[Story] Isekai no Xistence

Der kleine Teladi aus dem X-Universum hat Gesellschaft bekommen - hier dreht sich jetzt auch alles um das, was die kreativen Köpfe unserer Community geschaffen haben.

Moderators: HelgeK, TheElf, Moderatoren für Deutsches X-Forum

User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 66 - Plage

Als wir das Büro verließen, herrschte bereits Ausnahmezustand auf Altrix Nova. Das rote Alarmlicht pulsierte in gleichmäßigen Abständen über Decken und Wände und tauchte die normalerweise hellen, freundlichen Korridore der Station in ein bedrückendes, blutrotes Halbdunkel. Der metallische Boden vibrierte leicht unter den hastigen Schritten unzähliger Menschen. Überall rannten Sicherheitskräfte, medizinisches Personal und Techniker aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig zu behindern. Jeder schien genau zu wissen, wohin er musste. Die automatische Stationsstimme wiederholte in regelmäßigen Abständen den Sicherheitsalarm, während gleichzeitig verschlüsselte Einsatzmeldungen über die internen Kommunikationskanäle liefen.
Ich ging an der Spitze unserer Gruppe. Fast schon automatisch hatte ich das Tempo erhöht. Hinter mir hörte ich die schnellen Schritte von Valentina und Vanu. Misora war ebenfalls dicht hinter mir, während Tahl Brenna und Gal Connar längst ihre eigenen Kommunikationskanäle geöffnet hatten und ununterbrochen Befehle an ihre Einsatzkräfte gaben.
"Alle Schleusen verriegeln."
"Hangar drei vollständig absichern."
"Überlebende priorisieren."
"Spurensicherung beginnt sofort."
"Jeder Datenknoten der Korvette wird rekonstruiert."
Ihre Stimmen überschnitten sich kaum. Beide arbeiteten seit Jahrzehnten zusammen. Halbgeschwister oder nicht, sie ergänzten sich beinahe perfekt. Je näher wir der Andocksektion kamen, desto mehr Sicherheitskräfte begegneten uns. Überall waren Angehörige der Sustenance Security Agency unterwegs. Der SSA. Der Sicherheitsabteilung der Universal Nourishment Organization. Als ich die UNO gegründet hatte, hatte ich niemals geplant, eines Tages eine eigene Sicherheitsorganisation mit Kampfschiffen zu besitzen. Ursprünglich war lediglich ein kleiner Werkschutz vorgesehen gewesen. Menschen, die Lagerhäuser bewachten. Transporte begleiteten. Vielleicht einmal Piraten abschreckten. Doch mit jedem neuen Sonnensystem, das wir erschlossen hatten, war auch die Verantwortung gewachsen. Unsere Frachter transportierten inzwischen Nahrung, Saatgut und zahllose andere lebenswichtige Güter quer durch den bekannten Raum. Und wo wertvolle Fracht unterwegs war ... waren Piraten nie weit. Die SSA war deshalb längst weit mehr als bloßes Sicherheitspersonal auf Altrix Nova. Sie schützte sämtliche Handelsrouten der UNO. Begleitete unsere Konvois. Unterhielt eigene Kampfschiffe. Übernahm Evakuierungen. Bekämpfte Piraten. Und stellte inzwischen eine kleine, aber äußerst professionelle Raumstreitkraft dar. Auch dabei hatte Misora ihre Finger im Spiel gehabt. Unsere Eskorten bestanden bislang überwiegend aus gebrauchten oder ausgemusterten Schiffen verschiedenster Hersteller. Argonische Korvetten. Alte Patrouillenschiffe. Modernisierte Militärüberschüsse. Eine Übergangslösung. Denn Misora arbeitete bereits seit Monaten an einem vollständig eigenen Entwurf. Ein Kampfschiff ausschließlich für die SSA. Genau wie sie zuvor den Startruck entwickelt hatte. Den Frachter, der inzwischen zum Rückgrat unserer Bio Logistics Division geworden war. Der BLD.
Mein Blick fiel auf mehrere Einsatzkräfte. Selbst inmitten dieses Chaos wirkte ihre Kleidung ordentlich. Die Grundfarben bestanden aus Weiß und Schwarz. Nicht strahlend. Nicht auffällig. Eher matt. Pragmatisch. Je nach Einsatzgebiet unterschied sich der Schnitt erheblich. Einige trugen schwere Verbundpanzerungen mit integrierten Energieabsorbern und magnetischen Waffenhalterungen. Vollständig ausgerüstete Einsatzkräfte, deren Helme unter dem Arm hingen, während ihre Sturmgewehre bereits auf maximale Bereitschaft geschaltet waren. Andere waren lediglich leicht bewaffnet. Schlichte Uniformen. Seitlich befestigte Impulswaffen. Datenpads. Kommunikationsmodule. Sie waren Ermittler. Analysten. Koordinatoren. Wieder andere trugen lange Roben. Unauffällige Stoffe mit integrierten Sensorfeldern. Forensiker. Spurenanalysten. Psychologische Ermittler. Auch sie gehörten zur SSA. Auf der linken Brust erkannte ich bei jedem Einzelnen ein goldenes Emblem. Daran ließ sich sofort der Rang ablesen. Unauffällig. Elegant. Funktional. Der Kragen sowie die senkrecht nach unten verlaufende Stoffleiste unterschieden zusätzlich das Geschlecht. Bei Männern war dieser Bereich in einem dunklen Petrol gehalten. Ein ruhiger Farbton. Fast schwarz. Bei Frauen hingegen schimmerte derselbe Bereich in einem ebenso dunklen Purpur. Beides Farben, die weder protzig wirkten noch Aufmerksamkeit auf sich zogen. Genau so hatte ich es damals gewollt. Autorität ohne Prahlerei. Professionalität statt Einschüchterung. Wir erreichten schließlich die Andocksektion.
Schon bevor ich den eigentlichen Schleusenbereich sehen konnte ... roch ich es. Blut. Frisches Blut. Dazwischen lag der beißende Geruch verschmorter Energiezellen. Geschmolzenes Metall. Ozon. Verbrannte Kunststoffe. Als ich schließlich um die letzte Ecke trat ... blieb ich unwillkürlich stehen. Vor uns bot sich ein Bild, das ich selbst nach allem, was ich inzwischen erlebt hatte, nur schwer ertragen konnte. Der gesamte Korridor war übersät mit Trümmern. Zerstörte Waffen. Verbogene Geländer. Eingeschlagene Wandverkleidungen. Funken sprühten aus offenen Leitungen. Mehrere Deckenpaneele hingen lose herab. Doch all das nahm ich kaum wahr. Mein Blick blieb an den Toten hängen. Überall lagen Körper. Argonen. Aldrianer. Manche reglos auf dem Rücken. Andere zusammengesackt gegen die Wände. Einige lagen noch dort, wo sie offenbar versucht hatten, Deckung zu finden. Andere waren während ihres letzten Schrittes gefallen. Der Boden war von dunkelrotem Blut überzogen. Es sammelte sich in flachen Vertiefungen des Metallbodens. Zwischen den Profilrillen. Unter den Leichen. An mehreren Stellen verliefen breite Schleifspuren. Sanitäter hatten offenbar bereits Verwundete weggezogen. Nicht jeder war vollständig. Einige Körper waren verstümmelt. Abgetrennte Arme. Ein zerstörter Unterarm. Ein Stiefel, in dem noch ein Fuß steckte. Ein abgerissener Handschuh. Zerbrochene Helme. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Niemand sprach. Selbst Tahl verstummte für einen Moment. Nur die leisen Stimmen der Ermittler. Das Summen medizinischer Scanner. Das Piepen tragbarer Diagnosegeräte. Und das entfernte Heulen des Alarms erfüllten den Korridor. Ich musste gar nicht fragen, was hier passiert war. Der Tatort erzählte seine Geschichte selbst. Die eigentliche Frage, die sich mit brutaler Gewalt in meinem Kopf festsetzte, war eine völlig andere.
Warum? Warum hatte Hatileos plötzlich angegriffen? Warum gerade jetzt? Warum die Korvette? Warum dieses Blutbad? Und ... wohin war sie unterwegs?
Ich zwang mich weiterzugehen. Mehrere Ermittler machten Platz. Gal war bereits mitten in ihrer Arbeit. Vor ihr schwebten zahlreiche Hologramme. Kamerabilder. Zeitstempel. Wärmesignaturen. Ballistische Rekonstruktionen. Daneben koordinierte Tahl die Sicherung des Tatortes.
"Niemand betritt die Schleuse."
"Alle Spuren bleiben unangetastet."
"Jeder Einschlag wird dokumentiert."
Ich trat zu ihnen. "Überlebende?" fragte ich ruhig.
Gal nickte. "Ja." Sie vergrößerte mehrere Hologramme. "Nicht viele."
Neben ihr erschienen gleichzeitig Videoaufzeichnungen verschiedener Überwachungskameras. Ich sah Hatileos. Die Teladi. Ihre graugrünen, leicht agavefarbenen Schuppen wirkten im kalten Licht der Kameras beinahe metallisch. Sie bewegte sich unglaublich ruhig. Fast lautlos. Kein Zögern. Keine Hektik. Sie tauchte einfach plötzlich auf. Die ersten beiden SSA-Wachen reagierten sofort. Doch anstatt tödliche Gewalt anzuwenden ... setzte Hatileos zunächst Betäubungswaffen ein. Mehrere Sicherheitskräfte sackten regungslos zusammen. Ich runzelte die Stirn. Sie hatte offenbar ursprünglich gar nicht töten wollen.
Gal bestätigte meinen Gedanken. "Ihre ersten Schüsse waren ausschließlich auf Betäubung eingestellt."
Ich sah weiter zu. Dann änderte sich alles. Innerhalb weniger Sekunden. Weitere Sicherheitskräfte trafen ein. Mehr Widerstand. Mehr Gegenwehr. Die ersten Warnschüsse. Hatileos wich zurück. Dann ... wechselte sie ihre Waffen. Das nächste Bild zeigte reine Gewalt. Energiesalven. Splitter. Nahkampf. Präzise Bewegungen. Jeder Schuss saß. Jeder Schlag hatte ein Ziel. Der gesamte Kampf dauerte erschreckend kurz. Keine fünf Minuten. Wahrscheinlich sogar deutlich weniger. Mehrere SSA-Angehörige versuchten noch, die Schleuse zu verriegeln. Andere wollten offenbar die Korvette sichern. Doch Hatileos erreichte zuerst das Schiff. Die Aufzeichnungen endeten an der Außenschleuse.
Gal wechselte zur nächsten Datei. "Einige Besatzungsmitglieder konnten noch fliehen."
Auf mehreren Bildern sah ich Aldrianer, die panisch über den Verbindungstunnel zurückrannten. Einige verletzt. Andere halfen Verwundeten.
"Der Großteil blieb jedoch an Bord."
Ich nickte langsam. Das entsprach der Einsatzdoktrin der Aldrianer. Ihre Schiffe waren hochgradig automatisiert. Mit minimaler Besatzung. Wenn die Brücke übernommen wurde ... brauchte man kaum weiteres Personal.
Gal zoomte auf eine schematische Darstellung der Korvette. "Hatileos verbarrikadierte sich unmittelbar nach Betreten der Brücke." Mehrere Bereiche färbten sich rot. "Danach übernahm sie sämtliche Primärsysteme."
Ich sah auf das Hologramm. Die Daten sprachen für sich. Navigation. Antrieb. Kommunikation. Lebenserhaltung. Alles unter ihrer Kontrolle.
"Wenige Minuten später..." Gal wechselte erneut das Bild. "...dockte die Korvette eigenständig ab."
Das letzte Kamerabild zeigte den schlanken, aerodynamischen Rumpf des aldrianischen Schiffes. Langsam löste er sich von Altrix Nova. Dann beschleunigte er. Und verschwand. Ich starrte schweigend auf das eingefrorene Bild.
Hatileos...
Was hast du vor?

Ich betrachtete noch immer die verwüstete Schleuse, während forensische Teams jede Blutspur dokumentierten und Sanitäter Verletzte in schwebenden Tragen abtransportierten. Der metallische Geruch von Blut hing trotz der leistungsfähigen Luftfilter hartnäckig in der Luft. Rot blinkende Warnleuchten tauchten den gesamten Korridor in ein unruhiges Licht, das sich auf den silbergrauen Wandverkleidungen spiegelte. Immer wieder liefen SSA-Angehörige an mir vorbei. Manche trugen schwere schwarze Kampfpanzerungen mit weißen Schultersegmenten, Helmen und Impulsgewehren, andere lediglich ihre schlichten Einsatzuniformen mit den dezenten petrol- oder purpurfarbenen Kragenleisten. Auf ihren linken Brustseiten glänzten die goldenen Rangembleme, während sie Befehle austauschten, Verletzte absicherten oder Datenpads studierten. Ich versuchte noch immer zu begreifen, weshalb Hatileos diesen Wahnsinn ausgelöst hatte, als sich plötzlich das Kommunikationsgerät eines Offiziers mit einem schrillen Signalton meldete. Der Mann hörte nur wenige Sekunden zu, bevor seine Gesichtsfarbe sichtbar aus dem Gesicht wich. Er sah zu Gal hinüber, die gerade mit mehreren Ermittlern sprach, und eilte mit schnellen Schritten auf sie zu. Schon an seiner Körperhaltung erkannte ich, dass die nächste Hiobsbotschaft bevorstand.
"Direktorin Connar... wir haben weitere Sicherheitsverletzungen."
Gal drehte sich sofort um. "Bericht."
"In mehreren Versorgungslagern wurden Nitsus gesichtet."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Dann sah ich zu Tahl. Er sah zu mir. Im selben Moment wussten wir beide, dass das kein Zufall war.
"Wo?" fragte ich ruhig.
"Verteilt über mehrere Lagersektionen. Hauptsächlich in den Vorratsbereichen der Bio Logistics Division."
Mein Magen zog sich zusammen. "Wie viele?"
"Unbekannt. Die ersten Meldungen sprechen von einzelnen Tieren, aber weitere Sichtungen kommen im Minutentakt herein."
Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich. Natürlich musste genau das jetzt passieren. Ich erinnerte mich an zahllose Gespräche auf Zura. Kaum ein Teladi kam ohne eine Beschwerde über Nitsus aus. Die kleinen rattenähnlichen Säugetiere galten als eine der hartnäckigsten Plagen des bekannten Raums. Sie krochen durch Kabelschächte, Versorgungstunnel, Wartungsrohre und Lüftungssysteme, fraßen Lebensmittel, zerstörten Verpackungen und verunreinigten komplette Lagerbestände. Planetare Lagerhäuser litten genauso unter ihnen wie Frachter oder Raumstationen. Wo ein einziges Nitsu auftauchte, bestand immer die Gefahr, dass längst Dutzende weitere irgendwo im Verborgenen lebten. Ich spürte, wie sich in meinem Kopf die Ereignisse ineinander schoben. Hatileos. Die Korvette. Und jetzt plötzlich Nitsus.
"Das hängt zusammen", sagte ich leise.
Valentina nickte sofort. "Zeitlich viel zu exakt."
Vanu verschränkte die Arme. "Wenn Hatileos die Aufmerksamkeit binden wollte..."
"...dann greift sie genau dort an, wo sie den größten wirtschaftlichen Schaden verursachen kann", beendete ich ihren Satz.
Ich drehte mich zu Gal. "Wie weit sind die Tiere vorgedrungen?"
"Wir wissen es noch nicht. Die ersten Lager wurden bereits abgesperrt."
"Nicht genug." Gal runzelte die Stirn. Ich sah sie ernst an. "Unsere Nahrung."
Sie verstand augenblicklich. Altrix Nova war keine gewöhnliche Raumstation. Sie war das Herz der Universal Nourishment Organization. Millionen Tonnen Lebensmittel wurden hier gelagert, verarbeitet, kontrolliert und anschließend in sämtliche erreichbaren Systeme verschifft. Jeder beschädigte Lagerraum bedeutete nicht nur wirtschaftlichen Verlust. Verdorbene Vorräte konnten ganze Lieferketten unterbrechen. Kolonien, Außenposten und Stationen verließen sich inzwischen auf unsere Versorgung.
Ich traf meine Entscheidung ohne weiteres Nachdenken. "Priorität Eins." Alle schauten mich an. "Die komplette Nahrungsproduktion und sämtliche Lagerbereiche werden sofort gesichert." Ich wandte mich an Gal. "Mobilisiere alle verfügbaren SSA-Einsatzkräfte."
Sie nickte. "Zusätzlich?"
"Nicht zusätzlich." Ich schüttelte den Kopf. "Alle."
Für einen Moment herrschte Stille. Selbst Gal wirkte überrascht. "Die komplette Besatzung?"
"Ja."
Valentina hob leicht die Augenbrauen. "Auch Zivilpersonal?"
"Jeder, der laufen kann."
Ich zeigte auf einen der Offiziere. "Organisiert Jagdgruppen. Techniker, Logistiker, Piloten, Verwaltung, Wartung. Jeder bekommt Scanner, Betäubungsstöcke oder geeignete Werkzeuge. Niemand arbeitet heute regulär weiter."
"Verstanden."
"Alle Lager werden abschnittsweise durchsucht." Ich deutete auf mehrere Hologramme. "Belüftungssysteme. Wartungsschächte. Rohrleitungen. Kabelkanäle. Container. Jeder Winkel."
Mehrere Offiziere begannen sofort, ihre Datenpads zu bedienen. Der Funkverkehr nahm explosionsartig zu. Überall auf den Projektionen erschienen neue Einsatzmarkierungen. SSA-Teams verteilten sich bereits über die Station. Ich hörte Befehle.
"Lagerblock D absichern."
"Scannerteam zu Sektion B."
"Verschlüsse verriegeln."
"Alle Lebensmittelcontainer kontrollieren."
Immer mehr Besatzungsmitglieder erhielten neue Anweisungen. Mechaniker legten ihre Werkzeuge beiseite. Laborpersonal verließ seine Arbeitsplätze. Piloten kamen aus den Hangars. Köche aus den Großküchen. Selbst Verwaltungsangestellte mussten mithelfen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich Altrix Nova in einen einzigen gigantischen Suchtrupp.
Ich beobachtete das Geschehen schweigend. In meinem Kopf gab es keine Zweifel. Ein lebendes Nitsu fraß. Zwei Nitsus vermehrten sich. Eine Population vernichtete Vorräte. Unsere gesamte Organisation existierte nur, weil wir Nahrung produzierten und verteilten. Wenn dieser Bereich fiel, spielte alles andere keine Rolle mehr. Weder Politik. Noch Hatileos. Noch Terraformer. Noch Präsidenten.
Ich sah Gal fest an. "Es gibt heute keine halben Maßnahmen."
Sie nickte langsam. "Verstanden."
Ich antwortete mit kalter Entschlossenheit. "Nur ein totes Nitsu ist ein gutes Nitsu."

Die Stunden vergingen quälend langsam. Mit jeder neuen Statusmeldung, die auf meinem Holodisplay erschien, wuchs der Haufen bestätigter Nitsu-Funde. Immer mehr kleine Markierungen verteilten sich über die dreidimensionale Darstellung von Altrix Nova. Frachträume. Versorgungsschächte. Wartungstunnel. Hydroponiklager. Kühlkammern. Jeder einzelne Fundort wurde unmittelbar nach der Säuberung grün markiert, doch das änderte nichts an dem unguten Gefühl in meiner Magengegend. Es passte einfach nicht zusammen. Dutzende Nitsus tauchten nicht einfach gleichzeitig auf einer Raumstation dieser Größe auf. Nicht zufällig. Nicht ohne Hilfe. Im Besprechungsraum herrschte eine angespannte Stille. Niemand sprach lauter als nötig. Die Luft roch nach heißer Elektronik, Keffa und dem metallischen Geruch getrockneten Blutes, den einige der SSA-Angehörigen trotz frischer Uniformen noch immer mit sich trugen. Die Ereignisse an der Schleuse lagen erst wenige Stunden zurück.
Gal verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete schweigend die eingeblendeten Einsatzprotokolle. Schließlich hob sie den Blick. "Ich glaube nicht an Zufälle."
Ich nickte nur.
Sie vergrößerte mehrere Zeitachsen nebeneinander. "Wenn Hatileos tatsächlich seit Wochen auf Altrix Nova gearbeitet hat, dann musste sie die Nitsus nicht alle auf einmal eingeschleust haben." Ihre Finger glitten über die Projektion. "Immer kleine Mengen. Vielleicht sogar Embryonen oder befruchtete Eizellen. Nitsus entwickeln sich schnell. Sie hätte sie bis zu einem bestimmten Stadium aufziehen und anschließend in Stase lagern können. Kurz bevor sie ihren eigentlichen Plan ausführte, musste sie sie lediglich freisetzen."
Niemand widersprach. Tahl strich sich langsam über sein Kinn. "Oder sie musste gar nichts züchten." Alle sahen ihn an. "Es gibt genügend Berichte darüber, dass Nitsus sich auf Frachtern verstecken. Besonders auf teladianischen Schiffen. Aber auch argonische Transporte bleiben davon nicht verschont." Er wechselte die Anzeige. "In den letzten Wochen ist Hatileos auffällig oft an Bord neu eingetroffener Schiffe gewesen."
Ich runzelte die Stirn. "Ich dachte, sie wollte einfach das nachholen, was ihr auf Nif'Nakh jahrzehntelang gefehlt hatte."
Tahl schüttelte langsam den Kopf. "Das dachte ich anfangs ebenfalls." Er öffnete mehrere Logbucheinträge. "Die Schiffsmeister haben übereinstimmend ausgesagt, dass sie sich in mehreren Fällen als Mitarbeiterin von Altrix Nova ausgegeben hat."
Gal ergänzte ruhig: "Offizielle Schädlingskontrollen."
Ich spürte, wie sich mein Kiefer verspannte. Auf den Hologrammen erschienen die entsprechenden Genehmigungen. Sie wirkten auf den ersten Blick vollkommen echt. Zugangscodes. Digitale Unterschriften. Zeitstempel. Gefälscht. Sauber gefälscht.
"Sie hat jedes Schiff nach Nitsus durchsucht."
"Nicht durchsucht", korrigierte Tahl. "Liquidiert."
Für einen Moment verstand ich nicht. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte die Tiere nicht beseitigt. Sie hatte sie eingesammelt.
"Verdammt..."
Gal nickte. "Sie musste über Wochen hinweg immer wieder einzelne Tiere entnommen haben. Wenige hier. Zwei dort. Vielleicht ein trächtiges Weibchen. Vielleicht ein Jungtier. Nie so viele, dass es irgendjemanden aufgefallen wäre."
Ich starrte schweigend auf die Einsatzkarte. Jeder einzelne Punkt erzählte dieselbe Geschichte. Geduld. Planung. Vorbereitung. Nichts davon war spontan gewesen. Hatileos hatte ihre Flucht lange vorbereitet. Die Nitsus waren lediglich das Ablenkungsmanöver gewesen. Während sich hunderte Besatzungsmitglieder auf die Schädlingsbekämpfung konzentrierten, hatte sie die Korvette übernommen. Ich schloss kurz die Augen. Wie hatte ich das übersehen können? Ich hatte ihr vertraut. Vielleicht nicht blind. Aber genug. Ein weiterer Bericht erschien.
"Drei weitere Kadaver."
"Drei bestätigte Eliminierungen."
"Wartungssektor Delta abgeschlossen."
Die Zahlen stiegen weiter. Vierundzwanzig. Einunddreißig. Vierzig. Fünfundfünfzig. Schließlich blieb die Anzeige bei mehreren Dutzend bestätigten Funden stehen. Auf einer Station mit mehreren hundert Kilometern Ausdehnung war diese Zahl verschwindend gering. Und genau deshalb war sie so gefährlich. Ich kannte die Berichte der Teladi. Ein einziges übersehenes Nitsu-Paar konnte innerhalb weniger Monate zu einer regelrechten Plage anwachsen. Nahrung. Kabelisolierungen. Verpackungen. Selbst Kunststoffe wurden angeknabbert. Ganze Lagerhäuser konnten wirtschaftlich unbrauchbar werden. Wir hatten Glück gehabt. Oder besser gesagt... Wir hatten früh genug reagiert.
Misora blickte missmutig auf die Liste der eingesammelten Kadaver. "Und was machen wir jetzt mit denen?"
Alle sahen mich an. Ich antwortete ohne lange nachzudenken. "Ab in die Biomasseaufbereitung."
Misora hob eine Augenbraue. "Im Ernst?"
"Natürlich." Ich deutete auf die Übersicht unserer Recyclinganlagen. "Organisches Material bleibt organisches Material. Die Eiweiße, Mineralstoffe und Spurenelemente gehen nicht verloren. Wir zerlegen alles biologisch und führen es den Düngerreaktoren zu."
Gal nickte zustimmend. "Effizient."
"Genau." Ich verschränkte die Arme. "Sie haben versucht, unsere Nahrungskette zu zerstören." Mein Blick glitt über die Einsatzkarte. "Dann sorgen wir eben dafür, dass sie am Ende unsere Nahrungskette stärken."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Misoras Gesicht. Sie hatte offenbar gerade begonnen, sich bildlich vorzustellen, wie dutzende tote, rattenähnliche Nitsus in den Biomasseverarbeitern zerlegt wurden, anschließend als Nährsubstrat in Tanks landeten und später Gemüse, Getreide und Obst auf unseren Farmen düngten.
Ihr Gesicht verzog sich augenblicklich. Sie schüttelte sich sichtbar. "Bäh..."
Ich musste trotz der Lage leicht schmunzeln. "Was?"
"Ich stelle mir gerade vor, wie irgendwann jemand einen Salat isst..." Sie hielt inne und schüttelte sich gleich noch einmal. "...der früher mal ein Nitsu war."
Selbst Gal konnte sich ein kaum sichtbares Grinsen nicht verkneifen.
Ich atmete tief durch. "Willkommen im Kreislauf der Natur."
Misora verzog angewidert das Gesicht. "Erinner mich bitte nie wieder daran."
Trotz allem war es das erste Mal seit Stunden, dass wenigstens für einen kurzen Augenblick etwas von der erdrückenden Schwere aus dem Raum wich.

Ich lehnte mich langsam gegen die Kante des großen Besprechungstisches und ließ den Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen. Die Anspannung im Raum war noch immer greifbar. Niemand dachte mehr an die gekaperte Korvette allein. Niemand dachte nur noch an die Toten. Stattdessen schob sich ein weiteres Problem darüber. Eines, das auf den ersten Blick harmloser wirkte, langfristig aber genauso verheerend hätte werden können. Tahl verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht war ernst, sein Blick fest auf die taktische Projektion gerichtet, auf der die bisher bestätigten Fundorte der Nitsus als rote Punkte über Altrix Nova verteilt dargestellt wurden.
"Ich glaube", sagte er schließlich ruhig, "dass Hatileos' Plan nicht vollständig aufgegangen ist."
Ich hob den Kopf. Auch Gal sah ihren Halbbruder aufmerksam an. "Wie meinst du das?", fragte ich.
Tahl deutete auf mehrere Markierungen. "Die Nitsus hätten deutlich früher entdeckt werden müssen. Genau das war vermutlich auch vorgesehen. Wären überall gleichzeitig Schädlingsalarme ausgelöst worden, hätten wir Personal aus allen Sicherheitsbereichen abgezogen. Die SSA hätte ihre Kräfte verteilt. Lagerhäuser, Hydroponik, Versorgungsschächte, Frachträume, überall wären Einsatzteams unterwegs gewesen." Er ließ eine kurze Pause entstehen. "Die Schleuse zur Korvette wäre wesentlich schwächer besetzt gewesen."
Gal nickte langsam. "Ich denke genauso." Ihre Stimme klang sachlich, beinahe kühl. "Hatileos hat offensichtlich damit gerechnet, dass die gesamte Station durch den Schädlingsbefall beschäftigt sein würde. In diesem Chaos hätte sie wahrscheinlich kaum Widerstand an der Schleuse angetroffen. Vielleicht hätte sie sogar die Korvette übernehmen können, ohne einen einzigen Schuss abzugeben." Ihr Blick wurde dunkler. "Stattdessen wurden die Nitsus erst bemerkt, nachdem sie die Korvette bereits unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Deshalb musste sie improvisieren. Und genau deshalb eskalierte alles."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Ich dachte an den Korridor voller Blut zurück. An die reglosen Körper unserer Leute. An die Aldrianer, die nicht einmal verstanden hatten, warum sie plötzlich angegriffen wurden. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass Tahl und Gal wahrscheinlich recht hatten. Das Massaker war vermutlich niemals Teil des ursprünglichen Plans gewesen. Es war entstanden, weil der eigentliche Plan versagt hatte.
Misora stieß hörbar die Luft aus. Sie verschränkte die Arme, doch anders als Tahl wirkte ihre Haltung nicht kontrolliert, sondern verletzt. "Das gefällt mir überhaupt nicht." Ihre dunklen Augen wanderten zu der Stationsgrafik. "An Altrix Nova habe ich monatelang gearbeitet. Die internen Sensornetze... die biologische Erkennung... die Wartungsalgorithmen... all das hätte diese Viecher entdecken müssen." Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. "Oder wenigstens deutlich früher."
Ich kannte Misora inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Kritik an ihrer Technik fast persönlicher nahm als Kritik an sich selbst. Ihre langen schwarzen Haare mit dem feinen violetten Schimmer fielen ihr über die Schulter, als sie sich über die Projektion beugte und mehrere Sensorsektoren vergrößerte. Ihre Finger bewegten sich schnell über das Hologramm.
"Sie müssen sich in Bereichen versteckt haben, die für die Sensorik praktisch unsichtbar waren. Oder..." Sie stockte. "...oder Hatileos wusste genau, welche Wartungsschächte und Abschirmungen sie benutzen musste."
Gal nickte leicht. "Beides ist möglich."
"Gefällt mir trotzdem nicht." Misoras Stimme wurde leiser. "Wenn jemand unser System derart austricksen konnte, dann existiert eine Schwachstelle."
Ich nickte langsam. "Und Schwachstellen werden geschlossen." Ich trat an das Hologramm heran und betrachtete die Übersicht selbst. "Wir erweitern die biologische Sensorik. Höhere Empfindlichkeit. Zusätzliche Wärme- und Bewegungserkennung. Regelmäßige autonome Scans sämtlicher Versorgungsschächte. Außerdem mobile Drohnen, die unabhängig vom Hauptsystem patrouillieren."
Misora nickte bereits, während sie meine Punkte ergänzte. "Ich werde zusätzlich neue Mikrosonden entwickeln. Klein genug, um selbst in Belüftungsrohre und Kabelkanäle vorzudringen."
"Mach das."
Sie antwortete sofort. "Ich beginne noch heute."
Ich ließ den Blick erneut durch den Raum wandern. Niemand widersprach. Jeder wusste, dass wir Glück gehabt hatten. Ein paar Dutzend Nitsus wirkten auf einer Station dieser Größe zunächst beinahe lächerlich. Doch ich wusste genau, dass diese Rechnung trügerisch war. Schon auf der Handelsstation im Orbit Zuras hatte ich Geschichten gehört. Von Lagerhäusern, die innerhalb weniger Tazuras leergefressen worden waren. Von Frachtern, deren komplette Lebensmittelvorräte vernichtet wurden. Von Nitsus, die Kabelisolierungen zerbissen, Sensorleitungen beschädigten und sich in nahezu jedem Hohlraum einnisteten. Eine unbemerkte Population hätte sich auf Altrix Nova explosionsartig vermehrt. Unsere Nahrungsmittelproduktion wäre irgendwann massiv betroffen gewesen. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht nächsten Monat. Aber irgendwann mit Sicherheit.
Ich verschränkte die Arme. "Der Alarm bleibt bestehen." Mehrere Köpfe hoben sich. "Nicht auf höchster Stufe." Ich schüttelte den Kopf. "Aber wir stufen ihn lediglich zurück."
Gal nickte zustimmend. "Verstärkte Wachsamkeit?"
"Genau." Ich sah sie an. "Ich glaube nicht, dass wir bereits jedes einzelne Nitsu gefunden haben."
Mein Blick wanderte auf die holografische Stationskarte. Dort leuchteten die weitläufigen Freilandkuppeln auf, in denen unsere Argnu-Rinder gehalten wurden. Riesige künstliche Weideflächen mit Gras, Felsen, kleinen Wasserläufen und dichtem Buschwerk. Von oben wirkten sie beinahe wie natürliche Landschaften. Genau deshalb gefielen sie den Tieren so gut. Genau deshalb missfielen sie mir in diesem Moment.
"Vor allem die Freilandbereiche." Ich zeigte auf die entsprechenden Sektionen. "Zwischen den Argnu-Gehegen gibt es unzählige Versteckmöglichkeiten. Büsche. Felsnischen. Versorgungskanäle. Wenn sich dort noch Nitsus befinden, sehen wir sie vielleicht tagelang nicht."
Tahl folgte meinem Blick. "Dann stationieren wir dort zusätzliche Patrouillen."
"Nicht nur Patrouillen." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Wir setzen auch automatische Sensorpfähle entlang der Weidegrenzen. Bewegung, Wärme, Biomasse. Alles."
Misora nickte sofort. "Das lässt sich relativ einfach nachrüsten."
Ich atmete tief durch. Langsam kehrte wieder etwas Ruhe in meine Gedanken zurück. Hatileos war verschwunden. Die Korvette war fort. Die Toten konnten wir nicht zurückholen. Aber wenigstens konnten wir verhindern, dass aus einem weiteren Problem noch eine zweite Katastrophe entstand. Und genau das musste jetzt oberste Priorität haben. Denn eines hatte ich in den vergangenen Monaten gelernt. Große Krisen entstanden selten durch einen einzigen Fehler. Meist waren es viele kleine Versäumnisse, die sich unbemerkt aufeinanderstapelten, bis irgendwann alles gleichzeitig zusammenbrach. Diesmal durfte genau das nicht noch einmal passieren.

Ich saß erschöpft am Esstisch unseres Privatquartiers auf Altrix Nova. Der Tag hatte sich angefühlt, als hätte er niemals enden wollen. Blut, Berichte, Verhöre, Lagebesprechungen, Nitsus, Tote, Vermisste. Selbst jetzt schien mein Kopf nicht bereit zu sein, zur Ruhe zu kommen. Durch die breite Panoramafront fiel das kalte Licht des Trantor-Orbits in den Raum. Der blaue Planet hing reglos im schwarzen Nichts, während sich langsam die künstliche Abendbeleuchtung einschaltete und den Wohnbereich in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht tauchte. Aus der offenen Küchenzeile stieg der angenehme Geruch nach frischem Gemüse, gebratenem Argnu-Fleisch und Gewürzen auf. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen alles friedlich wirkte. Gerade deshalb fühlte sich dieser Frieden unwirklich an.
Vanu saß rechts von mir. Asahi ruhte auf ihrem Schoß und strampelte zufrieden mit den kleinen Beinen, während sie ihn geduldig mit einem schmalen Löffel fütterte. Immer wieder lächelte sie ihn an, wischte ihm mit einem Tuch vorsichtig den Mund ab und sprach leise mit ihm, obwohl er ihre Worte vermutlich noch gar nicht verstand. Auf der anderen Seite kümmerte sich Valentina um Hoshiko. Unsere Tochter griff immer wieder nach dem Löffel, als wolle sie unbedingt selbst essen. Valentina musste schmunzeln und ließ sie schließlich den Griff festhalten, während sie den Löffel gemeinsam zu ihrem Mund führte. Für einige Minuten sagte niemand etwas. Man hörte nur das leise Klappern des Bestecks, das Summen der Belüftung und gelegentlich das zufriedene Glucksen unserer Kinder.
Dann durchbrach Vanu die Stille. "Glaubt ihr, dass Hatileos es auf die aldrianische Korvette abgesehen hatte?"
Ich hob langsam den Blick von meinem Teller und sah sie an. Ihre Stirn war leicht gerunzelt. Sie wirkte nachdenklich, nicht überzeugt von der Erklärung, die wir den ganzen Tag über beinahe selbstverständlich angenommen hatten.
"Glaubst du das nicht?", fragte ich.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, während sie Asahi den nächsten Löffel hinhielt. "Der Plan mit den Nitsus ging zwar nicht ganz auf, aber an sich war er unglaublich zeitaufwendig."
Ich legte das Besteck beiseite. "Was willst du damit sagen?"
Sie blickte kurz zu Trantor hinaus, als suche sie dort draußen die richtigen Worte. "Wenn Hatileos ausschließlich die Korvette gewollt hätte, dann hätte sie unzählige Gelegenheiten gehabt. Die Korvette hätte jederzeit abdocken können. Wir hätten sie ebenfalls jederzeit auffordern können, die Station zu verlassen. Sie hätte nie garantieren können, dass das Schiff überhaupt noch an der Schleuse liegt, wenn ihr Plan in Gang gesetzt wird."
Valentina nickte langsam, ohne Hoshiko aus den Augen zu lassen. "Das bedeutet", sagte sie ruhig, "dass es Hatileos vollkommen egal gewesen sein könnte, welches Schiff sie letztendlich bekommt."
Ich runzelte die Stirn. "Aber warum heute?"
Valentina hob nur leicht die Schultern. "Ein Tag wie jeder andere."
Vanu verzog nachdenklich den Mund. "Für uns." Sie strich Asahi sanft über den Rücken, ehe sie weitersprach. "Aber wer weiß, was dieser Tag für sie bedeutet."
Ihre Worte blieben im Raum hängen. Ich ließ den Gedanken wirken. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugte mich meine ursprüngliche Annahme. Wir waren automatisch davon ausgegangen, dass die Korvette das eigentliche Ziel gewesen war. Doch vielleicht war das nie der Plan gewesen. Vielleicht war sie lediglich das Transportmittel geworden, das zufällig verfügbar gewesen war.
Ich stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. "Wenn das stimmt... warum musste sie heute fliehen?"
Beide Frauen sahen mich an. Valentina nickte langsam. Ich versuchte die Ereignisse des Tages chronologisch zu ordnen. Nichts Auffälliges. Keine besonderen politischen Entscheidungen. Keine militärischen Bewegungen. Keine neuen Nachrichten. Kein Besuch. Keine Inspektion. Zumindest nichts, von dem ich wusste.
"Was könnte jemanden dazu zwingen, einen langfristigen Plan plötzlich auszulösen?", fragte ich mehr mich selbst als die anderen.
"Zeitdruck", antwortete Valentina sofort.
"Entdeckung", ergänzte Vanu.
Ich schloss kurz die Augen. Hatileos hatte sich in den letzten Wochen erstaunlich frei auf Altrix Nova bewegen können. Sie war auf Frachtern unterwegs gewesen. Sie hatte Lager inspiziert. Sie hatte sich Zugang verschafft. Sie hatte Kontakte gehabt, von denen wir nichts wussten.
Niemand antwortete sofort. Dieser Gedanke gefiel mir überhaupt nicht. Ich blickte erneut hinaus auf Trantor. Der Planet drehte sich ruhig unter uns. Doch ich hatte das ungute Gefühl, dass wir längst Teil eines Spiels geworden waren, dessen Regeln nur einer Seite bekannt waren. Und genau das machte mir weit mehr Sorgen als eine gestohlene Korvette.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 67 - Investigation

Ich konnte in dieser Nacht kaum schlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich wieder den blutverschmierten Korridor vor mir. Die roten Schlieren auf den weißen Wandverkleidungen. Die reglosen Körper der SSA-Angehörigen. Den Ausdruck auf den Gesichtern der Überlebenden, die sich fragten, weshalb eine Frau, die wochenlang beinahe zum Inventar von Altrix Nova gehört hatte, plötzlich zu einer Mörderin geworden war. Irgendwann gab ich den Versuch auf, noch Ruhe zu finden. Ich zog meine Uniform an, legte die linke Armschiene an und verließ das Quartier. Die künstliche Morgendämmerung hatte gerade erst begonnen. Das Licht in den Korridoren wechselte langsam von einem gedämpften Nachtblau zu einem weichen Weiß. Nur vereinzelte Besatzungsmitglieder begegneten mir. Einige nickten mir respektvoll zu. Andere wirkten erschöpft. Jeder hatte mitbekommen, was geschehen war.
Die Ermittlungszentrale der SSA befand sich mehrere Ebenen unterhalb meines Büros. Schon bevor sich die automatische Tür öffnete, hörte ich gedämpfte Stimmen, das leise Summen von Holoprojektoren und das ununterbrochene Tippen auf Datenkonsolen. Im Inneren herrschte konzentrierte Betriebsamkeit. Niemand rannte hektisch umher. Stattdessen arbeitete jeder ruhig, methodisch und hochkonzentriert. Genau deshalb hatte ich Gal und Tahl die SSA aufbauen lassen. Ich wollte keine Organisation, die in Panik verfiel. Ich wollte Fachleute.
Als ich den Raum betrat, erhob sich niemand. Es wurde lediglich kurz genickt. Das gefiel mir. Ich wollte kein Zeremoniell. Ich wollte Ergebnisse. Gal stand vor einer mehrere Meter breiten Holowand. Ihre purpurfarbene Leiste am Kragen ihrer weißen und schwarzen Uniform hob sich dezent vom Stoff ab. Auf ihrer linken Brust glänzte das goldene Emblem ihrer Dienststellung. Sie bemerkte mich sofort.
"Du bist früh."
"Ich konnte ohnehin nicht schlafen."
Sie nickte verständnisvoll. "Wir haben in der Nacht einiges zusammengetragen."
Neben ihr stand Tahl. Seine Uniform war nahezu identisch, lediglich die petrolfarbene Kragenleiste unterschied ihn von Gal. Vor ihm schwebten mehrere dreidimensionale Zeitachsen.
"Wir beginnen ganz vorne."
Ich trat näher. Sofort wechselte die Projektion. Der gesamte Stationsgrundriss erschien über dem Tisch. Hunderte kleiner Lichtpunkte bewegten sich darin.
"Das sind sämtliche bestätigten Bewegungsdaten von Hatileos während der letzten sechs Wochen."
Ich musste unwillkürlich pfeifen. "Das ist... umfangreich."
Tahl nickte. "Sie war deutlich aktiver, als wir angenommen haben."
Er ließ die Darstellung schneller ablaufen. Die kleine Markierung wanderte nahezu täglich durch unterschiedliche Bereiche der Station. Hangars. Lager. Hydroponik. Maschinenräume. Wohnsektionen. Frachtschleusen. Werkstätten. Selbst medizinische Bereiche.
Ich runzelte die Stirn. "Sie war praktisch überall."
"Ja." Gal übernahm. "Und genau das macht uns inzwischen stutzig."
Ich sah sie fragend an. "Warum?"
"Weil niemand Fragen gestellt hat."
Sie vergrößerte mehrere Sicherheitsprotokolle. "Hatileos bewegte sich so selbstverständlich über Altrix Nova, dass sie irgendwann niemandem mehr auffiel."
Mir gefiel diese Erkenntnis überhaupt nicht. Sie hatte sich integriert. Nicht sozial. Sondern funktional. Jeder hatte angenommen, sie gehöre einfach dazu. Eine Technikerin. Eine Inspektorin. Eine Besucherin. Eine neugierige Teladi. Nichts Besonderes. Genau dadurch war sie praktisch unsichtbar geworden.
"Das war Absicht."
Gal nickte. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit."
Ein Ermittler trat an den Tisch. Er war noch jung. Vielleicht Anfang dreißig. Auf seiner Uniform befand sich ein kleineres silbernes Emblem.
"Neue Auswertung." Er legte mehrere Datenpakete in die Projektion. "Wir haben sämtliche Türprotokolle überprüft."
Ich sah ihn an. "Und?"
"Keine Manipulation."
Ich blinzelte überrascht. "Gar keine?"
"Nein." Er vergrößerte mehrere Datensätze. "Sie hat nahezu jede Tür regulär geöffnet."
"Mit welcher Berechtigung?"
"Unterschiedlichen."
Er wechselte erneut die Anzeige. Mal war sie als Wartungstechnikerin eingetragen. Dann als Hygienekontrolleurin. Kurz darauf als Schädlingsbekämpferin. An anderer Stelle wiederum als Logistikmitarbeiterin.
Ich runzelte die Stirn. "Gefälschte Identitäten?"
Gal schüttelte den Kopf. "Nicht vollständig." Sie zeigte auf die Datensätze. "Sie hat echte Identitäten benutzt."
Mir wurde kalt. "Echte?"
"Ja."
Tahl verschränkte die Arme. "Mehrere Mitarbeiter haben bestätigt, dass Hatileos sie freundlich angesprochen hat." Er öffnete weitere Aufzeichnungen. "'Ich muss nur kurz durch.' 'Der Stationsleiter hat mich geschickt.' 'Ich bin gleich wieder draußen.' 'Kann ich deine Zugangsfreigabe kurz benutzen?'"
Ich schloss für einen Moment die Augen. Social Engineering. Kein Hack. Keine Gewalt. Vertrauen. Sie hatte einfach Menschen ausgenutzt.
Ich seufzte. "Das bekommen wir technisch kaum in den Griff."
Gal nickte langsam. "Nur durch Schulungen."
Ich antwortete sofort. "Dann werden wir sie durchführen."
Sie machte sich eine Notiz. Währenddessen trat eine weitere Ermittlerin hinzu.
"Wir haben außerdem sämtliche Kameraaufnahmen rekonstruiert."
Jetzt wurde es interessant. Die Holowand zeigte Hatileos. Immer wieder. Mal trug sie einen Werkzeugkoffer. Mal einen Datenkoffer. Mal Lebensmittelkisten. Ein anderes Mal sprach sie minutenlang freundlich mit einem Piloten. Dann half sie sogar mehreren Technikern dabei, Ersatzteile zu transportieren. Ich betrachtete die Aufnahmen lange. Sie spielte ihre Rolle perfekt. Nicht übertrieben freundlich. Nicht auffällig distanziert. Einfach ... normal.
"Sie wusste genau, wie sie wirken musste."
Gal antwortete leise. "Ja."
Die Ermittlerin wechselte auf den Tag des Angriffs. Jetzt wurde alles deutlich schneller. Hatileos bewegte sich ungewöhnlich zielgerichtet. Keine Umwege. Keine Gespräche. Keine Aufenthalte. Sie ging direkt zur Korvette. Kurz vorher verschwand sie allerdings für mehrere Minuten.
"Wo war sie dort?"
Ich zeigte auf einen Wartungskorridor. Der Ermittler vergrößerte den Bereich.
"Keine Kamera." Natürlich. "Blinder Fleck."
"Ja."
Ich atmete tief durch. "Wie viele haben wir davon?"
Tahl antwortete sofort. "Zu viele."
Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich deutete auf den Bereich. "Alle schließen."
Misora wäre begeistert. Oder beleidigt, dass sie überhaupt existierten. Wahrscheinlich beides gleichzeitig. Die Untersuchung ging weiter. Sekunde für Sekunde. Frame für Frame. Dann blieb das Bild stehen. Hatileos trat aus dem Wartungsschacht. Ihre Hände waren leer. Als sie wenige Minuten später an der Schleuse erschien ... trug sie plötzlich mehrere Betäubungsgranaten. Niemand sagte etwas. Sie musste irgendwo auf der Station ein Waffenlager angelegt haben. Oder jemand hatte sie versorgt.
Ich sah Gal an. "Habt ihr gesucht?"
"Ja."
"Gefunden?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nicht mehr."
Also hatte sie alles mitgenommen. Oder vernichtet. Oder nicht so viel gehabt. Ich ließ den Blick über sämtliche Ermittler schweifen. Jeder arbeitete konzentriert. Jeder suchte nach Zusammenhängen. Nach kleinsten Unstimmigkeiten. Nach einem Fehler. Doch Hatileos hatte kaum welche gemacht. Gerade das war beunruhigend. Sie war nicht einfach clever gewesen. Sie war vorbereitet gewesen. Wochenlang. Vielleicht monatelang. Ich trat langsam an die große Panoramascheibe des Ermittlungsraumes. Unter mir zogen Transportdrohnen lautlos zwischen den Hangarsektionen hindurch. Techniker reparierten beschädigte Wandsegmente. Reinigungsdrohnen entfernten noch immer letzte Blutspuren. Altrix Nova funktionierte wieder. Nach außen. Doch unter dieser Oberfläche hatte Hatileos etwas hinterlassen. Nicht nur Tote. Nicht nur eine gestohlene Korvette. Sondern Zweifel. An unseren Sicherheitsmaßnahmen. An unseren Routinen. An unserem Vertrauen.
Ich legte beide Hände auf den Rücken. "Wir suchen nicht mehr nach dem, was Hatileos getan hat." Mehrere Köpfe hoben sich. "Wir suchen danach, was sie noch vorbereitet hat."
Im Raum wurde es vollkommen still. Gal nickte als Erste. "Genau darauf wollte ich ebenfalls hinaus."
Ich sah erneut auf die riesige Stationskarte. Altrix Nova war gewaltig. Zu gewaltig. Und plötzlich kam mir ein Gedanke, der mir überhaupt nicht gefiel. Wenn Hatileos über Wochen hinweg Nitsus einschleusen konnte ... wenn sie Waffen verstecken konnte ... wenn sie Identitäten aufbauen konnte ... wer sagte mir eigentlich, dass sie das alles allein getan hatte?

Je länger ich mit den Investigatoren der SSA die gesicherten Daten sichtete, desto stärker setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, den ich zunächst nicht wahrhaben wollte. Er passte nicht zu dem Bild, das ich mir von Hatileos gemacht hatte. Oder vielmehr zu dem Bild, das ich von ihr hatte machen wollen. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die schwebenden Holofenster, die sich halbkreisförmig vor uns ausbreiteten. Dutzende Zeitstempel, Bewegungsprofile, Kommunikationsprotokolle und Zugangsberechtigungen liefen synchron nebeneinander. Im Hintergrund summten die leistungsstarken Rechner der SSA-Zentrale gleichmäßig vor sich hin. Der Geruch nach frischem Kunststoff, Elektronik und heiß gelaufenen Projektoren hing in der klimatisierten Luft. Immer wieder hörte ich das leise Tippen der Analysten auf ihren holografischen Eingabefeldern, während irgendwo im hinteren Bereich ein Drucker ununterbrochen Beweisprotokolle auswarf.
"Sie hat sich zu schnell integriert...", murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den anderen.
Gal hob den Blick von ihrer Konsole. Ihre grünen Augen musterten mich aufmerksam. "Wie meinst du das?"
Ich ließ meinen Blick über die Auswertungen gleiten. "Denkt doch einmal darüber nach. Hatileos hat ihr gesamtes Leben auf Nif'Nakh verbracht. Versteckt vor den Split. Als einzige Teladi. Ohne Kontakt zur galaktischen Gesellschaft. Nur ihre Split-Ziehmutter und ihr Stiefbruder waren da. Niemand sonst." Ich machte eine kurze Pause. "Jemand mit einer solchen Vergangenheit müsste sich doch vollkommen überfordert fühlen. Fremde Spezies. Milliarden neuer Eindrücke. Neue Technik. Neue Umgangsformen. Neue Kulturen." Niemand widersprach. "Stattdessen...", fuhr ich langsam fort, "...hat sie sich beinahe mühelos eingefügt. Zu mühelos." Mehrere Köpfe drehten sich zu mir. "In den ersten Tagen wirkte sie zwar zurückhaltend. Aber nie verängstigt. Nie orientierungslos. Sie beobachtete. Lernte. Bewegte sich immer sicherer durch Altrix Nova. Sie wusste erstaunlich schnell, wen sie ansprechen musste, welche Bereiche wichtig waren und welche Personen Einfluss hatten."
Gal nickte langsam. "Das ist mir ebenfalls aufgefallen."
Noch bevor jemand weiterreden konnte, öffnete sich mit einem leisen Zischen die Tür der Einsatzzentrale. Ich drehte mich automatisch um. Xandra trat herein. Sie wirkte noch sichtlich erschöpft. Ihre langen blonden Haare waren ungeordnet und fielen ihr locker über Schultern und Rücken. Einige Strähnen klebten noch leicht an ihrer Stirn, als wäre sie eben erst aufgestanden. Ihre grün schimmernden Augen waren halb geschlossen. Sie trug noch immer die leichte Kleidung der aldrianischen Krankenstation. Ihr Gang war langsam. Vorsichtig. Die Müdigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Sie blinzelte mehrmals. Dann fiel ihr Blick auf mich. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Papa..."
Im selben Augenblick wurde es vollkommen still. Nicht nur ich. Der gesamte Raum erstarrte. Mindestens ein Dutzend Investigatoren blickten gleichzeitig von ihren Arbeitsplätzen auf. Ich spürte, wie mir augenblicklich sämtliche Gedanken entglitten. Xandra selbst brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann weiteten sich ihre Augen. Die Schläfrigkeit verschwand schlagartig. Ihr Gesicht wurde innerhalb weniger Herzschläge tiefrot. Ihre Hände schossen gleichzeitig vor ihren Mund.
"Ich..." Sie machte einen Schritt zurück. "Ich... ich..." Ihre Ohren wurden ebenso rot wie ihre Wangen. "Das..."
Sie brachte keinen vollständigen Satz mehr heraus. Ich konnte regelrecht sehen, wie ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. Sie starrte mich an. Dann die übrigen Anwesenden. Dann wieder mich. Am liebsten wäre sie vermutlich im Boden versunken. Niemand sagte ein Wort. Einige Investigatoren wechselten irritierte Blicke. Andere schauten bewusst wieder auf ihre Arbeitsflächen. Tahl hob lediglich eine Augenbraue. Misstrauen war in seinem Gesicht nicht zu erkennen. Nur Verwunderung.
Gerade als ich überlegte, ob ich überhaupt irgendetwas sagen sollte, räusperte sich Gal demonstrativ. "Lassen wir das fürs Erste." Ihre Stimme war ruhig. Professionell. Mit wenigen Schritten trat sie in die Mitte des Raumes. "Wir konzentrieren uns wieder auf Hatileos."
Dankbar dafür, dass niemand weiter auf Xandras Versprecher einging, sah ich, wie diese langsam wieder Luft bekam. Sie stellte sich schweigend etwas seitlich an eine freie Konsole und vermied es konsequent, mich anzusehen.
Gal aktivierte mehrere neue Projektionen. "Wir haben ihre komplette Reise rekonstruiert." Sofort erschienen dreidimensionale Zeitachsen. "Interessanterweise verließ Hatileos während des gesamten Fluges von Wen nach Presidents End ihr Quartier nur äußerst selten." Mehrere rote Markierungen erschienen. "Für Mahlzeiten." Eine weitere. "Für medizinische Untersuchungen." Noch eine. "Und für wenige Gespräche." Sie vergrößerte die Darstellung. "Den überwiegenden Teil der Reise verbrachte sie allein."
Ich nickte. "Das passt zu dem, was ich gesehen habe."
"Ja." Gal wechselte das Bild. "Dafür zeigen unsere Netzwerkprotokolle etwas ganz anderes." Nun erschienen riesige Datenströme. Unzählige Verbindungslinien liefen von Hatileos' Quartier in sämtliche Richtungen. "Sie ließ nahezu rund um die Uhr verschiedenste Informationsnetzwerke mitlaufen."
Ich trat näher. "Welche?"
Gal begann aufzuzählen. "Das Federal Information Network der Argonen." Ein Symbol erschien. "Das Profitnetzwerk der Teladi." Ein weiteres. "Die öffentlichen Archive der Boronen." Noch eines. "Mehrere paranidische Informationskanäle." Weitere Symbole. "Sowie frei zugängliche Datenbanken der Split, Handelsregister, Navigationskarten, historische Archive, wirtschaftliche Analysen, Sprachdatenbanken und öffentliche Nachrichtensender."
Ich starrte die Daten an. "Sie hat praktisch die gesamte bekannte Galaxis studiert."
"Ja." Gal nickte. "Fast ohne Unterbrechung." Sie wechselte erneut die Ansicht. "Teilweise liefen über zwanzig Datenströme gleichzeitig."
Ich runzelte die Stirn. "Das kann doch niemand gleichzeitig aufnehmen."
Da meldete sich Xandra vorsichtig zu Wort. Mittlerweile hatte sich ihre Gesichtsfarbe weitgehend normalisiert, auch wenn sie mich weiterhin konsequent nicht ansah. "Vielleicht... doch."
Alle blickten zu ihr. Sie verschränkte nachdenklich die Hände hinter dem Rücken. "Ich habe einmal gehört..." Sie überlegte kurz. "...dass Teladi ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis besitzen."
Gal sah interessiert auf. "In welchem Ausmaß?"
Xandra hob leicht die Schultern. "Ich weiß es nicht genau. Aber während meines Studiums fiel der Begriff eines nahezu fotografischen Gedächtnisses. Zumindest bei vielen Teladi." Sie sah auf die schwebenden Datenströme. "Vielleicht musste Hatileos diese Informationen gar nicht ständig wiederholen. Vielleicht genügte es, sie einmal vollständig zu sehen."
Ich spürte, wie sich ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz schob. "Dann hat sie während der Reise nicht einfach Nachrichten konsumiert."
Gal nickte langsam. "Sie hat gelernt."
Tahl verschränkte die Arme. "Nicht oberflächlich." Sein Blick blieb auf den eingeblendeten Daten hängen. "Sondern systematisch."
Ich ließ die Projektionen noch einmal an mir vorbeiziehen. Hatileos hatte während der Reise kaum mit Menschen gesprochen. Kaum Kontakte gesucht. Kaum soziale Beziehungen aufgebaut. Stattdessen hatte sie etwas völlig anderes getan. Sie hatte beobachtet. Gelernt. Analysiert. Und vermutlich jedes einzelne Detail dauerhaft gespeichert. Desto länger ich darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde mir. Vielleicht war Hatileos niemals so ahnungslos gewesen, wie wir alle geglaubt hatten. Vielleicht hatte sie uns die ganze Zeit studiert. Uns, unsere Organisation, unsere Routinen, unsere Schwächen. Und vielleicht war genau das der eigentliche Grund gewesen, warum sie sich nach ihrer Ankunft auf Altrix Nova so erstaunlich schnell zurechtgefunden hatte. Nicht, weil sie sich außergewöhnlich gut anpasste, sondern weil sie bereits vorbereitet gewesen war, lange bevor wir glaubten, sie hätte überhaupt erst angefangen, unsere Welt kennenzulernen.

Als die Lagebesprechung schließlich beendet wurde, leerten sich die Arbeitsplätze der SSA-Zentrale nach und nach. Holografische Projektionen verschwanden, Datensätze wurden archiviert und Gespräche gingen in gedämpftes Murmeln über. Ich blieb noch einen Moment regungslos stehen und sah den Ermittlern dabei zu, wie sie sich bereits der nächsten Spur widmeten. Xandra hatte den Raum schon deutlich früher verlassen. Noch während Gal die letzten Anweisungen verteilt hatte, war sie beinahe fluchtartig zur Tür gegangen. Sie hatte niemanden angesehen. Vor allem mich nicht. Die Erinnerung an ihren Versprecher musste sie noch immer verfolgen. Ich konnte ihr das nicht einmal übel nehmen. Es war ihr im Halbschlaf herausgerutscht, und dennoch hatte es jeder im Raum gehört. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob ich ihr nachgehen sollte. Vielleicht hätte ich ihr sagen können, dass es mir nicht unangenehm war. Dass ich wusste, weshalb sie mich verwechselt hatte. Dass sie sich dafür nicht schämen musste. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu dem Schluss, dass jede Erklärung die Situation vermutlich nur noch peinlicher gemacht hätte. Also ließ ich es fürs Erste auf sich beruhen. Manche Dinge brauchten Abstand, bevor man sie ansprechen konnte.
Ich verließ die Einsatzzentrale allein. Die Tür glitt lautlos hinter mir zu, und mit einem Mal war es deutlich ruhiger. Nur das gleichmäßige Summen der Station begleitete mich. Die Korridore von Altrix Nova wirkten trotz ihrer enormen Ausmaße beinahe wohnlich. Das helle Licht der Deckenpaneele spiegelte sich auf den sauber polierten Bodenplatten, während in regelmäßigen Abständen bepflanzte Nischen mit dunkelgrünen Farnen und kleineren Zierpflanzen das sterile Metall auflockerten. Einige Besatzungsmitglieder gingen ihren Aufgaben nach. Techniker transportierten Werkzeugwagen, Logistiker schoben Container auf schwebenden Plattformen durch die Gänge, medizinisches Personal eilte in Richtung Krankenstation. Jeder schien zu wissen, wohin er musste. Nur ich hatte plötzlich kein klares Ziel mehr.
Eigentlich hatte ich in mein Büro gewollt. Dort warteten Berichte, Anträge und Entscheidungen, die nicht länger aufgeschoben werden konnten. Doch meine Beine ignorierten meinen Plan. Ohne bewusst darüber nachzudenken, bog ich immer wieder anders ab, folgte Aufzügen, nahm Verbindungsgänge, wechselte Ebenen. Erst als ich das entfernte Echo schwerer Arbeitsmaschinen hörte und der Geruch nach Reinigungsmitteln sowie geschmolzenem Kunststoff in meine Nase stieg, wurde mir bewusst, wohin mich mein Unterbewusstsein geführt hatte. Ich stand vor der Andockschleuse. Genau hier hatte Hatileos zugeschlagen. Der Bereich war weiträumig abgesperrt. Mobile Barrieren trennten die Arbeitszone vom restlichen Stationsverkehr. Dahinter waren Dutzende Arbeiter beschäftigt. Einige tauschten beschädigte Wandverkleidungen aus. Andere entfernten die letzten deformierten Metallsegmente aus der Schleusenmechanik. Mehrere Reinigungsdrohnen glitten langsam über den Boden und saugten selbst kleinste Rückstände aus den Fugen der Bodenplatten. Der metallische Geruch von Blut war fast vollständig verschwunden und wurde inzwischen von scharfen Desinfektionsmitteln überdeckt. Trotzdem wusste ich noch genau, wie dieser Ort nur wenige Stunden zuvor ausgesehen hatte. Vor meinem inneren Auge lag wieder rotes Blut auf dem hellen Boden. Ich hörte Schreie. Das Knallen von Betäubungswaffen. Das Kreischen beschädigter Schleusentore. Das Stöhnen Verwundeter. Jetzt hörte ich nur das monotone Summen der Maschinen. Ein Arbeiter bemerkte mich, hob kurz die Hand zum Gruß und widmete sich sofort wieder seiner Arbeit. Niemand sprach mich an. Wahrscheinlich sah man mir an, dass ich allein sein wollte. Ich blieb einige Minuten regungslos stehen. Morgen, dachte ich. Morgen würde hier vermutlich nichts mehr an das Massaker erinnern. Neue Wandverkleidungen. Frischer Bodenbelag. Polierte Oberflächen. Altrix Nova würde aussehen, als wäre nie etwas geschehen. Doch Orte vergaßen nicht. Und Menschen erst recht nicht.
Ich atmete tief durch und setzte meinen Weg fort. Erneut glaubte ich, nun endlich mein Büro anzusteuern. Doch wieder schien mein Körper schneller zu entscheiden als mein Verstand. Ich bog an einer Kreuzung nach links ab. Nahm einen Personenaufzug. Ging zwei weitere Verbindungskorridore entlang. Vor mir tauchte schließlich ein Abschnitt auf, den ich inzwischen ebenfalls nur allzu gut kannte. Erst als ich die vertraute Tür sah, blieb ich stehen. Hatileos' Quartier. Ich starrte einige Sekunden auf das schlichte Türschild. Kein Name mehr. Nur noch die Quartiernummer. Mein Unterbewusstsein hatte mich wahrscheinlich hierhergeführt. Vor dem Eingang standen bereits mehrere Angehörige der SSA. Die goldenen und silbernen Embleme auf ihren Uniformen verrieten mir sofort, dass es sich um spezialisierte Investigatoren handelte. Zwei sicherten den Zugang, während weitere im Inneren arbeiteten. Die Tür war vollständig geöffnet. Ich trat näher.
Gal bemerkte mich zuerst. "Wir haben gerade begonnen."
Ich nickte nur. Langsam trat ich über die Schwelle. Der Raum wirkte auf den ersten Blick beinahe unberührt. Das Bett war ordentlich gemacht. Ein schmaler Schrank stand geöffnet an der Wand. Der kleine Tisch unter dem Panoramafenster war leer. Nur dass inzwischen nahezu jeder Gegenstand mit kleinen Markierungen versehen worden war. Mehrere Ermittler trugen dünne Handschuhe und arbeiteten mit beeindruckender Sorgfalt. Jeder Gegenstand wurde fotografiert, dreidimensional gescannt, katalogisiert und anschließend in nummerierte Behälter gelegt. Kleidung wurde einzeln untersucht. Datenspeicher geöffnet. Selbst kleinste Fasern von den Möbeln abgesaugt und gesichert. Einer der Techniker hatte bereits die Lüftungsgitter demontiert und kontrollierte mit einer flexiblen Endoskopkamera die dahinterliegenden Schächte. Ein anderer untersuchte die Innenverkleidung der Wände auf nachträglich geschaffene Hohlräume.
"Wir stellen wirklich alles auf den Kopf", sagte ich leise.
Gal trat neben mich. "Wenn jemand über Wochen hinweg eine solche Operation vorbereitet, darf man nichts übersehen."
Ich ließ den Blick langsam durch das Quartier schweifen. Es wirkte ... leer. Nicht nur physisch. Persönlich. Es gab keine Bilder. Keine Erinnerungsstücke. Keine Dekoration. Keine Pflanzen. Keine kleinen Gegenstände, wie sie fast jeder Terraner oder Argone automatisch ansammelte. Nichts erzählte von einer Persönlichkeit. Es war, als hätte hier nie wirklich jemand gelebt. Nur gewohnt.
"Sie hat erstaunlich wenig Besitz gehabt."
"Das ist uns ebenfalls aufgefallen."
Ein Ermittler hob vorsichtig ein zusammengefaltetes Kleidungsstück hoch. "Alles funktional."
Ein anderer öffnete einen Schrank. "Keine versteckten Fächer."
Ein Dritter untersuchte die Matratze. "Keine Datenspeicher."
Ich trat langsam an das Fenster. Von hier aus hatte Hatileos wochenlang auf Trantor blicken können. Auf die Schiffe. Auf die Station. Auf das Leben. Oder hatte sie überhaupt nicht hinausgesehen? Hatte sie stattdessen Stunde um Stunde vor ihren Bildschirmen verbracht und Informationen verschlungen? Ich ließ meinen Blick über den kleinen Raum gleiten. Plötzlich blieb ich an einer kaum auffälligen Stelle der Wand hängen. Dort, wo normalerweise ein Bild oder ein persönliches Erinnerungsstück hätte hängen können, befanden sich lediglich zwei winzige, nahezu kreisrunde Druckstellen im Material. Ich trat näher.
"Was ist damit?"
Sofort kam einer der Ermittler hinzu. "Die haben wir ebenfalls gesehen."
Er leuchtete mit einer schmalen Lampe über die Oberfläche. "Hier hing einmal etwas."
"Nehmt ihr an, sie hat es mitgenommen?"
Er nickte. "Wahrscheinlich kurz vor dem Angriff."
Ich strich mit zwei Fingern vorsichtig über die kleinen Vertiefungen. Was immer dort gehangen hatte, musste ihr wichtig gewesen sein. Denn alles andere hatte sie zurückgelassen. Nur dieses eine Objekt nicht. Und genau deshalb fragte ich mich unwillkürlich, was dort einst gewesen war. Ein Foto? Eine Zeichnung? Eine Erinnerung an Nif'Nakh? Oder etwas, das weit mehr über Hatileos verraten hätte, als sie jemals selbst preisgegeben hatte?

Anstatt in mein Büro zurückzukehren, führten mich meine Schritte diesmal bewusst in das Kommandozentrum von Altrix Nova. Der Gedanke hatte sich erst gebildet, nachdem ich in Hatileos ehemaligem Quartier einige Minuten schweigend aus dem Panoramafenster hinausgesehen hatte. Zunächst war es nur ein flüchtiger Einfall gewesen. Einer jener Gedanken, die so weit hergeholt wirkten, dass man sie normalerweise wieder verwarf. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto hartnäckiger hielt er sich fest. Vielleicht führte er ins Leere. Vielleicht war er völlig unsinnig. Aber ich hatte inzwischen gelernt, dass viele der entscheidenden Hinweise genau mit solchen scheinbar absurden Überlegungen begonnen hatten.
Das Kommandozentrum lag tief im zentralen Kern der Station. Schon beim Betreten empfing mich das leise, aber allgegenwärtige Summen hunderter Rechnersysteme. Halbkreisförmig angeordnete Arbeitsplätze füllten den riesigen Saal. Über ihnen schwebten mehrere meterhohe Hologramme von Altrix Nova, Trantor und dem gesamten System Presidents End. Datenbahnen zogen sich wie leuchtende Fäden durch den Raum. Schiffe erschienen als kleine Lichtpunkte, Sensorreichweiten als transparente Kugeln, Kommunikationsverbindungen als feine Linien. Das Licht war etwas gedämpfter als in den übrigen Bereichen der Station, damit die Projektionen besser sichtbar waren. Trotzdem wirkte der Raum keineswegs dunkel. Das kalte Blau der Holodisplays verlieh ihm vielmehr eine konzentrierte, beinahe wissenschaftliche Atmosphäre.
Mehrere Offiziere arbeiteten schweigend an ihren Konsolen. Manche trugen die weiß-schwarze Uniform der SSA mit den petrolfarbenen Kragen der Männer oder den purpurfarbenen der Frauen. Andere gehörten zur Stationskontrolle oder zur Navigation der UNO. Kaum jemand sprach laut. Informationen wurden meist knapp ausgetauscht. Tastaturen gab es praktisch keine mehr. Stattdessen bewegten sich Hände durch holografische Bedienfelder, während Datenfenster lautlos verschoben oder vergrößert wurden.
Als ich den zentralen Auswertungstisch erreichte, erhob sich der diensthabende Offizier sofort.
"Grau-san."
Ich nickte nur. "Ich brauche eine etwas ungewöhnliche Berechnung."
Der Offizier schien daran inzwischen gewöhnt zu sein. "Worum geht es?"
Ich stellte mich an den großen Projektionstisch und blickte auf das langsam rotierende Modell von Altrix Nova. "Vergleichen Sie die Rotation der Station mit ihrer Umlaufbahn um Trantor."
Der Offizier legte bereits mehrere Berechnungsfenster übereinander.
"Speziell..." Ich deutete auf den Ringabschnitt, in dem Hatileos Quartier gelegen hatte. "...dieser Bereich."
Er nickte.
"Ich möchte wissen, welchen Abschnitt von Trantor Hatileos während ihres Aufenthalts von ihrem Fenster aus überwiegend gesehen hat."
Für einen kurzen Moment wurde es still. Dann begann der Rechner mit seiner Arbeit. Die Projektionen wechselten ständig. Bahnen wurden simuliert. Rotationen überlagerten sich. Zeitstempel erschienen. Die Station drehte sich ununterbrochen. Trantor ebenfalls. Zusätzlich bewegte sich Altrix Nova auf ihrer Umlaufbahn. Aus der Kombination all dieser Bewegungen musste der Rechner zunächst die Sichtkegel berechnen, bevor daraus ein statistisch relevanter Schwerpunkt entstand. Ich wartete. Minuten vergingen. Der Offizier sprach zwischendurch kaum ein Wort. Immer wieder erschienen neue Diagramme. Schließlich hob er den Kopf.
"Extrapolation abgeschlossen."
Die große Projektion wechselte. Vor uns erschien Trantor. Langsam zoomte das Hologramm näher heran. Ein einzelner Bereich begann hell aufzuleuchten.
"Dieser Abschnitt."
Ich trat näher. Unwillkürlich begann mein rechter Zeigefinger langsam auf die Tischkante zu tippen. Ein dumpfer Rhythmus. Ganz automatisch. Ich betrachtete Küstenlinien. Gebirgsketten. Flüsse. Die Form einer langgezogenen Insel. Irgendetwas daran... Ich konnte nicht sagen was. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Oder vielmehr... vertraut. Ich kniff leicht die Augen zusammen. Wo hatte ich etwas Ähnliches gesehen? Plötzlich erinnerte ich mich. Nicht an einen Ort. An eine Form.
"Nif'Nakh..."
Der Offizier blickte auf. "Bitte?"
Ich sah weiterhin auf die Insel. "Vergleichen Sie diesen Bereich von Trantor mit sämtlichen bekannten geologischen Formationen von Nif'Nakh."
Er runzelte leicht die Stirn. "Nach welchen Parametern?"
"Nach allem." Ich verschränkte langsam die Arme. "Küstenverläufe." Ich hob einen Finger. "Gebirgslinien." Noch einer. "Flusssysteme." Ein weiterer. "Inselketten." Ich dachte kurz nach. "Es muss keine vollständige Übereinstimmung sein." Ich blickte ihn an. "Achtzig Prozent reichen mir."
Der Offizier nickte. "Verstanden."
Sofort liefen neue Berechnungen an. Diesmal dauerte es deutlich länger. Die Datenmenge war ungleich größer. Sämtliche kartierten Regionen Nif'Nakhs mussten zunächst digitalisiert, anschließend skaliert, gedreht und mit den Geländestrukturen Trantors verglichen werden. Die Zeit verging.
Jemand trat an mich heran. "Möchten Sie etwas trinken?"
Ich sah auf. Eine junge Mitarbeiterin hielt ein Tablett. Darauf standen mehrere Tassen. Aus den meisten stieg der kräftige, leicht bittere Geruch von Keffa auf. Ich verzog innerlich unwillkürlich das Gesicht. Die meisten hier schworen auf Keffa. Das Getränk galt als anregend, leistungssteigernd und gehörte auf praktisch jeder Brücke, in jedem Leitstand und in jeder Einsatzzentrale zum Alltag. Im weitesten Sinne war es mit dem Kaffee der Erde verwandt. Genau deshalb konnte ich mich bis heute nicht damit anfreunden.
"Wäre Tee möglich?"
Die Mitarbeiterin lächelte freundlich. "Natürlich."
Einige Minuten später brachte sie mir eine schlichte weiße Tasse. Schon der Duft gefiel mir deutlich besser. Mild. Kräuterig. Leicht blumig. Ich nahm vorsichtig einen Schluck. Die angenehme Wärme breitete sich langsam in meinem Körper aus und vertrieb zumindest einen Teil der Anspannung der vergangenen Stunden. Währenddessen arbeitete der Rechner weiter. Immer wieder erschienen neue Vergleichsbilder. Einmal schien eine Halbinsel zu passen. Dann wieder ein Gebirgszug. Doch jedes Mal lagen die Übereinstimmungen nur bei fünfzig oder sechzig Prozent. Ich begann bereits zu glauben, dass mein Gedanke tatsächlich ins Leere geführt hatte. Dann ertönte ein leises akustisches Signal.
Der Offizier richtete sich auf. "Treffer."
Ich stellte meine Tasse sofort ab. Die Projektion wechselte. Links erschien eine topografische Karte Nif'Nakhs. Rechts dieselbe Darstellung eines Bereichs auf Trantor. Beide Karten wurden langsam übereinandergelegt. Die Formen deckten sich überraschend gut. Eine langgezogene Insel. Zwei markante Gebirgskämme. Ein halbmondförmiger Küstenverlauf. Mehrere kleinere Nebeninseln. Selbst einige Flussläufe verliefen nahezu identisch.
"Übereinstimmung?"
"Zweiundachtzig Komma vier Prozent."
Ich schwieg. Das war zu viel. Viel zu viel für einen bloßen Zufall. Natürlich konnten ähnliche geologische Strukturen auf unterschiedlichen Planeten entstehen. Aber ausgerechnet jener Bereich, den Hatileos während ihres Aufenthalts nahezu täglich aus ihrem Fenster betrachtet hatte? Ich spürte erneut dieses unangenehme Ziehen im Bauch. Vielleicht hatte sie dort gar nicht Trantor gesehen. Vielleicht hatte sie jedes Mal an ihre Heimat gedacht. An Nif'Nakh. An die einzige Landschaft, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Oder... Mein Blick blieb auf der Insel liegen. Vielleicht hatte sie dort etwas erkannt. Etwas, das wir bislang völlig übersahen.
Ich wandte mich an den Offizier. "Informieren Sie die zuständigen Behörden auf Trantor."
Er nickte sofort. "Mit welcher Priorität?"
"Mittlere Priorität." Ich dachte kurz nach. "Nein." Ich korrigierte mich. "Mittelhoch."
Er wartete. "Sie sollen sich diesen Ort ansehen."
Ich zeigte auf die Projektion. "Unauffällig." Eine kurze Pause. "Und vorsichtig."
Der Offizier begann bereits mit der Verschlüsselung der Nachricht. Ich blieb noch einen Moment vor der schwebenden Insel stehen. Vielleicht fand man dort gar nichts. Vielleicht verschwendete ich gerade Ressourcen wegen einer bloßen Intuition. Doch inzwischen hatte ich gelernt, meinem Bauchgefühl zumindest eine Chance zu geben. Zu oft hatte sich gezeigt, dass gerade die unwahrscheinlichsten Spuren am Ende die entscheidenden gewesen waren.

Mari meldete sich über den internen Kommunikationskanal der UNO, und bereits die Art, wie sie sprach, ließ mich aufhorchen. Sie klang nicht panisch, aber eindeutig irritiert. Mari war normalerweise jemand, der selbst in chaotischen Situationen ruhig blieb. Sie war seit langer Zeit für die Überwachung und Versorgung der Argnu-Habitate auf Altrix Nova zuständig und kannte die Tiere besser als viele andere an Bord. Wenn sie sagte, dass sie etwas Seltsames gefunden hatte, bedeutete das meistens, dass es tatsächlich ungewöhnlich war. Ihre Nachricht war kurz gewesen. Sie hatte bei einem ihrer Kontrollgänge in den weitläufigen Argnu-Habitaten etwas entdeckt, das sie nicht einordnen konnte. Ich machte mich sofort auf den Weg.
Die Argnu-Bereiche lagen in einem der künstlichen Landwirtschaftssektoren von Altrix Nova. Trotz der gewaltigen Größe der Raumstation hatte Misora darauf bestanden, dass die Tierhaltung nicht wie eine einfache industrielle Anlage wirkte. Die Habitate waren keine kahlen Hallen mit Metallböden und automatisierten Futterspendern. Stattdessen erstreckten sie sich über riesige, geschlossene Landschaftsbereiche mit künstlich erzeugten Wiesen, flachen Hügeln, Wasserläufen und unterschiedlichen Vegetationszonen. Unter der transparenten Kuppel leuchteten künstliche Sonnenmodule, die den Tieren einen Tag-Nacht-Rhythmus ermöglichten. Das Licht war wärmer als die übliche Stationsbeleuchtung und tauchte die Landschaft in goldene Farbtöne. Der Geruch unterschied sich deutlich vom Rest der Station. Hier roch es nach feuchter Erde, Gras, Pflanzen und den schweren, warmen Ausdünstungen großer Tiere. Ein kaum wahrnehmbares Summen der Klimaanlagen erinnerte jedoch daran, dass diese natürliche Umgebung vollständig künstlich erzeugt wurde.
Als ich endlich dort ankam, waren Mari sowie die beiden Wissenschaftler Greg Watson und Rosa Morgan bereits vor Ort. Greg stand mit verschränkten Armen neben einer Absperrung und beobachtete aufmerksam die Herde. Der Wissenschaftler wirkte nachdenklich. Seine Augen folgten nicht einfach nur den Tieren, sondern suchten nach Mustern. Rosa hingegen hatte mehrere Analysegeräte aufgebaut. Kleine Drohnen schwebten über dem Rand des Habitats und sammelten Luftproben, während sie auf einem Datenpad verschiedene Messwerte überprüfte.
Mari drehte sich zu mir um. "Tori." Sie deutete sofort in Richtung der Herde. "Ich wollte erst nichts überstürzen. Aber das hier ist definitiv nicht normal."
Ich folgte ihrem Blick. Vor uns erstreckte sich eine gewaltige Fläche voller Argnus. Die Tiere bewegten sich langsam durch das künstliche Grasland. Die Weibchen bildeten größere Gruppen und grasten ruhig, während die massiven Bullen am Rand der Herde standen und jede Bewegung in der Umgebung aufmerksam verfolgten. Ich hatte Argnus bereits oft gesehen, aber ihre Größe beeindruckte mich jedes Mal aufs Neue. Die ausgewachsenen Bullen waren gigantisch. Über fünf Meter Körperhöhe. Breite, schwere Körper. Drei gewaltige Hörner, die aus ihren Köpfen ragten und ihnen ein beinahe prähistorisches Aussehen verliehen. Ihre Bewegungen wirkten langsam und schwerfällig, doch jeder Schritt ließ den Boden leicht vibrieren. Die Tiere waren keine aggressiven Raubtiere, aber ihre schiere Masse machte sie gefährlich. Vor allem ihre Beschützerinstinkte. Ein Bulle, der eine Bedrohung für seine Herde wahrnahm, würde ohne zu zögern angreifen. Und gegen ein mehrere Tonnen schweres Tier mit drei Hörnern hatte kaum jemand eine Chance. Die Weibchen waren deutlich kleiner. Sie erreichten ungefähr zwei bis drei Meter Körpergröße und besaßen nur zwei Hörner. Trotzdem waren auch sie alles andere als ungefährlich. Ihre Körpermasse reichte aus, um einen Argonen, Teladi oder Split schwer zu verletzen oder sogar zu töten, wenn sie in Panik gerieten. Für Boronen wäre die Situation noch schlimmer gewesen. Ihre empfindlichere Körperstruktur hätte einem direkten Angriff kaum etwas entgegenzusetzen.
Mari zeigte auf einen entfernten Bereich mitten in der Herde. "Dort."
Ich sah in die Richtung. "Was genau?"
"Das ist das Problem." Sie verschränkte die Arme. "Ich weiß es nicht."
Da ich aus der Entfernung nichts erkennen konnte, nahm ich das bereitgestellte Fernglas. Ich stellte die Vergrößerung ein und suchte die Stelle, auf die Mari zeigte. Zunächst sah ich nur Argnus. Bewegende Körper. Gräser. Schatten. Dann schob sich das Bild langsam schärfer. Eine kleine Erhöhung im Gelände. Eingerahmt von verschiedenen Gräsern. Direkt unter einem künstlichen Lichtstrahl, der durch die simulierte Abendbeleuchtung fiel. Und dort lag etwas. Etwas Helles. Rundes. Fast oval. Ich hielt inne. Mein erster Gedanke passte überhaupt nicht zu dem, was ich sah. Ich senkte kurz das Fernglas. Dann setzte ich es wieder an.
"Moment."
Ich vergrößerte weiter. Die Oberfläche wirkte glatt. Nicht wie ein Stein. Nicht wie ein Pflanzenbestandteil. Es hatte eine Schale. Eine richtige Schale.
"Ist das ein Ei?"
Mari zuckte mit den Schultern. "Sieht so aus."
Ich nahm das Fernglas langsam herunter und sah zwischen ihr und dem Gehege hin und her. "Ich dachte, Argnus sind lebend gebärende Säuger."
"Sind sie auch."
Die Antwort kam von Mari ohne zu zögern.
Ich sah erneut zum Ei. "Dann stellt sich die Frage..." Ich deutete darauf. "...woher kommt dieses Ei?"
Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur die entfernten Geräusche der Herde waren zu hören. Das tiefe Grunzen der Argnus, das Rascheln der Pflanzen und das gleichmäßige Summen der Habitattechnik füllten die Stille. Dann trat Greg Watson näher. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er wirkte nicht mehr nur neugierig. Er wirkte besorgt.
"Ich fürchte, es ist eine Hinterlassenschaft unserer flüchtigen Besucherin."
Ich brauchte einen Moment. Die Worte wollten nicht sofort in meinen Kopf passen. Ich blickte wieder zum Ei. Dann zu Greg.
"Du meinst..." Ich sprach langsamer. "...das ist ein Teladi-Ei?"
Greg nickte. "Ja."
Ich sah erneut durch das Fernglas. Die Erkenntnis traf mich erst jetzt vollständig. Ein Ei. Auf Altrix Nova. Versteckt mitten in einem Argnu-Habitat. Von Hatileos zurückgelassen.
"Und darin befindet sich ein Embryo?"
Gregs Blick wurde ernst. "Genau das vermuten wir."
Ich schwieg. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten bereits viele Fragen aufgeworfen. Hatileos' Flucht. Der Angriff. Die Nitsus. Die Korvette. Und nun das. Eine Teladi, die über Wochen unbemerkt Informationen gesammelt hatte und offenbar nicht nur einen Fluchtplan vorbereitet hatte. Sondern etwas zurückgelassen hatte. Etwas Lebendiges.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 68 - Examination

Je länger ich das Ei betrachtete, desto mehr musste ich Hatileos widerwillig Respekt zollen. Nicht für das, was sie getan hatte, sondern für die Art, wie sorgfältig sie geplant hatte. Ausgerechnet mitten in einem Argnu-Habitat. Es gab auf Altrix Nova unzählige Orte, an denen sich etwas hätte verstecken lassen. Wartungsschächte, Lagerbereiche, Versorgungstunnel oder ungenutzte Technikräume. Doch sie hatte sich einen Platz ausgesucht, an dem vermutlich niemand freiwillig nach etwas suchen würde. Selbst wenn jemand zufällig das Habitat betreten hätte, wäre sein Blick auf die Tiere gerichtet gewesen und nicht auf eine kleine, flach in der Erde vergrabene Erhebung zwischen den Gräsern. Dass das Ei überhaupt entdeckt worden war, grenzte beinahe an einen Zufall.
Mari bestätigte meinen Gedanken. "Eigentlich hätten wir es nie gefunden." Ich sah sie fragend an. "Eine der Argnu-Kühe hat dort gegrast." Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die kleine Anhöhe. "Offenbar wollte sie an die Wurzeln einer Pflanze gelangen und hat mit ihren Vorderhufen den Boden aufgescharrt."
Ich blickte wieder durch das Fernglas. Tatsächlich war um das Ei herum deutlich lockere Erde zu erkennen. Mehrere Grassoden waren aus dem Boden gerissen worden. Ein Teil der ursprünglich dünnen Erdschicht war zur Seite geschoben worden, wodurch die glatte Schale nun teilweise sichtbar geworden war.
"Als einer meiner Mitarbeiter die aufgewühlte Stelle kontrollieren wollte, hat er die Schale entdeckt." Ich nickte langsam. "Hätte die Kuh dort nicht gegraben ... würde das Ei wahrscheinlich noch immer dort liegen."
Niemand widersprach. Der Gedanke ließ in mir ein unangenehmes Gefühl entstehen. Wie viele Dinge hatten wir vielleicht noch nicht entdeckt? Wie viele Vorbereitungen hatte Hatileos während der vergangenen Wochen getroffen? Ich verdrängte diese Frage zunächst. Das Ei hatte jetzt Vorrang. Allerdings stellte sich sofort das nächste Problem. Niemand konnte einfach zu ihm gehen. Die gesamte Herde befand sich noch immer im Habitat. Vor allem die Bullen hielten sich weiterhin in unmittelbarer Nähe auf. Selbst aus der Entfernung konnte ich erkennen, wie ihre mächtigen Köpfe immer wieder in unsere Richtung schwenkten. Die drei Hörner jedes einzelnen Bullen glänzten matt im künstlichen Sonnenlicht. Ihre breiten Nüstern stießen regelmäßig Dampfwolken aus, obwohl die Temperatur im Habitat angenehm war. Es war kein Zeichen von Kälte, sondern Teil ihrer Atmung.
"Wir müssen sie dort weglocken."
Mari nickte sofort. "Das haben wir bereits vorbereitet."
Kurz darauf setzte sich das eingespielte Team der Tierpfleger in Bewegung. Niemand handelte hektisch. Genau das durfte man bei Herdentieren nicht tun. Mehrere automatische Futterfahrzeuge begannen langsam über die gegenüberliegende Seite des Habitats zu rollen. Ihre Elektromotoren arbeiteten nahezu lautlos. Große Behälter öffneten sich und verteilten frisches Futter auf mehreren weit voneinander entfernten Flächen. Zeitgleich aktivierten andere Mitarbeiter akustische Locksignale. Tiefe, beruhigende Töne, an die die Tiere seit Jahren gewöhnt waren. Die ersten Kühe reagierten sofort. Langsam setzten sie sich in Bewegung. Die Kälber folgten. Die Bullen beobachteten zunächst misstrauisch ihre Umgebung. Erst nachdem sich der größte Teil der Herde bereits entfernt hatte, schlossen auch sie sich an. Es dauerte lange. Sehr lange. Immer wieder blieb ein Tier stehen. Andere wechselten plötzlich die Richtung. Die Tierpfleger mussten geduldig bleiben. Niemand durfte die Tiere unter Druck setzen. Ich stand währenddessen schweigend neben Mari und beobachtete das langsame Schauspiel. Erst nach beinahe einer Stunde war der Bereich um das Ei endlich frei. Trotzdem wagte zunächst niemand, die Weide zu betreten. Mehrere Tierpfleger überprüften nochmals die Position der Herde. Die Bullen standen inzwischen mehrere hundert Meter entfernt. Erst als endgültig feststand, dass keines der Tiere zurückkehrte, öffnete sich das Sicherheitstor. Greg Watson und Rosa Morgan betraten als Erste vorsichtig das Habitat. Beide trugen sterile Schutzanzüge mit integrierten Analysemodulen. Über ihren Handschuhen lagen zusätzliche transparente Schutzschichten, damit keinerlei Verunreinigungen auf die Oberfläche gelangen konnten. Ich blieb gemeinsam mit Mari außerhalb des Geheges. Nicht nur aus Sicherheitsgründen. Ich wollte den Wissenschaftlern auch nicht im Weg stehen. Greg kniete sich langsam vor das Ei. Rosa aktivierte mehrere kompakte Scanner. Ein feiner bläulicher Lichtfächer glitt über die Schale. Dann ein weiterer. Mehrere holografische Anzeigen erschienen direkt über dem Objekt. Temperatur. Oberflächenstruktur. Materialzusammensetzung. Innere Dichte. Biologische Aktivität.
Rosa sprach leise, während sie die Werte überprüfte. "Schale vollständig intakt."
Greg nickte. "Keine sichtbaren Mikrorisse."
Ein weiterer Scanner summte. "Interne Wärmeentwicklung vorhanden."
Ich runzelte die Stirn. "Lebt der Embryo?"
Greg blickte kurz zu mir. "Ja." Er sagte das vollkommen sachlich. "Die Biosignaturen sind eindeutig."
Ein eigenartiges Schweigen entstand. Obwohl wir alle wussten, dass sich in einem Ei normalerweise ein lebender Embryo befand, wirkte diese Bestätigung plötzlich sehr real. Dort draußen lag kein Gegenstand. Kein Beweisstück. Sondern ungeborenes Leben. Rosa ließ einen Ultraschallscanner langsam um das Ei kreisen. Die Projektion zeigte schemenhafte innere Strukturen. Ich konnte kaum etwas erkennen.
Greg dagegen offensichtlich schon. "Entwicklungsstadium..." Er hielt kurz inne. "...schätzungsweise frühes bis mittleres Wachstum."
"Kann man genauer sagen, wie lange?"
Er schüttelte langsam den Kopf. "Dafür kennen wir die Entwicklungszyklen der Teladi nicht präzise genug."
Weitere Minuten vergingen. Immer neue Messungen wurden durchgeführt. Die Schale wurde auf chemische Rückstände untersucht. Auf mögliche Sprengstoffe. Auf versteckte Sender. Auf biologische Gefahren. Auf Krankheitserreger. Auf Nanotechnologie. Auf Strahlungsquellen. Nichts. Schließlich nahm Greg den Scanner vom Ei. Er sah Rosa an. Sie kontrollierte ein letztes Mal ihre Messwerte.
Dann nickte sie. "Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts gegen einen Transport."
Greg ergänzte. "Solange wir Erschütterungen vermeiden."
Ich atmete langsam aus. "Gut."
Sofort wurde ein spezieller Transportbehälter gebracht. Er bestand aus mehreren konzentrischen Dämpfungsringen, die Schwingungen vollständig kompensieren konnten. Im Inneren befand sich ein weiches Trägerbett aus intelligentem Gelmaterial, das sich exakt der Form des Eis anpasste. Erst jetzt hob Greg das Ei vorsichtig an. Seine Bewegungen wirkten beinahe ehrfürchtig. Langsam legte er es in den Behälter. Sobald die Schale die Gelauflage berührte, schloss sich das Material sanft um ihre Unterseite und fixierte sie ohne Druck. Der Deckel blieb zunächst geöffnet.
Rosa kontrollierte nochmals sämtliche Anzeigen. "Stabil."
Erst danach wurde der Behälter verschlossen. Ich sah ihm nach, während mehrere Wissenschaftler ihn vorsichtig aus dem Habitat trugen. Das Ei verschwand wenig später in Richtung eines der biologischen Forschungslabore von Altrix Nova. Doch mein Blick blieb noch eine Weile auf der kleinen Stelle im Boden liegen, an der es gelegen hatte. Die aufgewühlte Erde. Die freigelegten Wurzeln. Ein paar einzelne Grashalme bewegten sich leicht im Luftstrom der Klimaanlage. Kaum vorstellbar, dass dort eben noch ein Geheimnis verborgen gewesen war.
Ich aktivierte meine Armschiene. "Sofortanweisung an sämtliche Suchteams." Mehrere Offiziere bestätigten den Empfang. "Erweitert alle laufenden Suchmaßnahmen." Ich dachte kurz nach, bevor ich weitersprach. "Nicht nur nach Nitsus." Mein Blick glitt noch einmal über das Habitat. "Sondern nach weiteren möglichen... Überraschungen." Ich bemerkte selbst, dass ich das letzte Wort mit einer gewissen Bitterkeit ausgesprochen hatte. "Zusätzlich sämtliche internen Sensoren neu kalibrieren." Ich sah zu Mari. "Erhöht die Empfindlichkeit für biologische Anomalien." Dann ergänzte ich. "Und untersucht jeden Bereich der Station, der sich zum Verstecken eignet. Wartungsschächte, Lagerbereiche, Versorgungskanäle, Grünflächen, technische Hohlräume. Alles."
Mehrere Bestätigungen gingen gleichzeitig ein. Während die ersten Teams bereits neue Suchrouten berechneten, wurde mir klar, dass wir Hatileos offenbar völlig unterschätzt hatten. Sie war nicht einfach geflohen. Sie hatte vorbereitet. Geplant. Vorausgedacht. Und ich hatte das ungute Gefühl, dass dieses Ei möglicherweise noch längst nicht ihre letzte Hinterlassenschaft auf Altrix Nova gewesen war.

Das Ei war inzwischen sicher im Biologielabor angekommen. Der Transportbehälter ruhte auf einer vibrationsgedämpften Analyseplattform, deren Oberfläche von feinen, bläulich leuchtenden Energielinien durchzogen war. Um das Ei herum arbeiteten mehrere Scanner nahezu lautlos. Dünne Lichtfächer tasteten die Schale aus unterschiedlichen Winkeln ab, während holografische Projektionen im Raum schwebten und ununterbrochen Messdaten aktualisierten. Die Luft roch steril. Ein leichter Geruch nach Desinfektionsmitteln lag in der Atmosphäre, vermischt mit der warmen Elektronik der Analysegeräte. Das Summen der Kühlaggregate war gleichmäßig und beruhigend. Niemand sprach laut. Selbst die Wissenschaftler bewegten sich mit einer gewissen Ehrfurcht um den Untersuchungstisch. Während Greg Watson und Rosa Morgan weitere Messreihen vorbereiteten, öffnete sich die Labortür erneut. Ich drehte mich um. Thovareus trat ein. Der männliche Teladi bewegte sich mit seiner für seine Spezies typischen Mischung aus vorsichtiger Eleganz und leicht nach vorne geneigter Haltung. Seine langen Arme schwenkten ruhig neben seinem Körper, während sein kräftiger Schwanz hinter ihm langsam über den Boden glitt. Seine Schuppen besaßen jenes intensive Blau, das ich inzwischen mit ihm verband. Unter der hellen Laborbeleuchtung schimmerten sie metallisch, wobei einzelne Schuppen je nach Blickwinkel leicht türkis oder dunkelviolett wirkten. Seine bernsteinfarbenen Augen mit den schmalen, senkrechten Pupillen wanderten sofort zum Ei. Er blieb einige Sekunden schweigend davor stehen. Sein Gesicht verriet kaum Emotionen. Dennoch bemerkte ich, wie sich seine Nasenschlitze leicht öffneten und wieder schlossen. Er roch. Ganz automatisch. Wie viele Reptilien nahm auch er einen großen Teil seiner Umgebung über Gerüche wahr.
Schließlich hob er langsam den Blick. "Ich glaube... ich weiß, warum Hatileos ein Ei gelegt hat."
Greg und Rosa sahen ihn gleichzeitig an.
Ich verschränkte die Arme. "Wieso?"
Thovareus trat näher an die Projektion heran und betrachtete die biologischen Werte. "Sie befand sich höchstwahrscheinlich in der Vitellogenese."
Greg runzelte die Stirn. "Vitellogenese?"
Der Teladi nickte langsam. "So bezeichnet man bei uns die Phase der Eibildung." Er legte eine Klaue auf die schwebende Darstellung des Embryos. "Im weitesten Sinne kann man sie mit der Paarungszeit anderer Spezies vergleichen."
Ich hörte aufmerksam zu. Von der Biologie der Teladi wusste ich nur theoretisch.
Thovareus sprach ruhig weiter. "Der Körper beginnt während dieser Phase große Mengen an Nährstoffen in die zukünftigen Eier einzulagern. Gleichzeitig verändern sich verschiedene hormonelle Regelkreise." Er machte eine kurze Pause. "Diese Veränderungen beeinflussen nicht nur den Körper." Seine bernsteinfarbenen Augen trafen meine. "Sondern auch das Verhalten."
Rosa verschränkte nachdenklich die Hände hinter dem Rücken. "Kann sich ein Teladi dagegen wehren?"
Thovareus nickte. "Ja." Seine Antwort kam ohne Zögern. "Unsere Spezies hat im Laufe der Geschichte gelernt, diese Phase zu kontrollieren." Er zeigte auf seinen Kopf. "Mentales Training." Dann auf seinen eigenen Arm. "Und bei Bedarf Medikamente."
Greg hob überrascht die Augenbrauen. "Das heißt, ein erwachsener Teladi verliert normalerweise nicht einfach die Kontrolle?"
"Nein." Thovareus schüttelte langsam den Kopf. "Das passiert äußerst selten." Seine Stimme wurde nachdenklicher. "Deshalb glaube ich auch nicht, dass Hatileos ihre Vitellogenese bewusst zugelassen hat."
Im Labor wurde es still. Ich bemerkte, dass Greg ebenfalls aufmerksam geworden war.
"Worauf willst du hinaus?"
Thovareus senkte den Blick auf das Ei. "Ich vermute..." Er sprach nun langsamer. "...dass etwas ihren ursprünglichen Instinkt ausgelöst haben muss." Niemand unterbrach ihn. "Etwas Starkes." Er suchte nach den richtigen Worten. "Etwas, das tief mit ihren Erinnerungen verbunden war." Seine Klaue ruhte noch immer neben der holografischen Darstellung. "Etwas, das ihr Unterbewusstsein davon überzeugt hat, dass sie sich wieder in ihrer natürlichen Umgebung befindet."
In meinem Kopf begann sich augenblicklich ein Bild zusammenzusetzen. Nicht logisch. Sondern beinahe instinktiv. Ich sah wieder Hatileos' ehemaliges Quartier vor mir. Das Fenster. Den Ausblick. Die lange Zeit, die sie dort verbracht hatte. Dann erinnerte ich mich an die Berechnung im Kommandozentrum. Die Rotation von Altrix Nova. Den Blick aus genau diesem Quartier. Den Abgleich mit Trantor. Und schließlich an jene Insel. Die Insel, deren Landschaft eine auffällige Ähnlichkeit zu einem Gebiet auf Nif'Nakh besessen hatte. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Nicht wegen des Eis. Sondern wegen der Konsequenz. Ich hatte bisher angenommen, Hatileos hätte lediglich Heimweh entwickelt. Jetzt erschien mir dieser Gedanke erschreckend naiv. Was, wenn diese Insel nicht einfach Erinnerungen geweckt hatte? Was, wenn sie unbewusst sämtliche Instinkte aktiviert hatte, die über Jahrzehnte unterdrückt worden waren? Isolation. Vertraute Landschaft. Ein scheinbar sicherer Lebensraum. Die biologische Phase ihres Körpers. Alles zusammen. Ich hob langsam den Kopf.
"Das Quartier..." Alle sahen mich an. "...sie hat ständig aus dem Fenster gesehen."
Thovareus nickte vorsichtig. "Das würde meine Vermutung stützen."
Ich begann unruhig im Labor auf und ab zu gehen. Vor meinem inneren Auge entstand die Insel auf Trantor. Dann Hatileos. Allein. Vielleicht immer wieder stundenlang aus ihrem Fenster blickend. Vielleicht ohne selbst zu verstehen, warum sie sich plötzlich dorthin hingezogen fühlte. Bis irgendwann ihre Instinkte stärker wurden als ihre Vernunft. Ich blieb abrupt stehen. Ein weiterer Gedanke traf mich. Wenn sie ihr Ei dort gelegt hatte... Dann war das vielleicht gar nicht der Ort gewesen, den sie ursprünglich vorgesehen hatte. Vielleicht hatte sie ursprünglich genau dorthin gewollt. Zu dieser Insel. Vielleicht war ihr Plan durch ihre Flucht lediglich unterbrochen worden. Oder... Mein Magen zog sich zusammen. ...sie war bereits dort gewesen. Ich sah Greg an. Dann Rosa. Dann Thovareus.
"Wir müssen sofort zu dieser Insel." Alle drei blickten mich überrascht an. Ich sprach bereits weiter. "Jetzt." Meine Stimme war fester geworden. "Bevor noch ein Massaker passiert."
Im selben Moment begriff ich selbst, was ich gerade ausgesprochen hatte. Falls Hatileos tatsächlich dorthin unterwegs gewesen war... Falls sie dort etwas vorbereitet hatte... Falls ihre Instinkte sie nicht nur zum Eierlegen, sondern auch zum Schutz ihres Nachwuchses trieben... dann konnte jeder Mensch, der ihr dort zufällig begegnete, in Lebensgefahr schweben. Und ich war nicht bereit, dieses Risiko einzugehen.

Ich hatte meine Entscheidung getroffen, noch bevor die ersten Einsatzberichte der Behörden von Trantor vollständig eingetroffen waren. Die Möglichkeit, dass Hatileos tatsächlich auf die Insel zurückgekehrt sein könnte, ließ mir keine Ruhe. Zu viele Einzelheiten passten plötzlich zusammen. Die Flucht, das Ei, die scheinbar ungewöhnliche Auswahl des Ablageortes und die Erkenntnis von Thovareus, dass ihr Verhalten möglicherweise nicht vollständig bewusst gesteuert worden war. Es war keine gewöhnliche Fahndung mehr. Es ging nicht nur darum, eine Flüchtige zu finden. Es ging darum herauszufinden, ob eine Teladi, die möglicherweise von uralten biologischen Instinkten beeinflusst wurde, gerade dabei war, eine Situation auszulösen, die niemand mehr kontrollieren konnte. Ich entschied mich deshalb, die lokalen Sicherheitskräfte auf Trantor aktiv zu unterstützen. Natürlich hätte ich die Untersuchung vollständig an die Behörden des Planeten übergeben können. Trantor war kein rechtsfreier Raum. Es gab eigene Polizeikräfte, eigene Sicherheitsstrukturen und eigene Verantwortliche. Doch Hatileos war nicht irgendeine Kriminelle. Sie war eine Teladi, die jahrzehntelang isoliert auf Nif'Nakh gelebt hatte, die Zugang zu einer hochentwickelten aldrianischen Korvette erhalten hatte und die offenbar in der Lage gewesen war, Sicherheitsmaßnahmen von Altrix Nova zu umgehen. Zusätzlich war sie möglicherweise in einem Zustand, in dem Instinkt und bewusste Entscheidungen miteinander verschmolzen. Ich wollte nicht aus der Entfernung Befehle geben und später feststellen, dass ein entscheidender Faktor übersehen worden war. Also ließ ich Gal und Tahl einen Einsatztrupp der SSA zusammenstellen. Die Sustenance Security Agency reagierte wie erwartet schnell. Innerhalb kurzer Zeit gingen die ersten Einsatzpläne auf meinen Bildschirm ein. Die Auswahl des Teams erfolgte nicht nach Größe oder reiner Feuerkraft, sondern nach Erfahrung. Gal und Tahl kannten ihre Leute. Sie wussten, wer unter Druck ruhig blieb, wer improvisieren konnte und wer nicht bei der ersten ungewöhnlichen Situation die Kontrolle verlor. Gal Connar übernahm wie selbstverständlich die taktische Leitung. Ihre Vergangenheit beim argonischen Geheimdienst war ihr anzumerken. Sie ging jede Möglichkeit durch, prüfte Fluchtwege, Risiken und mögliche Szenarien. Sie stellte keine Fragen, um Informationen zu sammeln, sondern um Schwachstellen zu finden. Tahl Brenna war ähnlich konzentriert. Seine militärische Vergangenheit zeigte sich in jeder Bewegung. Er sprach wenig, aber wenn er etwas sagte, hörten die anderen zu. Seine Erfahrung mit Sicherheitssystemen und Verteidigung machte ihn zu jemandem, auf den ich mich verlassen konnte. Als jedoch bekannt wurde, dass ich selbst mit auf die Oberfläche wollte, änderte sich die Stimmung sofort. Valentina war die Erste, die protestierte. Ich hatte sie über die Entscheidung informiert, als wir uns in unserem privaten Bereich auf Altrix Nova befanden. Die künstliche Beleuchtung des Wohnbereiches war gedämpft eingestellt. Durch die Panoramaflächen konnte man die gewaltige Oberfläche von Trantor unter uns sehen. Ein blauer Planet mit grünen und braunen Landmassen, der trotz seiner Verletzungen immer noch lebendig wirkte. Valentina stand mir gegenüber und verschränkte die Arme. Ihr Gesichtsausdruck sagte bereits alles.
"Nein."
Ich musste fast lächeln. Nicht, weil ich ihre Reaktion lustig fand. Sondern weil ich sie erwartet hatte. "Valentina..."
"Nein, Tori." Sie unterbrach mich sofort. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. "Du gehst nicht auf einen Planeten, auf dem eine bewaffnete Teladi mit einer gestohlenen Korvette irgendwo verschwunden ist."
Vanu stand etwas hinter ihr und sah ebenfalls nicht begeistert aus. Sie hielt Asahi auf dem Arm, während Hoshiko neben ihr spielte. Ihr Blick war weicher als der von Valentina, aber die Sorge darin war deutlich erkennbar.
"Sie hat recht." Vanu sprach leiser. "Du bist nicht irgendein Mitarbeiter der UNO, der zufällig mitfliegt." Sie sah mich direkt an. "Du bist das Ziel, um das sich die halbe Galaxis gerade dreht."
Diese Worte trafen mich mehr, als ich zugeben wollte. Denn sie hatte recht. Ich war lange Zeit davon ausgegangen, dass meine Position als Gründer und CEO der UNO bedeutete, Entscheidungen treffen zu müssen. Aber in den letzten Monaten hatte sich die Realität verändert. Ich war nicht mehr nur jemand, der Entscheidungen traf. Ich war jemand, um den herum Entscheidungen getroffen wurden. Trotzdem blieb mein Entschluss bestehen.
"Ich muss hin."
Valentina schloss kurz die Augen und atmete hörbar aus. Ich kannte diese Reaktion. Sie wusste, dass weitere Argumente vermutlich nichts bringen würden. "Ich hasse es, wenn du so etwas sagst."
"Ich weiß."
"Nein. Ich glaube nicht, dass du es wirklich weißt." Ihr Blick wurde für einen Moment traurig. "Du unterschätzt immer noch, wie viele Menschen wegen dir reagieren würden, wenn dir etwas passiert."
Ich schwieg. Darauf hatte ich keine gute Antwort. Am Ende waren es Gal und Tahl, die eine Lösung fanden. Wenn ich unbedingt mitkommen wollte, dann würden sie selbst ebenfalls mitkommen. Nicht als einfache Begleiter. Sondern als meine direkte Sicherung.
"Du gehst nicht ohne Schutzteam." Tahl hatte das ohne Diskussion festgestellt.
Gal nickte. "Und ich werde dafür sorgen, dass du nicht plötzlich irgendwo alleine auftauchst und versuchst, mit einer möglicherweise instinktgetriebenen Teladi zu verhandeln."
Ich hob leicht die Augenbrauen. "Das klingt so, als würdest du mir zutrauen, genau das zu tun."
Gal sah mich nur an. Ein kurzer Moment verging. Dann sagte sie trocken: "Ja."
Ich konnte nicht einmal widersprechen. Am Ende akzeptierten Valentina und Vanu die Entscheidung nur unter dieser Bedingung. Gal und Tahl würden mich begleiten. Der SSA-Trupp würde zusätzlich für die Absicherung sorgen. Und Thovareus durfte ebenfalls mitkommen. Sein Wunsch war für mich zunächst überraschend gewesen, doch je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien er. Der Teladi war einer der wenigen Experten, die Hatileos' Verhalten überhaupt einordnen konnten. Er verstand ihre Spezies besser als jeder andere in unserem Umfeld.
"Ich möchte helfen." hatte er gesagt. "Wenn meine Vermutung stimmt, dann müssen wir vorsichtig sein." Er hatte seinen Blick gesenkt. "Nicht nur wegen dem, was sie getan hat. Sondern wegen dem Grund, warum sie es getan hat."
Genau dieser Punkt beschäftigte mich. Denn wenn Thovareus recht hatte, dann musste die Situation anders bewertet werden. Nicht entschuldigt. Aber anders bewertet. Wenn Hatileos tatsächlich nur teilweise bewusst gehandelt hatte, wenn ihr Verhalten durch biologische Prozesse beeinflusst worden war, dann stellte sich die Frage nach ihrer Schuld völlig neu. Eine Person, die eine Handlung plant und bewusst ausführt, war etwas anderes als jemand, dessen Instinkte Entscheidungen beeinflussten, die er selbst kaum noch kontrollieren konnte. Doch gleichzeitig durfte ich eine andere Erkenntnis nicht ignorieren. Teladi waren gefährlicher, als ich ursprünglich angenommen hatte. Nicht, weil sie körperlich stärker waren. Nicht, weil sie aggressiver waren. Sondern weil ihre Geduld, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Fähigkeit, langfristig zu planen, unterschätzt wurden. Hatileos hatte wochenlang Informationen gesammelt. Sie hatte Netzwerke analysiert. Sie hatte sich in die Gesellschaft eingefügt. Sie hatte Sicherheitslücken gefunden. Und sie hatte einen Plan verfolgt, den wir erst verstanden, nachdem sie verschwunden war. Das war kein spontaner Ausbruch gewesen. Selbst wenn ihre Instinkte eine Rolle gespielt hatten, bedeutete das nicht, dass sie harmlos war. Ich stand vor der Panoramawand und betrachtete Trantor. Der Planet drehte sich langsam unter Altrix Nova hinweg. Eine Welt voller Narben. Eine Welt, die immer noch versuchte, sich selbst wieder aufzubauen. Und irgendwo dort unten befand sich Hatileos. Vielleicht verängstigt. Vielleicht verwirrt. Vielleicht getrieben von Instinkten, die sie selbst nicht verstand. Oder vielleicht bereitete sie bereits den nächsten Schritt vor. Ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass wir keine Zeit verlieren durften.
"Wir brechen auf." sagte ich schließlich.
Und während sich die Einsatzvorbereitungen in Bewegung setzten, hatte ich zum ersten Mal seit Hatileos' Flucht den Gedanken, dass die Suche nach ihr nicht nur eine Sicherheitsoperation war. Vielleicht war es auch eine Untersuchung darüber, wie wenig wir tatsächlich über die anderen Spezies in der Galaxis verstanden.

Als ich mit meinem Team im Hangar von Altrix Nova eintraf, lag bereits die typische Betriebsamkeit eines Raumstationshangars in der Luft. Das tiefe Dröhnen der gewaltigen Energieaggregate vibrierte durch die metallischen Böden, während über uns die riesigen Kransysteme langsam Container und Ausrüstung zwischen den verschiedenen Andockbereichen bewegten. Die Beleuchtung der Decke tauchte die gesamte Halle in ein kühles, weißliches Licht, das sich auf den glatten Oberflächen der Schiffe spiegelte und die scharfen Konturen der Konstruktionen hervorhob. Der Geruch von Maschinenöl, erhitztem Metall und der leicht säuerliche Duft von Kühlmitteln lagen in der Luft. Zwischen den einzelnen Schiffen bewegten sich Techniker, Sicherheitskräfte und Logistikmitarbeiter, doch trotz des normalen Betriebs war eine gewisse Anspannung spürbar. Der Angriff von Hatileos hatte seine Spuren hinterlassen. Jeder wusste, dass etwas geschehen war, das nicht einfach als gewöhnlicher Sicherheitsvorfall abgetan werden konnte. Misora wartete bereits auf uns zwischen mehreren abgestellten Schiffen. Die Ingenieurin stand mit verschränkten Armen neben einem umgebauten Spacetruck und beobachtete die Ankunft unserer Gruppe. Ihre langen schwarzen Haare mit dem kaum sichtbaren lilanen Schimmer fielen über ihre Schultern, während ihre Augen aufmerksam jedes Detail wahrnahmen. Es dauerte nicht lange, bis ihr Blick auf mich fiel. Zuerst zeigte sich Überraschung in ihrem Gesicht. Ihre Augen weiteten sich leicht und ihre Stirn legte sich in kleine Falten. Sie hatte offensichtlich nicht erwartet, mich persönlich im Hangar zu sehen. Doch die Überraschung verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden in völliges Erstaunen, als ihr Blick über meine Kleidung wanderte. Ich bemerkte, wie sie für einen Moment einfach nur schwieg. Der Grund dafür war die Ghok-Rüstung, die ich trug. Es war keine moderne Kampfrüstung wie die der SSA-Angehörigen. Kein Verbundmaterial, keine integrierten Energiesysteme, keine taktischen Anzeigen oder automatischen Schutzfunktionen. Diese Rüstung war etwas vollkommen anderes. Etwas Altes. Etwas, das aus einer Kultur stammte, die ihre Stärke nicht durch Technologie zeigte, sondern durch das, was sie überwunden hatte. Sie bestand aus den Überresten jenes Raubtieres, das mich auf Nif'Nakh beinahe getötet hatte. Das schwarze Chitin bildete die äußeren Platten der Rüstung und verlieh ihr eine unnatürliche, fast bedrohliche Erscheinung. Die Oberfläche war nicht glatt wie moderne Panzerungen, sondern zeigte die organische Struktur des ehemaligen Lebewesens. Einige Bereiche wirkten wie gehärtete Schuppen, andere wie natürliche Panzerplatten. Dazwischen verliefen graue Musterungen, kaum auffällig, aber dennoch sichtbar, wenn das Licht aus dem richtigen Winkel darauf fiel. Die Schulterplatten bestanden aus verstärkten Chitinteilen und ragten leicht nach außen. An mehreren Stellen waren Knochenfragmente verarbeitet worden, nicht als Verzierung, sondern als Teil der ursprünglichen Konstruktion. Die Split hatten daraus keine einfache Rüstung gebaut. Sie hatten daraus ein Symbol gemacht. Eine Art Kriegsrüstung. Eine Split-Version eines Ritters. Nur bestand dieser Ritter nicht aus glänzendem Metall, sondern aus den Überresten eines besiegten Raubtieres. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich sie angelegt hatte. Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Kein strategischer Plan. Kein rationaler Gedanke. Es war ein Instinkt gewesen. Während meiner Zeit bei den Split hatte ich mehr über ihre Kultur gelernt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Ihre Denkweise war brutal, direkt und für viele andere Völker schwer nachvollziehbar. Aber sie war nicht einfach nur von Gewalt geprägt. Stärke, Respekt und die Fähigkeit, eine Herausforderung zu überleben, hatten eine tiefere Bedeutung. Vielleicht glaubte ein Teil von mir, dass diese Rüstung mir helfen konnte, Hatileos besser zu verstehen. Vielleicht wollte ich nicht als Fremder auftreten. Vielleicht wollte ich mich daran erinnern, dass nicht jedes Verhalten nur mit Logik erklärt werden konnte. Misora betrachtete mich weiterhin schweigend. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf.
"Ich hätte nicht erwartet, dass du persönlich mitkommst", sagte sie. Ihr Blick wanderte erneut über die Ghok-Rüstung. "Und damit habe ich schon gar nicht gerechnet."
Ich sah kurz an mir herunter. "Es könnte hilfreich sein."
Misora hob eine Augenbraue. "Eine Rüstung aus dem Kadaver eines Raubtieres?"
Ich nickte. "Mehr oder weniger."
Sie musterte mich noch einen Moment, sagte aber nichts weiter. Misora kannte mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich solche Entscheidungen selten ohne Grund traf.
Dann wandte sie sich ab und deutete auf den umgebauten Spacetruck hinter ihr. "Wir sollten los."
Der Frachter war auf den ersten Blick noch eindeutig als Spacetruck zu erkennen. Die Grundform des Schiffes war unverändert. Der breite, robuste Rumpf, die verstärkten Triebwerkssektionen und die kantige Bauweise waren typisch für die Frachterklasse, die Misora selbst maßgeblich weiterentwickelt hatte. Doch die Ladebereiche waren vollständig verändert worden. Wo normalerweise Transportcontainer und Frachtmodule untergebracht waren, befanden sich nun Sitzbereiche, zusätzliche Lebenserhaltungssysteme und taktische Ausrüstung. Die Innenräume waren funktional gehalten. Keine unnötige Dekoration, kein Komfort wie auf einer Passagiermaschine. Alles war darauf ausgelegt, Personen schnell und sicher zu einem Einsatzort zu bringen. Es war eine Übergangslösung. Ein Provisorium. Misora hatte längst Pläne für eine eigene Klasse von Einsatz- und Transportschiffen erstellt. Ich wusste, dass die Entwürfe bereits existierten. Sie hatte mir einige davon gezeigt. Wie immer waren ihre Konstruktionen effizient, praktisch und durchdacht. Aber im Moment fehlten ihr zwei entscheidende Dinge. Zeit. Und Personal. Der Bau neuer Spacetruck-Frachter hatte weiterhin höchste Priorität. Die BLD benötigte ihre neuen Transportkapazitäten, und gleichzeitig befand sich Altrix Nova selbst in der entscheidenden Phase ihrer Fertigstellung. Zu viele Projekte liefen gleichzeitig. Misora konnte nicht alles gleichzeitig umsetzen. Auch wenn sie es wahrscheinlich gerne versucht hätte. Wir betraten den umgebauten Spacetruck und bewegten uns durch die engen Gänge in Richtung Cockpit. Die Beleuchtung im Inneren war gedämpfter als im Hangar. Die Wände bestanden aus funktionalem Metallverbund, an einigen Stellen waren zusätzliche Kabelstränge sichtbar, die später vermutlich sauberer integriert werden sollten. Als ich das Cockpit betrat, sah ich bereits den Piloten. Kon Mah saß im Pilotensessel. Der Argone war sofort als ehemaliger Militärangehöriger zu erkennen. Seine Haltung war gerade, konzentriert und kontrolliert. Seine kurzen olivfarbenen Haare waren sauber geschnitten, ebenso sein olivfarbener Bart, der ordentlich gestutzt war. Seine dunkelroten Augen richteten sich auf mich und verengten sich leicht, als er die Ghok-Rüstung betrachtete. Für einen Moment fragte ich mich, ob er sie bereits kannte. Ich konnte mich nicht erinnern. Vielleicht hatte er mich bereits darin gesehen. Vielleicht auch nicht. Falls er überrascht war, zeigte er es nicht. Das war eine Eigenschaft, die ich bei vielen ehemaligen Soldaten bemerkte. Sie hatten gelernt, ihre Reaktionen unter Kontrolle zu halten. Kon Mah nickte mir knapp zu. Ich erwiderte die Geste.
"Alles bereit?"
"Bereit", antwortete er.
Die letzten Mitglieder des Teams gingen an Bord. Gal und Tahl nahmen ihre Positionen ein, während die SSA-Angehörigen ihre Ausrüstung überprüften. Thovareus hatte ebenfalls Platz genommen. Der männliche Teladi wirkte ruhig, aber seine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder durch das Schiff. Offensichtlich war auch für ihn diese Mission mehr als nur eine Untersuchung. Nachdem die Türen geschlossen waren und die Systeme hochgefahren wurden, erwachte der Spacetruck langsam zum Leben. Ein tiefes Vibrieren ging durch den Rumpf, als die Energieversorgung auf die Triebwerke umgeleitet wurde. Auf den Anzeigen im Cockpit erschienen die verschiedenen Statusmeldungen. Lebenserhaltung, Navigation, Kommunikation und Antrieb wechselten nacheinander auf grüne Anzeigen. Dann kam die Freigabe von Altrix Nova. Die gewaltigen Dockklammern lösten sich. Der Spacetruck bewegte sich langsam aus seiner Position. Durch die Cockpitfenster konnte ich sehen, wie die riesige Raumstation hinter uns zurückblieb. Altrix Nova, die größte Raumstation, die jemals gebaut worden war, wirkte aus dieser Entfernung noch immer unfassbar. Ihre gewaltigen Strukturen, die künstlichen Lebensbereiche und die zahlreichen angedockten Schiffe bildeten ein künstliches Gebilde, das fast wie eine eigene kleine Welt wirkte. Vor uns lag Trantor. Der Planet, dessen Zukunft vielleicht von etwas abhing, das vor Jahrhunderten als Bedrohung erschaffen worden war. Und irgendwo dort unten befand sich eine Insel, die Hatileos an Nif'Nakh erinnert hatte. Ich wusste nicht, was wir finden würden. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir kurz davor standen, Antworten zu bekommen. Oder neue Fragen.

Der umgebaute Spacetruck entfernte sich langsam von Altrix Nova, während die Steuerdüsen die letzten Korrekturen vornahmen. Durch die Cockpitfenster sah ich, wie die gewaltige Raumstation immer kleiner wurde. Die äußeren Segmente der Station zogen langsam an uns vorbei. Lichterreihen, Andockringe und die gewaltigen Strukturverstrebungen verschwanden allmählich hinter uns. Altrix Nova wirkte aus dieser Entfernung nicht mehr wie ein künstliches Bauwerk, sondern wie ein eigener kleiner Mond aus Metall und Energie. Ein gigantischer Körper, der im Orbit von Trantor schwebte und unzählige Leben beherbergte. Für einen kurzen Moment blieb mein Blick an der Station hängen. Dort oben befand sich mein Zuhause. Meine Familie. Die UNO. All das, was ich aufgebaut hatte. Und trotzdem flog ich gerade davon, weil eine einzelne Teladi, die ich vor wenigen Wochen noch als einsame Überlebende auf Nif'Nakh gesehen hatte, eine Kette von Ereignissen ausgelöst hatte, deren Ausmaß ich noch immer nicht vollständig verstand. Ich wandte den Blick wieder nach vorne. Trantor füllte langsam unser Sichtfeld. Der Planet war beeindruckend. Aus dem Orbit wirkte er beinahe unberührt. Große grüne Landmassen zogen sich über die Oberfläche, durchzogen von tiefblauen Ozeanen und hellen Wolkenformationen. Die künstliche Beleuchtung der Städte zeichnete sich bereits auf der Nachtseite ab und bildete verstreute Muster aus goldenen und weißen Lichtpunkten. Doch ich wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Unter dieser Schönheit lagen die Spuren einer langen Geschichte. Kriege. Katastrophen. Wiederaufbau. Verlust. Und Hoffnung. Kon Mah saß ruhig im Pilotensessel. Seine Hände lagen sicher an den Steuerkontrollen, während seine dunkelroten Augen regelmäßig zwischen den Anzeigen und dem Sichtfenster wechselten. Er flog präzise, ohne unnötige Bewegungen. Jede Kurskorrektur war klein und effizient. Hinter uns im Passagierbereich arbeiteten die SSA-Investigatoren bereits. Die Atmosphäre an Bord war konzentriert. Niemand sprach unnötig. Jeder wusste, warum wir hier waren. Gal stand über einer holografischen Projektion der Flugroute. Die ehemalige Geheimdienstlerin bewegte einzelne Datenfelder mit schnellen Bewegungen ihrer Finger und ließ verschiedene Sensordaten übereinanderlegen. Tahl befand sich neben ihr und überprüfte die Ergebnisse.
"Wir haben bisher keine eindeutige Spur", sagte einer der SSA-Investigatoren.
Gal blickte nicht auf. "Nicht eindeutig heißt nicht nicht vorhanden."
Der Investigator nickte und arbeitete weiter. Die Aufgabe der SSA war schwierig. Wir wussten nicht einmal sicher, ob Hatileos tatsächlich auf Trantor geblieben war. Die aldrianische Korvette hätte nach dem Abdocken mehrere Möglichkeiten gehabt. Sie hätte die Umlaufbahn verlassen und direkt eines der Sprungtore anfliegen können. Sie hätte eine andere Station im System erreichen können. Oder sie hätte nur eine Spur hinterlassen können, um uns in die falsche Richtung zu schicken. Hatileos hatte bereits bewiesen, dass sie vorsichtig vorging. Sie hatte uns getäuscht. Sie hatte Sicherheitsmaßnahmen überwunden. Sie hatte gewartet. Ich konnte nicht einfach davon ausgehen, dass sie den offensichtlichsten Weg genommen hatte.
"Wir müssen davon ausgehen, dass sie möglicherweise bereits weg ist", sagte Tahl. Seine Stimme war ruhig. "Wenn sie geplant hat, durch ein Sprungtor zu verschwinden, dann könnten wir bereits Stunden zu spät sein."
Ich sah zu ihm. "Und trotzdem suchen wir weiter."
Tahl nickte. "Natürlich."
Die Antwort kam ohne Zögern. Genau deswegen schätzte ich Menschen wie ihn. Er war realistisch. Aber er gab nicht auf. Thovareus saß etwas abseits und beobachtete die Gespräche. Seine blauen Schuppen reflektierten das schwache Licht der Innenbeleuchtung. Der Teladi wirkte nachdenklich. Seine Augen wanderten immer wieder zu den Sensordaten. Ich wusste, dass er nicht nur nach einem Schiff suchte. Er suchte nach Hatileos. Nach dem Wesen hinter ihren Entscheidungen. Nach einer Erklärung. Der Spacetruck erreichte schließlich die obere Atmosphäre. Die ersten Anzeigen änderten sich. Die Temperatur der Außenhülle begann zu steigen. Ein kaum wahrnehmbares Zittern ging durch das Schiff, als die Reibung der Atmosphäre gegen den Rumpf zunahm. Die künstliche Gravitation blieb stabil, doch die Geräusche des Schiffes veränderten sich. Das tiefe Summen der Triebwerke wurde von einem dumpferen Dröhnen begleitet. Durch das Cockpitfenster sah ich, wie die Schwärze des Weltraums langsam einem intensiven Blau wich. Trantor nahm uns auf. Die Wolkenschichten kamen näher. Weiße, gewaltige Formationen zogen an uns vorbei, während Kon Mah die Geschwindigkeit reduzierte und den Eintrittswinkel stabil hielt. Unter uns öffnete sich die Landschaft. Grüne Wälder. Weite Ebenen. Berge. Flüsse. Und Städte, die wie künstliche Inseln zwischen den natürlichen Landschaften lagen. Doch die SSA arbeitete weiter. Während wir tiefer sanken, suchten die Sensoren weiterhin nach Spuren der Korvette. Die Ermittler nutzten nicht nur gewöhnliche Ortungssysteme. Sie analysierten auch Rückstände des Antriebs, elektromagnetische Signaturen und mögliche Abweichungen in der Atmosphäre. Eine aldrianische Korvette war kein gewöhnliches Schiff. Ihre Technologie hinterließ charakteristische Muster.
"Moment." Die Stimme eines Investigators ließ den Raum sofort verstummen.
Gal drehte sich um. "Was haben Sie?"
Der Investigator vergrößerte die Darstellung. "Eine schwache Signatur."
Tahl trat näher. "Quelle?"
Der Mann zoomte weiter hinein. "Nicht direkt vom Schiff." Er wechselte mehrere Anzeigen. "Es handelt sich um eine Restspur."
Mein Blick wanderte auf die Projektion. "Von der Korvette?"
"Sehr wahrscheinlich." Die Worte sorgten für neue Aufmerksamkeit. Der Investigator legte weitere Daten darüber. "Die Signatur ist schwach, aber eindeutig aldrianischen Ursprungs."
Gal verschränkte die Arme. "Richtung?"
Eine Linie erschien auf der Karte. Sie führte von Altrix Nova hinab zur Oberfläche. Genauer gesagt zu einem bestimmten Punkt. Eine Insel.
"Isla Rica."
Der Name erschien auf dem Bildschirm. Ich betrachtete die Markierung. Eine Insel mitten im Ozean von Trantor. Genau der Ort, den wir aufgrund der Berechnungen vermutet hatten.
Thovareus hob leicht den Kopf. "Das passt zu Ihrer Theorie."
Ich antwortete nicht sofort. Denn obwohl die Daten vielversprechend waren, blieb eine Unsicherheit. Eine Restspur bedeutete nicht automatisch, dass Hatileos noch dort war. Sie konnte die Spur absichtlich hinterlassen haben. Sie konnte gelandet sein und längst weitergezogen sein. Sie konnte bereits durch das nächste Sprungtor verschwunden sein. Die Möglichkeit blieb bestehen. Doch zumindest hatten wir eine Richtung. Kon Mah führte den Spacetruck weiter. Die Wolkendecke öffnete sich. Unter uns erschien das Meer. Ein endloses blaues Feld, auf dem sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Die Oberfläche glitzerte wie flüssiges Glas. In der Ferne zeichnete sich eine Inselgruppe ab. Isla Rica. Je näher wir kamen, desto mehr Details wurden sichtbar. Dichte Vegetation bedeckte große Teile der Insel. Zwischen den grünen Flächen waren helle Sandstrände zu erkennen. Kleine Wasserläufe zogen sich wie silberne Linien durch die Landschaft. Doch die Schönheit der Insel konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir möglicherweise einen gefährlichen Ort betraten. Eine Teladi mit unbekannter Absicht befand sich irgendwo hier. Oder hatte sich hier befunden. Der Spacetruck verringerte die Geschwindigkeit. Kon Mah übernahm die letzten Flugmanöver.
"Landepunkt erreicht."
Die Triebwerke wurden angepasst. Das Schiff sank langsam tiefer. Durch das Fenster sah ich die Oberfläche näher kommen. Die Vegetation bewegte sich durch den Abwind der Triebwerke. Blätter und Gräser wurden zur Seite gedrückt, während das Schiff seine Position stabilisierte. Dann setzte der Spacetruck auf. Ein leichtes Vibrieren ging durch den Boden. Die Triebwerke fuhren herunter. Stille. Nur noch das leise Summen der Systeme blieb zurück. Niemand bewegte sich sofort. Jeder wartete. Jeder wusste, dass der eigentliche Teil der Mission erst jetzt begann. Ich sah zu Gal und Tahl. Beide waren bereits bereit. Thovareus erhob sich langsam. Misora überprüfte noch einmal die Ausrüstung. Und ich blickte durch die Scheibe auf die grüne Landschaft von Isla Rica. Etwas in mir sagte, dass wir hier Antworten finden würden. Aber etwas anderes sagte mir auch, dass diese Antworten möglicherweise nicht das waren, was wir erwarteten.

Die Anzeigen im Cockpit bestätigten noch einmal, dass sämtliche Systeme des umgebauten Spacetrucks einwandfrei arbeiteten. Draußen peitschte der warme Wind über die Küstenvegetation von Isla Rica. Die mächtigen Triebwerke liefen inzwischen nur noch im Standby und ließen den Boden unter dem Schiff kaum merklich vibrieren. Durch die Frontscheibe sah ich dichte Baumkronen, hohe Farne und vereinzelte Felsformationen, die aus dem satten Grün hervorragten. Das Licht der Sonne brach sich auf den breiten Blättern tropischer Pflanzen und tauchte die Lichtungen in ein warmes Gold, während weiter entfernt das Rauschen der Brandung bis zu uns herüberwehte. Die Luft wirkte feucht. Selbst durch die Lebenserhaltungssysteme des Schiffes glaubte ich den würzigen Geruch von Erde, Moos und salziger Meeresluft wahrzunehmen.
Ich löste den Verschluss meines Sicherheitsgurtes und erhob mich. "Misora." Sie blickte von ihrer Konsole auf. "Du bleibst an Bord."
Sie schnaubte amüsiert. "Keine Sorge." Sie verschränkte die Arme und lehnte sich entspannt gegen eine Konsole. "Nichts auf der Welt würde mich da draußen rausbekommen." Ich sah sie fragend an. Sie grinste leicht. "Ich mag Abenteuer." Ihr Grinsen wurde schmaler. "Aber ich bin nicht lebensmüde."
Einige der SSA-Angehörigen mussten unwillkürlich schmunzeln. Misora zuckte nur mit den Schultern. "Ich bin Ingenieurin. Mein Arbeitsplatz ist das Schiff. Ihr seid diejenigen mit den Waffen."
Ich nickte zufrieden. "Genau deswegen bleibst du hier."
Sie hob zustimmend die Hand. "Keine Diskussion."
Anschließend wandte ich mich an die Investigatoren, die im hinteren Bereich des Cockpits bereits über mehrere holografische Sensorprojektionen gebeugt standen.
"Ein Teil von euch bleibt ebenfalls hier." Alle hoben den Blick. "Ich will, dass ihr die komplette Insel ohne Unterbrechung scannt." Ich deutete auf die holografische Karte. "Thermische Anomalien. Bewegungen. Energiesignaturen. Lebensformen. Alles."
Der dienstälteste Investigator nickte sofort. "Verstanden."
"Wenn ihr auch nur die kleinste Veränderung entdeckt, meldet ihr sie sofort."
"Jawohl."
Dann sah ich zu Kon Mah. Der ehemalige Militärpilot hatte bereits beide Hände an den Steuerkontrollen, obwohl das Schiff noch auf dem Boden stand. "Kon." Er blickte zu mir. "Du wirst nach unserem Ausstieg sofort wieder starten." Er nickte aufmerksam. "Zieh Kreise über der Insel." Ich zeigte auf die Projektion. "Nicht zu tief."
"Verstanden."
"Vielleicht erkennt man von oben etwas, das wir am Boden übersehen."
Kon dachte kurz nach. "Und falls jemand versucht, das Schiff zu erreichen?"
"Fliehen."
Er antwortete ohne Zögern. "Zu Befehl."
Ich nickte. "Ich möchte auf keinen Fall erleben, dass Hatileos auch noch unseren Spacetruck kapert."
Kon verzog leicht den Mund. "Ein Schiff reicht."
Ein leises zustimmendes Murmeln ging durch die Besatzung. Ich aktivierte den Öffnungsmechanismus der Seitenschleuse. Mit einem dumpfen Zischen entwich Luft aus den Druckkammern, bevor sich die schwere Luke langsam nach unten senkte und gleichzeitig die Einstiegsrampe bildete. Warme, feuchte Luft schlug uns entgegen. Sofort änderte sich der Geruch. Salz. Feuchte Erde. Blüten. Verrottendes Laub. Das Zirpen unzähliger Insekten erfüllte die Umgebung. Aus den Baumkronen erklangen Vogelrufe, die ich keiner bekannten Spezies zuordnen konnte. Dazwischen rauschte unaufhörlich das Meer. Die Insel wirkte friedlich. Fast zu friedlich. Ich stieg als Erster hinunter. Die Ghok-Rüstung knirschte leise bei jeder Bewegung. Das schwarze Chitin reflektierte das Sonnenlicht nur schwach und ließ mich zwischen der grünen Vegetation vermutlich deutlich auffälliger erscheinen, als mir lieb war. Kurz darauf folgten Gal, Tahl, Thovareus und die übrigen SSA-Angehörigen. Keine hundert Meter vom Landeplatz entfernt warteten bereits mehrere Fahrzeuge der örtlichen Polizei. Die Einsatzkräfte hatten ihre Positionen rund um die Lichtung bezogen. Einige beobachteten aufmerksam den Waldrand, andere hielten ihre Waffen entspannt, aber griffbereit. Als wir näher kamen, löste sich eine Frau aus der Gruppe. Sie war vermutlich Mitte dreißig. Ihre Gesichtszüge erinnerten mich sofort an asiatische Abstammung. Ihr Gesicht war schmal, ihre Haut leicht gebräunt. Das Auffälligste waren jedoch ihre Haare. Sie waren hellbraun, fast blond, und reichten ihr bis knapp über die Schultern. Im Sonnenlicht wirkten einzelne Strähnen beinahe golden. Ihre Augen dagegen bildeten einen starken Kontrast. Tiefschwarz. Fast wie geschliffener Obsidian. Sie musterte zunächst Gal. Dann Tahl. Dann blieb ihr Blick an mir hängen. Genauer gesagt... an meiner Rüstung. Ihre Augen wurden groß.
Sie riss hörbar Luft ein. "Ersch..."
Mehr brachte sie nicht heraus. Der erschrockene Laut genügte bereits. Mehrere Polizisten rissen augenblicklich ihre Waffen hoch. Andere drehten sich in unsere Richtung. Eine Sekunde lang spannte sich die gesamte Situation gefährlich an.
Noch bevor ich reagieren konnte, machte Gal einen schnellen Schritt nach vorne. "Ruhe!" Ihre Stimme war laut genug, um sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Fast gleichzeitig trat Tahl einen halben Schritt neben mich. "Alles in Ordnung." Seine ruhige Stimme wirkte beinahe stärker als jeder Befehl. "Er gehört zu unserem Einsatzteam."
Die Polizisten zögerten. Die Frau atmete mehrmals tief durch. Dann ließ sie die Schultern etwas sinken. "Entschuldigung." Sie schüttelte leicht den Kopf. "Ich..." Sie sah erneut auf meine Rüstung. "...ich habe so etwas noch nie gesehen."
Ich konnte ihr das kaum verübeln. Zwischen modernen Uniformen und Hightech-Ausrüstung musste ich aussehen wie ein Wesen aus einer längst vergangenen Epoche. Oder wie ein Split-Krieger. Sie trat schließlich auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
"Caroline Watanabe."
Ich erwiderte den Händedruck. "Tori Grau."
Sie nickte. "Ich bin die Ansprechpartnerin der örtlichen Polizei." Sie deutete in Richtung Meer. "Wobei 'örtlich' etwas übertrieben ist." Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Isla Rica ist offiziell unbewohnt."
Ich ließ den Blick über die Insel schweifen. "Naturschutzgebiet?"
"Genau." Sie zeigte auf eine holografische Karte. "Die nächste Stadt ist Horny Reef." Ihr Finger glitt über die Projektion. "Mehr als zwanzig Kilometer entfernt."
Ich erkannte die Küstenlinie. Horny Reef lag auf dem Festland. Eine Küstenstadt. Von dort waren offenbar sämtliche Einsatzkräfte hierher verlegt worden.
Caroline deaktivierte die Projektion wieder. "Wir sind kurz nach Ihrer Nachricht eingetroffen."
Ich nickte. "Gab es irgendwelche Sichtungen?"
Sie schüttelte den Kopf. "Keine bestätigten."
"Die Korvette?"
"Wurde von niemandem beobachtet."
Das überraschte mich nicht. Eine aldrianische Korvette war schnell. Und wenn sie bewusst tief oder über dem Meer angeflogen war, konnte sie den meisten zivilen Sensoren entgangen sein.
Gal trat neben mich. "Unsere Sensoren haben allerdings eine Restsignatur gefunden."
Caroline nickte. "Die Daten haben wir erhalten." Sie verschränkte die Arme. "Deshalb durchsuchen wir die Insel bereits seit über einer Stunde."
"Ergebnis?"
"Bis jetzt nichts."
Ich sah in den dichten Wald hinein. Die Vegetation war enorm. Hohe Bäume bildeten ein geschlossenes Dach aus Blättern. Dazwischen wucherten Farne, Lianen und dichtes Buschwerk. Das Gelände war unübersichtlich. Perfekt, um sich zu verstecken. Oder etwas zu verstecken.
Caroline aktivierte erneut ihre Karte. "Wir haben das Gebiet bereits in Suchsektoren eingeteilt." Mehrere farbige Bereiche erschienen. "Meine Leute durchsuchen die Küste." Ein anderer Bereich leuchtete auf. "Ein zweites Team arbeitet sich durch den südlichen Wald." Noch ein Bereich. "Der Norden besteht größtenteils aus felsigem Gelände." Sie sah mich an. "Falls Ihre Sensoren etwas finden, können wir sofort reagieren."
Ich nickte. "Und falls Ihre Leute etwas entdecken, möchte ich es unmittelbar erfahren."
"Selbstverständlich."
Für einen kurzen Moment schwiegen wir alle. Der Wind bewegte die Baumkronen. Irgendwo kreischte ein Vogel. Aus der Ferne war erneut das dumpfe Rollen der Brandung zu hören. Alles wirkte friedlich. Fast idyllisch. Doch inzwischen wusste ich, dass genau solche Orte oft ihre gefährlichsten Geheimnisse am besten verbargen.

Gemeinsam mit Captain Caroline Watanabe verließen wir den provisorischen Einsatzstützpunkt an der Küste. Während mehrere Teams der örtlichen Polizei ihre Suchmuster fortsetzten und der Spacetruck bereits wieder an Höhe gewann, um seine Kreise über Isla Rica zu ziehen, führte uns Caroline zu einem der schwebenden Einsatzbusse ihrer Einheit. Das Fahrzeug unterschied sich deutlich von den gewöhnlichen Polizeitransportern, die ich aus den argonischen Kernwelten kannte. Die matte dunkelgraue Außenhaut war nahezu fugenlos verarbeitet. Dezente blaue Lichtstreifen verliefen entlang der Fahrzeugseiten und signalisierten den Betriebszustand. Auf dem Dach befand sich ein ausfahrbarer Sensormast, während unter dem Rumpf mehrere Antigravitationsaggregate mit einem gleichmäßigen Summen arbeiteten. Das Fahrzeug schwebte etwa einen halben Meter über dem Boden und wirbelte beim Start lediglich einige trockene Blätter und Sandkörner auf, ohne den Untergrund zu beschädigen.
Caroline öffnete die Seitentür mit einer fließenden Handbewegung. Erst jetzt fiel mir auf, wie außergewöhnlich ihre Ausrüstung tatsächlich war. Ihr Trenchcoat war kein gewöhnliches Kleidungsstück. Der Stoff besaß eine feine, fast seidige Oberfläche, die je nach Lichteinfall zwischen Anthrazit und dunklem Graphit schimmerte. Winzige eingewebte Leiterbahnen verliefen unauffällig entlang der Nähte und regulierten kontinuierlich die Temperatur. Weder die feuchte Hitze der Insel noch die klimatisierten Innenräume schienen ihre Kleidung zu beeinflussen. Trotz des schmalen Schnitts wirkte der Mantel überraschend funktional. Als sie sich setzte und den Saum leicht öffnete, erkannte ich mehrere präzise angeordnete Taschen und Halterungen. Darin befanden sich versiegelte Analysebehälter, kompakte Scanner, Probenröhrchen, Mikroinstrumente und weitere Geräte, deren Funktion ich nur erahnen konnte. Es war tatsächlich ein kleines mobiles Labor, geschickt im Mantel verborgen. Noch interessanter war jedoch ihre Brille. Auf den ersten Blick wirkte sie unscheinbar. Erst als sich feine holografische Elemente über den Gläsern aufbauten und sich nahezu unsichtbare Projektionen in ihren Pupillen spiegelten, wurde deutlich, dass sie weit mehr war als eine Sehhilfe. Während sie den Innenraum des Schwebebusses musterte, erschienen winzige Datenfenster vor ihren Augen. Sensorwerte, Positionsdaten, biometrische Anzeigen und taktische Karten liefen offenbar gleichzeitig über ihre CSI-Schnittstelle. Ihre Augen bewegten sich kaum merklich, während sie Informationen auswertete. Es wirkte beinahe so, als würde sie mehrere Computer gleichzeitig bedienen, ohne auch nur einen Finger zu bewegen.
Mir wurde klar, weshalb sie trotz ihres Alters bereits Captain geworden war. Sie war jung. Wahrscheinlich kaum älter als Mitte dreißig. Und dennoch leitete sie die Special Crimes & Forensics Unit, die modernste kriminaltechnische Spezialeinheit auf ganz Trantor. Ich erinnerte mich an das, was mir Gal während des Fluges erzählt hatte. Caroline galt als jüngste Captain in der Geschichte der trantorianischen Polizei. Nicht wegen Beziehungen. Nicht wegen Politik. Sondern weil ihre Aufklärungsquote ihresgleichen suchte. Sie war Ermittlerin und Forensikerin zugleich. Während andere Fälle wegen fehlender Beweise hatten einstellen müssen, hatte sie begonnen, genau dort anzusetzen. Sie hatte sich wissenschaftlich spezialisiert, neue Methoden entwickelt und Spuren sichtbar gemacht, die zuvor niemand wahrgenommen hatte. Verbrecher, die sich jahrelang sicher gefühlt hatten, waren durch ihre Arbeit schließlich doch noch verurteilt worden. Dennoch wirkte sie nicht wie jemand, der sich auf seinen Erfolgen ausruhte. Ganz im Gegenteil. Je länger ich sie beobachtete, desto mehr erkannte ich eine gewisse innere Unruhe. Immer wieder presste sie unbewusst die Lippen aufeinander oder trommelte mit einem Finger gegen ihr Knie, sobald neue Informationen eintrafen. Sie glaubte offensichtlich fest an Recht und Ordnung. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass sie regelmäßig gegen bürokratische Mauern anlaufen musste, die ihr die Arbeit erschwerten.
Der Schwebebus setzte sich lautlos in Bewegung. Die Antigravitationsfelder trugen uns über die schmale Küstenlinie hinweg, bevor wir über die Baumkronen der Insel glitten. Unter uns rauschte ein dichtes Blätterdach vorbei. Gewaltige Farngewächse wechselten sich mit uralten Bäumen ab, deren Kronen ein beinahe geschlossenes grünes Dach bildeten. Dazwischen ragten immer wieder dunkle Felsen empor, die teilweise vollständig von Moosen und Kletterpflanzen überwachsen waren. An einigen Stellen öffnete sich der Wald und gab den Blick auf kleine Süßwasserseen frei, deren spiegelglatte Oberflächen das Sonnenlicht reflektierten. Der Schwebebus flog in geringer Höhe weiter. Schließlich erreichten wir die Nordseite der Insel. Die Landschaft veränderte sich schlagartig. Die dichte Vegetation wich immer häufiger nacktem Fels. Graue und schwarze Gesteinsformationen zogen sich bis zur Küste. Manche waren vom Wind rund geschliffen, andere ragten scharfkantig aus dem Boden. Zwischen ihnen wuchsen nur vereinzelte Sträucher und widerstandsfähige Gräser. Die Sonne brannte nahezu ungehindert auf das dunkle Gestein herab, das die Wärme speicherte und flirrende Luftschichten darüber entstehen ließ.
Caroline löste den Blick von ihren holografischen Anzeigen und sah zu mir. "Grau-san."
Ich blickte zu ihr. "Warum beginnen wir ausgerechnet hier?"
Ihre Stimme war sachlich, nicht skeptisch. Sie wollte meinen Gedankengang verstehen.
Ich sah durch die Frontscheibe hinaus auf die sonnenbeschienenen Felsen. "Weil Teladi gerne in der Sonne baden."
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Dann wandte Caroline langsam den Kopf zu mir. "Das ist Ihre Begründung?"
Ich nickte. "Der Süden der Insel ist dicht bewachsen." Mein Blick blieb auf den Felsformationen. "Hier oben dagegen gibt es offene Felsen, die sich den ganzen Tag über aufheizen." Ich deutete auf eine größere Formation. "Wenn Hatileos ihren Instinkten folgt, sucht sie möglicherweise nicht den sichersten Ort." Ich machte eine kurze Pause. "Sondern den, der sich richtig anfühlt."
Thovareus, der neben mir saß, nickte zustimmend. Seine blauen Schuppen glänzten im Sonnenlicht, das durch die Frontscheibe fiel. "Grau-san hat recht."
Caroline sah nun ihn an. Der Teladi legte seine Klauen ruhig aufeinander. "Unsere Spezies liebt Wärme." Er blickte ebenfalls nach draußen. "Viele Teladi verbringen freiwillig Stunden regungslos auf sonnengewärmten Felsen." Ein leises Schmunzeln huschte über sein reptilienhaftes Gesicht. "Sie haben bei Ihrem Aufenthalt auf Zura offenbar gut aufgepasst, Grau-san."
Ich musste unwillkürlich lächeln. "Ich hatte gute Lehrer."
Thovareus neigte leicht den Kopf. "Die meisten Besucher achten nur auf unsere Handelsgewohnheiten." Er blickte erneut aus dem Fenster. "Sie haben stattdessen unsere Verhaltensweisen beobachtet."
Ich antwortete nicht. Ehrlich gesagt hatte ich damals gar nicht bewusst versucht, etwas über Teladi zu lernen. Ich hatte lediglich viel Zeit damit verbracht, zuzuhören und meine Umgebung wahrzunehmen. Offenbar hatte mein Unterbewusstsein mehr gespeichert, als mir selbst bewusst gewesen war. Caroline schwieg inzwischen. Ich bemerkte, wie ihre Augen hinter der Brille erneut verschiedene Daten auswerteten. Sie dachte nach. Nicht über meine Worte. Sondern darüber, ob sie logisch waren.
Schließlich nickte sie langsam. "Verhaltensbiologie." Sie sprach mehr mit sich selbst als mit uns. "Wenn die bisherigen Handlungen tatsächlich instinktgetrieben waren..." Sie blickte erneut hinaus. "...dann ist die Wahl des Suchgebietes durchaus nachvollziehbar."
Gal warf einen kurzen Blick zu mir. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Manchmal vergisst man, dass Ermittlungen nicht nur aus Technik bestehen."
Caroline antwortete sofort. "Technik liefert Daten." Sie verschränkte die Arme. "Aber Verhalten erklärt Entscheidungen."
Der Schwebebus setzte seinen Flug fort. Unter uns glitten weitere sonnenbeschienene Felsplateaus vorbei. Und während ich hinaus auf die schroffen Klippen blickte, fragte ich mich, ob Hatileos genau jetzt irgendwo dort unten regungslos auf einem warmen Stein lag. Nicht als Flüchtige. Nicht als Mörderin. Sondern einfach nur als Teladi, die ihren ältesten Instinkten folgte.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 69 - Intuition

Der schmale Suchtrupp setzte sich schließlich in Bewegung. Caroline übernahm gemeinsam mit zwei ihrer Beamten die linke Flanke, während Gal und Tahl ihre SSA-Investigatoren so verteilten, dass sich ihre Sichtfelder gegenseitig überschnitten. Niemand lief dicht nebeneinander. Jeder hielt genügend Abstand, um im Ernstfall reagieren zu können, ohne einen Kameraden zu behindern. Thovareus blieb unmittelbar hinter mir. Obwohl der blauschuppige Teladi keinerlei Bewaffnung trug, ließ sein aufmerksamer Blick erkennen, dass er jeden Stein und jede Geländekante genau beobachtete. Über unseren Köpfen zog der umgebaute Spacetruck langsam seine Kreise. Sein leises Triebwerksgeräusch war kaum mehr als ein fernes Summen, das gelegentlich vom Wind herübergetragen wurde. In regelmäßigen Abständen meldeten sich die Investigatoren an Bord über Funk und glichen ihre Sensordaten mit den tragbaren Scannern am Boden ab.
Ich ließ meinen Blick langsam über die Landschaft schweifen. Der nördliche Strand war völlig anders als die südlichen Küstenbereiche, die wir beim Anflug überflogen hatten. Hier bestand der Boden fast ausschließlich aus dunklem Lavagestein, das im Laufe unzähliger Gezeiten glatt geschliffen worden war. Zwischen den schwarzen Felsen lagen nur vereinzelte Bänder hellen Sandes, der mit Muschelschalen, getrockneten Tangresten und angeschwemmtem Treibholz durchsetzt war. Das Meer schlug in gleichmäßigen Wellen gegen die Klippen. Weißer Schaum spritzte meterhoch empor, bevor das Wasser zischend wieder zwischen den Felsspalten verschwand. Die salzige Luft legte sich als feiner Film auf meine Lippen, während der Wind den Geruch des offenen Ozeans mit sich brachte. Ich blieb kurz stehen. Die Sonne stand inzwischen hoch genug, dass die dunklen Basaltplatten Wärme abstrahlten. Selbst durch die Sohlen meiner Stiefel konnte ich die aufgeheizten Steine spüren.
"Hier würde ich mich hinlegen." Mehr dachte ich laut als dass ich bewusst sprach. Caroline sah mich fragend an. "Wenn ich eine Teladi wäre."
Thovareus nickte zustimmend. "Angenehm warm." Er hob die Schnauze leicht an und schloss für einen Moment die Augen. "Fassst perfekt."
Gal hob skeptisch eine Augenbraue. "Fast?"
Der Teladi öffnete wieder die Augen. "Etwasss mehr Luftfeuchtigkeit." Ein kurzes Zischen entwich seiner Kehle. "Dann wäre esss ausssgezzzeichnet."
Wir gingen weiter. Die Investigatoren arbeiteten ausgesprochen professionell. Einer untersuchte regelmäßig die Felsoberflächen mit einem tragbaren Spektralscanner. Ein anderer richtete ein langes stabförmiges Gerät auf Vertiefungen zwischen den Steinen, um nach biologischen Rückständen zu suchen. Caroline ließ ihre Brille fortlaufend Daten einblenden. Ich konnte die schwachen Spiegelungen holografischer Anzeigen auf ihren Gläsern erkennen, während ihre Augen beinahe regungslos über das Gelände glitten. Niemand sprach unnötig. Lediglich kurze Statusmeldungen wurden ausgetauscht.
"Keine Wärmesignaturen."
"Negativ."
"Nur lokale Kleintiere."
"Keine Bewegung."
Der Wind nahm etwas zu. Zwischen den Felsen entstanden pfeifende Geräusche, während einzelne Vögel, die Möwen ähnelten, aufgeregt aufflogen, als wir uns näherten. Mehrfach entdeckten wir kleine Echsen, die blitzschnell in Felsspalten verschwanden. Einmal huschte ein pelziges Tier zwischen den Steinen hindurch und verschwand ebenso rasch wieder im Unterholz. Doch von Hatileos fehlte jede Spur. Ich begann mich immer stärker auf die Umgebung einzulassen. Nicht auf einzelne Details. Sondern auf das Gesamtbild. Während meiner Zeit auf Nif'Nakh hatte ich gelernt, Landschaften anders wahrzunehmen. Nicht nur zu sehen, was vor mir lag, sondern zu überlegen, wie jemand oder etwas diese Landschaft nutzen würde. Ich blieb erneut stehen. Vor mir ragte eine größere Felsformation empor, deren Oberfläche nahezu waagerecht verlief. Die dunklen Steine lagen vollkommen frei in der Sonne. Keine Bäume warfen Schatten darauf. Ich trat näher. Die Handfläche meiner Ghok-Rüstung legte sich auf den Fels. Selbst durch das Chitin spürte ich die gespeicherte Wärme.
Ich nickte unbewusst. "Hier hätte sie sich wohlgefühlt."
Caroline trat neben mich. "Woran machen Sie das fest?"
"Instinkt." Ich strich mit der Hand langsam über das Gestein. "Wenn sie sich tatsächlich überwiegend von ihren Urinstinkten leiten ließ, dann wäre Wärme wichtiger als Deckung."
Thovareus bestätigte meine Vermutung. "Ein Teladi denkt in einer sssolchen Phassse andersss." Er sprach ungewöhnlich ernst. "Gefahren werden zzzwar wahrgenommen." Er machte eine kurze Pause. "Aber dasss Bedürfnisss nach einem geeigneten Brutplatzzz überlagert vielesss."
Seine Worte ließen mich erneut an das Ei im Argnu-Gehege denken. Die Bilder schoben sich beinahe automatisch in meinen Kopf. Das halb vergrabene Ei. Die Argnu-Kuh. Die überraschten Gesichter von Greg und Rosa. Und schließlich Thovareus' Erklärung über die Vitellogenese. Ich verdrängte die Gedanken wieder. Jetzt mussten wir Hatileos finden. Nicht ihre Beweggründe analysieren. Der Weg führte uns weiter landeinwärts. Nach und nach änderte sich die Landschaft erneut. Zwischen den Felsen sammelte sich immer häufiger Erde. Kleine Büsche wuchsen in den Felsspalten. Dann erschienen erste größere Bäume. Ihre Wurzeln hatten sich tief in das vulkanische Gestein gegraben und die Felsen über Jahrhunderte auseinander gedrückt. Lianen hingen von den Ästen herab. Farnpflanzen bedeckten den Boden. Die Luft wurde spürbar feuchter. Das Rauschen der Brandung entfernte sich langsam. Dafür traten andere Geräusche in den Vordergrund. Das Zirpen zahlloser Insekten. Das Rufen unbekannter Vögel. Das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz. Der Geruch veränderte sich ebenfalls. Salz trat in den Hintergrund. Stattdessen roch es nach feuchter Erde, verrottendem Laub, Harz und Blüten, deren süßlicher Duft in der warmen Luft hing. Der Dschungel begann. Nicht schlagartig. Sondern beinahe fließend. Jeder weitere Schritt führte uns tiefer hinein. Das Sonnenlicht erreichte den Boden nur noch in schmalen goldenen und rubinfarbenen Säulen, die zwischen den Baumkronen hindurchfielen. Überall tanzten winzige Staubpartikel und Pollen im Licht. Manche Baumstämme waren so dick, dass drei Erwachsene sie kaum hätten umfassen können. Moose bedeckten ihre Rinde, während breite Blätter das Licht einfingen und den Boden darunter in grünliches Halbdunkel tauchten.
Ich hob automatisch die Hand. Der gesamte Suchtrupp blieb augenblicklich stehen. Vor uns befand sich weicher Boden. Fast schlammig. Ich kniete mich hin. Die Erde war deutlich weniger fest als noch zwischen den Felsen. Falls Hatileos tatsächlich hier entlanggekommen war ... würden wir vielleicht endlich Spuren finden. Hinter mir verstummten sämtliche Gespräche. Selbst Caroline hielt den Atem an, während wir alle gleichzeitig denselben Gedanken hatten. Vielleicht endete unsere Suche genau hier nicht mehr nur mit Vermutungen. Sondern mit dem ersten eindeutigen Hinweis darauf, wohin Hatileos nach ihrer Landung tatsächlich gegangen war.

Ich kniete noch immer auf dem feuchten Waldboden, als einer der Investigatoren einige Meter rechts von mir plötzlich die Faust hob. Sofort blieb die gesamte Gruppe stehen. Niemand sagte ein Wort. Das Summen der Insekten schien für einen Augenblick lauter zu werden, während selbst die Vögel in den Baumkronen verstummten. Der SSA-Ermittler ging langsam in die Hocke, schob mit der behandschuhten Hand einige breite Farnwedel zur Seite und betrachtete etwas im Erdreich.
Gal war als Erste bei ihm. "Nicht anfassen."
Ihre ruhige Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen möglichen Beweis handelte. Auch Caroline trat heran. Bereits während sie sich neben den Ermittler kniete, aktivierte ihre Brille mehrere Analysefenster. Die dünnen holografischen Projektionen spiegelten sich kurz auf ihren dunklen Augen, ehe sie sich vollständig auf das Objekt konzentrierte.
Ich trat näher. Zwischen feuchter Erde, Moos und verwitterten Wurzeln ragte eine unregelmäßig geformte Metallplatte hervor. Sie war etwa so groß wie mein Unterarm. Die Oberfläche bestand aus einem silbrig grauen Material mit einem leichten bläulichen Schimmer, wie ich ihn bereits mehrfach an der aldrianischen Korvette gesehen hatte. Eine Seite war sauber abgerissen. Das Metall war nicht geschmolzen, sondern regelrecht abgeschert worden. Winzige Leiterbahnen verliefen im Inneren der Platte und waren an der Bruchkante freigelegt.
Caroline zog vorsichtig ein schmales Analysegerät aus ihrem Trenchcoat. "Nicht magnetisch." Sie ließ den Scanner langsam über die Oberfläche gleiten. "Keine Korrosion." Mehrere Zahlenreihen erschienen vor ihren Augen. "Legierungszusammensetzung unbekannt."
Sie blickte zu X... Nein. Xandra war nicht hier. Mein eigener Gedanke irritierte mich für einen kurzen Moment. Automatisch hatte ich erwartet, dass sie uns technische Details erklären würde. Stattdessen war es Thovareus, der sich langsam vorbeugte. Der Teladi betrachtete die Platte aufmerksam. Seine blauen Schuppen reflektierten das grünliche Licht des Dschungels. Er fuhr mit einer einzelnen Kralle wenige Millimeter über die Oberfläche, ohne sie zu berühren.
"Dasss ssstammt eindeutig von einem aldrianissschen Ssschiff."
Ich sah ihn an. "Woran erkennst du das?"
Er deutete auf die innere Struktur. "Mehrssschichtige Wabenkonssstruktion." Seine gelben Augen verengten sich leicht. "Sssehr leicht." Dann zeigte er auf die Bruchkante. "Und exxxtrem belassstbar." Er nickte. "Dasss verwenden außerhalb Aldrinsss nur sssehr wenige."
Caroline sah von ihrer Analyse auf. "Unsere Materialdatenbank bestätigt das." Sie richtete sich langsam wieder auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt das Teil von der gesuchten Korvette."
Ein kaum hörbares Aufatmen ging durch die Gruppe. Zum ersten Mal hatten wir einen eindeutigen Hinweis. Ich hob den Blick und betrachtete die Umgebung. Der Wald war dicht. Viel dichter, als er aus der Luft gewirkt hatte. Die Baumkronen schlossen sich nahezu vollständig über uns. Dicke Lianen hingen zwischen den Ästen. Moose bedeckten Felsen und umgestürzte Baumstämme. Selbst wenige Meter entfernt verschluckte das Blattwerk beinahe jede Sicht. Kein Wunder...
Ich sprach den Gedanken laut aus. "Kein Wunder, dass wir sie nicht gefunden haben."
Gal nickte. "Von oben sieht das alles gleich aus."
Ich aktivierte mein Funkgerät. "Kon."
Seine Stimme meldete sich sofort. "Ich höre."
"Wir haben ein Wrackteil gefunden."
"Verstanden."
Ich blickte mich noch einmal um. "Kannst du unsere Position markieren?"
"Bereits erfolgt."
Ein kurzer Moment verging. Dann meldete sich einer der Sensoroffiziere aus dem Spacetruck. "Wir führen eine lokale Neuberechnung durch."
Ich wartete. Über uns zog der Personentransporter weiterhin seine langsamen Kreise. Durch kleine Lücken im Blätterdach konnte ich ihn gelegentlich erkennen. Sein heller Rumpf glitt lautlos über den Himmel. Sekunden wurden zu Minuten. Niemand sprach. Alle warteten.
Schließlich knackte der Funk. "Tori?"
"Ja."
"Wir haben die Flugbahn neu berechnet."
Ich richtete mich unwillkürlich etwas auf. "Ergebnis?"
"Die Korvette muss wesentlich steiler eingeflogen sein als ursprünglich angenommen."
Ich runzelte die Stirn. "Wie steil?"
"Eintreffwinkel ungefähr achtundsiebzig Grad."
Neben mir pfiff Caroline leise durch die Zähne. "Das ist fast ein kontrollierter Sturz."
Kon übernahm wieder. "Deshalb hat sie kaum Schneisen geschlagen."
Jetzt verstand ich. Jeder hatte erwartet, dass ein Raumschiff dieser Größe beim Landeanflug Bäume umknicken oder breite Verwüstungen hinterlassen würde. Doch wenn Hatileos nahezu senkrecht eingeflogen war ... hatte sie lediglich einen vergleichsweise kleinen Bereich benötigt. Die Natur hatte den Rest übernommen. Das dichte Blätterdach schloss sich über dem Schiff. Von oben blieb kaum etwas sichtbar.
Kon sprach weiter. "Ich gleiche gerade eure Position mit der neuen Einflugbahn ab."
Auf meinem Armband erschien eine dreidimensionale Karte. Eine schmale blaue Linie zog sich quer über das Gelände. Sie endete ... keine fünfhundert Meter von uns entfernt.
Ich hob den Blick. "Gleiche Richtung wie unser bisheriger Suchkorridor."
"Bestätigt." Kon machte eine kurze Pause. "Dazu kommt noch etwas. Warte."
Ich blieb stehen. "Was?"
"Wir haben eine ungewöhnliche Reflexion."
Jetzt waren sämtliche Blicke auf mein Funkgerät gerichtet. "Kannst du sie identifizieren?"
"Nicht eindeutig." Er schien mehrere Daten gleichzeitig auszuwerten. "Die Vegetation stört."
Sekunden vergingen. Dann hörte ich den Sensoroffizier im Hintergrund etwas sagen. Kon antwortete ihm kurz.
Schließlich meldete er sich wieder. "Jetzt haben wir sie." Ich hielt unwillkürlich den Atem an. "Größe stimmt." Eine weitere Pause. "Form ebenfalls." Mein Herz begann schneller zu schlagen. "Thermisch vollständig ausgekühlt." Noch eine Sekunde. Dann sagte Kon mit ruhiger, beinahe sachlicher Stimme: "Ich habe die aldrianische Korvette."
Für einen kurzen Augenblick sagte niemand etwas. Selbst Caroline schloss für einen Moment die Augen, als würde sie die Information gedanklich bestätigen. Ich betrachtete die eingeblendete Karte. Zwischen den dichten Baumkronen lag das Schiff praktisch unsichtbar. Erst jetzt erkannte ich, weshalb sämtliche bisherigen Suchmaßnahmen erfolglos geblieben waren. Der steile Landevektor hatte kaum Spuren hinterlassen. Keine breite Schneise. Keine zerstörten Baumreihen. Lediglich einige geknickte Äste und vereinzelte beschädigte Kronen, die aus der Luft aussahen wie gewöhnliche Sturmschäden. Der Rest der Korvette verschwand vollständig unter dem natürlichen Blätterdach. Selbst ihre graublaue Hülle verschmolz beinahe mit den Schatten des Dschungels und den dunklen Felsen darunter.
Hatileos hatte den perfekten Landeplatz gewählt. Ob absichtlich oder instinktiv ... spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Wir wussten jetzt, wo sie war. Und zum ersten Mal, seit sie Altrix Nova verlassen hatte, waren wir ihr wieder einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Noch eben hatte mich die Erleichterung getragen, dass wir die Korvette überhaupt gefunden hatten. Jetzt war davon nichts mehr übrig. Mein Blick blieb an der geöffneten Schleuse hängen, deren schwere Außenluke reglos in der feuchten Tropenluft stand. Das matte Grau der aldrianischen Legierung war von Kratzern und Schrammen übersät. Mehrere Stellen zeigten dunkle Brandspuren vom extrem steilen Atmosphäreneintritt. Zwischen den metallischen Verstrebungen hingen einzelne Ranken, als hätte der Dschungel bereits begonnen, sich das Schiff einzuverleiben. Aus der geöffneten Schleuse drang kühle Luft nach draußen und vermischte sich mit der warmen, nach Salz, feuchter Erde und Pflanzen riechenden Brise der Insel.
Doch es war nicht die Schleuse, die mich erstarren ließ. Es waren die Körper. Sie lagen verstreut vor dem Eingang, als wären sie noch in letzter Sekunde aus dem Schiff geflohen. Manche waren nur wenige Meter voneinander entfernt, andere lagen halb zwischen Farnen und den scharfkantigen Lavasteinen. Die weißen und hellgrauen Uniformen der Aldrianer waren an mehreren Stellen mit getrocknetem, dunkelrotem Blut durchtränkt. Einer lag auf dem Rücken, beide Arme weit ausgestreckt. Eine Frau war zusammengesunken gegen einen Felsen gelehnt, als hätte sie sich dort in ihren letzten Sekunden Schutz gesucht. Ein anderer lag bäuchlings im Sand, eine Hand noch ausgestreckt zur Schleuse. Mir wurde schlagartig flau.
"Nicht näher!" rief Caroline sofort und hob eine Hand. Ihre Stimme war fest, professionell, doch selbst sie sprach leiser als zuvor. "Forensische Sicherung."
Die Ermittler der örtlichen Polizei und mehrere SSA-Investigatoren blieben augenblicklich stehen. Niemand trat weiter vor. Ich konnte trotzdem bereits erkennen, dass etwas nicht stimmte. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
"Das..." hörte ich mich selbst sagen, doch meine Stimme verlor sich.
Ich ging trotzdem langsam einen Schritt näher. Dann noch einen. Und noch einen. Der erste Tote lag jetzt kaum drei Meter vor mir. Ich zwang mich hinzusehen. Sein Gesicht... Ich schluckte schwer. Seine Augenhöhlen waren leer. Nicht verletzt. Nicht verbrannt. Nicht zerquetscht. Leer. Sauber. Zu sauber. Ich kniete mich langsam neben ihn. Die Ghok-Rüstung knackte leise, als die massiven Chitinplatten gegeneinander drückten. Der Geruch traf mich sofort. Metallisch. Alt. Blut. Dazu der süßliche Beginn der Verwesung, den die tropische Wärme bereits beschleunigte. Fliegen summten über den Wunden. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Sein Hals zeigte mehrere tiefe Schnittverletzungen. Die Kleidung war dort vollständig mit Blut durchtränkt. Doch erstaunlich wenig Blut hatte sich unter dem Körper gesammelt. Viel zu wenig. Mein Magen zog sich zusammen. Ich blickte zum nächsten Körper. Dann zum nächsten. Und jedes Mal wiederholte sich dasselbe Bild. Leere Augenhöhlen. Tiefe Verletzungen. Kaum Blut. Ich spürte, wie sich mein Nacken verkrampfte.
"Greg...", sagte ich leise.
Der Wissenschaftler trat vorsichtig näher, zog bereits dünne Untersuchungshandschuhe über und begann, ohne die Leiche unnötig zu bewegen, erste Messungen vorzunehmen. Rosa arbeitete schweigend neben ihm und ließ einen kleinen Multiscanner über Brustkorb, Hals und Kopf gleiten. Niemand sagte etwas. Selbst die sonst so unerschütterliche Gal hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt. Ihre sonst so ruhigen grünen Augen wirkten ungewöhnlich ernst. Tahl ließ seinen Blick ununterbrochen zwischen Dschungel und Korvette wandern. Sein Sturmgewehr blieb im Anschlag. Thovareus stand regungslos hinter mir. Seine blauen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht nur schwach. Seine senkrechten Pupillen waren ungewöhnlich weit geöffnet.
Schließlich sprach Greg. "Das passt nicht."
Ich sah zu ihm. "Wieso?"
Er deutete auf den Hals des Toten. "Die Blutmenge."
Rosa nickte sofort. "Sie müsste deutlich größer sein."
Greg fuhr fort. "Ein Mensch... oder Aldrianer... verliert nach einer solchen Verletzung enorme Mengen Blut."
Er zeigte auf den sandigen Boden. "Aber hier..."
Er ließ den Satz offen. Ich verstand sofort. "Das Blut fehlt."
Greg nickte langsam. "Ja."
Caroline trat neben uns. Ihre CSI-Brille projizierte mehrere transparente Anzeigen vor ihre Augen. Sie betrachtete jede Wunde einzeln.
"Keine typischen Fraßspuren." Sie wechselte den Blickwinkel. "Keine Zahnabdrücke." Noch einmal überprüfte sie die Augenhöhlen. "Dafür..." Sie hielt inne. "...extrem präzise Entnahmen."
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. "Entnahmen?"
Caroline nickte. "Die Augen wurden nicht herausgerissen." Sie zeigte auf den Rand der Augenhöhle. "Sie wurden entfernt."
Das Wort ließ meinen Magen noch schwerer werden. Entfernt. Nicht zerstört. Nicht zerfetzt. Entfernt. Bewusst. Gezielt. Ich zwang mich, weiterzusehen. Alle Leichen. Dasselbe Muster. Keiner hatte noch Augen. Keiner. Ich schluckte.
"Und das Blut?"
Greg richtete sich langsam auf. "Ich vermute..." Er schien selbst ungern auszusprechen, was er dachte. "...dass der Großteil fehlt."
"Wohin?" fragte Misora leise, die über Funk zugehört hatte.
Niemand antwortete. Für mehrere Sekunden hörte man nur das Meeresrauschen. Irgendwo kreischte ein Vogel über den Baumwipfeln. Der Wind strich durch die hohen Palmen und ließ ihre Blätter gegeneinander rascheln. Diese friedliche Geräuschkulisse machte den Anblick nur noch verstörender. Ich hob langsam den Blick zur offenen Schleuse. Das Innere lag im Halbdunkel. Nur einzelne Notleuchten funktionierten noch und tauchten den Gang in ein kaltes bläuliches Licht. Immer wieder wanderten Schatten über die Wände, wenn sich draußen Palmenblätter im Wind bewegten. Es sah aus ... als würde sich dort drinnen etwas bewegen. Ich wusste natürlich, dass es nur Licht war. Und trotzdem spielte mein Kopf mir etwas anderes vor. Ich erinnerte mich unwillkürlich an Nif'Nakh. An die Höhlen. An das Gefühl, beobachtet zu werden.
Ich spürte, wie sich meine Finger unbewusst um den Griff meiner Split-Klinge schlossen. Die Ghok-Rüstung fühlte sich plötzlich nicht mehr archaisch an. Sie fühlte sich richtig an. Passend. Mein Blick glitt erneut über die Leichen. Ich wollte Hatileos verstehen. Bis eben hatte ich geglaubt, sie sei ihren Instinkten gefolgt. Ein fliehendes Tier. Eine Teladi in einem biologischen Ausnahmezustand. Doch dieses Bild bekam Risse. Große Risse. Denn Instinkt erklärte vieles. Aber nicht das hier. Nicht diese Präzision. Nicht die systematische Entfernung der Augen. Nicht das nahezu vollständige Fehlen von Blut. Nicht einmal Thovareus schien dafür eine Erklärung zu haben. Seine Schwanzspitze bewegte sich unruhig über den Boden. Ein Verhalten, das ich bei ihm bislang kaum gesehen hatte.
Schließlich sagte er leise: "Dasss... entssspricht keinem teladianissschen Brutverhalten, dasss mir bekannt wäre."
Ich sah ihn an. "Bist du sicher?"
Er nickte langsam. "Sssehr." Seine Stimme klang unsicher. "Ssso etwasss habe ich noch nie gehört."
Das machte alles nur noch schlimmer. Wenn selbst ein Teladi keine Erklärung hatte ... was war hier dann passiert?
Caroline schloss langsam ihr mobiles Labor und sah zur geöffneten Schleuse. "Grau-san." Sie sprach mich inzwischen ganz selbstverständlich so an. "Wir sollten davon ausgehen, dass sich der Täter noch an Bord befinden könnte."
Gal trat sofort neben mich. "Ich übernehme den linken Trupp."
Tahl nickte. "Ich den rechten."
Mehrere SSA-Ermittler lösten lautlos die Sicherungen ihrer Waffen. Metall klickte gedämpft ineinander. Die schwarzen und weißen Uniformen verschwammen beinahe mit den Schatten des Dschungels. Ich hob den Blick ein letztes Mal zur geöffneten Schleuse. Aus der Dunkelheit kam kein Laut. Kein Schritt. Kein Atem. Nur Stille. Eine Stille, die viel lauter war als jedes Geschrei. Ich hatte das ungute Gefühl, dass wir die Korvette zwar gefunden hatten. Aber vielleicht war das Schlimmste, was Hatileos hinterlassen hatte, noch gar nicht das, was vor der Schleuse lag. Es wartete möglicherweise noch im Inneren des Schiffes auf uns.

Mit erhobenen Waffen rückten wir weiter vor. Jeder Schritt hallte dumpf durch die schmalen Korridore der aldrianischen Korvette. Das matte Notlicht tauchte die Wände in ein kaltes, bläulich weißes Flimmern, das in unregelmäßigen Abständen kurz flackerte. Überall lagen lose Verkleidungsplatten, herausgerissene Kabelstränge und feine Splitter transparenter Verbundstoffe auf dem Boden. Die Luft roch nach verschmorter Elektronik, heißem Metall, verbrannten Isolierungen und dem metallischen Geruch von Blut. Dazwischen lag ein beißender Geruch, den ich inzwischen nur allzu gut kannte. Angst. Argonen und Aldrianer rochen anders, wenn sie um ihr Leben fürchteten. Gal ging wenige Meter vor mir. Ihr Sturmgewehr ruhte fest an ihrer Schulter. Ihr Blick wanderte ununterbrochen über Türen, Lüftungsschächte und Kreuzungen. Tahl sicherte die gegenüberliegende Seite des Ganges. Caroline bewegte sich überraschend ruhig zwischen den schwer bewaffneten SSA-Ermittlern. Hinter der Brille wirkten ihre schwarzen Augen konzentriert, während ihre Fingerspitzen über ein tragbares Analysegerät glitten. Immer wieder erschienen blassblaue Projektionen vor ihr, verschwanden wieder und machten neuen Messwerten Platz. Thovareus blieb dicht hinter mir. Seine blauen Schuppen wirkten unter dem kalten Licht fast violett. Sein langer Schwanz bewegte sich langsam hin und her. Er sagte nichts. Seine gelben Reptilienaugen verrieten jedoch, dass auch er jede Kleinigkeit registrierte. Deck um Deck arbeiteten wir uns vor. Jede Tür wurde vorsichtig geöffnet. Jeder Raum kontrolliert. Mannschaftsquartiere. Aufenthaltsräume. Techniksektionen. Lager. Sanitärbereiche. Überall dieselbe gespenstische Leere.
"Hatileos!" rief ich schließlich laut durch einen der Hauptgänge.
Meine Stimme lief durch das Schiff und wurde von den metallenen Wänden vielfach zurückgeworfen. Keine Antwort. Nur das leise Summen der Notstromaggregate. Dann hörte ich plötzlich mehrere schnelle Schläge gegen Metall.
"Dort!" rief einer der SSA-Ermittler.
Sofort richteten sich sämtliche Waffen auf eine verschlossene Sicherheitstür. Wieder. Klopf. Klopf. Klopf. Diesmal deutlich. Keine Schläge eines Angreifers. Jemand versuchte Aufmerksamkeit zu erregen.
Gal trat langsam an die Tür heran. "SSA! Wer befindet sich dahinter?"
Für einen Moment blieb alles still. Dann antwortete eine erschöpfte Stimme. "Nicht schießen... bitte..."
Ich kannte diese Stimme. "Valen?"
Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille. "Tori?" kam es ungläubig zurück.
Er lebte. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
"Tür öffnen!" befahl Gal sofort.
Einer der Techniker trat vor, verband sein Universalmodul mit der Steuerkonsole und begann das verriegelte Schott zu umgehen. Die Anzeigen flackerten mehrfach rot auf. Offenbar hatte jemand sämtliche Sicherheitsprotokolle manuell überschrieben.
"Sie wurde von innen verriegelt", stellte Caroline fest, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Daten geworfen hatte.
"Wahrscheinlich, um sich zu verschanzen", murmelte Tahl.
Nach wenigen Sekunden ertönte ein dumpfes Klicken. Langsam glitt das Schott zur Seite. Sofort richteten sämtliche Soldaten ihre Waffen in den dahinterliegenden Raum. Dann erst senkten sie sie wieder. Vor uns standen mehrere Aldrianer. Verschmutzt. Erschöpft. Mit leerem Blick. Einige saßen kraftlos an der Wand. Andere hielten noch immer ihre Energiewaffen in den Händen, obwohl ihre Arme bereits zitterten. Die Uniformen waren an mehreren Stellen verbrannt oder eingerissen. Manche hatten notdürftig angelegte Verbände aus Stofffetzen um Arme oder Schultern gewickelt. Einer hielt sich die Seite, an der getrocknetes Blut den hellen Stoff dunkel verfärbt hatte. Ganz vorne erkannte ich Valen Seldon. Sein Gesicht war blass. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Ein Teil seiner Stirn war aufgerissen und notdürftig verbunden worden. Das Verbandmaterial war bereits wieder rot durchtränkt. Sein linker Arm hing ungewöhnlich ruhig an seinem Körper. Wahrscheinlich ausgekugelt oder gebrochen. Dennoch stand er aufrecht. Als sich unsere Blicke trafen, ließ er seine Waffe langsam fallen. Sie schlug scheppernd auf den Boden.
"Endlich..." flüsterte er.
Seine Beine gaben nach. Ich fing ihn gerade noch auf. Er war deutlich leichter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Sein Körper fühlte sich fiebrig an.
"Sanitäter!" rief ich.
Sofort drängten sich mehrere medizinisch ausgebildete SSA-Angehörige an uns vorbei.
Valen hob schwach den Kopf. "Wir... dachten..." Er musste Luft holen. "Wir dachten... sie kommt zurück..."
"Wer?" fragte ich ruhig.
"Hatileos."
Alle im Raum wurden augenblicklich still. Valen schluckte schwer. "Sie hat... uns zusammengetrieben." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Wir hatten Waffen..." Ich nickte langsam. "Wir haben sie benutzt." Sein Blick wanderte ins Leere. "Es war nur ein kurzer Kampf." Er schloss kurz die Augen. "Sie war schnell..." Seine Hand zitterte. "Unfassbar schnell."
Ein anderer Aldrianer übernahm. "Wir haben sofort das Feuer eröffnet." Er zeigte auf mehrere Einschusslöcher in der Wand. "Mindestens acht Schützen."
Caroline trat näher und betrachtete die Trefferbilder. "Die Einschüsse bestätigen das."
Der Aldrianer nickte. "Wir haben sie mehrfach getroffen."
Ich sah ihn überrascht an. "Getroffen?"
"Ja." Er war sich sicher. "Mindestens drei Treffer."
"Und?"
"Sie hat einfach weitergekämpft."
Niemand sagte etwas. Der Mann atmete tief durch. "Nicht... als wäre sie unverwundbar." Er suchte nach den richtigen Worten. "Eher... als hätte sie beschlossen, dass Schmerzen keine Rolle mehr spielen."
Thovareus senkte langsam den Blick. Seine Schuppen wirkten plötzlich deutlich dunkler.
Valen sprach weiter. "Als wir merkten, dass wir sie nicht aufhalten konnten... zogen wir uns zurück." Sein Blick fiel auf die verriegelte Tür. "Wir haben alles verriegelt."
"Und sie?" fragte Gal.
Valen schüttelte langsam den Kopf. "Sie hat nicht versucht, hereinzukommen."
Alle sahen ihn überrascht an. "Sie hat einfach aufgehört."
"Wann?" fragte Caroline.
"Vielleicht..." Er überlegte. "Zehn Minuten später hörten wir die Schleuse."
"Sie ist ausgestiegen?"
"Ja."
"Wohin?"
Valen schloss erneut die Augen. "Keine Ahnung." Er atmete schwer. "Seitdem haben wir gewartet."
Ich blickte durch den Raum. Etwa ein Dutzend Aldrianer hatten überlebt. Einige saßen regungslos an der Wand. Andere hielten sich gegenseitig fest. Viele hatten diesen Ausdruck, den ich inzwischen nur zu gut kannte. Nicht Erleichterung. Nicht Freude. Sondern den leeren Blick von Menschen, die nur deshalb noch lebten, weil der Tod sie aus irgendeinem Grund übergangen hatte. Ich ließ den Blick langsam durch den Raum schweifen. Keiner wirkte unverletzt. Aber niemand befand sich unmittelbar in Lebensgefahr. Die Sanitäter bestätigten mir nach wenigen Minuten genau das.
"Mehrere Knochenbrüche."
"Verbrennungen."
"Prellungen."
"Einige Schussverletzungen."
"Aber niemand verblutet."
Ich atmete langsam aus. Zum ersten Mal seit Betreten der Korvette hatten wir etwas Positives gefunden. Überlebende. Doch während die Verwundeten versorgt wurden, ließ mich ein anderer Gedanke nicht mehr los. Wenn Hatileos diese Menschen am Leben gelassen hatte... Dann hatte sie die Korvette nicht wegen ihrer Besatzung gekapert. Sie war wegen etwas anderem hier gewesen. Oder wegen etwas, das längst nicht mehr an Bord war.

Ich strich meinen letzten Gedankengang innerlich durch. Nein. Die Besatzung war kein zufälliger Nebenaspekt gewesen. Sie war ein Teil des Puzzles. Vielleicht hatte Hatileos die aldrianische Korvette tatsächlich nur aus einer Gelegenheit heraus gekapert, weil irgendein Schiff genügt hätte, um Altrix Nova zu verlassen. Aber spätestens nach der Notlandung auf Isla Rica hatte sie begonnen, alles um sich herum in ihren eigentlichen Plan einzubeziehen. Davon war ich inzwischen überzeugt. Die Besatzung war von diesem Moment an keine Geisel mehr gewesen. Sie war zu einer Ressource geworden.
Schweigend ließ ich den Blick über das Wrack schweifen. Überall herrschte geschäftige Hektik. Sanitäter versorgten Verwundete. Die Männer und Frauen der SSA sicherten jeden Zugang der Korvette. Forensiker der Polizei Trantors fotografierten jede Blutlache, jede Schleifspur, jeden Einschlag in den Wänden. Tragbare Scanner summten leise, während sie biologische Rückstände analysierten. Über allem lag der Geruch verbrannter Elektronik, heißer Metalllegierungen und getrockneten Blutes. Der feuchte Wind, der vom Dschungel herüberwehte, brachte den Duft nasser Erde und exotischer Blüten mit sich, vermochte den metallischen Geruch des Todes jedoch nicht zu verdrängen.
Ich nahm all das kaum bewusst wahr. Meine Gedanken wanderten zurück. Zu jenem luziden Traum. Zu dem Ancient. Seine ruhige Stimme erklang beinahe wieder in meinem Kopf.
'Die Teladi besitzen eine besondere Fähigkeit. Aber sie sind ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht werden sie sie erst in tausend Jahren wieder vollständig verstehen.'
Damals hatte ich seine Worte kaum einordnen können. Jetzt verstand ich. Langsam setzte sich alles zusammen. Nopileos. Eine ursprüngliche Teladi. Durch einen Zufall, oder vielleicht durch das Schicksal selbst, war Split-Blut von Hatrak in ihren Körper gelangt. Nur eine winzige Menge. Daraus war Hatileos entstanden. Fünfundneunzig Prozent Teladi. Fünf Prozent Split. Ich erinnerte mich an jedes einzelne Gespräch mit Thovareus. Der blauschuppige Teladi hatte mir geduldig erklärt, wie sich seine Spezies fortpflanzte. Weibliche Teladi konnten sich sogar gegenseitig fortpflanzen. Allerdings entstand dabei keine gleichmäßige Vermischung des Erbguts wie bei Menschen. Es wurde lediglich ein minimaler genetischer Anteil übertragen. Die Nachkommen blieben nahezu vollständige Klone der Mutter. Damals hatte ich diese Information nur interessant gefunden. Jetzt bekam sie eine völlig neue Bedeutung. Noch deutlicher erinnerte ich mich an Nif'Nakh. An den Moment, als mir klar geworden war, dass Hatileos nicht einfach nur Tiere beobachtet hatte. Sie hatte sie untersucht. Analysiert. Ausgewertet. Damals war mir bereits der Gedanke gekommen, dass Teladi offenbar dazu fähig gewesen waren, genetische Eigenschaften anderer Lebewesen in irgendeiner Form zu übernehmen oder für ihre Nachkommen nutzbar zu machen - so hatten sie sich auf Zura entwickelt. Ich hatte diese Erkenntnis wieder verdrängt. Vielleicht, weil sie zu absurd geklungen hatte. Vielleicht auch, weil ich sie nicht wahrhaben wollte. Doch nun stand ich hier. Zwischen Leichen. Zwischen Aldrianern, denen Augen und Blut fehlten. Langsam wurde mir eiskalt. Die besondere Fähigkeit der Teladi war nicht Profit. Nicht Handel. Nicht Kultur. Nicht Ästhetik. Nicht Anpassungsfähigkeit im gesellschaftlichen Sinne. Sie war biologische Anpassung. Evolution. Eine Evolution, die nicht auf Jahrmillionen wartete. Sondern aktiv beschleunigt werden konnte. Überleben. Optimieren. Verbessern.
Mein Blick blieb auf einem der leblosen Aldrianer liegen, dessen Gesicht von einem weißen Tuch bedeckt worden war. Unter dem Stoff zeichneten sich die eingefallenen Augenhöhlen nur noch als dunkle Vertiefungen ab. Ich schluckte. Fünf Prozent. Mehr hatte Hatileos von Hatrak nicht erhalten. Fünf Prozent Split-DNA. Und dennoch... Ich dachte an ihren Kampf. An ihre Geschwindigkeit. An ihre Kraft. An ihre Reaktionen. An ihre Aggressivität. An die Art, wie sie Dutzende ausgebildete Soldaten überwältigt hatte. Vielleicht hatte der Ancient genau das gemeint. Nicht, dass Teladi irgendwann mächtiger werden würden. Sondern dass sie irgendwann lernen würden, ihre uralte Fähigkeit wieder gezielt einzusetzen. Ich spürte, wie sich meine Finger unwillkürlich zu Fäusten ballten. Was, wenn das hier erst der Anfang war? Was, wenn Hatileos gar keine Ausnahme darstellte? Was, wenn sie lediglich die Erste war, bei der dieser Prozess zufällig ausgelöst worden war?
Mein Blick wanderte über die Korvette. Über die Blutspuren. Über die notdürftig verbundenen Verwundeten. Über die Ärzte, die Valen versorgten. Über Caroline, die mit ernster Miene ihre Ermittler koordinierte. Niemand außer mir schien diesen Gedankengang zu verfolgen. Und vielleicht war das auch gut so. Denn selbst ich bekam Angst davor. Ich erinnerte mich an das Ei. An Gregs Untersuchungen. An Thovareus' Erklärung über die Vitellogenese. An Hatileos' plötzlich ausgelösten Brutinstinkt. Mein Herz schlug schneller. Was, wenn sie das Blut gar nicht wegen der Nahrung genommen hatte? Was, wenn es nie darum gegangen war? Mein Magen zog sich zusammen. Ich sah wieder die leeren Augenhöhlen. Dann schoss mir ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Die Augen. Nicht das Blut. Die Augen. Aldrianer besaßen eine außergewöhnlich leistungsfähige Sehkraft. Ihre Augen waren hervorragend an das Leben im Weltraum angepasst. Sie konnten Kontraste besser erkennen, auf große Entfernungen fokussieren und auf wechselnde Lichtverhältnisse deutlich schneller reagieren als gewöhnliche Menschen. Ich spürte, wie mir gleichzeitig heiß und eiskalt wurde.
"Hatileos..."
Das Wort verließ meine Lippen kaum hörbar. Wenn meine Vermutung stimmte... Dann hatte sie ihre Opfer nicht wahllos verstümmelt. Sie hatte gezielt bestimmte Organe entnommen. Nicht aus Grausamkeit. Nicht als Trophäen. Sondern als genetische Vorlage. Als biologisches Material. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Was, wenn sie diese Eigenschaften nicht für sich selbst wollte? Was, wenn alles dem Gelege galt? Was, wenn sie Nachkommen erschaffen wollte, die nicht nur teladianische Anpassungsfähigkeit besaßen ... sondern zusätzlich die Sehkraft der Aldrianer? Mir wurde schwindelig. Der Ancient hatte recht gehabt. Die Teladi entwickelten sich noch immer weiter. Langsam. Unbemerkt. Und Hatileos war der lebende Beweis dafür. Nicht Profit. Nicht Macht. Nicht Territorium. Ihre eigentliche Stärke war Evolution. Eine Spezies, die sich selbst optimieren konnte, war möglicherweise die gefährlichste Lebensform überhaupt. Und wenn Hatileos Erfolg hatte ... dann stand ich vielleicht nicht vor einem einzelnen Monster. Sondern vor dem Beginn einer völlig neuen Generation.

Ich verließ die Korvette, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Meine Schritte führten mich über den unebenen Boden vor dem Wrack, vorbei an den provisorisch eingerichteten Untersuchungsbereichen und den Absperrungen, die die SSA und die trantorische Polizei inzwischen errichtet hatten. Gal und Tahl folgten mir wortlos. Beide kannten mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich in solchen Momenten nicht angesprochen werden wollte. Nicht, weil ich ihre Anwesenheit nicht schätzte, sondern weil mein Kopf zu viele Gedanken gleichzeitig verarbeitete.
Die Sonnen von Trantor standen bereits tiefer am Himmel. Das Licht fiel schräg durch die hohen Bäume des Inselwaldes und tauchte die Umgebung in ein wechselndes Muster aus goldenen Flächen und dunkelroten Schatten. Die feuchte Luft flimmerte über den warmen Steinen. In der Ferne rauschte das Meer gegen die Küste, während über uns der Rotor eines weiteren Rettungsschwebers aufheulte und Sand, Blätter und kleine Pflanzenreste über den Boden wirbelte.
Immer mehr Hilfskräfte trafen ein. Die anfängliche Stille um die Korvette war längst verschwunden. Jetzt herrschte kontrolliertes Chaos. Polizeikräfte sicherten den äußeren Bereich. Rettungsteams brachten medizinische Ausrüstung heran. Bergungsspezialisten untersuchten die Struktur des Schiffes und prüften, ob weitere Gefahren durch instabile Sektionen oder beschädigte Energiesysteme bestanden. Techniker in orangefarbenen Schutzanzügen legten Leitungen aus, um zusätzliche Energiequellen und Beleuchtung für die Nacht bereitzustellen.
Es war ein seltsamer Gegensatz. Ein Schiff aus einer fremden Zivilisation, gestrandet auf einer tropischen Insel, umgeben von moderner Technologie, während die Natur unbeirrt weiterlief. Vögel flogen über die Baumkronen. Insekten summten zwischen den Pflanzen. Das Meer bewegte sich ruhig im Hintergrund. Und mitten darin stand die beschädigte Korvette wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt.
Ich begann, um das Schiff herumzugehen. Nicht, weil ich bewusst einen Rundgang machen wollte. Nicht, weil ich etwas Bestimmtes suchte. Ich musste mich einfach bewegen. Wenn ich stillstand, wurden die Gedanken in meinem Kopf zu laut. Gal ging einige Meter hinter mir. Tahl hielt etwas mehr Abstand und beobachtete gleichzeitig die Umgebung. Beide verstanden, dass ich gerade weniger einen Begleiter als einen Moment zum Denken brauchte. Erst jetzt, da ich nicht mehr direkt vor der Schleuse stand, wurde mir bewusst, wie gewaltig die Korvette eigentlich war. Im Orbit und aus der Entfernung hatte ich sie natürlich gesehen. Ich hatte in ihr gesessen. Ich hatte ihre Korridore betreten. Aber erst jetzt, außerhalb des Schiffes, bekam ich ein Gefühl für ihre tatsächliche Größe. Ich blieb stehen und legte den Kopf leicht in den Nacken.
"Beeindruckend..." murmelte ich leise.
Die aldrianische Korvette ragte vor mir auf. Nach meiner groben Einschätzung musste sie ungefähr 150 Meter lang sein. Ihre Höhe lag vermutlich bei etwa 25 Metern. Die Breite war schwerer einzuschätzen, da die beschädigten Flügelstrukturen die ursprüngliche Form verzerrten, aber ich schätzte ungefähr 100 bis 120 Meter, abhängig davon, wie genau man die ausladenden Seitenbereiche vermessen würde. Und gerade diese Flügel waren massiv beschädigt. Große Teile der Außenstruktur waren deformiert. Einige Platten waren aufgerissen. Andere standen schräg ab und gaben den Blick auf innere Verstrebungen frei. Ich war kein Schiffsingenieur. Ich konnte nicht beurteilen, wie genau die Struktur aufgebaut war oder welche Reparaturen notwendig wären. Aber eines konnte selbst ich erkennen. Dieses Schiff würde nicht so schnell wieder in den Weltraum zurückkehren. Innerhalb einer Atmosphäre? Vielleicht. Mit viel Aufwand. Aber für einen Sprung ins All fehlte vermutlich einiges. Besonders, wenn die Hauptsysteme, die Antriebseinheiten oder die strukturelle Integrität der Flügel betroffen waren. Es war ironisch. Ein Schiff, das eigentlich zwischen Sternen reisen konnte, war nun auf einer einzigen Insel gefangen. Mein Blick blieb auf den beschädigten Flügeln hängen. Und plötzlich musste ich wieder an die Worte des Ancient denken.
'Halte dich aus den Plänen der Ancients heraus. Führe ein ruhiges Leben.'
Damals hatte ich diese Warnung anders verstanden. Ich hatte angenommen, dass es darum ging, die politische Balance des 71. Sprungtornetzwerkes nicht zu zerstören. Ich hatte geglaubt, dass meine Universal Nourishment Organization vielleicht zu mächtig werden könnte. Dass eine Organisation, die Völker mit Nahrung versorgte, Handelswege kontrollierte und wirtschaftliche Abhängigkeiten schuf, unbeabsichtigt das Gleichgewicht zwischen den Spezies verändern könnte. Das erschien mir damals logisch. Die Ancients waren Wesen, deren Existenz sich über Milliarden von Jahren erstreckte. Ihre Macht lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Der Vergleich war eigentlich lächerlich. Ein dreiäugiger Paranide, der einen gewöhnlichen irdischen Wurm betrachtete, hätte wahrscheinlich einen ähnlichen Abstand in Verständnis und Möglichkeiten. So weit waren die Ancients von mir entfernt. Ich hatte nie vorgehabt, mich mit ihnen anzulegen. Nie. Aber jetzt fragte ich mich, ob ich ihre Warnung überhaupt richtig verstanden hatte. Denn vielleicht ging es nicht um politische Macht. Vielleicht ging es darum, dass jede Handlung Folgen hatte. Und meine hatten Hatileos nach Trantor gebracht. Ich blieb stehen. Mein Blick wanderte über das Wrack. Über das Schiff. Über den Ort, an dem Aldrianer gestorben waren. Hätte ich mich anders entschieden? Hätte ich einfach auf Son'ra 4 bleiben sollen? Ein ruhiges Leben führen. Mit Vanu. Mit meiner Familie. Als Co-Chef einer kleinen Restaurantkette namens Anshin. Eine Firma, die eigentlich nie dafür gedacht gewesen war, die Galaxie zu verändern. Vanu war noch immer die eigentliche Chefin von Anshin. Sie hatte das Unternehmen mit ihrer eigenen Art aufgebaut, mit ihrer Geduld und ihrem Verständnis für Argonen. Vielleicht wäre das mein Leben geblieben. Einfach. Überschaubar. Friedlich. Keine Xenon. Keine Terraformer. Keine Ancients. Keine genetisch optimierte Teladi, die eine Korvette entführte und Aldrianer tötete. Ich schloss kurz die Augen. Wenn ich mich damals zurückgehalten hätte... Wenn ich Nif'Nakh nicht besucht hätte... Wenn ich die Split nicht früher als geplant aufgesucht hätte... Wenn ich niemals die Terraformer gefunden hätte... Dann hätte Hatileos niemals die Möglichkeit bekommen, jenen Ort zu verlassen. Dieser Gedanke traf mich härter, als ich erwartet hatte. Natürlich wusste ich, dass die Realität komplizierter war. Natürlich wusste ich, dass ich nicht jede Entscheidung der Vergangenheit kontrollieren konnte. Aber Schuld fragte nicht nach Logik. Schuld fragte nur nach Möglichkeiten. Und in meinem Kopf gab es gerade eine einzige Möglichkeit. Ich hatte eine Tür geöffnet. Und durch diese Tür war etwas gekommen, das niemand erwartet hatte.
Gal bemerkte meine Stille. "Tori."
Ihre Stimme war ruhig. Ich öffnete die Augen und sah zu ihr. Sie sagte nichts weiter. Sie musste es nicht. Sie kannte meinen Blick. Sie wusste, dass ich wieder versuchte, die gesamte Verantwortung für etwas zu tragen, das größer war als ein einziges Lebewesen. Bevor ich antworten konnte, wurde die Stille plötzlich durchbrochen. Ein Schrei. Weit entfernt. Aber deutlich hörbar. Menschlich. Mein Körper reagierte sofort. Gal und Tahl ebenfalls. Beide drehten sich in dieselbe Richtung. Dann kam ein zweiter Schrei. Diesmal anders. Nicht menschlich. Tiefe Frequenzen. Fremd. Unnatürlich. Ein Laut, der nicht aus einer menschlichen Kehle stammen konnte. Für einen Moment schien die gesamte Umgebung stillzustehen. Die Rettungskräfte hielten inne. Die Techniker blickten auf. Die Gespräche verstummten. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Langsam wanderte meine Hand zu meiner Waffe. Gal hatte ihre bereits gezogen. Tahl ebenfalls. Der Dschungel vor uns bewegte sich leicht. Nur ein paar Blätter. Nur ein Schatten. Aber nach allem, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, wusste ich eines mit absoluter Sicherheit: Auf dieser Insel war noch nicht alles vorbei.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 70 - Konfrontation

Sofort setzte sich alles in Bewegung. Funksprüche überschnitten sich. Caroline hob augenblicklich ihre linke Hand an das schmale Kommunikationsmodul an ihrem Kragen. Hinter den Gläsern ihrer CSI-Brille huschten Datenfenster über ihre Augen, während sie mit ruhiger, aber bestimmter Stimme Befehle erteilte. "Alle Einheiten aufmerksam. Möglicher Kontakt im östlichen Waldgebiet. Rettungskräfte bleiben zurück. Nur bewaffnete Kräfte und Forensik folgen. Niemand bewegt sich allein."
Gal reagierte noch schneller. "SSA, Sicherungsformation Delta. Vorhut auf mich. Tahl übernimmt die Nachhut. Niemand verlässt die Sichtlinie."
Ein knappes "Verstanden." antwortete aus mehreren Richtungen.
Ich zog meine Pistole aus dem Holster. Das vertraute Gewicht in meiner Hand beruhigte mich nicht. Ganz im Gegenteil. Es erinnerte mich daran, dass ich sie wahrscheinlich gleich brauchen würde. Thovareus schluckte hörbar. Seine gelben Augen blickten angespannt in den dichten Dschungel. Die blauen Schuppen an seinem Hals lagen ungewöhnlich eng an. Ich erinnerte mich daran, dass Teladi ihre Schuppenstellung unbewusst mit ihren Emotionen veränderten. Angst. Der Wald verschluckte uns beinahe augenblicklich. Kaum hatten wir die letzten Felsen hinter uns gelassen, wurde das Sonnenlicht von einem dichten Blätterdach abgefangen. Riesige Farne wucherten zwischen den Baumstämmen. Dicke Lianen hingen von den Ästen herab. Moose überzogen Steine und Wurzeln mit einem satten, dunklen Grün. Der Boden war feucht und weich. Jeder Schritt drückte Wasser aus dem humusreichen Untergrund nach oben. Es roch intensiv nach Erde, Pflanzen und abgestorbenem Holz. Dazwischen lag ein anderer Geruch. Blut. Noch schwach. Aber vorhanden.
"Riecht ihr das?" fragte einer der Polizisten leise.
Niemand antwortete. Man musste nichts sagen. Jeder roch es inzwischen. Wir arbeiteten uns langsam vorwärts. Die SSA bewegte sich routiniert. Immer zwei Personen sicherten jeweils gegenüberliegende Richtungen. Waffen waren im Anschlag. Caroline blieb überraschend dicht hinter Gal. Immer wieder kniete sie sich kurz hin, betrachtete den Boden oder berührte vorsichtig abgebrochene Zweige.
"Dort." sagte sie schließlich und zeigte auf eine frische Schleifspur im feuchten Boden.
Nicht weit daneben klebten einzelne dunkelrote Tropfen auf großen Blättern. Frisches Blut.
"Keine Stunde alt." murmelte Caroline nach einem kurzen Blick auf ihre Anzeigen.
Ich nickte nur. Je tiefer wir in den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Vögel waren verschwunden. Keine Insekten. Kein Rascheln kleiner Tiere. Nicht einmal der Wind schien sich noch zwischen den Bäumen zu bewegen. Nur unsere eigenen Schritte. Das Knirschen von Ausrüstung. Leises Atmen. Dann wieder. Ein Schrei. Diesmal deutlich näher. Er war voller Panik. Er dauerte nur wenige Sekunden. Dann folgte sofort ein zweiter Laut. Nicht menschlich. Er klang rau. Tief. Fast wie ein Fauchen. Oder Knurren. Ich konnte ihn keiner Tierart zuordnen. Alle beschleunigten unwillkürlich ihre Schritte. Äste peitschten gegen unsere Kleidung. Blätter streiften mein Gesicht. Die schwere Ghok-Rüstung schränkte meine Beweglichkeit zwar etwas ein, schützte mich dafür aber zuverlässig gegen Dornen und scharfkantige Äste.
"Beeilung!" rief Caroline.
Niemand musste dazu aufgefordert werden. Dann... Stille. Von einem Moment auf den anderen. Die Schreie verstummten. Schlagartig. Nicht langsam. Nicht ausklingend. Einfach...weg. Ich blieb stehen. Mein Herz schlug bis zum Hals.
"Warum..." flüsterte einer der Ermittler.
Niemand beantwortete die Frage. Gal hob ihre Faust. Alle stoppten. Vor uns lichtete sich der Wald. Zwischen den Baumstämmen fiel plötzlich helles Sonnenlicht. Eine Lichtung. Vorsichtig traten wir aus dem Dickicht. Und blieben wie angewurzelt stehen. Mir zog es augenblicklich den Magen zusammen. Ich hatte in meinem Leben Tote gesehen. Ich hatte auf Nif'Nakh Dinge erlebt, die mich bis heute verfolgten. Ich hatte Lebewesen sterben sehen. Split. Argonen. Teladi. Doch das hier... war etwas anderes. Hier lagen keine Leichen. Hier lagen Überreste. Der gesamte Boden war mit Blut getränkt. Frischem Blut. Es glänzte dunkelrot im Sonnenlicht und sammelte sich zwischen den Wurzeln zu kleinen Lachen. Fliegen hatten den Ort bereits gefunden und schwirrten in dichten Wolken über den Resten. Überall lagen Körperteile. Ein Arm. Ein abgerissenes Bein. Fetzen von Uniformen. Gewebe. Knochen. Innere Organe. Därme zogen sich wie graurote Schlingen durch das hohe Gras. Zerfetzte Rippen ragten aus Fleischresten hervor. Ich erkannte einen menschlichen Unterkiefer, an dem noch einzelne Zähne saßen. Wenige Meter weiter lag ein halber Brustkorb. Der Rest des Körpers fehlte. Es gab keinen einzigen vollständig erhaltenen Toten. Nicht einen. Alles war... zerteilt. Zerrissen. Verstümmelt. Als hätte etwas mit unvorstellbarer Gewalt die Menschen buchstäblich auseinandergerissen. Der metallische Geruch traf mich jetzt mit voller Wucht. Blut. So viel Blut. Dazu der süßliche Geruch geöffneter Körper. Verdauungsinhalt. Feuchte Erde. Die Hitze der tropischen Sonne begann bereits ihre Arbeit. Mir wurde augenblicklich übel. Ich schluckte. Einmal. Zweimal. Mein Körper wollte sich übergeben. Ich presste die Zähne zusammen. Nicht jetzt. Nicht hier. Neben mir hörte ich plötzlich würgende Geräusche. Einer der jungen Polizisten drehte sich abrupt zur Seite, ging auf die Knie und übergab sich lautstark zwischen die Büsche. Keine zwei Sekunden später folgte der nächste. Dann noch einer. Eine junge Ermittlerin der SSA hielt sich beide Hände vor den Mund, doch auch sie schaffte es nur wenige Augenblicke, bevor sie sich zitternd abwandte. Mehrere Rettungskräfte, die kurz darauf die Lichtung erreichten, blieben bereits am Waldrand stehen. Einige wurden kreidebleich. Andere senkten sofort den Blick. Thovareus stand regungslos. Seine blauen Schuppen hatten jede Farbe verloren. Sie wirkten beinahe grau. Sein Schwanz hing schlaff zu Boden. Seine Pupillen waren auf schmale Schlitze zusammengezogen.
Er flüsterte kaum hörbar. "Profitheiliger..."
Mehr brachte er nicht heraus. Selbst Caroline, die bis eben noch vollkommen professionell gewirkt hatte, blieb für einen Moment stehen. Ich sah, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. Hinter ihrer Brille arbeitete die Software ununterbrochen weiter, markierte Körperteile, berechnete Blutverteilungen und dokumentierte automatisch den Tatort. Doch ihre Hände... zitterten. Nur ganz leicht. Aber sie zitterten. Gal stand neben mir. Ihr Gesicht war hart wie Stein. Dennoch bemerkte ich, wie sich ihre Nasenflügel unmerklich bewegten. Auch sie kämpfte gegen den Brechreiz an. Tahl fluchte leise. Nicht laut. Nicht wütend. Eher fassungslos. Ich zwang mich weiterzuatmen. Langsam. Ruhig. Ein. Aus. Ein. Aus. Doch mein Blick blieb an den Überresten hängen. Das hier war kein Kampf gewesen. Kein Massaker. Das hier war... Ich konnte das Wort nicht einmal zu Ende denken. Und irgendwo, tief in meinem Inneren, wurde mir mit erschreckender Klarheit bewusst... Hatileos hatte nicht getötet, weil sie töten wollte. Sie hatte hier etwas gesucht. Oder gesammelt. Und genau dieser Gedanke machte mir mehr Angst als alles, was ich auf dieser Lichtung sah.

Einer der Polizisten, der den Rand der Lichtung absuchte, hob plötzlich die Hand.
"Taichō!" rief er gedämpft und deutete zwischen zwei dicht stehenden Farnen hindurch.
Sofort richteten sich mehrere Blicke auf ihn. Caroline ging als Erste hinüber, kniete sich neben die Stelle und betrachtete schweigend den Boden. Ich trat einige Schritte näher heran und erkannte nun ebenfalls, worauf der Beamte aufmerksam geworden war. Zwischen den hohen Gräsern zog sich ein schmaler Trampelpfad in den Dschungel hinein. Er war eindeutig frisch. Grashalme waren geknickt, aber noch saftig grün. Dünne Zweige hingen gesplittert von den Büschen herab, ihre hellen Bruchstellen waren noch feucht. Einige große Blätter waren eingerissen und begannen erst langsam zu welken. Der dunkle Waldboden zeigte tiefe Eindrücke, wo etwas oder jemand mit erheblichem Gewicht entlanggelaufen war. Caroline strich mit zwei Fingern vorsichtig über eine zerbrochene Astspitze. Anschließend betrachtete sie die kaum sichtbaren Pflanzenfasern durch die Vergrößerungsfunktion ihrer Brille.
"Keine Stunde alt." sagte sie ruhig. "Vielleicht sogar deutlich jünger."
Niemand musste fragen, wer diesen Pfad hinterlassen hatte. Die Antwort lag praktisch vor unseren Füßen.
Gal hob sofort ihre Waffe etwas höher. "SSA. Doppelte Aufmerksamkeit. Wir gehen langsam."
Tahl nickte knapp. "Keine Alleingänge. Niemand verlässt die Formation."
Die ersten Beamten der Polizei betraten den Pfad. Ich folgte ihnen. Sofort wurde deutlich, dass dieser Weg nicht natürlich entstanden war. Er war gerade breit genug für eine einzelne Person. Links und rechts drängten sich dichtes Buschwerk, meterhohe Farne und ineinander verwachsene Lianen so eng zusammen, dass zwei Menschen unmöglich nebeneinander hätten gehen können. Wir mussten hintereinander marschieren. An der Spitze gingen fünf Polizisten zusammen mit Caroline. Ihre Bewegungen waren ruhig und eingespielt. Jeder Schritt wurde bewusst gesetzt. Immer wieder leuchteten kleine Sensoren den Boden ab oder tasteten die Vegetation nach biologischen Rückständen und Wärmesignaturen ab. Direkt vor mir lief Tahl. Sein Sturmgewehr ruhte fest in seiner Schulter. Sein Blick wanderte ununterbrochen zwischen den Pflanzen links und rechts des Pfades hin und her. Jede Bewegung schien kontrolliert. Ich ging unmittelbar hinter ihm. Meine Pistole hielt ich mit beiden Händen vor der Brust. Hinter mir folgte Gal. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie ebenso aufmerksam jede Richtung sicherte. Der Rest der SSA bildete das Ende der Kolonne. Niemand sprach. Nur das Knacken kleiner Zweige unter unseren Stiefeln war zu hören. Ab und zu tropfte Wasser von den Blättern auf unsere Schultern oder Helme. Der Dschungel war dicht. Unnatürlich dicht. Teilweise ragten dicke Baumstämme wie Säulen aus dem Boden. Dazwischen wuchsen Pflanzen mit riesigen Blättern, deren dunkelgrüne Oberflächen das wenige Sonnenlicht reflektierten. Feine Nebelschwaden schwebten zwischen den Farnen und verliehen der Umgebung etwas Gespenstisches. Überall hing Feuchtigkeit in der Luft. Jeder Atemzug fühlte sich schwer an. Und genau in diesem Moment meldete sich mein Instinkt. Dieser Weg... war eine Falle. Nicht, weil ich irgendwelche Hinweise entdeckt hätte. Nicht, weil ich etwas gehört hätte. Sondern weil alles in mir schrie, dass dies der denkbar schlechteste Ort war, um einer unbekannten Gegnerin zu folgen. Der schmale Pfad zwang uns hintereinander. Niemand konnte ausweichen. Niemand konnte den anderen überholen. Ein einziger Angriff von vorne würde die gesamte Formation aufhalten. Ein Angriff von hinten ebenso. Und links oder rechts? Dort gab es praktisch kein Durchkommen.
Mein Herz schlug schneller. Unwillkürlich musste ich an Nif'Nakh denken. An das Ghok. Ich konnte ihn beinahe wieder riechen. Den säuerlichen Geruch seines Atems. Das dumpfe Zittern des Bodens unter seinen Schritten. Das markerschütternde Brüllen. Damals war ich ebenfalls einen schmalen Wildpfad entlanggerannt. Ich hatte geglaubt, der enge Weg würde mir helfen. Dass das riesige Raubtier Schwierigkeiten bekommen würde, mir zu folgen. Teilweise hatte ich sogar recht gehabt. Der Trampelpfad hatte das Ghok tatsächlich ausgebremst. Zumindest für wenige Sekunden. Doch dieses Monster hatte sich davon nicht aufhalten lassen. Es war einfach durch den Dschungel gepflügt. Bäume waren unter seinem Gewicht umgestürzt. Lianen zerrissen wie dünne Fäden. Sträucher wurden förmlich explodiert, als mehrere Tonnen Muskelmasse unaufhaltsam hindurchbrachen. Ich erinnerte mich noch genau an das Geräusch. Holz, das splitterte. Äste, die brachen. Blätter, die durch die Luft wirbelten. Das Ghok hatte sich seinen eigenen Weg geschaffen. Wie ein urzeitlicher Rammbock. Wie ein lebender Bulldozer. Und trotzdem hatte er mich schließlich eingeholt. Ich spürte noch immer den dumpfen Schmerz in meiner Brust, wenn ich daran dachte. Damals hatte ich geglaubt, sterben zu müssen. Mein Blick fiel kurz auf die schwarzen Chitinplatten meiner Rüstung. Die gewaltigen Schulterstücke. Die Hornverstärkungen. Die dunklen Knochenplatten an meinen Armen. Alles, was ich jetzt trug... war einst Teil genau dieses Monsters gewesen. Ein seltsamer Gedanke. Ich trug den Kadaver meines beinahe eigenen Mörders. Nicht aus Stolz. Nicht als Trophäe. Sondern weil ich auf Nif'Nakh gelernt hatte, dass Überleben oft bedeutete, sich anzupassen. Mein Überleben damals war ohnehin kaum erklärbar gewesen. Nicht meine Kraft hatte mich gerettet. Nicht meine Geschwindigkeit. Nicht meine Kampffähigkeiten. Sondern... Ich musste beinahe ungläubig darüber schmunzeln. Mein Rucksack. Instinktiv hatte ich ihn dem Ghok direkt ins geöffnete Maul geworfen. Nicht, weil ich einen Plan gehabt hätte. Sondern weil ich in meiner Panik einfach alles getan hatte, um ihn für einen einzigen Augenblick abzulenken. Das Ghok hatte den gesamten Inhalt verschlungen. Die letzten Vorräte. Essen. Getränke. Alles. Damals hatte ich noch nicht gewusst, dass einige der Lebensmittel für dieses Raubtier hochgiftig waren. Ich hatte schlicht unglaubliches Glück gehabt. Oder Schicksal. Oder beides. Der Gedanke ließ mich frösteln. Denn diesmal würde mich kein Rucksack retten. Nicht gegen Hatileos. Nicht hier. Nicht in diesem schmalen Korridor aus Pflanzen. Ich spürte, wie sich meine Finger fester um den Griff meiner Pistole schlossen. Vor uns blieb Caroline plötzlich stehen und hob langsam die Hand. Die gesamte Kolonne erstarrte augenblicklich. Selbst der Wald schien für einen Moment den Atem anzuhalten.

Caroline hatte ihre erhobene Hand noch nicht gesenkt, als aus dem dämmrigen Unterholz rechts des schmalen Pfades etwas hervorschoss. Es war keine Bewegung, die mein Auge sauber erfassen konnte. Es war lediglich ein graugrüner Schatten, begleitet vom explosionsartigen Bersten mehrerer Äste. Im nächsten Augenblick war Caroline verschwunden. Ihre Finger streiften noch den Schaft ihres Gewehrs, dann riss eine ungeheure Kraft sie seitlich zwischen die dicht stehenden Farne. Es geschah so schnell, dass sie nicht einmal Zeit hatte zu schreien. Nur ein kurzes, scharfes Einatmen war zu hören, bevor der Dschungel sie verschluckte.
"Caroline!" brüllte einer der Polizisten.
"Vorwärts!" schrie ich aus voller Kehle. "Nicht stehen bleiben! Hinterher!"
Jeder vernünftige Gedanke hätte mir sagen müssen, dass wir genau das nicht tun durften. Genau darauf hatte ich mich innerlich vorbereitet. Ein schmaler Pfad. Dichtes Unterholz. Keine Sicht. Ein perfekter Hinterhalt. Dennoch gab es keine Alternative. Caroline lebte vielleicht noch. Jede Sekunde zählte. Tahl warf sich sofort nach vorne und drückte mit seinem Körper Äste auseinander. Gal folgte dicht hinter mir. Die übrigen SSA-Ermittler und Polizisten schlossen ohne Zögern auf. Niemand diskutierte meinen Befehl. Rennen war unmöglich. Der Dschungel ließ es nicht zu. Jeder Meter musste erkämpft werden. Dickes Wurzelwerk zwang uns immer wieder zum Abbremsen. Feuchte Lianen verfingen sich an den Waffen und Rüstungen. Dornige Ranken rissen an Kleidung und Ausrüstung. Mehrfach blieb ich mit den Hörnern meiner Ghok-Rüstung an tief hängenden Ästen hängen. Ich riss mich mit Gewalt los, wobei trockene Zweige splitternd zu Boden fielen. Meine Stiefel rutschten auf dem schlammigen Untergrund weg. Einmal fing ich mich nur mit Mühe an einem moosbewachsenen Stamm ab. Vor mir fluchte Tahl leise, als er beinahe über eine freiliegende Wurzel gestürzt wäre. Immer wieder glaubte ich, wenige Meter vor uns Pflanzen auseinanderbrechen zu hören. Etwas bewegte sich. Schnell. Viel schneller als wir.
"Da vorne!" rief einer der Beamten.
Zwischen den Stämmen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde eine Bewegung auf. Dann wieder Stille. Nur unser schweres Atmen. Das Knacken von Holz. Das Rascheln tausender Blätter. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Nicht vor Erschöpfung. Vor Anspannung. Plötzlich weitete sich der enge Trampelpfad. Die Pflanzen traten auseinander. Vor uns öffnete sich eine kleine Senke, die von hohen Felswänden und uralten Bäumen umgeben war. Die Baumkronen ließen nur vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch, die wie schmale Lichtsäulen auf den feuchten Boden fielen. Überall hing Nebel zwischen den Farnen. Und dort... fanden wir Caroline. Sie lag nicht am Boden. Sie kämpfte. Mit erstaunlicher Entschlossenheit stemmte sie sich gegen ihre Angreiferin. Ihr Trenchcoat war an mehreren Stellen aufgerissen. Schlamm und Blätter klebten daran. Ihre Brille war schief ins Gesicht gerutscht, dennoch arbeitete ihre CSI-Schnittstelle weiter und projizierte unablässig Daten über ihr Sichtfeld. Mit einer Hand hielt sie das Handgelenk ihrer Gegnerin fest, mit der anderen versuchte sie verzweifelt, ein Kampfmesser auf Abstand zu halten. Ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet. Einzelne Haarsträhnen klebten schweißnass an ihren Wangen. Die Muskeln ihres Halses traten deutlich hervor, während sie die Zähne zusammenbiss. Über ihr befand sich Hatileos. Ich brauchte einen Augenblick, um sie überhaupt zu erkennen. Sie trug keinerlei Kleidung mehr. Für mich spielte das jedoch keine Rolle. Teladi unterschieden sich in ihrem Körperbau grundlegend von Menschen. Auffällige äußere Geschlechtsmerkmale besaßen sie praktisch nicht. Ihr vollständig von Schuppen bedeckter Körper wirkte vielmehr wie der eines großen, aufrecht gehenden Reptils. Die graugrünen Schuppen schimmerten im gefilterten Sonnenlicht matt und erinnerten in ihrer Färbung an Agavenblätter. Zwischen den einzelnen Schuppen hafteten Schlamm, Erde und vereinzelte Blätter. An Armen, Beinen und Schwanz klebten eingetrocknete Blutspuren. Was mir jedoch sofort auffiel, waren ihre Augen. Sie wirkten völlig verändert. Die sonst berechnenden, intelligenten Pupillen waren extrem geweitet. Darin lag kaum noch ein Funken der besonnenen Teladi, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Stattdessen erinnerte ihr Blick an ein wildes Raubtier. Wachsam. Getrieben. Instinktiv. Ihre Krallen hatten sich tief in Carolines Ärmel gebohrt. Mit erschreckender Kraft drückte sie die Ermittlerin gegen den Boden. Ein kehliges Fauchen drang aus ihrer Kehle. Es war kein Laut, den ich jemals zuvor von einem Teladi gehört hatte. Es klang animalisch. Unkontrolliert. Fast... verzweifelt. In diesem Augenblick wünschte ich mir mehr als alles andere, Thovareus wäre bei uns. Der männliche Teladi hätte vielleicht verstanden, was Hatileos tat. Vielleicht hätte er sie ansprechen können. Vielleicht hätte er irgendeinen Instinkt erkannt. Vielleicht hätte er eine Möglichkeit gefunden, sie zu beruhigen. Doch nachdem wir die verstümmelten Überreste auf der Lichtung gefunden hatten, hatte ihn seine Fassung verlassen. Die Bilder hatten selbst ihn an seine Grenzen gebracht. Kreidebleich und sichtlich erschüttert war er unter Begleitung einiger Beamter zum Schwebebus zurückgekehrt. Jetzt standen wir allein vor Hatileos. Und in ihrem Gesicht erkannte ich nichts mehr von der zurückhaltenden, vorsichtigen Teladi, die auf Nif'Nakh jahrelang verborgen gelebt hatte. Vor mir befand sich nur noch ein Wesen, das ausschließlich seinen Instinkten zu folgen schien.
"Hatileos!" rief ich mit aller Kraft.
Für einen winzigen Moment hielt sie inne. Langsam drehte sich ihr Kopf. Ihre bernsteinfarbenen Augen trafen meine. Etwas darin flackerte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als würde tief in ihrem Inneren die Hatileos, die ich gekannt hatte, verzweifelt versuchen, wieder die Kontrolle über sich zu gewinnen. Dann verzog sich ihr Gesicht erneut zu einem knurrenden Ausdruck, ihre Krallen spannten sich an, und der Dschungel schien für einen Atemzug den Atem anzuhalten.

"Hatileos! Nicht!" rief ich noch einmal, doch meine Stimme ging im plötzlichen Krachen der Waffen unter.
Die ersten Polizisten eröffneten das Feuer. Grellblaue Impulsbolzen rasten durch die feuchtwarme Luft und ließen den Dschungel in kurzen Lichtblitzen aufleuchten. Mit lautem Krachen zerbarsten dicke Farnwedel. Junge Stämme wurden aufgerissen. Holz splitterte explosionsartig aus den Xylemschichten der Bäume, während glühende Pflanzenfasern durch die Luft wirbelten. Der Geruch verbrannter Vegetation mischte sich augenblicklich mit feuchter Erde, Schweiß und dem metallischen Duft des Blutes, das noch immer an Hatileos' Schuppen haftete. Doch keine einzige Salve traf ihr Ziel. Hatileos verschwand nicht einfach. Sie explodierte förmlich aus ihrer Position. Mit einer Geschwindigkeit, die ich einem Teladi niemals zugetraut hätte, stieß sie sich vom Boden ab. Ihr muskulöser Schwanz peitschte durch die Luft und verlieh ihrem Sprung zusätzliche Beschleunigung. Für den Bruchteil einer Sekunde befand sie sich waagerecht zwischen zwei Baumstämmen, stieß sich mit Händen und Füßen gleichzeitig an der rauen Rinde ab und wechselte mitten im Sprung erneut die Richtung. Weitere Impulse rasten hinter ihr vorbei. Blätter wurden zerfetzt. Moos verdampfte. Ein Ast brach krachend über unseren Köpfen ab und schlug wenige Meter neben einem SSA-Ermittler auf dem Boden auf.
"Nicht wahllos feuern!" brüllte Gal. "Freie Schusslinie beachten!"
Die Stimme meiner Stellvertreterin schnitt durch das Chaos wie ein Messer. Während einige Polizisten weiterhin versuchten, Hatileos mit schnellen Schüssen zu erwischen, arbeiteten die Ermittler der SSA vollkommen anders. Ruhiger. Kontrollierter. Sie schossen nicht auf Hatileos selbst. Sie nahmen Fluchtwege ins Visier. Ein Schuss ließ einen dicken Ast unmittelbar vor ihr zerbersten. Ein anderer traf einen herabhängenden Lianenteppich, der krachend auf den Boden fiel und einen schmalen Durchgang blockierte. Weitere Beamte bewegten sich seitlich auseinander und bildeten unauffällig einen Halbkreis. Mir wurde klar, was sie taten. Sie versuchten nicht, sie zu töten. Sie schnitten ihr systematisch jeden Rückzugsweg in den Dschungel ab. Hatileos bemerkte das ebenfalls. Ihre bernsteinfarbenen Augen huschten ununterbrochen zwischen den einzelnen Personen hin und her. Jeder Muskel ihres Körpers arbeitete gleichzeitig. Die graugrünen Schuppen spannten sich über ihren langen Gliedmaßen. Jetzt, da sie keinerlei Kleidung mehr trug, konnte ich ihren gesamten Körperbau erkennen. Und genau das erschreckte mich. Sie war eindeutig eine Teladi. Breite Hüfte. Langer Schwanz. Der typische reptilienartige Brustkorb. Die bekannten Proportionen. Doch irgendetwas war anders. Ihre Statur wirkte deutlich schlanker. Nicht mager. Sondern drahtig. Sehnig. Die langen Muskelstränge unter ihren Schuppen zeichneten sich bei jeder Bewegung sichtbar ab. Besonders an Oberschenkeln, Unterarmen und Rücken erkannte ich eine Athletik, wie ich sie bisher noch bei keinem Teladi gesehen hatte. Normale Teladi bewegten sich gemächlich. Bedacht. Sie sparten Energie. Selbst Thovareus hatte mir erklärt, dass Ausdauer und Geschwindigkeit niemals zu den besonderen Stärken seiner Spezies gehört hatten. Hatileos schien diese Regel vollständig zu widerlegen. Sie beschleunigte. Bremste. Sprang. Duckte sich. Wechselte ihre Richtung innerhalb eines Herzschlags. Ohne sichtbare Ermüdung. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Fünf Prozent. Nur fünf Prozent Split-DNA. Ich hatte diesen Wert dutzende Male gehört. Damals hatte er harmlos geklungen. Eine biologische Besonderheit. Eine statistische Randnotiz. Jetzt sah ich die Folgen unmittelbar vor mir. Mir schossen unzählige Fragen durch den Kopf. Hatte die Split-DNA lediglich ihren Körper verändert? Oder war sie tiefer gegangen? Beeinflusste sie ihre Gedanken? Ihre Entscheidungen? Ihre Instinkte? War das, was wir hier sahen, überhaupt noch ausschließlich Hatileos? Oder kämpften in ihr zwei völlig unterschiedliche evolutionäre Programme gegeneinander? Ich wusste es nicht. Und genau das machte mir Angst. Wieder peitschten mehrere Impulsbolzen durch den Wald. Hatileos duckte sich unter einem Schuss hinweg, rollte sich über den Waldboden ab und sprang im nächsten Augenblick an einem schräg gewachsenen Baumstamm empor. Mit erschreckender Leichtigkeit lief sie mehrere Meter fast senkrecht den Stamm hinauf, stieß sich erneut ab und landete hinter einem moosbewachsenen Felsen.
"Links!" schrie einer der Polizisten.
Sofort richteten sich mehrere Waffen auf die Stelle. Doch bevor der erste Schuss fiel, war sie bereits verschwunden. Nicht aus dem Wald. Sondern lediglich aus der direkten Sichtlinie. Die SSA reagierte schneller.
"Tahl!" rief Gal.
"Bereits unterwegs!"
Tahl führte zwei Ermittler nach rechts und schnitt Hatileos den Weg zwischen zwei mächtigen Baumriesen ab. Ein weiterer Trupp schloss gleichzeitig von links auf. Sie bewegten sich erstaunlich diszipliniert, nutzten Deckungen und kommunizierten fast ausschließlich über kurze Handzeichen. Es war kein hektisches Gefecht mehr. Es entwickelte sich zu einer Jagd. Und langsam wurde die Jägerin selbst zur Gejagten. Hatileos bemerkte das. Zum ersten Mal wirkte ihr Blick nicht mehr ausschließlich aggressiv. Er wurde unruhig. Suchend. Sie suchte einen Fluchtweg. Fand aber keinen. Vor ihr standen die Polizisten. Seitlich rückte die SSA immer weiter zusammen. Hinter ihr lagen nur noch dichter Wald und die Felswand der kleinen Senke. Ich hob langsam meine Pistole. Mein Finger lag am Abzug. Doch ich konnte einfach nicht schießen. Vor mir stand nicht irgendein Monster. Vor mir stand Hatileos. Die Teladi, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Die Frau, die jahrzehntelang völlig isoliert gelebt hatte. Die Frau, die mit ihrer Split-Familie überlebt hatte. Die Frau, die irgendwann den Verstand oder zumindest die Kontrolle über ihre Instinkte verloren haben musste. Für einen flüchtigen Augenblick trafen sich unsere Blicke erneut. In ihren bernsteinfarbenen Augen lag etwas. Keine Wut. Kein Hass. Sondern etwas, das erschreckend nah an nackter Verzweiflung lag. Dann spannte sich ihr gesamter Körper erneut an. Ich wusste instinktiv, dass sie nicht aufgeben würde. Nicht freiwillig. Und genau deshalb hielt jeder im Halbkreis den Atem an und wartete auf ihre nächste Bewegung.

Hatileos verharrte nur einen winzigen Augenblick. Dann geschah genau das, wovor mich mein Instinkt die ganze Zeit gewarnt hatte. Ihre kräftigen Hinterbeine spannten sich, ihre Krallen gruben sich tief in den feuchten Waldboden, und im nächsten Augenblick schoss sie mit einer Gewalt nach vorne, die mich jede Entfernung zwischen uns vergessen ließ. Sie kam nicht auf irgendeinen der Polizisten zu. Nicht auf Tahl. Nicht auf Gal. Nicht auf die Ermittler der SSA. Sie kam direkt auf mich zu. Alles geschah innerhalb eines Herzschlags. Ich riss instinktiv meine Impulspistole hoch. Mein Verstand hatte keine Zeit mehr, die Situation zu analysieren. Mein Finger krümmte sich reflexartig. Der Schuss löste sich. Ein grellblauer Impuls raste auf ihren Kopf zu. Doch selbst jetzt reagierte Hatileos mit einer Körperbeherrschung, die jeder Logik widersprach. Während sie bereits mitten im Sprung war und sich ihre Flugbahn eigentlich nicht mehr grundlegend ändern ließ, verdrehte sie ihren gesamten Oberkörper. Ihr Schwanz schlug wie ein Gegengewicht durch die Luft und erzeugte ein Drehmoment, das ihren Körper gerade weit genug rotieren ließ. Der Impuls verfehlte ihren Schädel. Stattdessen strich der Energiebolzen schräg über ihren Rücken. Mehrere Schuppen platzten auf, verbrannten augenblicklich und hinterließen eine glühende Furche. Im selben Moment traf der Schuss das hintere Ende ihres langen Schwanzes. Es gab einen dumpfen Knall. Schuppen. Blut. Gewebefetzen. Alles wurde explosionsartig auseinandergerissen. Das Schwanzende platzte regelrecht auseinander. Ein markerschütternder Schrei durchschnitt den gesamten Dschungel. Ich hatte Hatileos noch nie schreien hören. Dieser Laut war weder teladianisch noch menschlich. Er war purer Schmerz. Unkontrolliert. Roh. Unzählige Vögel stoben kreischend aus den Baumwipfeln empor. Hatileos verlor völlig die Kontrolle. Rasend vor Schmerzen schlug sie mit Armen, Beinen und dem verstümmelten Schwanz wild um sich. Grünes Blut spritzte in einem Halbkreis durch die Luft. Ich versuchte noch zurückzuweichen, doch dafür war es längst zu spät. Ihre rechte Klaue traf meinen Unterarm. Ein dumpfer Schlag fuhr bis tief in meine Schulter. Meine Finger öffneten sich reflexartig. Die Pistole wurde mir aus der Hand geschlagen, überschlug sich mehrfach in der Luft und verschwand irgendwo zwischen Farnen und dichtem Unterholz. In Hatileos' Augen war jetzt nichts Teladianisches... mehr zu erkennen. Sollte dort eben noch der kleinste Rest ihres Verstandes existiert haben, so wurde er nun vollständig von einer Flut aus Schmerz, Wut, Panik und uralten Instinkten verschlungen. Sie fixierte nur noch mich. Ihre geweiteten bernsteinfarbenen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Jede einzelne Muskelpartie ihres Körpers spannte sich. Sie fauchte. Nicht laut. Sondern tief. Bedrohlich. Es war der Laut eines Raubtieres, das sich entschieden hatte, welche Beute zuerst sterben musste. Ich brauchte niemanden, der mir erklärte, was gerade passiert war. Ich wusste es. Instinktiv. Für Hatileos war ich in diesem Moment die größte Bedrohung. Nicht die zwanzig Waffen. Nicht die Polizisten. Nicht die SSA. Ich. Auch ihre gesamte Körperhaltung verriet es. Sie achtete kaum noch auf die Argonen um uns herum. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich ausschließlich auf mich. Ihr Oberkörper war leicht abgesenkt. Die Schultern arbeiteten ununterbrochen. Ihr verletzter Schwanz zuckte unkontrolliert hinter ihr, während dunkelgrünes Blut auf den Boden tropfte. Auch mein Körper reagierte. Ich merkte, wie sich jede einzelne Muskelfaser anspannte. Doch dann... passierte etwas. Etwas, das zuvor niemals geschehen war. Ich hörte kein Geräusch. Ich sah kein Licht. Aber ich fühlte es. Tief unter den harten Chitinplatten meiner Ghok-Rüstung begann sich das lebendige Innengewebe zu bewegen. Es war, als würden unzählige feine Fasern erwachen. Sie legten sich enger um Arme, Brustkorb, Rücken und Beine. Gleichzeitig entstand ein seltsamer Druck auf meiner Haut. Nicht schmerzhaft. Unterstützend. Verstärkend. Es fühlte sich an, als würden sich zusätzliche Muskelstränge direkt über meine eigenen legen. Meine Arme wurden schwerer. Nicht vor Erschöpfung. Vor Kraft. Meine Beine spannten sich, ohne dass ich sie bewusst bewegte. Mein Brustkorb hob sich tiefer als zuvor. Für einen winzigen Augenblick vergaß ich sogar Hatileos. Was hatten die Split mit dieser Rüstung getan? Sie bestand doch lediglich aus den Überresten jenes Ghoks, das mich auf Nif'Nakh beinahe getötet hatte. Oder... eben doch nicht nur. Ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Hatileos sprang erneut. Diesmal mit voller Wucht. Sie prallte frontal gegen mich. Der Aufprall fühlte sich an, als hätte mich ein kleiner Gleiter gerammt. Der Boden verschwand unter meinen Füßen. Ich wurde nach hinten geschleudert. Gemeinsam stürzten wir durch Farne und niedriges Buschwerk. Trotz der enormen Wucht spürte ich überraschend wenig Schmerz. Die Rüstung fing den größten Teil der Aufprallenergie ab. Noch während wir fielen, griff ich instinktiv zu. Meine rechte Hand verfehlte sie. Die linke schloss sich um ihren Fuß. Fest. Unglaublich fest. Ich spürte ihre Schuppen unter meinen Fingern. Ihre Klaue kratzte über meinen Brustpanzer. Dann handelte ich, ohne bewusst darüber nachzudenken. Ich stemmte mich mit beiden Beinen gegen den Boden. Die ungewohnte Kraft meiner Muskeln explodierte förmlich. Mit einer einzigen Bewegung riss ich Hatileos herum. Ihr Körper hob vollständig vom Boden ab. Für einen Sekundenbruchteil hing sie waagerecht in der Luft. Dann schleuderte ich sie mit aller Kraft von mir weg. Sie flog mehrere Meter weit. Prallte mit ohrenbetäubender Wucht gegen den Stamm eines gewaltigen Mammutbaumes. Es klang, als würde ein Fahrzeug mit voller Geschwindigkeit gegen eine Betonwand rasen. Der uralte Stamm hielt dem Aufprall nicht vollständig stand. Dort, wo Hatileos einschlug, splitterte das Holz explosionsartig auseinander. Meterlange Rindenstücke flogen durch die Luft. Ein tiefer Riss zog sich durch den gewaltigen Stamm, während Holzfasern wie Sehnen auseinanderplatzten. Hatileos rutschte benommen zwischen den herabfallenden Splittern zu Boden. Für einen Moment blieb sie regungslos sitzen. Ihr Kopf hing nach vorne. Ihr Atem ging stoßweise. Blut lief aus mehreren frischen Wunden über ihre Schuppen. Dann hob sie langsam den Kopf. Sie blinzelte. Und starrte mich an. Nicht voller Wut. Sondern voller Fassungslosigkeit. Fast schien sie selbst nicht zu begreifen, was gerade geschehen war. Doch sie war nicht die Einzige. Ich bemerkte erst jetzt die Stille. Kein einziger Schuss fiel mehr. Niemand bewegte sich. Ich drehte den Kopf. Gal stand wie angewurzelt da. Ihre Augen waren weit geöffnet. Selbst ihre sonst so kontrollierte Mimik war für einen Augenblick vollkommen entgleist. Tahl hatte seine Waffe noch immer im Anschlag, doch sein Finger lag nicht mehr am Abzug. Er sah mich an, als hätte er gerade etwas erlebt, das jede seiner bisherigen Erfahrungen infrage stellte. Die Ermittler der SSA blickten abwechselnd zwischen dem halb zerstörten Mammutbaum und mir hin und her. Mehrere Polizisten hatten ihre Waffen unbewusst ein Stück gesenkt. Sogar Caroline, die sich inzwischen keuchend wieder aufgerichtet hatte und sich mit einer Hand den schmerzenden blutverschmierten Brustkorb hielt, sah mich mit ungläubigem Blick an. Ich selbst starrte auf meine Hände. Langsam schloss und öffnete ich die Finger. Die Kraft war noch immer da. Nicht unkontrolliert. Nicht berauschend. Einfach... da. Und zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob die Split mir mit dieser Rüstung weit mehr hinterlassen hatten als lediglich eine außergewöhnlich widerstandsfähige Panzerung.

Ich wusste in diesem Moment, dass ich nicht länger nur reagieren konnte. Bisher hatte ich mich verteidigt, ausgewichen, versucht, die Situation zu verstehen und Hatileos nicht zu verletzen. Ich hatte gehofft, irgendwo in ihr noch die Teladi zu erreichen, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Die einsame Frau, die jahrzehntelang verborgen gelebt hatte, geprägt von Isolation, Verlust und einer Vorfahrin, die sie nur aus Erinnerungen und Daten kannte. Doch das Wesen vor mir war gerade nicht diese Hatileos. Vor mir stand eine Kreatur, die von Schmerz und Instinkt beherrscht wurde. Eine Kreatur, die mich als Bedrohung erkannt hatte und erst aufhören würde, wenn eine Seite nicht mehr kämpfen konnte.
Also änderte ich meine Haltung. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Kampfes ging ich nicht zurück. Ich ging nach vorne. Meine Beine spannten sich an und die Rüstung reagierte sofort. Dieses fremdartige Material, das sich unter den Chitinplatten verbarg, bewegte sich mit meinen Muskeln, als würde es meine Absicht verstehen, bevor mein eigener Körper sie vollständig ausführte. Es war kein Gefühl wie das Tragen einer Maschine. Es war eher, als würde etwas Lebendiges meine Bewegungen unterstützen, als würde die Rüstung nicht nur meinen Körper schützen, sondern ihn erweitern.
Dann setzte ich mich in Bewegung. Ich sprintete. Der erste Schritt ließ den weichen Boden unter meinem Fuß nachgeben. Die feuchte Erde des Dschungels, bedeckt von Moos, Blättern und zerdrückten Pflanzen, wurde tief eingedrückt. Es waren keine großen Abdrücke, keine gewaltigen Löcher, wie man sie vielleicht von einem schweren Fahrzeug erwartet hätte. Es waren tiefe, konzentrierte Spuren, entstanden durch eine Kraft, die sich nicht nach außen verteilte, sondern direkt nach unten wirkte. Jeder Schritt fühlte sich anders an als früher. Schwerer. Stabiler. Unaufhaltsamer. Die Geräusche meiner Bewegung hallten zwischen den riesigen Bäumen wider. Das dumpfe Auftreffen meiner Füße mischte sich mit dem Rascheln der Blätter, dem Knacken gebrochener Äste und dem entfernten Schreien verängstigter Tiere, die längst verstanden hatten, dass sich etwas Gewaltiges in ihrem Lebensraum abspielte.
Und für einen kurzen Augenblick, nur für einen winzigen Moment, hatte ich eine seltsame Erkenntnis. Ich glaubte zu verstehen, wie sich ein Ghok gefühlt haben musste. Nicht im Denken. Nicht in seiner Brutalität. Sondern in diesem Gefühl. Diese absolute körperliche Sicherheit. Diese gewaltige Kraft. Diese Gewissheit, dass die eigene Masse und Stärke ausreichten, um Hindernisse einfach zu überwinden. Ein Ghok war kein schnelles Raubtier gewesen. Es war ein lebender Panzer. Und jetzt, mit dieser Rüstung an meinem Körper, bekam ich einen winzigen Einblick darin, warum ein solches Wesen auf Nif'Nakh selbst für mich eine solche Bedrohung gewesen war.
Doch ich war nicht mehr derjenige, der vor einem Ghok davonlaufen musste. Ich war derjenige, der jetzt auf eine Gefahr zulief. Hatileos hatte sich währenddessen wieder aufgerichtet. Sie stand zwischen den zerstörten Pflanzen, ihr Körper noch immer angespannt. Ihr verletzter Schwanz schleifte teilweise über den Boden und hinterließ eine dunkle Spur im feuchten Untergrund. Ihre Brust hob und senkte sich schnell. Die Augen waren weiterhin auf mich gerichtet. Doch diesmal war dort etwas anderes. Nicht nur Wut. Auch Verwirrung. Sie hatte gesehen, wie ich ihre Attacke überlebt hatte. Sie hatte gespürt, dass ich stärker war, als sie erwartet hatte. Aber sie hatte keine Zeit mehr, darauf zu reagieren. Ich traf sie mit voller Geschwindigkeit. Der Aufprall war gewaltig. Meine gesamte kinetische Energie entlud sich in diesem einen Moment. Es fühlte sich an, als würde ich gegen eine Wand aus Schuppen, Muskeln und Instinkt prallen. Gleichzeitig spürte ich, wie mein eigener Körper durch die Rüstung stabilisiert wurde. Kein Zittern. Kein Verlust der Kontrolle. Nur Bewegung.
Hatileos hingegen wurde die Grundlage genommen. Ihre Beine gaben nach. Die Wucht meines Angriffs riss sie vollständig von den Füßen. Sie wurde nach hinten geschleudert und schlitterte mehrere Meter über den Boden. Pflanzen wurden unter ihrem Körper zerdrückt. Erde spritzte auf. Kleine Steine wurden durch die Bewegung zur Seite geschleudert. Ich blieb nicht stehen. Ich setzte nach. Nicht aus Hass. Nicht aus Rache. Sondern weil ich wusste, dass ein einziger Moment des Zögerns reichen konnte, damit sie wieder die Kontrolle über die Situation bekam.
Als ich sie erreichte, hatte sie kaum Zeit, sich aufzurichten. Meine Faust traf ihren Bauch. Der Schlag ließ ihren gesamten Körper zusammenzucken. Ein kehliges Geräusch entrang sich ihrer Kehle. Dann spuckte sie grünes Blut aus. Es tropfte auf den Boden zwischen den Blättern und vermischte sich mit dem dunklen Erdreich des Dschungels. Für einen Moment sah ich es. Dieses Grün. Diese fremdartige Farbe. Und trotzdem wusste ich, dass dort ein lebendes Wesen vor mir stand. Eine Entscheidung, die mir später vielleicht noch schwer auf der Seele liegen würde. Doch jetzt gab es keinen Raum dafür. Hatileos versuchte zurückzuweichen. Ich ließ es nicht zu. Weitere Schläge folgten. Jeder Treffer wurde von den Schuppen abgefangen, aber nicht vollständig. Einige der harten Platten rissen auf. Kleine Stücke lösten sich und fielen zu Boden. Unter der Oberfläche wurde das darunterliegende Gewebe sichtbar. Sie war widerstandsfähig. Unglaublich widerstandsfähig. Aber selbst ihre veränderte Biologie konnte die Wucht meiner Angriffe nicht vollständig ignorieren.
Um uns herum herrschte beinahe absolute Stille. Die Polizisten und SSA Angehörigen schossen nicht. Niemand wollte eingreifen. Vielleicht, weil sie nicht wussten, wie. Vielleicht, weil sie erkannt hatten, dass jeder Schuss in diesem Moment eher eine Gefahr für mich als für Hatileos darstellen konnte. Ich hörte nur meinen eigenen Atem. Das Knacken von Ästen unter unseren Füßen. Das schwere Geräusch von Hatileos' Bewegungen.
Dann öffnete sich eine kleine Lücke. Sie hob den Kopf. Ihre Augen suchten meinen Blick. Für einen Moment dachte ich, ich hätte etwas darin gesehen. Einen Funken Bewusstsein. Eine Erinnerung. Vielleicht sogar Angst. Doch dann bewegte sie sich wieder. Also beendete ich die Bewegung. Ich drehte meinen Körper und setzte die gesamte Kraft in einen einzigen Schlag. Mein Arm bewegte sich nach oben. Der Treffer erwischte sie am Kinn. Ein sauberer Treffer. Die Wucht der Bewegung riss ihren Kopf nach hinten. Ihr Körper folgte der Kraft des Schlages. Ihre Füße verloren den Kontakt zum Boden. Hatileos wurde nach oben geschleudert. Für einen Moment schwebte sie tatsächlich in der Luft. Die Sonne, die durch die dichten Blätter des Dschungels fiel, spiegelte sich auf ihren graugrünen Schuppen, während sie sich schwerelos zu drehen begann.
Alle um uns herum starrten nur. Niemand sagte etwas. Und ich selbst stand dort, meine Hände noch immer erhoben, meine Atmung schwer, während mir langsam bewusst wurde, was gerade passiert war. Ich hatte nicht mehr gegen eine Bedrohung gekämpft. Ich hatte gegen ein Wesen gekämpft, das stärker war, schneller war und gefährlicher hätte sein müssen. Und trotzdem lag der Ausgang dieses Kampfes gerade in meinen Händen.

Ich hatte noch nicht einmal vollständig begriffen, was gerade geschehen war. Hatileos befand sich noch in der Luft, ihr Körper von meinem letzten Schlag hochgerissen, die Bewegung ihrer Gliedmaßen unkontrolliert, während feiner Staub und zerrissene Blätter um sie herum durch die aufgewirbelte Luft tanzten. Das Licht der Sonne brach durch die dichte Decke aus Blättern und Ästen und ließ einzelne Strahlen wie schmale goldene Säulen zwischen den gewaltigen Bäumen erscheinen. Der Geruch des Dschungels lag schwer in der Luft: feuchte Erde, zerdrückte Pflanzen, der metallische Geruch von Blut und der scharfe Duft von aufgerissener Rinde, die durch den Kampf beschädigt worden war.
Meine Aufmerksamkeit war noch vollständig auf Hatileos gerichtet. Bis sich etwas bewegte. Oben. Zwischen den Baumkronen. Zuerst hielt ich es für einen weiteren Schatten, der durch die Bewegung der Blätter entstanden war. Die riesigen Kronen der Bäume schwankten leicht im Wind, obwohl der Dschungel ansonsten fast still geworden war. Doch dann erkannte ich eine Kontur, die nicht zu den natürlichen Formen der Umgebung passte. Eine Gestalt. Ein Körper. Ein Lebewesen. Der Schatten löste sich aus dem Grün der Baumkronen und bewegte sich nach vorne. Für einen kurzen Moment verstand mein Verstand nicht, was meine Augen sahen. Dann erkannte ich die blauen Schuppen. Thovareus. Meine Augen weiteten sich. Ich war vollkommen überrascht. Nicht nur darüber, dass er dort oben war, sondern vor allem darüber, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wann er überhaupt dort hingekommen sein konnte.
"Thovareus?"
Meine eigene Stimme klang beinahe fremd in meinen Ohren. Der Teladi bewegte sich lautlos durch die Äste. Für ein Wesen seiner Größe hätte ich erwartet, dass jede Bewegung verräterische Geräusche verursachte. Doch er bewegte sich anders, als ich es von ihm kannte. Nicht langsam. Nicht gemächlich. Nicht wie der ruhige und überlegte Wirtschafter, der mich auf Altrix Nova begleitet hatte. Er bewegte sich zielgerichtet. Jede Bewegung hatte einen Zweck. Seine blauen Schuppen reflektierten das grüne Licht des Dschungels und erzeugten einen beinahe unwirklichen Eindruck. Zwischen den Schatten der Blätter wirkte er wie ein Teil der Umgebung und gleichzeitig wie etwas Fremdes, das dort nicht hingehörte. Aber am meisten fiel mir die Waffe in seiner Hand auf. Eine Klinge. Sie war nicht groß im Vergleich zu menschlichen Waffen, aber sie hatte eine Form, die ich sofort als fremdartig erkannte. Die Oberfläche war geschwungen und mit feinen Verzierungen versehen. Eingearbeitete Muster zogen sich über das Material, organisch wirkende Linien, die fast wie Pflanzenranken aussahen, aber gleichzeitig eine technische Präzision besaßen. Eine teladianische Waffe. Davon war ich überzeugt. Aber mehr wusste ich nicht. Und genau dieser Gedanke traf mich in diesem Moment besonders deutlich. Ich hatte so viel gesehen. Ich hatte mit Split gelebt. Ich hatte die Teladi auf Zura kennengelernt. Ich hatte Aldrianer, Argonen und Boronen getroffen. Und trotzdem wusste ich so wenig. Selbst bei den Argonen, deren Kultur mir vermeintlich am vertrautesten war, gab es unzählige Dinge, die mir verborgen blieben. Traditionen, Bräuche, Bedeutungen von Symbolen und Gegenständen, die für die Menschen dieses Universums selbstverständlich waren. Ich war jemand, der zwischen den Kulturen stand. Aber ich war noch lange kein Teil von ihnen. Und Thovareus erinnerte mich gerade daran. Denn ich wusste nicht einmal, was diese Klinge bedeutete. Doch ich wusste, was er vorhatte. Ich musste nicht fragen. Nicht nach seinen Worten suchen. Nicht seine Gedanken lesen. Seine Körperhaltung verriet alles. Sein Blick lag auf Hatileos. Nicht mit der wissenschaftlichen Neugier, die er zuvor gezeigt hatte. Nicht mit der Sorge eines Händlers. Sondern mit einer tiefen, beinahe schmerzhaften Entschlossenheit.
Er hielt die Klinge so, dass sie nach unten zeigte. Sein Arm war angespannt. Sein Körper leicht nach vorne geneigt. Der Winkel, in dem er sich aus den Baumkronen löste, war perfekt. Er wollte nicht landen. Er wollte zuschlagen. Er wollte den Fall nutzen. Er wollte Hatileos durchbohren, bevor sie wieder reagieren konnte. Und plötzlich verstand ich. Thovareus wollte sie töten. Nicht festnehmen. Nicht stoppen. Töten. Vielleicht sah er in ihr nicht mehr nur die Teladi, die er kennengelernt hatte. Vielleicht sah er nur noch die Spur aus Blut und Zerstörung, die sie hinterlassen hatte. Die zerstörte Schleuse. Die Toten auf der Korvette. Die verstümmelten Körper im Dschungel. Das Ei. Alles, was wir gefunden hatten. Vielleicht hatte auch er irgendwann eine Grenze erreicht.
Ich wollte etwas sagen. Ich wollte seinen Namen rufen. Doch in dem Moment passierte etwas. Etwas, das ich bereits kannte. Die Welt veränderte sich. Nicht plötzlich. Nicht wie eine Explosion. Es war eher, als würde die Realität selbst langsamer werden. Das Geräusch des Dschungels verschwand. Die Blätter, die gerade noch durch die Luft gefallen waren, blieben stehen. Staubpartikel schwebten regungslos zwischen den Lichtstrahlen. Ein Tropfen grünes Blut, der sich von Hatileos gelöst hatte, blieb wie eine kleine Kugel in der Luft hängen. Thovareus bewegte sich nicht mehr. Zumindest nicht in einer Geschwindigkeit, die mein Verstand erfassen konnte. Seine Klinge befand sich nur noch wenige Zentimeter von Hatileos entfernt. Der Moment vor dem Einschlag. Der Moment vor der endgültigen Entscheidung. Und ich wusste sofort, was das bedeutete. Ich hatte dieses Gefühl schon erlebt. Mehr als einmal. Diese unnatürliche Stille. Diese Veränderung der Wahrnehmung. Diese Präsenz, die nicht sichtbar war und sich trotzdem überall befand. Die Ancients. Oder genauer gesagt: ihre Abgesandten. Die Sohnen. Immer wenn sie eingriffen, fühlte es sich an, als würde die Zeit selbst kurz innehalten, als würde das Universum einen Atemzug lang warten. Ich konnte mich bewegen. Ich konnte denken. Aber ich wusste, dass etwas außerhalb meiner Kontrolle geschehen war. Etwas, das weit über meine Möglichkeiten hinausging. Ich stand zwischen zwei Entscheidungen. Thovareus, der aus seinem Schmerz und seiner Wut heraus handeln wollte. Und Hatileos, die vielleicht selbst nicht mehr vollständig verstand, was sie getan hatte. Und irgendwo über all dem standen Wesen, deren Alter und Macht jede Vorstellung überstiegen. Die Warnung des Ancient kam mir wieder in den Sinn.
'Halte dich aus den Plänen der Ancients heraus. Führe ein ruhiges Leben.'
Damals hatte ich geglaubt, ich hätte verstanden, was damit gemeint war. Ich hatte gedacht, es ging um Politik. Um Macht. Um das Gleichgewicht zwischen den Völkern. Aber vielleicht war das nur ein kleiner Teil davon gewesen. Vielleicht ging es darum, dass manche Ereignisse größer waren als einzelne Personen. Und trotzdem stand ich jetzt hier. Mitten in einem solchen Ereignis. Vor mir eine Teladi, die durch eine genetische Verbindung zweier Völker etwas Neues geworden war. Hinter mir meine eigene Vergangenheit. Und über mir die Hand eines Wesens, das entschieden hatte, diesen einen Moment anzuhalten.

Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Präsenz, die ich erwartet hatte, erschien nicht. Kein Sohnen. Kein Ancient. Kein Wesen, das durch eine unbegreifliche Technologie oder eine Macht, die mein Verständnis überstieg, aus den Tiefen des Universums zu mir gesandt worden war. Zumindest soweit ich es erkennen konnte. Denn das Wesen, das vor meinen Augen entstand, sah aus wie ich. Nicht ähnlich. Nicht entfernt verwandt. Sondern erschreckend ähnlich. Es war, als hätte jemand mein eigenes Spiegelbild aus einer anderen Zeit genommen und vor mich gestellt. Für einen kurzen Moment konnte ich nichts anderes tun, als ihn anzusehen. Die Umgebung um uns herum war noch immer vollkommen erstarrt. Die Schüsse standen regungslos in der Luft, Blätter schwebten ohne Bewegung zwischen den Baumkronen, und selbst der Staub, der durch den Kampf aufgewirbelt worden war, hatte jede Dynamik verloren. Die gesamte Lichtung wirkte wie ein eingefrorenes Gemälde. Nur wir beide bewegten uns. Nur wir beide existierten in diesem Moment. Das Wesen vor mir hatte meine Gesichtszüge. Die gleiche Form des Gesichts, ähnliche Konturen, dieselbe grundlegende Statur. Selbst die Art, wie er mich ansah, erinnerte mich auf unheimliche Weise an meine eigene Art, Dinge zu beobachten.
Doch zwei Dinge passten nicht. Seine Augen. Meine Augen waren grünblau. Je nach Licht wirkten sie manchmal fast türkis, manchmal eher petrolfarben. Ich hatte nie besonders darüber nachgedacht, weil es für mich einfach ein Teil meines Aussehens war. Doch seine Augen waren anders. Sie waren grüngelb. Ein helles Oliv, beinahe wie das sanfte Grün einer jungen Pflanze, das von warmem Licht getroffen wurde. Und dann waren da seine Haare. Meine waren kurz und schwarz. Seine Haare dagegen waren unglaublich lang. Sie fielen ihm wie ein silberblonder Vorhang über den Rücken und reichten tatsächlich bis zu seinen Fersen. Jede einzelne Strähne schimmerte im künstlichen Licht der Zeitblase, als würde sie aus feinsten Metallfasern bestehen. Dieser Anblick ließ mich unwillkürlich an Xandra denken. Ihre blonde Haarpracht hatte manchmal ebenfalls diesen silbrigen Schimmer, besonders wenn Licht darauf fiel. Auch ihre Haare waren ungewöhnlich fein und wirkten fast unnatürlich glatt. Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf. Eine Vermutung. Eine, die so absurd erschien, dass ich sie eigentlich nicht aussprechen wollte. Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, entwich der Name meinen Lippen.
"Toru Haiiro."
Das Wesen vor mir lächelte leicht. Dann begann er langsam von oben herabzuschweben. Nicht wie jemand, der fiel. Nicht wie jemand, der durch eine Schwerkraft beeinflusst wurde. Es wirkte eher so, als würde die Realität selbst entscheiden, dass er sich bewegen durfte. Er kam direkt vor mir zum Stillstand. Dann sah er mich an.
"Tori Grau."
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Wir standen einfach nur da. Zwei Versionen derselben Existenz, getrennt durch Zeit, Erfahrungen und Umstände. Dann mussten wir beide lachen. Es war ein seltsamer Moment. Fast schon absurd. Mitten in einer Katastrophe, während um uns herum ein Kampf eingefroren war, standen zwei Männer, die sich selbst ähnlich sahen, und lachten über die Tatsache, dass das Universum offenbar einen eigenartigen Sinn für Humor hatte. Niemand sonst bemerkte es. Für alle anderen existierte dieser Moment nicht.
"Du bist Xandras Vater", sagte ich schließlich.
Mein Gegenüber nickte. "Ja. Danke, dass du auf meine Tochter aufpasst."
Diese Worte trafen mich stärker, als ich erwartet hatte. Nicht wegen des Inhalts. Sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er es sagte. Für ihn war es offensichtlich. Er hatte gesehen, was geschehen war. Er wusste, dass Xandra bei mir war. Er wusste, dass ich mich um sie kümmerte.
"Was ist mit dir geschehen?"
Toru sah für einen Moment zur Seite. Sein Blick wurde nachdenklicher. "Die Geschichte ist lang."
Ich deutete mit einer Handbewegung auf die eingefrorene Umgebung. "Wir haben Zeit."
Er lächelte leicht. "Nicht wirklich."
Ich hob fragend eine Augenbraue. "Was meinst du damit?"
"Es ist nur eine lokale Zeitblase. Sie hält diesen Moment isoliert. Sie wird sich bald von selbst auflösen."
Ich betrachtete die unbewegten Gestalten um uns herum. "Die Kurzform?"
Toru dachte kurz nach. "Ich bin durch die Gemeinschaft der Planeten gereist und hatte unerwartet ... Probleme."
"Die aldrianische Physiologie?"
"Auch." Er machte eine kurze Pause. "Aber das eigentliche Problem war technischer Natur. Mir fehlten kompatible Ersatzteile."
Ich musste kurz schmunzeln. "Es sind die Details."
Toru sah mich an. "... die einem das Genick brechen."
Wir lachten erneut. Es war merkwürdig vertraut. Als würden wir nicht über ein Ereignis sprechen, das irgendwo zwischen Leben, Tod und Existenz lag, sondern über eine alltägliche Erfahrung.
"Die Ancients und Sohnen hielten mich anscheinend für würdig genug, mich zu retten und zum Wächter dieses Sonnensystems zu machen."
Meine Neugier war sofort geweckt. "Das ist faszinierend. Und du lebst jetzt wo?"
Toru schwieg kurz. Sein Blick wurde ruhiger. "Fixieren wir uns nicht zu sehr auf das Wort 'Leben'." Diese Antwort ließ mich aufmerksam werden. "Jedes Sprungtor besitzt eine eingebaute Computroniumkugel. Um ein Wurmloch dauerhaft aufrechtzuerhalten, benötigt man enorme Rechenleistung. Permanentes Feintuning, Berechnungen, Anpassungen, Kontrolle." Er deutete nach oben, obwohl dort nur die eingefrorene Atmosphäre zu sehen war. "Mein Bewusstsein existiert in einer dieser Kugeln."
Ich schwieg. Es war eine der wenigen Situationen, in denen mir wirklich die Worte fehlten. Ein Bewusstsein. Nicht in einem Körper. Nicht an einem Ort. Sondern als Teil einer gigantischen Struktur, die das Fundament des gesamten Sprungtornetzwerkes bildete. Nach einigen Sekunden wurde die Stille unangenehm.
"Was nun?", fragte ich.
Toru sah wieder zu Hatileos. "Ich werde Hatileos und ihre Nachkommen mitnehmen."
"Wohin?"
Er überlegte kurz. "Zuerst ins ... Virtuseits."
Ich verzog das Gesicht. Der Begriff sagte mir nichts. Toru bemerkte meine Reaktion. "Blatant ausgedrückt ist das Virtuseits ein digitaler Ort."
Ich hob eine Augenbraue. "Sowas wie eine virtuelle Realität? Der Ort, an dem die Ancients leben? In Computroniumkugeln?"
Jetzt war Toru überrascht. "Mir war bekannt, dass du bereits Kontakt zu einem Ancient und zu Sohnen hattest. Aber dass du so gut darüber Bescheid weißt, überrascht mich."
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich hatte ungewöhnliche Begegnungen."
Toru lächelte leicht. "Das scheint bei dir häufiger vorzukommen." Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. "Auf Weisung der Ancients wird Hatileos mit ihrer Brut auf einen unbewohnten Planeten umgesiedelt. Einen Planeten, der von allen bekannten Tornetzwerken getrennt ist."
"Wo sie in einigen tausend Jahren durch genetische Drift aussterben", vermutete ich. "Sofern sie sich nicht selbst dazu entscheiden, freiwillig auszusterben."
Toru nickte langsam. "Oder durch genetische Assimilation zu einer neuen Spezies werden."
Diese Worte ließen mich verstummen. "Davor haben die Ancients Angst, nicht wahr?" Ich sah ihn direkt an. "Dass die Teladi diese Fähigkeit zu früh entdecken."
Toru antwortete ohne Zögern. "Die Teladi wissen um diese Fähigkeit."
Ich war überrascht. "Sie wissen es?"
"Ja. Aber ihnen fehlt der Kontext. Sie betrachten die Parthenogenese ausschließlich innerhalb ihrer eigenen Spezies. Nicht in Verbindung mit anderen Lebensformen." Er sah zu Hatileos. "Es gibt einige Wissenschaftler und Philosophen auf Zura, die bereits in diese Richtung denken. Aber ihre Arbeiten stehen noch ganz am Anfang."
Dann drehte er sich um. Er hob eine Hand. Und plötzlich veränderte sich die Umgebung. Aus der Luft erschienen Formen. Eier. Dutzende. Sie tauchten überall auf, schwebten lautlos zwischen den eingefrorenen Pflanzen und Körpern. Einige waren graugrün. Ihre Oberfläche erinnerte an die Schuppenfarbe von Hatileos. Andere hatten zusätzlich einen rötlichen Schimmer. Einen fremden, warmen Farbton, der nicht zu einer normalen Teladi-Entwicklung passte.
"Sind das ..."
"Ja." Toru blickte auf die Eier. "Das sind Hatileos' Eier. Ihre Nachfahren." Er deutete zuerst auf die graugrünen Eier. "Einige direkte Ableger." Dann zeigte er auf die anderen. "Einige bereits ... angepasst."
Das Wort blieb in meinem Kopf hängen. Angepasst. Ein harmloses Wort für etwas, das alles andere als harmlos war. Hatileos hatte es tatsächlich getan. Sie hatte die Aldrianer nicht nur angegriffen. Sie hatte versucht, ihre Eigenschaften in ihre eigene Linie einzubauen. Sie hatte DNA aufgenommen. Sie hatte optimiert.
"Ist Hatileos mental instabil?"
Toru dachte lange nach. "Das ist schwer zu sagen." Er sah zu der Teladi. "Sie hatte auf alle Fälle kein normales teladianisches Leben."
"Und das soll heißen ...?"
"Dass die Umstände sie zu dem Individuum gemacht haben, das sie jetzt ist. So wie sie uns alle formen."
Ich beobachtete, wie sich digitale Linien über die Eier bewegten. Feine Strukturen liefen über ihre Oberfläche, bevor sie sich in goldenen und saphirfarbenen Funken auflösten. Dann hörte ich eine Stimme. Leise. Gebrochen.
"Meine ... Kinder ..." Hatileos.
Toru wurde ernster. "Das Zeitfeld kann nicht länger aufrechterhalten werden. Es bekommt bereits Risse." Er sah mich an. "Es wird bald zusammenbrechen."
Dann bewegte er sich zu Hatileos. Er berührte sie. Sofort erschienen auch auf ihrem Körper digitale Linien. Ihr Körper begann sich langsam ebenfalls in goldenen und saphirfarbenen Funken aufzulösen.
"Ich ... wollte ... eine ... überlegene ... Razze ... erzchaffen ..."
Da war sie. Die wahre Hatileos. Nicht das Monster. Nicht nur die Bedrohung. Sondern das Ergebnis eines Lebens, das niemals normal gewesen war. Ich verstand plötzlich, was Toru gemeint hatte. Nif'Nakh. Die Isolation. Nopileos, die nur wenige Jazuras in ihrem Leben gewesen war. Hatrak, ihre Split-Mutter, die sie zwar aufzog, aber fernab jeder anderen Gemeinschaft. Keine anderen Teladi oder Split. Keine anderen Kulturen. Keine wirkliche Verbindung zur Welt. Nur Einsamkeit. Und dann plötzlich die gesamte Vielfalt der Gemeinschaft der Planeten. So viele Möglichkeiten. So viele Formen des Lebens. So viele Ideen. Vielleicht war das zu viel gewesen. Vielleicht hatte etwas in ihr darauf reagiert.
"Wenn Hatileos Nif'Nakh niemals verlassen hätte ... wäre sie dann so geworden wie jetzt?"
Toru sah mich ernst an. "Ich weiß es nicht." Er schwieg kurz. "Ich kann nur vermuten, dass die geballte Freiheit und Vielfalt der Gemeinschaft etwas in ihr ausgelöst hat."
Die Zeit begann zurückzukehren. Ich spürte es. Die Starre löste sich. Geräusche kehrten zurück. Der Wind bewegte wieder die Blätter. Doch Toru begann bereits zu verblassen. Sein letzter Blick galt mir.
"Kümmere dich bitte um meine Tochter." Er lächelte leicht. "Und vergib Valen. Er mag ein alter Sturkopf sein, aber seine Loyalität gilt zweifellos Xandra."
Ich sah ihn an. "Soll ich sie von dir grüßen?"
Sein Gesicht veränderte sich. Zum ersten Mal sah ich nicht den Wächter. Nicht das Wesen, das in einem Computronium existierte. Sondern einfach einen Vater.
"Gerne." Er hob eine Hand. "Hier. Ein Geschenk."
Vor mir erschienen zwei kleine schwarze Karten. Sie schwebten kurz in der Luft. Ihre Oberfläche war vollkommen dunkel, doch darin bewegten sich pinkfarbene holografische Muster wie lebendige Energie. Sie erinnerten an Kreditkarten. Doch ich wusste sofort, dass sie etwas anderes waren. Noch bevor ich fragen konnte, verschwamm Torus Gestalt. Dann war er weg. Die Zeit setzte wieder ein. Der Wind rauschte durch den Dschungel. Die Schüsse erklangen wieder. Die Stimmen der Argonen kehrten zurück. Hatileos war verschwunden. Die Eier waren verschwunden. Und in meinen Händen hielt ich zwei schwarze Karten mit pink schimmernden Einschlüssen. Ich sah sie an. Und wusste, dass meine Begegnung mit Toru Haiiro mein Verständnis von Leben, Evolution und dem Universum für immer verändert hatte.

Der Aufprall kam so plötzlich, dass ich kaum reagieren konnte. Noch wenige Augenblicke zuvor hatte ich versucht, die letzten Eindrücke dieses vollkommen surrealen Moments zu verarbeiten, den wieder einsetzenden Geräuschen des Dschungels zu folgen und zu begreifen, dass ich gerade mit einem Wesen gesprochen hatte, das gleichzeitig fast mein Ebenbild, Xandras Vater und ein Teil einer Existenz war, die weit über mein Verständnis hinausging. Dann riss mich ein gewaltiger Stoß aus diesen Gedanken. Etwas Schweres traf mich mit voller Geschwindigkeit und rammte mich zurück auf den feuchten Boden der Lichtung. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst, der weiche Untergrund unter meiner Rüstung gab nach und feuchte Erde drückte sich zwischen die Platten der Ghok-Rüstung. Der Geruch des Dschungels, der zuvor von nassem Holz, fremdartigen Pflanzen und der warmen Luft der Insel geprägt gewesen war, wurde plötzlich von dem metallischen Geruch verbrannter Energiewaffen und dem erdigen Aroma aufgewühlten Bodens überlagert. Über mir lag ein schwerer Körper, und für einen Moment wusste ich nicht einmal, was geschehen war. Dann erkannte ich Thovareus. Der männliche Teladi mit den blauen Schuppen hatte mich mit solcher Wucht getroffen, dass selbst die verstärkte Rüstung nachgegeben hatte. Seine Klauen waren noch angespannt, sein Körper unter sichtbarer Anspannung, und seine Augen suchten hektisch die Umgebung ab, als würde er erst jetzt wieder verstehen, wo er sich befand. Wenige Sekunden später bemerkte er, dass ich unter ihm lag. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich sofort. Die zuvor angespannte Haltung wich einer Mischung aus Schock, Verlegenheit und ehrlicher Bestürzung.
"Tori!" rief er erschrocken. "Ich bitte um Verzzzeihung. Hatileosss issst plötzzzlich verssschwunden."
Mit einer hastigen Bewegung richtete er sich auf und kroch von mir herunter. Dabei achtete er darauf, mich nicht noch einmal mit seinen kräftigen Gliedmaßen oder den scharfen Klauen zu verletzen. Seine blauen Schuppen wirkten im Licht der untergehenden Sonnen beinahe violett, während sich kleine Staubpartikel auf seiner Oberfläche absetzten. Er sah mich an, als hätte er gerade erst realisiert, dass er beinahe denjenigen verletzt hatte, den er eigentlich schützen wollte.
"Alles in Ordnung", sagte ich und richtete mich langsam auf.
Meine Muskeln protestierten, aber die Rüstung hatte den größten Teil der Wucht abgefangen. Trotzdem spürte ich den Nachhall des Aufpralls noch in meinem gesamten Körper. Doch die Entschuldigung von Thovareus war nicht das Einzige, was nun auf mich wartete. Die Blicke der anderen waren weitaus schwerer.
Gal stand einige Meter entfernt und musterte mich mit ihren ruhigen, aber äußerst aufmerksamen Blick. Ich kannte diesen Ausdruck bei ihr. Es war derselbe Blick, den jemand entwickelte, der jahrelang im Geheimdienst gearbeitet hatte und gelernt hatte, zwischen dem Gesagten und dem Ungesagten zu unterscheiden.
Tahl dagegen wirkte sichtbar verwirrt. Seine Stirn war gerunzelt, seine Arme leicht angespannt, und sein Blick wanderte immer wieder zwischen mir und der Stelle hin und her, an der Hatileos verschwunden war.
Caroline stand etwas abseits. Ihre silbernen Cyberpatches an den Schläfen reflektierten das Licht, während ihre Augen jede noch so kleine Bewegung analysierten. Ihre Haltung verriet nichts, doch ich erkannte, dass in ihrem Kopf bereits unzählige Fragen entstanden waren. Fragen, auf die ich Antworten geben könnte. Ich hätte ihnen vieles erklären können. Ich hätte von Toru erzählen können. Von den Ancients. Von den Sohnen. Von der wahren Natur der Teladi. Von dem, was Hatileos wirklich gewesen war und warum ein Eingreifen dieser Größenordnung notwendig geworden war. Doch ich tat es nicht. Nicht, weil ich ihnen misstraute. Nicht, weil ich sie für unwürdig hielt. Sondern weil manche Informationen eine Verantwortung waren. Manche Erkenntnisse veränderten den Blick auf die gesamte Existenz. Und ich wusste nicht, ob diese Lebewesen und diese Galaxie bereit dafür waren.
Also gab ich ihnen nur einen kleinen Teil der Wahrheit. "Die Sohnen wurden von den Ancients beauftragt, Hatileos aus der Gemeinschaft zu entfernen."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Es war, als hätte der Satz ein Gewicht bekommen, das schwerer war als die Worte selbst. Dann kamen die Fragen. Natürlich kamen sie.
"Warum haben die Ancients eingegriffen?" fragte ein Polizist schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber seine Augen verrieten seine Neugier.
"Was war an Hatileos so besonders?" wollte eine andere wissen. "Oder so gefährlich?"
Caroline sagte nichts, aber ihr Blick stellte dieselbe Frage. Sie musste sie nicht einmal aussprechen. Ich sah ihre Gesichter. Die Unsicherheit. Die Suche nach Zusammenhängen. Den Versuch, aus wenigen Informationen ein vollständiges Bild zu erschaffen.
Doch ich blieb bei meiner Antwort. "Darüber kann ich euch keine vollständige Auskunft geben."
Mehr sagte ich nicht. Nicht auf dem Rückweg durch den Dschungel. Nicht während wir über die zerstörte Lichtung gingen. Nicht, als wir wieder an den Stellen vorbeikamen, an denen noch die Spuren des Kampfes zu sehen waren. Der Weg zurück zum Strand fühlte sich anders an als der Hinweg. Vorher waren wir Jäger gewesen, die eine Gefahr suchten. Jetzt waren wir Zeugen von etwas, das weit größer war als ein einzelner Angriff. Die Geräusche des Dschungels wirkten wieder normal. Das Rascheln der Blätter, die entfernten Rufe unbekannter Tiere und das Knacken von Ästen unter unseren Schritten bildeten eine seltsame Normalität nach den Ereignissen, die wir erlebt hatten. Doch niemand sprach viel. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Als wir schließlich den Strand erreichten, wartete dort bereits der umgebaute Spacetruck. Die Oberfläche des Fahrzeugs glänzte im Licht der Sonne, während die Sensoranlagen weiter über die Insel tasteten. Einige SSA-Investigatoren standen noch immer an ihren Geräten und überprüften die Daten, obwohl längst klar war, dass von Hatileos keine Spur mehr vorhanden war. Bevor ich zusammen mit Gal, Tahl und den anderen an Bord ging, blieb Caroline noch einmal stehen. Sie hatte ihre Arme leicht verschränkt und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht eindeutig einordnen konnte. Es war keine Feindseligkeit. Kein Misstrauen im klassischen Sinne. Aber es war auch keine Freundschaft. Es war der Blick einer Ermittlerin, die wusste, dass jemand vor ihr Geheimnisse besaß.
"Ich behalte dich im Auge." Ihre Stimme war ruhig, fast sachlich. Keine Drohung. Eher eine Feststellung.
Ich nickte langsam. Ich glaubte nicht, dass ich in Caroline Watanabe eine neue Feindin gefunden hatte. Dafür war ihre Haltung zu professionell und ihr Pflichtbewusstsein zu stark. Aber ein Freund war sie vermutlich ebenfalls nicht. Noch nicht. Vielleicht würde sie mich irgendwann besser verstehen. Vielleicht auch nicht.
Dann stieg ich in den Spacetruck. Während das Fahrzeug langsam abhob und die Geräusche der Insel unter uns kleiner wurden, dachte ich an die Ereignisse der letzten Stunden. An Hatileos. An Toru. An die beiden schwarzen Karten, die noch immer sicher verstaut waren. Und an die Erkenntnis, dass manche Begegnungen nicht einfach vorbei waren, nur weil die Person verschwunden war.
Valen und die anderen Überlebenden der aldrianischen Korvette wurden währenddessen von den Rettungskräften nach Altrix Nova gebracht. Dort befand sich die einzige medizinische Einrichtung in Reichweite, die mit der besonderen aldrianischen Physiologie umgehen konnte. Die Verletzten wurden unter intensiver Überwachung behandelt, während Wissenschaftler und Mediziner versuchten, die Folgen des Angriffs zu verstehen.
Die Korvette selbst blieb noch einige Tage auf Isla Rica zurück, bis Misoras Bergungsteams eintrafen. Mit schwerem Gerät und spezialisierten Drohnen wurde das Schiff Stück für Stück gesichert. Misora hatte den Auftrag persönlich überwacht, auch wenn sie nicht jede Phase der Bergung selbst begleiten konnte. Die beschädigte aldrianische Korvette wurde schließlich von ihren Leuten geborgen und zu ihrem Schrottplatz transportiert. Dort würde sie untersucht, zerlegt und vielleicht eines Tages wieder Teile ihrer Geheimnisse preisgeben. Doch ich wusste, dass die wichtigsten Antworten nicht in den Metallplatten des Schiffes verborgen lagen. Sie lagen in den Dingen, die ich erfahren hatte. Und in den Fragen, die dadurch erst entstanden waren.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 59.1 - UNO - Universal Nourishment Organization

Das monotone Summen der Triebwerke erfüllte den Innenraum des umgebauten Spacetrucks, während das Schiff die Atmosphäre Trantors striff. Die Belastungen des orbitalen Gleitflugs drückten mich kurz in den Sitz, ehe die Trägheitskompensatoren die Kräfte nahezu vollständig ausglichen. Langsam wurde das dezente Crimson des Himmels dunkler, bis es schließlich in das tiefe Schwarz des Weltraums überging. Sterne erschienen einer nach dem anderen, erst vereinzelt, dann in unüberschaubarer Zahl.
Ich stand irgendwann auf und trat an eine der großen Sichtscheiben. Die kühle transparente Panzerung spiegelte für einen kurzen Augenblick mein eigenes Gesicht wider. Die schwarze Ghok-Rüstung war noch immer von Staub, getrockneter Erde und vereinzelten dunkelgrünen Spritzern von Hatileos Blut gezeichnet. Einige Schuppenreste hatten sich zwischen den Chitinplatten verkeilt. Ich hatte mich noch nicht umgezogen. Irgendetwas hielt mich davon ab. Vielleicht wollte ich mich erst dann von dieser Rüstung trennen, wenn dieser Tag wirklich beendet war.
Vor mir breitete sich das Sonnensystem aus. Die größere der beiden Sonnen dominierte den Raum. Ihr warmes gelbes Licht legte sich über Trantor und tauchte den Planeten in vertraute Farben. Kontinente, Meere und Wolkenbänder zeichneten sich klar voneinander ab. Gleichzeitig stand etwas weiter entfernt der kleinere rote Stern. Sein Licht war deutlich schwächer, doch es verlieh der dunklen Seite des Planeten einen tiefen karmesinroten Schimmer. Wo beide Lichtquellen ineinander übergingen, entstanden Farben, die ich auf der Erde niemals gesehen hatte. Goldene Reflexionen gingen in dunkles Purpur über, während sich an den Atmosphärenrändern schmale Linien aus Orange, Kupfer und Crimson bildeten.
Aus dieser Entfernung wirkte alles friedlich. Fast idyllisch. Es war schwer zu glauben, dass auf derselben Welt wenige Stunden zuvor Argonen und Aldrianer gestorben waren. Dass irgendwo unter den Wolken Blut den Waldboden getränkt hatte. Dass ich einem Mann begegnet war, dessen Bewusstsein in einer Computroniumkugel eines Sprungtores existierte. Je näher wir Altrix Nova kamen, desto mehr verschwand diese Illusion. Zuerst erschienen einzelne Metallfragmente auf den Sensoranzeigen. Dann erkannte ich sie auch mit bloßem Auge. Zwischen den offiziellen Navigationskorridoren schwebten Wrackteile. Überreste vergangener Jahrzehnte. Einige Module bestanden nur noch aus nackten Stahlgerippen. Verbogene Träger ragten wie gebrochene Knochen in den leeren Raum. Alte Antennen hingen schief an halb zerfetzten Ringen, während ganze Sektionen fehlten. Andere Stationsteile waren deutlich jünger repariert worden. Neue Metallplatten unterschieden sich farblich von den ursprünglichen Legierungen. Manche Bereiche wirkten wie zusammengesetzt aus allem, was man nach der Zerstörung noch hatte bergen können. Dort lebten tatsächlich Menschen. Provisorisch. Container waren an ehemalige Dockmodule angeschweißt worden. Kleine Fenster leuchteten zwischen den alten Panzerplatten. Versorgungsschläuche verliefen außen entlang der Wände. Selbst winzige Gärten mit künstlicher Beleuchtung waren durch die Scheiben einiger Wohnmodule zu erkennen. Ich wusste, dass viele Arbeiter dort nur vorübergehend wohnten. Sobald Altrix Nova vollständig fertiggestellt war, würden auch diese letzten Relikte verschwinden. Nicht, weil man sie vergaß. Sondern weil nahezu jedes verwertbare Kilogramm Material in den Bau der Station einfließen sollte. Ein weiterer Teil der Vergangenheit würde buchstäblich eingeschmolzen werden, um etwas Neues entstehen zu lassen.
Unser Spacetruck flog langsam weiter. Dann erschien sie. Altrix Nova. Obwohl ich sie inzwischen oft gesehen hatte, beeindruckte mich ihr Anblick jedes Mal aufs Neue. Die Station war inzwischen ungefähr zu drei Vierteln fertiggestellt. Selbst in ihrem unfertigen Zustand war sie gewaltig. Die riesigen Habitatringe rotierten langsam und gleichmäßig um ihre zentrale Achse. Unfertige Sektionen wirkten wie offene Wunden, aus denen gewaltige Versorgungsschächte, Verstrebungen und kilometerlange Leitungen hervorragten. Hunderte Arbeitslichter blinkten überall gleichzeitig. Zwischen den einzelnen Modulen bewegten sich Konstruktionsschiffe in allen Größen. Manche transportierten komplette Struktursegmente, andere schweißten mit blendend hellen Lichtbögen neue Panzerplatten auf die Außenhülle. Drohnen schwärmten wie Insekten zwischen den Gerüsten hindurch. Schwere Transportplattformen zogen Container an magnetischen Halterungen hinter sich her. Von weitem erinnerte die gesamte Baustelle an einen lebenden Organismus. Nicht chaotisch. Sondern unglaublich präzise. Jedes Schiff kannte seine Aufgabe. Jede Drohne folgte einer exakt berechneten Flugbahn. Jeder Arbeiter war Teil eines gewaltigen Ganzen.
Wir flogen dicht an einem noch offenen Habitatring vorbei. Durch die unfertigen Außenwände konnte ich riesige Innenräume erkennen. Dort wurden gerade Böden verlegt, Versorgungssysteme installiert und kilometerlange Rohrleitungen miteinander verbunden. Ein Mann mittleren Alters trat in dem Cockpit nach vorne. Ich kannte ihn nicht, Aber seine Kleidung wies ihn als trantorischen Polizisten aus. Sein Gesicht war wettergegerbt, wohl weil er vermutlich den größten Teil seines Lebens auf dem Planeten verbracht hatte. Kleine Brandnarben zogen sich über seine rechte Hand. Seine Augen wanderten kurz zu mir, dann ebenfalls hinaus auf die Station.
"Beeindruckend, nicht wahr?" Nickte ich ihm zu. Er lächelte. "Viele glauben immer noch, Altrix Nova wäre einfach nur eine Fabrik." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Das stimmt nicht." Ich hob die Hand und deutete nacheinander auf verschiedene Sektionen. "Dort entstehen zwar Produktionsanlagen." Mein Finger wanderte weiter. "Dort kommen Forschungsbereiche hin." Noch weiter. "Habitate." Dann zeigte ich auf den massiven Zentralkomplex. "Aber das hier..." Ich ließ mir einen Moment Zeit. "... ist kein reiner Produktionsstandort." Meine Stimme klang beinahe stolz. "Altrix Nova wird der Knotenpunkt." Ich machte eine kreisförmige Bewegung mit der Hand. "Das Hauptquartier." Mein Blick blieb auf der Station. "Hier werden Entscheidungen getroffen." Ich deutete auf einen der noch unfertigen Verwaltungsringe. "Hier entstehen die Verwaltungszentren." Dann auf einen anderen Abschnitt. "Dort werden Verträge geschlossen." Schließlich zeigte ich auf die riesigen Kommunikationsanlagen, deren Antennen gerade erweitert wurden. "Und von hier aus werden eines Tages ganze Versorgungsnetzwerke geplant, koordiniert und überwacht."
Er antwortete nicht. Ich sah weiterhin schweigend durch die Scheibe. Nicht auf die Ruinen. Nicht auf die Wracks. Nicht auf die Baustelle. Ich sah auf etwas, das noch gar nicht existierte. Ich stellte mir vor, wie Menschen, Argonen, Boronen, Split, Paraniden und Teladi eines Tages gemeinsam durch diese Korridore gehen würden. Wie Schiffe aus allen Teilen des Tornetzwerkes anlegen würden. Wie Wissenschaftler neue Verfahren entwickelten. Wie Bauern ihre Ernten anlieferten. Wie Händler Verträge unterzeichneten. Wie Kinder durch Habitate liefen, für die Krieg und Zerstörung nur noch Geschichtsbücher sein würden. Ich dachte an Presidents End. An das, was dieses System einmal gewesen war. Und daran, was daraus werden konnte. Vielleicht war genau das der Unterschied zwischen Hoffnung und Naivität. Naivität ignorierte die Vergangenheit. Hoffnung erkannte sie an und entschied sich trotzdem dafür, etwas Neues aufzubauen. Mein Blick blieb auf Altrix Nova gerichtet. Nicht auf das, was sie war. Sondern auf das, was sie eines Tages sein würde.

Als der Spacetruck schließlich an der Andocksektion der Altrix Nova anlegte, hatte sich der Eindruck der gewaltigen Baustelle noch immer nicht gelegt. Selbst innerhalb der Station war die Präsenz des unfertigen Kolosses allgegenwärtig. Durch die transparenten Verbindungskorridore konnte ich weiterhin Teile der äußeren Struktur erkennen. Arbeiter in Schutzanzügen bewegten sich entlang der noch offenen Module, Konstruktionsdrohnen schwebten mit präzisen Bewegungen an unfertigen Streben vorbei und aus einigen entfernten Bereichen drang das dumpfe Vibrieren schwerer Maschinen durch die Wände. Altrix Nova war kein fertiger Ort. Sie war ein Ort im Übergang. Zwischen Baustelle und Zukunft. Zwischen Metallgerüst und Heimat.
Doch je weiter ich mich vom äußeren Bereich entfernte, desto stärker veränderte sich die Atmosphäre. Der Lärm der Konstruktion wurde schwächer. Die metallischen Geräusche der Fertigung verschwanden langsam hinter den geschlossenen Schotts und gedämpften Korridoren. Schließlich erreichte ich den provisorischen Verwaltungsbereich der UNO. Der Unterschied hätte kaum größer sein können. Während der Rest der Station von Bewegung geprägt war, wirkte dieser Bereich beinahe ruhig. Nicht leer. Nicht verlassen. Aber anders. Hier gab es keine gewaltigen Produktionsanlagen. Keine riesigen Lagerhallen voller Container. Keine Fertigungsstraßen, an denen Maschinen ununterbrochen neue Produkte zusammensetzten. Stattdessen befanden sich hier Menschen. Überall saßen Mitarbeiter an Arbeitsplätzen, die eher wie Kontrollzentren als Büros wirkten. Holografische Projektionen schwebten über transparenten Tischen. Datenströme bewegten sich in dreidimensionalen Anzeigen. Kommunikationsverbindungen zwischen verschiedenen Stationen, Planeten und Unternehmen liefen über unzählige Schnittstellen. Die Farben der Projektionen tauchten die Umgebung in ein wechselndes Licht aus Blau, Weiß und sanften Grüntönen. Es gab keine hektische Betriebsamkeit. Keine lauten Befehle. Keine Arbeiter, die schwere Lasten bewegten. Die Arbeit hier war unsichtbarer. Abstrakter. Aber nicht weniger wichtig.
Ich blieb einen Moment stehen und beobachtete die Szene. Ein Besucher, der zum ersten Mal hierherkam, hätte vermutlich etwas anderes erwartet. Vielleicht das Zentrum eines Lebensmittelkonzerns. Einen Ort voller Lagerhallen, Produktionslinien und Maschinen, die den eigentlichen Wohlstand erzeugten. Doch das hier war etwas anderes. Es war kein Muskel. Es war kein Werkzeug. Es war ein Nervensystem. Ein Mitarbeiter der Verwaltung führte gerade eine Gruppe neuer Angestellter durch den Bereich. Er trug eine schlichte dunkelgraue Uniform mit dem Logo der UNO auf der Brust, wobei das Zeichen nicht auffällig präsentiert wurde. Es wirkte eher wie eine Erinnerung daran, zu welchem Ganzen jeder hier gehörte.
Seine Stimme war ruhig und sachlich, während er vor einer großen holografischen Darstellung der Konzernstruktur stand. "Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was die UNO eigentlich ist", erklärte er. Die Gruppe hörte aufmerksam zu. Einige wirkten neugierig, andere etwas verwirrt. "Wenn sie den Namen hören, denken sie automatisch an Produktion. An Fabriken. An Lebensmittelverarbeitung." Er schüttelte leicht den Kopf. "Aber die UNO selbst produziert nichts." Er ließ eine kurze Pause entstehen, damit die Aussage wirken konnte. "Unter unserem Namen wächst keine einzige Pflanze." Eine neue Darstellung erschien über ihm. "Hier werden keine Lebensmittel verarbeitet." Eine weitere Ebene der Projektion erschien. "Und keine Frachter werden direkt von dieser Abteilung beladen." Einige der neuen Mitarbeiter wechselten überraschte Blicke. Offenbar war genau das der Punkt, den der Mitarbeiter vermitteln wollte. "Die UNO steuert." Seine Stimme wurde etwas ernster. "Wir entscheiden nicht, wie ein einzelnes Produkt hergestellt wird. Wir entscheiden, wie die einzelnen Teile zusammenarbeiten." Hinter ihm entstand eine Darstellung der verschiedenen Tochterunternehmen. "Wir koordinieren Ressourcenflüsse. Wir verwalten Verträge. Wir legen fest, welche Tochterunternehmen welche Aufgaben übernehmen und wie die einzelnen Bereiche miteinander verbunden werden." Die Projektion veränderte sich erneut. Verschiedene Bereiche wurden sichtbar. "XeNutra liefert wissenschaftliche Erkenntnisse. Forschungsergebnisse, biologische Analysen und neue Verfahren." Ein neuer Abschnitt leuchtete auf. "Exo-Harvest stellt die Rohstoffversorgung sicher. Ohne stabile Quellen für biologische Materialien, Nährstoffe und andere Ressourcen wäre keine weitere Verarbeitung möglich." Die nächste Verbindung erschien. "Omni-Food Products übernimmt die Verarbeitung dieser Materialien und macht daraus die eigentlichen Produkte." Danach folgte eine weitere Verbindung. "Die Bio Logistics Division sorgt dafür, dass diese Produkte dort ankommen, wo sie benötigt werden." Schließlich erschien ein Symbol, das ich nur zu gut kannte. "Und die Sustenance Security Agency schützt den gesamten Prozess."
Bei diesen Worten wanderte mein Blick kurz zu Gal und Tahl, die einige Schritte entfernt standen. Beide hörten aufmerksam zu. Gal mit ihrem typischen ruhigen Ausdruck, der fast nie verriet, was tatsächlich in ihrem Kopf vorging. Tahl dagegen beobachtete die Umgebung mit der Aufmerksamkeit eines ehemaligen Militärangehörigen. Er prüfte automatisch Eingänge, Bewegungsmuster und mögliche Schwachstellen.
Der Mitarbeiter beendete seine Erklärung, während sich die holografische Darstellung wieder zu einem einzigen Punkt zusammenfügte. "Alles läuft hier zusammen." Er deutete auf das Zentrum der Projektion. "Die UNO ist nicht die größte Maschine des Konzerns." Die Projektion zeigte keine Fabrik, keinen Frachter, keine Produktionsanlage. Nur Verbindungen. Datenlinien. Entscheidungen. "Sie ist nicht die stärkste Kraft durch rohe Leistung." Er sah zu den neuen Mitarbeitern. "Sie ist der Punkt, an dem alles zusammenkommt."
Ich betrachtete die Darstellung schweigend. Es war genau das, was ich mir bei der Gründung der UNO vorgestellt hatte. Nicht ein weiterer Hersteller. Nicht ein weiteres Unternehmen, das einfach nur Waren produzierte und verkaufte. Sondern eine Struktur, die viele unterschiedliche Fähigkeiten miteinander verband. Die eigentliche Stärke lag nicht in einem einzelnen Bereich. Nicht in einer Maschine. Nicht in einer Fabrik. Sondern darin, dass alles miteinander verbunden war. Eine Fabrik konnte ausfallen. Ein Schiff konnte zerstört werden. Eine Ernte konnte verloren gehen. Aber solange das Netzwerk dahinter funktionierte, solange Wissen, Ressourcen und Menschen miteinander verbunden blieben, konnte man wieder aufbauen. Ich sah erneut durch die großen Fenster des Verwaltungsbereichs hinaus in die unfertige Station. Altrix Nova war noch lange nicht fertig. Überall gab es Baustellen, offene Module und provisorische Systeme. Doch hier, in diesem unscheinbaren Bereich zwischen all den Bauarbeiten, befand sich bereits etwas, das keine Maschine ersetzen konnte. Die Koordination. Die Planung. Die Verbindung all der einzelnen Teile. Das Gehirn des Konzerns.

Ich saß nicht auf einem erhöhten Platz, nicht auf einer Plattform, die mich über die anderen stellte, und auch nicht hinter einem überdimensionierten Tisch, der den Eindruck eines Herrschers vermittelt hätte. Genau das wäre niemals mein Verständnis von Führung gewesen. Die erste große Besprechung nach der offiziellen Expansion der UNO in das System Presidents End fand in einem der provisorischen Konferenzräume der Altrix Nova statt, einem Bereich, der eigentlich nur als Übergangslösung gedacht war, bis die endgültigen Verwaltungssektionen fertiggestellt wurden. Trotzdem hatte der Raum bereits jetzt etwas Eigenes entwickelt. Die Wände bestanden noch aus modularen Paneelen mit sichtbaren Verbindungslinien, die von kleinen Statusleuchten durchzogen waren. Hinter den halbtransparenten Flächen verliefen Energie- und Datenleitungen, deren schwaches Leuchten in regelmäßigen Abständen pulsierte. Es erinnerte mich daran, dass die Station selbst noch nicht vollendet war, sondern sich in einem Zustand zwischen Baustelle und Zukunft befand.
Um uns herum herrschte eine ungewohnte Mischung aus Geschäftigkeit und Konzentration. Hinter den geschlossenen Türen des Konferenzraums hörte man gedämpfte Geräusche der Station: das tiefe Summen der Lebenserhaltungssysteme, das entfernte Vibrieren von Konstruktionsmaschinen und die gelegentlichen Durchsagen aus den Kommunikationszentralen. Die Altrix Nova war noch kein fertiger Organismus, aber sie begann bereits, wie einer zu funktionieren. Überall entstanden neue Verbindungen, neue Strukturen und neue Abhängigkeiten.
Ich saß zwischen meinen Abteilungsleitern. Nicht vor ihnen. Zu meiner rechten saß Valentina, deren Blick bereits seit Minuten auf den Datenprojektionen lag. Ihre Haltung war ruhig, aber ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ihr Geist längst mehrere Szenarien gleichzeitig berechnete. Neben ihr saß Vanu, die wie immer eine andere Perspektive einbrachte. Während Valentina Zahlen, Möglichkeiten und wissenschaftliche Konsequenzen betrachtete, dachte Vanu darüber nach, wie Entscheidungen auf Menschen wirkten. Wie Händler, Arbeiter und Familien auf Veränderungen reagieren würden. Wie Vertrauen aufgebaut oder zerstört werden konnte. Mari hatte ihre Unterlagen nicht einmal vollständig geöffnet. Sie betrachtete stattdessen die große Projektion in der Mitte des Raumes. Sie sah nicht nur Daten. Sie sah Möglichkeiten. Das war eine ihrer größten Stärken. Wo andere zuerst Risiken erkannten, erkannte Mari zuerst Leben. Misora saß mit verschränkten Armen da und beobachtete die holografische Darstellung des Systems mit dem Blick einer Schiffsbauerin. Für sie waren die Handelswege keine einfachen Linien auf einer Karte. Für sie waren es Verbindungen, die wiederhergestellt werden mussten. Routen, die einst selbstverständlich gewesen waren und nun wie alte Narben durch das System verliefen. Gal und Tahl saßen etwas abseits. Nicht weil sie weniger Teil des Teams waren, sondern weil ihre Denkweise anders funktionierte. Sie suchten nicht nach Möglichkeiten. Sie suchten nach dem, was wir übersahen. Nach Schwachstellen. Nach Gefahren, die erst sichtbar wurden, wenn es zu spät war.
Vor uns schwebte die Projektion von Presidents End. Das gesamte System war dreidimensional dargestellt. Die Sonnen, der Asteroidengürtel, die Planeten und Monde, die vier Sprungtore, die dieses Gebiet mit dem restlichen Netzwerk verbanden. Jede Umlaufbahn war als dünne Lichtlinie dargestellt, jede Station als kleiner Datenpunkt.
Vulcanus leuchtete in warmen Rot- und Orangetönen. Der Planet war reich an Ressourcen, aber seine vulkanische Aktivität machte jeden Abbau zu einer Herausforderung. Gewaltige tektonische Bewegungen, extreme Temperaturen und instabile Regionen bedeuteten, dass selbst moderne Technologie vorsichtig eingesetzt werden musste. Die Rohstoffe waren vorhanden, aber sie mussten gewonnen werden, ohne die Arbeiter oder die Infrastruktur unnötigen Gefahren auszusetzen.
Trantor erschien daneben als blaugrüne Welt mit großen Wasserflächen und ausgedehnten Landmassen. Auf den ersten Blick wirkte der Planet lebendig. Doch ich wusste, was sich unter dieser Schönheit verbarg. Die Spuren vergangener Ereignisse waren noch immer vorhanden. Beschädigte Regionen, zerstörte Infrastruktur und ein Ökosystem, das zwar begann sich zu erholen, aber noch Jahrzehnte brauchen würde, um wieder ein stabiles Gleichgewicht zu erreichen.
Monarch war der unscheinbarste Punkt der Projektion. Ein Gasriese, der auf den ersten Blick kaum Bedeutung hatte. Keine außergewöhnlichen Ressourcen, keine großen Siedlungen, keine zentrale Position im Handel. Doch seine Monde machten ihn interessant. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber langfristig konnte genau dort eine strategische Bedeutung entstehen, die viele unterschätzen würden.
Und dann waren da die Sprungtore. Vier gewaltige Verbindungspunkte, die dieses System mit der restlichen Galaxie verbanden. Vier Möglichkeiten. Vier Risiken. Eine zerstörte Handelsstruktur, die wieder aufgebaut werden musste.
Der erste, der sprach, war einer der Verwaltungsleiter, der die allgemeinen Systemdaten zusammenfasste. Doch es dauerte nicht lange, bis wir zu den eigentlichen Einschätzungen kamen. Nicht zu Berichten. Nicht zu einfachen Zahlenkolonnen. Jeder brachte seine eigene Sichtweise ein.
Mari lehnte sich leicht nach vorne und vergrößerte die Darstellung von Trantor. Ihre Finger bewegten sich durch die holografische Oberfläche, während verschiedene Regionen aufleuchteten. "Trantor hat etwas, das kein künstliches Produktionszentrum ersetzen kann", erklärte sie. "Raum. Wasser. Ein funktionierendes Ökosystem. Ja, der Planet ist beschädigt, aber genau deshalb sollten wir langfristig denken. Wir könnten neue landwirtschaftliche Projekte aufbauen. Nicht nur industrielle Produktion. Nachhaltige Systeme." Sie sprach mit dieser typischen Begeisterung, die sie bekam, wenn sie über etwas sprach, das ihr wirklich wichtig war. Für Mari waren Tiere und Pflanzen nicht nur Ressourcen. Sie waren ein Zeichen dafür, dass etwas wieder lebte.
Valentina übernahm anschließend und betrachtete die wissenschaftlichen Daten. "Die Wiederherstellung wird nicht einfach. Wir müssen verstehen, welche Veränderungen dauerhaft sind und welche reversibel. Es gibt zahlreiche unbekannte Faktoren. Die Atmosphäre, die Böden, die lokale Flora und Fauna. Jede Intervention könnte unerwartete Folgen haben." Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Gesicht verriet, dass sie diese Herausforderung bereits als eine der größten wissenschaftlichen Aufgaben betrachtete, denen sich die UNO jemals stellen würde.
Vanu sprach danach. Sie sah nicht auf die Planetenprojektion, sondern auf die Handelsdaten. "Das größte Problem wird nicht die Infrastruktur sein. Nicht die Schiffe. Nicht die Verträge. Das größte Problem wird Vertrauen sein." Einige Blicke richteten sich auf sie. "Viele Argonen hier haben erlebt, wie schnell ein System zusammenbrechen kann. Händler werden nicht einfach wieder anfangen zu handeln, nur weil neue Möglichkeiten existieren. Sie müssen glauben, dass diese Möglichkeiten dauerhaft sind." Das war Vanu. Sie betrachtete keine Maschinen. Sie betrachtete Gesellschaften.
Misora ließ danach die alten Handelsrouten erscheinen. Zahlreiche Linien wurden eingeblendet, viele davon beschädigt oder unterbrochen. "Die Infrastruktur kann repariert werden. Aber die alten Verbindungen existieren nicht mehr vollständig. Einige Stationen sind verschwunden. Andere sind nur noch Schatten dessen, was sie einmal waren. Wir müssen neue Wege schaffen, nicht einfach versuchen, die Vergangenheit wiederherzustellen."
Ich hörte aufmerksam zu. Denn genau darum ging es. Nicht darum, dass ich jede Antwort hatte. Nicht darum, dass ich jede Entscheidung selbst traf. Gal und Tahl meldeten sich zuletzt. Gal betrachtete die Sicherheitsdaten. "Der Wiederaufbau wird Aufmerksamkeit erzeugen. Nicht jeder wird zufrieden damit sein, dass hier eine neue Machtstruktur entsteht." Tahl ergänzte mit seiner typischen nüchternen Art: "Und jede neue Handelsroute ist gleichzeitig eine neue Angriffsfläche." Er sagte es nicht, um Angst zu verbreiten. Er sagte es, weil es seine Aufgabe war. Während andere den Aufbau sahen, sahen Gal und Tahl die Stellen, an denen jemand versuchen könnte, ihn zu zerstören.
Ich schwieg lange. Die Projektion von Presidents End schwebte vor uns und drehte sich langsam weiter. Ein ganzes System voller Möglichkeiten, Probleme und unbekannter Zukunft. Früher hätte ich vielleicht geglaubt, dass Führung bedeutete, die wichtigste Person im Raum zu sein. Die Person mit den letzten Entscheidungen. Doch meine Erfahrungen hatten mir etwas anderes gezeigt. Eine Organisation wie die UNO konnte nicht funktionieren, wenn alles von einer einzigen Person abhing. Nicht von mir. Nicht von irgendeinem anderen Anführer. Meine Aufgabe war nicht, jede Entscheidung selbst zu treffen. Meine Aufgabe war es, die richtigen Menschen zusammenzubringen. Diejenigen, die unterschiedliche Perspektiven besaßen. Diejenigen, die Dinge sahen, die ich nicht sehen konnte. Ich betrachtete erneut die Projektion des Systems. Vulcanus. Trantor. Monarch. Die vier Sprungtore. Ein beschädigter Ort. Aber auch ein Ort voller Möglichkeiten.
"Also gut", sagte ich schließlich und sah in die Runde. "Dann beginnen wir damit, dieses System wieder aufzubauen."
Niemand antwortete sofort. Doch ich sah es in ihren Gesichtern. Sie wussten, dass dies kein einfacher Weg werden würde. Aber sie waren bereit.

Ich stand etwas abseits des Konferenzraumes und beobachtete die Szene durch die halbtransparente Trennwand aus verstärktem Polymerglas. Der provisorische Verwaltungsbereich der Altrix Nova war zwar noch weit davon entfernt, den endgültigen Zustand der Station widerzuspiegeln, doch gerade diese Unfertigkeit verlieh ihm eine besondere Atmosphäre. Überall waren noch offene Leitungen in den Wänden zu sehen, an einigen Stellen fehlten Verkleidungselemente, und die Beleuchtung bestand aus einer Mischung aus fertigen Modulen und temporär installierten Lichtleisten. Trotzdem wirkte der Bereich nicht chaotisch. Er wirkte lebendig. Die UNO hatte hier keinen klassischen Verwaltungskomplex errichtet, wie ich ihn von vielen großen Organisationen kannte. Keine endlosen Reihen von geschlossenen Büros, keine abweisenden Empfangsbereiche, keine gewaltigen Symbole, die Macht demonstrieren sollten. Stattdessen gab es offene Arbeitsbereiche, Besprechungsräume mit variabler Raumaufteilung und zahlreiche Kommunikationsstationen, an denen Lebewesen aus verschiedenen Welten miteinander verbunden waren.
Der Geruch in diesem Teil der Station unterschied sich deutlich von den Produktionsbereichen. Es gab keine metallischen Ausdünstungen von Fertigungsmaschinen, keine erhitzten Materialien oder den scharfen Geruch von Kühlmitteln. Stattdessen lag eine Mischung aus frischer Luftaufbereitung, leichtem Kunststoffgeruch neuer Anlagen und dem schwachen Aroma verschiedener Getränke in der Luft. Mitarbeiter bewegten sich ruhig zwischen den Arbeitsplätzen, während über ihnen holografische Anzeigen mit Vertragsdaten, Versorgungsplänen und Kommunikationsverbindungen schwebten.
Doch meine Aufmerksamkeit lag auf dem Konferenzraum vor mir. Dort saßen Vertreter verschiedener Gemeinden von Trantor zusammen. Argonen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung. Einige trugen noch die einfache Kleidung von Koloniearbeitern, andere die funktional geschnittenen Anzüge lokaler Verwaltungsstellen. Niemand wirkte besonders beeindruckt von der Größe der Station oder der Präsenz der UNO. Das fiel mir sofort auf. Sie waren nicht gekommen, um sich beeindrucken zu lassen. Sie waren gekommen, um Antworten zu bekommen. Auf der anderen Seite des Tisches saßen Mitarbeiter der Kundenservice- und Vertragsabteilung. Keine uniformierten Führungskräfte, keine Personen mit übertriebener Selbstdarstellung. Es waren Fachleute, die Datenpads vor sich liegen hatten und aufmerksam zuhörten.
Eine Frau aus einer kleineren Küstengemeinde von Trantor verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Haltung war angespannt, ihre Mimik verriet Misstrauen. Sie hatte die Zeit nach dem Angriff nicht vergessen. Niemand dort hatte sie vergessen. Viele Bewohner von Trantor hatten erlebt, wie schnell große Versprechen verschwinden konnten. Unternehmen, die einst mit großen Plänen gekommen waren, hatten sich zurückgezogen, sobald die ersten Schwierigkeiten auftraten. Stationen waren aufgegeben worden. Versorgungslinien waren zusammengebrochen. Kolonien, die auf langfristige Unterstützung gehofft hatten, waren plötzlich allein gelassen worden.
Ein älterer Kolonieverwalter mit grauen Haaren und einem wettergezeichneten Gesicht lehnte sich nach vorne. Seine Finger lagen auf dem Tisch, während er den UNO-Mitarbeiter direkt ansah. "Warum sollte die UNO anders sein?"
Der Raum wurde still. Nicht diese künstliche Stille, die entsteht, wenn Menschen auf eine Präsentation warten. Es war echte Stille. Eine Erwartung. Der Mitarbeiter der UNO ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Er wich dem Blick des Mannes nicht aus und begann auch nicht sofort mit einer vorbereiteten Antwort. Stattdessen aktivierte er die Projektion vor sich. Kein Logo erschien. Keine Werbebotschaft. Keine Statistik, die nur positive Zahlen zeigte. Stattdessen erschienen Verträge. Detaillierte Dokumente. Liefervereinbarungen. Zeitpläne. Verantwortlichkeiten.
"Wir können Ihnen nicht versprechen, dass jede Entscheidung einfach sein wird", sagte der Mitarbeiter ruhig. "Das wäre unehrlich. Trantor steht vor großen Herausforderungen. Die Infrastruktur ist beschädigt. Viele Handelswege existieren nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form. Manche Regionen brauchen Jahre, vielleicht Jahrzehnte, um sich vollständig zu stabilisieren."
Während er sprach, wechselten die holografischen Anzeigen. Langfristige Liefergarantien erschienen. Nicht nur für große Handelszentren. Auch für kleinere Gemeinden. Lokale Arbeitsprogramme wurden eingeblendet. Ausbildungsplätze. Technische Unterstützung. Beteiligungsmodelle, bei denen Gemeinden nicht nur Abnehmer, sondern Partner wurden. Dann erschienen die Preisstrukturen. Offen einsehbar. Keine versteckten Gebühren. Keine komplizierten Klauseln, die nur Juristen verstehen konnten.
"Die UNO verkauft keine Hoffnung", fuhr der Mitarbeiter fort. "Hoffnung alleine baut keine Infrastruktur auf. Hoffnung repariert keine Versorgungswege. Hoffnung versorgt keine Menschen." Er machte eine kurze Pause und sah in die Runde. "Was wir anbieten, ist eine vertragliche Verpflichtung."
Der Kolonieverwalter betrachtete die Projektionen lange. Seine anfängliche Härte in der Mimik wich nicht vollständig, aber seine Augen veränderten sich. Nicht Vertrauen. Noch nicht. Aber vielleicht die Bereitschaft zuzuhören. Ich beobachtete die Unterhaltung schweigend. Für viele Menschen waren Verträge wahrscheinlich nur Dokumente. Eine Ansammlung von Paragraphen, Zahlen und Bedingungen. Etwas, das unterschrieben und anschließend irgendwo gespeichert wurde. Doch ich hatte im Laufe meines Lebens gelernt, dass ein Vertrag viel mehr sein konnte. Ein Vertrag war eine Entscheidung. Eine Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. Eine Entscheidung, nicht einfach zu verschwinden, wenn Schwierigkeiten auftauchten. Während ich die Personen im Raum betrachtete, wurde mir bewusst, dass die eigentliche Arbeit der UNO nicht darin bestand, Waren zu verteilen oder Produktionsketten zu kontrollieren. Das erledigten andere Abteilungen. Exo-Harvest kümmerte sich um Rohstoffe. XeNutra um Forschung. Omni-Food Products um Verarbeitung. Die Bio Logistics Division um Transport und Verteilung. Die Sustenance Security Agency um Schutz und Sicherheit. Aber hier, in diesem Raum, entstand etwas anderes. Hier wurde die Verbindung zwischen einer Organisation und den Lebewesen geschaffen, die von ihr abhängig waren. Ein Vertrag war nicht nur ein Stück Material mit digitalen Signaturen. Ein Vertrag war Vertrauen in schriftlicher Form.

Ich stand am Rand des Besprechungsraumes und betrachtete die holografische Darstellung, die langsam über der zentralen Projektionsfläche schwebte. Anders als bei den strategischen Sitzungen zuvor zeigte die Projektion dieses Mal keine Planetenbahnen, keine Rohstoffanalysen und keine Versorgungswege. Stattdessen erschienen Gesichter. Viele verschiedene Gesichter. Argonen aus Presidents End. Bilder von Bauernfeldern auf Trantor, auf denen sich die ersten stabilen Ernten nach den langen Jahren der Vernachlässigung entwickelten. Techniker, deren Hände von Schmierstoffen und Reparaturarbeiten gezeichnet waren, während sie alte Stationsmodule wieder zum Leben erweckten. Familien, die vor provisorischen Unterkünften standen und nicht mehr nur über das nächste Problem sprachen, sondern über ihre Zukunft.
Der Raum selbst unterschied sich deutlich von den anderen Bereichen der UNO. Hier gab es weniger technische Projektionen und weniger kalte Datenströme. Die Wände waren mit warmen Lichtflächen versehen, auf denen Aufnahmen aus verschiedenen Regionen von Presidents End liefen. Keine künstlich inszenierten Bilder. Keine perfekten Szenen mit gestellten Lächeln. Es waren echte Momente.
Ein Kind, das auf einer wiederbegrünten Fläche von Trantor zwischen jungen Pflanzen lief. Eine ältere Frau, die vor einer reparierten Wohnstation stand und mit Tränen in den Augen erzählte, dass sie nie geglaubt hatte, diesen Ort noch einmal bewohnbar zu sehen. Ein junger Mechaniker, der stolz eine wieder funktionierende Energieeinheit zeigte, die früher nur noch als Ersatzteilquelle gegolten hatte.
Ich beobachtete die Mitarbeiter der Marketingabteilung, während sie ihre Arbeit präsentierten. Es war ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Normalerweise erwartete man von einer Marketingabteilung eines Konzerns Bilder von Erfolg. Große Gebäude. Neue Technologien. Fortschritt. Macht. Hier sah ich etwas anderes. Geschichten. Die leitende Mitarbeiterin stand vor der Projektion und wechselte zwischen den verschiedenen Aufnahmen. Sie war eine argonische Frau mit kurzen dunkelbraunen Haaren und einem ruhigen, konzentrierten Gesichtsausdruck. Anders als viele Personen, die in Präsentationen sprachen, wirkte sie nicht wie jemand, der ein vorbereitetes Konzept verkaufte. Sie wirkte wie jemand, der verstanden hatte, dass diese Aufgabe mehr Verantwortung als Selbstdarstellung bedeutete.
"Unser größtes Problem ist nicht, dass die Argonen den Namen UNO nicht kennen", erklärte sie. "Das Gegenteil ist der Fall. Viele kennen den Namen bereits." Sie ließ eine kurze Pause entstehen. "Das Problem ist die Bedeutung, die sie damit verbinden." Die Projektion wechselte.
Alte Aufzeichnungen erschienen. Bilder aus der Zeit nach dem Angriff. Verlassene Stationen. Dunkle Korridore. Handelsrouten, die plötzlich keine Bedeutung mehr hatten. Unternehmen, die ihre Versprechen nicht halten konnten oder wollten.
"Presidents End hat bereits zu viele Organisationen gesehen, die gekommen sind, um etwas anzukündigen, und verschwunden sind, sobald die Situation schwierig wurde."
Ich sah, wie einige der anderen Anwesenden nachdenklich wurden. Besonders jene, die selbst aus dem System stammten. Sie kannten diese Vergangenheit. Für sie war es keine historische Aufzeichnung. Es war Erinnerung. Die Mitarbeiterin wechselte die Darstellung erneut. Diesmal erschienen keine alten Bilder mehr, sondern aktuelle Projekte.
"Wir könnten eine klassische Kampagne starten. Wir könnten sagen, dass die UNO Hoffnung bringt. Wir könnten erzählen, dass wir die Zukunft aufgebaut haben. Sie schüttelte leicht den Kopf. "Doch das wäre falsch." Ihre Worte blieben kurz im Raum stehen. "Die UNO hat Presidents End nicht gerettet." Die Aussage war ungewöhnlich direkt. "Die Argonen hier haben selbst überlebt."
Ich bemerkte, wie einige Personen leicht überrascht reagierten. Es wäre einfacher gewesen, sich selbst als Helden darzustellen. Es wäre einfacher gewesen, die eigene Organisation in den Mittelpunkt zu stellen. Aber genau das tat sie nicht.
"Unsere Aufgabe ist nicht, diese Argonen zu ersetzen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen wieder Möglichkeiten zu geben."
Die nächste Projektion zeigte mehrere Interviews. Eine Farmerin von Trantor sprach über die ersten wieder nutzbaren Anbauflächen. Ein Techniker erzählte davon, wie er eine alte Stationseinheit repariert hatte, die jahrelang nur ein leeres Metallgerippe gewesen war. Eine Familie berichtete davon, dass sie wieder begann, langfristig zu planen. Nicht wegen eines Versprechens. Sondern wegen konkreter Veränderungen. Ich sah zu Valentina, die neben mir saß. Sie betrachtete die Aufnahmen mit einem nachdenklichen Ausdruck. Ihre violetten Augen folgten den wissenschaftlichen Daten, die zwischen den Bildern eingeblendet wurden, doch ihr Gesicht zeigte deutlich, dass sie nicht nur die Zahlen sah. Sie sah die Argonen dahinter. Vanu saß etwas weiter entfernt und beobachtete besonders die Aufnahmen der Gemeinden. Für sie ging es nicht nur um Handel oder Verträge. Sie wusste, dass Vertrauen zwischen Bevölkerungen und Organisationen nicht einfach durch Ressourcen entstand. Misora hingegen konzentrierte sich auf die Darstellung der wiederhergestellten Handelswege. Für sie waren die alten Routen mehr als Linien auf einer Karte. Sie waren Verbindungen zwischen Menschen und Orten. Gal und Tahl standen etwas abseits. Ihre Aufmerksamkeit lag wie immer stärker auf möglichen Gefahren. Sie betrachteten nicht nur, was funktionierte. Sie suchten nach dem, was noch schiefgehen konnte. Ich konnte ihnen das nicht vorwerfen. Gerade die Ereignisse mit Hatileos hatten mir erneut gezeigt, dass eine scheinbar stabile Situation jederzeit kippen konnte.
Die Mitarbeiterin ließ schließlich die letzte Projektion erscheinen. Ein einfacher Satz. Keine komplizierte Erklärung. Keine übertriebene Darstellung. Nur wenige Worte.
"Wo Leben bleibt, beginnt Zukunft."
Ich betrachtete die Worte einige Sekunden lang. Sie wirkten nicht wie ein Werbespruch. Eher wie eine Zusammenfassung dessen, was Presidents End ausmachte. Ein Ort, der nicht wegen eines Konzerns weiterexistierte. Ein Ort, der existierte, weil Personen sich geweigert hatten aufzugeben.
Die Mitarbeiterin sah zu uns. "Das ist keine Botschaft darüber, was die UNO getan hat." Sie deutete auf die Bilder der Bewohner. "Es ist eine Botschaft darüber, was diese Menschen bereits getan haben."
Ich schwieg. Während ich auf die Projektion blickte, musste ich an die erste Zeit auf Trantor denken. An die Ruinen. An die verlassenen Stationen. An die Spuren einer Vergangenheit, in der viele einfach verschwunden waren. Damals hatte der Planet wie ein Ort gewirkt, der seine Geschichte verloren hatte. Jetzt sah ich etwas anderes. Nicht Wiederaufbau. Neuanfang. Ich hatte viele Verträge gesehen. Handelsabkommen. Versorgungsvereinbarungen. Strategische Partnerschaften. Früher hatte ich sie hauptsächlich als Werkzeuge betrachtet. Mittel, um Dinge zu organisieren. Doch je länger ich auf die Bilder sah, desto klarer wurde mir etwas. Ein Vertrag war nicht nur ein Stück Papier oder eine digitale Datei. Ein Vertrag war ein Versprechen, das messbar gemacht wurde. Eine Verpflichtung, die nicht einfach verschwinden konnte. Ein Vertrag war Vertrauen in schriftlicher Form. Und vielleicht war genau das die schwierigste Aufgabe der UNO. Nicht Nahrung bereitzustellen. Nicht Handelsrouten zu öffnen. Nicht Technologien einzuführen. Sondern Menschen davon zu überzeugen, dass dieses Mal jemand bleiben würde.

Ich stand allein auf einer von vielen Aussichtsplattformen der Altrix Nova und ließ den Blick über das System schweifen. Dieser Bereich war noch nicht vollständig fertiggestellt. Einige Wandsegmente bestanden weiterhin aus provisorischen Verbundmaterialien, und entlang der Plattform verliefen dünne Lichtstreifen, die den Rand markierten und gleichzeitig als Sicherheitsbegrenzung dienten. Hinter mir summten die technischen Systeme der Station mit einem gleichmäßigen, tiefen Ton. Es war kein lautes Geräusch. Eher ein permanentes Zeichen dafür, dass die Altrix Nova lebte. Energie floss durch ihre Leitungen. Maschinen arbeiteten. Lebewesen bewegten sich durch ihre Korridore. Ein gewaltiger künstlicher Organismus entstand Stück für Stück um mich herum.
Unter mir erstreckte sich die Baustelle der Station. Von dieser Höhe wirkte das Chaos der vergangenen Monate beinahe geordnet. Konstruktionsschiffe bewegten sich langsam zwischen den äußeren Modulen. Kleine Wartungsdrohnen glitten wie leuchtende Punkte über die Oberfläche der Station. Arbeiter in Schutzanzügen bewegten sich entlang der noch unfertigen Sektionen und verbanden Strukturen miteinander, die irgendwann zu einem einzigen gewaltigen Komplex werden würden. Altrix Nova war noch nicht fertig. Aber sie war bereits mehr als nur eine Baustelle. Sie war ein Versprechen, das langsam Gestalt annahm.
Vor mir lag Trantor. Der Planet drehte sich langsam unterhalb der Station. Die Atmosphäre erschien aus dieser Entfernung wie ein dünner Schleier, der von den Farben des Systems geprägt wurde. Die größere gelbe Sonne tauchte die Oberfläche in warmes Licht, während der rote Stern des Systems dem Himmel eine tiefe, fast unwirkliche Crimson-Färbung verlieh. Von hier oben wirkte Trantor friedlich. Fast zu friedlich. Ich wusste, was unter dieser Schönheit verborgen lag. Die beschädigten Regionen. Die verlorenen Stationen. Die Geschichten von Personen, die jahrzehntelang gewartet hatten, dass sich endlich wieder jemand für sie interessierte.
Hinter mir standen die beiden Sonnen des Systems. Ihre Lichtquellen bildeten einen starken Kontrast zueinander. Die gelbe Sonne strahlte Stabilität und Wärme aus. Der rote Stern wirkte dagegen fremdartig und schwer einschätzbar, als würde er ständig daran erinnern, dass dieses System nicht nur aus Möglichkeiten bestand. Es bestand auch aus Gefahren.
Ich hörte Schritte hinter mir. Langsam und vorsichtig. Ein Mitarbeiter der Verwaltung blieb einige Meter entfernt stehen. Er wollte mich offenbar nicht stören. Das war eine Eigenschaft, die ich bei vielen Mitarbeitern auf der Altrix Nova bemerkt hatte. Sie wussten, dass manche Momente nicht durch viele Worte verbessert wurden.
"Beeindruckend, oder?"
Ich drehte mich leicht zu ihm um. Der Mann war noch relativ jung. Seine Kleidung zeigte, dass er zur Verwaltungsabteilung gehörte. Keine Führungskraft. Eher jemand, der die täglichen Abläufe koordinierte. Sein Blick wanderte ebenfalls über die Station und den Planeten darunter.
Nach einigen Sekunden fragte er: "Glauben Sie, dass die Investition erfolgreich sein wird?"
Ich antwortete nicht sofort. Mein Blick blieb auf Trantor gerichtet. Auf den alten Stationen im Orbit. Einige davon waren kaum mehr als Metallgerippe. Erinnerungen an eine Zeit, in der dieser Ort ein bedeutender Knotenpunkt gewesen war. Andere waren notdürftig repariert worden und warteten darauf, entweder vollständig wiederhergestellt oder irgendwann durch neue Strukturen ersetzt zu werden. Ich dachte an die Argonen dort unten. An diejenigen, die nach dem Zusammenbruch geblieben waren. Fünf Jahrzehnte. Fünf Jahrzehnte hatte dieser Planet gebraucht, um überhaupt wieder an eine Zukunft glauben zu können. Nicht, weil niemand helfen wollte. Sondern weil zu viele gegangen waren. Zu viele hatten aufgegeben. Zu viele hatten entschieden, dass der Aufwand zu groß war.
Ich sah wieder hinunter auf die Altrix Nova. Auf all die Lebewesen, die hier arbeiteten. Die Techniker. Die Forscher. Die Händler. Die Verwaltungsmitarbeiter. Jeder von ihnen war nur ein einzelner Teil eines viel größeren Ganzen.
Dann antwortete ich. "Die UNO wurde nicht gegründet, um dort zu arbeiten, wo alles einfach ist." Der Mitarbeiter schwieg und hörte aufmerksam zu. "Sie wurde nicht gegründet, weil es dort bereits stabile Strukturen gab. Nicht, weil die Aufgabe bequem war." Ich blickte erneut auf Trantor. "Sie wurde gegründet, weil niemand sonst geblieben ist."
Die Worte wirkten schwerer, als ich erwartet hatte. Denn sie waren keine reine Aussage über die UNO. Sie waren eine Erinnerung daran, warum sie überhaupt existierte. Die UNO war nicht entstanden, weil die Galaxie bereits perfekt funktionierte. Sie war entstanden, weil sie es nicht tat.
Der Mitarbeiter nickte langsam. Sein Blick blieb weiterhin auf dem Planeten. "Ich glaube, viele Menschen dort unten müssen das noch verstehen."
"Das ist normal", antwortete ich. "Vertrauen entsteht nicht durch Worte." Ich sah zu den entfernten Handelswegen, die als schwache Lichtlinien in der Systemkarte über die Anzeigen der Station dargestellt wurden. "Es entsteht durch das, was man tut."
Ein leises Signal ertönte. Nicht von der Plattform. Von der Station. Die erste große Verwaltungsstruktur der Altrix Nova wurde aktiviert. Tief im Inneren der Station begannen neue Systeme hochzufahren. Energieverbindungen wurden freigeschaltet. Datenknoten synchronisierten sich. Kommunikationswege zwischen den verschiedenen Abteilungen wurden hergestellt. Auf einer entfernten Anzeige erschien die Bestätigung. Der zentrale Verwaltungsknoten der UNO war online. Ein unscheinbarer Moment. Keine Explosion. Keine große Zeremonie. Kein symbolischer Akt mit Menschenmengen. Nur ein System, das begann zu funktionieren. Doch für mich bedeutete es mehr. Denn dieser Moment markierte nicht einfach die Fertigstellung eines technischen Bauteils. Er markierte den Augenblick, in dem die UNO endgültig ihren Platz in Presidents End eingenommen hatte. Nicht als Herrscher. Nicht als Besitzer dieses Systems. Nicht als Macht, die anderen ihre Entscheidungen abnahm. Sondern als Verbindung. Zwischen den Argonen auf Trantor. Zwischen den Ressourcen von Vulcanus. Zwischen den Möglichkeiten von Monarch. Zwischen den Handelswegen, die wieder entstehen mussten. Zwischen all jenen, die dieses System nicht aufgegeben hatten. Ich blieb noch eine Weile auf der Aussichtsplattform stehen und sah zu, wie die Altrix Nova weiterarbeitete. Unter mir entstand eine Station. Vor mir lag eine Welt. Hinter mir brannten zwei Sonnen. Und irgendwo dazwischen begann etwas Neues.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 238
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 59.2 - XNI - XeNutra Incorporated

Ich stand auf einer flachen Anhöhe aus dunklem Basalt und ließ meinen Blick über Trantor schweifen. Ein warmer Wind strich über die Landschaft und trug den Geruch feuchter Erde, junger Gräser und weit entfernter Wälder mit sich. Die Luft war sauber. Erstaunlich sauber. Kaum vorstellbar, wenn man wusste, welche Geschichte dieser Planet hinter sich hatte. Über mir standen die beiden Sonnen des Systems. Die größere, goldgelbe Sonne tauchte die Landschaft in ein warmes, beinahe beruhigendes Licht. Ihre Strahlen ließen die Wiesen in sattem Grün leuchten und brachten die Blätter der Bäume zum Glänzen, als wären sie mit feinem Tau überzogen. Gleichzeitig färbte der kleinere rote Stern den Himmel in jenes tiefe Crimson, das inzwischen zu Trantor gehörte wie seine Meere und Kontinente. Wo sich beide Lichtquellen überschnitten, entstanden ungewöhnliche Farben. Manche Schatten wirkten violett, manche Felsen schimmerten rötlich, obwohl sie aus gewöhnlichem grauem Granit bestanden. Selbst die weißen Wolken erhielten an ihren Rändern einen rosafarbenen Saum. Aus dieser Entfernung sah Trantor beinahe friedlich aus. Fast. Denn sobald mein Blick weiter über die Ebene wanderte, erkannte ich die Wunden, die der Planet noch immer trug. Zwischen jungen Wäldern ragten Gerippe ehemaliger Hochhäuser empor. Manche standen schief, andere waren nur noch halbe Fassaden, deren Fensteröffnungen wie dunkle Augenhöhlen in die Landschaft blickten. Dicke Baumstämme hatten sich durch aufgebrochene Straßen gearbeitet. Wurzeln umschlangen Betonfundamente, als wollte sich die Natur langsam zurückholen, was ihr einst genommen worden war. In der Ferne lag eine ehemalige Agraranlage. Die riesigen Gewächshäuser bestanden nur noch aus geborstenen Stahlbögen und vereinzelten Glasflächen, die das Sonnenlicht reflektierten. Einige Dächer waren eingestürzt. Zwischen den metallischen Konstruktionen hatten sich Büsche und kleine Bäume angesiedelt. Von oben betrachtet hätte man die Anlage vermutlich für einen kleinen Wald gehalten. Noch weiter westlich verlief eine breite Schneise durch den Wald. Ich wusste, dass dort einst eine der Hauptverkehrsachsen der Kolonie gelegen hatte. Heute erinnerte nur noch die ungewöhnlich gerade Linie daran. An manchen Stellen waren Einschlagskrater zu erkennen. Einige hatten sich mit Wasser gefüllt und bildeten kleine Seen, in denen Schilf wuchs und Wasservögel ihre Kreise zogen. Andere Krater lagen noch immer kahl da, als hätte sich selbst die Natur noch nicht entschieden, wie sie mit diesen Narben umgehen sollte.
Die Xenon hatten diesen Planeten nicht nur militärisch verwüstet. Sie hatten ihm Zeit gestohlen. Zeit, die niemals zurückkehren würde. Ich schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Es roch nach Leben. Aber es roch auch nach Vergangenheit. Die Menschen auf Trantor hatten gelernt, mit dieser Vergangenheit zu leben. Nicht, weil sie sie vergessen hatten. Sondern weil sie keine andere Wahl gehabt hatten. Viele Familien lebten noch immer in restaurierten Wohnkomplexen, deren ursprüngliche Infrastruktur längst nicht mehr vollständig funktionierte. Alte Wasserleitungen wurden regelmäßig notdürftig repariert. Energie wurde teilweise über mobile Reaktoren bereitgestellt. Manche Gemeinden bauten wieder eigenes Gemüse an, doch die Erträge reichten selten aus, um ganze Regionen dauerhaft zu versorgen. Die ursprünglichen landwirtschaftlichen Großbetriebe existierten kaum noch. Die Böden waren unterschiedlich stark geschädigt worden. Manche Flächen litten unter chemischen Rückständen alter Industrieanlagen. Andere waren durch Jahrzehnte mangelnder Pflege ausgelaugt. Wieder andere hatten sich zwar ökologisch erholt, besaßen aber nicht mehr jene Mikroorganismen, die einst für stabile Ernten gesorgt hatten. Deshalb kamen viele Lebensmittel noch immer von außerhalb. Frachter brachten konservierte Nahrung. Proteinersatz. Getrocknete Algenprodukte. Synthetische Eiweißpräparate. Niemand hungerte mehr. Aber zwischen Überleben und gutem Leben bestand ein gewaltiger Unterschied. Genau deshalb waren wir hier. Die Aufgabe der UNO bestand nicht darin, kurzfristig Lebensmittel anzuliefern. Das konnte jeder große Konzern. Unsere Aufgabe war schwieriger. Wir mussten dafür sorgen, dass Trantor sich eines Tages wieder selbst versorgen konnte. Nicht für Monate. Nicht für Jahre. Für Generationen.
Ich stieg wieder in den Schwebewagen, der am Rand der Anhöhe auf mich wartete. Der Elektromotor war nahezu geräuschlos. Lediglich ein leises Summen entstand, als das Fahrzeug wenige Zentimeter über dem Boden schwebte. Während wir über eine ehemalige Schnellstraße glitten, sah ich links und rechts weitere Zeugnisse des Wiederaufbaus. Hier arbeiteten Menschen auf kleinen Feldern. Dort reparierten Techniker eine alte Wasserpumpstation. Kinder liefen zwischen frisch gepflanzten Obstbäumen hindurch. Das Leben war zurückgekehrt. Aber es musste noch wachsen. Nach einigen Kilometern tauchte unser Ziel vor mir auf. Schon aus der Entfernung unterschied sich das Gebäude deutlich von allem, was ich bislang auf Trantor gesehen hatte. Es wirkte nicht industriell. Keine rauchenden Schornsteine. Keine kilometerlangen Fertigungshallen. Keine riesigen Lagerflächen. Stattdessen bestand der Gebäudekomplex aus mehreren miteinander verbundenen Baukörpern, deren Fassaden aus hellem Verbundglas, weißgrauen Keramikelementen und begrünten Außenflächen bestanden. Große Glasdächer ließen natürliches Sonnenlicht bis tief in das Innere fallen. Zwischen den einzelnen Gebäudeteilen verliefen begrünte Innenhöfe mit kleinen Wasserflächen, Bäumen und Sitzbereichen. Die gesamte Anlage erinnerte mich gleichzeitig an eine moderne Universität, ein medizinisches Forschungszentrum und einen botanischen Garten. Nichts daran vermittelte den Eindruck eines gewöhnlichen Unternehmens. Je näher wir kamen, desto deutlicher wurden die vielen Details. Auf den Dachflächen befanden sich Gewächshäuser unterschiedlichster Größe. Einige waren vollständig transparent, andere besaßen intelligente Verdunkelungssysteme, die sich automatisch dem Licht beider Sonnen anpassten. Kleine Drohnen flogen zwischen den Gebäuden hin und her und transportierten versiegelte Probenbehälter. Durch die großen Fenster konnte ich bereits zahlreiche Labore erkennen. Manche enthielten Reihen genetischer Analysegeräte. Andere waren mit Pflanzkammern ausgestattet, in denen unterschiedlichste Gewächse unter exakt kontrollierten Bedingungen wuchsen. Wieder andere erinnerten an Operationssäle oder medizinische Forschungseinrichtungen. Biologen. Botaniker. Mikrobiologen. Agrarwissenschaftler. Ernährungsforscher. Genetiker. Sie alle arbeiteten hier gemeinsam. Nicht getrennt. Denn genau das war der Gedanke hinter XeNutra. Biologische Versorgung ließ sich nicht in einzelne Fachrichtungen aufteilen. Sie war das Ergebnis ihres Zusammenspiels. Unser Fahrzeug hielt schließlich vor dem Haupteingang. Der Vorplatz war großzügig angelegt. Helle Steinplatten wechselten sich mit Grünflächen ab, in denen heimische Pflanzen Trantors zusammen mit sorgfältig ausgewählten Arten anderer Welten wuchsen. Kleine Informationstafeln erklärten Herkunft, Eigenschaften und ökologische Bedeutung jeder einzelnen Pflanze. Vor dem Eingang plätscherte ein flacher Wasserlauf über dunklen Naturstein. Nicht als Dekoration. Sondern als Teil eines biologischen Filtersystems, das Regenwasser reinigte und dem Gebäudekomplex wieder zuführte.
Ich stieg aus. Vor mir erhob sich die breite Eingangsfront. Über den hohen Glasportalen verlief eine schlichte Metallleiste. Keine goldenen Buchstaben. Keine übertriebene Selbstdarstellung. Nur eine klare, sachliche Inschrift: XeNutra Incorporated - Forschung für biologische Versorgung. Ich blieb einen Augenblick stehen und betrachtete die Worte. Nicht Lebensmittel. Nicht Gewinn. Nicht Produktion. Biologische Versorgung. Genau darin lag der Unterschied. XeNutra sollte keine Fabrik sein. XeNutra sollte verstehen, wie Leben funktionierte. Denn nur wer verstand, wie Leben entstand, sich anpasste und über Generationen Bestand hatte, konnte dafür sorgen, dass Trantor eines Tages nicht mehr von fremden Lieferungen abhängig sein würde.

Als sich die gläsernen Eingangstüren lautlos vor mir öffneten, änderte sich die Atmosphäre schlagartig. Draußen hatte mich noch der warme Wind Trantors begleitet, vermischt mit dem Duft von Erde, Pflanzen und feuchtem Moos. Hier drinnen war die Luft deutlich kühler. Sie war sauber, aber nicht steril. Ein leichter Geruch nach frischen Pflanzen, destilliertem Wasser, Laborpolymeren und den kaum wahrnehmbaren Aromen biologischer Nährmedien lag in der Luft. Es war jener Geruch, den ich inzwischen mit Forschung verband. Kein chemischer Gestank, sondern das leise Versprechen, dass hier jeden Tag neues Wissen entstand.
Der Empfangsbereich war überraschend offen gestaltet. Helles Holz wechselte sich mit weißen Keramikflächen und transparenten Glaswänden ab. Zwischen den Sitzgruppen wuchsen lebende Pflanzen in schmalen Wasserbecken, deren Oberflächen sanft von kleinen Pumpen bewegt wurden. Tageslicht fiel durch das weit gespannte Glasdach bis tief in das Gebäude hinein. Die beiden Sonnen Trantors tauchten den Raum in ein ungewöhnliches Licht. Das warme Gold der größeren Sonne ließ die weißen Wände beinahe cremefarben erscheinen, während die crimsonfarbenen Reflexe des roten Sterns den metallischen Oberflächen einen dezenten rötlichen Schimmer verliehen.
Es war still. Nicht, weil niemand arbeitete. Sondern weil jeder wusste, was er tat. Kein hektisches Rennen. Keine lauten Diskussionen. Keine schrillen Alarmsignale. Nur leise Gespräche, das Summen von Projektoren, das rhythmische Klicken analytischer Geräte und das kaum hörbare Surren kleiner Servicedrohnen, die zwischen den Laborbereichen Material transportierten.
Ich ging langsam den Hauptkorridor entlang. Zu beiden Seiten öffneten sich große Glasfronten, die den Blick in die verschiedenen Forschungsbereiche freigaben. Niemand versteckte seine Arbeit hinter undurchsichtigen Wänden. Transparenz gehörte zur Philosophie der XeNutra Incorporated. Hinter einer der Glaswände arbeitete eine Gruppe Botaniker an mehreren künstlichen Kultivierungssystemen. Übereinander angeordnete Pflanzenkammern erstreckten sich über mehrere Stockwerke. In jeder Kammer herrschten andere Bedingungen. Unterschiedliche Luftfeuchtigkeit. Unterschiedliche Schwerkraftsimulationen. Unterschiedliche Spektren künstlicher Beleuchtung ergänzten das natürliche Licht der beiden Sonnen. Zwischen den Reihen bewegten sich Wissenschaftler in weißen Laborkitteln. Manche trugen zusätzlich dünne Handschuhe aus transparentem Polymer. Andere bedienten holografische Bedienfelder, auf denen sich unzählige Datenströme überlagerten. Ich blieb einen Moment stehen. Ein junger Wissenschaftler bemerkte mich, nickte höflich und widmete sich sofort wieder seiner Arbeit. Genau das gefiel mir. Niemand stellte seine Tätigkeit ein, nur weil ich den Raum betrat. Sie arbeiteten weiter. Denn ihre Forschung war wichtiger als jede Hierarchie. Ich setzte meinen Weg fort. Im nächsten Bereich veränderte sich das Bild vollständig. Hier standen keine Pflanzen. Stattdessen reihten sich biologische Analysegeräte aneinander. Durchsichtige Zylinder enthielten unterschiedlich gefärbte Flüssigkeiten, deren Farbtöne von nahezu farblos bis tiefblau, bernsteinfarben oder smaragdgrün reichten. Roboterarme entnahmen winzige Proben und führten sie verschiedenen Analyseapparaturen zu. Über jedem Arbeitsplatz schwebten holografische Projektionen. Molekülmodelle. Proteinketten. Zellstrukturen. Stoffwechselpfade. Ich trat näher an eine der Projektionen heran. Sie zeigte nicht ein einzelnes Nahrungsmittel. Sie zeigte gleichzeitig mehrere Versionen desselben Produktes. Jede war für eine andere Spezies optimiert. Mir wurde erneut bewusst, wie grundlegend sich die Gemeinschaft der Planeten von der Erde unterschied. Auf der Erde war Nahrung in erster Linie eine Frage des Geschmacks, der Kultur oder der Verfügbarkeit gewesen. Hier bedeutete Nahrung etwas vollkommen anderes. Die Galaxie bestand aus Terranern. Argonen. Aldrianern. Teladi. Split. Boronen. Paraniden. Und jede einzelne Spezies besaß einen anderen Organismus. Andere Enzyme. Andere Verdauungssysteme. Andere Zellchemie. Andere Bedürfnisse. Ein Protein, das einen Menschen optimal versorgte, konnte für einen Teladi nahezu wertlos sein. Ein Mineralstoff, den Split in großen Mengen benötigten, konnte für Boronen problematisch werden. Selbst innerhalb der menschlichen Population existierten Unterschiede zwischen den verschiedenen Kolonien. Andere Schwerkraft. Andere Umweltbedingungen. Andere Anpassungen über Generationen hinweg. Ich erinnerte mich an Valentina, die einmal gesagt hatte, dass biologische Evolution niemals aufhörte. Jetzt verstand ich noch besser, was sie damit gemeint hatte.
Eine Wissenschaftlerin trat an mich heran. Sie war etwa Mitte vierzig, trug ihre dunkelblonden Haare zu einem lockeren Knoten gebunden und hielt ein schlankes Datenpad unter dem Arm. "Guten Morgen, Direktor."
Ich erwiderte ihr Lächeln. "Guten Morgen."
"Wenn Sie möchten, zeigen wir Ihnen gerade einen laufenden Versuch."
Ich nickte. "Gerne."
Sie führte mich in einen weiteren Laborbereich. Hier arbeiteten mehrere Forscher gemeinsam an einem einzelnen Projekt. Auf einem zentralen Tisch schwebte eine dreidimensionale Darstellung eines Nahrungsprofils. Auf den ersten Blick wirkte alles identisch. Doch als die Wissenschaftlerin einzelne Ebenen einblendete, erschienen minimale Unterschiede. Eine leicht veränderte Aminosäure. Eine geringfügig andere Proteinverknüpfung. Eine minimale Verschiebung des Mineralstoffverhältnisses.
"So wenig?" fragte ich überrascht.
Sie nickte. "So wenig."
Einer der Forscher vergrößerte die Darstellung. "Diese Änderung verändert die Aufnahmegeschwindigkeit bestimmter Aminosäuren um knapp vier Prozent."
Vier Prozent. Auf der Erde hätte vermutlich niemand darüber gesprochen. Hier war es entscheidend.
Ein anderer Wissenschaftler ergänzte: "Für Menschen wäre dieser Unterschied kaum wahrnehmbar. Bei Teladi verändert dieselbe Anpassung jedoch den gesamten Verdauungsprozess." Ein weiterer Datensatz erschien. Diesmal wurden Stoffwechselkurven eingeblendet. "Wir untersuchen nicht nur, ob ein Produkt gegessen werden kann." Er deutete auf die verschiedenen Kurven. "Wir analysieren seine vollständige biologische Wirkung."
Neben der Darstellung erschienen mehrere Kategorien. Biologische Verträglichkeit. Nährstoffaufnahme. Verdauungsprozesse. Langfristige Auswirkungen. Mögliche Allergien. Mögliche Unverträglichkeiten. Ich betrachtete die Vielzahl an Daten. Jede einzelne Zeile war das Ergebnis unzähliger Versuche. Unzähliger Berechnungen. Unzähliger kleiner Entscheidungen.
Die Wissenschaftlerin bemerkte meinen Blick. "Viele glauben, wir entwickeln Lebensmittel." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Das stimmt nur teilweise." Ich sah sie fragend an. "Wir entwickeln Versorgung."
Sie aktivierte die nächste Projektion. Ein und dasselbe Grundprodukt erschien in verschiedenen Varianten. Eine für Menschen. Eine für Argonen. Eine für Split. Eine für Teladi. Eine weitere für Boronen. Die Unterschiede waren teilweise kaum sichtbar. Und doch lagen Welten zwischen ihnen.
"Geschmack ist wichtig", erklärte sie ruhig. "Aussehen ebenfalls." Sie wechselte zur nächsten Darstellung. "Aber wenn wir unsere Arbeit richtig machen, bemerkt der Verbraucher diese Unterschiede niemals."
"Warum?"
"Weil sein Körper einfach genau das bekommt, was er braucht."
Ich musste unwillkürlich lächeln. Das war typisch Wissenschaft. Die größte Leistung bestand oft darin, dass niemand sie bemerkte. Ein Wissenschaftler rief die Ergebnisse des aktuellen Versuchs auf. Mehrere Diagramme erschienen gleichzeitig. Einige Werte lagen im optimalen Bereich. Andere noch knapp daneben.
Er runzelte die Stirn. "Die Proteinstruktur bindet noch minimal zu langsam."
Eine Kollegin trat neben ihn. "Dann verändern wir den dritten Abschnitt."
"Nur dort?"
"Ja."
"Nicht den Mineralanteil?"
Sie schüttelte den Kopf. "Der funktioniert bereits."
Ohne jede Aufregung begannen beide, winzige Veränderungen vorzunehmen. Nicht Gramm. Nicht Milliliter. Molekulare Strukturen. Winzige Anpassungen. Entscheidungen, die kein Verbraucher jemals sehen würde. Und doch konnten genau sie darüber entscheiden, ob ein Produkt langfristig gesund blieb oder langsam Mangelerscheinungen verursachte. Ich beobachtete die konzentrierten Gesichter. Die ruhigen Bewegungen. Die präzisen Handgriffe. Niemand hier arbeitete für Schlagzeilen. Niemand arbeitete für schnellen Gewinn. Jeder arbeitete an einem kleinen Teil eines viel größeren Ganzen. Mir wurde erneut bewusst, warum XeNutra innerhalb der UNO eine so zentrale Rolle spielte. Nahrung bedeutete nicht nur, den Hunger eines Tages zu stillen. Sie beeinflusste den gesamten Organismus. Die Gesundheit eines Kindes. Die körperliche Entwicklung eines Erwachsenen. Die Widerstandskraft gegen Krankheiten. Die Leistungsfähigkeit eines Arbeiters. Die Lebenserwartung einer ganzen Bevölkerung. Jede Mahlzeit wurde Teil eines Körpers. Und jeder Körper wurde Teil einer Gesellschaft. Deshalb bestand die Arbeit der XeNutra Incorporated aus tausenden winziger Entscheidungen, von denen jede einzelne für sich unbedeutend erscheinen mochte. Erst zusammen ergaben sie das, was wir eigentlich schaffen wollten. Nicht einfach Lebensmittel. Sondern die Grundlage dafür, dass Leben dauerhaft bestehen konnte.

Ich fand Valentina in ihrem Büro im medizinischen Flügel der XeNutra Incorporated. Der Raum lag etwas abseits der eigentlichen Labore. Nicht, weil sie sich von den Forschern fernhalten wollte, sondern weil sie täglich zwischen Wissenschaft und Medizin vermittelte. Ihre Arbeit bestand aus beidem. Sie behandelte keine Patienten im klassischen Sinn mehr, jedenfalls nicht regelmäßig. Stattdessen betrachtete sie Millionen Menschen gleichzeitig, ohne dass diese jemals einen Fuß in ihr Büro setzten. Die Tür stand offen. Ich klopfte trotzdem leicht gegen den Rahmen. Valentina hob den Blick von den holografischen Projektionen, die ihren Schreibtisch beinahe vollständig umgaben. Als sie mich erkannte, huschte ein müdes, aber ehrliches Lächeln über ihr Gesicht. Es war keines dieser höflichen Lächeln für Besucher. Es war jenes kleine, beinahe unmerkliche Lächeln, das nur Menschen zeigten, wenn sie jemanden sahen, bei dem sie sich nicht verstellen mussten.
"Du kommst genau richtig." Ihre Stimme klang ruhig, aber ich hörte sofort heraus, dass sie bereits seit Stunden arbeitete. Nicht erschöpft. Eher vollkommen konzentriert.
Ich trat näher. "Störe ich?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Im Gegenteil."
Erst jetzt nahm ich den Raum genauer wahr. Er wirkte deutlich persönlicher als die übrigen Büros der Anlage. Hinter ihrem Schreibtisch standen keine Auszeichnungen oder akademischen Zertifikate, obwohl sie davon sicherlich genügend besaß. Stattdessen befanden sich dort mehrere lebende Pflanzen. Einige kannte ich inzwischen von Son'ra IV, andere stammten von Trantor. Zwischen ihnen lagen medizinische Fachbücher aus Papier. Richtige Bücher. Keine Datenträger. An der rechten Wand hing eine anatomische Darstellung eines argonischen Körpers, daneben eine des terranischen Organismus. Auf einer weiteren Projektion waren Teladi und Split zu sehen. Darüber schwebten zahllose biologische Parameter, die sich ständig aktualisierten. Vor Valentina kreisten mehrere holografische Fenster gleichzeitig. Keines zeigte einzelne Patienten. Alle enthielten Statistiken. Verteilungen. Altersgruppen. Nährstoffprofile. Medizinische Langzeitdaten.
Ich trat neben sie und betrachtete die Projektionen. "Das sind die Gesundheitsdaten Trantors?"
Sie nickte. "Die anonymisierten Daten aller Regionen, die wir bislang erfassen konnten."
Mit einer kleinen Fingerbewegung vergrößerte sie eine der Darstellungen. Vor uns entstand eine dreidimensionale Karte des Planeten. Unterschiedliche Regionen leuchteten in verschiedenen Farben. Grün. Gelb. Orange. Rot. Ich erkannte schnell, dass die Farben keine politischen Grenzen darstellten.
"Was sehe ich?"
Valentina verschränkte die Arme. "Nährstoffmängel."
Sie zeigte auf eine Region nahe einer ehemaligen Industriezone. "Dort besteht seit Jahrzehnten ein chronischer Eisenmangel." Ihr Finger glitt weiter. "In diesen Küstenregionen fehlen bestimmte Spurenelemente." Eine weitere Zone. "Hier treten überdurchschnittlich häufig Wachstumsstörungen bei Kindern auf." Noch eine. "Dort beobachten wir vermehrt degenerative Erkrankungen bei älteren Menschen."
Ich schwieg. Auf einmal wirkte Nahrung erschreckend komplex. Valentina bemerkte meinen Blick. "Viele denken bei Ernährung an Kalorien." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Das reicht vielleicht, um nicht zu verhungern."
Sie blendete eine weitere Projektion ein. Diesmal erschienen mehrere menschliche Silhouetten unterschiedlichen Alters. Ein Kleinkind. Ein Schulkind. Ein Jugendlicher. Ein Erwachsener. Eine ältere Frau. Jede Figur war mit anderen biologischen Parametern versehen.
"Ein Kind braucht etwas völlig anderes als ein Erwachsener." Sie deutete auf die kleinste Darstellung. "Sein Gehirn entwickelt sich." Dann auf den Jugendlichen. "Hier verändern sich Knochen, Muskulatur und Hormonsystem." Auf den Erwachsenen. "Hier geht es um Leistungsfähigkeit und Stabilität." Schließlich auf die ältere Frau. "Und hier darum, vorhandene Körperfunktionen möglichst lange zu erhalten."
Ich nickte langsam. Sie wechselte erneut die Darstellung. Jetzt erschienen keine Altersgruppen mehr. Sondern Krankheitsbilder. Chronische Mangelernährung. Gewebeschäden. Geschwächtes Immunsystem. Langsame Wundheilung. Mehrere Werte blinkten rot.
"Viele Menschen auf Trantor haben Jahrzehnte unter Bedingungen gelebt, die den Körper dauerhaft verändert haben." Ihre Stimme war sachlich. Gerade deshalb wirkten ihre Worte schwer. "Ein normal gesund ernährter Mensch besitzt Reserven." Sie ließ mehrere Organmodelle erscheinen. "Diese Menschen besitzen sie oft nicht mehr." Sie vergrößerte eine Leber. Dann das Knochenmark. Dann verschiedene Muskelfasern. "Deshalb reicht normale Ernährung häufig nicht aus."
Ich sah sie an. "Deshalb entwickelt XeNutra auch medizinische Nahrung."
Jetzt lächelte sie leicht. "Genau."
Sie blendete mehrere Projektdateien ein. Therapeutische Ernährung. Aufbaupräparate. Rekonvaleszenznahrung. Spezielle Stoffwechselprofile. Angepasste Ernährung für geschwächte Patienten. Mehrere Speziesprofile.
"Wir entwickeln längst nicht nur Lebensmittel." Sie drehte sich zu mir. "Wir entwickeln Therapie."
Ich musste unwillkürlich an Krankenhäuser denken. An Intensivstationen. An Menschen, die nach schweren Verletzungen langsam wieder zu Kräften kamen. So wie ich einst.
Valentina schien meine Gedanken zu erraten. "Ein Patient mit schweren Verbrennungen benötigt eine völlig andere Ernährung als ein gesunder Mensch." Sie zeigte auf ein Diagramm. "Ein Organismus verbraucht während der Heilung enorme Mengen bestimmter Aminosäuren." Ein weiteres. "Nach langer Mangelernährung darfst du einem Patienten nicht plötzlich normale Mengen zuführen." Sie sah mich ernst an. "Das kann ihn töten." Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Der Körper muss langsam wieder lernen, Nahrung richtig zu verarbeiten."
Wieder lernte ich etwas Neues. Je länger ich mit Valentina zusammenarbeitete, desto öfter wurde mir bewusst, wie wenig ich über Medizin wusste. Sie bemerkte meinen nachdenklichen Blick und legte eine Hand auf den Rand des Schreibtisches.
"Deshalb sehe ich Nahrung anders als viele unserer Forscher." Ich schwieg. Sie sprach weiter. "Für manche ist ein Lebensmittel kein Produkt." Sie schüttelte den Kopf. "Für mich ist jedes Lebensmittel ein biologischer Faktor." Sie sprach diese Worte mit einer Ruhe aus, die keinen Widerspruch zuließ. "In jedem einzelnen Bissen stecken unzählige biochemische Prozesse."
Sie öffnete eine weitere Projektion. Diesmal erschienen mehrere Entwürfe neuer Produkte. Daneben standen Kommentare verschiedener Arbeitsgruppen. Einige Einträge waren grün markiert. Andere gelb. Einige rot. Noch bevor ich die Texte vollständig lesen konnte, öffnete sich die Tür. Drei Wissenschaftler betraten den Raum. Zwei Männer. Eine Frau. Alle wirkten angespannt.
"Einen Moment, Direktor."
Valentina nickte ihnen zu.
"Einen Moment."
Die Wissenschaftlerin trat einen Schritt vor. "Wir glauben, dass wir das neue Aufbaupräparat bereits freigeben können."
Valentina verschränkte ruhig die Arme. "Die Langzeitdaten fehlen."
"Die Kurzzeitversuche sind ausgezeichnet."
"Eben."
"Die Patienten brauchen diese Präparate jetzt."
Valentina blieb vollkommen ruhig. "Und was passiert in fünf Jahren?"
Die drei schwiegen.
Einer der Männer antwortete schließlich. "Wir können unmöglich jedes Szenario testen."
"Nein." Valentina nickte sogar zustimmend. "Aber wir können genug testen."
Sie aktivierte mehrere Diagramme. "Die aktuelle Zusammensetzung verändert den Kalziumstoffwechsel minimal."
Der Wissenschaftler winkte ab. "Nur minimal."
Valentina sah ihn lange an. "So beginnt jeder medizinische Fehler."
Im Raum wurde es still. Niemand widersprach ihr. Sie sprach nicht laut. Sie musste es auch nicht.
"Wenn wir Medikamente entwickeln, akzeptieren Menschen Risiken." Sie sah nacheinander jeden Einzelnen an. "Wenn wir Nahrung entwickeln, erwarten sie Sicherheit." Sie ließ ihre Worte wirken. "Ein Fehler betrifft dann nicht hundert Patienten." Sie deutete auf die planetare Gesundheitskarte. "Sondern Millionen."
Ich beobachtete die Gesichter der Wissenschaftler. Niemand war beleidigt. Niemand fühlte sich angegriffen. Sie wussten, dass Valentina nicht gegen ihre Arbeit sprach. Sie sprach für jene Menschen, die ihre Produkte eines Tages täglich essen würden.
Die junge Wissenschaftlerin senkte schließlich leicht den Kopf. "Dann erweitern wir die Studie."
Valentina nickte. "Nicht, weil ich euch misstraue." Sie lächelte diesmal sogar. "Sondern weil ich euch vertraue."
Verwirrte Blicke. Sie erklärte ruhig: "Ich weiß, dass ihr die zusätzlichen Daten genauso haben wollt wie ich."
Langsam entspannte sich die Stimmung. Einer der Forscher atmete hörbar aus. "Manchmal vergesse ich, dass wir nicht nur Wissenschaft betreiben."
Valentina antwortete sofort. "Doch." Sie lächelte warm. "Genau das tun wir." Sie machte eine kurze Pause. "Aber Wissenschaft endet nicht mit einer Entdeckung." Ihr Blick wanderte zu den Gesundheitsdaten Trantors. "Sie endet erst dann, wenn Menschen dadurch sicherer, gesünder und länger leben können."
In diesem Moment verstand ich wieder, warum Valentina für die XeNutra Incorporated unersetzlich war. Andere sahen Formeln. Moleküle. Proteine. Statistiken. Sie sah hinter jeder einzelnen Zahl einen Menschen. Einen Menschen, dessen Gesundheit von Entscheidungen abhing, die hier in diesen Räumen getroffen wurden. Und genau deshalb durfte hier niemand den Unterschied zwischen schnell und richtig vergessen.

Ich verließ Valentinas Büro mit vielen neuen Gedanken. Während ich den breiten Verbindungskorridor entlangging, fiel mein Blick immer wieder durch die hohen Glasfronten auf die verschiedenen Forschungsbereiche. Überall arbeiteten Menschen mit derselben Ruhe und Konzentration, die inzwischen zu einem Markenzeichen der XeNutra Incorporated geworden war. Niemand schien sich von meiner Anwesenheit aus der Fassung bringen zu lassen. Das empfand ich nicht als Respektlosigkeit, sondern als das genaue Gegenteil. Es zeigte mir, dass hier niemand für Vorgesetzte arbeitete. Jeder arbeitete für ein gemeinsames Ziel.
Mein Weg führte mich schließlich in einen der größten biologischen Analysebereiche der Anlage. Bereits bevor ich den Raum betrat, hörte ich das leise Summen der Servercluster hinter den schallgedämmten Wänden. Es war ein tiefer, gleichmäßiger Klang, beinahe wie das entfernte Rauschen eines Wasserfalls. Dazwischen mischten sich das rhythmische Klicken automatischer Probenwechsler, das sanfte Zischen von Druckschleusen und die kaum hörbaren Signaltöne analytischer Geräte.
Der Raum war riesig. Mehrere halbkreisförmige Arbeitsinseln standen in großzügigem Abstand zueinander. Dazwischen verliefen breite Laufwege, sodass niemand den anderen störte. Über jedem Arbeitsplatz schwebten holografische Bildschirme, deren transparente Oberflächen mit farbigen Diagrammen, Zellmodellen und unzähligen Zahlenkolonnen gefüllt waren. Blaue, grüne und bernsteinfarbene Lichtreflexe glitten über die weißen Arbeitsflächen und spiegelten sich auf den glatten Böden wider.
Schon aus einiger Entfernung erkannte ich Rosa Morgan. Sie stand an einem Analyseplatz und hatte die Ärmel ihres weißen Laborkittels bis knapp unter die Ellenbogen hochgekrempelt. Ihr kastanienbraunes Haar, dass beinahe schon weiß geworden war, hatte sie zu einem praktischen Zopf gebunden, aus dem sich einzelne Strähnen gelöst hatten. Offenbar war sie schon länger bei der Arbeit. Ihre braunen Augen ruhten vollkommen konzentriert auf mehreren biologischen Messwerten, während sie mit ruhigen Fingerbewegungen verschiedene Datensätze miteinander verglich. Ihre Haltung wirkte gelassen, fast entspannt. Gleichzeitig lag in jeder ihrer Bewegungen eine Präzision, die erkennen ließ, dass ihr kein Detail entging.
Ein paar Meter weiter arbeitete Greg Watson. Der Unterschied zwischen beiden fiel sofort auf. Während Rosa ihre Aufmerksamkeit fast vollständig auf biologische Proben richtete, war Greg von Daten umgeben. Vor ihm schwebten mehrere übereinanderliegende Hologramme, die beinahe den gesamten Arbeitsplatz ausfüllten. Unzählige Diagramme überlagerten sich. Netzwerke aus Linien verbanden biologische Parameter miteinander. Statistische Modelle rotierten langsam im Raum. Immer wieder veränderten sich Farben, Größen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Greg selbst wirkte dabei beinahe regungslos. Sein Blick sprang in unglaublicher Geschwindigkeit zwischen den einzelnen Projektionen hin und her. Seine Finger glitten über mehrere Eingabefelder gleichzeitig. Immer wieder entstanden neue Berechnungen, verschwanden wieder oder wurden durch andere ersetzt.
Er bemerkte mich erst, als ich bereits neben ihm stand. "Oh." Er blinzelte kurz. "Tori."
Ich musste schmunzeln. "Schön, dich auch zu sehen."
Er fuhr sich verlegen mit der Hand durch sein kurzes blaues Haar. "Entschuldige. Ich war gerade..." Er grinste. "... mitten in tausend Datensätzen."
"Eher zehn Millionen." Rosa hob den Blick und musste leise lachen. "Er untertreibt."
Greg verschränkte gespielt beleidigt die Arme. "Nein."
Sie lächelte. "Nicht viel."
Ich sah zwischen beiden hin und her. "Arbeitet ihr gemeinsam an etwas?"
Beide nickten gleichzeitig. "Ja." Diesmal antwortete Rosa. "Ein neues Nahrungsprofil für mehrere Regionen Trantors."
Sie aktivierte eine Projektion. Vor uns erschien ein schematischer Aufbau verschiedener Nährstoffkomponenten. Mehrere Werte leuchteten grün. Einer gelb.
Greg trat näher. "Eigentlich läuft alles hervorragend." Er vergrößerte einen Bereich. "Wir haben eine Möglichkeit gefunden, den gesamten Produktionsprozess deutlich effizienter zu gestalten."
Ich sah ihn fragend an. "Wie deutlich?"
Er grinste. "Je nach Produktionslinie zwischen achtzehn und dreiundzwanzig Prozent."
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das war enorm. Gerade bei den Mengen, die wir künftig produzieren wollten.
Greg bemerkte meine Reaktion sofort. "Genau." Er deutete auf mehrere Berechnungen. "Weniger Energie." Neue Diagramme erschienen. "Weniger Rohstoffe." Noch mehr Daten. "Kürzere Fermentationszeiten." Weitere Simulationen. "Und trotzdem identischer Nährwert."
Ich musste zugeben, dass sich das beeindruckend anhörte. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, verschränkte Rosa langsam die Arme. "Fast identisch."
Greg verdrehte leicht die Augen. "Nicht schon wieder."
Rosa ignorierte seinen Kommentar vollständig. Sie öffnete eine weitere Projektion. Auf den ersten Blick sah sie genauso aus wie Gregs Berechnungen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte ich kleine Unterschiede. Winzige Ausschläge. Kaum sichtbar.
"Hier." Sie vergrößerte den entsprechenden Bereich. "Die veränderte Proteinstruktur."
Greg nickte. "Sie verändert nichts Wesentliches."
Rosa sah ihn ruhig an. "Für die meisten."
"Genau."
"Nicht für alle." Sie blendete eine weitere Statistik ein. Eine kleine Bevölkerungsgruppe war rot markiert. "Weniger als ein Prozent."
Greg sprach ruhig. "Nicht einmal."
"Das genügt." Ihre Antwort kam sofort. Sie drehte sich zu mir. "Bei besonders empfindlichen Menschen könnte diese Struktur langfristig Verdauungsprobleme verursachen."
Greg verschränkte die Arme. "Vielleicht."
"Nein." Rosa schüttelte den Kopf. "Nicht vielleicht." Sie deutete auf mehrere Versuchsdaten. "Die Wahrscheinlichkeit ist gering." Sie machte eine kurze Pause. "Aber vorhanden."
Greg trat neben sie. "Wenn wir jede theoretische Möglichkeit ausschließen wollen, entwickeln wir nie ein einziges Produkt."
Rosa sah ihn lange an. "Und wenn wir sie ignorieren?"
Beide schwiegen einen Moment. Ich beobachtete sie aufmerksam. Es fiel mir auf, dass ihre Diskussion vollkommen sachlich blieb. Keiner wurde laut. Keiner griff den anderen persönlich an. Sie widersprachen sich mit derselben Ruhe, mit der sie arbeiteten.
Greg aktivierte eine neue Projektion. Diesmal erschienen riesige Datenmengen. "So etwas kann kein Mensch mehr vollständig überblicken." Farbige Netzwerke breiteten sich vor uns aus. "Ich suche nach Mustern." Er deutete auf mehrere Verbindungslinien. "Zusammenhänge." Weitere Berechnungen entstanden. "Korrelationen." Noch mehr Linien. "Entwicklungen." Seine blauen Augen leuchteten beinahe. "Der menschliche Verstand erkennt irgendwann keine Strukturen mehr." Er tippte auf einen Datenblock. "Deshalb brauche ich die Modelle."
Ich verstand. Greg betrachtete Wissenschaft aus der Vogelperspektive. Millionen Datenpunkte. Milliarden Berechnungen. Zusammenhänge, die kein einzelner Mensch erkennen konnte.
Rosa trat wieder neben die biologische Darstellung. "Und ich schaue mir an, was hinter jedem einzelnen Datenpunkt steckt."
Sie öffnete mehrere medizinische Akten. Anonymisierte Langzeitstudien. Biologische Reaktionen. Stoffwechselveränderungen.
"Ein Diagramm zeigt mir keine Schmerzen." Sie sah Greg an. "Ein Mensch schon."
Greg nickte langsam. Er widersprach ihr diesmal nicht. Ich bemerkte, dass beide eigentlich gar nicht gegeneinander arbeiteten. Sie betrachteten lediglich dieselbe Fragestellung aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Greg wollte Möglichkeiten erkennen. Rosa wollte Risiken verstehen. Er suchte Effizienz. Sie Sicherheit. Beides war notwendig. Keines funktionierte ohne das andere.
Schließlich durchbrach Greg das Schweigen. "Was schlägst du vor?"
Rosa aktivierte eine dritte Projektion. "Wir übernehmen deine Produktionsoptimierung."
Greg sah überrascht auf. "Ehrlich?"
"Ja." Sie lächelte leicht. "Aber wir verändern diesen Proteinabschnitt." Sie markierte den betreffenden Bereich. "Minimal."
Greg betrachtete die Berechnung. Seine Finger begannen sofort über das holografische Eingabefeld zu gleiten. Neue Simulationen entstanden. Sekunden vergingen. Mehrere Werte aktualisierten sich. Er runzelte kurz die Stirn. Dann entspannte sich sein Gesicht.
"Produktionsgewinn sinkt auf fünfzehn Prozent."
Rosa nickte. "Aber das Langzeitrisiko verschwindet."
Greg überprüfte erneut sämtliche Daten. Schließlich atmete er langsam aus. "Du hast recht."
Sie lächelte nicht triumphierend. Sie nickte lediglich. "Dann nehmen wir diese Variante."
Ich betrachtete die beiden einen Moment schweigend. Genau deshalb funktionierte XeNutra. Nicht, weil hier jeder dieselbe Meinung hatte. Sondern weil unterschiedliche Sichtweisen ausdrücklich erwünscht waren. Niemand gewann eine Diskussion. Auch Greg nicht. Auch Rosa nicht. Gewonnen hatte am Ende die Lösung, die wissenschaftlich verantwortbar war. Ich verschränkte langsam die Arme und ließ meinen Blick noch einmal über die zahllosen Datenprojektionen schweifen. In vielen Unternehmen hätte vermutlich die schnellere Lösung den Zuschlag erhalten. Sie wäre günstiger gewesen. Sie wäre profitabler gewesen. Hier galt ein anderer Maßstab. Wissenschaft bedeutete nicht nur, herauszufinden, was möglich war. Sie bedeutete ebenso, bewusst darauf zu verzichten, wenn die Folgen nicht mit derselben Sicherheit verstanden wurden. Nicht die schnellste Entwicklung machte ein gutes Forschungsinstitut aus. Sondern die Bereitschaft, einen Schritt langsamer zu gehen, wenn dadurch Millionen Menschen ein Stück sicherer leben konnten.

Ich verließ Greg und Rosa mit dem Gefühl, wieder einmal Zeuge dessen geworden zu sein, weshalb ich beiden die Leitung der wissenschaftlichen Arbeit anvertraut hatte. Ihre Diskussion hatte nicht gezeigt, wer klüger war. Sie hatte gezeigt, dass Wissenschaft erst dann ihren Wert entfaltete, wenn unterschiedliche Denkweisen bereit waren, einander zuzuhören. Während ich weiter durch die weitläufigen Korridore der XeNutra Incorporated ging, änderte sich die Geräuschkulisse langsam. Das tiefe Summen leistungsstarker Analysecluster wurde leiser. Stattdessen hörte ich Stimmen. Nicht viele. Gedämpfte Unterhaltungen, unterbrochen vom Klirren kleiner Glasgefäße, dem leisen Zischen von Dampfgarern und dem rhythmischen Surren präziser Küchengeräte.
Ein Schild über einer breiten Glastür zog meine Aufmerksamkeit auf sich: Sensorische Lebensmittelentwicklung. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Wer den Namen las, erwartete vermutlich eine Versuchsküche. Was sich dahinter verbarg, war deutlich komplexer. Als ich den Bereich betrat, schlug mir sofort ein völlig anderer Geruch entgegen als in den biologischen Laboren. Hier roch es nach Leben. Nach frischem Brot, geröstetem Getreide, gedünstetem Gemüse, warmen Kräutern, gebackenen Wurzeln und einer Vielzahl feiner Aromen, die sich gegenseitig nicht überdeckten, sondern zu einem harmonischen Ganzen verbanden. Dazwischen lag ein Hauch von gerösteten Nüssen und ein leicht süßlicher Duft, den ich zunächst nicht einordnen konnte.
Der Raum selbst erinnerte weder an eine Großküche noch an ein klassisches Labor. Er war beides zugleich. Zwischen hochmodernen Analysegeräten standen Kochstationen aus gebürstetem Edelstahl. Über den Arbeitsflächen schwebten holografische Anzeigen, auf denen nicht Molekülstrukturen dargestellt wurden, sondern Temperaturverläufe, Aromaprofile, Konsistenzdiagramme und sensorische Bewertungen. Wissenschaftler trugen dieselben weißen Laborkittel wie in den übrigen Bereichen, doch einige hatten zusätzlich dunkle Schürzen umgebunden. Andere arbeiteten mit feinen Pinzetten an kleinen Probenschalen, als würden sie chirurgische Eingriffe durchführen.
Ich blieb stehen und beobachtete eine Gruppe von Forschern, die sich um einen ovalen Tisch versammelt hatte. Vor ihnen lagen mehrere kleine Probenschalen. Alle enthielten äußerlich nahezu identische Lebensmittel.
Ein Mitarbeiter bemerkte mich und trat freundlich auf mich zu. "Direktor."
Ich nickte. "Woran arbeitet ihr?"
Sein Gesicht hellte sich auf. "An etwas, das viele Kollegen zunächst für nebensächlich halten." Er führte mich näher an den Tisch. "Geschmack."
Er sprach das Wort mit einer Ernsthaftigkeit aus, die mich überraschte.
Eine junge Wissenschaftlerin mit kurzen dunkelroten Haaren schob mehrere Schalen nebeneinander. "Genauer gesagt", ergänzte sie, "Geschmack und Textur." Sie hob eine der Proben an. "Die Nährwerte dieser Varianten unterscheiden sich praktisch nicht."
Ein anderer Forscher aktivierte eine holografische Darstellung. Vor uns erschienen mehrere Tabellen. Proteine. Kohlenhydrate. Vitamine. Mineralien. Alle Werte lagen im optimalen Bereich.
"Auch die biologische Verträglichkeit?" fragte ich.
"Hervorragend." Der Wissenschaftler nickte sofort. "Langzeitstabil."
Die nächste Projektion erschien. Keine Auffälligkeiten. Keine Unverträglichkeiten. Keine problematischen Stoffwechselreaktionen. Eigentlich hätte alles perfekt sein müssen. Ich bemerkte die leicht nachdenklichen Gesichter.
"Also funktioniert etwas nicht."
Mehrere Wissenschaftler lächelten voller Unbehagen gleichzeitig. "Genau."
Die junge Frau deutete auf eine weitere Projektion. Mehrere Testpersonen waren aufgeführt. Daneben standen ihre Bewertungen. Nährwert: ausgezeichnet. Verträglichkeit: ausgezeichnet. Sättigungsgefühl: ausgezeichnet. Geschmack. Mittelmäßig. Akzeptanz. Zurückhaltend.
Ich runzelte die Stirn. "Aber warum?"
Ein älterer Mitarbeiter verschränkte langsam die Hände hinter dem Rücken. "Weil Menschen nicht nur mit ihrem Körper essen." Er machte eine kurze Pause. "Sie essen auch mit ihren Erinnerungen."
Dieser Satz blieb einen Moment in meinem Kopf hängen.
Die Wissenschaftlerin nickte. "Wir haben das anfangs unterschätzt."
Sie aktivierte die nächste Darstellung. Mehrere historische Bilder erschienen. Alte Bauernhöfe. Obstgärten. Getreidefelder. Traditionelle Küchen. Handgeschriebene Rezepte. Alte Fotografien.
Ich sah überrascht auf. "Ihr nutzt historische Archive?"
"Ja." Sie lächelte. "Sehr intensiv."
Eine weitere Wissenschaftlerin kam hinzu und legte mehrere alte Dokumente auf den Tisch. Es waren digitalisierte Aufzeichnungen. Einige stammten offensichtlich aus der Zeit vor den Kha'ak- und Xenon-Angriffen. Andere waren deutlich älter.
"Wir sammeln alles." Sie strich vorsichtig über eine holografische Seite. "Landwirtschaftsarchive." Die nächste. "Alte Familienrezepte." Noch eine. "Ernteberichte." Eine weitere. "Beschreibungen ehemaliger Bewohner."
Ich betrachtete die Dokumente. Viele wirkten unscheinbar. Jemand hatte vor Jahrzehnten lediglich notiert, wie bestimmte Früchte nach einem warmen Sommer schmeckten. Ein anderer hatte beschrieben, wie frisch gebackenes Brot während der Erntezeit gerochen hatte. Kleine Erinnerungen. Für Historiker vielleicht belanglos. Für dieses Forschungsteam unbezahlbar.
"Wir rekonstruieren keine Rezepte." Der ältere Wissenschaftler schüttelte langsam den Kopf. "Wir rekonstruieren Erfahrungen."
Seine Worte trafen mich unerwartet. Ich hatte bislang immer gedacht, XeNutra entwickle Nahrung. Jetzt wurde mir klar, dass auch das nur ein Teil der Wahrheit war. Ein Signalton ertönte. Die nächste Testreihe begann. Mehrere Personen betraten den Raum. Keine professionellen Testesser. Ganz normale Bewohner Trantors. Männer. Frauen. Unterschiedlichen Alters. Einige unterhielten sich leise. Andere wirkten etwas nervös. Jeder erhielt eine kleine Probenschale. Die Wissenschaftler beobachteten aufmerksam. Nicht mit Spannung. Mit Geduld. Eine junge Familie kostete zuerst. Sie unterhielten sich leise. Ein älterer Mann nickte anerkennend. Eine Frau machte sich Notizen. Dann fiel mein Blick auf eine ältere Bewohnerin. Sie musste weit über neunzig Jahre alt sein. Ihr schneeweißes Haar hatte sie zu einem ordentlichen Knoten gebunden. Ihr Gesicht war von vielen Falten durchzogen, die weniger von Alter als von einem langen Leben erzählten. Ihre Hände waren schmal geworden, doch ich erkannte an den kleinen Schwielen, dass sie vermutlich viele Jahrzehnte körperlich gearbeitet hatte. Sie nahm die kleine Schale entgegen. Einen Moment betrachtete sie sie nur. Dann hob sie langsam den Löffel. Der Raum schien für einen Augenblick stiller zu werden. Sie führte den ersten Bissen zum Mund. Langsam. Bedächtig. Sie schloss die Augen. Niemand sagte etwas. Auch die Wissenschaftler nicht. Sie warteten. Sekunden vergingen. Ihre Gesichtszüge veränderten sich kaum merklich. Zunächst zeigte sich lediglich Konzentration. Dann Überraschung. Ihre Stirn entspannte sich. Ihre Lippen begannen leicht zu zittern. Sie öffnete langsam wieder die Augen. Für einen Moment blickte sie nicht den Wissenschaftler an. Nicht die Schale. Nicht die Geräte. Sie blickte irgendwo hindurch. Als würde sie etwas sehen, das nur für sie existierte. Schließlich lächelte sie. Ganz vorsichtig. Fast ungläubig.
"Das..." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "... ist nicht genau derselbe Geschmack." Sie machte eine kleine Pause. "Aber..." Ihre Augen wurden feucht. "... nah genug." Niemand unterbrach sie. Sie hielt den Löffel noch immer in der Hand. "Meine Mutter..." Sie lächelte jetzt breiter. "... hat früher etwas Ähnliches gekocht." Ein leises Lachen entwich ihr. "Ich hatte völlig vergessen..." Sie schüttelte langsam den Kopf. "... wie das gerochen hat."
Im Raum wurde es vollkommen still. Selbst die Wissenschaftler, die sonst jede Reaktion sofort dokumentierten, warteten noch einige Sekunden. Niemand wollte diesen Augenblick stören. Ich beobachtete die ältere Frau. Sie aß langsam einen zweiten Löffel. Diesmal schloss sie die Augen nicht. Sie lächelte einfach. Ein stilles, zufriedenes Lächeln. Nicht wegen eines außergewöhnlichen Essens. Sondern weil etwas zurückgekehrt war, von dem sie vermutlich geglaubt hatte, es für immer verloren zu haben.
Der ältere Wissenschaftler trat schließlich neben mich. Leise genug, dass nur ich ihn hören konnte, sagte er: "Genau deshalb existiert diese Abteilung."
Ich nickte langsam. Jetzt verstand ich. Wir entwickelten hier keine perfekten Geschmacksprofile. Wir entwickelten keine künstliche Nostalgie. Wir versuchten auch nicht, eine Vergangenheit zu kopieren, die längst vergangen war. Wir gaben Menschen einen kleinen Teil ihrer eigenen Geschichte zurück. Nach Jahrzehnten des Mangels. Nach Jahrzehnten von Ersatznahrung. Nach Jahrzehnten, in denen Essen nur bedeutet hatte, den nächsten Tag zu überleben. Plötzlich konnte ein einziger vertrauter Geschmack Erinnerungen wecken. An Familien. An Kindheit. An Zuhause. An eine Welt, die vor Krieg, Zerstörung und Hunger existiert hatte. Mir wurde klar, dass die Arbeit der XeNutra Incorporated weit über Biochemie, Ernährungswissenschaft und Medizin hinausging. Nahrung bestand nicht nur aus Vitaminen, Proteinen und Mineralstoffen. Sie bestand ebenso aus Gerüchen. Aus Konsistenzen. Aus kleinen geschmacklichen Nuancen. Aus Erinnerungen. Und manchmal genügte genau eine dieser Erinnerungen, damit ein Mensch nicht nur satt wurde, sondern sich zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten wieder zuhause fühlte.

Ich verbrachte mehrere Stunden damit, die verschiedenen Bereiche der XeNutra Incorporated zu besuchen und mir ein Bild davon zu machen, wie weit die Forschung bereits fortgeschritten war. Je länger ich durch die Anlage ging, desto deutlicher wurde mir, dass XNI nicht nur eine Abteilung war, die neue Nahrung entwickelte. Sie war ein Ort, an dem versucht wurde, eine Verbindung zwischen Wissenschaft und einer verletzten Welt wiederherzustellen.
Als ich den nächsten Forschungsbereich betrat, änderte sich die Atmosphäre erneut. Die warmen Gerüche aus der sensorischen Entwicklungsabteilung verschwanden langsam. Stattdessen lag wieder der typische Geruch eines wissenschaftlichen Labors in der Luft. Eine Mischung aus gereinigter Luft, leicht metallischen Komponenten, biologischen Konservierungsmitteln und dem kaum wahrnehmbaren Duft verschiedener Pflanzenproben. Dieser Bereich war deutlich ruhiger. Nicht die konzentrierte Geschäftigkeit der Nahrungsentwicklung. Nicht die schnelle Bewegung der Datenanalysten. Hier herrschte eine beinahe geduldige Stille. Als würde jeder Mitarbeiter verstehen, dass die Arbeit, die hier erledigt wurde, nicht in Tagen oder Wochen abgeschlossen werden konnte.
Vor mir erstreckte sich ein riesiger Analysebereich. Die Wände bestanden größtenteils aus transparenten Materialverbundflächen, hinter denen sich verschiedene Klimakammern befanden. In einigen wuchsen kleine Pflanzen unter künstlichem Sonnenlicht. Andere enthielten Bodenproben, Gesteinsfragmente und Wasserproben aus unterschiedlichen Regionen Trantors. Überall schwebten holografische Karten des Planeten. Nicht die bekannten politischen Karten. Nicht Handelsrouten. Sondern biologische Karten. Waldgebiete. Wasserzyklen. Bodenqualität. Artenvielfalt. Regenerationsraten. Auf einigen Projektionen waren große beschädigte Gebiete rot markiert. Alte Einschlagszonen. Gebiete, die während der Xenon- und Kha'ak-Angriffe verwüstet worden waren. Regionen, die nach dem Zusammenbruch des Systems jahrzehntelang sich selbst überlassen worden waren.
Ich blieb vor einer dieser Projektionen stehen. Trantor. Von außen betrachtet war es eine wunderschöne Welt. Die grünen Flächen. Die riesigen blauen Ozeane.Die gewaltigen Wälder. Doch diese Darstellungen zeigten auch die Narben. Zerstörte Landstriche. Veränderte Ökosysteme. Gebiete, in denen das Gleichgewicht verloren gegangen war.
Eine Wissenschaftlerin bemerkte mich und kam auf mich zu. Sie war eine ältere Frau mit kurzem grauem Haar und trug eine dünne Datenbrille, deren transparente Oberfläche ständig neue Messwerte anzeigte. Ihr Gesicht zeigte die typische Mischung aus Erschöpfung und Begeisterung, die ich inzwischen bei vielen Forschern gesehen hatte. Menschen, die zu wenig schliefen, aber trotzdem nicht aufhören wollten.
"Direktor Grau."
Ich nickte. "Was untersuchen Sie hier?"
Sie drehte sich wieder zu der Projektion. "Die langfristige Entwicklung der Umwelt." Sie vergrößerte einen Abschnitt von Trantor. "Wir wollten ursprünglich herausfinden, welche Regionen ersetzt werden müssen."
Ich sah sie fragend an. "Ersetzt?"
Sie nickte. "Wir gingen davon aus, dass viele Ökosysteme dauerhaft zerstört sind." Eine weitere Projektion erschien. Alte Messdaten. Neue Messdaten. Vergleichswerte. "Nach den Xenon- und Kha'ak-Angriffen und der späteren Vernachlässigung haben viele Gebiete massive Schäden erlitten." Sie zeigte auf mehrere Bereiche. "Veränderte Bodenchemie." Ein weiterer Wert erschien. "Zusammenbruch lokaler Nahrungsketten." Noch einer. "Verlust bestimmter Pflanzenarten." Sie ließ die Darstellung einen Moment stehen. "Daher war unsere erste Annahme, dass wir künstlich eingreifen müssen."
Ich betrachtete die Daten. "Und?"
Sie lächelte leicht. "Wir lagen falsch."
Dieser Satz überraschte mich. Nicht, weil Wissenschaftler Fehler machten. Das war normal. Sondern weil ich spürte, wie sehr diese Erkenntnis ihre gesamte Arbeit verändert hatte. Sie aktivierte eine neue Darstellung. Die roten Bereiche verschwanden langsam. Darunter erschien eine andere Farbskala. Grün. Gelb. Blau.
"Die Natur erholt sich." Ihre Stimme war ruhig. "Aber langsam."
Ich trat näher an die Projektion. Die Veränderungen waren tatsächlich sichtbar. Nicht schnell. Nicht spektakulär. Aber eindeutig. Ein Waldgebiet, das vor Jahren kaum noch Leben gezeigt hatte, begann wieder verschiedene Pflanzenarten auszubilden. Ein Flussgebiet zeigte verbesserte Wasserwerte. Bodenproben enthielten wieder mehr Mikroorganismen. Kleine Veränderungen. Aber echte Veränderungen.
"Warum haben wir das nicht früher erkannt?" fragte ich.
Die Wissenschaftlerin schwieg kurz. Dann antwortete sie: "Weil wir nur nach dem gesucht haben, was verloren gegangen ist." Sie deutete auf die Karte. "Wir haben die Schäden gesehen." Eine Pause. "Aber nicht die Widerstandsfähigkeit."
Dieser Satz blieb mir im Gedächtnis. Die Menschen von Trantor hatten die Welt vielleicht als beschädigt betrachtet. Als etwas, das repariert werden musste. Doch die Wissenschaftler hier erkannten etwas anderes. Trantor war nicht tot. Es war verletzt. Das war ein Unterschied. Ein gewaltiger Unterschied.
Ein anderer Mitarbeiter trat hinzu. Ein jüngerer Mann mit dunklem Haar und mehreren Datenmodulen an seinem Gürtel. "Wir haben außerdem die alten Aktivitätsdaten überprüft."
Ich sah ihn an. "Von den Xenon oder Kha'ak?"
"Von allen bekannten Bedrohungen." Er öffnete eine Übersicht. "Keine neuen Spuren." Eine weitere. "Keine Xenon-Aktivitäten." Noch eine. "Keine Hinweise auf biologische oder technologische Rückkehr."
Ich betrachtete die Anzeigen. Nach allem, was dieses System erlebt hatte, war diese Nachricht beinahe ungewöhnlich.
"Die größte Gefahr war also nicht eine neue Bedrohung."
Die Wissenschaftlerin nickte. "Nein." Sie sah wieder auf Trantor. "Es war die Zeit."
Ein leiser Moment der Stille entstand. Denn diese Aussage war wahrscheinlich die ehrlichste Zusammenfassung der Lage. Kriege zerstörten schnell. Aber Wiederaufbau dauerte. Jahrzehnte. Jahrhunderte. Die Menschen hatten erwartet, dass der Feind zurückkehren könnte. Doch manchmal war es nicht ein Feind, der etwas zerstörte. Manchmal war es einfach Vernachlässigung. Fehlende Pflege. Fehlende Ressourcen. Fehlende Hoffnung.
"Was bedeutet das für eure Arbeit?" fragte ich.
Die Wissenschaftlerin löste die bisherige Strategieprojektion auf. Eine neue erschien. Die alten Markierungen verschwanden. Stattdessen wurden Verbindungen zwischen menschlichen Siedlungen, natürlichen Lebensräumen und landwirtschaftlichen Bereichen angezeigt.
"Wir ändern unsere Vorgehensweise."
Ich betrachtete die Darstellung. "Nicht mehr Wiederherstellung?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nicht im klassischen Sinn." Sie zeigte auf einen Waldabschnitt. "Wir ersetzen nicht, was funktioniert." Dann auf einen geschädigten Bereich. "Wir unterstützen, was sich selbst regeneriert."
Ich verstand. Die Aufgabe von XNI war nicht, Trantor in eine künstliche Welt umzuwandeln. Es ging nicht darum, jede beschädigte Fläche mit kontrollierten Systemen zu überdecken. Es ging darum, die natürlichen Prozesse wieder möglich zu machen. Wissenschaft als Unterstützung. Nicht als Kontrolle.
Ein Mitarbeiter fügte hinzu: "Wir entwickeln deshalb neue biologische Hilfssysteme." Er zeigte mehrere Projekte. Mikroorganismen zur Bodenverbesserung. Pflanzenvarianten für geschädigte Regionen. Nährstoffkreisläufe. Angepasste Landwirtschaftssysteme. "Aber alles basiert darauf, dass die Umwelt weiterhin selbst arbeitet."
Ich sah erneut auf die Projektion von Trantor. Die Welt unter den künstlichen Lichtern des Labors wirkte plötzlich anders. Nicht wie ein beschädigtes Objekt. Nicht wie eine Aufgabe, die erledigt werden musste. Sondern wie ein lebender Organismus. Etwas, das Zeit benötigte. Geduld. Und Unterstützung. Ich dachte an die Geschichte dieses Systems. An die zerstörten Stationen. An die verlassenen Kolonien. An die Menschen, die trotz allem geblieben waren. Vielleicht war genau das auch der Grund gewesen, warum die UNO hierher gekommen war. Nicht um alles neu zu erschaffen. Nicht um eine perfekte Welt aufzubauen. Sondern um den Menschen und dieser Welt wieder die Möglichkeit zu geben, sich selbst weiterzuentwickeln. Die Forschung von XNI hatte damit eine grundlegende Erkenntnis gewonnen. Man konnte eine Welt nicht einfach reparieren, als wäre sie eine Maschine. Man konnte sie nur verstehen. Und wenn man sie verstand, konnte man ihr helfen. Nicht gegen Trantor arbeiten. Mit Trantor arbeiten.

Ich stand in der Hauptforschungshalle der XeNutra Incorporated und betrachtete die Projektion, die über der zentralen Plattform schwebte. Das Licht der holografischen Darstellung spiegelte sich auf den glatten Oberflächen der Arbeitsstationen und tauchte die Gesichter der Wissenschaftler in ein sanftes, wechselndes Leuchten. Die Halle war größer als die meisten Bereiche, die ich zuvor gesehen hatte. Nicht wegen ihrer Höhe oder ihrer technischen Ausstattung, sondern wegen der Menge an Wissen, das hier zusammengetragen worden war. Überall arbeiteten Menschen. Einige standen vor dreidimensionalen biologischen Modellen, die sich langsam drehten. Andere verglichen Messwerte aus verschiedenen Regionen Trantors. Wieder andere überprüften die letzten Simulationen, bevor Ergebnisse offiziell freigegeben wurden. Doch trotz der vielen Aktivitäten wirkte der Raum nicht hektisch. Es war eine konzentrierte Ruhe. Jeder hier wusste, dass dieser Moment anders war als die vielen Tests davor. Heute ging es nicht um eine weitere Analyse. Nicht um eine weitere Simulation. Heute ging es um den ersten großen Schritt.
Vor uns schwebte das Ergebnis monatelanger Arbeit. Ein vollständig neues Nahrungsprofil für Trantor. Die Projektion zeigte keine einzelne Pflanze und kein einzelnes Produkt. Sie zeigte ein gesamtes Versorgungssystem. Biologische Ressourcen. Nährstoffzusammensetzungen. Anbauzyklen. Verträglichkeitswerte. Produktionsmodelle. Eine komplexe Verbindung aus unzähligen kleinen Entscheidungen. Die Grundlage dafür, dass Menschen auf Trantor langfristig wieder unabhängig versorgt werden konnten.
Ich ging langsam näher an die Projektion heran. Die Darstellung veränderte sich. Lokale biologische Ressourcen wurden hervorgehoben. Pflanzenarten, die bereits auf Trantor existierten oder sich an die dortigen Bedingungen angepasst hatten. Mikroorganismen, die natürliche Bodenprozesse unterstützten. Regionale Rohstoffe, die bisher kaum genutzt worden waren. XNI hatte nicht versucht, eine fremde Lösung auf Trantor zu übertragen. Sie hatten versucht, herauszufinden, was diese Welt bereits besaß. Die nächste Ebene zeigte die optimierten Nährstoffe. Nicht einfach höhere Werte. Nicht maximale Konzentrationen. Sondern angepasste Verhältnisse. Die Wissenschaftler hatten berücksichtigt, dass die Bevölkerung Trantors jahrzehntelang unter schwierigen Bedingungen gelebt hatte. Der Körper veränderte sich unter solchen Umständen. Er passte sich an. Man konnte nicht erwarten, dass eine perfekte Nahrung für eine gesunde Bevölkerung automatisch die richtige Lösung für Menschen war, die Generationen von Entbehrungen erlebt hatten.
Die dritte Darstellung zeigte die angepasste Verträglichkeit. Verschiedene Altersgruppen. Unterschiedliche Gesundheitszustände. Unterschiedliche Bedürfnisse. Kinder. Erwachsene. Ältere Menschen. Menschen mit langfristigen Mangelerscheinungen. Jeder Bereich war berücksichtigt worden.
Die letzte Ebene zeigte die nachhaltige Produktion. Keine kurzfristige Versorgung. Keine Abhängigkeit von endlosen Importen. Ein System, das mit Trantor wachsen konnte.
Ich hörte Schritte neben mir. Valentina trat an meine Seite. Sie sagte zunächst nichts. Ihr Blick lag auf der Projektion. Für eine lange Zeit beobachtete sie nur die Daten. Ich kannte Valentina inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass dieser Moment für sie anders war. Sie war eine Wissenschaftlerin, die selten von reinen Ergebnissen beeindruckt war. Sie sah Risiken. Sie sah Nebenwirkungen. Sie sah die Dinge, die andere übersahen. Doch diesmal war ihr Gesichtsausdruck anders. Ihre sonst so konzentrierte, beinahe strenge Miene war entspannter. Nicht völlig frei von Sorge. Das würde wahrscheinlich niemals passieren. Aber irgendwo zwischen den Zahlen und Diagrammen erkannte sie etwas anderes. Eine Möglichkeit. Eine Zukunft.
"Es ist erstaunlich." Ihre Stimme war leise.
Ich sah sie an. "Was genau?"
Sie bewegte ihre Hand langsam durch die holografische Projektion und ließ verschiedene Datenbereiche erscheinen. "Vor einigen Monaten haben wir nur Probleme gesehen." Sie betrachtete die Werte. "Beschädigte Böden. Fehlende Versorgung. Gesundheitliche Folgen." Eine kurze Pause. "Jetzt sehen wir einen Weg."
Ich sagte nichts. Denn ich wusste, dass sie recht hatte. Diese Daten waren nicht nur Zahlen. Hinter jeder Statistik standen Menschen. Familien. Kinder. Bewohner, die Jahrzehnte lang gelernt hatten, mit Einschränkungen zu leben. Für die meisten Unternehmen wäre dieses Ergebnis wahrscheinlich ein Erfolg gewesen. Ein neues Produkt. Eine neue Marktchance. Aber hier war es etwas anderes. Es war eine Grundlage. Kein Luxus. Keine Spezialversorgung für wenige. Sondern die Basis dafür, dass eine ganze Welt wieder stabiler werden konnte.
Ein Signalton unterbrach die Stille. Eine Kommunikationsanzeige erschien am Rand der Halle. Ein Mitarbeiter nahm die Verbindung an und überprüfte die eingehenden Daten. Seine Augen weiteten sich leicht.
"Direktor Grau." Ich drehte mich zu ihm. "Eine Nachricht aus der Verwaltung."
Er aktivierte die Übertragung. Das Symbol der UNO erschien. Die Nachricht war kurz. Aber ihre Bedeutung war groß. XNI konnte eine stabile Versorgungslinie für Trantor unterstützen. Für einen Moment blieb es still. Dann begannen einige Wissenschaftler erleichtert zu lächeln. Andere atmeten sichtbar aus. Nach Monaten der Forschung gab es nun die Bestätigung, dass ihre Arbeit tatsächlich den nächsten Schritt erreichen konnte. Doch ich wusste auch, dass dies nicht das Ende war. Forschung allein ernährte keine Bevölkerung. Eine Formel auf einer Datenanzeige brachte niemandem Essen. Die entwickelten Nahrungsprofile mussten angebaut werden. Die benötigten Rohstoffe mussten verfügbar sein. Produktionsketten mussten entstehen. Transportwege mussten funktionieren. Die Wissenschaft hatte den Anfang geschaffen. Aber der Anfang war nur der erste Teil.
Ich blickte wieder auf die Projektion. "Es beginnt also jetzt."
Valentina nickte. "Ja." Sie sah auf die Daten. "Aber jetzt beginnt der schwierigere Teil."
Ich wusste, was sie meinte. Eine Idee zu entwickeln war eine Sache. Sie in einer ganzen Welt umzusetzen, war etwas völlig anderes. Ein weiterer Mitarbeiter öffnete eine neue Übersicht. Die nächste Verbindung erschien. Rohstoffquellen. Abbaugebiete. Landwirtschaftliche Flächen. Produktionsstandorte. Dann erschien ein Name. Exo-Harvest Corporation. Die nächste Abteilung. Der nächste Schritt. Während sich die Projektion langsam veränderte, wandte ich mich vom Zentrum der Halle ab und ging zu den großen Sichtfenstern. Unter mir lag Trantor. Die Welt erstreckte sich unter der Forschungsstation. Grüne Landschaften zogen sich über die Oberfläche. Dazwischen lagen noch immer die Spuren der Vergangenheit. Verlassene Strukturen. Alte Anlagen. Gebiete, die Jahrzehnte gebraucht hatten, um überhaupt wieder Leben zu zeigen. Der Planet war nicht geheilt. Noch lange nicht. Aber er war auch nicht verloren. Das Licht der beiden Sonnen fiel auf die Oberfläche. Die größere gelbe Sonne tauchte die Landschaft in warmes Gold. Der rote Stern färbte den Himmel mit einem tiefen, fast unwirklichen Crimsonton. Eine Welt zwischen zwei Sonnen. Eine Welt mit einer schweren Vergangenheit. Aber auch mit einer Zukunft. Ich betrachtete die Oberfläche und dachte daran, wie viele Menschen geglaubt hatten, dass Trantor niemals wieder aufstehen würde. Vielleicht hatten sie nicht vollständig verstanden, was Wiederaufbau bedeutete. Es bedeutete nicht, alle Narben verschwinden zu lassen. Es bedeutete nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Es bedeutete, trotz dieser Narben weiterzumachen.
Hinter mir liefen die Wissenschaftler weiter. Neue Berechnungen. Neue Tests. Neue Vorbereitungen. Die Arbeit hörte nicht auf. Sie hatte gerade erst begonnen. Darunter lag Trantor. Noch immer beschädigt. Noch immer voller Herausforderungen. Aber zwischen den alten Ruinen entstanden neue Felder. Neue Projekte. Neue Möglichkeiten. Eine Welt, die nicht zurückkehrte. Sondern eine Welt, die etwas Neues begann. Und der nächste Schritt dieses Wiederaufbaus würde nicht mehr im Labor entstehen. Er würde dort entstehen, wo die Grundlagen dafür geschaffen wurden. Bei den Ressourcen. Bei den Rohstoffen. Bei Exo-Harvest.
Image

Return to “Kreative Zone”