Kapitel 66 - Plage
Als wir das Büro verließen, herrschte bereits Ausnahmezustand auf Altrix Nova. Das rote Alarmlicht pulsierte in gleichmäßigen Abständen über Decken und Wände und tauchte die normalerweise hellen, freundlichen Korridore der Station in ein bedrückendes, blutrotes Halbdunkel. Der metallische Boden vibrierte leicht unter den hastigen Schritten unzähliger Menschen. Überall rannten Sicherheitskräfte, medizinisches Personal und Techniker aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig zu behindern. Jeder schien genau zu wissen, wohin er musste. Die automatische Stationsstimme wiederholte in regelmäßigen Abständen den Sicherheitsalarm, während gleichzeitig verschlüsselte Einsatzmeldungen über die internen Kommunikationskanäle liefen.
Ich ging an der Spitze unserer Gruppe. Fast schon automatisch hatte ich das Tempo erhöht. Hinter mir hörte ich die schnellen Schritte von Valentina und Vanu. Misora war ebenfalls dicht hinter mir, während Tahl Brenna und Gal Connar längst ihre eigenen Kommunikationskanäle geöffnet hatten und ununterbrochen Befehle an ihre Einsatzkräfte gaben.
"Alle Schleusen verriegeln."
"Hangar drei vollständig absichern."
"Überlebende priorisieren."
"Spurensicherung beginnt sofort."
"Jeder Datenknoten der Korvette wird rekonstruiert."
Ihre Stimmen überschnitten sich kaum. Beide arbeiteten seit Jahrzehnten zusammen. Halbgeschwister oder nicht, sie ergänzten sich beinahe perfekt. Je näher wir der Andocksektion kamen, desto mehr Sicherheitskräfte begegneten uns. Überall waren Angehörige der Sustenance Security Agency unterwegs. Der SSA. Der Sicherheitsabteilung der Universal Nourishment Organization. Als ich die UNO gegründet hatte, hatte ich niemals geplant, eines Tages eine eigene Sicherheitsorganisation mit Kampfschiffen zu besitzen. Ursprünglich war lediglich ein kleiner Werkschutz vorgesehen gewesen. Menschen, die Lagerhäuser bewachten. Transporte begleiteten. Vielleicht einmal Piraten abschreckten. Doch mit jedem neuen Sonnensystem, das wir erschlossen hatten, war auch die Verantwortung gewachsen. Unsere Frachter transportierten inzwischen Nahrung, Saatgut und zahllose andere lebenswichtige Güter quer durch den bekannten Raum. Und wo wertvolle Fracht unterwegs war ... waren Piraten nie weit. Die SSA war deshalb längst weit mehr als bloßes Sicherheitspersonal auf Altrix Nova. Sie schützte sämtliche Handelsrouten der UNO. Begleitete unsere Konvois. Unterhielt eigene Kampfschiffe. Übernahm Evakuierungen. Bekämpfte Piraten. Und stellte inzwischen eine kleine, aber äußerst professionelle Raumstreitkraft dar. Auch dabei hatte Misora ihre Finger im Spiel gehabt. Unsere Eskorten bestanden bislang überwiegend aus gebrauchten oder ausgemusterten Schiffen verschiedenster Hersteller. Argonische Korvetten. Alte Patrouillenschiffe. Modernisierte Militärüberschüsse. Eine Übergangslösung. Denn Misora arbeitete bereits seit Monaten an einem vollständig eigenen Entwurf. Ein Kampfschiff ausschließlich für die SSA. Genau wie sie zuvor den Startruck entwickelt hatte. Den Frachter, der inzwischen zum Rückgrat unserer Bio Logistics Division geworden war. Der BLD.
Mein Blick fiel auf mehrere Einsatzkräfte. Selbst inmitten dieses Chaos wirkte ihre Kleidung ordentlich. Die Grundfarben bestanden aus Weiß und Schwarz. Nicht strahlend. Nicht auffällig. Eher matt. Pragmatisch. Je nach Einsatzgebiet unterschied sich der Schnitt erheblich. Einige trugen schwere Verbundpanzerungen mit integrierten Energieabsorbern und magnetischen Waffenhalterungen. Vollständig ausgerüstete Einsatzkräfte, deren Helme unter dem Arm hingen, während ihre Sturmgewehre bereits auf maximale Bereitschaft geschaltet waren. Andere waren lediglich leicht bewaffnet. Schlichte Uniformen. Seitlich befestigte Impulswaffen. Datenpads. Kommunikationsmodule. Sie waren Ermittler. Analysten. Koordinatoren. Wieder andere trugen lange Roben. Unauffällige Stoffe mit integrierten Sensorfeldern. Forensiker. Spurenanalysten. Psychologische Ermittler. Auch sie gehörten zur SSA. Auf der linken Brust erkannte ich bei jedem Einzelnen ein goldenes Emblem. Daran ließ sich sofort der Rang ablesen. Unauffällig. Elegant. Funktional. Der Kragen sowie die senkrecht nach unten verlaufende Stoffleiste unterschieden zusätzlich das Geschlecht. Bei Männern war dieser Bereich in einem dunklen Petrol gehalten. Ein ruhiger Farbton. Fast schwarz. Bei Frauen hingegen schimmerte derselbe Bereich in einem ebenso dunklen Purpur. Beides Farben, die weder protzig wirkten noch Aufmerksamkeit auf sich zogen. Genau so hatte ich es damals gewollt. Autorität ohne Prahlerei. Professionalität statt Einschüchterung. Wir erreichten schließlich die Andocksektion.
Schon bevor ich den eigentlichen Schleusenbereich sehen konnte ... roch ich es. Blut. Frisches Blut. Dazwischen lag der beißende Geruch verschmorter Energiezellen. Geschmolzenes Metall. Ozon. Verbrannte Kunststoffe. Als ich schließlich um die letzte Ecke trat ... blieb ich unwillkürlich stehen. Vor uns bot sich ein Bild, das ich selbst nach allem, was ich inzwischen erlebt hatte, nur schwer ertragen konnte. Der gesamte Korridor war übersät mit Trümmern. Zerstörte Waffen. Verbogene Geländer. Eingeschlagene Wandverkleidungen. Funken sprühten aus offenen Leitungen. Mehrere Deckenpaneele hingen lose herab. Doch all das nahm ich kaum wahr. Mein Blick blieb an den Toten hängen. Überall lagen Körper. Argonen. Aldrianer. Manche reglos auf dem Rücken. Andere zusammengesackt gegen die Wände. Einige lagen noch dort, wo sie offenbar versucht hatten, Deckung zu finden. Andere waren während ihres letzten Schrittes gefallen. Der Boden war von dunkelrotem Blut überzogen. Es sammelte sich in flachen Vertiefungen des Metallbodens. Zwischen den Profilrillen. Unter den Leichen. An mehreren Stellen verliefen breite Schleifspuren. Sanitäter hatten offenbar bereits Verwundete weggezogen. Nicht jeder war vollständig. Einige Körper waren verstümmelt. Abgetrennte Arme. Ein zerstörter Unterarm. Ein Stiefel, in dem noch ein Fuß steckte. Ein abgerissener Handschuh. Zerbrochene Helme. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Niemand sprach. Selbst Tahl verstummte für einen Moment. Nur die leisen Stimmen der Ermittler. Das Summen medizinischer Scanner. Das Piepen tragbarer Diagnosegeräte. Und das entfernte Heulen des Alarms erfüllten den Korridor. Ich musste gar nicht fragen, was hier passiert war. Der Tatort erzählte seine Geschichte selbst. Die eigentliche Frage, die sich mit brutaler Gewalt in meinem Kopf festsetzte, war eine völlig andere.
Warum? Warum hatte Hatileos plötzlich angegriffen? Warum gerade jetzt? Warum die Korvette? Warum dieses Blutbad? Und ... wohin war sie unterwegs?
Ich zwang mich weiterzugehen. Mehrere Ermittler machten Platz. Gal war bereits mitten in ihrer Arbeit. Vor ihr schwebten zahlreiche Hologramme. Kamerabilder. Zeitstempel. Wärmesignaturen. Ballistische Rekonstruktionen. Daneben koordinierte Tahl die Sicherung des Tatortes.
"Niemand betritt die Schleuse."
"Alle Spuren bleiben unangetastet."
"Jeder Einschlag wird dokumentiert."
Ich trat zu ihnen. "Überlebende?" fragte ich ruhig.
Gal nickte. "Ja." Sie vergrößerte mehrere Hologramme. "Nicht viele."
Neben ihr erschienen gleichzeitig Videoaufzeichnungen verschiedener Überwachungskameras. Ich sah Hatileos. Die Teladi. Ihre graugrünen, leicht agavefarbenen Schuppen wirkten im kalten Licht der Kameras beinahe metallisch. Sie bewegte sich unglaublich ruhig. Fast lautlos. Kein Zögern. Keine Hektik. Sie tauchte einfach plötzlich auf. Die ersten beiden SSA-Wachen reagierten sofort. Doch anstatt tödliche Gewalt anzuwenden ... setzte Hatileos zunächst Betäubungswaffen ein. Mehrere Sicherheitskräfte sackten regungslos zusammen. Ich runzelte die Stirn. Sie hatte offenbar ursprünglich gar nicht töten wollen.
Gal bestätigte meinen Gedanken. "Ihre ersten Schüsse waren ausschließlich auf Betäubung eingestellt."
Ich sah weiter zu. Dann änderte sich alles. Innerhalb weniger Sekunden. Weitere Sicherheitskräfte trafen ein. Mehr Widerstand. Mehr Gegenwehr. Die ersten Warnschüsse. Hatileos wich zurück. Dann ... wechselte sie ihre Waffen. Das nächste Bild zeigte reine Gewalt. Energiesalven. Splitter. Nahkampf. Präzise Bewegungen. Jeder Schuss saß. Jeder Schlag hatte ein Ziel. Der gesamte Kampf dauerte erschreckend kurz. Keine fünf Minuten. Wahrscheinlich sogar deutlich weniger. Mehrere SSA-Angehörige versuchten noch, die Schleuse zu verriegeln. Andere wollten offenbar die Korvette sichern. Doch Hatileos erreichte zuerst das Schiff. Die Aufzeichnungen endeten an der Außenschleuse.
Gal wechselte zur nächsten Datei. "Einige Besatzungsmitglieder konnten noch fliehen."
Auf mehreren Bildern sah ich Aldrianer, die panisch über den Verbindungstunnel zurückrannten. Einige verletzt. Andere halfen Verwundeten.
"Der Großteil blieb jedoch an Bord."
Ich nickte langsam. Das entsprach der Einsatzdoktrin der Aldrianer. Ihre Schiffe waren hochgradig automatisiert. Mit minimaler Besatzung. Wenn die Brücke übernommen wurde ... brauchte man kaum weiteres Personal.
Gal zoomte auf eine schematische Darstellung der Korvette. "Hatileos verbarrikadierte sich unmittelbar nach Betreten der Brücke." Mehrere Bereiche färbten sich rot. "Danach übernahm sie sämtliche Primärsysteme."
Ich sah auf das Hologramm. Die Daten sprachen für sich. Navigation. Antrieb. Kommunikation. Lebenserhaltung. Alles unter ihrer Kontrolle.
"Wenige Minuten später..." Gal wechselte erneut das Bild. "...dockte die Korvette eigenständig ab."
Das letzte Kamerabild zeigte den schlanken, aerodynamischen Rumpf des aldrianischen Schiffes. Langsam löste er sich von Altrix Nova. Dann beschleunigte er. Und verschwand. Ich starrte schweigend auf das eingefrorene Bild.
Hatileos...
Was hast du vor?
Ich betrachtete noch immer die verwüstete Schleuse, während forensische Teams jede Blutspur dokumentierten und Sanitäter Verletzte in schwebenden Tragen abtransportierten. Der metallische Geruch von Blut hing trotz der leistungsfähigen Luftfilter hartnäckig in der Luft. Rot blinkende Warnleuchten tauchten den gesamten Korridor in ein unruhiges Licht, das sich auf den silbergrauen Wandverkleidungen spiegelte. Immer wieder liefen SSA-Angehörige an mir vorbei. Manche trugen schwere schwarze Kampfpanzerungen mit weißen Schultersegmenten, Helmen und Impulsgewehren, andere lediglich ihre schlichten Einsatzuniformen mit den dezenten petrol- oder purpurfarbenen Kragenleisten. Auf ihren linken Brustseiten glänzten die goldenen Rangembleme, während sie Befehle austauschten, Verletzte absicherten oder Datenpads studierten. Ich versuchte noch immer zu begreifen, weshalb Hatileos diesen Wahnsinn ausgelöst hatte, als sich plötzlich das Kommunikationsgerät eines Offiziers mit einem schrillen Signalton meldete. Der Mann hörte nur wenige Sekunden zu, bevor seine Gesichtsfarbe sichtbar aus dem Gesicht wich. Er sah zu Gal hinüber, die gerade mit mehreren Ermittlern sprach, und eilte mit schnellen Schritten auf sie zu. Schon an seiner Körperhaltung erkannte ich, dass die nächste Hiobsbotschaft bevorstand.
"Direktorin Connar... wir haben weitere Sicherheitsverletzungen."
Gal drehte sich sofort um. "Bericht."
"In mehreren Versorgungslagern wurden Nitsus gesichtet."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Dann sah ich zu Tahl. Er sah zu mir. Im selben Moment wussten wir beide, dass das kein Zufall war.
"Wo?" fragte ich ruhig.
"Verteilt über mehrere Lagersektionen. Hauptsächlich in den Vorratsbereichen der Bio Logistics Division."
Mein Magen zog sich zusammen. "Wie viele?"
"Unbekannt. Die ersten Meldungen sprechen von einzelnen Tieren, aber weitere Sichtungen kommen im Minutentakt herein."
Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich. Natürlich musste genau das jetzt passieren. Ich erinnerte mich an zahllose Gespräche auf Zura. Kaum ein Teladi kam ohne eine Beschwerde über Nitsus aus. Die kleinen rattenähnlichen Säugetiere galten als eine der hartnäckigsten Plagen des bekannten Raums. Sie krochen durch Kabelschächte, Versorgungstunnel, Wartungsrohre und Lüftungssysteme, fraßen Lebensmittel, zerstörten Verpackungen und verunreinigten komplette Lagerbestände. Planetare Lagerhäuser litten genauso unter ihnen wie Frachter oder Raumstationen. Wo ein einziges Nitsu auftauchte, bestand immer die Gefahr, dass längst Dutzende weitere irgendwo im Verborgenen lebten. Ich spürte, wie sich in meinem Kopf die Ereignisse ineinander schoben. Hatileos. Die Korvette. Und jetzt plötzlich Nitsus.
"Das hängt zusammen", sagte ich leise.
Valentina nickte sofort. "Zeitlich viel zu exakt."
Vanu verschränkte die Arme. "Wenn Hatileos die Aufmerksamkeit binden wollte..."
"...dann greift sie genau dort an, wo sie den größten wirtschaftlichen Schaden verursachen kann", beendete ich ihren Satz.
Ich drehte mich zu Gal. "Wie weit sind die Tiere vorgedrungen?"
"Wir wissen es noch nicht. Die ersten Lager wurden bereits abgesperrt."
"Nicht genug." Gal runzelte die Stirn. Ich sah sie ernst an. "Unsere Nahrung."
Sie verstand augenblicklich. Altrix Nova war keine gewöhnliche Raumstation. Sie war das Herz der Universal Nourishment Organization. Millionen Tonnen Lebensmittel wurden hier gelagert, verarbeitet, kontrolliert und anschließend in sämtliche erreichbaren Systeme verschifft. Jeder beschädigte Lagerraum bedeutete nicht nur wirtschaftlichen Verlust. Verdorbene Vorräte konnten ganze Lieferketten unterbrechen. Kolonien, Außenposten und Stationen verließen sich inzwischen auf unsere Versorgung.
Ich traf meine Entscheidung ohne weiteres Nachdenken. "Priorität Eins." Alle schauten mich an. "Die komplette Nahrungsproduktion und sämtliche Lagerbereiche werden sofort gesichert." Ich wandte mich an Gal. "Mobilisiere alle verfügbaren SSA-Einsatzkräfte."
Sie nickte. "Zusätzlich?"
"Nicht zusätzlich." Ich schüttelte den Kopf. "Alle."
Für einen Moment herrschte Stille. Selbst Gal wirkte überrascht. "Die komplette Besatzung?"
"Ja."
Valentina hob leicht die Augenbrauen. "Auch Zivilpersonal?"
"Jeder, der laufen kann."
Ich zeigte auf einen der Offiziere. "Organisiert Jagdgruppen. Techniker, Logistiker, Piloten, Verwaltung, Wartung. Jeder bekommt Scanner, Betäubungsstöcke oder geeignete Werkzeuge. Niemand arbeitet heute regulär weiter."
"Verstanden."
"Alle Lager werden abschnittsweise durchsucht." Ich deutete auf mehrere Hologramme. "Belüftungssysteme. Wartungsschächte. Rohrleitungen. Kabelkanäle. Container. Jeder Winkel."
Mehrere Offiziere begannen sofort, ihre Datenpads zu bedienen. Der Funkverkehr nahm explosionsartig zu. Überall auf den Projektionen erschienen neue Einsatzmarkierungen. SSA-Teams verteilten sich bereits über die Station. Ich hörte Befehle.
"Lagerblock D absichern."
"Scannerteam zu Sektion B."
"Verschlüsse verriegeln."
"Alle Lebensmittelcontainer kontrollieren."
Immer mehr Besatzungsmitglieder erhielten neue Anweisungen. Mechaniker legten ihre Werkzeuge beiseite. Laborpersonal verließ seine Arbeitsplätze. Piloten kamen aus den Hangars. Köche aus den Großküchen. Selbst Verwaltungsangestellte mussten mithelfen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich Altrix Nova in einen einzigen gigantischen Suchtrupp.
Ich beobachtete das Geschehen schweigend. In meinem Kopf gab es keine Zweifel. Ein lebendes Nitsu fraß. Zwei Nitsus vermehrten sich. Eine Population vernichtete Vorräte. Unsere gesamte Organisation existierte nur, weil wir Nahrung produzierten und verteilten. Wenn dieser Bereich fiel, spielte alles andere keine Rolle mehr. Weder Politik. Noch Hatileos. Noch Terraformer. Noch Präsidenten.
Ich sah Gal fest an. "Es gibt heute keine halben Maßnahmen."
Sie nickte langsam. "Verstanden."
Ich antwortete mit kalter Entschlossenheit. "Nur ein totes Nitsu ist ein gutes Nitsu."
Die Stunden vergingen quälend langsam. Mit jeder neuen Statusmeldung, die auf meinem Holodisplay erschien, wuchs der Haufen bestätigter Nitsu-Funde. Immer mehr kleine Markierungen verteilten sich über die dreidimensionale Darstellung von Altrix Nova. Frachträume. Versorgungsschächte. Wartungstunnel. Hydroponiklager. Kühlkammern. Jeder einzelne Fundort wurde unmittelbar nach der Säuberung grün markiert, doch das änderte nichts an dem unguten Gefühl in meiner Magengegend. Es passte einfach nicht zusammen. Dutzende Nitsus tauchten nicht einfach gleichzeitig auf einer Raumstation dieser Größe auf. Nicht zufällig. Nicht ohne Hilfe. Im Besprechungsraum herrschte eine angespannte Stille. Niemand sprach lauter als nötig. Die Luft roch nach heißer Elektronik, Keffa und dem metallischen Geruch getrockneten Blutes, den einige der SSA-Angehörigen trotz frischer Uniformen noch immer mit sich trugen. Die Ereignisse an der Schleuse lagen erst wenige Stunden zurück.
Gal verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete schweigend die eingeblendeten Einsatzprotokolle. Schließlich hob sie den Blick. "Ich glaube nicht an Zufälle."
Ich nickte nur.
Sie vergrößerte mehrere Zeitachsen nebeneinander. "Wenn Hatileos tatsächlich seit Wochen auf Altrix Nova gearbeitet hat, dann musste sie die Nitsus nicht alle auf einmal eingeschleust haben." Ihre Finger glitten über die Projektion. "Immer kleine Mengen. Vielleicht sogar Embryonen oder befruchtete Eizellen. Nitsus entwickeln sich schnell. Sie hätte sie bis zu einem bestimmten Stadium aufziehen und anschließend in Stase lagern können. Kurz bevor sie ihren eigentlichen Plan ausführte, musste sie sie lediglich freisetzen."
Niemand widersprach. Tahl strich sich langsam über sein Kinn. "Oder sie musste gar nichts züchten." Alle sahen ihn an. "Es gibt genügend Berichte darüber, dass Nitsus sich auf Frachtern verstecken. Besonders auf teladianischen Schiffen. Aber auch argonische Transporte bleiben davon nicht verschont." Er wechselte die Anzeige. "In den letzten Wochen ist Hatileos auffällig oft an Bord neu eingetroffener Schiffe gewesen."
Ich runzelte die Stirn. "Ich dachte, sie wollte einfach das nachholen, was ihr auf Nif'Nakh jahrzehntelang gefehlt hatte."
Tahl schüttelte langsam den Kopf. "Das dachte ich anfangs ebenfalls." Er öffnete mehrere Logbucheinträge. "Die Schiffsmeister haben übereinstimmend ausgesagt, dass sie sich in mehreren Fällen als Mitarbeiterin von Altrix Nova ausgegeben hat."
Gal ergänzte ruhig: "Offizielle Schädlingskontrollen."
Ich spürte, wie sich mein Kiefer verspannte. Auf den Hologrammen erschienen die entsprechenden Genehmigungen. Sie wirkten auf den ersten Blick vollkommen echt. Zugangscodes. Digitale Unterschriften. Zeitstempel. Gefälscht. Sauber gefälscht.
"Sie hat jedes Schiff nach Nitsus durchsucht."
"Nicht durchsucht", korrigierte Tahl. "Liquidiert."
Für einen Moment verstand ich nicht. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte die Tiere nicht beseitigt. Sie hatte sie eingesammelt.
"Verdammt..."
Gal nickte. "Sie musste über Wochen hinweg immer wieder einzelne Tiere entnommen haben. Wenige hier. Zwei dort. Vielleicht ein trächtiges Weibchen. Vielleicht ein Jungtier. Nie so viele, dass es irgendjemanden aufgefallen wäre."
Ich starrte schweigend auf die Einsatzkarte. Jeder einzelne Punkt erzählte dieselbe Geschichte. Geduld. Planung. Vorbereitung. Nichts davon war spontan gewesen. Hatileos hatte ihre Flucht lange vorbereitet. Die Nitsus waren lediglich das Ablenkungsmanöver gewesen. Während sich hunderte Besatzungsmitglieder auf die Schädlingsbekämpfung konzentrierten, hatte sie die Korvette übernommen. Ich schloss kurz die Augen. Wie hatte ich das übersehen können? Ich hatte ihr vertraut. Vielleicht nicht blind. Aber genug. Ein weiterer Bericht erschien.
"Drei weitere Kadaver."
"Drei bestätigte Eliminierungen."
"Wartungssektor Delta abgeschlossen."
Die Zahlen stiegen weiter. Vierundzwanzig. Einunddreißig. Vierzig. Fünfundfünfzig. Schließlich blieb die Anzeige bei mehreren Dutzend bestätigten Funden stehen. Auf einer Station mit mehreren hundert Kilometern Ausdehnung war diese Zahl verschwindend gering. Und genau deshalb war sie so gefährlich. Ich kannte die Berichte der Teladi. Ein einziges übersehenes Nitsu-Paar konnte innerhalb weniger Monate zu einer regelrechten Plage anwachsen. Nahrung. Kabelisolierungen. Verpackungen. Selbst Kunststoffe wurden angeknabbert. Ganze Lagerhäuser konnten wirtschaftlich unbrauchbar werden. Wir hatten Glück gehabt. Oder besser gesagt... Wir hatten früh genug reagiert.
Misora blickte missmutig auf die Liste der eingesammelten Kadaver. "Und was machen wir jetzt mit denen?"
Alle sahen mich an. Ich antwortete ohne lange nachzudenken. "Ab in die Biomasseaufbereitung."
Misora hob eine Augenbraue. "Im Ernst?"
"Natürlich." Ich deutete auf die Übersicht unserer Recyclinganlagen. "Organisches Material bleibt organisches Material. Die Eiweiße, Mineralstoffe und Spurenelemente gehen nicht verloren. Wir zerlegen alles biologisch und führen es den Düngerreaktoren zu."
Gal nickte zustimmend. "Effizient."
"Genau." Ich verschränkte die Arme. "Sie haben versucht, unsere Nahrungskette zu zerstören." Mein Blick glitt über die Einsatzkarte. "Dann sorgen wir eben dafür, dass sie am Ende unsere Nahrungskette stärken."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Misoras Gesicht. Sie hatte offenbar gerade begonnen, sich bildlich vorzustellen, wie dutzende tote, rattenähnliche Nitsus in den Biomasseverarbeitern zerlegt wurden, anschließend als Nährsubstrat in Tanks landeten und später Gemüse, Getreide und Obst auf unseren Farmen düngten.
Ihr Gesicht verzog sich augenblicklich. Sie schüttelte sich sichtbar. "Bäh..."
Ich musste trotz der Lage leicht schmunzeln. "Was?"
"Ich stelle mir gerade vor, wie irgendwann jemand einen Salat isst..." Sie hielt inne und schüttelte sich gleich noch einmal. "...der früher mal ein Nitsu war."
Selbst Gal konnte sich ein kaum sichtbares Grinsen nicht verkneifen.
Ich atmete tief durch. "Willkommen im Kreislauf der Natur."
Misora verzog angewidert das Gesicht. "Erinner mich bitte nie wieder daran."
Trotz allem war es das erste Mal seit Stunden, dass wenigstens für einen kurzen Augenblick etwas von der erdrückenden Schwere aus dem Raum wich.
Ich lehnte mich langsam gegen die Kante des großen Besprechungstisches und ließ den Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen. Die Anspannung im Raum war noch immer greifbar. Niemand dachte mehr an die gekaperte Korvette allein. Niemand dachte nur noch an die Toten. Stattdessen schob sich ein weiteres Problem darüber. Eines, das auf den ersten Blick harmloser wirkte, langfristig aber genauso verheerend hätte werden können. Tahl verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht war ernst, sein Blick fest auf die taktische Projektion gerichtet, auf der die bisher bestätigten Fundorte der Nitsus als rote Punkte über Altrix Nova verteilt dargestellt wurden.
"Ich glaube", sagte er schließlich ruhig, "dass Hatileos' Plan nicht vollständig aufgegangen ist."
Ich hob den Kopf. Auch Gal sah ihren Halbbruder aufmerksam an. "Wie meinst du das?", fragte ich.
Tahl deutete auf mehrere Markierungen. "Die Nitsus hätten deutlich früher entdeckt werden müssen. Genau das war vermutlich auch vorgesehen. Wären überall gleichzeitig Schädlingsalarme ausgelöst worden, hätten wir Personal aus allen Sicherheitsbereichen abgezogen. Die SSA hätte ihre Kräfte verteilt. Lagerhäuser, Hydroponik, Versorgungsschächte, Frachträume, überall wären Einsatzteams unterwegs gewesen." Er ließ eine kurze Pause entstehen. "Die Schleuse zur Korvette wäre wesentlich schwächer besetzt gewesen."
Gal nickte langsam. "Ich denke genauso." Ihre Stimme klang sachlich, beinahe kühl. "Hatileos hat offensichtlich damit gerechnet, dass die gesamte Station durch den Schädlingsbefall beschäftigt sein würde. In diesem Chaos hätte sie wahrscheinlich kaum Widerstand an der Schleuse angetroffen. Vielleicht hätte sie sogar die Korvette übernehmen können, ohne einen einzigen Schuss abzugeben." Ihr Blick wurde dunkler. "Stattdessen wurden die Nitsus erst bemerkt, nachdem sie die Korvette bereits unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Deshalb musste sie improvisieren. Und genau deshalb eskalierte alles."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Ich dachte an den Korridor voller Blut zurück. An die reglosen Körper unserer Leute. An die Aldrianer, die nicht einmal verstanden hatten, warum sie plötzlich angegriffen wurden. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass Tahl und Gal wahrscheinlich recht hatten. Das Massaker war vermutlich niemals Teil des ursprünglichen Plans gewesen. Es war entstanden, weil der eigentliche Plan versagt hatte.
Misora stieß hörbar die Luft aus. Sie verschränkte die Arme, doch anders als Tahl wirkte ihre Haltung nicht kontrolliert, sondern verletzt. "Das gefällt mir überhaupt nicht." Ihre dunklen Augen wanderten zu der Stationsgrafik. "An Altrix Nova habe ich monatelang gearbeitet. Die internen Sensornetze... die biologische Erkennung... die Wartungsalgorithmen... all das hätte diese Viecher entdecken müssen." Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. "Oder wenigstens deutlich früher."
Ich kannte Misora inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Kritik an ihrer Technik fast persönlicher nahm als Kritik an sich selbst. Ihre langen schwarzen Haare mit dem feinen violetten Schimmer fielen ihr über die Schulter, als sie sich über die Projektion beugte und mehrere Sensorsektoren vergrößerte. Ihre Finger bewegten sich schnell über das Hologramm.
"Sie müssen sich in Bereichen versteckt haben, die für die Sensorik praktisch unsichtbar waren. Oder..." Sie stockte. "...oder Hatileos wusste genau, welche Wartungsschächte und Abschirmungen sie benutzen musste."
Gal nickte leicht. "Beides ist möglich."
"Gefällt mir trotzdem nicht." Misoras Stimme wurde leiser. "Wenn jemand unser System derart austricksen konnte, dann existiert eine Schwachstelle."
Ich nickte langsam. "Und Schwachstellen werden geschlossen." Ich trat an das Hologramm heran und betrachtete die Übersicht selbst. "Wir erweitern die biologische Sensorik. Höhere Empfindlichkeit. Zusätzliche Wärme- und Bewegungserkennung. Regelmäßige autonome Scans sämtlicher Versorgungsschächte. Außerdem mobile Drohnen, die unabhängig vom Hauptsystem patrouillieren."
Misora nickte bereits, während sie meine Punkte ergänzte. "Ich werde zusätzlich neue Mikrosonden entwickeln. Klein genug, um selbst in Belüftungsrohre und Kabelkanäle vorzudringen."
"Mach das."
Sie antwortete sofort. "Ich beginne noch heute."
Ich ließ den Blick erneut durch den Raum wandern. Niemand widersprach. Jeder wusste, dass wir Glück gehabt hatten. Ein paar Dutzend Nitsus wirkten auf einer Station dieser Größe zunächst beinahe lächerlich. Doch ich wusste genau, dass diese Rechnung trügerisch war. Schon auf der Handelsstation im Orbit Zuras hatte ich Geschichten gehört. Von Lagerhäusern, die innerhalb weniger Tazuras leergefressen worden waren. Von Frachtern, deren komplette Lebensmittelvorräte vernichtet wurden. Von Nitsus, die Kabelisolierungen zerbissen, Sensorleitungen beschädigten und sich in nahezu jedem Hohlraum einnisteten. Eine unbemerkte Population hätte sich auf Altrix Nova explosionsartig vermehrt. Unsere Nahrungsmittelproduktion wäre irgendwann massiv betroffen gewesen. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht nächsten Monat. Aber irgendwann mit Sicherheit.
Ich verschränkte die Arme. "Der Alarm bleibt bestehen." Mehrere Köpfe hoben sich. "Nicht auf höchster Stufe." Ich schüttelte den Kopf. "Aber wir stufen ihn lediglich zurück."
Gal nickte zustimmend. "Verstärkte Wachsamkeit?"
"Genau." Ich sah sie an. "Ich glaube nicht, dass wir bereits jedes einzelne Nitsu gefunden haben."
Mein Blick wanderte auf die holografische Stationskarte. Dort leuchteten die weitläufigen Freilandkuppeln auf, in denen unsere Argnu-Rinder gehalten wurden. Riesige künstliche Weideflächen mit Gras, Felsen, kleinen Wasserläufen und dichtem Buschwerk. Von oben wirkten sie beinahe wie natürliche Landschaften. Genau deshalb gefielen sie den Tieren so gut. Genau deshalb missfielen sie mir in diesem Moment.
"Vor allem die Freilandbereiche." Ich zeigte auf die entsprechenden Sektionen. "Zwischen den Argnu-Gehegen gibt es unzählige Versteckmöglichkeiten. Büsche. Felsnischen. Versorgungskanäle. Wenn sich dort noch Nitsus befinden, sehen wir sie vielleicht tagelang nicht."
Tahl folgte meinem Blick. "Dann stationieren wir dort zusätzliche Patrouillen."
"Nicht nur Patrouillen." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Wir setzen auch automatische Sensorpfähle entlang der Weidegrenzen. Bewegung, Wärme, Biomasse. Alles."
Misora nickte sofort. "Das lässt sich relativ einfach nachrüsten."
Ich atmete tief durch. Langsam kehrte wieder etwas Ruhe in meine Gedanken zurück. Hatileos war verschwunden. Die Korvette war fort. Die Toten konnten wir nicht zurückholen. Aber wenigstens konnten wir verhindern, dass aus einem weiteren Problem noch eine zweite Katastrophe entstand. Und genau das musste jetzt oberste Priorität haben. Denn eines hatte ich in den vergangenen Monaten gelernt. Große Krisen entstanden selten durch einen einzigen Fehler. Meist waren es viele kleine Versäumnisse, die sich unbemerkt aufeinanderstapelten, bis irgendwann alles gleichzeitig zusammenbrach. Diesmal durfte genau das nicht noch einmal passieren.
Ich saß erschöpft am Esstisch unseres Privatquartiers auf Altrix Nova. Der Tag hatte sich angefühlt, als hätte er niemals enden wollen. Blut, Berichte, Verhöre, Lagebesprechungen, Nitsus, Tote, Vermisste. Selbst jetzt schien mein Kopf nicht bereit zu sein, zur Ruhe zu kommen. Durch die breite Panoramafront fiel das kalte Licht des Trantor-Orbits in den Raum. Der blaue Planet hing reglos im schwarzen Nichts, während sich langsam die künstliche Abendbeleuchtung einschaltete und den Wohnbereich in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht tauchte. Aus der offenen Küchenzeile stieg der angenehme Geruch nach frischem Gemüse, gebratenem Argnu-Fleisch und Gewürzen auf. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen alles friedlich wirkte. Gerade deshalb fühlte sich dieser Frieden unwirklich an.
Vanu saß rechts von mir. Asahi ruhte auf ihrem Schoß und strampelte zufrieden mit den kleinen Beinen, während sie ihn geduldig mit einem schmalen Löffel fütterte. Immer wieder lächelte sie ihn an, wischte ihm mit einem Tuch vorsichtig den Mund ab und sprach leise mit ihm, obwohl er ihre Worte vermutlich noch gar nicht verstand. Auf der anderen Seite kümmerte sich Valentina um Hoshiko. Unsere Tochter griff immer wieder nach dem Löffel, als wolle sie unbedingt selbst essen. Valentina musste schmunzeln und ließ sie schließlich den Griff festhalten, während sie den Löffel gemeinsam zu ihrem Mund führte. Für einige Minuten sagte niemand etwas. Man hörte nur das leise Klappern des Bestecks, das Summen der Belüftung und gelegentlich das zufriedene Glucksen unserer Kinder.
Dann durchbrach Vanu die Stille. "Glaubt ihr, dass Hatileos es auf die aldrianische Korvette abgesehen hatte?"
Ich hob langsam den Blick von meinem Teller und sah sie an. Ihre Stirn war leicht gerunzelt. Sie wirkte nachdenklich, nicht überzeugt von der Erklärung, die wir den ganzen Tag über beinahe selbstverständlich angenommen hatten.
"Glaubst du das nicht?", fragte ich.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, während sie Asahi den nächsten Löffel hinhielt. "Der Plan mit den Nitsus ging zwar nicht ganz auf, aber an sich war er unglaublich zeitaufwendig."
Ich legte das Besteck beiseite. "Was willst du damit sagen?"
Sie blickte kurz zu Trantor hinaus, als suche sie dort draußen die richtigen Worte. "Wenn Hatileos ausschließlich die Korvette gewollt hätte, dann hätte sie unzählige Gelegenheiten gehabt. Die Korvette hätte jederzeit abdocken können. Wir hätten sie ebenfalls jederzeit auffordern können, die Station zu verlassen. Sie hätte nie garantieren können, dass das Schiff überhaupt noch an der Schleuse liegt, wenn ihr Plan in Gang gesetzt wird."
Valentina nickte langsam, ohne Hoshiko aus den Augen zu lassen. "Das bedeutet", sagte sie ruhig, "dass es Hatileos vollkommen egal gewesen sein könnte, welches Schiff sie letztendlich bekommt."
Ich runzelte die Stirn. "Aber warum heute?"
Valentina hob nur leicht die Schultern. "Ein Tag wie jeder andere."
Vanu verzog nachdenklich den Mund. "Für uns." Sie strich Asahi sanft über den Rücken, ehe sie weitersprach. "Aber wer weiß, was dieser Tag für sie bedeutet."
Ihre Worte blieben im Raum hängen. Ich ließ den Gedanken wirken. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugte mich meine ursprüngliche Annahme. Wir waren automatisch davon ausgegangen, dass die Korvette das eigentliche Ziel gewesen war. Doch vielleicht war das nie der Plan gewesen. Vielleicht war sie lediglich das Transportmittel geworden, das zufällig verfügbar gewesen war.
Ich stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. "Wenn das stimmt... warum musste sie heute fliehen?"
Beide Frauen sahen mich an. Valentina nickte langsam. Ich versuchte die Ereignisse des Tages chronologisch zu ordnen. Nichts Auffälliges. Keine besonderen politischen Entscheidungen. Keine militärischen Bewegungen. Keine neuen Nachrichten. Kein Besuch. Keine Inspektion. Zumindest nichts, von dem ich wusste.
"Was könnte jemanden dazu zwingen, einen langfristigen Plan plötzlich auszulösen?", fragte ich mehr mich selbst als die anderen.
"Zeitdruck", antwortete Valentina sofort.
"Entdeckung", ergänzte Vanu.
Ich schloss kurz die Augen. Hatileos hatte sich in den letzten Wochen erstaunlich frei auf Altrix Nova bewegen können. Sie war auf Frachtern unterwegs gewesen. Sie hatte Lager inspiziert. Sie hatte sich Zugang verschafft. Sie hatte Kontakte gehabt, von denen wir nichts wussten.
Niemand antwortete sofort. Dieser Gedanke gefiel mir überhaupt nicht. Ich blickte erneut hinaus auf Trantor. Der Planet drehte sich ruhig unter uns. Doch ich hatte das ungute Gefühl, dass wir längst Teil eines Spiels geworden waren, dessen Regeln nur einer Seite bekannt waren. Und genau das machte mir weit mehr Sorgen als eine gestohlene Korvette.


