Kapitel 47 - Hilfe
Schmerz.
Nicht einfach nur Schmerz als körperliche Empfindung, sondern etwas Absolutes. Etwas, das jede andere Wahrnehmung verdrängte und keinen Platz mehr für Gedanken ließ. Ich schrie. Nicht kontrolliert, nicht menschlich zurückhaltend, sondern mit allem, was meine Lungen noch hergaben. Das Geräusch hallte dumpf in meinem eigenen Schädel wider und wurde gleichzeitig von einem pochenden Dröhnen überlagert, das meinen gesamten Körper durchzog.
Ich konnte nichts sehen. Zuerst glaubte ich, blind geworden zu sein. Panik schoss sofort durch mich hindurch. Meine Augen waren geöffnet, dessen war ich mir sicher, aber vor mir existierte nur eine kompakte Schwärze. Keine Konturen. Kein Licht. Nichts. Sofort schoss mir die Erinnerung an das säuretriefende Maul des Ghok durch den Kopf. Hatte es mich erwischt? Waren meine Augen verätzt worden? Der Gedanke allein ließ die Panik eskalieren.
Instinktiv wollte ich die Hände vors Gesicht reißen, doch meine Arme bewegten sich nicht. Etwas hielt mich fest. Ich riss an meinen Schultern, versuchte die Beine anzuziehen, doch jede Bewegung endete in einer Explosion aus Schmerz. Meine Gelenke fühlten sich an, als wären sie aus ihren Fassungen gerissen worden. Die Muskeln brannten derart intensiv, dass ich das Gefühl hatte, unter meiner Haut würde flüssiges Metall zirkulieren. Selbst meine Finger gehorchten mir nur unvollständig.
Das Ghok. Der Gedanke kam sofort. Die Scheren. Es musste mich gepackt haben. Vielleicht lag ich noch immer unter diesem Monster, irgendwo zwischen seinen Kiefern oder eingeklemmt zwischen Panzerplatten und Klauen. Mein Herz raste so heftig, dass mir übel wurde. Ich versuchte erneut mich loszureißen. Der Schmerz war unvorstellbar. Es fühlte sich an, als würden Sehnen reißen. Ein heißer Strom schoss von meinem Rücken durch Brustkorb und Bauch bis in die Beine. Meine Kehle wurde rau vom Schreien. Ich hörte mich selbst nur noch verzerrt, als würde das Geräusch aus weiter Entfernung kommen.
Dann brach alles weg. Keine Gedanken mehr. Kein Wald. Kein Ghok. Kein Körpergefühl. Nur Dunkelheit.
Als ich erneut zu mir kam, war die Welt stiller geworden. Nicht ruhig. Nur gedämpft. Der Schmerz war noch da, aber er hatte seine schneidende Schärfe verloren und war zu etwas Schwerem geworden. Zu einem konstanten Druck, der überall gleichzeitig existierte. Ich lag vollkommen reglos, weil selbst der Versuch zu denken anstrengend wirkte. Mein Körper fühlte sich zerstört an. Jeder einzelne Bereich schmerzte auf seine eigene Weise. Die Rippen pochten dumpf bei jedem Atemzug. Mein Rücken fühlte sich an, als hätte man ihn mit stumpfen Werkzeugen bearbeitet. Meine Schultern waren steif und schwer. Selbst die Gelenke in meinen Fingern pulsierten in einem unangenehmen Rhythmus.
Langsam öffnete ich die Augen. Diesmal war da Licht. Nicht viel. Nur schwache, orangefarbene Linien, die dort verliefen, wo Boden und Wände aufeinandertrafen. Das Licht wirkte indirekt, weich und warm. Kein technisches Weiß wie auf argonischen Stationen oder das sterile Blau medizinischer Einrichtungen. Es erinnerte mich an Sonnenuntergänge auf Argon Prime, wenn die letzten Lichtreflexe über Metallfassaden glitten und alles für wenige Minuten ruhig erscheinen ließen.
Die Luft war warm. Nicht heiß. Nicht stickig. Einfach konstant angenehm temperiert. Trocken genug, dass sich meine Haut nicht feucht anfühlte, aber nicht trocken genug, um unangenehm zu sein. Ich blieb liegen. Nicht aus Vorsicht, sondern weil mein Körper keinerlei andere Entscheidung zuließ. Das Rauschen meines eigenen Blutes lag laut in meinen Ohren. Es überlagerte fast alles andere. Hin und wieder meinte ich ein entferntes Knacken zu hören, vielleicht Metall, vielleicht Schritte. Ich konnte es nicht einordnen.
Langsam begann meine Sicht klarer zu werden. Die Decke über mir war dunkel und bestand aus großen, matten Metallsegmenten, die nicht perfekt symmetrisch angeordnet waren. Dazwischen verliefen schmale Vertiefungen, in denen dieselben orangefarbenen Lichtlinien glommen. Die Wände wirkten massiv und funktional, aber nicht kalt. Eher wie etwas, das gebaut worden war, um lange zu bestehen.
Split. Der Gedanke kam träge, aber eindeutig. Ich lebte noch. Warum? Ich versuchte mich daran zu erinnern, was nach dem Schrei des Ghok passiert war, doch meine Gedanken glitten sofort wieder auseinander. Fragmente tauchten auf und verschwanden wieder. Fluoreszierende Pflanzen. Säuregeruch. Die kleine Drachenfliege. Das riesige Maul des Ghok.
Dann Müdigkeit. Sie kam nicht plötzlich, sondern legte sich langsam über mein Bewusstsein wie schwerer Nebel. Meine Augen wurden wieder schwer. Ich wollte wach bleiben, wollte verstehen, wo ich war, doch mein Körper ignorierte diesen Wunsch vollständig. Die Dunkelheit holte mich erneut.
Als ich wieder aufwachte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sekunden. Stunden. Vielleicht ein ganzer Tag. Der Schmerz hatte sich verändert. Er war nicht verschwunden, aber dumpfer geworden, tiefer. Nicht mehr wie brennendes Feuer, sondern wie großflächige Prellungen, die unter jeder Bewegung verborgen lagen. Ich spürte meinen Körper jetzt klarer und genau das machte alles unangenehm. Vorsichtig versuchte ich den rechten Arm leicht anzuheben. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meine Schulter und meinen Brustkorb. Mir wurde die Luft regelrecht aus den Lungen gepresst. Ein unkontrolliertes Keuchen entwich mir, bevor ich die Bewegung sofort abbrach. Also blieb ich liegen. Mein Atem ging flach. Ich konzentrierte mich darauf, nicht erneut in Panik zu geraten. Langsam einatmen. Langsam ausatmen. Jede zu tiefe Bewegung der Rippen verursachte ein unangenehmes Ziehen.
Erst jetzt bemerkte ich den Geruch. Kräuter. Sehr dezent, aber eindeutig vorhanden. Nicht künstlich wie Duftstoffe in argonischen Kliniken, sondern natürlich. Erdige Noten mischten sich mit etwas Harzigem und leicht Bitterem. Dazwischen lag ein subtil süßlicher Geruch, den ich nicht identifizieren konnte. Es erinnerte entfernt an getrocknete Pflanzen oder medizinische Extrakte. Die Luft selbst wirkte sauber. Keine Spur von Blut. Keine Fäulnis. Kein beißender Desinfektionsgeruch.
Mein Blick wanderte langsam durch den Raum. Er war größer, als ich zuerst angenommen hatte. Die Wände bestanden aus dunklem Metall mit eingearbeiteten, fast organisch wirkenden Strukturen. Keine scharfen rechten Winkel wie bei menschlicher Architektur. Vieles verlief leicht geschwungen oder abgeschrägt, als hätte Funktionalität Vorrang vor geometrischer Perfektion gehabt.
Das Bett unter mir war hart. Keine Matratze im eigentlichen Sinn. Eher eine feste Liegefläche mit minimal nachgiebiger Polsterung. Trotzdem war sie überraschend angenehm temperiert. Keine Decke lag über mir, aber ich fror nicht. Die Temperatur des Raumes schien exakt darauf ausgelegt zu sein, Wärmeverlust unnötig zu machen. Langsam registrierte ich, dass mein Oberkörper teilweise bandagiert war. Dunkles Material verlief über Brust, Schulter und Bauch. Die Verbände wirkten sauber angelegt, straff genug, um zu stabilisieren, aber nicht so eng, dass sie meine Atmung vollständig behinderten. Jemand hatte mich behandelt. Der Gedanke war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend.
Ich lauschte. Ganz weit entfernt glaubte ich Stimmen zu hören. Dumpf. Tief. Einzelne harte Konsonanten drangen durch die Wand oder vielleicht durch eine geöffnete Tür irgendwo außerhalb meines Sichtfeldes. Split. Vermutlich. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber die Sprachmelodie war eindeutig. Manchmal mischte sich ein anderes Geräusch darunter. Ein metallisches Klicken. Schritte. Vielleicht Werkzeuge. Ich wollte den Kopf drehen, doch selbst das verursachte sofort ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Also blieb ich einfach liegen und starrte an die Decke.
Mein Körper fühlte sich schwer an. Nicht nur verletzt, sondern erschöpft bis in die tiefsten Schichten hinein. Als hätte jede einzelne Zelle entschieden, dass Bewegung momentan sinnlos war. Die Erinnerung an das Ghok kam zurück. Nicht vollständig. Nur Bilder. Die Scheren. Das Säuremaul. Die sechs Augen. Ich spürte sofort, wie mein Puls schneller wurde. Lebte das Tier noch? Hatte es mich verletzt? Warum hatte es mich nicht getötet? Oder hatte jemand eingegriffen? Noptrok? Thovareus? Ich wusste es nicht. Die Unsicherheit nagte an mir, doch die Müdigkeit war stärker. Sie drückte schwer gegen mein Bewusstsein und zog meine Gedanken langsam wieder auseinander. Das orange Licht an den Bodenkanten verschwamm zunehmend. Die Kräuterdüfte wurden diffuser. Irgendwo weit entfernt hörte ich erneut Stimmen. Dann glitt ich wieder zurück in die Dunkelheit.
"Danke."
Das Wort verließ meinen Mund leise und rau zugleich. Nicht höflich dahingesagt, nicht aus Gewohnheit, sondern ehrlich. Ich meinte es so. Selbst wenn ich nicht wusste, wie viel Zeit vergangen war, wusste ich dennoch, dass ich ohne die Pflege der Split längst tot gewesen wäre. Mein Körper erinnerte mich bei jeder Bewegung daran. Die Schmerzen waren inzwischen kontrollierbar geworden, aber nie wirklich verschwunden. Sie lagen wie dumpfe Gewichte unter meiner Haut und meldeten sich sofort zurück, sobald ich mich zu schnell bewegte oder zu tief atmete. Die Split reagierten nicht. Wie immer. Die verhüllte Gestalt, die gerade eine flache Metallschale mit dampfender Flüssigkeit neben mein Bett gestellt hatte, verharrte nicht einmal. Sie drehte sich einfach um und verließ den Raum mit denselben lautlosen Bewegungen wie zuvor. Die schwarze Robe strich dabei nur minimal über den Boden. Kein Wort. Kein Blick zurück. Ich sah ihr nach.
Inzwischen hatte ich verstanden, dass ausschließlich weibliche Split zu mir kamen. Nie Männer. Und obwohl sie fast immer vollständig von ihren dunklen Gewändern bedeckt waren, hatte ich im Laufe der Zeit dennoch genug erkennen können, um Unterschiede wahrzunehmen. Ihre Bewegungen waren anders als die der männlichen Split. Kontrollierter. Ruhiger. Nicht weniger gefährlich, aber weniger aggressiv. Die Männer, denen ich bisher begegnet war, hatten eine permanente Spannung ausgestrahlt, als könnten sie jederzeit explodieren. Bei den Frauen war es subtiler. Wie etwas, das unter Kontrolle gehalten wurde und gerade deshalb gefährlicher wirkte. Die Kapuzen verdeckten den größten Teil ihrer Gesichter, doch manchmal fiel Stoff zur Seite oder Licht traf in einem bestimmten Winkel auf ihre Züge. Ihre Augen waren dieselben wie bei den Männern: rote Lederhaut statt menschlichem Augenweiß, schwarze Pupillen und gelbe Iriden, die im dämmrigen Licht fast bernsteinfarben wirkten. Aber ihre Gesichtszüge erschienen feiner. Nicht weich. Niemals weich. Eher schärfer modelliert. Einmal hatte sich eine der Frauen über mich gebeugt, um die Bandagen an meiner Seite zu wechseln. Dabei war die Kapuze etwas verrutscht. Ich hatte kleine, leicht nach hinten spitz zulaufende Ohren gesehen und eine erstaunlich dichte Haarpracht. Dunkel. Schwer. Streng zurückgebunden. Nicht wie bei menschlichen Frauen offen fallend, sondern praktisch zusammengefasst. Die meisten Split-Männer, die ich bisher gesehen hatte, waren fast immer kahl gewesen oder hatten nur am Hinterkopf Haar getragen. Bei den Frauen hingegen schien Haar eine größere Bedeutung zu haben. Vielleicht Status. Vielleicht Tradition. Vielleicht etwas völlig anderes. Ich wusste es nicht.
Aber ich bemerkte, dass ich sie betrachtete. Nicht aus Begehren. Dafür war mein Zustand zu miserabel. Vielmehr aus einer seltsamen Form von Faszination. Die Split entsprachen eigentlich nicht meinem menschlichen Verständnis von Schönheit. Ihre Haut war ledrig. Ihre Gesichtszüge fremdartig. Die Atemschlitze anstelle einer Nase wirkten selbst jetzt noch ungewohnt auf mich. Und trotzdem. Trotzdem lag etwas in ihrer Erscheinung, das mein ästhetisches Empfinden erreichte. Vielleicht war es diese kompromisslose Klarheit ihrer Körper. Vielleicht die Art, wie sie sich bewegten. Oder wie ihre Augen wirkten, wenn das orange Licht des Zimmers darin reflektierte. Ich wusste nur, dass ich sie nicht als hässlich empfand.
Der Gedanke führte mich unmittelbar zum nächsten. Sie hatten mich nackt gesehen. Nicht nur gesehen. Sie hatten mich ausgezogen. Gewaschen. rbunden. Gepflegt. Der Gedanke ließ mich unangenehm schlucken. Ich blickte an mir herab. Neue Bandagen verliefen über meinen Brustkorb und meinen linken Oberschenkel. Unterarme und Schultern waren mit schmaleren Verbänden umwickelt. Darunter spürte ich Salben oder medizinische Pasten, die kühlend wirkten. Sie hatten meinen menschlichen Körper genau betrachtet. Jede Verletzung. Jede Narbe. Jedes Detail. Ich fragte mich unweigerlich, was sie dabei gedacht hatten. Ob ich ihnen zerbrechlich vorkam. Zu weich. Zu schwach. Menschenhaut besaß keine schützenden Schuppenplatten wie bei Teladi oder Split. Keine natürliche Panzerung. Selbst jetzt sah ich an meinen Armen neue Kratzer und Verfärbungen, die sich deutlich gegen meine helle Haut abhoben. Vielleicht wirkte ich auf sie tatsächlich wie etwas Unfertiges. Der Gedanke blieb hängen.
Dann verging wieder Zeit. Oder vielleicht auch nicht. Mein Gefühl dafür existierte praktisch nicht mehr. Schlaf und Wachzustände gingen ineinander über. Das orangefarbene Licht im Raum änderte sich nie wirklich. Vielleicht war das Absicht. Als sich die Tür das nächste Mal öffnete, wusste ich sofort, dass etwas anders war. Die Gestalt, die eintrat, bewegte sich langsamer als die anderen. Nicht schwach. Bewusst. Das erste Geräusch war das trockene Auftreffen eines Gehstocks auf dem Boden. Tok. Kurze Pause. Tok. Ich richtete mich automatisch etwas auf und bereute es sofort, als Schmerz durch meine Rippen zog. Die alte Split-Frau war nicht verhüllt. Schon das allein ließ sie sofort anders wirken. Ihr Körper war schmaler als der der anderen Split, beinahe dürr, aber nicht gebrechlich. Unter ihrer Haut zeichneten sich noch immer harte Muskelstrukturen ab. Ihre Kleidung bestand tatsächlich aus Tierhaut und Fell. Dunkle, graubraune Schichten waren übereinandergelegt und mit metallischen Verschlüssen fixiert. Manche Fellstücke schimmerten rötlich im Licht. Der Geruch von Leder und Kräutern begleitete sie. Ihre Haut war verwittert. Rötlich-grau. Rissig wie ausgetrocknete Erde. Und ihr Haar. Bei den Sternen. Es war vollständig weiß. Nicht grau. Nicht silbern. Rein weiß. Es reichte ihr fast bis zum Boden und war dennoch sorgfältig zusammengebunden. Keine einzige Strähne wirkte ungepflegt. Der Stock in ihrer rechten Hand bestand aus dunklem Material, vermutlich Holz oder Knochen, verstärkt mit Metallringen. Erst als sie näher kam, erkannte ich die dunklen Verkrustungen an beiden Enden. Getrocknetes Blut. Nicht alt genug, um bedeutungslos zu sein. Die Frau blieb vor meinem Bett stehen und musterte mich mit ruhigen, gelben Augen.
"Mitkommen."
Ihre Stimme war rau und tief, aber nicht hart wie bei den männlichen Split. Kein bellender Befehlston. Dennoch lag darin eine Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt aufzustehen. Meine Beine fühlten sich instabil an. Ich trug nur Unterwäsche und Bandagen. Die Luft außerhalb des Bettes fühlte sich sofort kühler auf der Haut an. Die alte Split wartete einfach. Nicht ungeduldig. Nicht mitfühlend. Einfach sicher, dass ich folgen würde. Also tat ich es. Der Boden unter meinen nackten Füßen war glatt und angenehm temperiert. Ich humpelte leicht hinter ihr her, während sie mit ihrem Stock in gleichmäßigem Rhythmus vorausging. Tok. Tok. Tok.
Die Flure außerhalb meines Zimmers waren gewaltig. Hohe Wände aus dunklem Stein und Metall zogen sich in langen Linien durch das Gebäude. Überall verliefen eingelassene Lichtstreifen in warmen Orangetönen entlang der Kanten. Die Architektur wirkte monumental und gleichzeitig alt. Nicht veraltet, sondern ehrwürdig. Der Geruch änderte sich ständig. Kräuter. Öl. Heißes Metall. Tierhaut. An manchen Stellen zog kalte Luft durch schmale Öffnungen in den Wänden. Schon nach wenigen Minuten hatte ich jegliche Orientierung verloren. Der Komplex war riesig. Manche Korridore öffneten sich zu Hallen mit hohen Säulen. Andere wurden enger und führten an schweren Türen vorbei, die mit Split-Symbolen versehen waren. Doch etwas fiel mir sofort auf. Jeder Split wich der alten Frau aus. Sofort. Männer wie Frauen traten zur Seite, senkten leicht den Kopf oder verbeugten sich sogar deutlich. Manche hielten inne, bis sie vorbeigegangen war. Niemand sprach sie an. Niemand stellte Fragen. Ich sagte ebenfalls nichts mehr. Stattdessen beobachtete ich. Die Frau musste eine enorme Stellung besitzen. Vielleicht religiös. Vielleicht politisch. Vielleicht beides. Schließlich erreichten wir eine große Türöffnung, hinter der grelles Tageslicht lag.
Als wir hinaustraten, blendete es mich sofort. Ich hob reflexartig eine Hand vor die Augen. Nach der langen Zeit im dämmrigen Innenraum traf mich das Licht beinahe schmerzhaft. Meine Pupillen brauchten ungewöhnlich lange, um sich anzupassen. Langsam wurden Konturen sichtbar. Und dann blieb mir beinahe der Atem stehen. Ich stand auf einer Terrasse. Hoch. Sehr hoch. Die alte Split sagte nichts. Sie hob lediglich leicht ihre linke Hand und machte eine kleine Bewegung, die eindeutig bedeutete, dass ich mich umsehen sollte. Langsam trat ich näher an den Rand. Und erstarrte. Unter mir lag eine Stadt. Nicht einfach eine Ansammlung von Gebäuden, sondern etwas, das aussah, als hätte man eine Festung mit einem Gebirge verschmolzen. Gewaltige Strukturen aus schwarzem Stein und dunklem Metall ragten zwischen dichtem Dschungel empor. Türme, Brücken und massive Mauern verbanden sich zu einer gigantischen Anlage, die gleichzeitig archaisch und futuristisch wirkte. Ghus-tan. Es musste Ghus-tan sein. Die Gebäude wirkten nicht gebaut, sondern gemeißelt. Viele Formen waren kantig, brutal funktional, aber dennoch mit einer seltsamen Eleganz versehen. Zwischen den Strukturen verliefen Plattformen und breite Wege, auf denen ich selbst aus dieser Höhe Bewegung erkennen konnte.
Überall hing leichter Nebel zwischen den grünen Baumkronen des Dschungels. Und weiter entfernt sah ich etwas Rot leuchten. Zuerst dachte ich an Lava. Ein Strom aus tiefroter Flüssigkeit floss einen Berghang hinab und zog sich wie eine offene Wunde durch die Landschaft. Dann erinnerte ich mich. Das Wasser von Nif'Nakh war rot. Der Name schwärende Wunde bekam plötzlich eine bedrückende Realität. Langsam drehte ich mich um. Und musste den Kopf weit in den Nacken legen. Das Gebäude hinter mir war gigantisch. Eine Burg. Keine mittelalterliche Menschenburg, sondern etwas, das denselben Grundgedanken in die Zukunft übertragen hatte. Massive Wände. Gewaltige Türme. Schwere Linien aus Metall und Stein. Überall eingelassene Verteidigungsstrukturen. Es wirkte wie der Sitz einer Macht, die Jahrtausende überdauern wollte. Erst jetzt begriff ich vollständig, wo ich war. Ghus-tan. Im Herzen der Split. Doch während ich auf diese gewaltige Stadt hinabblickte, kroch sofort ein anderer Gedanke in meinen Kopf. Wo waren Noptrok und Thovareus?
"Deine Begleiter sind in Sicherheit, Ghok-Schlächter."
Die Worte trafen mich unerwartet hart. Nicht wegen ihres Inhalts. Die Erleichterung darüber, dass Noptrok und Thovareus lebten, kam zwar sofort, aber noch bevor ich darauf reagieren konnte, registrierte mein erschöpfter Verstand zwei andere Dinge gleichzeitig. Die alte Split sprach die Handelssprache. Perfekt. Keine gezogenen Silben wie bei den Teladi. Kein abgehackter Satzbau wie bei den Split-Kriegern. Keine ausgelassenen Artikel. Keine aggressiv verkürzten Formulierungen. Ihre Aussprache war ruhig, präzise und vollkommen kontrolliert. Wäre ich ihr nicht direkt gegenübergestanden, hätte ich anhand der Stimme niemals erkannt, dass sie eine Split war. Und sie hatte mich mit einem Titel angesprochen. Ghok-Schlächter. Ich blinzelte verwirrt. Der warme Wind, der über die Terrasse strich, bewegte leicht die weißen Haarsträhnen der alten Frau. Hinter ihr erhoben sich die dunklen Mauern von Ghus-tan wie ein Gebirge aus Metall und Stein. Unter uns rauschte der Dschungel von Nif'Nakh in unzähligen Grüntönen. Zwischen den Baumriesen schimmerten rote Wasserläufe wie offene Adern durch die Landschaft. Ich verstand trotzdem nicht, was sie meinte.
"Ich..." Meine Stimme klang noch rau von Schwäche.
Die alte Frau betrachtete mich schweigend. Ihre gelben Augen wirkten erstaunlich wach für ihr Alter. Nicht die Wachsamkeit eines Soldaten. Eher die eines Wesens, das über Jahrzehnte gelernt hatte, andere zu lesen. Dann schien sie meine Verwirrung zumindest teilweise zu verstehen.
"Ich habe viele Jazuras mit Teladi und Argonen zu tun gehabt", sagte sie ruhig. "Zudem können Split die Handelssprache richtig sprechen. Doch nur die wenigsten wollen das." Ihre Lippen verzogen sich leicht, während sie nach Worten suchte. "Die Handelssprache ist zu..." Sie hob langsam eine Hand. "...umfangreich. Zu viele Worte, mit denen man verwirren kann."
Trotz meiner Schmerzen musste ich leicht schmunzeln. "Split direkt."
Die alte Frau lachte tatsächlich. Das Geräusch überraschte mich beinahe mehr als alles andere. Es war kein freundliches menschliches Lachen. Eher tief, kehlig und kurz. Aber ehrlich.
"Ein Argone mit Humor."
"Mensch", korrigierte ich automatisch. "Ich bin weder Terraner noch Argone oder Aldrianer."
Ihre Mimik veränderte sich kaum, dennoch wurde sie wieder ernster. "Deine Begleiter haben mir von dir erzählt. Du bist Tori Grau."
Es war seltsam, den eigenen Namen hier auf Nif'Nakh zu hören. Zwischen diesen uralten Mauern. Zwischen Wesen, die vor wenigen Tagen noch vollkommen fremd für mich gewesen waren.
"Vor drei Jazuras hast du begonnen, ein Unternehmen aufzubauen", fuhr sie fort. "Zuerst klein. Dann immer schneller größer werdend."
Ich antwortete nicht. Nicht weil ich unhöflich sein wollte. Mein Kopf fühlte sich noch immer an, als würde Watte darin stecken. Gedanken kamen verzögert. Mein Körper war wach, aber mein Geist arbeitete noch nicht vollständig klar. Die alte Split schien mein Schweigen nicht negativ zu bewerten. Sie stützte sich leicht auf ihren Stock, während ihr Blick kurz über die Stadt wanderte.
"Während du für über eine Wozura im Koma lagst, haben wir uns über dich informiert."
Ein unangenehmes Gefühl kroch in meinen Magen. Nicht Angst. Eher ein Bewusstsein dafür, wie tief man bereits in mein Leben eingedrungen war. Ich hatte keine Kontrolle darüber gehabt. Ich wusste nicht einmal, wie viel sie tatsächlich wussten. Die alte Frau sprach jedoch ruhig weiter.
"Wir finden deine Bemühungen..." Sie machte eine kleine Pause. "...beachtenswert."
Der Wind nahm leicht zu und brachte den Duft feuchter Vegetation mit sich. Irgendwo weit unter uns hörte ich metallische Schläge aus der Stadt aufsteigen.
"Vor allem", sagte sie weiter, "wenn du dich in ein Kampfgebiet zwischen Familien begibst und es noch mit einem Ghok-Ältesten aufnimmst, um zu mir zu gelangen."
Mein Blick wanderte sofort zurück zu ihr. "Ghok-Älteste?"
Jetzt war es an ihr, mich anzusehen, als hätte ich eine sehr offensichtliche Frage gestellt. Aber nicht spöttisch. Eher mit einer geduldigen Ruhe, die ich bei Split bisher noch nie erlebt hatte.
"Ghok sind Wesen, die schnell leben und schnell sterben", erklärte sie. "Kreaturen des Kampfes. Sie werden meist nur wenige Jazuras alt und kaum hüfthoch."
Unwillkürlich erschien vor meinem inneren Auge wieder das Monster aus dem Dschungel. Das donnernde Auftreten. Die gewaltigen Scheren. Das Geräusch zerbrechender Panzer unter seinen Kiefern. Und diese sechs Augen.
"Du hingegen", fuhr sie fort, "hast einen alten Ghok getroffen." Ich starrte sie an. "Alte Ghok leben meist in Höhlen und unterirdisch", erklärte sie weiter. "Dorthin ziehen sie sich zurück, wenn sie ihrem natürlichen Ende entgegengehen."
Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um diese Information zu verarbeiten. Das war ein alter Ghok gewesen? Ein sterbendes Exemplar? Das Wesen hatte beinahe den halben Dschungel niedergewalzt, uns kilometerweit verfolgt und mich fast auseinandergerissen. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, wie junge Ghok aussahen. Oder wie schnell sie sein mussten. Die alte Frau bemerkte vermutlich meinen Gesichtsausdruck, kommentierte ihn aber nicht. Stattdessen deutete sie mit ihrem Stock auf den Rand der Terrasse. Langsam folgte ich ihr. Meine Beine fühlten sich noch immer instabil an. Jede Bewegung erinnerte mich daran, wie schwer mein Körper zugerichtet worden war. Dennoch trat ich neben sie und blickte hinunter. Zuerst verstand ich nicht, was ich sah. Dann erkannte ich die Bewegung. Eine Gruppe Split arbeitete auf einem großen offenen Platz unterhalb der Festung. Vielleicht dreißig oder vierzig Krieger und Arbeiter bewegten sich um etwas Gewaltiges herum. Mein Atem stockte. Das Ghok. Selbst tot wirkte das Wesen monströs. Jetzt, aus dieser erhöhten Perspektive, erkannte ich erst vollständig seine Ausmaße. Der Körper lag auf mehreren massiven Metallplattformen verteilt. Split schnitten mit vibrierenden Werkzeugen durch die Panzerplatten, trennten Gliedmaßen ab und häuteten das Wesen systematisch. Dickflüssiges dunkelgrünes Blut floss in breite Sammelrinnen. Die Luft trug einen schwachen metallischen Geruch bis zu uns herauf. Ich konnte erkennen, wie mehrere Split selbst an den geöffneten Organstrukturen arbeiteten. Andere entfernten vorsichtig die massiven Scheren. Es wirkte weniger wie das Zerlegen eines Tieres und mehr wie die Verarbeitung einer Kriegsmaschine.
"Der Ghok-Älteste, den du getötet hast", sagte die alte Frau ruhig. "Etwas, was selbst Elitekrieger nicht alleine schaffen."
Ich riss den Blick von dem Kadaver los.
"Aber ich habe ihn nicht-"
"Du hast überlebt." Die Worte unterbrachen mich sofort. Keine Aggression. Keine Lautstärke. Und dennoch absolute Endgültigkeit. Die alte Split sah mich direkt an. "Das genügt."
Mir fiel keine Antwort darauf ein. Mein Blick wanderte erneut hinunter. Zwischen den arbeitenden Split erkannte ich plötzlich zwei bekannte Gestalten. Noptrok. Und Thovareus. Der blauschuppige Teladi stand etwas abseits und sprach gerade mit mehreren Split. Als würde er meinen Blick spüren, hob er plötzlich den Kopf und sah nach oben. Dann machte er eine Bewegung mit einem Arm. Wahrscheinlich sollte es ein Winken sein. Bei einem Menschen hätte die Geste völlig normal ausgesehen. Bei einem Teladi wirkte es seltsam steif und beinahe unbeholfen. Seine langen Finger spreizten sich zu weit, während der Arm in einem merkwürdigen Winkel hin und her ging. Trotz allem musste ich leicht lachen. Ich hob selbst die Hand und winkte zurück. Thovareus richtete sich sichtbar etwas auf. Noptrok hingegen stand still neben dem Kadaver des Ghok und wirkte vollkommen ruhig. Seine graue Haut reflektierte matt das Sonnenlicht von Nif'Nakh. Selbst aus dieser Entfernung strahlte der Split dieselbe massive Präsenz aus wie zuvor.
"Dein Körper zeugt von Kämpfen."
Ich zuckte leicht zusammen, als die alte Frau mit ihrem Stock gegen meine Brust tippte. Nicht stark. Aber gezielt. Automatisch legte ich meine Hand auf die Stelle. Dort verlief unter den Bandagen die alte Narbe des Durchschusses. Die Erinnerung traf mich sofort. Der Orbit von Trantor. Die Reparaturstation. Sirenen. Schüsse. Das Brennen in meiner Brust. Und der Tod eines potenziellen Geschäftspartners, dessen Gesicht ich bis heute nicht vergessen hatte. Ich verdrängte die Bilder sofort wieder. Nicht jetzt. Nicht hier. Langsam drehte ich mich zu der alten Split um.
"Was meintet Ihr vorhin damit", fragte ich vorsichtig, "dass ich zu Euch kommen wollte?"
Zum ersten Mal seit unserem Gespräch lächelte sie wirklich. Und dieses Lächeln war gleichzeitig faszinierend und bedrohlich. Ihre Lippen zogen sich zurück und entblößten Reihen scharfer Zähne, die selbst im Alter nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren hatten. Dann richtete sie sich ein kleines Stück auf. Der Wind spielte mit ihrem weißen Haar.
"Mein Name ist Hatrak t'Frrt."
Der Name traf mich unmittelbar. t'Frrt. Noptrok t'Frrt. Familie. Natürlich.
"Matriarchin aller Split", sagte sie ruhig.
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Ich hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. Nicht mit ihr. Nicht hier. Die alte Split beobachtete genau meine Reaktion. Nicht triumphierend. Eher prüfend. Dann sprach sie weiter.
"Du wolltest mit mir über Nahrung verhandeln?"
Ich spürte, wie sich die Worte der Matriarchin noch nicht vollständig in meinem Kopf sortiert hatten, während ich sie ansah. Hatrak t’Frrt stand aufrecht vor mir, das Licht der erhöhten Plattform fiel schräg über ihre Gestalt und zeichnete harte Konturen in die rissige, rötlich-graue Haut. Die feinen Falten in ihrem Gesicht wirkten nicht schwach, sondern wie eingravierte Linien eines langen, gewaltsamen Lebens. Ihre Augen, rot mit schwarzer Pupille und gelber Iris, hielten meinen Blick ohne jede Unsicherheit fest. Es war kein dominantes Starren im menschlichen Sinn, eher eine ruhige, endgültige Feststellung von Realität. In mir setzte ein gedanklicher Widerstand ein, fast reflexartig. Alle bekannten Strukturen der Split basierten auf patriarchalen Linien. Jede Datenbank, jedes Fragment, jede Handelsinformation, die ich je gesehen hatte, bestätigte dieses Muster. Und doch stand sie hier, sprach nicht nur als Autorität, sondern als anerkannte Spitze dieses Systems. Ein Widerspruch, der sich nicht sofort auflösen ließ. Sie bemerkte es ohne sichtbare Mühe. Ihr Kopf neigte sich minimal, gerade so weit, dass die langen weißen Haare, die wie ein glatter Vorhang bis zum Boden reichten, sich leicht verschoben.
"Wie vorhin gesagt, du befindest dich in einem Kampfgebiet. Kein Krieg, aber ..." Ihre Stimme blieb ruhig, doch der Satz endete nicht vollständig. Stattdessen blieb er im Raum hängen wie ein unvollständig geschärftes Werkzeug. "Frauen sind bei den Split als Züglerinnen bekannt. Wir gebieten unseren Männern Einhalt, wenn deren Gemüter überkochen. Doch als ich vom alten Patriarchen Rhonkar t’Ncct, meinem Vater, rechtmäßig zum neuen Oberhaupt aller Split ernannt wurde, brachte das ..." Sie hielt kurz inne, als würde sie ein Wort aus einer älteren, schwereren Sprache herausfiltern. "Unruhe."
Ich nickte langsam, nicht aus Zustimmung, sondern weil mein Verstand versuchte, die Struktur dahinter zu rekonstruieren. Ein Übergang von Gewalt zu Kontrolle, nicht durch Abschaffung der Gewalt selbst, sondern durch ihre Umlenkung. Auf der Erde hatte ich ähnliche Übergänge in verschiedenen Gesellschaftsformen gesehen, wenn auch nie in dieser Konsequenz. Hier wirkte es weniger wie ein politischer Wandel und mehr wie ein kontrollierter Bruch innerhalb eines konstanten Konfliktsystems.
"Vor allem der alte Chin Clan, der den vorletzten Patriarchen stellte, ist sehr erpicht darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Schiff meines Sohnes wurde von einer ihrer Guerilla-Kräfte angegriffen."
Das erklärte den Absturz. Die Erinnerung daran kam unwillkürlich zurück, das metallische Kreischen der getroffenen Mamba, die plötzliche, brutale Richtungsänderung des Horizonts, das Gefühl, dass Gravitation selbst kurz ihre Richtung verloren hatte. Ich hielt den Gedanken nicht lange fest und ließ ihn wieder los, bevor er sich vertiefen konnte.
Hatrak wandte sich schließlich ab. Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich in Bewegung, und ich folgte ihr, da keine Alternative gegeben war. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich während unseres Gesprächs die Umgebung verändert hatte. Bedienstete hatten sich nahezu lautlos auf der Terrasse verteilt und begonnen, eine strukturierte Essfläche aufzubauen. Tische aus dunklem, poliert wirkendem Material wurden in präziser Ausrichtung platziert, dazu Sitzgelegenheiten, die eher funktional als komfortabel wirkten, aber eindeutig für diese Umgebung konzipiert waren. Auf der Oberfläche der Anordnung lag bereits Nahrung und Wasser, sauber getrennt, ohne überflüssige Dekoration. Zwischen den Gegenständen erkannte ich das Symbol der Universal Nourishment Organization. Das silberne Hexagon wirkte hier nicht wie ein Firmenzeichen, sondern wie ein Fremdkörper in einer vollständig anderen kulturellen Sprache. Die schwebende Galaxie im unteren Drittel des Symbols, der darüber liegende Tropfen und die daraus wachsenden pflanzlichen Formen wirkten fast zu elegant für diesen Ort, als hätten sie versucht, Ordnung in etwas zu bringen, das sich nicht vollständig ordnen ließ.
Hatrak blieb neben dem Tisch stehen, während ich das Logo betrachtete. "Dein Frachter durfte hier landen", sagte sie schließlich, ohne den Blick von mir abzuwenden. "Der Pilot war großzügig und hat für deine Genesung alle Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt." Ein kurzes, fast unmerkliches Schmunzeln zog über ihr Gesicht, wobei die scharfen Zähne kurz sichtbar wurden. "Um die Verhandlungen abzukürzen haben wir uns auch bedient und sind zufrieden. Du darfst bei uns expandieren und wir stellen kompatible Nahrungsmittel zur Verfügung."
Ich blieb für einen Moment still, während der Inhalt dieser Aussage sich in eine klare Struktur zwang. Keine Verhandlung im klassischen Sinn, kein Austausch von Bedingungen über mehrere Ebenen hinweg, keine Iteration. Ein Ergebnis, direkt formuliert und abgeschlossen. Es war die kürzeste Entscheidung über wirtschaftliche Expansion, die ich je erlebt hatte. Keine Schleifen, keine Absicherungen, keine verzögerten Rückfragen. Nur ein unmittelbares Ja in einer Sprache, die sich auf Effizienz reduzierte, ohne dabei weniger komplex zu sein.
Ich bewegte mich durch die Straßen von Ghus-tan, doch „gehen“ war ein zu simples Wort für das, was mein Körper inzwischen tat. Jede Bewegung war noch immer mit einem leichten Widerstand verbunden, als würde die Schwerkraft des Planeten mich nicht nur nach unten ziehen, sondern zusätzlich prüfen wollen, ob ich überhaupt hierhergehörte. Die Luft war schwer, aber klar, durchzogen von feinen Partikeln aus organischem Staub, Metallabrieb und dem süßlich-scharfen Geruch fremder Vegetation, die aus den umliegenden Dschungelzonen in die Stadt hineinragte. Zwischen den gewaltigen Strukturen aus Stein, verstärktem Metall und organisch wirkenden Verbundstoffen floss ein permanenter Strom aus Split, die sich zielgerichtet bewegten, ohne Hast, aber mit einer Art innerer Spannung, die selbst in Ruhe wie kontrollierte Gewalt wirkte.
Was mich jedoch mehr beschäftigte als die Architektur oder die Gerüche, war die Reaktion der Split auf meine bloße Anwesenheit. Ich hatte erwartet, dass ich ignoriert oder bestenfalls toleriert würde, vielleicht mit offener Ablehnung oder sogar feindseligen Blicken. Doch stattdessen wiederholte sich ein Muster, das ich zunächst nicht einordnen konnte. Wo immer ich auftauchte, unterbrachen Split ihre Tätigkeit für einen kurzen Moment, richteten den Blick auf mich und formten mit ihren sechsfingrigen Händen eine Geste, die sich jedes Mal identisch wiederholte. Die Hand wurde zur festen Faust geschlossen, während der obere Daumen sanft auf dem Zeigefinger ruhte und der untere Daumen am kleinen Finger anlag, als würde die Struktur selbst eine kontrollierte Spannung symbolisieren. Diese Handbewegung wurde anschließend in einer fließenden, aber klar definierten Linie erst zur Stirn geführt und danach zur Brust abgesenkt.
Aus menschlicher Perspektive wirkte diese Sequenz zunächst irritierend, fast wie eine rituelle Drohung oder eine militärische Einstufung. Doch die Reaktion der Umgebung widersprach dieser Interpretation vollständig. Keine Aggression folgte, keine Distanzierung. Im Gegenteil, die Bewegungen waren eingebettet in eine Form von stiller Anerkennung. Noptrok hatte mir später erklärt, dass es sich um eine Geste des verdienten Respekts handelte, eine Art soziale Markierung innerhalb der Split-Hierarchie, die nicht vergeben, sondern erarbeitet wurde. Ich erinnerte mich daran, wie selbstverständlich er diese Erklärung gegeben hatte, als wäre es eine physikalische Konstante dieser Gesellschaft.
Trotz dieser Einordnung blieb ein Rest Unbehagen. Es war nicht die Anerkennung selbst, sondern der Gedanke, was sie ausgelöst hatte. Ich wusste inzwischen, dass dieser Status nicht aus Verhandlung oder diplomatischer Leistung entstanden war, sondern aus einem Ereignis, das mich beinahe das Leben gekostet hatte. Der Gedanke daran blieb wie ein leiser Nachhall im Hinterkopf, während ich mich weiter durch die Stadt bewegte.
Die medizinische Versorgung, die ich erhalten hatte, zeigte inzwischen ihre Wirkung deutlicher als erwartet. Die Verletzungen, die ich im Dschungel und während der Flucht davongetragen hatte, waren nicht nur geschlossen, sondern in einer Geschwindigkeit verheilt, die ich selbst unter Berücksichtigung moderner humaner Medizintechnik als ungewöhnlich einstufen musste. Die Split behandelten den Körper nicht als empfindliches System, sondern als ein optimierbares Werkzeug. Ein beschädigter Krieger war für sie kein tragischer Zustand, sondern ein ineffizienter. Diese Haltung spiegelte sich in der Präzision wider, mit der meine Genesung verlaufen war.
Ich begann mich zu fragen, ob die Wahrnehmung der Split in anderen Zivilisationen tatsächlich verzerrt war. Die Berichte, die ich vor meiner Ankunft gelesen hatte, beschrieben sie als rein aggressiv, territorial und wenig differenziert. Doch das, was ich sah, war komplexer. Es war kein Widerspruch zur Gewalt, sondern eine Ordnung, in der Gewalt, Respekt und Funktion eng miteinander verbunden waren.
Mein Ziel an diesem Tag lag am Rand eines der zentralen Handelssektoren der Stadt: die sogenannte Panzerausgabe. Schon der Name hatte mich irritiert, als ich ihn zum ersten Mal gehört hatte, denn er klang weniger nach einem Geschäft und mehr nach einer militärischen Einrichtung. Als ich davor stand, verstand ich, warum diese Bezeichnung gewählt worden war. Das Gebäude wirkte nicht wie ein Laden, sondern wie eine Werkstatt für Rüstungen oder eine Zeremonialhalle für Kriegsartefakte. Die Außenstruktur bestand aus dunklem, geschichtetem Material, das an gepresste organische Panzerplatten erinnerte, durchzogen von metallischen Verstrebungen, die wie Rippen eines künstlichen Organismus wirkten.
Im Inneren herrschte eine Mischung aus Hitze, harzigen Gerüchen und dem schwachen, aber konstanten Klang von Werkzeugen, die auf harte Materialien trafen. Dort wurde mir die Kleidung übergeben, die für mich gefertigt worden war. Erst beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass es sich nicht um klassische Stoffe handelte, sondern um bearbeitete Elemente des Ghok, jenes Wesens, das mich fast getötet hatte. Der Gedanke daran erzeugte einen kurzen, unangenehmen Druck in der Brust, doch die Split behandelten das Material ohne jede emotionale Aufladung. Für sie war es Ressource, nicht Erinnerung.
Ich legte die Ausrüstung an, zunächst vorsichtig, dann zunehmend überrascht. Das Gewicht war deutlich geringer, als ich erwartet hatte. Das Innere war mit einer dichten, aber flexiblen Schicht ausgekleidet, die sich meiner Körpertemperatur anpasste, ohne sie zu stauen. Kein Hitzestau, keine Kälte, nur ein konstantes Gleichgewicht, das sich fast instinktiv regulierte. Einer der anwesenden Handwerker beobachtete mich dabei schweigend und führte anschließend eine kurze, respektvolle Bewegung aus, identisch mit der Geste, die ich bereits auf der Straße gesehen hatte. Ich erwiderte nichts, weil ich noch nicht wusste, was eine angemessene Reaktion in dieser Sprache überhaupt sein sollte. Dennoch war mir bewusst, dass ich erneut in eine Kategorie eingeordnet worden war, die ich selbst nicht vollständig verstand.
Auf meinen Wunsch hin brachte mich Noptrok später zu dem Ort, an dem die Überreste des Ghok-Ältesten aufbewahrt wurden. Der Weg dorthin führte durch kühlere Bereiche der Stadtstruktur, in denen die Temperatur deutlich stabiler war und der Geruch von Metall und Kräutern stärker dominierte. Die Überreste selbst waren sorgfältig getrennt und gelagert, nicht als Trophäe, sondern als Rohmaterial. Organe, Panzersegmente und Gewebestrukturen lagen in geordneten Einheiten, konserviert durch ein System, das sowohl Kühlung als auch chemische Stabilisierung verwendete.
Ich aktivierte mein Scannergerät und ließ die Daten durchlaufen. Die Ergebnisse zeigten eine ungewöhnliche Kombination aus hoher Säureresistenz im äußeren Gewebe und einer überraschenden Anfälligkeit im inneren Verdauungssystem. Je länger ich die Analyse betrachtete, desto klarer wurde das Bild eines Organismus, der auf extreme Bedingungen optimiert war, aber gleichzeitig eine strukturelle Schwachstelle im Bereich seiner Nahrungsverarbeitung besaß.
Noptrok stand neben mir, die Arme locker verschränkt, der Blick ruhig auf die Lagerung gerichtet. Als ich meine Schlussfolgerung formulierte, reagierte er nur mit einer knappen Erklärung, die keine Überraschung enthielt. Für ihn war das Ergebnis offensichtlich. Das Wesen war nicht durch äußere Gewalt gefallen, sondern durch eine interne Reaktion auf das, was ich ursprünglich als wertvollen, aber fast aufgebrauchten Proviant betrachtet hatte. Der Gedanke daran blieb ungewöhnlich lange in meinem Kopf stehen. Nicht wegen des Sieges, sondern wegen der simplen Tatsache, dass Überleben hier weniger mit Stärke als mit Zufall und Wechselwirkung zu tun gehabt hatte, als ich es zunächst angenommen hatte.


