. Dann blitzte etwas in Kurans Augen auf. Wut. Der Schuss kam ohne Vorwarnung. Ein greller Lichtblitz. Ein dumpfer Knall. Ich sah noch, wie der Lauf seiner Pistole rot glühte. Dann traf mich der Schmerz. Er kam nicht wie ein Stich. Er kam wie eine Explosion in meiner Brust. Meine Beine gaben sofort nach. Als ich nach unten sah, verstand ich zuerst gar nicht, was ich da sah. Ein Loch. Ein großes, klaffendes Loch in meiner Brust. Dunkelrotes Blut spritzte heraus und tropfte auf den Boden. Ich konnte Teile meiner Lungen sehen. Ein Teil davon war einfach… weg. Verdampft. Erst dann wurde mir klar, warum ich nicht mehr atmen konnte. Meine Lungen funktionierten nicht mehr. Ich rang nach Luft, aber nichts kam. Es fühlte sich an, als würde ich ersticken. Mein Blick fiel weiter nach unten. Und ich sah mein Herz. Es schlug noch. Ein verzweifelter, mechanischer Rhythmus. Ich konnte nicht begreifen, warum ich das alles laut ausgesprochen hatte. Ich war nie so gewesen. In gefährlichen Situationen hatte ich immer geschwiegen. Mich versteckt. Gewartet, bis alles vorbei war. Warum also jetzt? Hatte ich mich in den letzten drei Jahren in dieser Realität so sehr verändert? Oder hatte ich einfach nichts mehr zu verlieren gehabt? Meine Beine gaben endgültig nach. Ich rutschte langsam am Container herunter. Die Welt begann zu verschwimmen. Plötzlich tauchte Vanus Gesicht über mir auf. Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Augen waren rot. Ihr Mund bewegte sich hektisch. Sie sagte etwas. Mehrmals. Aber ich konnte nichts hören. Nur sehen. Ihre Lippen formten Worte. Meine Sicht wurde dunkler. Der Schmerz in meiner Brust wurde dumpfer. Mein Körper fühlte sich plötzlich unglaublich schwer an. Und gleichzeitig… seltsam leicht. Ich wurde müde. Sehr müde.

----------

Die Werft war in Chaos versunken. Funken sprühten aus beschädigten Leitungen, während die metallischen Wände unter den heftigen Erschütterungen bebten. Rauch stieg aus zerschmetterten Energieleitungen und verfing sich in den scharfen Lichtstrahlen der Notbeleuchtung. Vanu kniete neben Tori, ihre Hände wühlten verzweifelt in seinem zerfetzten Hemd, während sie die klaffende Wunde auf seiner Brust zu schließen versuchte. Ihr Gesicht war gezeichnet von Angst und Entschlossenheit, die Lippen fest aufeinander gepresst, die Augen glänzten vor Tränen, aber sie ließ keine Panik erkennen.

Thovareus richtete sich langsam auf, sein grünes Blut tropfte auf den blanken Metallboden. Doch die redundante Teladi-Physiologie tat ihr Werk: Er atmete flach, seine Brust hob und senkte sich, und obwohl seine Bewegungen noch langsam und wackelig waren, war klar, dass er überleben würde. Er stieß ein leises, zischendes Geräusch aus, das für ihn beinahe wie ein Schrei klang, und tastete sich mit zitternden Händen zu einem beschädigten Konsolenpanel, um sich zu stützen.

Tahl stand aufrecht, die Energiepistole in beiden Händen fest umklammert. Sein Gesicht war starr vor Konzentration, die Lippen angespannt, die Augen blitzten im Licht der Warnlampen. Ohne zu zögern feuerte er mehrere präzise Salven auf die angreifenden Piraten, die die Position der Gruppe bedrohten. Funken und Rauch stiegen auf, als seine Energiegeschosse metallische Deckungen trafen, einzelne Piraten taumelten zurück, einige stürzten, während andere sich duckten.

Misora rannte durch das Chaos, ihre langen Haare wirbelten hinter ihr her, während sie den Prototyp-Frachter erreichte. "EMP jetzt!" rief sie, die Stimme rau, aber bestimmt, während sie auf die Steuerkonsole des Frachters hämmerte. Ein grelles blaues Licht flackerte auf, gefolgt von einem dumpfen, vibrierenden Summen, das die ganze Werft durchzog. Die Waffen der Piraten verstummten, ihre Kommunikationsgeräte gingen aus. Gleichzeitig fiel die interne Energieversorgung der Werft aus, Notlichter flackerten, und die Schwerkraft schwankte unkontrolliert. Mitarbeiter und Piraten taumelten, einige klammerten sich verzweifelt an Geländern oder Schotts. Einige lose Werkzeuge schwebten in der Luft und Arbeiter versuchten sich, nur von Magnetstiefeln gehalten, irgendwo festzuhalten.

Die Gruppe duckte sich hinter Trümmern und Containern, während lose Metallteile schwerelos durch die Luft drifteten. Tahl kniete neben Thovareus und deckte ihn, Misora sicherte den Frachter, während Vanu weiterhin Tori versuchte zu stabilisieren.

Die Piraten zogen sich zurück, aber nicht kampflos. Ihre Korvette erschien über dem Dockingfeld, Geschütze wurden aktiviert, Warnsirenen heulten ungehört durch das Vakuum. Zivile Frachter, die zu nahe gekommen waren, wichen aus, kleine Notmanöver ließen die Schiffe wanken, während Trümmer herumflogen.

Tori wurde in den Frachtraum des Prototypen gebracht, der bereits für spezielle Transporte vorbereitet war. Sein Herz schlug schwach, die Atemwege teilweise kollabiert, und Vanu sprach beruhigende Worte, während sie den Staseprozess initiierte. Das Modul war eigentlich nicht für lebende Wesen konzipiert, doch sie justierte die Energieflüsse und Lebenserhaltung auf ein Minimum, gerade genug, um Tori in einen Zustand zwischen Leben und Bewusstsein zu versetzen. Sein Körper wurde langsam in den kühlen Metallcontainer gesenkt, die Hände lose an den Seiten, das Gesicht blass und angespannt.

Thovareus, noch wankend, half den verbleibenden Teammitgliedern, die Systeme der Werft teilweise zu stabilisieren. "Wir müssen die Station verlassen," zischte er, die Stimme noch rau, aber entschlossen. Vanu nickte, ihre Augen glänzten vor Furcht und Anspannung, aber auch Entschlossenheit. Misora startete den Frachter, die Module summten, und die künstliche Gravitation begann sich wieder zu stabilisieren.

Die Korvette der Piraten eröffnete erneut das Feuer, diesmal auf Distanz, doch die improvisierte Flucht der Gruppe war schneller. Trümmer und Rauch verwischten die Sicht, als die Schiffe der Polizei von Trantor starteten und das Militär der Föderation am Rand des Systems eintrafen. Ein chaotisches Gefecht entbrannte, doch die Gruppe nutzte das Durcheinander, um zu entkommen.

Kuran beobachtete aus sicherer Entfernung. Die Piratenbande war verwirrt und geschwächt, doch der Anführer wusste, dass er jetzt untertauchen konnte. Sein Blick blieb kurz auf dem Prototyp-Frachter hängen -nicht ahnend, dass Tori im Stasemodul lag- und ein kaltes, berechnendes Lächeln huschte über seine Lippen. Dann verschwand er mit den Piraten und seiner Korvette im Dunkel des Alls, während die Gruppe in die Tiefen von Trantors Orbit entkam, erschöpft, aber noch am Leben.

Die Werft lag beschädigt und energieschwankend hinter ihnen, Funken glühten an den Überresten der Metallplatten, Notlichter blinkten noch schwach, während Sirenen das Chaos untermalten. Die ersten Einsatzkräfte der Föderation erreichten die Trümmer, doch für die Überlebenden war klar: dies war nur der Anfang. Kuran war entkommen, und Tori lag in Stase, zwischen Leben und Tod, während das Universum um sie herum im Chaos zu versinken schien.

Die künstliche Gravitation des Frachters stabilisierte sich langsam, und das Summen der Notstromsysteme erfüllte den Raum. Vanu saß neben dem Stasemodul, die Hände fest auf dem Metallrand gelegt, ihr Blick pendelte zwischen den Anzeigen der Lebenserhaltung und der Dunkelheit des Weltraums draußen. Die Trümmer der Werft zogen langsam vorbei, und sie spürte nicht mehr den Herzschlag von Tori, bildete es sich ein, wie ein Echo in ihrer eigenen Brust. Thovareus wankte zu Vanu, legte seine Klauen um sie und bat um Hilfe. Wohl wissend, dass sie kaum über Teladi-Physiologie bescheid wusste. Aber er tat es eher, um sie von Tori abzulenken.

Misora saß am Steuer, die Finger über die Kontrollfelder fliegend, das Gesicht angespannt, der Schweiß auf der Stirn glänzte im Licht der Instrumente. Sie sprach leise zu sich selbst, korrigierte die Flugbahn des Frachters, während er durch das Trümmerfeld der Werft manövrierte. Hinter ihr konnte man die Modulaufbauten erkennen, die noch leicht rotierend die künstliche Gravitation stabilisierten.

Tahl stand an der Rückseite des Cockpits, die tote Energiepistole umklammert, die Augen auf die Sensoranzeigen gerichtet. Er registrierte jeden Kontakt, jede Bewegung, jede mögliche Bedrohung aus dem All. Seine Schultern waren angespannt, und ein feiner Schweißfilm lag auf seiner Stirn. Er sprach kaum, doch jedes seiner Geräusche – ein scharfes Einatmen, das Klirren der Stiefel auf Metall – war geladen mit Anspannung.

Die Außenhülle des Frachters vibrierte noch leicht, als Trümmerstücke der zerstörten Werft vorbeirauschten. Funken flogen, metallische Teile drifteten schwerelos, und die letzten Notlichter der Werft blinkten hektisch. Durch die Scheiben konnte man die Signallichter der eintreffenden Föderationsschiffe erkennen, die die chaotischen Rettungsmaßnahmen aufnahmen und begannen, die Lage zu sichern.

Kuran, weit entfernt, zog sich mit seiner Korvette durch das Aufblitzen eines Sprungtores zurück. Sein Lächeln war kalt, berechnend, doch es verriet auch einen Hauch von Überraschung darüber, dass jemand so viel über ihn wusste. Er überlegte, ob es an der Zeit war die letzten Fäden zur Vergangenheit zu kappen.

Im Inneren des Frachters lag Tori regungslos, das Gesicht blass in Stase. Sein Körper war kühl, fast schwerelos, die Hände locker an den Seiten. Vanu legte eine Hand auf die schützende Abdeckung, sprach leise seinen Namen, obwohl sie keine Antwort bekam, nur ein schwaches Pulsieren der Module als einziges Lebenszeichen.

Thovareus wandte sich an die Gruppe: „Wir haben überlebt, aber wir müssen jetzt planen. Kuran ist draußen, und wir wissen nicht, ob er wiederkommen wird.“ Sein zischendes Geräusch war fest, entschlossen, obwohl er selbst erschöpft und verletzt war.

Die Schiffe der Föderation zogen sich langsam näher, die Sensoren des Frachters meldeten Stabilisierung. Misora hielt das Steuer fest, die Augen auf die Anzeigen gerichtet, während die Module summten und das Schiff seinen Kurs durch den Trantor-Orbit hielt.

Die Gruppe war erschöpft, verschwitzt, von Angst und Adrenalin gezeichnet, doch sie waren noch am Leben – und Tori, er lag in Stase, bereit für das, was als Nächstes kommen würde. Im Chaos des Universums, zwischen Trümmern, Piraten und flackernden Notlichtern, war der erste Schritt zur Sicherheit getan – doch die Schatten der Vergangenheit hatten nur kurz innegehalten, bevor sie erneut zuschlagen würden.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 21 - Veränderungen

Die Sonne des Sommers im Jahr 2997 war nur durch die dichten Fenster des Krankenhauses in Streeling auf Trantor zu erkennen, ein fahles, diffuses Licht, das durch die smogähnliche Atmosphäre des Planeten fiel. Innerhalb der steril-weißen Wände des Krankenhauses herrschte eine bedrückende Stille, unterbrochen nur von dem leisen Piepen der Lebenserhaltungssysteme und dem rhythmischen Summen der Überwachungsmonitore. Tori lag in einem hochmodernen Krankenbett, die Glieder still, die Augenlider flach geschlossen. Sein Körper war noch immer von den Verletzungen gezeichnet, die er vor Monaten in der Werft erlitten hatte. Der Brustkorb war von chirurgischen Einschnitten gezeichnet, die Lungen und das Herz funktionierten nur noch durch die künstliche Unterstützung, die Schläuche und Elektroden verklebten seine Haut mit den Geräten. Die Koma-Phase hatte seine Mimik eingefroren, doch die leichten Mikrobewegungen seiner Finger zeugten davon, dass unter der Oberfläche Leben pulsierte.
Vanu saß unermüdlich auf dem Rand des Bettes. Ihr Bauch war deutlich gewölbt, die Hände auf die noch unsichtbare Wölbung ihres Kindes gelegt, obwohl sie das Kind oft nur spürte und nicht sah. Die Schwangerschaft war kompliziert, wie Valentina es beschrieben hatte: Terranisch-argonischer Mischling, erhöhte Risiken für Frühgeburten, Kreislaufprobleme und Anomalien in der Plazenta. Trotzdem wich Vanu nicht von Toris Seite. Ihre grünen Augen waren gerötet vom Schlafmangel, die Gesichtszüge angespannt, die Lippen dünn zusammengepresst, aber sie ließ sich keine Panik anmerken. Ihr Atem ging flach, die Brust hob und senkte sich im Rhythmus der Maschinen, die Tori am Leben hielten, und doch schien sie jeden Moment bereit, in Aktion zu treten, falls sich der Zustand verschlechtern sollte.
Valentina stand neben Vanu, ihr weißer Arztkittel war an den Ärmeln hochgekrempelt, die Hände um die digitalen Steuerpads gelegt, die den Verlauf der Vitalfunktionen überwachten. Sie war gereist, so schnell es möglich war, von Argon Prime, um die Situation zu überwachen. Ihr Gesicht spiegelte professionelle Sorge wider, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen aufmerksam auf jede kleine Änderung von Toris Atem oder Puls gerichtet. "Seine Herzfrequenz ist stabil, aber die Sauerstoffsättigung fällt immer wieder ab. Wir müssen die Beatmungseinstellungen regelmäßig anpassen", murmelte sie und blickte von der Anzeige auf. Sie strich Vanu beruhigend über den Rücken. "Es wird alles in Ordnung sein. Du bist stark genug, um bei ihm zu bleiben."
Vanu nickte stumm, der Blick auf Tori gerichtet, die Finger leicht in den Laken verkrampft. Ihre Hand ruhte über seiner Brust, als könne sie durch bloße Berührung seine Schmerzen lindern.

Irgendwo in der südlichen Hemisphäre Trantors, arbeitete Misora. Sie hatte die Werft ihres Vaters stillgelegt, das Erbe in Schutt und Asche begraben, wie sie es selbst empfand. Die Erinnerungen an Kento – seinen energischen Gang, das ruhige, aber bestimmte Sprechen, die Art, wie er jede Situation analysierte und handelte – lasteten schwer auf ihr. Der Schrottplatz der Großeltern war nun ihre Zuflucht und ihr Geschäft, ein Ort, an dem sie alles kontrollieren konnte, was sie verlor, ersetzen oder verbessern wollte. Sie inspizierte die alten Maschinen, entfernte Rostplatten, überprüfte die Funktionsfähigkeit der Energiesysteme, während ihr Herz schwer wurde. Jeder Knall eines verrosteten Hydraulikarms ließ sie zusammenzucken. Sie wusste, dass sie Zeit benötigte, doch die Vergangenheit war unnachgiebig.

Unterdessen auf Argon Prime, im Sonn’ra-System, arbeitete Thovareus wieder, so schnell er seine Wunden überwunden hatte. Seine blauen Schuppen glänzten matt unter den Bürolichtern, die Bewegungen waren noch leicht steif, aber präzise. Er überprüfte Konten, verhandelte Lieferketten und koordinierte die internen Abläufe der UNO, die ohne Tori nicht stillstanden. Die Angestellten spürten seine Präsenz, vertrauten seinem Urteil, doch es war ein spürbarer Unterschied: die Aura des Gründers fehlte, und alles schien weniger pulsierend, weniger lebendig.

Gal und Tahl hingegen jagten Kuran durch die äußeren Systeme. Die Informationen über den Aufenthaltsort des Bruders von Mari waren spärlich. Sensorüberwachung, Flottenradare, Informanten – alles brachte sie nur Schritt für Schritt voran. Tahl, in seiner strengen Uniform, die Schultern gespannt, der Blick scharf wie ein Skalpell, führte die Abfragen durch, während Gal die taktische Übersicht behielt. Beide spürten die Dringlichkeit: Kuran war gefährlich, unberechenbar, und seine Absichten gegenüber Mari hatten sich bereits zu Gewalt verschoben.

Mari selbst erlebte eine langsame, aber stetige Wiederherstellung. Die körperliche Genesung von der Mangelernährung der letzten Jahre war nur ein Teil. Unter Nopireos’ Anleitung lernte sie, den Argnu-Netrieb effizient zu führen. Jeder Arbeitstag endete für sie mit schmerzenden Muskeln, doch sie bemerkte Fortschritte: steigende Produktivität, höhere Erträge, die Mitarbeiter motivierter. Trotzdem lag ihr Herz schwer, weil die Bedrohung durch Kuran wie ein Schatten über ihr schwebte. Jede Nachricht, jeder Funkkontakt ließ sie zusammenzucken.

In den unbekannten Weiten eines Systems, dessen Name nur auf alten Karten verzeichnet war, spannte Kuran seine eigenen Pläne. Sein Schiff war eine Mischung aus improvisierten Modifikationen und Technologien, die er als Söldner und Pirat kennengelernt hatte. Er wollte nicht nur unabhängig sein – er wollte die absolute Freiheit, ohne Verpflichtungen, ohne Kontrolle durch andere. Die Zügel des Argnu-Betriebs hatten ihn seit Kindesbeinen erdrückt, und sein Hass auf die Auflagen und Erwartungen seiner Eltern hatte sich in die Richtung von Mari kanalisiert. Sein Plan war klar: die Schwester eliminieren, um endlich ein eigenes, unbelastetes Leben zu führen. Sein Blick, kalt und berechnend, ruhte auf den Karten der Systeme, die er erreichen konnte.

Zurück auf Trantor, im Krankenhaus, schien die Zeit langsamer zu vergehen. Jeder Atemzug von Tori war eine Herausforderung, jede kleine Veränderung an den Monitoren ein möglicher Hinweis auf Fortschritt oder Rückschlag. Vanu sprach unentwegt, sanfte Worte, Berührungen, manchmal ein leises Lächeln, um ihn zu Bewusstsein zu bringen. Valentina überwachte die Systeme, justierte Beatmungsdrücke, überprüfte Infusionsraten und Medikamentendosierungen. Manchmal, wenn Vanu kurz das Zimmer verließ, blieb Valentina einfach sitzen, die langen petrolfarbenen Haare fielen an ihr herab, und beobachtete Tori, als könne sie durch Konzentration seinen Körper stabilisieren.

Misora auf Trantor war eine andere Welt, physisch entfernt, doch emotional verbunden. Sie hielt ihr Tablet in der Hand, aktualisierte die Sicherheitsberichte der Werft, überprüfte, ob irgendeine Bewegung in den orbitalen Verkehrssystemen auf Anzeichen von Piraten hinwies. Ihre Augen huschten immer wieder zur Nachrichtenspalte: Kento war tot, aber seine Visionen mussten weitergetragen werden. Jede Entscheidung, jede Überlegung, jede Planung musste nun auf eigenen Schultern getragen werden. Doch Misora fühlte sich noch nicht bereit.

Thovareus koordinierte weiterhin über Holoübertragungen die UNO-Aktivitäten. Jede Verbindung zu Tori schien brüchig, jeder Auftrag eine kleine Belastung, doch er handelte mit der Präzision, die nur eine Teladi-Familie aus jahrhundertelanger Disziplin entwickeln konnte. Seine blauen Schuppen glänzten unter der künstlichen Beleuchtung, die Bewegungen geschmeidig, beinahe tänzerisch, und doch voll konzentrierter Kontrolle.

Gal und Tahl hatten inzwischen eine Spur von Kuran lokalisiert. Eine abgelegene Station, kaum mehr als ein alter Kommunikationssatellit, diente als Basis. Informationen waren fragmentiert, die Sicherheitsprotokolle teilweise deaktiviert. Die Jagd verlangsamte sich, und die Frustration wuchs. Jede Stunde, in der sie nicht vorankamen, konnte Mari das Leben kosten.

Mari selbst, im Betrieb, spürte die Last der Verantwortung. Die Argnu-Ranch erblühte langsam unter ihrer Hand, doch jeder Fortschritt wurde überschattet von der Unsicherheit über Kuran. Sie sah in die Abendsonne, die sich über die Felder legte, die hohen, goldenen Gräser, die wie Wellen im Wind schwangen, und fragte sich, ob sie eines Tages wieder wirklich frei atmen könnte.

In einem unbekannten System bereitete Kuran seine nächsten Schritte vor. Die Korvette war alt, die Ressourcen knapp, doch er kannte jede Abkürzung, jede Schwachstelle aus Jahren der Frustration und Übung. Er überprüfte seine Waffen, kalibrierte die Systeme seines Schiffes, prüfte Kommunikationswege. Alles diente einem Ziel: er wollte die Fesseln abwerfen und sich niemandem mehr unterwerfen, nicht einmal der Erinnerung an seine Familie.

Zurück auf Trantor schien sich die Zeit in langsamen, gedehnten Atemzügen zu bewegen. Jede Sekunde im Zimmer war entscheidend. Vanu sprach, Valentina überwachte, Monitore blinkten, Maschinen summten. Tori lag bewegungslos, und doch war in seiner Umgebung das Leben in höchster Anspannung spürbar.
Die Sommerhitze draußen drang nur schwach durch die dicken Fenster, während im Inneren der Maschinenraum des Körpers Tori’s noch immer auf Leben kämpfte. Die Entscheidungen, die getroffen wurden, die Jagd nach Kuran, die Wiederherstellung der Ranch und der Wirtschaft der UNO, alles schien in einer Schwebe zu hängen, während die Welt um ihn herum weiterdrehte.

Gal hatte über die diplomatischen Kanäle Kontakt zur Botschaft der Terraner auf Argon Prime aufgebaut, jeder Schritt sorgfältig geplant, jeder Funkspruch minutiös formuliert. Die Botschaft hatte schnell reagiert, ihre Empfangsprotokolle überprüft, Sicherheitsfreigaben eingeholt und schließlich den Vorschlag geprüft. Gal saß in der gedämpft beleuchteten Kommandozentrale auf Argon Prime, die Holoanzeigen flimmerten leise vor ihr, während ihre Finger über die glatten Flächen der Kontrollpads glitten. Sie wusste, dass jede Sekunde zählte, dass Vanu und ihr ungeborenes Kind, ebenso wie Tori, nur unter exzellenter medizinischer Betreuung eine Chance hatten.
Die Terraner hatten überraschend zugestimmt. Ein spezialisiertes Ärzteteam, erfahren in Terranischer Physiologie, wurde auf Trantor entsandt. Die Botschaft hatte Bedingungen gestellt, formale Vereinbarungen über medizinische Verantwortung, Zugriff auf bestimmte Diagnosedaten und mögliche langfristige Kooperationen, doch Gal wusste, dass die Dringlichkeit jede Debatte über Gegenleistungen überdeckte. Sie atmete tief durch, das warme Licht der Holoanzeigen spiegelte sich in ihren Augen, als sie die Flugdaten der Terraner überprüfte: Ankunft in weniger als zwei Standardtagen, ausgestattet mit allen notwendigen Geräten für hochkomplexe Notfallbehandlungen und künstliche Beatmungssysteme, vorbereitet auf Hochrisikogeburten.
Auf Trantor, im Krankenhaus, war Vanu kaum von der Seite von Tori zu weichen. Sie saß auf einem der niedrigen Stühle am Bett, die Hände leicht über Toris Brust gelegt, als könnte sie mit Berührung seinen Körper stabilisieren. Ihr Blick war angespannt, die Lippen dünn aufeinandergepresst, die grünen Augen glänzten feucht vor Sorge. Immer wieder strich sie vorsichtig über Toris Gesicht, überprüfte die Atmung, fühlte die Vibration seines Herzschlags unter den Fingern. Die Schwangerschaft setzte ihrem Körper zu, die Mischung aus terranisch-argonischer Biologie führte zu unregelmäßigen Herzfrequenzen, Kreislaufproblemen und gelegentlichen Muskelkrämpfen. Trotz alledem bewegte sie sich fast mechanisch, routiniert, doch jedes Zucken in Toris Brust ließ ihren Körper zusammenzucken.
Valentina stand neben ihr, die violetten Augen aufmerksam auf die Anzeigen der Lebenserhaltungssysteme gerichtet. Ihre Hände flogen über die Holo-Tastaturen, kalibrierten Beatmungsdruck, überwachten Infusionsraten, justierten Medikamentenzufuhr. Jedes Piepen des Monitors ließ sie kurz innehalten, die Lippen leicht auseinander, die Stirn in tiefe Falten gelegt, die Augen funkelnd vor Konzentration. Sie bemerkte jeden Anstieg und Abfall der Vitalwerte, jede mikroskopische Bewegung der Pupillen, jede Veränderung des Atemrhythmus.
Als die Nachricht der Terraner einging, dass das Ärzteteam den Start vorbereite, sank Vanu leicht auf die Stuhlkante, die Schultern sanken unter der Last der Erschöpfung. "Endlich…" flüsterte sie, kaum hörbar, die Stimme brüchig, als wollte sie selbst diese Worte nicht glauben. Ihre Hände fuhren zitternd durch das dunkelrote Haar, das in lose Strähnen auf ihre Schultern fiel. Valentina legte kurz eine Hand auf Vanus Rücken, ein stilles Zeichen, dass Hilfe unterwegs war, dass sie nicht allein war.
In der Wartezeit überprüfte Vanu immer wieder die Monitore, spürte jede kleine Veränderung. Sie sprach leise zu Tori, als würde er sie hören können, ihre Stimme war ruhig, aber durchdrungen von einer verzweifelten Hoffnung. "Wir schaffen das… wir schaffen das, Tori." Immer wieder wiederholte sie den Satz, während Tränen die Wangen hinunterliefen. Die Muskeln in ihrem Gesicht spannten sich, die Finger krallten sich in das Bettlaken, ihre Knie zitterten leicht.

Gal überwachte derweil auf Argon Prime die Fortschritte der Vorbereitungen. Sie koordinierte über Holoverbindungen die Logistik des Einsatzes, prüfte die Flugbahnen, überwachte die Sicherheitsprotokolle für die Terraner, die medizinische Geräte und Medikamente transportierten. Jede Fehlermeldung im System ließ sie innehalten, atmete tief ein, justierte die Parameter. Es war ein Balanceakt zwischen Geschwindigkeit und Präzision, zwischen Risiko und absoluter Notwendigkeit.

Die Terraner landeten schließlich auf Trantor, die Lichter des Schiffs glitten wie flüssiges Silber über den Hangar des Krankenhauses. Aus den Kabinen traten mehrere Ärzte, schwer beladen mit Geräten, medizinischen Containern und Notfallkits. Ihre Bewegungen waren schnell, koordiniert, jeder Schritt geplant. Die Maschinen summten leise, ihre Atemmasken und Anzüge reflektierten das helle Licht der Notbeleuchtung.
Valentina koordinierte den Empfang, führte die Terraner direkt zu Toris Zimmer. Die Gruppe bewegte sich fast lautlos, die medizinischen Geräte piepsten synchron mit Toris Herzschlag, als wollten sie ihn zusammenhalten. Vanu wich keinen Schritt von seiner Seite, ihre Augen immer auf seinen Körper gerichtet, jede Berührung vorsichtig, jede Bewegung kalkuliert.
Die Terraner begannen sofort mit einer Untersuchung. Die Hände der Ärzte waren präzise, die Blicke analytisch, die Stimmen ruhig, aber bestimmt. "Wir werden eine vollständige Stabilisierung vornehmen müssen, bevor jegliche operative Maßnahme beginnt", erklärte einer von ihnen, während er die Vitalparameter ablas. Seine Augen scannten die Monitore, seine Finger flogen über die Kontrollen, justierten Beatmungsdruck, Medikamentengaben und Energieversorgung.
Vanu beobachtete jede Bewegung, die Lippen zu einem stummen Gebet zusammengepresst, während die Hände der Terraner an Toris Körper arbeiteten. Der Schweiß auf ihrer Stirn glitzerte im Licht der Monitore, die Schultern hoben und senkten sich flach, aber stetig. Immer wieder flüsterte sie beruhigende Worte, auch wenn Tori noch immer bewegungslos lag.
Die Minuten dehnten sich zu Stunden, die Zeit verlor ihre Konturen in der konzentrierten Stille des Krankenhauses. Funken von Angst und Hoffnung mischten sich, jeder Atemzug eine leise Dramatik, jede Bewegung der Ärzte ein Tanz zwischen Leben und Tod. Vanu hielt Toris Hand, die Finger fest umschlungen, die Schultern angespannt, das Gesicht bleich, die Augen starr auf ihn gerichtet.
Die Terraner arbeiteten methodisch weiter, justierten, überprüften, sicherten ab. Monitore blinkten, Beatmungsgeräte summten, Infusionspumpen bewegten das Medikamentengemisch präzise in Toris Kreislauf. Jede Veränderung wurde notiert, analysiert, korrigiert.
Und während draußen die Sonne langsam über Trantor sank, während die Stadt Streeling und die Kliniken in kühles Abendlicht getaucht wurden, blieb Vanu bei Tori, flüsterte immer wieder: "Wir schaffen das. Wir schaffen das, wir schaffen das." Ihre Augen glänzten feucht, das Gesicht angespannt, die Hände unaufhörlich in Bewegung, als könnte sie allein durch Aufmerksamkeit sein Leben stabilisieren.

Gal auf Argon Prime beobachtete die Verläufe, überwachte die Telemetrie, während die Terraner unermüdlich arbeiteten, koordiniert, präzise und ruhig. Jede Entscheidung war ein Schritt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, und jeder Atemzug konnte den Unterschied bedeuten.

Die ersten Stunden der Stabilisierung verliefen erfolgreich, aber die Spannung war greifbar, das Unbekannte lauerte in jedem Piepton der Monitore. Vanu sank auf die Knie, die Stirn auf Toris Brust gelegt, die Hände noch immer auf seinem Körper, während die Terraner weiterhin prüften, justierten und stabilisierten. Es war ein fragiler Moment, der die Weichen für alles Weitere stellte – für Tori, für Vanu, für das Kind, für die Zukunft, die nun ungewiss vor ihnen lag.
Jede Entscheidung, jede Bewegung, jede winzige Anpassung konnte Leben retten oder verlieren lassen. Und während die Sonne weiter sank und das Licht durch die Fenster schmolz, blieb die stille Entschlossenheit von Vanu, Valentina und den Terranern das einzige Bollwerk gegen die drohende Katastrophe.

Die Terraner arbeiteten weiterhin präzise, ihre Bewegungen fließend, aber zielgerichtet. Monitore piepsten im regelmäßigen Rhythmus, Beatmungsgeräte summten leise und die Infusionspumpen arbeiteten synchron. Vanu saß am Fußende von Toris Bett, ihre Hände lagen wie schützend auf dem Laken, die Finger umklammerten es, als könnte sie dadurch das Schicksal selbst festhalten. Ihre Augen waren weit geöffnet, glänzten feucht vor Sorge, die Lippen leicht geöffnet, als würde sie unhörbar sprechen.
Die Ärzte bemerkten ihre Anspannung sofort. Einer von ihnen, ein Terraner mittleren Alters mit strenger, aber ruhiger Miene, wandte sich vorsichtig an sie. "Wir müssen ein paar Fragen stellen, Atu-san, um den Verlauf Ihrer Schwangerschaft optimal überwachen zu können." Seine Stimme war sanft, bemüht beruhigend, doch gleichzeitig unmissverständlich.
Vanu schluckte schwer, der Hals trocken, die Hände zitterten leicht. "Ja… ja, bitte," hauchte sie, obwohl sie sich innerlich schon zusammenzog, als wüsste sie, dass diese Fragen alte Wunden öffnen würden.
"Gab es zuvor Komplikationen während Ihrer Schwangerschaften?" fragte der Arzt, der Blick aufmerksam auf Vanu gerichtet, als würde er jede Muskelbewegung ihrer Gesichtszüge interpretieren.
Vanu spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Alte Erinnerungen schossen wie kalte Pfeile durch ihren Körper. Die Erinnerung an die Fehlgeburt im sechsten Monat mit ihrem argonischen Ex-Ehemann ließ sie zusammenzucken. Ihr Atem ging flach, die Schultern spannten sich an. Die Schmerzen, die Vorwürfe, das Ende der Ehe – alles kam in einem Schwall zurück. Sie spürte die Bitterkeit wieder aufsteigen, ein beklemmendes Gefühl in der Brust, als würde der alte Verlust sich erneut festsetzen.
"Ich… ich verlor ein Kind… im sechsten Monat," flüsterte sie, die Stimme brüchig, kaum mehr als ein Hauch. Ihre Hände krallten sich in das Bettlaken, die Finger angespannt, die Nägel in das weiche Material gedrückt. "Mein… mein Ex-Ehemann… er hat mir die Schuld gegeben… und den Vertrag aufgelöst…"
Der Terraner nickte, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen konzentriert. "Das ist bedauerlich, Atu-san. Wir müssen diese Vorgeschichte kennen, damit wir Risiken für das aktuelle Kind minimieren können." Seine Stimme blieb ruhig, aber einfühlsam, während er die Monitoranzeigen überprüfte.
Vanu schluckte, Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Sie wollte nicht weinen, wollte Stärke zeigen, doch die Erinnerung an den Schmerz, die Ohnmacht, die Wut, die sich damals in ihr aufgestaut hatte, ließ sie kurzzeitig zusammenbrechen. Sie legte die Stirn gegen das kalte Metallbett und atmete tief ein, um die Kontrolle zurückzugewinnen.
"Ich… ich habe Angst," gestand sie leise, die Stimme kaum hörbar, während ihre Augen sich auf Toris reglosen Körper richteten. "Ich habe Angst, dass… dass ich es wieder verliere… dass ich wieder versage…"
Valentina legte vorsichtig eine Hand auf Vanus Schulter, drückte leicht und beruhigte sie durch die Berührung, die sich warm und stabil anfühlte. "Wir werden alles tun, Vanu. Wir beobachten alles, wir sind vorbereitet. Dein Körper, das Kind, Tori – alles wird überwacht, keine Sorge." Ihre Stimme war ruhig, streng, aber mit einem Hauch Mitgefühl, als wollte sie Vanu die Last für einen Moment von den Schultern nehmen.
Vanu nickte leicht, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst, die Tränen liefen ungehört über ihre Wangen. Sie richtete sich wieder auf, die Schultern straff, die Hände erneut auf das Bett gelegt, die Finger die Bettkante fest umklammernd. "Ich muss stark sein… für ihn… für unser Kind…" flüsterte sie, die Stimme nun fester, entschlossener, doch die Angst lag wie ein schwerer Schatten in ihrem Blick.
Die Terraner beobachteten aufmerksam jede ihrer Bewegungen, jede Reaktion. Ihre Fragen wurden weiterhin vorsichtig gestellt, direkt, aber einfühlsam, während sie gleichzeitig die Vitalwerte von Vanu und das Wachstum des Kindes überwachten. Jede kleine Veränderung in Vanus Atmung, jeder Puls auf dem Monitor wurde registriert, dokumentiert, analysiert.
Die Stunden zogen sich. Vanu blieb bei Tori, flüsterte beruhigende Worte, während Tränen und Angst weiterhin in ihren Augen glitzerten. Doch mit jedem überwachten Herzschlag, jedem stabilen Atemzug spürte sie einen Funken Hoffnung. Die Terraner arbeiteten methodisch, präzise, doch sie überließen auch Vanu nicht den Moment der emotionalen Verbindung zu Tori.
Und während draußen die Sonne über Trantor langsam sank, das Licht gedämpft durch die Fenster fiel, blieb Vanu wie angewurzelt, ihr Körper angespannt, ihre Augen auf Tori gerichtet, die Hände fest auf seinem Bettlaken. Alte Ängste, alte Wunden waren wieder aufgebrochen, doch der Wille, alles für das Kind und Tori zu tun, trieb sie an. Jede Bewegung der Terraner, jede Überprüfung der Systeme, jedes leise Piepen der Monitore war wie ein leiser Takt, der ihre Angst in Entschlossenheit verwandelte, während die Nacht über Trantor hereinbrach.

Die OP-Säle auf Trantor waren eine Mischung aus hochmoderner Technik und klinischer Kälte. Weiße Wände reflektierten das blendend helle Licht der Operationslampen, die in präzisen Winkeln über Toris Körper positioniert waren. Der metallische Geruch von Desinfektionsmitteln lag schwer in der Luft, durchzogen von einem leisen Summen der Lebenserhaltungssysteme und des Überwachungsmonitors, dessen rhythmisches Piepen jeden Herzschlag sichtbar machte. Jede Bewegung des medizinischen Personals war durchdacht, gezielt, präzise.
Tori lag auf dem Operationstisch, bewusstlos, der Körper angespannt trotz Narkose. Die Haut war blass, die Lippen leicht bläulich. Schlauchleitungen für Beatmung, Infusionen und Medikamente führten zu verschiedenen Anschlüssen an seinem Körper. Auf seinem Brustkorb war die Haut an mehreren Stellen präpariert, steril abgedeckt, die chirurgischen Felder markiert. Über seinen Körper war ein dünnes, steriles Tuch gelegt, das nur die Stellen freiließ, an denen das medizinische Team arbeiten würde.
Valentina stand zu seiner Rechten, die Augen fokussiert, die Hände ruhig, doch angespannt. Ihr Gesicht spiegelte Konzentration, die Lippen fest aufeinander gepresst, die Augen hinter der OP-Brille glänzten leicht. Sie hielt Instrumente bereit, reichte Skalpelllaser, Pinzetten und Nahtstrahler mit flüssiger, geübter Präzision, während sie gleichzeitig die Vitalzeichen überwachte und mit den Terranern kommunizierte.
Der leitende Terraner, ein erfahrener Chirurg, sprach ruhig und klar, ohne Eile. "Narkose stabil. Beatmung läuft optimal. Herzfrequenz im Normbereich. Beginnen wir mit der thorakalen Präparation." Seine Stimme war gleichmäßig, fast monoton, doch jeder Ton trug Autorität und Sicherheit.
Mit einem präzisen Schnitt öffnete er Toris Brustkorb, das Gewebe vorsichtig zur Seite gehalten, die blutenden Adern sofort mit koagulierten Pinzetten kontrolliert. Valentina hielt die Saugvorrichtung über der Schnittfläche, das Blut floss in regelmäßigen Intervallen, während der Chirurg weiter vorging. Tori war reglos, doch sein Körper reagierte noch auf minimale Impulse, die Monitore registrierten jede Veränderung.
"Thorax stabil. Bereit für Implantate," sagte der Chirurg, während er die vorbereiteten bionischen Komponenten heranreichte. Es handelte sich um modernste Technologie: künstliche Lungen, die sowohl Sauerstoffaufnahme als auch Kohlendioxidabgabe regulierten, und ein Herz, das sich den Bedürfnissen des Körpers anpasste, mit redundanten Pumpensystemen, die autonome Notfunktionen ermöglichten.
Mit ruhiger Hand setzte er das erste Lungenimplantat ein. Die flexiblen Biostrukturen passten sich exakt an die vorhandenen Gefäße an, während feine Nähte und elektrochemische Anschlüsse das Implantat mit Toris Kreislauf verbanden. Valentina hielt die Leitungen stabil, beobachtete jede Reaktion der Monitore, korrigierte die Ausrichtung der Implantate, sprach leise technische Hinweise, sodass der Chirurg in seinem Tempo arbeiten konnte.
Das Herzimplantat war größer, komplexer. Jede Kammer musste präzise positioniert werden, jeder Anschluss auf Perfektion geprüft. Valentina assistierte, führte kleine Mikromanipulationen aus, überprüfte die elektrischen Anschlüsse, stellte sicher, dass die Synchronisation mit den bionischen Lungen stimmte. Der Raum war erfüllt von konzentriertem Summen der Maschinen, leisen Pieptönen der Monitore, den sanften Anweisungen des Chirurgen.
Tori, bewusstlos, reagierte nur minimal auf die invasive Operation. Doch die künstliche Narkose und die medikamentöse Stabilisierung sorgten dafür, dass kein Stresssignal sein Herz unnötig belastete. Valentina atmete leise aus, als das Herz korrekt angeschlossen war und sofort den Kreislauf unterstützte. Der Monitor zeigte stabile Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz. Ein leichter Anstieg im Blutdruck signalisierte, dass die Implantate funktionierten.
"Herz online. Lungen stabil. Vorbereitung für thorakale Schließung," sagte der Chirurg und nickte Valentina zu. Sie reichte Nahtmaterial, führte die Muskeln und das Brustbein wieder in Position, während der Chirurg die Haut schloss. Jede Naht präzise gesetzt, keine Hektik, kein unnötiger Druck auf das Gewebe. Funken von Lichtreflexionen auf den metallischen Instrumenten spiegelten die sterile Präzision wider.
Vanu, die von draussen zusah, hatte die Hände gefaltet, die Lippen leicht geöffnet, die Augen fix auf Tori gerichtet. Ihre Stirn war von Sorgenfalten durchzogen, aber ihr Atem blieb gleichmäßig. Sie wagte es nicht, sich zu rühren, zu sprechen oder den Blick von ihm zu nehmen. Jeder Schritt der Ärzte war für sie ein winziger Hoffnungsschimmer, jede stabilisierte Vitalanzeige ein Zeichen, dass er überleben könnte.
Nachdem das Brustbein geschlossen und die Haut versiegelt war, überprüfte das Team die Vitalfunktionen erneut. Herzschlag und Sauerstoffsättigung waren optimal, die künstlichen Lungen arbeiteten synchron, das Herz pulsierte mechanisch, aber organisch, angepasst an Toris Blutfluss. Valentina atmete leise auf, ließ die Instrumente sinken und strich sich eine Strähne Haar aus dem Gesicht. "Operation erfolgreich abgeschlossen," murmelte sie, die Stimme leise, doch voller Erleichterung.
Tori wurde in ein Überwachungszimmer verlegt, die Schläuche und Sensoren behutsam verbunden, so dass er sanft weiter atmete, nun unterstützt von der bionischen Herz-Lungen-Maschine. Vanu blieb dicht an seiner Seite, streichelte vorsichtig seine Hand, während Tränen langsam über ihre Wangen liefen. Die Ärzte zogen sich zurück, die Monitore piepsten weiter, leise und gleichmäßig, als würden sie Toris neue Lebensfunktionen bewachen.
Draußen im Krankenhausfenster glühte das Licht von Trantors Sonne matt durch den Staub der Atmosphäre, das goldene Licht fiel auf die sterile weiße Umgebung, warf Schatten auf Vanus Gesicht, spiegelte sich in ihren Augen, in denen Angst, Erleichterung und Entschlossenheit lagen. Tori lag still, die Brust nun mechanisch unterstützt, aber lebendig, und um ihn herum war eine Aura aus Hoffnung und Spannung, während das Leben langsam in seinen Körper zurückkehrte.

----------

Ich blinzelte mehrmals, die Dunkelheit der Nacht brannte sich langsam in meine Augen, nur von den schwachen LEDs der Überwachungsgeräte unterbrochen, die monoton ein leises, beruhigendes Piepen von sich gaben. Der Geruch von Desinfektionsmittel hing noch in der Luft, mischte sich mit dem süßlichen Nachgeschmack von Medikamenten, und ich spürte die Kühle der Laken gegen meine Haut. Meine Glieder fühlten sich schwer und fremd an, als hätte jemand sie ausgetauscht, doch warum, das konnte ich nicht sagen.
Neben mir auf der Couch lag Vanu, zusammengerollt, der Atem ruhig, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Ich konnte die flachen Bewegungen ihrer Brust sehen, ihre Hände lagen ineinander verschränkt, und hin und wieder zuckte sie leicht im Schlaf. Auf einem Stuhl, den Kopf auf die Kante meines Bettes gelegt, schlief Valentina. Ihr Gesicht wirkte entspannt, die langen Wimpern warfen Schatten auf die Wangen, und ihre Arme lagen locker über dem Stuhl.
Langsam richtete ich mich ein wenig auf, tastete blind über die Laken, spürte die Schläuche und Drähte an meinen Armen und Beinen, die mich irgendwie festhielten. Ein merkwürdiges Druckgefühl lag auf meiner Brust, aber ich konnte nicht genau sagen, warum.
"Nicht schon wieder im Krankenhaus," murmelte ich leise, die Stimme rau und brüchig in der stillen Nacht, während meine Augen die Umrisse der beiden Frauen in der Dämmerung ausmachten. Ein leises Piepen der Geräte unterstrich die Stille, und ich lehnte mich zurück, den Kopf gegen das Kissen, die Gedanken noch wirr, aber ein Stück weit erleichtert, dass ich überhaupt wach war.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 22 - Neustart

Der Rehabilitationsraum war groß, hoch und von hellem Licht erfüllt. Durch die breiten Fenster fiel die warme Nachmittagssonne von Trantor herein und spiegelte sich auf dem polierten Boden. Überall standen medizinische Geräte, Trainingsmodule und Diagnosekonsolen. Das gleichmäßige Summen der Systeme vermischte sich mit dem leisen rhythmischen Klacken des Laufbands unter meinen Füßen. Ich lief. Schritt für Schritt. Gleichmäßig. Ruhig. Mein Atem ging tief, mein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig, während meine Schuhe im stetigen Rhythmus auf das Band trafen. Schweiß sammelte sich an meiner Stirn und rann langsam über meine Schläfen. Vor mir leuchteten die Anzeigen des Laufbands. Geschwindigkeit, Puls, Belastung. Neben dem Gerät stand Valentina, die Arme verschränkt, ihr Blick aufmerksam und konzentriert auf die Werte gerichtet. Ihr Gesicht war ernst, die Stirn leicht gerunzelt, während ihre Finger gelegentlich über ein Datenpad glitten, um neue Werte zu überprüfen. Tahl lehnte einige Schritte entfernt an einer Konsole. Seine Haltung war entspannt, doch seine Augen beobachteten mich genau. Die Hände hatte er in die Taschen seiner Jacke geschoben, doch hin und wieder bewegte er sich leicht, als würde er unbewusst jede meiner Bewegungen analysieren. Vanu saß auf einer der Bänke am Rand des Raumes. Ihre Hände lagen auf ihrem Bauch, den sie inzwischen unbewusst schützend hielt. Ihr Blick war ruhig, doch in ihren Augen lag eine tiefe Aufmerksamkeit, als würde sie jeden meiner Atemzüge zählen. Ich schüttelte langsam den Kopf, während ich weiterlief. Die Erinnerung fühlte sich bruchstückhaft an, wie einzelne Bilder, die nicht zusammenpassen wollten. Stimmen, Gesichter, eine Pistole, ein Gefühl von Angst – und dann nichts.
"Daran kann ich mich nicht erinnern. Was ist nur in mich gefahren? Das hört sich ganz und gar nicht nach mir an."
Meine Stimme klang nachdenklich, fast irritiert. Ich blickte kurz zu den anderen, während meine Füße weiterhin automatisch über das Laufband liefen. Tahl stieß sich von der Konsole ab, trat näher und drückte einen Knopf am Bedienfeld. Sofort erhöhte sich die Geschwindigkeit des Laufbands. Das Geräusch des Motors wurde etwas lauter, das Band beschleunigte. Ich spürte die Veränderung sofort – aber mein Körper reagierte mühelos. Ohne nachzudenken passte ich meinen Rhythmus an, meine Schritte wurden länger, gleichmäßiger. Meine Atmung blieb stabil. Tahl beobachtete mich dabei mit einem kurzen, prüfenden Blick.
"Manchmal macht jemand in Ausnahmesituationen etwas, was gar nicht zu ihm passt. Solche Sachen passieren. Ich habe schon öfter mit solchen Leuten zu tun gehabt. Und ich habe auch von Kollegen gehört, dass sie solche Erlebnisse hatten."
Valentina hob leicht eine Augenbraue und sah von ihrem Datenpad auf. "Du meinst also, jeder hat einen Triggerpunkt?"
Tahl zuckte leicht mit den Schultern. "Ja. Ein Gefühl, eine Situation, eine Person oder etwas anderes."
Seine Stimme war ruhig, fast sachlich. Doch seine Augen blieben auf mich gerichtet. Ich schwieg eine Weile. Nur das rhythmische Klacken meiner Schritte erfüllte den Raum. Und plötzlich war da dieses Gefühl. Keine klare Erinnerung. Kein Bild. Nur ein Echo von etwas. Verlust. Es war seltsam – als würde ich in einem dunklen Raum stehen und irgendwo weit entfernt ein Licht sehen, das ich nicht erreichen konnte. Ich wusste, dass dort etwas Wichtiges lag, aber mein Kopf weigerte sich, es vollständig hervorzuholen. Langsam setzte sich ein Gedanke zusammen. Meine Eltern. Ich erinnerte mich daran, dass sie krank gewesen waren. Dass ich sie beide verloren hatte. Kurz hintereinander. Ich war damals etwa zwanzig gewesen. Der Schlag hatte mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Als hätte jemand plötzlich den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Ich spürte noch immer das Gefühl von damals – diese Orientierungslosigkeit. Dieses Gefühl, dass das Leben plötzlich aus dem Gleichgewicht geraten war. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum ich so lange gebraucht hatte, um meinen Weg zu finden. Warum ich damals nicht wusste, was ich studieren sollte. Warum alles so unsicher gewesen war. Ich war noch nicht bereit gewesen. Noch nicht selbstständig genug. Meine Schritte auf dem Laufband wurden für einen Moment langsamer, bevor ich wieder meinen Rhythmus fand. Und dann kam ein weiterer Gedanke. Kento. Der Tod auf der Werft. Misora, die ihren Vater verloren hatte. Etwas zog sich tief in meiner Brust zusammen. Vielleicht hatte dieser Moment etwas in mir ausgelöst. Etwas, das ich selbst nicht kannte. Ein altes Trauma. Der Schmerz des Verlusts. Vielleicht hatte ich unbewusst versucht zu verhindern, dass jemand anderes diesen Schmerz durchmachen musste. Ich sah kurz zu Vanu. Sie saß ruhig da, doch ihre Augen waren fest auf mich gerichtet. Ich wollte nicht, dass sie verloren ging. Ich wollte nicht, dass Tahls Familie ihn verlor. Deshalb hatte ich mich vor Kuran gestellt. Ich hatte geglaubt, ihn mit Informationen aus seiner Vergangenheit zu überrumpeln. Ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihn dazu zu bringen, nachzudenken, statt zu schießen. Mein Plan war einfach gewesen. Zu einfach. Ich hatte mich vollkommen verschätzt. Statt ihn zu stoppen, hatte ich eine Kurzschlussreaktion ausgelöst. Ich sah kurz auf meine Hände, während ich weiterlief. Das Ergebnis davon trug ich jetzt selbst. Der Raum blieb still. Nur das Laufband lief weiter. Und irgendwo tief in mir wusste ich, dass mein Leben nach diesem Moment nicht mehr dasselbe sein würde.

Das Laufband surrte gleichmäßig unter meinen Füßen, während ich Schritt für Schritt weiterlief. Der Rhythmus hatte etwas Beruhigendes. Meine Atmung ging gleichmäßig, der Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn und lief langsam über meine Schläfen. Die Anzeigen vor mir zeigten konstante Werte. Puls stabil. Geschwindigkeit konstant. Ich dachte noch immer über das nach, was Tahl gesagt hatte. Über Triggerpunkte. Über Dinge, die tief im Inneren verborgen lagen und plötzlich nach oben brachen. Dann passierte es. Ohne jede Vorwarnung zog ein brutaler Krampf durch meine Beine. Erst durch die Waden, dann durch die Oberschenkel. Es fühlte sich an, als würden sich meine Muskeln gleichzeitig zusammenziehen und verhärten. Mein rechter Fuß setzte schief auf. Ich verlor sofort den Rhythmus. Das Laufband lief weiter, doch meine Beine versagten. Mein Körper kippte nach vorn, dann nach hinten, und ehe ich reagieren konnte, rutschte ich weg. Das Band schleuderte mich nach hinten. Mein Rücken knallte auf das Laufband, und im nächsten Moment wurde ich von der Bewegung des Bands weiter nach hinten gezogen und regelrecht heruntergeschleudert. Die Luft entwich mir aus der Lunge, als ich auf dem Boden aufkam. Noch während ich versuchte zu begreifen, was gerade passiert war, hörte ich das scharfe Klicken eines Schalters. Tahl hatte bereits reagiert. Das Laufband stoppte abrupt mit einem dumpfen mechanischen Geräusch.
"Verdammt," murmelte ich und verzog das Gesicht, während ich mich langsam aufsetzte.
Meine Beine brannten noch immer von dem Krampf, und meine Muskeln fühlten sich an wie überdehnte Drahtseile. Valentina war sofort bei mir. Ihre Schritte klangen schnell und entschlossen auf dem Boden. Vanu kam direkt hinter ihr, ihre Bewegungen etwas vorsichtiger, aber nicht weniger besorgt. Valentina ging vor mir in die Hocke, ihre Augen musterten mich prüfend. Vanu kniete sich neben mich und legte vorsichtig eine Hand auf meinen Arm. Ihre Finger waren warm, ihr Blick gleichzeitig besorgt und leicht genervt, als hätte sie so etwas schon erwartet. Ich rieb mir mit der Hand über den Nacken und verzog das Gesicht.
"Ich wünschte," sagte ich trocken, "ich könnte meine Muskeln auch ersetzen lassen."
Im nächsten Moment knallte es. Valentinas Fingerknöchel trafen meine Stirn mit einer präzisen, überraschend kräftigen Kopfnuss. Ich zuckte zurück und starrte sie empört an, während ich mir die Stirn rieb.
"Au!" Ich blinzelte sie an. "Warum malträtierst du mich eigentlich ständig?"
Valentina verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf mich herunter. Ihre Augen funkelten leicht, und ein kaum sichtbares, schiefes Lächeln zog an ihrem Mundwinkel. Bevor sie antworten konnte, mischte sich Vanu ein. Sie seufzte leise, schüttelte leicht den Kopf und sah mich mit diesem Blick an, den ich inzwischen nur zu gut kannte – eine Mischung aus Zuneigung, Geduld und dem stillen Vorwurf, dass ich mich manchmal wie ein Idiot benahm.
"Du bist selbst schuld," sagte sie ruhig.
Ich sah von ihr zu Valentina. Beide Frauen standen da. Beide mit fast identischem Gesichtsausdruck. Und plötzlich wurde mir klar, dass sie gerade vollkommen einer Meinung waren. Ich verzog das Gesicht. Ich hasste es, wenn meine beiden Ehefrauen zusammenhielten. Valentina beugte sich leicht vor und sah mich direkt an. Ihre Stimme klang nun wieder sachlich, fast dozierend.
"Die bionische Forschung kann vieles," sagte sie. "Aber sie kann keinen Körper zu hundert Prozent ersetzen." Sie machte eine kurze Pause und tippte mit dem Finger gegen meine Brust. "Wenn du dich unzulänglich fühlst, musst du eben mehr trainieren."
Ich öffnete kurz den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn dann aber wieder. Stattdessen ließ ich den Blick kurz durch den Raum schweifen. Die Geräte summten weiterhin leise, das Laufband stand still, und irgendwo im Hintergrund hörte man das ferne Surren einer Klimaanlage. Langsam lehnte ich mich ein Stück zurück und atmete tief ein. Und dann tat ich etwas, das ich inzwischen fast unbewusst machte. Ich lauschte nach innen. Mein Atem ging ruhig. Gleichmäßig. Tiefer als früher. Mein Herz schlug kräftig. Stabil. Präzise. Ich kannte den Unterschied. Auch wenn Valentina und die anderen es nicht offen aussprachen – ich wusste, dass in meinem Körper etwas anders arbeitete als früher. Ich fühlte mich… wacher. Klarer. Meine Gedanken waren schärfer, meine Wahrnehmung konzentrierter. Selbst jetzt, nach dem Sturz, fühlte ich mich nicht erschöpft, sondern eher angespannt, voller Energie. Es war, als würde mein Körper effizienter arbeiten als früher. Vielleicht lag es daran, dass die bionischen Organe eine höhere Leistung erbrachten als meine alten, natürlichen. Ich atmete noch einmal tief durch und sah zu Valentina und Vanu auf. Ein leichtes, schiefes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht.
"Okay," sagte ich schließlich ruhig. "Dann trainiere ich eben mehr."

Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke meines Krankenzimmers. Die sterile weiße Oberfläche wurde nur von den Schatten der Deckenlampen durchbrochen, die ein diffuses Licht in den Raum warfen. Der Aufenthalt hier dauerte inzwischen deutlich länger, als ich erwartet hatte. Anfangs hatte ich gedacht, ein paar Wochen Rehabilitation, vielleicht ein paar Tests – und dann wäre ich wieder draußen. Doch stattdessen verging Tag um Tag, während Ärzte kamen, Werte überprüften, wieder gingen und mir sagten, ich müsse mich noch ein wenig gedulden.
Die Tür war geschlossen, doch durch das große Glasfenster daneben konnte ich den Flur sehen. Valentina und Vanu standen draußen. Sie unterhielten sich. Ihre Stimmen konnte ich durch das dicke Glas nicht hören, doch ihre Körperhaltung sprach Bände. Valentina stand aufrecht, die Arme leicht vor der Brust verschränkt, während sie sprach. Ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst. Die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen angespannt. Ihre langen petrolfarbenen Haare fielen über ihre Schultern und bildeten einen starken Kontrast zu ihren dunklen violetten Augen, die selbst aus der Entfernung intensiv wirkten.
Vanu stand ihr gegenüber. Sie hielt eine Hand unter ihren Bauch, fast automatisch, während sie zuhörte. Ihre Augen folgten jeder Bewegung Valentinas Lippen. Ich konnte sehen, wie Valentina erklärte. Wie sie mit der Hand eine kurze, präzise Bewegung machte, als würde sie einen medizinischen Sachverhalt darstellen. Als sie fertig war, veränderte sich Vanus Gesichtsausdruck. Die ruhige Aufmerksamkeit wich einer klar sichtbaren Sorge. Ihre Augen wurden größer, ihre Stirn legte sich in Falten, und für einen Moment sah sie zur Seite, als müsste sie den Gedanken erst verarbeiten. Dann geschah etwas, das mir sofort unangenehm auffiel. Beide sahen gleichzeitig in meine Richtung. Ich spürte es sofort. Dieses Gefühl. Als würde ich auf einem Untersuchungstisch liegen und jemand würde mich mit einem Skalpell betrachten. Seziert. Analysiert. Ich verengte leicht die Augen, während ich sie ansah.
Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür. Die beiden traten ein. Ich ließ meinen Blick zwischen ihnen hin und her wandern, meine Augen weiterhin misstrauisch zusammengekniffen.
"Was ist los?"
Meine Stimme klang sofort wachsam. Vanu sagte nichts. Stattdessen trat sie zu meinem Bett und setzte sich vorsichtig neben mich. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast vorsichtig. Dann nahm sie meine Hand. Ihre Finger waren warm. Ohne ein Wort zu sagen, führte sie meine Hand zu ihrem Bauch und legte sie darauf. Ich spürte die leichte Rundung unter meiner Handfläche. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann begann Valentina zu sprechen.
"Es gibt eine kleine Komplikation mit deinen Implantaten."
Der Satz traf mich wie ein elektrischer Schlag. Mein Körper zuckte sofort zusammen. Ein kaltes Gefühl kroch durch meine Brust, als hätte jemand plötzlich eine Tür geöffnet und eisige Luft hineingelassen. Sterben. Der Gedanke schoss mir unkontrolliert durch den Kopf. Ich wollte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht, wo Vanu gerade unser Kind austrug. Valentina bemerkte sofort meine Reaktion. Sie hob schnell beide Hände.
"Beruhige dich. Es ist nichts Ernstes."
Ich spürte, wie sich ein Teil der Spannung aus meinem Körper löste. Meine Schultern sanken ein wenig zurück in das Kissen. Ein langer Atemzug entwich meiner Brust. Erleichterung. Aber nur teilweise. Ich sah wieder zwischen den beiden Frauen hin und her.
"Wenn es nichts Ernstes ist," sagte ich langsam, "warum seht ihr dann beide so aus?"
Für einen Moment antwortete niemand. Valentina schwieg. Vanu sah kurz zu ihr, dann wieder zu mir. Dieses kurze Schweigen gefiel mir überhaupt nicht. Dann räusperte sich Valentina leise.
"Nun…" Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. "Deine frühere Abhängigkeit vom Void Juice hat Spuren hinterlassen."
Ich blinzelte. Und sofort tauchte die Erinnerung wieder auf. Kurz nach meiner Ankunft in dieser Realität hatte ich angefangen, alles auszuprobieren. Getränke, Nahrungsmittel, Gewürze – Dinge aus allen möglichen Kulturen. Ich hatte naiv angenommen, dass alles, was andere Spezies konsumieren konnten, auch für mich ungefährlich sein müsste. Eine völlig falsche Annahme. Void Juice gehörte zu diesen Experimenten. Es war kein gewöhnliches Getränk. Eigentlich war es ein Aufputschmittel. Eine Droge. Die Grundlage bildete eine spezielle Pilzart, die im Vakuum des Weltraums gezüchtet wurde, meist in Asteroiden. Die Substanz wirkte stark auf das Nervensystem. Sie erhöhte Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit. Ich erinnerte mich noch gut an die erste Nebenwirkung. Schlaflosigkeit. Tagelang. Zum Glück hatte Valentina mich damals früh genug entdeckt und ziemlich schnell auf Entzug gesetzt. Ich hob den Kopf ein wenig und sah ihr direkt in die Augen. Ihre dunklen violetten Augen wirkten im Licht des Zimmers fast schwarz. Die Farbe harmonierte merkwürdig gut mit ihren langen petrolfarbenen Haaren, die in weichen Strähnen über ihre Schultern fielen.
"Wo liegt das Problem?"
Valentina zögerte erneut. Nur kurz. Dann wechselte sie sichtbar in ihren professionellen Tonfall.
"Eine oder mehrere Mikrosporen haben sich offenbar damals in deinem Körper versteckt."
Ein unangenehmes Gefühl kroch in meinen Magen.
"Durch deine Nahtoderfahrung," fuhr sie fort, "hat der Pilz wahrscheinlich ein Signal erhalten, dass dein Körper bereit für eine Besiedlung ist."
Mein Magen zog sich zusammen. Und dann sagte sie das, was ich wirklich nicht hören wollte.
"Dein Magen-Darm-Trakt ist infiziert."
Für einen Moment war es, als würde sich eine unsichtbare Faust tief in meinen Bauch graben. Ich spürte den Druck förmlich. Mein Körper löste sich zwar nicht auf – so hatte sie es formuliert – aber meine bakterielle Flora veränderte sich. Doch Valentina war noch nicht fertig.
"Außerdem," sagte sie ruhig, "hat der Pilz begonnen, deine Lungen und dein Herz zu überwuchern."
Mein Blick blieb an ihr hängen. Ich sagte nichts. Mein Kopf versuchte gerade verzweifelt, diese Information zu sortieren. Pilz. In meinen Organen. Valentina hob leicht beschwichtigend die Hand.
"Aktuell besteht keine Lebensgefahr." Sie machte eine kurze Pause. "Aber das könnte sich jederzeit ändern."
Der Raum wurde still. Ich spürte wieder diese Faust in meinem Magen. Und das Schlimmste war der letzte Satz, den sie ruhig, fast sachlich hinzufügte.
"Es gibt praktisch keine Erfahrungsberichte zu so einem Fall."

Ich starrte Valentina an, als hätte sie gerade den Verstand verloren. Mein Blick muss völlig entgleist gewirkt haben, denn ich spürte, wie sich meine Stirn in Falten legte und meine Augen ungläubig über ihr Gesicht wanderten. Ihre Worte hallten noch immer in meinem Kopf nach – Pilz, Infektion, Überwucherung meiner Organe – und trotzdem hatte sie im gleichen Atemzug behauptet, es sei nichts Ernstes. Mein Herz schlug schneller, und ein kaltes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus.
"Meinst du das wirklich ernst? Du erzählst mir, dass ein Pilz meine Organe überwuchert und behauptest dann, das sei nichts Ernstes?"
Valentina blieb erstaunlich ruhig. Sie stand noch immer neben meinem Bett, ihre Haltung aufrecht, die Hände locker vor dem Bauch gefaltet. Nur ein leichtes Zucken in ihren Augen verriet, dass sie meine Reaktion durchaus erwartet hatte. Das sterile Licht des Krankenzimmers spiegelte sich in ihren dunklen violetten Augen, während ihre petrolfarbenen Haare in weichen Strähnen über ihre Schultern fielen. Sie atmete einmal tief durch, bevor sie antwortete.
"Der Pilz verhält sich vollkommen anders, als er sollte." Sie machte eine kurze Pause, als würde sie ihre Worte sorgfältig abwägen. "Normalerweise dringt diese Spezies in das Gehirn ein. Dort beginnt sie, das Nervengewebe zu zersetzen und übernimmt schrittweise die Kontrolle über den Wirt."
Mir wurde kalt, als sie das so nüchtern aussprach. Ich konnte nicht verhindern, dass sich mein Magen zusammenzog. Doch Valentina hob leicht eine Hand, als wolle sie meine aufkommende Panik wieder einfangen.
"Aber das passiert bei dir nicht."
Ich blinzelte sie an. Sie trat einen halben Schritt näher an das Bett heran, ihre Stimme wurde ruhiger, beinahe nachdenklich.
"Stattdessen legt sich der Pilz um deine Organe. Wie eine Membran. Er umschließt sie, aber er zerstört sie nicht."
Sie sah kurz auf ihr Datenpad, als würde sie die medizinischen Aufzeichnungen noch einmal gedanklich durchgehen.
"Eine solche Reaktion wurde bisher noch nie aufgezeichnet."
Ich sagte nichts mehr. In meinem Kopf kreisten zu viele Gedanken gleichzeitig. Eine fremde Lebensform in meinem Körper. Ein Verhalten, das niemand erklären konnte. Und zwei Frauen, die versuchten, mir zu versichern, dass das alles irgendwie nicht so schlimm sei.
Doch irgendetwas in mir hatte sich bereits entschieden. In dieser Nacht verließ ich das Krankenhaus. Der Flur war still, nur das gedämpfte Licht der Nachtbeleuchtung tauchte die langen Korridore in ein schwaches Blau. Ich bewegte mich langsam und vorsichtig, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die automatischen Türen öffneten sich lautlos vor mir, als ich mich ihnen näherte. Niemand hielt mich auf. Niemand stellte Fragen. Draußen empfing mich die warme Nachtluft von Trantor. Streeling lag ruhig unter dem dunklen Himmel, nur vereinzelte Lichter bewegten sich zwischen den hohen Gebäuden. Ich trat an eine der Haltezonen des öffentlichen Verkehrssystems und rief ein autonomes Hovercraft. Das kleine Fahrzeug glitt wenige Minuten später lautlos heran und senkte sich vor mir auf die Plattform. Die Tür öffnete sich mit einem sanften Zischen, und ich stieg ein. Der Innenraum war sauber, minimalistisch, die Sitze weich und angenehm. Ein gedämpftes Licht erhellte die Kabine. Das Navigationssystem erwachte sofort zum Leben. Ich nannte zunächst kein Ziel. Der Hovercraft setzte sich dennoch in Bewegung und schloss sich dem nächtlichen Verkehrsfluss an, während ich aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt sah.
Was mache ich hier eigentlich? Die Frage tauchte immer wieder in meinem Kopf auf. Was würde es mir bringen, einfach zu verschwinden? Ich lehnte den Kopf gegen die kühle Scheibe des Fensters und sah hinaus in die Dunkelheit. Die Stadt wurde langsam dünner, die Gebäude niedriger, die Lichter seltener. Vielleicht brauchte ich einfach Abstand. Abstand von Krankenhausgeräten. Abstand von Diagnosen. Abstand von dem Gedanken, dass in meinem Körper etwas lebte, das niemand verstand. Schließlich richtete ich mich auf und beugte mich leicht nach vorne zum Interface des Fahrzeugs. Meine Stimme klang leiser, als ich erwartet hatte.
"Neues Ziel eingeben."
Das Navigationssystem reagierte sofort. Ich zögerte kurz, bevor ich den Ort nannte. Der Name lag mir schon die ganze Zeit auf der Zunge. Misoras Schrottplatz. Der Hovercraft bestätigte das Ziel mit einem kurzen Signalton und änderte die Route. Die Anzeige zeigte eine lange Strecke an – mehrere Stunden Flug über die kargen Ebenen außerhalb der Stadt. Die Landschaft unter uns wurde immer leerer. Die Lichter der Zivilisation verschwanden allmählich hinter uns, bis nur noch die dunkle Weite der Wüste übrig blieb. Sand, Felsen und endlose Ebenen, die im schwachen Licht der Sterne lagen. Als wir schließlich ankamen, begann gerade der erste Hauch von Morgendämmerung den Horizont zu färben. Der Schrottplatz lag still vor mir. Eine weite Fläche aus alten Raumschiffteilen, verrosteten Metallgerippen und aufgestapelten Wrackfragmenten. Zwischen den Haufen ragten vereinzelte Kräne und Werkstattcontainer auf. Ich stieg aus dem Hovercraft und sah mich um. Die Luft war trocken und kühl. Der Wind trug feinen Sand über den Boden, der leise gegen die Metallreste raschelte. Für einen Moment blieb ich einfach stehen und betrachtete die endlosen Reihen aus Schrott. Dann zog ich mein Kommunikationsgerät hervor. Meine Finger schwebten kurz über dem Display, bevor ich die Nachricht formulierte. Ich schrieb Vanu und Valentina, wo ich war. Und dass ich Zeit zum Nachdenken brauchte.

Natürlich war mir klar, dass Vanu, Valentina und Tahl sich sofort auf den Weg machen würden, aber das störte mich nicht. Ich hatte hoffentlich genug Zeit, um über alles nachzudenken. Es war noch dunkel, doch die Morgendämmerung begann am Horizont. Ein feiner Dunst lag über dem Schrottplatz, der Sand wirbelte leicht durch die frühen Windböen, und die ersten Sonnenstrahlen färbten den Himmel in ein tiefes, fast blutrotes Crimson. Ich hatte schon oft beobachtet, wie der Himmel sich so verfärbte, und doch war es jedes Mal anders, jedes Mal faszinierend und ein wenig beunruhigend zugleich. Ein Anblick, der völlig anders war als das helle Blau von Terra oder das dunklere Cyan von Argon Prime.
Noch bevor ich die Meldeanlage bedienen konnte, fiel mein Blick auf den Lauf eines Energiegewehrs. Mein Herz setzte aus, die Muskeln spannten sich unwillkürlich an, und Instinkt trieb mich zurück.
„Tori!“, rief Misora, ihre Stimme scharf, als sie den Kopf durch die Tür streckte. Sie packte erschrocken die Waffe weg, und ihre Augen blitzten in dem schwachen Licht wie poliertes Onyx. „Bist du lebensmüde, zu dieser Stunde und ohne Anmeldung im Dunkeln aufzutauchen?“
Ich konnte nur ein „Vielleicht“ hervorbringen, die Stimme rau und überrascht zugleich.
Misora sah mich einen Moment lang an, ihre Stirn leicht gerunzelt, die Lippen zu einer schmalen Linie gepresst. Sie bemerkte sofort, dass ich nicht nur körperlich erschöpft war – mein Geist wirkte zerfurcht, unruhig, wie von unsichtbaren Fesseln gehalten. Sie ließ mich herein, verriegelte die Tür hinter uns und schaltete das Alarmsystem wieder ein. Ich fragte nach dem Grund, und sie erklärte ruhig, aber bestimmt, dass Trantor längst nicht mehr der sichere Ort war, den man einst gekannt hatte. Plünderungen hatten in der einkommensschwachen Bevölkerungsschicht Anklang gefunden. Verlassene Gebäude gab es zuhauf, viele waren nach dem Kha’ak-Angriff vor über sechzig Jahren geflohen, und die, die geblieben waren, hatten es schwer.
Misora führte mich durch die Weiten ihres Schrottplatzes, und ich konnte kaum fassen, wie groß das Gelände war. Es war kein einzelner Platz, sondern ein riesiges Gebiet. Ein Quadratkilometer würde kaum ausreichen. Überall lagen die Überreste von Schiffen und Raumfahrzeugen, von Raumschiffen unterschiedlicher Größe und Bauart. Manche lagen halb im Sand vergraben, andere waren über Jahre hinweg vom Wind abgeschliffen und von Rost überzogen. Über mir kreisten ein paar abgenutzte Drohnen, die die Gegend überwachten, das Summen ihrer Triebwerke mischte sich mit dem leisen Knirschen von Metall und Sand unter unseren Füßen.
Ich erzählte Misora, warum ich hier war, dass es mir um ihren Vater Kento leidtat, und mit jedem Wort spürte ich, wie die Anspannung aus mir abfiel. Dabei fiel mir auf, wie sehr Misora sich verändert hatte. Sie hatte ihre schwarzen Haare wachsen lassen, die ihr nun bis zur Mitte des Rückens fielen, durchzogen von schmalen roten Strähnen, die im Licht leicht schimmerten. Ihre Kleidung war knapp, martialisch, eng anliegend, funktional, mit leuchtenden Nähten, die ein sanftes, aber warnendes Purpur ausstrahlten - die gleiche Farbe wie ihre Augen. An ihrer rechten Hüfte hing das Energiepistolen-Holster, an der linken ein Schwert, und auf ihrem Rücken ruhte das Gewehr, das mir zuvor fast ins Gesicht gerichtet gewesen war. Die Kombination aus Technik, Kampfbereitschaft und alter Eleganz machte sie gleichzeitig vertraut und furchteinflößend. Sie erinnerte mich unweigerlich an Cowgirls aus alten Westernfilmen meiner Realität.
„All das… ist das wirklich nötig?“ fragte ich und betrachtete die Waffen, die Ausrüstung und die Art, wie sie sich bewegte, wie jede Bewegung präzise und geübt wirkte.
„Wahrscheinlich nicht“, sagte sie knapp, „aber ich fühle mich so sicherer.“
Ihr Blick glitt kurz zu den Schrottteilen um uns herum, zu den Trümmern, die wie stumme Zeugen vergangener Kämpfe lagen. Ich konnte das verstehen. Die Welt war nicht mehr das, was sie einmal war, und Sicherheit war ein Luxus, den man sich nehmen musste, wenn man ihn nicht geschenkt bekam. Wir setzten uns auf ein großes, abgeplatztes Metallstück, das halb im Sand versunken war. Die Kanten waren scharf und kalt, aber ich spürte sie kaum. Zuerst redeten wir über Belangloses, über den feinen Wind, der den Sand über die Metallreste trieb, über die Farbe des Himmels, die Form der Schrottteile. Dann sprachen wir über unsere Probleme, über die Lasten, die wir mit uns trugen, die Ängste, die wir verdrängt hatten. Schließlich sprachen wir über unsere Unsicherheiten, über die Lücken in unserer Erinnerung, über die Schmerzen, die uns noch immer begleiteten. Die Zeit verging wie im Flug. Ich spürte, wie ein Teil von mir wieder zu Boden kam, wie die Panik, die Angst und das Chaos sich in etwas Greifbares, fast Beruhigendes verwandelten, nur weil wir sprachen, nur weil wir einfach nebeneinander saßen.
Dann hörte ich Stimmen. Tahl, Vanu und Valentina hatten den Schrottplatz erreicht. Misora erhob sich, ihre Bewegungen geschmeidig, aber angespannt, und ging zur Tür. Sie öffnete sie, ließ sie herein, und ich sah sie nacheinander. Vanu wirkte sofort besorgt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen groß, aber gefasst, während sie meine Richtung fixierte. Valentina war nüchtern, analytisch, das Gesicht ernst, als würde sie sofort eine Gefahrenanalyse erstellen. Tahl hingegen wirkte vorsichtig, prüfend, ein Lächeln lag wie ein dünner Schleier über seinen Lippen, der versuchte, Ruhe zu bewahren.
Ich spürte ein warmes Gefühl der Erleichterung, das sich langsam in mir ausbreitete. Trotz der Unsicherheit, trotz der Gefahr, trotz der unvollständigen Erinnerungen – wir waren wieder zusammen. Ein kurzer, stiller Moment, in dem wir uns einfach nur anschauten, reichte, um zu wissen, dass wir zumindest jetzt, in diesem Augenblick, noch am Leben waren und einander hatten. Ich konnte ihre Präsenz spüren, die leise Wärme, die Sicherheit und gleichzeitig die Verantwortung, die mich niederdrückte, aber nicht erdrückte.
Misora trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme, die Augen funkelten unter den roten Strähnen. „Ihr könnt euch setzen, aber lieber nicht zu lange, bleibt lieber in Bewegung. Ich will nicht, dass ihr irgendwo liegen bleibt, während die Sonne aufgeht. Trantor ist kein Ort für Langschläfer.“ Ihr Tonfall war streng, aber kein Befehl – eher ein Hinweis, dass wir uns anpassen mussten.
Ich setzte mich auf ein Stück Schrott, spürte den kühlen, rauen Stahl unter meinen Fingerspitzen, und atmete tief durch. Die Schwere des letzten Jahres, der Verlust, die Ungewissheit – alles wirkte plötzlich greifbarer, fast wie greifbares Metall. Ich schaute auf Vanu, die sich neben mir setzte, die Hand auf ihren Bauch gelegt, und für einen Moment spürte ich, dass es noch etwas zu beschützen gab, dass noch Hoffnung existierte. Und in diesem Moment, während der Wind Sand durch die Ritzen der alten Schiffswracks trieb und die Sonne langsam über den Crimson-Horizont kroch, wusste ich, dass wir einen kleinen, aber entscheidenden Schritt zurück ins Leben gemacht hatten.
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Re: [Story] Isekai no Xistence

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Kapitel 23 - Geschwister im Geiste

Ich saß mit Tahl, Vanu, Valentina und Misora an einem alten Tisch, dessen Oberfläche von Kratzern, Brandflecken und tiefen Kerben übersät war. Wir befanden uns im Inneren eines heruntergekommenen Wohnhauses, direkt neben dem Eingangstor des Schrottplatzes. Der Raum wirkte wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Die Wände waren vergilbt, an einigen Stellen blätterte die Beschichtung ab und legte den rohen Untergrund frei. In den Ecken hatten sich feine Staubschichten gesammelt, die bei jeder kleinen Bewegung leicht aufwirbelten. Ein schwacher, abgestandener Geruch lag in der Luft – eine Mischung aus altem Metall, trockenem Sand und etwas, das einmal nach Leben gerochen haben musste. Das Licht fiel nur spärlich durch ein halb zerbrochenes Fenster, dessen Glas an den Rändern gesplittert war. Draußen zeichnete sich die erste Helligkeit des Morgens ab, doch hier drinnen blieb alles in einem gedämpften Halbdunkel. Eine einzelne Lampe über uns flackerte gelegentlich, als hätte auch sie Mühe, ihren Dienst aufrechtzuerhalten. Ich ließ meinen Blick durch den Raum wandern und konnte kaum glauben, dass dieser Ort über Jahre hinweg unberührt geblieben war. Möbel standen noch an ihrem Platz, wenn auch verfallen und teilweise beschädigt. Ein alter Schrank lehnte schief an der Wand, eine Tür hing nur noch halb in den Angeln.
"Ich bin überrascht, dass hier nichts geplündert wurde," sagte ich und lehnte mich leicht zurück, während ich mit den Fingern über die raue Tischoberfläche strich.
Misora saß mir gegenüber, die Arme locker verschränkt, ein Bein über das andere geschlagen. Ihr Blick war wachsam, auch jetzt, als würde sie selbst in diesem scheinbar sicheren Moment jede mögliche Bedrohung einkalkulieren.
"Der Schrottplatz liegt zu weit draußen," antwortete sie ruhig. Sie nickte leicht in Richtung der Tür. "Hier verirrt sich niemand zufällig her. Und wenn doch…"
Sie ließ den Satz kurz offen und ein schmales, fast amüsiertes Lächeln huschte über ihre Lippen. "…gibt es automatische Abwehranlagen."
Ich hob eine Augenbraue. "Für Plünderer?"
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Eigentlich nicht." Sie beugte sich ein wenig nach vorne, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verschränkte die Finger ineinander. "Die sind für die Fauna hier draußen gedacht."
Ich sah sie kurz an, dann wanderte mein Blick automatisch zu den Fenstern, als würde ich erwarten, draußen etwas zu erkennen. "Fauna?"
Misora nickte. "Es gibt hier einige wilde Tarops."
Der Name sagte mir nichts. Ich verzog leicht das Gesicht und sah sie fragend an. "Zeig mir ein Bild," sagte ich schließlich.
Misora griff nach einem kleinen Datenpad, das neben ihr auf dem Tisch lag. Ihre Finger bewegten sich schnell und routiniert über die Oberfläche. Ein paar Sekunden später drehte sie das Gerät in meine Richtung.
Ich beugte mich leicht vor. Das Bild zeigte ein Wesen, das mich für einen Moment sprachlos machte. "Das soll ein Tier sein?"
Ich runzelte die Stirn und musterte die Kreatur genauer. Es hatte sechs Beine, die kräftig und gedrungen wirkten, fast wie die eines Wildschweins. Der Körper war kompakt, muskulös, und schien für kurze, explosive Bewegungen ausgelegt zu sein. Doch der Oberkörper… erinnerte tatsächlich entfernt an einen Pinguin. Der Kopf war rundlicher, der Hals kurz, und die Haltung leicht nach vorne geneigt. Eine absurde Kombination.
"Sieht aus wie eine Mischung aus Wildschwein und Pinguin," murmelte ich und zog die Augenbrauen zusammen.
Ich sah wieder zu Misora. "Und fliegen kann es wahrscheinlich auch nicht."
Ein kurzes, trockenes Schnauben entwich ihr. "Definitiv nicht."
Tahl, der neben mir saß, beugte sich leicht nach vorne, um ebenfalls einen Blick auf das Bild zu werfen. Seine Augen verengten sich leicht, während er die Anatomie des Tieres analysierte. Vanu saß ruhig neben mir, eine Hand automatisch auf ihrem Bauch, die andere locker auf dem Tisch. Ihr Blick wechselte zwischen mir und dem Bild, doch ich konnte sehen, dass sie weniger an der Kreatur interessiert war als an mir. Valentina hingegen beobachtete das Ganze mit einem sachlichen, fast distanzierten Ausdruck. Ihre Aufmerksamkeit schien weniger dem Tier zu gelten als vielmehr der Umgebung, der Situation und vermutlich meinem Zustand. Ich lehnte mich wieder zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Und diese… Tarops," sagte ich langsam, "laufen hier draußen einfach frei herum?"
Misora nickte. "In Rudeln oder allein. Und sie sind… nicht gerade freundlich."
Ein kurzer Windstoß drang durch die Ritzen des Gebäudes und ließ irgendwo im Haus ein loses Metallteil klappern. Ich sah zur Tür. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie eines dieser Tiere draußen durch den Sand streifte. Sechs Beine, gedrungener Körper, auf der Jagd. Ein leises Unbehagen breitete sich in mir aus. Ich atmete tief durch und sah wieder in die Runde. Irgendetwas an diesem Ort hatte sich verändert. Nicht nur die Umgebung, nicht nur Misora. Wir alle hatten uns verändert. Und während wir dort saßen, in diesem verfallenen Gebäude am Rand der Zivilisation, wurde mir klar, dass wir nicht mehr einfach nur eine Gruppe waren, die zufällig zusammengefunden hatte. Wir waren… etwas anderes geworden. Verbunden durch das, was wir verloren hatten. Und durch das, was noch vor uns lag.

Valentinas Blick traf mich mit einer Schärfe, die ich so von ihr kannte, aber in diesem Moment nicht erwartet hatte. Ihre purpurnen Augen funkelten mich an, kühl und durchdringend, während sie mit einem kurzen, beinahe ruckartigen Kopfschütteln ihre langen, petrolfarbenen Haare nach hinten warf. Die Bewegung wirkte kontrolliert, aber die Spannung dahinter war unübersehbar. Ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie gepresst, und als sie sprach, lag ein deutlich eifersüchtiger Unterton in ihrer Stimme.
"Ihr zwei versteht euch ja auffällig gut."
Einen Moment brauchte ich, um überhaupt zu begreifen, worauf sie hinauswollte. Mein Blick wanderte irritiert zwischen ihr und Misora hin und her, während mein Kopf noch versuchte, die Situation einzuordnen. Ich hatte das Gefühl, etwas Offensichtliches zu übersehen.
"Zu gut," fügte Valentina nach, ihre Augen immer noch fest auf mich gerichtet.
Noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, hatte Misora bereits die Hände gehoben. Ihre Bewegung war schnell, fast reflexartig, als würde sie einen unsichtbaren Angriff abwehren.
"Hey, ganz ruhig," sagte sie, ihre Stimme deutlich, aber nicht aggressiv.
"Zwischen uns läuft nichts." Sie ließ die Hände einen Moment oben, als wolle sie die Aussage unterstreichen, dann ließ sie sie langsam wieder sinken. "Wir verstehen uns einfach gut. Mehr nicht." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Wie Geschwister."
Der Begriff hing für einen kurzen Moment im Raum. Ich sah zu Valentina. Ihre Anspannung löste sich nicht vollständig, aber ich konnte sehen, wie sich etwas in ihrem Ausdruck veränderte. Die Härte in ihrem Blick wich minimal, als würde sie die Worte abwägen und akzeptieren – zumindest vorläufig. Doch nicht nur sie reagierte darauf. Ich spürte, wie sich Vanu neben mir leicht bewegte. Ohne groß darüber nachzudenken, legte ich meine Hand auf ihren Bauch. Die Geste kam instinktiv, fast automatisch. Ich sah sie an und versuchte, sie mit einem kleinen Lächeln zu beruhigen. Sie erwiderte das Lächeln. Für einen kurzen Moment wirkte alles ruhig.

Dann verzog sich ihr Gesicht. Es passierte so schnell, dass mein Verstand einen Augenblick brauchte, um es zu begreifen. Ihre Augen weiteten sich, ihre Stirn zog sich zusammen, und ihr Atem stockte hörbar. Noch bevor ich reagieren konnte, kippte sie seitlich vom Stuhl.
"Vanu!"
Ich griff reflexartig nach ihr, doch ich war zu langsam. Ihr Körper traf den Boden mit einem dumpfen Geräusch, und sie krümmte sich sofort, die Hände an ihren Bauch gepresst. Ihr ganzer Körper spannte sich an, während sie sich vor Schmerz wand. Valentina war in der gleichen Sekunde auf den Beinen. Die Veränderung in ihr war sofort sichtbar. Jede Spur von Eifersucht war verschwunden, ersetzt durch absolute Konzentration. Ihre Bewegungen wurden präzise, effizient, beinahe mechanisch. Sie griff in ihre Jackentasche und zog ihren kleinen Handscanner hervor – ein Gerät, das sie offenbar immer bei sich trug. Eine alte Angewohnheit, tief in ihr verankert. Sie kniete sich neben Vanu, ihre Haare fielen ihr nach vorne, während ihre Augen die Anzeigen des Geräts fixierten. Ihre Finger bewegten sich schnell über die Oberfläche, während sie die Daten auswertete. Ich kniete ebenfalls neben Vanu, völlig hilflos, mein Blick hektisch zwischen ihr und Valentina hin- und hergehend. Vanus Gesicht war vor Schmerz verzerrt, ihre Lippen zitterten, und ihr Atem kam stoßweise.
"Was ist los?"
Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Valentina reagierte nicht sofort. Für einen Moment schien sie nur auf die Daten zu starren, dann hob sie den Blick.
"Innere Blutungen."
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Mein Magen zog sich zusammen, und ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Noch bevor irgendjemand weiter reagieren konnte, hatte Misora bereits gehandelt. Sie drehte sich halb zur Seite und schlug mit der Hand auf eines der Bedienelemente an der Wand. Ihre Bewegung war schnell, gezielt. Ein Notfallknopf. Ich wusste nicht, wofür er gedacht war, aber die glühenden Lettern verrieten es. Eigentlich, um umliegende Ärzte und Krankenhäuser über einen Betriebsunfall zu informieren. Ein leises akustisches Signal ertönte, während das System aktiviert wurde. Der Raum wirkte plötzlich enger. Schwerer. Ich sah wieder zu Vanu, die immer noch am Boden lag, ihr Körper angespannt, ihre Finger verkrampft in ihrer Kleidung. Mein Herz raste. Und zum ersten Mal seit langem hatte ich das Gefühl, die Kontrolle vollständig zu verlieren.

Tahl hatte die Situation schneller erfasst als ich. Ich sah es an seinem Gesicht – dieser nüchterne, analytische Blick, der jede Emotion ausblendete und nur noch Wahrscheinlichkeiten und Zeitfenster kalkulierte. Seine Augen huschten kurz zur Tür, dann zu Vanu am Boden, dann wieder zu Valentina.
"Ein Rettungshovercraft braucht zu lange."
Seine Stimme war ruhig, fast schon zu ruhig. Genau das machte es schlimmer. Die Worte hingen schwer im Raum, als würden sie das Unausweichliche aussprechen, das keiner von uns hören wollte. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, wie sich die Beklemmung in meiner Brust weiter verdichtete. Doch noch bevor sich diese lähmende Erkenntnis vollständig festsetzen konnte, bewegte sich Misora. Sie trat einen Schritt nach vorne, ihre Haltung angespannt, aber entschlossen. Ihre Augen blitzten kurz auf, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.
"Nein," sagte sie knapp. Ein einzelnes Wort, das die Stimmung im Raum sofort durchbrach. "Wir haben hier eine Rettungskapsel."
Ich sah sie an, brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie gesagt hatte.
"Die bringt sie mit Schallgeschwindigkeit ins nächste Krankenhaus."
Da war keine Unsicherheit in ihrer Stimme. Kein Zögern. Nur Gewissheit. Tahl reagierte sofort. Ohne ein weiteres Wort kniete er sich neben Vanu, griff nach der Trage, die in einem Erste-Hilfe-Spind an der Wand verwahrt war, und klappte sie mit geübten Handgriffen auseinander. Ich war schon bei ihm, noch bevor ich bewusst entschieden hatte, mich zu bewegen. Gemeinsam hoben wir Vanu vorsichtig an. Ihr Körper fühlte sich gleichzeitig leicht und unendlich zerbrechlich an. Sie keuchte leise, ihr Gesicht war blass, die Augen halb geschlossen, die Stirn von Schmerz gezeichnet. Ihre Finger krallten sich kurz in meine Kleidung, bevor sie wieder kraftlos nachgaben.
"Wir bringen dich da raus," murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Wir trugen sie nach draußen. Die kühle Morgenluft traf mich wie ein Schlag, doch ich nahm sie kaum wahr. Mein Fokus lag nur auf Vanu, auf ihrem Atem, auf jedem kleinen Zeichen, dass sie noch bei uns war. Vor uns begann sich der Boden zu bewegen. Mit einem tiefen, mechanischen Grollen schob sich eine Kapsel aus dem Sand nach oben. Metallplatten glitten auseinander, Staub rieselte von den Kanten, während sich das Gehäuse langsam freilegte. Sie sah… neu aus. Unwirklich neu, im Kontrast zu allem um sie herum. Glatte, helle Oberflächen, kaum Kratzer, kaum Abnutzung. Ich warf Misora einen kurzen Blick zu.
"Das war eines der ersten Dinge, die ich instand gesetzt habe," sagte sie, fast nebenbei, während sie bereits zur Kapsel ging und ein Bedienfeld aktivierte.
Valentina trat näher, ihr Blick glitt prüfend über die Struktur der Kapsel. Ihre Augen verengten sich leicht. "Das Ding ist über hundert Jahre alt."
Ihre Stimme klang kritisch, beinahe misstrauisch. Misora zuckte leicht mit den Schultern, ohne den Blick von der Konsole zu nehmen. Valentina schwieg einen Moment, dann nickte sie knapp. "…aber die RMX-Zero-Reihe gilt als unverwüstlich."
Das klang fast wie ein Eingeständnis. Wir hoben Vanu in die Kapsel. Jede Bewegung war vorsichtig, abgestimmt, als würden wir mit etwas arbeiten, das jederzeit zerbrechen konnte. Valentina überprüfte noch einmal die Anzeigen, legte Sensoren an, justierte Einstellungen. Ihre Hände arbeiteten schnell, präzise, ohne Zittern.
"Stabilisierung läuft," murmelte sie.
Ich blieb einen Moment stehen, meine Hand noch auf Vanus Arm. Ihre Haut war kühl. Zu kühl.
"Du schaffst das," sagte ich leise.
Dann zog ich die Hand zurück. Die Kapsel schloss sich. Ein leises Zischen, dann verriegelte sich die Oberfläche vollständig. Misora trat einen Schritt zurück.
"Zurücktreten."
Wir gehorchten instinktiv. Ein tiefes, vibrierendes Summen baute sich auf. Die Luft um uns herum begann zu flirren, feiner Sand wurde vom Boden aufgewirbelt und kreiste um die Kapsel. Dann – ein greller Lichtblitz. Und sie war weg. Ein gewaltiger Knall zerriss die Stille, als die Kapsel innerhalb von Sekunden die Schallmauer durchbrach. Der Druck traf mich wie eine unsichtbare Wand, ließ meine Ohren schmerzen, ließ den Boden unter meinen Füßen vibrieren. Um uns herum geriet alles in Bewegung. Schrottteile klirrten, Metallplatten vibrierten, einige der locker gestapelten Wrackteile kippten um und schlugen mit dumpfen Geräuschen auf den Boden. Der Sand wurde in Wellen aufgewirbelt und trieb über das Gelände. Ich stand einfach da und starrte in den Himmel, in die Richtung, in der die Kapsel verschwunden war. Sekunden. Mehr hatte es nicht gebraucht. Langsam ließ ich den Blick sinken. Mein Herz raste noch immer, mein Körper war angespannt, als hätte er vergessen, wie man sich entspannt. Dann wandte ich mich zu Misora.
"Warum…?" Meine Stimme war rau. "Warum war das das Erste, was du repariert hast?"
Misora sah mich an. Ihr Blick war ruhig, aber nicht kalt. Eher… ehrlich. Direkt. Sie hob leicht eine Schulter. "Zwei Gründe."
Sie machte eine kurze Pause, als würde sie mir die Zeit geben, die Antwort wirklich zu hören. "Erstens: Flucht." Ein kurzes, nüchternes Wort. "Damit ich hier wegkomme, wenn etwas schiefgeht."
Ich nickte langsam. Das ergab Sinn.
Dann neigte sie den Kopf leicht zur Seite und sah mich direkt an. "Und zweitens…" Ein schwaches, fast ironisches Lächeln zog über ihr Gesicht. "Glaubst du wirklich, dass auf einem Schrottplatz keine Unfälle passieren?"
Ich sagte nichts. Ich sah mich um. Die umgestürzten Metallteile, der aufgewirbelte Sand, die Narben eines Ortes, an dem alles irgendwann zerbrach. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie logisch ihre Entscheidung gewesen war.

Stunden später befand ich mich wieder in demselben Krankenhaus, in dem alles begonnen hatte. Die sterile Luft, das gleichmäßige Summen der Geräte, das gedämpfte Licht – alles kam mir vertraut vor, fast schon bedrückend vertraut. Nur lag diesmal nicht ich im Operationssaal. Diesmal war es Vanu, die im Untersuchungsraum behandelt wurde. Die terranischen Ärzte waren noch immer hier. Sie hatten ihre Ausrüstung nicht gepackt, hatten den Ort nicht verlassen. Stattdessen warteten sie. Geduldig. Still. Es wirkte fast so, als hätten sie gewusst, dass noch etwas kommen würde. Oder vielleicht war ihnen ihr Eid als Ärzte einfach wichtiger als jede politische Grenze, jede diplomatische Spannung. Ich stand zusammen mit Tahl und Misora im Flur. Die Zeit zog sich, jede Minute fühlte sich länger an als die vorherige. Ich starrte immer wieder auf die verschlossene Tür des Untersuchungsraums, als könnte ich durch bloße Willenskraft sehen, was dahinter geschah. Dann öffnete sie sich. Valentina trat heraus. Sie wirkte erschöpft. Mehr als das. Ihre Schultern hingen leicht nach vorne, ihre Bewegungen waren schwerfällig, und in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die tiefer ging als reine körperliche Erschöpfung. Kaum hatte sie mich gesehen, machte sie ein paar unsichere Schritte auf mich zu und lehnte sich gegen mich. Ich fing sie reflexartig auf, legte einen Arm um sie, spürte, wie ihr Körper leicht nachgab. Sie suchte Halt. Nicht als Ärztin, nicht als Analytikerin – sondern einfach als Mensch. Ich sah ihr ins Gesicht. Ihre Haut war blass, ihre Lippen leicht trocken, doch ihre Augen waren noch wach genug, um ihre Pflicht zu erfüllen.
"Wie geht es ihr?" fragte ich leise.
Valentina schloss kurz die Augen, als würde sie ihre Kräfte sammeln, dann begann sie zu sprechen. "Die geringere Gravitation auf Argon Prime spielt eine Rolle." Ihre Stimme war leise, aber klar, professionell, trotz der Erschöpfung. "Das argonische Becken ist weniger belastbar als das terranische." Sie atmete kurz durch, lehnte sich noch etwas mehr gegen mich. "Das Kind hat eine höhere Knochendichte… es ist schwerer als ein durchschnittliches argonisches Baby."
Ich spürte, wie sich meine Muskeln anspannten, während ich ihr zuhörte.
"Zusätzlich zieht der Fötus mehr Nährstoffe aus Vanus Körper, als es üblich wäre. Die Plazenta ist stark beansprucht." Ihre Worte kamen langsamer jetzt, mühsamer. "Und ihr Immunsystem…" Sie stockte kurz. "…reagiert auf deine genetischen Marker."
Ich erstarrte innerlich.
"Es interpretiert die Proteine… als fremdartig. Wie Viren. Oder Parasiten."
Ein kaltes Gefühl breitete sich in mir aus.
"Das hat eine starke Entzündungsreaktion ausgelöst. Die inneren Blutungen sind eine direkte Folge davon." Sie schwieg einen Moment, atmete schwer. "Und ihr Hormonhaushalt ist vollkommen asynchron."
Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen. Valentina hob leicht den Kopf, ihre Augen suchten meinen Blick.
"Ich habe ihre alten Akten überprüft."
Ich runzelte die Stirn leicht. "Warum?"
"Ich wollte verstehen, warum ihre erste Schwangerschaft gescheitert ist." Ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. "Ihr Ex-Mann war ein sogenannter High-Argon."
Der Begriff sagte mir nichts, deshalb ließ ich sie weitersprechen.
"Argonen mit stärkeren evolutionären Abweichungen. Haarfarbe, Augenfarbe… genetische Besonderheiten." Sie machte eine kleine, fast ironische Pause. "Ich gehöre auch dazu."
Ich sah sie an, doch sie wich meinem Blick nicht aus. Langsam führte ich sie einen Gang entlang in einen Ruheraum. Jeder Schritt wirkte schwer für sie. Ich öffnete die Tür, brachte sie zu einem Bett und ließ sie sich vorsichtig hinlegen. Kaum hatte sie den Kopf auf das Kissen gelegt, griff sie nach meinem Arm. Ihre Finger waren schwach, aber der Griff war fest genug, um mich aufzuhalten.
"Ich muss dir noch etwas sagen."
Ich setzte mich neben sie, beugte mich leicht vor.
"Was?"
Sie sah mich an, ihre Augen halb geschlossen, die Müdigkeit gewann langsam die Oberhand. "Bei mir…" Sie schluckte leicht. "Die Komplikationen wären wahrscheinlich noch größer."
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
"Du bist genetisch weiter von den High-Argons entfernt… als vom Durchschnitt." Ihre Stimme wurde immer leiser. "Eine natürliche Empfängnis…" Sie atmete flach. "…ist höchst unwahrscheinlich."
Ich hielt den Atem an. Ein kurzer Moment der Stille.
Dann, fast schon im Wegdämmern, flüsterte sie: "Ich würde es trotzdem gern versuchen."
Ihre Finger lösten sich langsam von meinem Arm. Ihr Blick verlor den Fokus, ihre Atmung wurde ruhiger, gleichmäßiger. Sie war eingeschlafen. Ich blieb sitzen. Meine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten, während ich auf sie hinabsah. Auf ihr Gesicht, das jetzt friedlich wirkte, fast verletzlich. Dann drehte ich den Kopf. Der Flur. Der Untersuchungsraum. Vanu. Ich sah zurück zu Valentina. Zwei Leben. Zwei Frauen. Zwei Realitäten, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen, ohne dass jemand daran zerbrach. Ich senkte den Blick. Und wusste, dass ich ihr das nicht antun konnte.

Ich musste irgendwann eingenickt sein, ohne es wirklich zu merken. Der Moment zwischen Wachsein und Schlaf war einfach verschwommen, ausgelöscht von Erschöpfung, Sorgen und der ständigen Anspannung, die sich wie ein Gewicht auf meinen Körper gelegt hatte.
Eine Hand legte sich vorsichtig auf meine Schulter. "Grau-san…?"
Die Stimme war leise, beinahe flüsternd, als hätte der Arzt Angst, die Stille zu zerbrechen. Ich blinzelte, meine Sicht war zunächst unscharf, mein Kopf schwer. Langsam kehrte das Bewusstsein zurück, begleitet von einem dumpfen Ziehen in meinem Nacken und Rücken. Ich richtete mich auf und verzog unwillkürlich das Gesicht. Mein Rücken protestierte sofort gegen die Bewegung. Der Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, war alles andere als dafür gemacht, darin zu schlafen. Ich streckte mich vorsichtig, spürte, wie die Muskeln sich widerspenstig dehnten und ein dumpfer Schmerz durch meinen Oberkörper zog. Mein Blick wanderte durch den Raum. Valentina lag noch immer im Bett, ruhig, erschöpft, ihr Atem gleichmäßig. Misora und Tahl hatten sich ebenfalls auf freie Betten gelegt. Beide schliefen. Selbst Tahl wirkte entspannt, was selten genug vorkam. Für einen Moment blieb ich einfach stehen und betrachtete sie alle. Dieser kurze Augenblick der Ruhe wirkte fast unwirklich. Dann nickte ich dem Arzt zu und stand auf. Ich folgte ihm zur Tür, öffnete sie vorsichtig und zog sie ebenso behutsam wieder hinter mir zu. Das leise Klicken des Schlosses klang in der Stille des Flurs lauter, als es eigentlich war. Die Ärzte führten mich ein Stück den Gang entlang, bis wir einen kleinen Besprechungsraum erreichten. Sobald ich eintrat, fiel mein Blick auf die schwebenden Hologramme. Bilder von Vanu. Und ihrem ungeborenen Kind. Die Projektionen waren detailliert, fast schon erschreckend präzise. Anatomische Darstellungen, Messwerte, Simulationen. Alles schwebte in der Luft, leicht pulsierend, als würde es atmen. Ich trat näher, ohne es bewusst zu entscheiden. Die Ärzte – argonische und terranische – standen um die Projektionen herum. Ihre Gesichter waren ernst, angespannt. Einige blickten auf die Daten, andere auf mich. Niemand sagte etwas. Niemand schien zu wissen, wo er anfangen sollte.
Also tat ich es. "Werden beide sterben?"
Die Worte kamen direkt, ohne Umweg, ohne Vorbereitung. Für einen kurzen Moment zuckten einige der Ärzte sichtbar zusammen. Es war, als hätte ich etwas ausgesprochen, das sie vermeiden wollten. Dann setzte ihre Professionalität ein.
"Vielleicht."
Ein einzelnes Wort. Und doch fiel mir augenblicklich ein Asteroid auf die Schultern, sprichwörtlich. Ich spürte es körperlich, wie sich etwas in meiner Brust verkrampfte, wie ich zum ersten Mal seit Stunden wieder etwas schwerer atmen musste.
"Die Schwangerschaft stellt eine erhebliche Herausforderung dar," fuhr einer der Ärzte fort. Seine Stimme war ruhig, sachlich, aber nicht kalt. "Über die gesamte Dauer wird eine hormonelle Behandlung notwendig sein, um zu verhindern, dass der Körper der Mutter den Fötus abstößt."
Ein anderer Arzt übernahm. "Warum das bislang nicht geschehen ist, grenzt bereits an ein medizinisches Wunder." Ich starrte weiter auf die Hologramme. "Zusätzlich besteht ein erhöhtes Risiko für genetische Inkompatibilitäten," sagte eine Ärztin. "Das Kind könnte mit körperlichen oder neurologischen Defiziten zur Welt kommen. Die genetischen Anforderungen beider Elternteile widersprechen sich in mehreren Bereichen."
Ich schluckte. Die Worte prallten nicht einfach an mir ab. Sie blieben hängen. Jede einzelne. Dann wechselten die Ärzte das Thema. "Es gibt mehrere mögliche Verläufe," sagte einer von ihnen. Ich sah ihn an. "Wenn keine Behandlung erfolgt…" Er machte eine kurze Pause. "…werden sowohl Mutter als auch Fötus sterben."
Meine Hände spannten sich unwillkürlich an.
"Bei einer Standardbehandlung…" Ein anderer Arzt setzte fort. "…ist es wahrscheinlich, dass entweder die Mutter oder der Fötus nicht überlebt."
Stille.
"Es gibt eine dritte Option," sagte schließlich der leitende Arzt. Ich hob den Blick. "Beide könnten gerettet werden."
Ich wartete nicht. "Das machen wir."
Die Entscheidung kam sofort. Ohne Zögern. Ohne Zweifel. Doch die Ärzte reagierten nicht so, wie ich erwartet hatte.
"Sie müssen die Konsequenzen verstehen."
Ich runzelte die Stirn. Der Arzt trat einen Schritt näher. "Der Fötus müsste der Mutter entnommen werden."
Die Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte.
"Er würde außerhalb des Körpers, in einem künstlichen System, weiterentwickelt werden. Ektogenese." Ich sagte nichts. "Zusätzlich wären genetische Analysen notwendig."
Ein anderer Arzt ergänzte ruhig: "Fehlentwicklungen könnten mittels CRISPR-Technologie korrigiert werden."
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
"Selbst im besten Fall," fuhr der erste Arzt fort, "wird das Kind ein biologischer Außenseiter sein."
Das Wort blieb hängen. Außenseiter.
"Es steht daher auch im Raum…" Eine kurze Pause. "…die Schwangerschaft abzubrechen."
Ich hob den Kopf ruckartig.
"Vanu hat sich dagegen ausgesprochen," fügte er sofort hinzu.
"Wir gehen von einer psychologischen Ausnahmesituation aus."
Ein weiterer Arzt trat vor.
"Deshalb benötigen wir Ihre Entscheidung. Unter eidesstattlicher Erklärung."
Ich spürte, wie alles zu viel wurde. Wieder. Ohne ein Wort zu sagen, drehte ich mich um, ging zum Fenster und öffnete es. Kühle Nachtluft strömte herein. Ich atmete tief ein. Einmal. Zweimal. Dann sah ich hinaus. Der Himmel war klar. Unzählige Sterne funkelten über mir, ruhig, gleichgültig, unendlich weit entfernt. Hinter mir begannen die Ärzte leise miteinander zu sprechen. Gedämpfte Stimmen, fachliche Begriffe, Zahlen. Ich verstand nichts davon. Oder vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen. Meine Gedanken rasten. Alles zog an mir. Jede Entscheidung hatte Gewicht. Jede Konsequenz war endgültig. Ich schloss kurz die Augen. Dann öffnete ich sie wieder. Ich brauchte mehr Informationen.
"Wo würde sie hin gebracht werden?"
Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte. Die Antwort kam… ausführlicher, als ich erwartet hatte.
"Nach Aldrin." Ich drehte leicht den Kopf. "Im Solara-System." Der Arzt trat neben mich, sein Blick ebenfalls nach draußen gerichtet. "Die dortige Bevölkerung hat mehrere habitable Planeten besiedelt." Er machte eine kleine Pause. "Sie hatten früh mit vergleichbaren biologischen Problemen zu kämpfen."
Ein anderer Arzt übernahm. "Ihr medizinisches Wissen im Bereich menschlicher Hybride übersteigt das der Terraner und Argonen deutlich."
Ich nickte langsam. Das klang nach einer Chance.
"Das Problem ist die Zeit," sagte der erste Arzt. Ich sah ihn an. "Die Reise würde etwa zwei Wochen dauern." Mir wurde kalt. "So lange wird sie nicht durchhalten." Stille. "Daher schlagen wir eine alternative Route vor." Ich wartete. "Terra." Das Wort traf mich unerwartet. "Wir bringen sie zur Erde. Währenddessen reist ein spezialisiertes Team aus Aldrin ebenfalls dorthin."
Ich sagte nichts mehr. Ich nickte nur. Langsam. Und klammerte mich an diesen einen Gedanken. Terra. Die Erde. Ich würde sie sehen. Früher, als ich je gedacht hätte.
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Uwe Poppel
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Ich habe mich auch schon mal gefragt, ob Tori die Absicht hat, sich auf der (2997) Erde/Terra umzusehen... :?
Nun, und Aldrin ist doch eine ehemalige terranische Kolonie, da wird es in deinem Roman ja sicher auch noch einige Überraschungen geben.

Ob X4 auch Aldrin wiederentdecken wird (DLC)... :roll:

Mein Fazit zu deinem Roman bisher: Viel interessante Wendungen, tiefgreifende Einblicke in die Gesellschaft/Kultur der Argonen, auch bei den Boronen, bei den Teladi könnten etwas mehr Einblicke in deren Gesellschaft/Kultur sein, kommt vielleicht noch? :roll: (Im englischen Forum regten sich gerade kürzlich wieder einige auf, dass Teladis halb nackt rumlaufen. :D )
Na gut auch die Split und Paraniden sind ja auch noch da... :wink:

Ich bleib jedenfalls weiter dran! :thumb_up:
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
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Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
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Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Uwe Poppel wrote: Sat, 28. Mar 26, 00:14 (Im englischen Forum regten sich gerade kürzlich wieder einige auf, dass Teladis halb nackt rumlaufen. :D )
Sehr wahrscheinlich spielt der kulturelle Hintergrund eine große Rolle. In englischsprachigen Foren – besonders US-amerikanischen – herrscht oft eine deutlich konservativere Haltung gegenüber Nacktheit in Spielen oder Medien, selbst wenn sie fiktiv ist. Der Unterschied liegt mehr an unterschiedlichen kulturellen Wahrnehmungen von Körpern und Nacktheit. Für die Teladi, die in der X-Reihe ohnehin eine "extraterrestrische Ästhetik" haben, wirkt das in Deutschland weniger problematisch, während englischsprachige Spieler sofort einen moralischen oder jugendschutzrelevanten Filter anwenden.

Ich persönlich werte das immer als kulturell Rückständig. Wobei es eine subjektive wertende Formulierung ist. Man könnte es aber auch konservativ oder restriktiv nennen.

Egosoft sollte sich nicht von erzkonservativen, restriktiven Ansichten leiten lassen, sondern sowohl Autoren, Fan-Fiction-Schreibern als auch Mitarbeitern mehr kreativen Freiraum und gestalterische Freiheit zugestehen.
Uwe Poppel wrote: Sat, 28. Mar 26, 00:14 bei den Teladi könnten etwas mehr Einblicke in deren Gesellschaft/Kultur sein, kommt vielleicht noch? :roll:
Na gut auch die Split und Paraniden sind ja auch noch da... :wink:
Bei den Teladi hast du recht, da kommt noch mehr Einblick in ihre Gesellschaft und Kultur. Ich plane das schrittweise, damit es organisch in die Story eingebaut wird. Split und Paraniden werden ebenfalls noch intensiver behandelt, es bleibt also einiges an Entwicklung offen.

Tori wird sich definitiv noch auf der Erde/Terra umsehen – das werden interessante Kapitel, besonders mit den Entwicklungen bis und nach 2997. Aldrin spielt in zukünftigen Kapiteln auch eine wichtige Rolle, es wird einige Überraschungen geben, gerade was alte Kolonien und ihre Geschichte angeht (Spoiler: damit meine ich nicht nur Aldrin).
Uwe Poppel wrote: Sat, 28. Mar 26, 00:14 Ich bleib jedenfalls weiter dran! :thumb_up:
Das freut mich. :)
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