[Story] Isekai no Xistence

Der kleine Teladi aus dem X-Universum hat Gesellschaft bekommen - hier dreht sich jetzt auch alles um das, was die kreativen Köpfe unserer Community geschaffen haben.

Moderators: HelgeK, TheElf, Moderatoren für Deutsches X-Forum

User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

[Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image



Prolog Morgenlicht & Sternenglanz

Die ersten Strahlen des Januarmorgens drangen durch das schmale Fenster des Studentenheims und fielen auf den Schreibtisch, auf dem sich verstreute Bücher, Skizzenblätter und leere Kaffeetassen stapelten. Tori lag noch auf dem Bett, die Decke bis zur Brust gezogen, und starrte an die Decke. Das monotone Summen der Heizung war das einzige Geräusch in dem kleinen Zimmer, das zugleich Wohn- und Arbeitsraum war. Es war früh, viel zu früh für ihn eigentlich, doch sein Körper schien bereits auf diesen Rhythmus programmiert zu sein.
Er drehte den Kopf zur Seite, sein Blick fiel auf den Wecker, der sechs Uhr dreißig anzeigte. Die digitale Anzeige wirkte wie ein stummer Richter, der ihm vor Augen führte, dass ein weiterer Tag anstand, an dem er sich beweisen müsste – wenn auch nur für sich selbst. Langsam setzte er sich auf, streckte die Glieder und ließ die Decke fallen. Kurz musterte er sich im Spiegel über dem Schreibtisch. Schwarz glänzendes Haar, leicht zerzaust, dunkle Augen, die irgendwo zwischen Blau und Grün changierten. Er hatte nie auf sein Aussehen geachtet, und doch fiel ihm immer wieder auf, wie diese Augen Menschen anzogen, vor allem Frauen. Ein Detail, das ihn gleichermaßen irritierte und verwirrte.

Das Studentenheim war noch ruhig. Nur in den Gängen hörte man das gelegentliche Quietschen von Türen, Schritte und gedämpftes Lachen aus der Ferne. Tori zog seinen dunkelgrauen Hoodie über, bequeme Jeans, alte Sneakers, und ging in die kleine Küchenzeile. Wasser aufgesetzt, Kaffee gemahlen, kurz auf die Uhr geschaut. Er mochte diese Morgenrituale – sie gaben dem Tag Struktur, auch wenn alles andere chaotisch erschien. Während er den Kaffee einschenkte, ließ er die Gedanken schweifen.
Gestern hatte er wieder eine Vorlesung abgebrochen, diesmal Kulturwissenschaft. Die Professorin hatte ihn mit einer Frage ins Kreuzfeuer genommen, und Tori hatte nur schweigen können. Es war nicht die erste solche Situation. Immer wieder fühlte er sich anderen überlegen in seinen Gedanken, aber unterlegen, wenn es darum ging, sich zu behaupten. Die Mischung aus Stolz und Minderwertigkeit war etwas, das ihn täglich begleitete.
Mit dem Becher in der Hand setzte er sich ans Fenster. Draußen waren die Straßen noch leer, nur vereinzelte Studierende hetzten zu ihren Seminaren. Tori beobachtete sie, wie sie sich unterhielten, lachten, kleine Gesten austauschten. Er fragte sich, ob sie je verstanden, dass man in der Einsamkeit seine eigene Welt schaffen musste, um nicht unterzugehen. In seinen Gedanken wirkte das alles fast wie ein Spiel, eine Simulation, in der er selbst eine Figur war – beobachtend, reflektierend, nie richtig involviert.
Nachdem der Kaffee getrunken war, griff er zu seinen Skizzen. Ein paar Figuren, Landschaften, kleine Szenen aus Geschichten, die er noch nicht geschrieben hatte. Er zeichnete nicht besonders schnell, aber mit Bedacht, jede Linie bedacht, jede Schattierung ein Ausdruck seiner Gedankenwelt. Die Kreativität war sein einziger Freiraum, der Ort, an dem er wirklich er selbst sein konnte.

Gegen acht Uhr machte er sich auf den Weg zur Uni. Die Straßen waren inzwischen voller, die Luft kalt, scharf. Ein paar Kommilitonen liefen ihm über den Weg, nickten flüchtig. „Morgen, Tori!“ rief einer, ein sympathisches Gesicht aus der Bibliothek. Tori nickte nur, ein kleines Lächeln auf den Lippen, und setzte seinen Weg fort. Interaktion war selten, doch er wusste sie zu nutzen, wenn sie ihm strategisch nützlich erschien – sei es für Informationen, für Bücher oder für die gelegentliche Anerkennung.
An der Universität angekommen, führte ihn der Weg zur Literaturvorlesung. Professoren sprachen mit einem solchen Enthusiasmus über Geschichten, dass es Tori fast peinlich war, wie distanziert er sich fühlte. Er nahm seinen Platz in der hintersten Reihe ein, zog das Notebook heraus und begann, seine eigenen Notizen zu kritzeln. Während die Professorin sprach, beobachtete er die Gesichter der Kommilitonen, notierte sich Details – Ausdruck, Haltung, Reaktionen. Auch wenn er selbst kaum sprach, analysierte er jede Bewegung, jede Geste, fast so, als würde er ein Drehbuch für das Leben schreiben.
Mittagessen fiel spärlich aus. Ein Sandwich, das er unterwegs gekauft hatte, während er auf einer Parkbank saß. Die Sonne spiegelte sich auf dem gefrorenen Asphalt. Einige Studierende plauderten um ihn herum, doch Tori hörte nur entfernt zu, die Gedanken längst wieder bei seinen Figuren, bei den Geschichten, die er schreiben wollte. Sein Hunger war nebensächlich, wichtiger war der geistige Raum, den er sich nahm, fern von den Erwartungen der anderen.

Zurück im Studentenheim war es bereits früher Nachmittag. Das Tageslicht fiel schräg durch das schmale Fenster, zeichnete helle Streifen auf den abgenutzten Boden. Tori ließ den Rucksack achtlos fallen, die Schlüssel klimperten beim Aufprall. Sein Blick fiel auf den PC. Er seufzte, schob die Stühle beiseite, setzte sich. Die kleinen Rituale, die er sich über die Jahre angewöhnt hatte, halfen ihm, die Frustration von der Uni abzuschütteln. Zuerst die Kaffeetasse wieder auffüllen, kurz durchatmen, dann das Spiel starten.
„X“ – seine kleine, kontrollierbare Welt. Nicht perfekt, nicht real, aber logisch, konsistent. Das Universum hatte Regeln, und die verstand er. Anders als die Menschen um ihn herum. Anders als die Uni, die ständig kleine Demütigungen bereit hielt. Heute jedoch, dachte er beim Starten des Spielclients, war alles fehlerhaft. Der Charakter starb sofort, jedes Mal, wenn er den letzten Spielstand lud. Ein Clipping-Bug. Er knirschte die Zähne zusammen, das Herz hämmerte.
Warum jetzt? Warum immer in diesem Moment?
Er griff nach der Maus, klickte hastig, versuchte alternative Ladepunkte, Neustarts, alles ohne Erfolg. Ein Gefühl der Wut stieg in ihm auf – nicht die normale, kontrollierte Wut, sondern die ungestüme, roher Zorn, der in ihm kochte, wenn die Welt ihm ihre Grenzen aufzeigte. Sein Puls beschleunigte sich, die Hände zitterten. „Verdammt nochmal!“ rief er in die Leere des Zimmers, schlug gegen den Monitor. Das Glas splitterte. Ein scharfes Fragment schnitt ihm in die Hand, und bevor er reagieren konnte, zog etwas die Luft aus ihm heraus – oder vielleicht war es etwas anderes, etwas viel Größeres, das ihn in sich hineinriß.
Er spürte, wie der Boden unter ihm verschwand, wie Licht und Schatten sich ineinander verschlangen. Eine flimmernde Hitze durchfuhr seine Glieder, und plötzlich waren all seine Sinne gleichzeitig überlastet. Der Duft von Kaffee, die Kälte des Zimmers, das Summen des PCs – alles wurde zu einem einzigen, schmerzhaften Strudel. Und dann war Stille.



Kapitel 0 Fremde Realität

Tori schlug die Augen auf. Dunkelheit. Nur die schwache Kälte des Bodens unter seinem Rücken und der metallische Geruch in der Luft bestätigten, dass er nicht mehr in seinem Zimmer im Studentenheim war. Sein Herz hämmerte, Pulsschlag wie Trommeln in den Ohren. Die Hände zitterten, noch warm vom Kontakt mit den scharfen Splittern des Monitors. Instinktiv zog er die Beine an, stemmte sich hoch.
Der Raum war klein, fast karg, Wände glatt, kalt, kaum beleuchtet. Nichts, woran er sich orientieren konnte. Toris Blick wanderte über die Umgebung, suchte nach Lichtschaltern, Griffen, irgendetwas, das nach Normalität roch. Vergeblich. Kein Schalter, keine Türgriffe, nur glatte Flächen und ein einziges, kleines Fenster an der gegenüberliegenden Wand.
Er ging vorsichtig darauf zu. Mit jeder Bewegung spürte er die Wunde an der Hand, das Brennen auf der Haut, den Schmerz in den Armen. Okay, ruhig bleiben. Nur logisch vorgehen. Er tastete die Wand ab, versuchte Licht zu machen – nichts geschah. Nichts. Nur die Dunkelheit und der eiskalte Boden unter den Füßen.
Dann trat er ans Fenster. Sein Atem beschlug das Glas leicht, und für einen Moment dachte er, dass alles nur ein Traum sei. Doch der Blick ließ das Herz schneller schlagen. Vor ihm breitete sich die unendliche Schwärze des Weltraums aus. Unter ihm schwebte ein Planet, grün-blau, riesig, so fremd und doch lebendig. Das… kann nicht sein. Ich bin nicht träumend. Das ist real.

Hinter ihm knackte es leise, kaum hörbar, doch scharf in der Stille des Raums. Tori drehte sich, und zwischen den Schatten schimmerte etwas, das wie ein Riss in der Realität aussah – flackernd, glitzernd, instabil. Knistern und Bruchlinien zogen sich über den Boden, den Raum, wie ein dünner, pulsierender Schleier. Sein Blick folgte den Linien. Wenn das… der Bruch ist… dann muss ich…
Er ging vorsichtig darauf zu. Jeder Schritt war ein Abwägen zwischen Neugier und Angst. Die Ränder des Realitätsbruchs flimmerten, begannen sich langsam zu schließen. Instinkt und Panik setzten ein. Nicht verlieren. Nicht verpassen. Jetzt! Tori sprintete, versuchte hindurchzuhechten. Doch seine Beine waren zu träge, die Reflexe zu langsam. Die Realitätssplitter rissen über seine Arme, seinen Rücken, die Schultern – brennende Schnitte, tiefe Schürfwunden. Schmerz, wie er ihn nie gekannt hatte. Und plötzlich wurde ihm bewusst: Dies war kein Traum. Kein Spiel, kein Albtraum. Es war Realität. Blut, brennende Haut, die Kälte, der unerklärliche Raum – alles echt.

Ein metallisches Summen kündigte Bewegung an. Eine Tür an der Wand öffnete sich, und Licht schoss hinein, blendend, grell, als wollte es ihm die Pupillen verbrennen. Tori schloss die Augen, stieß einen krächzenden Laut aus, versuchte sich abzuschirmen. Als er wieder vorsichtig aufblickte, erkannte er zwei humanoide Umrisse. Rüstungen, starr, unpersönlich. Keine Gesichter. Kein Hinweis darauf, ob Freund oder Feind. Nur Präsenz, drohend, fremd.
Sie sprachen. Worte, schnell, rhythmisch, unverständlich. Für Tori eine Wand aus Lauten, die sein Gehirn nicht verarbeiten konnte. Jedes Wort wie ein Schlag, der gegen seine Konzentration prallte. Hunger pochte in seinem Magen, Durst brannte im Rachen. Die Wunden schmerzten, jede Bewegung ein Stachel. Angst, Schmerz, Müdigkeit und Verwirrung vermischten sich zu einem grellen Strom, der ihn überrollte.
Er taumelte zurück, Beine weich wie Pudding, Hände nach Halt suchend. Alles verschwamm, Licht, Schatten, die fremden Gestalten, der brennende Schmerz der Schnittwunden. Sein Geist kämpfte verzweifelt gegen die Überlastung an. Ein letzter Atemzug, ein verzweifelter Versuch, sich aufrecht zu halten – und dann verlor er den Halt.
Sein Körper sackte zusammen. Die Welt drehte sich, alles pulsierte, glühte und verschwamm. Die Realität um ihn herum, so fremd, so unergründlich, war stärker als er. Und schließlich: Ohnmacht.

---

Ich öffne die Augen und alles ist weich gedämpft, als würde das Licht selbst durch einen Schleier fallen. Mein Kopf pocht, jede Bewegung ein stechender Schmerz, und meine Arme fühlen sich schwer an, als trüge ich unsichtbare Lasten. Ich liege auf etwas Hartem, aber nicht unangenehm – fast wie ein Bett, aber anders. Über mir hängen Drähte und Sensoren, kleine Lichter blinken sanft, einige Anzeigen flimmern in Farben, die ich nicht einordnen kann. Mein Atem zieht sich schwer durch die Brust, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Die Geräte um mich herum wirken futuristisch, zu kompliziert, als dass sie zu dem passen könnten, was ich kenne. Ein Herzschlagmonitor? Vielleicht. Ein Scanner? Ich kann es nicht sagen. Mein erster Gedanke ist: Krankenhaus. Ich liege auf einer Art Krankenbett, angeschlossen an all diese Apparaturen. Mein Körper fühlt sich benebelt an, und für einen Moment frage ich mich, ob ich einfach ohnmächtig geworden bin, während ich gespielt habe. Hatte ich mich überanstrengt? War es ein Kollaps? Hatte ein Mitstudent oder vielleicht ein Lehrer mich gefunden und den Notarzt verständigt?
Dann öffnen sich die Türen und Licht flutet herein, heller als ich es vertragen kann. Ich blinzele und sehe zwei Menschen, die langsam hereintreten. Beide tragen weiße Uniformen, akkurat und steril, so wie man es aus Filmen von Krankenhäusern kennt. Ich will mich bewegen, etwas sagen, aber der Hals fühlt sich trocken und fremd an. Mein Herz rast. Okay, ruhig bleiben. Sie sind Menschen. Sie… sehen menschlich aus.
Doch als sie sprechen, wird mir klar: Ich verstehe kein Wort. Es ist nicht nur ein undeutliches Murmeln oder eine seltsame Aussprache. Die Laute, die sie formen, haben keinerlei Sinn für mich. Ich versuche zu antworten, sage: „Hallo? Ich…“, doch die Worte bleiben stecken, verhallen wie in Watte. Ihre Gesichter reagieren – sie sehen überrascht, verwirrt, aber nicht alarmiert aus. Sie verstehen mich genauso wenig, wie ich sie verstehe.
Sie gehen durch die Anzeigen auf den Geräten, überprüfen etwas, zeigen auf Monitore, tippen, drücken, murmeln weiterhin in einer Sprache, die ich nicht kenne. Mein Kopf schmerzt noch stärker, als mein Gehirn verzweifelt versucht, Sinn aus den Lauten zu ziehen. Nein, das kann nicht sein. Das ist unmöglich… ich bin doch zu Hause… oder? Ich drücke die Handflächen gegen die Matratze, suche Halt, doch alles fühlt sich fremd an.
Nach einigen Minuten, die wie Stunden erscheinen, drehen sich die beiden um und verlassen das Zimmer. Die Tür schließt sich geräuschlos, und das Dämmerlicht hüllt mich wieder ein. Die Geräte summen leise, ein monotones Brummen, und ich liege allein, den Körper schwer, den Kopf benebelt, die Gedanken wirr. Mein Herz pocht immer noch, Adrenalin und Angst mischen sich, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Krankenhaus… ich bin… ich bin im Krankenhaus. Aber… was ist mit dem Spiel? Mit dem Monitor? Mit der Realität?
Alles wirkt seltsam, fehl am Platz. Die Geräusche, das Licht, die Anzeigen – alles zu perfekt, zu sauber. Ich fühle mich wie ein Beobachter, fremd in einer Welt, die gleichzeitig vertraut und unerreichbar scheint. Meine Hände zittern, und ich weiß, dass ich nichts tun kann, außer zu warten, bis jemand zurückkommt oder etwas passiert. Alleine mit diesem Gefühl von Isolation, Unsicherheit und dem unstillbaren Drang, zu verstehen, wo ich gelandet bin.

Ich öffne die Augen erneut und merke sofort den Unterschied. Kein Druck in meinem Kopf, keine lähmende Schwere mehr, als hätte ich Stunden in einem Nebel geschlafen. Mein Körper fühlt sich erstaunlich fit an, die Muskeln locker, die Schnittwunden schmerzen nur noch leicht. Für einen Moment lasse ich mich auf die Ellbogen stützen, atme tief ein und aus. Klarheit kehrt zurück, und mit ihr ein unbestimmtes Gefühl von Vorsicht und Neugier.
Ich setze mich auf, stehe langsam auf und beginne, den Raum genauer zu inspizieren. Die Wände sind glatt, metallisch, reflektieren das schwache Dämmerlicht der Geräte. Sensoren blinken in rhythmischen Intervallen, Monitore zeigen Muster und Zahlen, die ich nicht verstehe, aber die irgendwie vertraut wirken. Ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl – alles minimalistisch, funktional, fast klinisch. Ich gehe herum, tippe auf die Oberflächen, untersuche die Anzeigen, taste an den Wänden entlang. Alles ist sauber, steril und gleichzeitig fremd. Keine Schalter, keine offensichtlichen Türen, nur ein Fenster, durch das ich erneut den grünen, blauen Planeten sehe.
Ich lehne mich kurz am Fensterrahmen ab, atme tief ein und denke daran, wie seltsam alles ist. Wie komme ich hierher? Was ist passiert? Mein Herz schlägt ruhig, aber aufmerksam. Alles ist still, nur das leise Summen der Geräte durchbricht die Stille. Ich spüre die Spannung in meinem Körper, die immer noch latent vorhanden ist, seit der abrupten Ankunft.
Plötzlich öffnet sich die Tür wieder. Mein Herz schlägt schneller, Reflexe setzen ein. Sie ist es – die Frau von vorhin. Aber dieses Mal kann ich mehr sehen. Lange, petrolfarbene Haare, leicht gewellt, zu einem festen Pferdeschweif gebunden. Pupurne Augen, die im schwachen Licht fast glühen. Ihre Haut ist leicht gebräunt, wie von einer Latina, und die Muskeln unter der Uniform wirken kräftig, aber nicht übertrieben. Ich muss unwillkürlich innehalten und mich fragen, ob das alles natürlich ist oder durch irgendeine Modifikation unterstützt wird. Sie ist etwa 1,70 m groß, präsent, aber nicht bedrohlich.
Kaum hat sie den Raum betreten, tritt ein Mann nach. Die gleiche Rüstung, die ich bei meiner Ankunft gesehen hatte, nur jetzt von Kopf bis Fuß sichtbar. Er ist um einen ganzen Kopf größer als ich, massiv gebaut und mit einem Blick, der Respekt und Einschüchterung zugleich ausstrahlt. Glatze, graue Augen – kalt, aber fokussiert. Sofort registriere ich jede Bewegung, jede Geste. War er einer von den Männern, die mich hergebracht haben? Militär? Polizei?
Die Frau beginnt, etwas zu sagen, in einer Sprache, die mir nach wie vor fremd ist, und der Mann antwortet ruhig. Eine kleine, kontrollierte Diskussion entwickelt sich, kein Laut zu laut, keine Emotion übertrieben. Ich habe mich wieder auf das Bett gesetzt, beobachte aufmerksam, meine Gedanken rasen. Irgendwie kommt mir die Sprache bekannt vor, als hätte ich sie irgendwo schon einmal gehört… aber was zum Teufel ist das?
Der Mann tritt auf mich zu, während die Frau im Hintergrund bleibt. Er stellt ein kleines Gerät auf den Tisch neben mir und beginnt zu gestikulieren, als wolle er mich auffordern zu sprechen. Zögernd tue ich es. Ich sage meinen Namen: „Tori Grau…“ Meine Stimme klingt heiser, fremd in der Stille des Raums. Doch als ich zu erzählen beginne, was passiert ist, spüre ich, wie eine Last von mir abfällt. Worte, Gedanken, Erklärungen – alles, was ich seit dem Vorfall mit dem Monitor gespürt habe, wird endlich greifbar, formuliert.
Nach ein paar Minuten nickt der Mann, tippt auf sein Gerät, und plötzlich höre ich die Worte klar. Übersetzt. Es klingt wie ein monotoner, neutraler Ton, aber verständlich.
„Ich bin Tahl Brenna“, sagt die Stimme aus dem Gerät. „Sicherheitschef der argonischen Handelsstation Alpha, Planet Argon Prime.“
Ich zucke zusammen. Mein Gehirn versucht, die Information zu verarbeiten. Handelsstation, Argon Prime, Sicherheitschef – Begriffe, die wie Science-Fiction wirken, und doch klingt alles real. Die Monitore schlagen aus, Alarmmeldungen flimmern auf, und sofort tritt die Frau näher, überprüft die Anzeigen, ihre Hände schnell, präzise. Sie ermahnt Tahl, dass er mich – den Patienten – nicht in einen Schockzustand versetzen soll.
„Valentina Esposito“, sagt jemand – offenbar ihre eigene Vorstellung. Ich versuche vorsichtig, eine Frage zu formulieren: Ob sie mir glauben, ob so etwas schon einmal passiert sei. Tahl zuckt mit den Schultern. „Noch nie mit jemandem, der plötzlich aufgetaucht ist. Aber… es gibt einige Berichte über Menschen, die ähnlich verschwanden und wieder auftauchten.“
Die Frau – etwa Mitte 20, stark, klar im Blick, professionell – wirft einen letzten prüfenden Blick auf mich. „Ruhe für den Patienten“, sagt sie, und ohne weiteres Schauen drängt sie den Sicherheitschef sanft, aber bestimmt aus dem Raum.
Ich liege wieder allein im Dämmerlicht. Aber diesmal ist es nicht nur das Licht, das mich umgibt. Ein kleines Datenpad liegt neben mir. Es ist auf meine Sprache eingestellt – die Sprache der Argonen – um sie zu lernen. Ich streiche mit der Hand darüber, fühle die glatte Oberfläche, die Leichtigkeit, mit der ich jetzt zumindest anfangen könnte, diese fremde Welt zu verstehen.
Für einen Moment lehne ich mich zurück, atme tief durch. Die Einsamkeit ist noch da, die Angst auch, aber zum ersten Mal seit der Ankunft spüre ich ein winziges Stück Kontrolle. Ein Werkzeug, um zu verstehen, zu lernen, vielleicht sogar zu überleben.

Ich folgte Thal Brenna durch die Korridore der Station, meine Schritte leise auf dem glatten Metallboden. Alles um uns herum war geschäftig, unzählige Individuen eilten vorbei, jeder in seiner eigenen Mission gefangen. Ich blieb dicht hinter ihm, meine Augen hektisch umherwandernd, jeden Details einprägend: die Art, wie sie sich bewegten, die Farben ihrer Haut, die Formen der Rüstungen, die Geräte, die sie trugen.
Instinktiv verglich ich sie mit dem, was ich aus der „X“-Reihe kannte. Da war ein Teladi-Weibchen, die Schuppen in einem satten Grün, die schlanken Arme mit den scharfen Klauen, und daneben ein Männchen, die bläulich schimmernden Schuppen, die in einer merkwürdigen Grazie Kunstwerke zu studieren schienen. Ich erkannte die Rasse sofort.
Ein Borone glitt an uns vorbei, sein Unterkörper wie ein Oktopus, der obere Teil wie ein Seepferd, die Haut türkisviolett, jeder Tentakelarm eingehüllt in einen eng anliegenden Umweltschutzanzug. Sie können ohne ihre Anzüge wohl kaum überleben. Unglaublich.
Ein paar Paraniden, groß und einschüchternd, mit rauer, sandfarbener Haut, drei Augen starr auf mich gerichtet. Ihre Haltung arrogant, überlegen – genau wie im Spiel. Ich schluckte. Wenn sie wüssten, wie klein ich mich hier fühlte…
Und dann, fast am Rand meines Blickfelds, einige Split. Reptilienartige, grauschwarze Haut, sechs Finger und Zehen, kleine, leere Löcher anstelle von Nasen und Ohren. Söldner, dachte ich sofort. Aggressiv, territorial. Besser, ihnen nicht zu nahe zu kommen.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Alles hier verglich ich sofort mit dem Spiel. Aber wie akkurat war das wirklich? In „X“ war alles logisch, berechenbar, nach Algorithmen strukturiert. Hier? Alles wirkte real, gefährlich, unvorhersehbar.
Die wenigen Bruchstücke Argonisch, die ich während meiner Tage in der Krankenstation gelernt hatte, halfen mir kaum. Die meiste Zeit war ich untersucht oder verhört worden. Jetzt aber waren wir auf dem Weg zur Sicherheitsebene, und ich spürte, wie sich eine Kälte der Angst in mir ausbreitete. Würden sie mich wegsperren? Sollte ich weglaufen? Nein. Ich hatte kein Geld, keine Ahnung, wohin ich fliehen sollte. Wenn sie mich inhaftierten, würde ich zumindest Essen, Trinken und einen Schlafplatz bekommen.
Ich spielte das Szenario im Kopf durch: Wenn ich fliehen würde, müsste ich stehlen, vielleicht Gewalt anwenden, Plätze aufsuchen, an die ich nie gedacht hätte. Und selbst dann – die meisten hier waren stärker, schneller, erfahrener. Selbst die „Schwächsten“ auf dieser Station würden mich überrennen.
Als wir die Sicherheitsabteilung erreichten, wurde mir klar, dass dies eine Art offizieller Registrierung war. Biometrische Daten wurden genommen: Fingerabdrücke, Iris-Scan, DNA. Alles wurde in eine Datenbank eingespeist, um potenzielle Verwandte zu finden. Keine Treffer. Zumindest nicht in der argonischen Föderation.
Tahl übergab mir eine ID-Card. „Funktioniert als Personalausweis, Reisepass und Bankkarte“, erklärte er. Erzählte, dass sie mir bereits aus einem Staatsfonds zehntausend Credits für Obdachlose, Verlorene oder Benachteiligte überwiesen hätten. Plötzlich spürte ich die Schwere meiner Situation. In „X“ hatte ich wenigstens ein Raumschiff als Wohnraum, ein paar Credits zum Start. Hier? Nichts.
Ich betrachtete die Karte in meiner Hand, fühlte das Gewicht der Verantwortung, die nun auf mir lag. Wie lange würden die zehntausend Credits reichen? Eine Woche? Ein Monat? Oder nur ein paar Tage? Ich musste mir eine Unterkunft auf der Raumstation besorgen oder auf dem Planeten eine Wohnung. Und das alles, während ich kaum die Sprache verstand. Jede Interaktion würde eine Hürde sein, jede Transaktion ein Risiko.
Ich schluckte. Meine Gedanken wirbelten, wie immer in solchen Momenten. Angst, Unsicherheit, Überforderung. Und doch – ein kleiner Funken blieb: Ein Anfang. Wenn ich jetzt nichts tat, würde ich untergehen. Ich musste lernen, mich anzupassen, mich zu schützen und die Umgebung zu verstehen. Schritt für Schritt.

Ich verließ die Sicherheitsebene mit der ID-Card in der Hand und einem dumpfen Gefühl im Magen. Thal Brenna hatte sich sachlich verabschiedet, fast schon korrekt-distanziert. Kein Misstrauen mehr, aber auch keine Nähe. Wahrscheinlich war ich für ihn ein offener Vorgang, nichts weiter. Einer von vielen Sonderfällen, die man dokumentierte und dann der Bürokratie überließ.
Allein.
Das Wort bekam hier ein anderes Gewicht.
Die Korridore verzweigten sich, wurden breiter, höher, lauter. Anzeigen flimmerten an den Wänden, Hologramme warben für Waren, Dienstleistungen, Transporte. Alles in Argonisch, zu schnell, zu komplex. Ich blieb stehen, eher aus Überforderung als aus Absicht, und ließ den Strom an Individuen an mir vorbeiziehen. Niemand achtete auf mich. Ich war unscheinbar, fremd, bedeutungslos. Ein Zustand, den ich aus meinem alten Leben kannte – nur dass er hier tödliche Konsequenzen haben konnte.
Quartier. Essen. Orientierung.
Drei einfache Ziele. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich auch nur eines davon angehen sollte.
Ich hob die ID-Card an und betrachtete sie erneut. Glatt, unscheinbar, ein kleines Symbol der argonischen Föderation. Zehntausend Credits. In meinem Kopf versuchte ich, das in etwas Greifbares zu übersetzen, scheiterte aber. Im Spiel hätte ich jetzt Preise verglichen, Tabellen geöffnet, optimiert. Hier gab es keine Benutzeroberfläche, keinen Pause-Knopf.
Ich setzte mich in Bewegung, folgte keinem bestimmten Weg, sondern ließ mich treiben. Dabei achtete ich unbewusst auf Notausgänge, Kameras, Sicherheitskräfte. Alte Gewohnheiten. Überleben begann immer mit Beobachtung.
„Tori?“
Ich blieb abrupt stehen. Mein Name. Klar ausgesprochen. Mein Herz machte einen Satz, und ich drehte mich um.
Valentina Esposito stand ein paar Meter hinter mir.
Ohne medizinische Geräte, ohne Dämmerlicht, ohne die sterile Distanz des Krankenzimmers wirkte sie anders. Realer. Sie trug eine schlichte, helle Uniform, praktischer geschnitten als zuvor, aber eindeutig medizinisch. Ihre petrolfarbenen Haare waren noch immer zum Pferdeschwanz gebunden, ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Die purpurnen Augen musterten mich aufmerksam, aber nicht kühl. Eher… besorgt.
„Du bist schon entlassen worden“, sagte sie langsam, deutlich. Ihr Argonisch war sauber, fast akzentfrei, aber sie sprach so, dass ich folgen konnte. Sie hatte sich angepasst. An mich.
„Ja“, antwortete ich nach einem kurzen Zögern. „Gerade eben.“
Ein paar Sekunden Stille. Menschen gingen an uns vorbei, Aliens ebenso, aber um uns herum entstand eine kleine Blase der Ruhe. Valentina musterte mein Gesicht, meine Haltung, wahrscheinlich auf der Suche nach Anzeichen von Überforderung. Sie wurde fündig.
„Du siehst verloren aus“, sagte sie offen.
Ich verzog den Mund. „Das bin ich auch.“
Ein leichtes, fast entschuldigendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich hatte gehofft, dich noch zu erwischen. Bevor man dich… sich selbst überlässt.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Mein erster Impuls war Ablehnung. Stolz. Reflex. Ich komme schon klar. Das hatte ich mir mein ganzes Leben eingeredet, auch wenn es selten stimmte.
„Danke“, sagte ich schließlich, „aber ich will dir keine Umstände machen.“
Kaum ausgesprochen, wusste ich, wie lächerlich das klang.
Valentina verschränkte die Arme nicht, trat mir nicht näher, übte keinen Druck aus. Sie sah mich einfach nur an. Ruhig. Einschätzend. Wie jemand, der gelernt hatte, Menschen in Ausnahmesituationen zu lesen.
„Tori“, sagte sie, und allein die Art, wie sie meinen Namen benutzte, ließ meine Abwehr bröckeln. „Du sprichst die Sprache kaum. Du kennst die Abläufe nicht. Du hast kein soziales Netz, keine Adresse, keinen Ansprechpartner. Das ist keine Umstandslosigkeit. Das ist ein Risiko.“
Ich atmete langsam aus. Sie hatte recht. Und ich hasste es.
„Ich… will niemandem zur Last fallen“, murmelte ich.
„Dann tu es auch nicht“, erwiderte sie ruhig. „Lass dir helfen. Das ist etwas anderes.“
Ich schwieg. In mir kämpften zwei Seiten gegeneinander. Die eine wollte Abstand, Kontrolle, Selbstständigkeit. Die andere war müde. Erschöpft. Allein. Und sehr, sehr bewusst darüber, wie schnell man hier verschwinden konnte, ohne dass es jemand bemerkte.
„Was… schlägst du vor?“ fragte ich schließlich.
Valentina nickte kaum merklich, als hätte sie genau darauf gewartet. „Erstmal etwas Einfaches. Essen. Dann ein temporäres Quartier. Es gibt auf der Station Übergangseinheiten für Neuankömmlinge ohne Status. Nicht komfortabel, aber sicher. Und günstig.“
„Günstig“ klang gut. Überlebensfähig.
„Und danach?“ fragte ich.
„Danach sehen wir weiter“, sagte sie. „Vielleicht Sprachprogramme. Vielleicht ein Vermittler. Vielleicht… Zeit.“
Zeit. Ein Luxus, den ich nie wirklich gehabt hatte.
Ich nickte langsam. „Okay.“
Das Wort fühlte sich schwer an, aber auch richtig.
Wir gingen nebeneinander los. Diesmal achtete ich weniger auf die fremden Wesen um uns herum, weniger auf potenzielle Gefahren. Stattdessen hörte ich auf ihre Schritte, gleichmäßig, ruhig. Sie passte ihr Tempo unbewusst meinem an.
„Warum hilfst du mir?“ fragte ich nach einer Weile.
Valentina sah nicht sofort zu mir. „Weil du kein Betrüger bist“, sagte sie. „Und kein Krimineller. Und weil ich gesehen habe, wie du reagiert hast, als man dir gesagt hat, wo du bist.“
Ich schluckte. „Wie habe ich reagiert?“
„Ehrlich“, antwortete sie. „Und verängstigt. Menschen, die lügen, reagieren anders.“
Ich dachte an den Moment, als der Name Argon Prime gefallen war. An das Ausschlagen der Monitore. An meinen Kontrollverlust.
„Außerdem“, fügte sie hinzu, „haben wir nicht viele Menschen wie dich. Nicht hier. Nicht so.“
Ich sah sie an. „Wie mich?“
Sie lächelte schwach. „Verloren zwischen Welten.“
Wir schwiegen wieder. Doch diesmal war es kein unangenehmes Schweigen. Eher ein vorsichtiges Einverständnis.
Zum ersten Mal seit meinem Erwachen auf dieser Station hatte ich das Gefühl, nicht völlig allein zu sein.
Und das machte mir fast genauso viel Angst wie alles andere.

Valentina begleitete mich zu den Wohnmodulen der Station. Je weiter wir uns vom geschäftigen Kern entfernten, desto ruhiger wurden die Korridore. Weniger Verkehr, weniger Lärm, mehr nüchterne Funktionalität. Die Übergangsquartiere lagen nicht versteckt, aber eindeutig am Rand der Prioritätenliste.
„Die billigsten Einheiten kosten zehn Credits pro Tazura“, erklärte sie, während sie an einem Terminal stehenblieb und mir die Anzeige zeigte.
Ich runzelte die Stirn. „Tazura…“
Sie lächelte leicht. „Dachte ich mir. Komm, kurze Einführung.“
Während sie die Buchung bestätigte, begann sie mir die interstellare Zeiteinteilung zu erklären. Sezura, Mizura, Stazura, Tazura – jede Einheit sauber genormt, losgelöst von planetaren Zyklen. Es machte Sinn. Zu viel Sinn. In einer Gemeinschaft, die sich über Dutzende Sonnensysteme erstreckte, war alles andere unpraktisch.
Als sie bei der Tazura ankam und erklärte, dass eine davon etwas mehr als einen Erdentag entsprach, fiel bei mir langsam der Groschen. Noch mehr, als sie beiläufig erwähnte, dass man mit dreizehn Jazuras als erwachsen galt.
Ich rechnete im Kopf, langsamer als sonst. Dreizehn Jazuras… interstellar. Achtzehn Menschenjahre. Und sie selbst?
„Du meintest vorhin… achtzehn Komma fünf Jazuras?“ fragte ich vorsichtig.
Sie nickte. „Ungefähr.“
Also etwa fünfundzwanzig. Mein erster Eindruck hatte mich nicht getäuscht. Trotzdem war es seltsam, diese Zahlen zu hören. Alles war vertraut und fremd zugleich. Menschen, ja. Aber nicht meine Menschen. Nicht meine Zeitrechnung. Nicht meine Geschichte.
Als sie mir nebenbei erklärte, dass die Argonen zwar in Menschenjahren rechneten, aber aufgrund des argonischen Sonnensystems andere Abweichungen hatten – Argon Prime als vierter Planet von Son-Ra, nicht dritter wie die Erde von Sol – fühlte es sich an, als würde jemand mein inneres Koordinatensystem langsam, aber unaufhaltsam verschieben.
Das Übergangsquartier selbst war… spartanisch. Ein kleiner Raum, zwei Sessel, ein schmaler Tisch dazwischen, eine Stasisbox für Lebensmittel, Sanitärmodul, Schlafnische. Keine Fenster. Keine Aussicht. Funktional. Sicher. Leer.
Ich trat ein und ließ den Blick schweifen.
„Nicht luxuriös“, sagte Valentina und machte eine ausladende Geste, „aber solide.“
Ich nickte. Luxus war ein Konzept aus einem anderen Leben.
Es gab weder Essen noch Trinken. Gut, dass sie mir auf dem Weg hierher gezeigt hatte, wo ich einkaufen konnte. Der kurze Abstecher hatte mir eine weitere Lektion beschert – diesmal über Credits. Preise, Relationen, Kaufkraft. Während ich durch die Regale gegangen war, hatte mein Kopf unwillkürlich umgerechnet. Am Ende war ich bei einem groben Kurs von etwa einem Credit zu fünf Euro gelandet.
Teuer. Aber nicht unvorstellbar.
Ich verstaute die Einkäufe in der Stasisbox und setzte mich ihr gegenüber. Der Tisch zwischen uns wirkte fast symbolisch. Nähe auf Distanz.
Valentina lehnte sich zurück und sah mich einen Moment lang schweigend an, als würde sie überlegen, wie viel sie mir noch zumuten konnte.
„Es gibt neben den Argonen noch andere menschliche Fraktionen“, begann sie dann.
Ich hob den Kopf. Menschen.
Sie erzählte von den Argonen selbst – und was dann folgte, traf mich unerwartet hart. Dass sie sich nicht auf Argon Prime entwickelt hatten. Dass sie ursprünglich eine terranische Kolonie namens Taurus waren. Gegründet im Jahr 2046. Vor über neunhundert Jahren.
Ich sagte nichts, zwang mich ruhig zu bleiben.
Sie sprach weiter, von der Identitätskrise, die diese Erkenntnis ausgelöst hatte, vom Beinahe-Zerfall der Föderation, von den Terranern, die ihren Anspruch zurückzogen, um keinen Krieg zu provozieren. Von den Goner, die Wissen bewahrten, die sich Wolkenbasis Südwest gesichert hatten und sich später den Terranern anschlossen.
In meinem Kopf kollidierte das Gesagte mit dem, was ich aus der X-Reihe kannte. Ähnlichkeiten, ja. Aber auch Abweichungen. Bedeutende. Ich schwieg. Jetzt war nicht der Moment, Lore zu korrigieren. Vor allem nicht, wenn ich selbst Teil einer Abweichung war.
Als sie von Aldrin sprach, vom wiederentdeckten Sprungtor im Jahr 2938, von einer isolierten terranischen Kolonie, die die Erde nie vergessen hatte, spürte ich ein unerwartetes Ziehen in der Brust. Sie haben erinnert. Und wir?
Sie erklärte die politischen Spannungen, die mögliche Machtverschiebung zugunsten der Terraner in den nächsten hundert Jahren, die Spekulationen über weitere verlorene Kolonien aus der Zeit des ersten Terraformerkriegs. Alles logisch. Alles beunruhigend.
Dann sprach sie über die Sprungtore. Über das Alte Volk. Über jahrhundertelange Forschung ohne Durchbruch. Und schließlich über die Beschleuniger. Raumautobahnen. Terranische Technologie. Unabhängig entwickelt.
Ich ließ mich in den Sessel sinken. Mein Kopf war voll. Zu voll.
„Danke“, sagte ich schließlich. Das Wort kam leiser heraus, als ich es beabsichtigt hatte.
Valentina nahm es an, ohne falsche Bescheidenheit. „Wenn du willst, helfe ich dir beim Lernen der Handelssprache“, bot sie an. „Übersetzer sind praktisch, aber sie helfen dir nicht bei Mimik, Gestik oder… Zwischentönen.“
Ich wusste, dass sie recht hatte. Und ich wusste auch, dass ich dieses Angebot nicht aus Stolz ablehnen durfte.
„Das wäre… gut“, sagte ich.
Sie lächelte, stand auf und verabschiedete sich kurze Zeit später. Als sich die Tür hinter ihr schloss, war es wieder still.
Ich aß etwas, trank, saß lange einfach nur da. Meine Gedanken kreisten, ordneten sich neu, fanden keinen festen Halt. Irgendwann legte ich mich hin. Der Schlaf kam unruhig, bruchstückhaft.
Und irgendwo zwischen Wachen und Träumen wurde mir klar, dass dies kein Prolog mehr war.
Das war mein neues Leben.



Fortsetzung erwünscht?

Der Stilbruch zwischen Erzähler- und Ich-Perpektive ist Absicht.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich den nicht gleich zu Anfang von Kapitel 0 hätte machen sollen.
Last edited by Rock Man Zero on Tue, 3. Feb 26, 21:43, edited 6 times in total.
Image
Ghostrider[FVP]
Posts: 3271
Joined: Wed, 6. Nov 02, 20:31
x3ap

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Ghostrider[FVP] »

Doch ja will nachdem ich das nun schon gelesen habe, wissen wie es mit Tori weiter geht. Welche Parallelen es noch zur X-Geschichte gibt und wie Tori da überhaupt reingeschlittert ist oder ob das ganze nicht doch eine Art Wach-Koma oder ähnliches und somit nur ein Traum ist. Also ja bitte weiter erzählen. :gruebel: :roll:
Föderation Vereinter Planeten -=)FVP(=-
Since 1998... join the future! X3-The Sonen
Image
Ghostrider's X-Universum [INDEX]Lucikes Scripts & Mods
Uwe Poppel
Moderator (Deutsch)
Moderator (Deutsch)
Posts: 3723
Joined: Sun, 4. Sep 05, 03:03
x4

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Habe mit auch jetzt die Zeit genommen, deine Geschichte zu lesen.
Finde ich gut, mal wieder eine X-Geschichte von Forenmitgliedern zu lesen, mal was anderes zum träumen... :wink:

„Verloren zwischen Welten.“ Na dann, auf ein Neues.
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
----------------------------
Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 1 Erkenntnisse

Ich hatte unerwartet gut geschlafen. Vielleicht lag es daran, dass mein Körper nach all dem Chaos auf der Station so dringend Ruhe brauchte. Oder daran, dass ich tagelang unter Stress stand, ohne wirklich zu schlafen. Kein Geld, keine Wohnung, keine Vorstellung, wie es weitergehen sollte. Und jetzt? Jetzt hatte ich zumindest zwei Schritte gemacht. Na gut, eher zwei halbe. Ich hatte Geld bekommen – geschenkt, aus einem Staatsfond –, aber kein Einkommen. Ich hatte eine Unterkunft – temporär –, aber keine langfristige Sicherheit. Und die Zukunft? Die war so unbestimmt, dass allein der Gedanke daran ein Ziehen in der Brust verursachte.
Und trotzdem hatte ich etwas getan. Unterbewusst. Etwas, das ich früher niemals durchgezogen hätte. Ich lernte die interstellare Handelssprache. Ich, Tori Grau, der schon mehrere Studiengänge angefangen und wieder abgebrochen hatte, weil Lernen mir nie leicht gefallen war. Doch jetzt war es… seltsam einfach. Ich verstand die Strukturen, die Grammatik, die Logik hinter den Wörtern. Sie erinnerte mich an Deutsch, teilweise. Gleichzeitig erkannte ich englische Entlehnungen, und immer wieder tauchten japanische Suffixe und Wörter auf, die den Satzfluss veränderten. Die Schwierigkeit lag nicht in der Sprache selbst, sondern in der historischen Vermischung und dem Dialekt. Nach neun Jahrhunderten hatte sich alles verschoben. Selbst einfache Begriffe erschlossen sich mir oft nur im Kontext.
Meine Angst, dass das Geld schnell aufgebraucht sein würde, trieb mich aus dem Quartier. Ich musste mich selbstständig versorgen, notfalls improvisieren. In der Nähe meiner Übergangsunterkunft stieß ich auf einen alten, etwas zwielichtig wirkenden Argonen. Der Händler wirkte so, als würde er schon seit Jahrzehnten hier stehen, ohne dass sich jemand je um seine Lizenz kümmmert. Sein Stand war klein, unscheinbar, aber voller Waren, die aus Terran-Gebieten stammten.
Ich suchte ohne Ziel und fand etwas: Terran Tonic und Protein Slabs. Das Tonic war ein elektrolythaltiges Getränk, das Piloten zur Rehydrierung dient und angeblich jeden Flüssigkeitsverlust ausglich. Die Protein Slabs konnten angeblich ganze Mahlzeiten ersetzen, waren nahrhaft und standardisiert. Beide Produkte schmeckten nach… nichts. Mein erster Bissen des Slabs ließ mich die Augen zusammenkneifen, so neutral war der Geschmack. Doch der Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Stundenlang kein Hunger, obwohl ich nur das Minimum gegessen hatte. Das Tonic tat, was es versprach: rehydrierte schnell und effizient. Mein Körper dankte mir, aber meine Blase machte mir klar, dass sie dafür hart arbeiten musste.
Nebenbei stolperte ich über Orbital Coffee. Der Name war Programm: Koffeinhaltig, auf Raumfahrer und Stationsbewohner zugeschnitten. Ich wollte die Wirkung spüren, ein kleines Stück Normalität aus meinem früheren Leben. Ich nahm einen Schluck, dann noch einen. Zehn Minuten später saß ich auf der Nasszelle und hielt mir den Bauch, während krampfartige Wellen durch mich gingen. Zweimal hatte ich es probiert – zweimal dasselbe Ergebnis. Mein Körper mochte es nicht. Mein Magen rebellierte sofort und jagte alles wieder hinaus.
Ich ließ die Tasse stehen und sah auf die Protein Slabs. Neutral, unscheinbar, funktional. Genau wie ich mich in dieser fremden Welt gerade fühlte. Überleben war pragmatisch. Geschmack, Komfort, Ästhetik – alles sekundär.
Ich setzte mich auf das Bett, das kleine Datenpad auf den Knien. Während ich die Handelssprache übte, fiel mein Blick immer wieder auf die Fenster, auf die blinkenden Hologramme draußen im Korridor, auf die Aliens, die geschäftig vorbeigingen. Die Teladi, Boronen, Paraniden, Split… jede Rasse erinnerte mich an meine alten Spielkenntnisse aus X. Aber das hier war real. Meine Theorie, dass die Rassen sich genauso verhielten wie im Spiel, war ein Anfang, aber nur ein Anfang. Ich durfte nicht vergessen, dass jede Handlung Konsequenzen hatte.
Zwischen Lernen, Essen, Trinken und den kleinen Alltagspflichten spürte ich eine merkwürdige Mischung aus Leere und Kontrolle. Ich konnte nichts ändern an dem, was passiert war – ich war hier, fremd, verloren. Aber ich konnte lernen. Ich konnte essen. Ich konnte überleben. Kleine Schritte. Zwei halbe Schritte.
Und während ich die Slabs kaute, die Hände vom Tonic klebrig, den Magen langsam beruhigt, dachte ich an die kommenden Tage. An die Sprachbarriere, an die fehlende Orientierung, an die Frage, ob ich mir hier jemals selbst helfen konnte.


Ich fand eine Bar, die ausschließlich argonische Getränke und Mahlzeiten anbot. Die Promenade war noch ruhig am Morgen, aber die Schilder blinkten bereits, Hologramme warben um Aufmerksamkeit. „Hyper Brew“, stand auf einem kleinen, blinkenden Display. Ich hatte schon von diesem Pulver gehört. Es ging weg wie geschnitten Brot, erzählte man mir, und tatsächlich – es war eine beliebte Wachmacher-Substanz für Bewohner von Raumstationen. Man schaufelte es sich in den Mund und spülte es mit einem Star Cola oder einem anderen Getränk herunter.
Zuhause probierte ich es zuerst. Das Gefühl war überraschend angenehm. Hellwach, konzentriert – und gleichzeitig merkte ich eine leichte Euphorie. Doch nach wenigen Stunden kam das, was ich befürchtet hatte: ein tiefer Einbruch. Müdigkeit, Unwohlsein, Kopfschmerzen. Der Drang, sofort noch mehr zu konsumieren, übermannte mich. Das war keine Hilfe für mich. Das war ein Suchtmittel. Und ich wollte nicht abhängig werden.
Also griff ich wieder zur Star Cola. Der Geschmack war süß, spritzig, fast vertraut. Ich trank es wie Wasser und spürte, wie es mich wach hielt. Doch die Konzentration ließ zu wünschen übrig. Meine Gedanken drifteten ab, sobald ich mich auf die Sprachübungen konzentrierte. Ich musste hinaus. Raus an die frische Luft – oder zumindest an die künstliche Promenadenluft der Station.
Die Stände reihten sich aneinander, jeder bot andere Waren, andere Nahrungsmittel, Getränke oder sogar seltsame Substanzen an. Ich fragte mich durch, suchte nach etwas, das mir beim Lernen half. Die meisten boten mir an, was ich bereits kannte und nicht mochte, oder was mein Körper ablehnte. Einige waren offen illegal, andere subtil. Nach einer Weile landete ich wieder bei dem zwielichtigen Argonen, bei dem ich die Terran-Produkte gefunden hatte. Er hatte nicht nur Terranerwaren, sondern auch Produkte anderer Rassen.
„Teladianisches Cola-Gel“, zeigte er mir. Zähflüssig wie Honig, mit reiner Zuckerladung. Die schwarze Masse mit den goldenen Kügelchen sah aus wie der Weltraum, doch schmeckte widerlich. Ich bekam kaum etwas hinunter. Fehlkauf.
Dann ein blau-glitzerndes Getränk von den Boronen – „N-Charge“. Und von den Split einen unscheinbaren violetten „Bloodwake Wine“. Ich ließ die Finger von allen Alien-Getränken. Mein Magen war noch nicht bereit für unbekannte Biochemie. Und ehrlich gesagt, war ich zu misstrauisch. Wie konnten so unterschiedliche Spezies diese Nahrungsmittel überhaupt verdauen?
Der Händler, immer noch zwielichtig, wies mich schließlich auf Void Juice hin. Herkunft unbekannt, Inhalt geheim. Nur soviel: aus Pilzen hergestellt, die im Inneren von Asteroiden gezüchtet wurden. Ich war skeptisch, aber probierte es.
Es war… erstaunlich.
Void Juice eröffnete mir eine neue Welt. Lernen fiel plötzlich zehnmal leichter. Star Cola hielt mich wach, die Nutri Slabs gaben meinem Körper, was er brauchte. Ich fühlte mich produktiv, klar, unaufhaltsam. Für fünf Tage.
Dann merkte ich, dass etwas nicht stimmte.
Der Händler verlangte plötzlich immer höhere Summen für die gleiche Menge Void Juice. Begründung: instabile Zucht, unregelmäßiger Nachschub. Mein Körper reagierte anders. Die Energie ließ nach. Ich griff nach einer neuen Phiole, doch meine Hände zitterten, ich konnte sie nicht richtig halten. Die Phiole fiel zu Boden und zerbrach.
Ich hörte etwas. Das Geräusch war seltsam vertraut. Plötzlich löste sich der starr gewordene Blick auf die Flüssigkeit und ich merkte: etwas stimmte nicht. Mein Herz raste. Ich wollte zur Tür. Meine Beine fühlten sich wie Gummi an. Jeder Schritt war ein Kampf. Minuten vergingen, Sekunden zogen sich ins Endlose.
Endlich stand ich an der Tür, öffnete sie – und verlor das Gleichgewicht. Nach hinten kippend spürte ich einen dumpfen Aufprall, keinen richtigen Schmerz, nur ein unangenehmes, taubes Gefühl. Mein Gesichtsfeld verschwamm. Geräusche schwankten zwischen klar und dumpf.
Umrisse formten sich, zuerst schemenhaft, dann langsam zu einem Gesicht. Nah. Zu nah. Mein Körper zuckte, als wolle er aufstehen, doch nur unkontrollierte Bewegungen waren möglich.
Etwas Warmes und Feuchtes zwischen meinen Beinen ließ mich zusammenzucken. Peinlich. Ich konnte mich kaum bewegen. Stimmen – mal klar, mal verzerrt – drangen zu mir. Ich glaubte meinen Namen zu hören.
Das Gesicht… ja, es kam mir bekannt vor. Eine Frau. Krankenschwester. Im Krankenhaus. Wer? Mein Gedächtnis kämpfte, konnte die Bruchstücke kaum zusammensetzen.
Und bevor ich das Bewusstsein verlor, begriff ich einen Moment lang mit kristallklarer Klarheit: Valentina Esposito kniete neben mir und aktivierte über ihr Armband einen medizinischen Notfall. Für wen? Mich!

Ich spürte, wie meine Sinne schwanden. Die Kälte des Bodens unter mir vermischte sich mit dem dumpfen Pochen in meinem Kopf. Mein Herz raste, und jeder Atemzug fühlte sich schwerer an als der vorherige. Die Wärme zwischen meinen Beinen ließ mich innerlich zusammenzucken, während ich mich kaum bewegen konnte. Alles um mich herum verschwamm, Stimmen, Lichter, Geräusche – nichts blieb konsistent.
Dann kam die Stimme. Klar, bestimmt, vertraut – Valentina. „Tori!“ Ihr Ton trug Dringlichkeit, aber auch Ruhe. Ich konnte nichts sagen, nicht einmal denken, dass ich sprechen wollte. Nur noch ein Reflex, ein Instinkt.
Ich fühlte, wie sie sich neben mich kniete. Ihre Hände berührten mich, tasteten nach meinem Puls, überprüften Atmung und Reaktionen. Ein leises Piepen und Klicken erfüllte meine Ohren. Ich begriff: sie bediente ihr medizinisches Armband, ein Gerät, das offenbar sofort den Notfall meldete. Dann spürte ich ein sanftes, aber kontrolliertes Ziehen an meinem Arm – Valentina führte mich, oder besser: sie stabilisierte meinen Körper.
Kleine elektrische Impulse, Temperatursonden, Messgeräte – alles wurde an mich angeschlossen. Es war unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Langsam, sehr langsam, konnte ich wieder Atemzüge tiefer ziehen. Die Krämpfe in meinem Magen ließen nach, die Übelkeit ebbte ab. Mein Herzschlag beruhigte sich, wenn auch nur minimal.
„Bleib ruhig, Tori. Atme durch.“ Ihre Worte kamen jetzt durch das Übersetzungsgerät direkt in mein Ohr. Ihre purpurnen Augen funkelten konzentriert, während sie die Anzeigen auf dem Armband und den tragbaren Monitoren studierte. Ich konnte kaum erkennen, ob sie sprach oder mich nur beobachtete. Irgendetwas in ihrem Blick beruhigte mich dennoch.
Dann hörte ich Schritte, Geräusche von Schritten auf Metall, Stimmen, die zu schnell sprachen, um sie zu verstehen. Zwei weitere Personen – humanoid, aber nicht menschlich – traten ein. Ein kurzangespanntes Gespräch, dann wieder die Aufmerksamkeit auf mich. Valentina schirmte mich instinktiv ab, legte ihre Hand auf meine Schulter, als wollte sie sagen: Es ist alles unter Kontrolle.
Ich spürte, wie die Umgebung langsam stabiler wurde. Die Hitze, die sich zwischen meinen Beinen gebildet hatte, verschwand ebenso wie das Zittern meiner Hände. Meine Gedanken, die zuvor wirr und sprunghaft waren, fingen an, wieder geordnet zu fließen. Ich konnte wieder spüren, dass mein Körper mir gehörte – wenigstens ein bisschen.
Irgendwann merkte ich, wie alles schwerer wurde, als würde die Schwerkraft um mich herum stärker werden. Die Stimmen, die Lichter, die Geräusche – alles verschwand in einem weißen Schleier. Ich wollte schreien, wollte mich festhalten, aber es gelang mir nicht. Nur noch ein letzter Gedanke: Void …
Und dann war Stille.


Als ich die Augen öffnete, war alles anders. Ich lag in einem Bett, das weich und stabil war. Über mir ein abgedunkeltes Licht, irgendwo … indirekt, sodass es nicht blendete. Die Geräte um mich herum piepsten regelmäßig, zeigten Werte, die ich nicht alle verstand, aber die beruhigend wirkten. Mein Körper fühlte sich wieder an wie mein eigener. Kein Zittern, kein Brennen, kein dumpfes Pochen mehr.
Ich blinzelte, erkannte die vertraute, aber sterile Umgebung: ein Krankenbett, Monitore, die Wände in dezenten Farben gestrichen, alles sauber und ordentlich. Ich war zurück in der Krankenstation. Doch diesmal auf der Intensivstation. Neben mir, am Bett, stand sie – Valentina Esposito, wie immer in ihrer weißen Uniform, die petrolfarbenen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, die purpurnen Augen aufmerksam auf mich gerichtet.
„Du bist wieder stabil, Tori“, sagte sie, diesmal auf verständliche Weise. Ich blinzelte, noch benommen, aber endlich fähig zu verstehen. Mein Körper und Geist waren klarer, bereit, die nächsten Schritte zu tun.
Valentina stand neben meinem Bett, die Arme verschränkt, und ich fühlte sofort, dass sie ernst war. „Du hattest verdammtes Glück“, begann sie, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Ich wollte etwas sagen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen. Ihre Augen funkelten, die purpurnen Irisfarben schimmerten im gedämpften Licht der Krankenstation.
„Ich bin schon öfters bei dir vorbei gekommen“, fuhr sie fort, „aber du hast nie aufgemacht. Irgendwann habe ich mir Sorgen gemacht und beschlossen, notfalls den medizinischen Überbrückungscode zu nutzen. Meine Intuition hat sich nicht getäuscht. Du wärst beinahe gestorben.“
Ich starrte sie nur an, unfähig, einen Laut herauszubringen. Mein Körper fühlte sich immer noch wie ein Wrack an. Kreislauf, Muskeln, Geist – alles ein Häufchen Elend.
Valentina ließ jedoch nicht locker und begann sofort, mich zu schimpfen. Dabei erklärte sie mir mit klarer, unmissverständlicher Stimme die Gefahren von Void Juice:
„Void Juice wird aus seltenen Pilzen und Mikroorganismen gewonnen, die in Asteroidenhöhlen oder verlassenen Raumstationen gezüchtet werden. Die Zuchtbedingungen sind kompliziert, die chemische Zusammensetzung instabil. Daher gibt es das nur auf dem Schwarzmarkt. Manchmal wird es mit Zucker oder künstlichen Aromastoffen gemischt, damit es überhaupt genießbar ist.“
Ich hörte ihr halb zu, während mein Kopf noch dröhnte, doch sie fuhr unaufhaltsam fort:
„Die Wirkung? Kurzzeitige Wachheit und Konzentrationssteigerung – hohe Abhängigkeit bereits nach kurzer Zeit. Leichte Euphorie, minimal gesteigerte Reaktionszeit. Aber die Risiken sind enorm: Überdosierung führt zu Nervosität, Herzrasen, Schlaflosigkeit, gelegentlich Halluzinationen. Dauerhafter Konsum kann neurologische Schäden verursachen.“
Mein Herz sank. Ich hatte gehofft, dass es nur ein harmloses Wachmachermittel war. Stattdessen hörte ich nur Warnungen, die jeden Teil meines bisherigen Handelns in Frage stellten.
Valentina erklärte weiter, dass sich bereits ein Pilzbefall in meinem Magen und Darm ausgebreitet hatte. Zum Glück nur leicht, im Anfangsstadium. Kein Wunder, dachte ich, dass mein Stuhlgang in den letzten Tagen so flüssig war. Mein Magen rebellierte, und ich hatte es immer noch nicht richtig verarbeitet, dass ich selbst schuld war.
„Zum Glück ist dein Gehirn noch verschont“, fügte sie hinzu, „die Ärzte vermuten, dass deine Physiologie von der der Argonen abweicht. Das hat dich geschützt.“
Wieder vergingen Tage. Ich fühlte mich miserabel, obwohl es von Tag zu Tag minimal besser wurde. War das der Entzug? Ich wusste es nicht. Eigentlich wollte ich freundlich wirken, wenigstens ein neutrales Gesicht machen, aber meine Laune war am Boden. Wenn Ärzte oder Krankenschwestern den Raum betraten, starrte ich einfach nur vor mich hin.
Valentina kam gelegentlich vorbei. Anfangs strafte sie mich mit eiskalten Blicken. Sie war schließlich nicht meine persönliche Krankenschwester und hatte anderes zu tun. Doch mit der Zeit, und je länger sie mich beobachtete, wurde ihr Blick mitleidiger.
Als ich schließlich entlassen wurde, war sie nicht da. Ich fühlte eine leise Leere, die schwerer wog als meine körperlichen Beschwerden. Ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Präsenz – alles hatte mir Sicherheit gegeben. Nun war ich wieder allein, aber vielleicht, dachte ich, würde ich es ohne sie schaffen.


Ich trat aus den Türen der Krankenstation in den künstlichen Garten hinaus. Die Sonne schien blendend durch transparente Wände, das Licht spiegelte sich auf den metallischen Oberflächen der Gehwege und den Kuppeln über den Pflanzen. Alles war perfekt arrangiert, steril schön, doch ich konnte mich nicht über die Farben, die Düfte oder die futuristischen Gerätschaften freuen. Stattdessen spürte ich einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen.
Hier draußen, zwischen den akkurat gezüchteten Bäumen und den leuchtenden Sträuchern, wurde mir etwas Unumstößliches bewusst: Das hier ist keine Geschichte, in der ich ein Held bin. Keine Animewelt, kein Manga-Abenteuer. Ich besitze keine übernatürlichen Kräfte, keine unendliche Energie, kein magisches Inventar, in dem sich unzählige Heiltränke stapeln, kein Statusfenster, das mir die Welt erklärt oder Warnungen gibt. Nichts von alledem. Nur ich – ein durchschnittlicher junger Mann, der vor zwei Wochen noch in einer vertrauten Realität gelebt hatte.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, während ich mich umsah. Jeder Schritt auf den metallisch glänzenden Platten des Gartens fühlte sich plötzlich wie ein Risiko an. Ein falscher Tritt, und ich könnte stolpern. Eine unachtsame Bewegung, und wer weiß, welche Konsequenzen das in dieser Welt hätte. Es gab keine Gnade für Fehler, keine Rückspultaste, keine zweite Chance.
Ich dachte an Void Juice, an Star Cola, an die Nutri Slabs. Alles hatte mir bisher geholfen oder geschadet, aber hier draußen war ich ein Nichts. Meine Augen scannten die Umgebung, registrierten die Sicherheitskräfte, die vorbeigingen, die Rassen, die sich zwischen den Gehwegen bewegten. Jede Bewegung wirkte plausibel tödlich, jede Begegnung unvorhersehbar.
Und in diesem Moment wurde mir klar: Ich muss alles neu lernen, Schritt für Schritt, allein. Selbst einfache Dinge, die früher selbstverständlich waren – laufen, atmen, Nahrung finden, mich vor Gefahren schützen – konnten hier schon den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Es war kein Spiel mehr. Kein Training, kein Tutorial. Die Regeln dieser Welt waren gnadenlos, und niemand wird mir sagen, wann ich scheitern würde.
Ich sank auf eine der Bänke zwischen den künstlichen Bäumen und ließ den Blick über den Garten schweifen. Mein Puls beruhigte sich nur langsam, aber die Erkenntnis blieb: Jeder Fehler ist final. Jeder Fehltritt könnte das Ende bedeuten. Keine Statistik, kein Levelaufstieg, keine Schutzmechanismen. Nur mein Körper, mein Geist – und die gnadenlose Realität dieser Welt.
Und ich war nicht vorbereitet. Nicht annähernd.


Ich zuckte zusammen, als ich die Hand auf meiner linken Schulter spürte. Ein Blitz fuhr durch meinen Körper, mein Herz setzte einen Schlag aus, und ich fuhr hoch, als hätte mich der Blitz selbst getroffen. Meine erste Reaktion war pure Angst. Ein Überfall? Eine Entführung? Jemand, der mir etwas antun wollte?
Doch als ich aufsah, erkannte ich Valentina. Ihre Augen waren weit geöffnet, die Stirn leicht gerunzelt. Besorgnis in jeder Bewegung. „Tori, wie geht es dir?“, fragte sie. Nur diese eine, einfache Frage löste etwas in mir aus. Etwas, das ich lange unterdrückt hatte.
Plötzlich brach alles über mir herein. Die Fassade, die ich tagelang aufrechterhalten hatte, zerbarst. Ich fühlte, wie Tränen meine Wangen hinunterliefen, während die Angst, die sich in den letzten Tagen in mir aufgestaut hatte, sich Bahn brach. „Ich… ich weiß nicht…“, stammelte ich, doch die Worte wurden von Schluchzern verschluckt. Ich erzählte ihr alles. Von meiner Erkenntnis über diese Welt, dass hier niemand Held war. Dass jeder kleine Fehler tödlich sein konnte. Dass ich keine speziellen Kräfte, keine magischen Werkzeuge, kein Inventar und kein Statusfenster hatte. Ich sprach über meine Angst vor der Zukunft, vor dem Universum, vor den Menschen, Aliens, vor allem.
Valentina versuchte, mich mit Worten zu beruhigen, doch ich hörte nur noch ein Rauschen, ein Echo meiner eigenen Angst. Schließlich seufzte sie und zog ein kleines Injektionsgerät aus ihrer Tasche. „Das wird dir helfen, dich zu stabilisieren“, sagte sie und gab mir eine Dosis Beruhigungsmittel. Ich spürte, wie sich die Panik langsam zurückzog, wie ein schwerer Mantel, der mir von den Schultern genommen wurde.


Kurz darauf öffnete sich die Welt um mich herum wieder. Ich wachte in einem Krankenhauszimmer auf, diesmal auf der neurologischen Abteilung. Ich war nicht auf der Intensivstation – das war ein tröstlicher Gedanke, so absurd es auch war. Mein Körper fühlte sich schwer, aber stabiler an. Ich atmete tief durch, spürte die Realität meiner Lage und gleichzeitig die Sicherheit, die der sterile Raum mir bot.
Nach einem erholsamen Schlaf – ich wusste nicht einmal, wie lange ich geschlafen hatte – betrat Tahl Brenna das Zimmer. Diesmal trug er keine Rüstung. Seine Uniform war stilvoll: dominierend schwarz, durchsetzt mit blauen und grünen Elementen. Ich konnte nicht umhin, ein leises Kompliment zu flüstern, das Tahl mit einem Nicken und einem kurzen Lächeln quittierte, bevor er zum Grund seines Besuchs kam.
Er wollte wissen, von wem ich das Void Juice erhalten hatte und wo man das Individuum finden konnte. Mit einer professionellen Ruhe überreichte er mir ein Datenpad. „Schreib alles auf“, sagte er. „Jede Information, jede Beobachtung.“
Ich begann sofort alles zu dokumentieren, nachdem Tahl gegangen war: nicht nur die Orte und Zeiten, sondern auch das Aussehen des zwielichtigen Argonenhändlers, der in der Nähe meines Quartiers operierte, und die anderen Händler, die ich in der letzten Woche besucht hatte.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Absurderweise hatte ich seit meiner Ankunft mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als draußen. Die Realität war gnadenlos, die Tage hier fühlten sich an wie ein Spiel auf Ultimate-Hell-Schwierigkeitsgrad mit Dead-is-Dead-Modus: ein einziger Fehler konnte das Ende bedeuten, es gab keine manuelle Speicherung. Ein Gedanke, der mir eiskalt den Rücken hinunterlief.
Ich blieb noch zwei weitere Tage unter Aufsicht im Krankenhaus. Offenbar hatten sie Angst, dass ich mir selbst etwas antun könnte. Ich wusste, dass ich mein eigenes Leben schätzte, dass die Angst vor dem Tod mich wach hielt. In der Zwischenzeit wurden Scans gemacht: ich war kein Argone, meine Biologie war nur knapp kompatibel. Terranerblut war selten, und kaum jemand konnte damit wirklich Vergleiche anstellen.
In diesen Tagen kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht eines Tages die Terraner selbst besuchen sollte. Wie würde die Erde hier aussehen? Wie die Menschen? Gleichzeitig wusste ich, dass es teuer und gefährlich sein würde.
Als ich schließlich entlassen wurde, stand Tahl Brenna erneut neben mir. Diesmal führte er mich zum Sicherheitsbüro, und ich konnte kaum glauben, was geschah: 50.000 Credits wurden meinem Konto gutgeschrieben. Mein Mund klappte auf. „Mit den Informationen, die du gegeben hast“, erklärte Tahl, „konnten wir nicht nur einen Dealer, sondern gleich einen ganzen Ring schnappen.“
Plötzlich trat Valentina hinzu, diesmal in ziviler Kleidung, dezent, unauffällig, aber unverkennbar. Sie würde mich abholen. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als Tahl erklärte: „Ich werde euch fliegen.“
„Fliegen?“ fragte ich, die Stimme unwillkürlich zittrig.
„Von der Handelsstation Alpha 1 zum Planeten Argon Prime“, erklärte Tahl sachlich. „Du wirst in einem Safehouse untergebracht, weil du als Zeuge die Beschuldigten identifizieren sollst. Valentina wird ebenfalls dabei sein, um belastende Beweise deiner Untersuchungen vorzulegen.“
Mein Herz raste. Panik kroch sofort wieder hoch. Würde mich jetzt eine kriminelle Organisation verfolgen? Würde ich sterben, bevor ich überhaupt eine Chance bekam, mich anzupassen? Ich wollte zurück in meine Realität. Zurück in die Sicherheit meines Zimmers, zu den simplen Sorgen des Alltags, wo ich nicht um mein Leben fürchten musste. Höchstens um das digitale, in meinen Spielen.
Aber ich wusste: Es war zu spät. Diese Realität hier war gnadenlos, und sie machte keine Pause für Tränen oder Angst.
Last edited by Rock Man Zero on Sun, 1. Feb 26, 14:23, edited 1 time in total.
Image
Uwe Poppel
Moderator (Deutsch)
Moderator (Deutsch)
Posts: 3723
Joined: Sun, 4. Sep 05, 03:03
x4

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Spannend - weiter so... :thumb_up:
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
----------------------------
Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
Ghostrider[FVP]
Posts: 3271
Joined: Wed, 6. Nov 02, 20:31
x3ap

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Ghostrider[FVP] »

Uwe Poppel wrote: Thu, 22. Jan 26, 00:44 Spannend - weiter so... :thumb_up:
Dem kann ich nur zustimmen und gleich mal abonniert damit ich erfahre wenn es weiter geht - :mrgreen:
Föderation Vereinter Planeten -=)FVP(=-
Since 1998... join the future! X3-The Sonen
Image
Ghostrider's X-Universum [INDEX]Lucikes Scripts & Mods
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Danke euch beiden fürs Lesen und für das Feedback, das freut mich wirklich sehr.
Dass ihr neugierig seid, wie es mit Tori weitergeht, zeigt mir, dass ich mit den offenen Fragen genau richtig liege. Ob das Ganze „wirklich“ X ist, warum es diese Parallelen gibt und wie er da überhaupt reingeraten ist – genau das will ich nach und nach aufgreifen. Und, die Frage nach Traum, Wachkoma oder echter Versetzung ist eigentlich geklärt.

Dieses Verloren-sein zwischen Welten ist für mich eines der Kernthemen der Geschichte, umso schöner zu sehen, dass das bei euch ankommt.
Dass du sogar abonniert hast, Ghostrider, ist natürlich ein extra Ansporn.

Was mir auch wichtig ist: Jeder, der das hier liest, darf gern Fragen stellen. Ich werde vermutlich nicht alles beantworten können oder wollen, weil manches der Geschichte vorgreifen würde, aber ich lese alles. Genauso würde ich mich sehr darüber freuen, wenn ihr mir sagt, was euch gut gefällt – und auch, was euch nicht gefällt. Vor allem das Warum dahinter hilft mir enorm weiter.

Es geht auf jeden Fall weiter, auch wenn ich mir beim Erzählen bewusst Zeit lasse. Danke fürs Dranbleiben und fürs Mitträumen.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 2: Strange New World

Ich wurde von Tahl und einer Handvoll seiner Männer quer durch die Raumstation eskortiert. Sie trugen ihre vollständigen Rüstungen, schwer, kantig, funktional, und waren sichtbar bewaffnet. Die Waffen wirkten nicht wie Abschreckung, sondern wie eine nüchterne Notwendigkeit. Valentina war ebenfalls bei uns. Wenn sie Angst hatte oder sich unwohl fühlte, ließ sie es sich nicht anmerken. Ihr Gang war ruhig, kontrolliert, beinahe routiniert.
Ich dagegen zuckte bei jedem Lichtspiel, bei jedem Schatten, der sich an den metallischen Wänden der Korridore brach. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand.
Wir mieden die offenen Wege der Raumstation. Keine Promenaden, keine Händler, keine dicht gedrängten Massen unterschiedlichster Spezies. Stattdessen führten uns schmale Wartungskorridore durch das Innere der Station. Kabelstränge verliefen offen an den Wänden, dicke Rohre pulsierten leise, und irgendwo tropfte regelmäßig Kondenswasser auf den Boden. Tahl ging an der Spitze. Ab und zu hob er eine Hand, formte ein Zeichen, und seine Leute reagierten sofort. Niemand sprach ein Wort.
Ich ließ meine Gedanken treiben. War ich wirklich so sehr in Gefahr? Niemand kannte mich. Ich war kein Politiker, kein Militär, kein Händler mit Einfluss. Ich war ein Niemand. Warum also dieser Aufwand? Warum diese Umwege? Warum nicht einfach zu den regulären Andockbuchten?
Oder unterschätzte ich die Organisation, in deren Angelegenheiten ich hineingeraten war? War der gesprengte Drogenring nur ein kleiner Teil von etwas Größerem? Etwas, das bereit war, einen Zeugen verschwinden zu lassen?
Ich wollte fragen. Mehrmals. Doch jedes Mal blieb mir die Stimme im Hals stecken. Die Spannung in der Gruppe war greifbar, und ich hatte das Gefühl, dass jedes unnötige Wort hier fehl am Platz war.
Die Zeit verging quälend langsam, doch nichts geschah. Keine Alarme, keine Schüsse, keine plötzlichen Bewegungen. Schließlich erreichten wir unser Ziel. Eine unscheinbare Schleuse öffnete sich, und ich betrat zusammen mit Tahl und Valentina einen kompakten Personentransporter. Die übrigen Sicherheitskräfte verteilten sich auf Begleitjäger.
Alle Schiffe hatten eines gemeinsam. Abgesehen vom klar erkennbaren argonischen Design waren sie in einem dunklen, fast nachtblauen Farbton lackiert, mit sekundären Akzenten in tiefem Grün. Erkennung, nicht Zierde. Es waren Polizeischiffe.

Als der Personentransporter startete, zog sich mein Magen leicht zusammen. Kein ruckartiger Schub, kein dramatisches Dröhnen – eher ein gleichmäßiges Anheben, das sich falsch anfühlte, weil mein Körper etwas anderes erwartete. Als wir die Handelsstation verließen, spürte ich, wie mein eigenes Gewicht nahezu verschwand.
Ich war froh, dass man mich vorher angewiesen hatte, mich hinzusetzen und anzuschnallen. Ohne Raumanzug trug ich keine Magnetstiefel, hatte also keine Möglichkeit, mich im Schiff frei zu bewegen. Ein kurzer, irrationaler Gedanke schoss mir durch den Kopf: Was, wenn ich mich losriss und einfach davontrieb?
Durch ein Bullauge blickte ich hinaus. Die runde Form der Handelsstation kam mir plötzlich vertraut vor. Sie erinnerte eher an ein gigantisches Rad als an die abstrakten Konstruktionen aus Filmen und Serien. Erst jetzt begriff ich, warum ich mich dort hatte ganz normal bewegen können. Die Station rotierte um ihre eigene Achse. Die entstehende Fliehkraft erzeugte eine künstliche Schwerkraft.
Ein simples Prinzip. Und doch hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht.
Hier, in diesem Schiff, gab es diese Rotation nicht. Keine Fliehkraft, keine simulierte Erdähnlichkeit. Schwerelosigkeit. Und deshalb Magnetstiefel, Haltegurte, andere Lösungen. Die Realität war nicht spektakulär. Sie war funktional.
Ich schluckte.
Das hier war keine Geschichte über Helden. Keine Bühne für große Gesten oder übermenschliche Fähigkeiten. Das war eine Welt, die funktionierte – oder einen zermalmte, wenn man nicht aufpasste.
Und ich war vor nicht allzulanger Zeit erst angekommen.

Ich starrte weiter auf einen fernen blauen Nebel. Die vorbeiziehenden Schiffe wirkten wie winzige Punkte, die Raumstationen nur als ferne Striche im Nichts. Es war eine nüchterne, beinahe brutale Perspektive: alles, was in Filmen oder Spielen als nah und greifbar dargestellt wird, war in Wirklichkeit so weit entfernt, dass das Auge kaum noch etwas erfassen konnte. Ich musste mich zwingen, das richtig einzuordnen, sonst würde mir die Dimensionen des Raums nicht klar werden.
Langsam lehnte ich mich zurück, versuchte, die Panik ein wenig abzuschütteln, und spähte vorsichtig in das Cockpit. Meine Fragen drängten sich auf, Fragen, die ich schon seit der Station auf der Zunge hatte: „Warum haben wir die Geheimgänge benutzt? Vor wem fliehen wir?“
Tahl antwortete ohne sichtbar zu sein, seine Stimme fest wie immer. „Wir fliehen nicht. Sicherheit steht an erster Stelle. Vor allem, weil eine Gelegenheit wie diese selten ist – und vermutlich nicht wiederkommt.“ Ich spürte, wie meine Schultern sich etwas entspannten, doch die Worte waren nur ein dünner Schutz gegen meine innere Unruhe.
Er erklärte, dass die Sicherheitsbehörden der argonischen Föderation seit Jahren gegen illegale Geschäfte vorgehen und kleine bis größere Ringe aushoben. Doch trotz ihrer Bemühungen füllten sich die Lücken schnell wieder. Das System war komplex, durchlöchert wie ein Netz, in dem immer irgendwo Piraten oder Schmuggler durchrutschten.
Valentina meldete sich erstmals zu Wort. Sie wirkte ruhig, sachlich, aber ich konnte in ihren Augen die Skepsis erkennen. Sie glaubte nicht blind, was die offiziellen Meldungen über Sicherheit und Frieden behaupteten. Im Kerngebiet der Föderation, hier auf Argon Prime und im Orbit, seien Verbrechersyndikate kaum aktiv – das zumindest war ihr Eindruck.
Tahl brummte nur zustimmend. Dann sprach er: „Die Regierung und Behörden wollen ein Bild des friedlichen Kernsektors vermitteln. Doch der Schein trügt, sie sind hier. Subtil, nicht offen.“
Valentina hakte nach: „Wer steckt dahinter?“
Tahl schwieg einen Moment. Ob er die Antwort nicht kannte oder abwog, wie viel er preisgeben durfte, war mir unklar. „Man weiß es nicht genau. Alles läuft über Strohmänner, Hintermänner. Meistens über mehrere Akteure. Deshalb ist es schwer, jemanden dingfest zu machen.“
Ich wagte die direkte Frage: „Aber Namen gibt es doch?“
Keine Antwort.
Valentina warf zwei Worte in den Raum: „Yaki… Freie Liga von Hatikvah.“
Tahl schnaubte nur, ohne Kommentar.
In mir setzte ein merkwürdiges Déjà-vu ein. Ich kannte diese Begriffe aus dem Lore, aber hier? Alles fühlte sich realer an, schmerzlicher. Ich fragte Valentina leise, ob die Yaki reine Piraten seien, so wie die Hatikvah. Sie antwortete ihm gegenüber sitzend, während der Planet Argon Prime das Bullauge ausfüllte.
„Die Yaki sind die üble Sorte von Piraten. Frachterüberfälle, Geiselnahmen und anschließend Sklavenhandel, wenn kein Lösegeld gezahlt wird. Hatikvah hingegen… Piraterie konnte dort nicht nachgewiesen werden. Es ist ein Stadtstaat innerhalb der argonischen Föderation.“
Ich horchte auf. Ich hatte so von Hatikvah noch nie gehört. Also Unterschied sich die Lore vom Spiel von dieser Realität! Ich schwieg, um mein Wissen nicht preiszugeben. Oder Unwissen - je nach dem.
Valentina fuhr fort: „778 NAZ wurden alle Sprungtore vom alten Volk deaktiviert, die diese vor Millionen von Jahren gebaut hatten. Niemand hat sie je gesehen. 809 NAZ wurden sie wieder aktiviert – teilweise anders verbunden. Die politische Lage ist sehr angespannt. Sternensysteme, die vorher benachbart waren, liegen plötzlich mehrere Sprünge entfernt. Einige mitten im Territorium anderer Spezies.“
Ich rechnete im Kopf um, da ich das Zeitsystem erst gelernt hatte: 778 NAZ entsprach 2947 terranischer Kalender, 809 NAZ war 2973. Und wir? Das Jahr? Ich wusste es nicht und schwieg. Vielleicht würde ich Tahl oder Valentina irgendwann danach fragen. Vielleicht würde ich es vermeiden können mich zu blamieren, indem ich die Nachrichten verfolgte.
Ich starrte wieder hinaus ins All. Die Realität war gnadenlos. Keine Spielmechanik, kein Inventar, keine Statusfenster. Jeder kleine Fehler konnte tödlich sein. Mein Herz pochte, während ich versuchte, die Zahlen, Namen und Ereignisse zu sortieren. Die Schwerkraft des Raumes war künstlich, die Bewegung an Bord noch ungewohnt, und trotzdem… fühlte ich mich lebendig. Aber klein. Unglaublich klein in diesem unendlichen, unberechenbaren Kosmos.

Nichts desto trotz hatte das, was Tahl und Valentina gesagt hatten, mir nur einen Rahmen gegeben. Ich wusste nun ungefähr, in welches Netz ich hineingestolpert war – unabsichtlich, ohne Vorbereitung, ohne Chance auf Rückzug. Waren es wirklich die großen Syndikate, die hinter mir her waren? Sogar ein zwielichtiger Stadtstaat? Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf, während ich versuchte, das Gefühl der Kontrolle zu behalten, das mir schon lange abhandengekommen war.
Plötzlich begann das Schiff zu zittern. Mein Magen krampfte sich zusammen, Panik kroch mir über den Rücken. Ich griff nach der Lehne meines Sitzes, während Valentina mir gegenüber ruhig blieb und leise beruhigend sprach. Tahl, der vorne im Cockpit stand, ließ seine Stimme erklingen: „Entspannt euch. Keine Gefahr. Wir sind nach ungefähr einer Stunde Flugzeit in die Atmosphäre eingetreten und setzen nun zur Landung an.“
Ich wandte meinen Blick zum Cockpit. Vereinzelt züngelten Flammen an der Hülle entlang, das Licht reflektierte in den Bullaugen. Das Schauspiel war gleichermaßen beängstigend und faszinierend. Aus dem Fenster neben mir konnte ich die Turbulenzen am Rand der Atmosphäre erkennen, während Valentina erstaunlich gelassen wirkte. Für mich hingegen war alles neu. Ich hatte nie ein Flugzeug bestiegen, geschweige denn ein Raumschiff durch die Atmosphäre manövriert.
Doch ebenso schnell, wie das Zittern begonnen hatte, war es vorbei. Während des atmosphärischen Durchgangs konnte ich beobachten, dass die Schilde nur wenige Zentimeter von der Hülle entfernt glitten. Das Wabern und Glitzern der Energie hatte etwas Hypnotisches; es beruhigte mich mehr, als ich erwartet hatte. Die Schwerkraft setzte ein, spürbar anders als auf der Erde – etwas weniger stark, aber ausreichend.
Tahl überließ den Rest dem Autopiloten und kam zu uns ins Heck. „Schnallt euch ab“, befahl er. Valentina und ich sahen uns verwirrt an. Normalerweise blieb man während des atmosphärischen Flugs angeschnallt – Turbulenzen waren gefährlich. Doch während er an der Rückwand hantierte, glitt die Verkleidung zur Seite und ein kleines Podest kam zum Vorschein. Valentina erkannte es sofort. „Ein Teleporter!“, rief sie.
Tahl erklärte, dass wir nun alle drei auf die Planetenoberfläche teleportieren müssten, um potenzielle Verfolger zu täuschen. Der Personentransporter würde um den halben Planeten fliegen und in einer völlig anderen Stadt landen, sodass niemand den wahren Zielort erahnen konnte.
Mein Bauch zog sich zusammen. „Ich werde mich bestimmt nicht in Trilliarden von Atomen zerlegen lassen!“, protestierte ich instinktiv.
Tahl runzelte die Stirn, dann korrigierte er: „So funktionieren Teleporter nicht. Sie krümmen den Raum um einen herum und versetzen dich direkt von einem Ort zum anderen.“
Wieder einmal wurde mir bewusst, dass diese Realität sich fundamental von allem unterschied, was ich aus Spielen kannte.
Valentina, Tahl und ich traten auf die Plattform.

Nur wenige Sekunden später standen wir knöcheltief im Wasser an einem Strand, umringt von dichtem Wald. Ich blickte nach unten und spürte das kalte, feuchte Wasser – wir standen nicht auf Sand, sondern am Rand im See.
Valentinas Stimme schnitt durch die Stille: „Sind Sie wahnsinnig? Das hätte uns umbringen können!“ Sie wirkte kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, ihr Puls war sichtlich erhöht.
Tahl machte eine entschuldigende Geste. „Es tut mir aufrichtig leid. Man sollte Teleporter zur Sicherheit nur im Stillstand benutzen, um Delokalisierungen zu vermeiden.“
Valentina schnaubte verächtlich. „Delokalisierung? So nennen Sie es, wenn man potentiell in einem Baum, Felsen oder sonstigem Objekt materialisiert?“
Tahl blieb ruhig. „Solche Manöver wurden schon öfter durchgeführt.“
„Wie oft ging es schief?“ – Valentinas Frage blieb unbeantwortet. Das war genug, um ihre Skepsis zu bestätigen.
Ich stand still, knöcheltief im kalten Wasser, und spürte erneut, wie schwer meine Lage war. Jede Bewegung, jeder Gedanke konnte Konsequenzen haben, die ich nicht abschätzen konnte. Kein Spielmechanismus, keine Kontrolle, kein Zurücksetzen. Nur die gnadenlose Realität, kalt und klar, wie der Wald und das Wasser um uns herum.

Tahl tippte an dem Gerät an seinem Handgelenk herum und meinte dann ruhig, dass wir uns noch ein paar Minuten gedulden müssten, bis wir abgeholt würden.
Wir zogen uns an den Rand des Waldes zurück. Die Sonne stand hoch und es war warm, beinahe angenehm. Das Wasser, in dem wir zuvor knöcheltief gestanden hatten, verdunstete schnell von Schuhen und Hosenbeinen. Trotzdem forderte Tahl uns auf, im Schatten zu bleiben. Er sei sich zwar sicher, dass es keine Verfolger gebe, aber Vorsicht sei in unserem Fall keine Option, sondern Pflicht.
Ich fragte laut in die Runde, an niemanden direkt gerichtet, ob es hier gefährliche Tiere gäbe. Valentina schüttelte den Kopf. Sie erklärte, dass sie zwar nicht auf diesem Teil von Argon Prime aufgewachsen sei, in der Schule aber im Fach Ökologie aufgepasst habe. Wir befänden uns auf einem der südlichen Kontinente, wo es keine größeren Tiere gebe. Weder Pflanzen- noch Fleischfresser, zumindest keine, die einem Argonen gefährlich werden könnten. Ich registrierte den Zusatz „einem Argonen“ und ließ ihn unkommentiert.
Kurz darauf tauchte ein Gleiter auf, ebenfalls in der mir inzwischen vertrauten blau-grünen Farbgebung der Polizei. Mir kam es viel zu offensichtlich vor, mit so einem Fahrzeug hier herumzufliegen. Tahl winkte ab. Wir befänden uns nur wenige Kilometer von einer Stadt entfernt, und dieses Gebiet gelte als Schutzgebiet. Polizeipatrouillen seien hier nichts Ungewöhnliches.
Ich fragte nach dem Grund. Nicht, weil es mich wirklich interessierte, sondern weil ich das Gespräch am Laufen halten wollte. Ablenkung war besser, als mich darauf zu konzentrieren, dass wir flogen, auch wenn ich im Inneren des Gleiters später keine einzige Turbulenz spüren sollte. Tahl erklärte, dass sich hier oft Argonen aufhielten – und in seltenen Fällen auch Angehörige anderer Spezies –, die sich in die Schutzzone zurückzogen, um hier zu überleben. Er stockte bei dem Wort, als hätte er mehr sagen wollen, entschied sich dann aber dagegen. Ich konnte mir nur vage vorstellen, was er meinte.

Wenige Minuten vergingen schweigend. Der Gleiter setzte sich in Bewegung, und unter uns breitete sich die Stadt aus. Sie war gewaltig. Keine einzelne Ansammlung von Hochhäusern, sondern ein vielschichtiges Geflecht aus Ebenen, Plattformen und schwebenden Verkehrsachsen. Türme aus Glas, Metall und mir unbekannten Materialien ragten in den Himmel, verbunden durch Brücken, Röhren und schwebende Korridore. Lichtbänder zogen sich wie Adern durch die Architektur, mal kalt und funktional, mal warm und dekorativ. Auf mehreren Höhenebenen bewegten sich Gleiter, dicht, aber geordnet. Die meisten wirkten zivil, unauffällig. Dazwischen tauchten immer wieder Fahrzeuge auf, deren Form und Farbgebung mich unweigerlich an Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste erinnerte. Auch hier schien es Strukturen zu geben, die meiner eigenen Realität nicht unähnlich waren.
Der Polizeigleiter landete schließlich auf dem Dach eines Gebäudes, das dieselbe Farbgebung trug wie alle argonischen Sicherheitseinheiten, die ich bisher gesehen hatte. Niemand hielt sich damit auf, irgendetwas zu betrachten. Wir gingen direkt zu den Aufzügen und fuhren hinab in eine unterirdische Garage. Dort wartete bereits ein Fahrer und bedeutete uns wortlos, ihm zu folgen. Er führte uns zu einem unscheinbaren zivilen Fahrzeug, kaum zu unterscheiden von denen, die wir zuvor aus der Luft gesehen hatten. Erst als wir alle drei im hinteren Bereich Platz genommen hatten, stieg er in die Fahrerkabine. Dann setzte sich das Fahrzeug lautlos in Bewegung.

Am Stadtrand hielten wir schließlich vor einem Anwesen. Die Villa war klein, zumindest im Vergleich zu dem, was ich bisher gesehen hatte, aber eindeutig futuristisch. Klare Linien, helle Materialien, große Glasflächen, die von dunklen Rahmen eingefasst wurden. Das Gebäude schmiegte sich eher in die Umgebung, als sie zu dominieren. Teile der Fassade wirkten lebendig, als würden sie auf Licht und Temperatur reagieren. Dezente Beleuchtung zeichnete Konturen nach, ohne aufdringlich zu wirken.
Wir stiegen aus und verabschiedeten uns vom Chauffeur, der jedoch keine Anstalten machte, wieder abzuheben. Stattdessen nahm er Mütze und Sonnenbrille ab. Erst jetzt erkannte ich, dass es sich um eine Frau handelte. Sie stellte sich als Gal Connar vor, Agentin des argonischen Geheimdienstes.
Sie hatte kurzes, platinblondes Haar, das ihr Gesicht klar freilegte, in dem zwei eisblaue Augen uns anblickten. Ihre Gesichtszüge waren markant, fast kantig, mit einem entschlossenen Ausdruck, der keine Zweifel zuließ. Die Haltung war entspannt, aber kontrolliert, wie bei jemandem, der es gewohnt war, beobachtet zu werden und selbst zu beobachten. Sie wirkte wie eine Person, die auch ohne Worte Autorität ausstrahlte.
Gal führte uns ins Innere der Villa und händigte uns Keycards aus, mit denen wir jederzeit hinein- und hinausgelangen konnten. Gleichzeitig legte sie Valentina und mir nahe, genau das nicht zu tun. Zum einen sei es nicht nötig, da hier für alles gesorgt werde. Zum anderen wolle man kein Risiko eingehen. Auch wenn es möglicherweise übertrieben sei, wolle man diesen Erfolg nicht gefährden.
Im Inneren setzte sich der Eindruck von außen fort. Offene Räume, klare Strukturen, eine Mischung aus Funktionalität und zurückhaltendem Komfort. Möbel schienen eher integriert als aufgestellt, Oberflächen reagierten auf Berührung, Licht passte sich automatisch an. Große Fensterfronten boten einen Blick auf die Stadt und die umliegende Landschaft, ohne dass man sich ausgestellt fühlte. Alles wirkte ruhig, abgeschirmt, beinahe steril – ein Ort zum Verstecken, nicht zum Leben.
Die Sonne begann unterzugehen, und tauchte den Himmel in warme Farben. Gal verabschiedete sich, ebenso Tahl. Bevor ich wirklich begriff, was geschah, waren beide verschwunden. Zurück blieb ich allein mit Valentina.
Das behagte mir nicht. Ich hatte kaum Erfahrung im Umgang mit Frauen, und mein Einzelgängertum saß tief. Ohne nachzudenken, platzte es aus mir heraus: "Ich schlafe auf der Couch!" Erst danach wurde mir bewusst, dass diese Villa mehr als zwei Schlafzimmer hatte. Peinlich berührt zog ich mich in eines davon zurück, schloss die Tür hinter mir ab und trat an die Glasfront.
Draußen versank die Sonne hinter der Stadt. Das Licht ließ die Gebäude so wirken, als stünden sie in Flammen. Ich blieb lange stehen, bis die Farben verblassten. Erst viel später fand ich Schlaf.
Last edited by Rock Man Zero on Sun, 1. Feb 26, 14:24, edited 1 time in total.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 3 - Dämmerung

In der Zwischenzeit hatte es mehrfach an der Tür geklopft, aber ich ignorierte es. Irgendwann war Ruhe eingekehrt. Die Sterne hatten sich über das Firmament ausgebreitet, und Lunas, der eisige Mond von Argon Prime, war mein einziger Begleiter.
Im Schlafzimmer hatte ich Zugriff auf etwas, das in meiner Realität dem Internet glich, nur viel größer und nicht nur auf Argon Prime beschränkt, sondern auf die ganze Föderation. Es hieß FIN, Federal Information Network. Mit meinen argonischen Kenntnissen konnte ich tatsächlich ohne Hilfe das meiste entziffern. Die Handelssprache bereitete mir hingegen noch immer Schwierigkeiten. Trotzdem war ich froh, dass ich zumindest eine Sprache beherrschte – momentan die wichtigste für mich.
Ich holte mir die wichtigsten Informationen aus dem Netz: Die Sonne hieß Sonra und war ein gelber Stern. Argon Prime war ihr vierter Planet, es gab kaum Salzwasser. Lunas war der einzige Mond von Prime und vereist, was zum Abbau freigegeben war. Die Hauptstadt hieß Argonia City, aber ich befand mich in Nathania, einer kleineren Stadt, die vorwiegend touristisch und gesundheitlich geprägt war.
Immer wieder fielen mir die Augen zu, doch als ich nach draußen sah, stand Lunas riesig hoch am Sternenhimmel. Es war kurz vor 25 Uhr – Mitternacht auf Argon Prime –, als ich einschlief.

Als ich wieder aufwachte, war es bereits zehn Uhr vormittags. Die Sonne, Sonra, weckte mich unsanft, ihre Strahlen fielen direkt in mein Gesicht. Mir wurde bewusst, dass ich vergessen hatte, die Fensterfront undurchsichtig zu stellen. Ich hatte diese Funktion gestern noch herausgefunden, aber gleich wieder vergessen, weil andere Gedanken meine Aufmerksamkeit verlangten.
An der Tür hämmerte es, und Valentinas Stimme drang unkenntlich herein. Ich hatte noch meine Straßenkleidung beim Schlafen an und sah dementsprechend aus. Ich wollte mich umdrehen und weiterschlafen, doch Valentina war derart vehement, dass sie beinahe die Tür einzuschlagen schien. Ich bezweifelte zwar, dass sie es schaffen würde, aber allein das Geräusch machte mich wach. Unausgeschlafen und ungewaschen stand ich auf und entriegelte die Tür. Sie glitt zur Seite, und aus zusammengekniffenen Augen sah ich Valentina an. Sie zuckte vor Schreck zurück und musterte mich.
„Hast du nicht geschlafen?“ fragte sie.
„Doch, aber zu wenig“, antwortete ich.
Valentina wich angeekelt zurück. „Du solltest dich dringend waschen.“
Ich nickte und schloss die Tür wieder. Noch immer müde trottete ich zum Badezimmer, das ich vom Schlafzimmer aus erreichen konnte. Es war geräumig und bot jeden Luxus, den man sich wünschen konnte – zumindest vermutete ich das. Die meisten Funktionen kannte ich nicht und sie waren nicht beschriftet, und ich hatte keine Lust, Handbücher zu wälzen.
Eine Sache half mir: eine dumme, integrierte KI. KIs waren bei allen Spezies der Gemeinschaft der Planeten verboten, weil unkontrolliertes Wachstum in der Vergangenheit katastrophale Folgen hatte. In der GdP gab es nur regulierte, dumme KIs. Eine davon war hier im Haus installiert und erfüllte alle Wünsche, soweit ihre Programmierung reichte.
„Ich möchte ein heißes Bad nehmen und mir die Zähne putzen“, sagte ich.
Eine genderneutrale Stimme bestätigte und fragte nach der gewünschten Temperatur des Badewassers. Ich nannte sie und setzte zugleich etwas in den Mund, das wie eine Zahnprotese wirkte. Es vibrierte beim Putzen. Anfangs kitzelte es und ich wollte es wieder herausnehmen, doch dann ließ das Vibrieren nach und es fühlte sich überraschend angenehm an. Währenddessen lief das Wasser ein, und ich entledigte mich meiner Kleidung. Ich legte sie in den dafür vorgesehenen Behälter. Kaum war ich nackt, verschwand der Behälter und begann die Reinigung, während ein anderer Behälter frische Kleidung brachte. Ich fragte mich, wie die KI wusste, welche Größe mir passen würde – wahrscheinlich hatte das Haus überall Sensoren.
Hah, dachte ich, in Deutschland wäre das ein Fall für die DSGVO.
Über eine Stunde später stand ich frisch gepflegt und angezogen vor dem Spiegel. Meine Zähne waren so weiß wie nie zuvor. Ich lächelte und wurde fast geblendet vom eigenen Spiegelbild. Ich setzte mich auf einen kleinen Hocker, als ein Bot durch eine kleine Klappe in der Wand hereinkam. Ich hatte ihn bestellt, um meine Haare schneiden zu lassen. Der Bot scannte mich kurz und begann dann, meine Haare nach meinen Anweisungen zu schneiden. Nur wenige Minuten später waren sie auf neun Millimeter gestutzt.
Was mir jedoch auffiel, waren die tiefen Augenringe. Ich verlangte von der Haus-KI etwas dagegen. Wieder kam der kleine Bot herein und brachte eine Creme. Ich schmierte sie ins Gesicht und fühlte mich nicht nur erfrischt, sondern regelrecht wach. Kurz dachte ich an Void Juice und beobachtete den Bot mit einem unangenehmen Nachgeschmack, den mir diese Erinnerung hinterließ.
Ich sah an mir herunter und bemerkte, wie sehr sich meine Kleidung von dem unterschied, was ich sonst trug. Alles wirkte modern, minimalistisch und funktional, fast schon futuristisch, aber ohne diesen übertriebenen Sci-Fi-Look mit Rüstungen oder blinkenden LEDs. Der Stoff war weich, atmungsaktiv und passte sich meinem Körper erstaunlich gut an, ohne einzuengen. Die Farben waren einheitlich grau, eher neutral, aber mit dezenten Akzenten in schwarz und weiß, die den kantigen Schnitt der Jacke und der Hose unterstrichen. Die Schuhe waren schwarz und schienen mich beim Gehen zu unterstützen. Wohl eine Funktion für die Gesundheit. Ich fühlte mich irgendwie… stabiler, als hätte die Kleidung einen Teil der Sicherheit übertragen, die mir in den letzten Tagen so gefehlt hatte.

Ich trat aus dem Badezimmer und merkte erst jetzt, wie sehr sich mein Körper verändert anfühlte. Nicht gesund im klassischen Sinne, eher… neu kalibriert. Als hätte jemand an mir herumgeschraubt, ohne mir zu sagen, was genau er getan hatte. Meine Haut fühlte sich straffer an, meine Muskeln reagierten schneller, und dennoch lag unter allem eine feine Erschöpfung, wie ein Echo der letzten Tage. Nicht akut, nicht lähmend – eher eine Mahnung.
Der Flur war still.
Die Villa wirkte tagsüber völlig anders als in der Dämmerung des Vorabends. Nachts hatte sie etwas Zurückgezogenes gehabt, beinahe Geducktes, als wolle sie sich selbst unsichtbar machen. Jetzt hingegen war sie offen, lichtdurchflutet, beinahe demonstrativ modern. Große Glasflächen ließen die Sonne ungehindert herein, wobei sie durch intelligente Filter so gebrochen wurde, dass kein grelles Licht entstand. Alles war hell, aber nicht blendend. Warm, aber nicht drückend.
Ich ging langsam, beinahe vorsichtig, als hätte ich Angst, die Stille zu stören.
Meine Schritte hallten kaum. Der Boden bestand aus einem Material, das irgendwo zwischen Stein, Kunststoff und etwas völlig Fremdem lag. Er fühlte sich unter meinen Füßen fest an, leicht federnd, und hatte eine Temperatur, die exakt zwischen kühl und warm lag. Offenbar ebenfalls reguliert.
Aus dem Wohnbereich drangen leise Geräusche. Stimmen. Gedämpft, aber eindeutig Valentina.
Ich blieb kurz stehen.
Ein Teil von mir wollte umdrehen, zurück ins Schlafzimmer gehen, die Tür verriegeln und so tun, als wäre ich nicht da. Der andere Teil wusste, dass genau dieses Verhalten mich langfristig isolieren würde. Und Isolation war in dieser Welt kein Schutz, sondern ein Risiko.
Also ging ich weiter.
Der Wohnbereich war großzügig geschnitten, offen, mit fließenden Übergängen zwischen Küche, Essbereich und einer Art Lounge. Möbel standen nicht einfach irgendwo, sie waren arrangiert, als hätte jemand jeden Winkel bewusst geplant. Nichts wirkte überladen, nichts leer. Eine Balance, die ich aus meiner Realität so nicht kannte.
Valentina stand an der Küchenzeile.
Sie hatte sich umgezogen. Keine zivile Kleidung im klassischen Sinne, aber auch keine medizinische Uniform. Etwas dazwischen. Funktional, schlicht, aber hochwertig. Dunkle Stoffe, die eng genug anlagen, um Bewegungsfreiheit zu erlauben, aber nicht betonten. Ihr Haar hatte sie locker zusammengebunden, einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht, während sie sich über ein holografisches Display beugte. Die Stimmen die ich gehört hatte, kamen von diesem Display. Valentina sah sich die Nachrichten an.
Sie bemerkte mich erst, als ich mir räusperte.
Ihr Kopf fuhr herum, ihre Schultern spannten sich sichtbar an, bevor sie mich erkannte. Dann ließ sie die Luft aus den Lungen entweichen, langsam.
„Du lebst noch“, stellte sie fest.
„Gerade so“, antwortete ich und merkte selbst, wie trocken meine Stimme klang.
Sie musterte mich einen Moment lang, nicht medizinisch, sondern menschlich. Ihre Augen wanderten von meinem Gesicht zu meinen Haaren, zu meiner Haltung. Dann nickte sie knapp.
„Du siehst besser aus.“
„Ich fühle mich… sauber“, sagte ich nach kurzem Überlegen. „Das ist schon mehr, als ich erwartet habe.“
Ein kaum merkliches Zucken ging über ihre Lippen. Kein Lächeln. Eher ein Reflex.
Sie deutete mit dem Kinn auf einen der Sitzplätze. „Setz dich. Frühstück.“
Erst jetzt bemerkte ich den Tisch. Darauf standen mehrere Behälter, Schalen und Gefäße, deren Inhalt ich nicht sofort zuordnen konnte. Farben, Texturen, Formen – alles wirkte fremd, aber nicht abschreckend.
Ich setzte mich langsam, mein Blick wanderte über das Angebot.
„Was davon ist… sicher?“, fragte ich.
Valentina schnaubte leise. „Alles. Für dich angepasst. Bevor du fragst: ja, inklusive Allergene, Verträglichkeit und deiner… speziellen Biologie.“
Das Wort hing kurz zwischen uns.
„Speziell“, wiederholte ich.
„Nicht argonisch“, korrigierte sie ruhig. „Aber kompatibel genug. Sonst wärst du längst tot.“
Ich nahm mir eine der Schalen. Der Inhalt erinnerte entfernt an eine Mischung aus Joghurt und Früchten, schimmerte aber leicht metallisch im Licht. Ich roch daran. Neutral. Vielleicht sogar angenehm.
„Und du?“, fragte ich, bevor ich aß. „Wie geht es dir?“
Sie hielt inne. Nur einen Moment, aber ich sah es. Diese winzige Verzögerung, bevor sie antwortete.
„Ich habe schon schlimmere Wochen gehabt.“
Ich glaubte ihr kein Wort.
Während wir aßen, herrschte Stille. Keine unangenehme, eher eine vorsichtige. Als würden wir beide versuchen, den anderen nicht zu überfordern. Ich schmeckte kaum, was ich zu mir nahm, registrierte nur, dass mein Körper es dankbar annahm. Wärme breitete sich aus, Energie, aber ohne den künstlichen Druck, den Void Juice verursacht hatte.
Nach dem gemeinsamen Essen saßen Valentina und ich noch eine Weile am Tisch. Ich spürte, wie sich mein Magen langsam wieder beruhigte, und irgendwie musste ich das jetzt loswerden. „Weißt du“, begann ich zögerlich, „ich habe auf Alpha 1 auch Sachen von anderen Spezies probiert. Zum Beispiel das… teladianische Cola-Gel.“
Valentina sprang auf und sah mich entsetzt an. „Du hast was?“ entfuhr es ihr. Ich musste schlucken, weil sie mir plötzlich sehr ernst erschien.
„Ja… also, es ging mir danach nicht wirklich gut“, fügte ich schnell hinzu, „aber irgendwie… ich habe mich gefragt… wie zur Hölle vertragen die Argonen bloß das Zeug?“
Valentina schüttelte energisch den Kopf. „Keine Spezies kann die Nahrung der jeweils anderen einfach so essen. Was für die einen nahrhaft ist, kann für die anderen giftig oder unverdaulich sein. Das passiert immer wieder, wenn jemand etwas ausprobiert, ohne zu wissen, wofür es wirklich gedacht ist.“
Ich sah sie ratlos an. „Aber… das Zeug war doch überall zu kaufen…“
„Genau deshalb passiert es so oft“, erklärte sie ernst. „Die gehandelten Güter sind für bestimmte Spezies bestimmt. Für die einen sind es Nahrungsmittel, für andere etwas vollkommen anderes. Und manche Substanzen können langfristig Schäden verursachen, ohne dass man es sofort merkt.“
Ich nickte, immer noch ein wenig blass. Mir wurde bewusst, dass ich Glück gehabt hatte, dass mein Körper die Mischung einigermaßen ertragen hatte. Und irgendwie verstand ich auch, warum Valentina so entsetzt reagiert hatte. Diese Welt war eben nicht nur fremd – sie war gnadenlos komplex.

Mein Blick wanderte zur Glasfront.
Von hier aus hatte man einen weiten Blick über die Umgebung. Die Stadt Nathania lag etwas tiefer, teilweise verborgen durch bewaldete Hügel und künstlich angelegte Grünzonen. Gebäude ragten heraus, organisch geformt, keine harten Kanten, keine monumentalen Türme. Alles schien darauf ausgelegt, sich in die Landschaft einzufügen, nicht sie zu dominieren.
Flugverkehr war sichtbar, aber geordnet. Gleiter zogen ruhige Bahnen, keine hektischen Manöver, kein Chaos. Es wirkte… friedlich.
Zu friedlich.
„Wie lange müssen wir hier bleiben?“, fragte ich schließlich.
Valentina legte ihr Besteck ab. „Das hängt nicht von mir ab.“
„Von Tahl.“
„Von dem Verfahren. Von den Leuten, die du identifizieren sollst. Von der Frage, ob jemand versucht, dich zum Schweigen zu bringen.“
„Das klingt nicht beruhigend.“
„Ist es auch nicht.“
Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. Mein Blick blieb auf der Stadt.
„Ich bin kein Held“, sagte ich leise.
Valentina sah mich an, sagte aber nichts.
„Ich habe nichts Besonderes“, fuhr ich fort. „Keine Ausbildung, keine Kampferfahrung. Keine… Vorteile. Alles, was ich bisher getan habe, war reagieren. Falsch reagieren.“
„Du hast überlebt.“
„Zufällig.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Du hast Hilfe angenommen. Das ist kein Zufall.“
Ich lachte kurz, humorlos. „Das klingt wie etwas aus einem Ratgeber.“
„Vielleicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Oder wie etwas, das man lernt, wenn man oft genug sieht, wie Menschen sterben, weil sie zu stolz sind.“
Das saß.
Ich schwieg.
Draußen zog ein Gleiter langsam vorbei. Die Sonne stand höher jetzt, tauchte alles in klares Licht. Keine Dämmerung mehr. Keine Schatten, hinter denen man sich verstecken konnte.
Ich spürte es wieder. Dieses Gefühl. Nicht von Bedrohung im klassischen Sinne, sondern von Endgültigkeit. Diese Welt würde mir nichts schenken. Keine zweite Chance, keine versteckten Mechaniken, keine unsichtbaren Sicherungsnetze.
Jeder Fehler zählte.
Und ich war mir erschreckend bewusst, wie viele Fehler ich bereits gemacht hatte.
Ich atmete tief durch und sah Valentina an.
„Was passiert, wenn das hier vorbei ist?“
Sie sah mich lange an. Zu lange.
„Dann“, sagte sie schließlich, „musst du lernen, in dieser Welt zu leben. Nicht zu funktionieren. Zu leben.“
Ich wusste nicht, ob mir das Angst machte oder Hoffnung gab.
Vielleicht beides.
Draußen hatte schon längst ein neuer Tag auf Argon Prime begonnen.
Und ich hatte keine Ahnung, wie viele davon mir noch bleiben würden.

Obwohl Tahl und Gal davor gewarnt hatten, das Safehouse zu verlassen, taten Valentina und ich es trotzdem. Valentina eher aus Widerwillen, weil sie mir folgen musste. Ich hingegen war überrascht, dass sie mich nicht aufzuhalten versuchte, als ich Interesse an meiner Umgebung zeigte. Es war ein seltsames Gefühl, nicht ständig unter Kontrolle zu stehen. Valentina beobachtete mich ständig aus den Augenwinkeln, wohl um herauszufinden, wie ich mich verhielt. Ich spürte diese Blicke, aber gleichzeitig störten sie mich nicht. Im Gegenteil, sie gaben mir das Gefühl, dass ich nicht völlig alleine war.
Wir gingen die Straße hinunter, und vor uns erstreckte sich eine kleine Marktmeile. Die Gebäude waren modern, schlicht und aufgeräumt, mit glatten, hellen Steinplatten unter unseren Füßen. Über den Ständen hingen schmale Leuchtbänder, die verschiedene Lichtmuster simulierten und alles in ein buntes Licht tauchten. Kleine Cafés und Läden öffneten ihre Schaufenster auf die Straße, Glas und Metall dominierten die Fassade, aber es war alles angenehm proportioniert, nicht überladen oder grell. Auf den Marktständen lagen Früchte und Gemüse in geometrischen Mustern, andere boten handgemachte Kleidung oder kleine mechanische Geräte an – modern, leicht futuristisch, aber nicht übertrieben technologisch. Zwischen den Gängen summten Drohnen, transportierten Waren, verteilten kleine Pakete oder überwachten die Ordnung. Ich sog alles in mich auf, Schritt für Schritt, jeden Geruch, jede Bewegung der Argonen, jedes Detail der Architektur.
Plötzlich fiel mir etwas Glitzerndes am Rand einer dunklen Nebengasse auf. Fast automatisch ging ich darauf zu, meine Hand streckte sich aus, um es zu berühren, da packte mich eine andere Hand. Valentina zog mich zurück.
„Spinnst du?“ zischte sie.
Ihre Augen funkelten vor Entsetzen, während sie mich ansah. Ich starrte auf das kleine Fläschchen in der Gasse – Void Juice. Der argonische Mann hinter dem Stand reagierte sofort auf unsere Bewegung.
„Schon mal gekostet?“ fragte er mich.
Ich nickte, aber Valentina schob mich zurück.
„Auf gar keinen Fall!“ Sie zog mich mit sich fort, und ich bewegte mich fast mechanisch, noch immer in einem Zustand halb Starren, halb Reflex.
„Das ist der Effekt vom Void Juice“, erklärte sie mir, während wir uns entfernten. „Dein Körper erinnert sich an den Effekt und reagiert automatisch. Du musst dagegen ankämpfen.“
Ich nickte stumm. Ich fühlte noch die Nachwirkungen in meinem Inneren – eine Mischung aus Neugier, Faszination und Angst. Ich wusste, dass ich den Fehler wiederholen könnte, wenn ich mich nicht beherrschte.
Von Valentina wurde ich zu einer Patrouille der Polizei mitgerissen, die uns zu dem Standort des illegalen Händlers folgten, nachdem wir ihnen den Sachverhalt dargelegt hatten. Doch als wir die Gasse erreichten, war sie leer. Der Händler war verschwunden. Die Polizisten erklärten uns, dass er wohl durch Valentinas Reaktion alarmiert worden sein musste.

Auf dem Rückweg raste plötzlich ein dunkles Hovercraft an uns vorbei. Instinktiv riss ich Valentina in den Straßengraben. Ich spürte den Schlag der Panik in mir, während Laser über unsere Köpfe zischten. Alles in mir schrie, ich war starr vor Angst, unfähig, klar zu denken. Dann hörte ich Schritte. Mindestens eine Person näherte sich. Ich sah einen Schatten und reagierte wie im Reflex – packte nach der Person, die vor mir stand, warf sie in den Graben. Valentina wurde aus ihrer Starre gerissen, griff nach dem Blaster des Täters und erkannte ihn schließlich: einer der beiden Polizisten, die uns zuvor begleitet hatten.
Bevor er reagieren konnte, stürzte ein riesiger blau-weißer Energieball auf das Hovercraft, das daraufhin lahmgelegt wurde. Über uns legte sich ein Schatten, und ich blickte nach oben. Ein Polizeigleiter, seine Lichter blinkten in Blau und Grün. Dann begann das Feuer. Laserstrahlen peitschten durch die Luft, die Männer im Hovercraft eröffneten Gegenfeuer. Ich blieb im Graben, das Herz raste, unfähig zu denken. Der Polizeigleiter hielt alles unter Kontrolle, sein Feuer stoppte die Angreifer und machte das Hovercraft vollständig unschädlich. Danach landete es und der andere Polizist von vorhin stieg aus. Ich sah ihn auf uns zukommen und dann verhaftete er seinen Kollegen. Unter derben Flüchen, die ich nicht vollkommen übersetzen konnte, da mein argonisch doch noch nicht so gut war, bekam ich mit, dass er schon einen Verdacht gegen seinen Kollegen gehegt hatte.

Wenig später fanden sich Gal Connar und Tahl Brenna am Ort des Geschehens ein, sammelten Valentina und mich auf und brachten uns zurück ins Safehouse. Dort gaben sie uns eine Standpauke, während wir unsere Version der Ereignisse anschließend erzählten. Diese Nacht würden sie selbst im Haus bleiben, und mindestens ein Dutzend Wachen patrouillierten ums Anwesen. Valentina und ich fühlten uns unwohl, angespannt und erschöpft zugleich. Ich spürte, wie mein Puls noch immer zu schnell schlug und wie schwer mir die Ereignisse auf den Magen schlugen.
Ich konnte kaum glauben, wie schnell sich die Situation verändert hatte. Noch vor wenigen Stunden war ich unsicher über die Welt hier gewesen, hatte die Marktmeile bewundert, über Void Juice nachgedacht und die futuristischen, aber zugänglichen Gebäude betrachtet. Jetzt lag alles in Rauch und Trümmern vor mir, der schmale Grat zwischen Neugier und tödlicher Gefahr hatte sich blitzschnell verschoben. Ich wusste, dass dies nur der Anfang war und dass jede Bewegung, jeder Schritt künftig noch vorsichtiger überlegt sein musste.
Last edited by Rock Man Zero on Mon, 2. Feb 26, 19:55, edited 2 times in total.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 4 - Finsternis

Ich saß im offenen Wohnzimmer und ließ die Nachrichtenhologramme laufen, ohne wirklich auf ihren Inhalt zu achten. Bilder, Stimmen, Logos – alles zog an mir vorbei wie ein Strom aus Bedeutungslosigkeit. Ich brauchte das Hintergrundrauschen, etwas, das meine Gedanken übertönte. Das meiste von dem, was die verschiedenen Sender ausstrahlten, verstand ich ohnehin nur bruchstückhaft. Die Sprachbarriere war noch immer da, auch wenn sie langsam Risse bekam.
Den automatischen Übersetzer hatte ich ausgeschaltet. Stattdessen hielt ich das Pad in meinen Händen, das mich nun schon seit Wochen begleitete. Es war zu einem festen Anker geworden. Wiederholungen, Grammatikübungen, Vokabeln. Argonisch. Handelssprache. Ich zwang mich zur Konzentration, auch wenn mir der Kopf eigentlich zu voll war. Lernen war einfacher als Nachdenken.
Valentina saß neben mir auf der Couch. Auch sie hatte ein Pad in der Hand. Ihr Blick war ruhig, beinahe zu ruhig, und ich wusste nicht, ob sie tatsächlich lernte oder sich nur ebenso wie ich ablenken wollte. Wir sprachen nicht. Es war eine dieser stillen Abmachungen, die keiner aussprach und die trotzdem funktionierten.
Aus der Küche kamen Geräusche. Gal Connar stand dort und kochte. Zumindest sah es danach aus. Ich wusste nicht, was genau sie zubereitete, und ehrlich gesagt bezweifelte ich, dass sie es aus Freundlichkeit oder Mitleid tat. Gal war Agentin des argonischen Geheimdienstes. Ihre Aufgabe war es, mich zu bewachen, mich am Leben zu halten und dafür zu sorgen, dass ich unversehrt vor einem Gericht erschien. Alles andere war zweitrangig. Wenn Kochen Teil dieser Aufgabe war, dann tat sie es eben.
Tahl Brenna hingegen tigerte seit Stunden durchs Haus. Rastlos, unruhig, wie ein eingesperrtes Tier. Irgendwann schien es selbst Gal zu viel geworden zu sein, denn sie hatte ihn kurzerhand hinausgeworfen. Jetzt tigerte er draußen herum. Ich hatte nur kurz mit ihm gesprochen, seit dem Vorfall. Und dabei war mir klar geworden, dass es hier nicht nur darum ging, mich in Sicherheit zu wissen. An dem ganzen Prozess hing mehr, als man mir zu Beginn gesagt hatte. Der Anschlag vor ein paar Stunden war der beste Beweis dafür.
Ich fragte mich, ob der Angriff wirklich nur Zufall gewesen war. Oder ob er tatsächlich mit den Ereignissen auf der Handelsstation Alpha 1 zusammenhing. Es erschien mir zunehmend unwahrscheinlich, dass Valentina und ich angegriffen worden waren, nur weil wir einen illegalen Straßenhändler gemeldet hatten. Zu vieles passte nicht zusammen.
Ich hatte viele Filme und Serien gesehen. Zu viele, wenn ich ehrlich war. Und obwohl ich wusste, dass diese kein Maßstab für die Realität waren, meldete sich dieses nagende Gefühl. Dieses instinktive Das ist kein Zufall.
In diesem Moment erinnerte ich mich an einen meiner früheren Professoren an der Universität.
Glauben bedeutet, nichts zu wissen.
Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie wenig ich wusste. In meiner alten Realität schon. In dieser hier noch viel weniger.

Dann hörte ich Schreie.
Sie kamen von draußen. Erst entfernt, dann näher. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Noch bevor ich richtig begriff, was geschah, folgte ein lauter Knall. Die Fenster und Türen vibrierten, als hätte jemand gegen das Haus geschlagen. Kaum war das Echo verklungen, ertönten Schüsse.
Ich sprang auf. Durch die Glasfront konnte ich es jetzt deutlich sehen, besonders weil es draußen bereits dunkel war. Die Energiewaffen der Sicherheitsleute leuchteten auf, zuckende Lichtspuren rissen durch die Nacht. Sie feuerten in Richtung der Berge rechts der Villa, entlang der Hauptstraße. Aber ihr Feuer wirkte unkoordiniert. Wild. Fast panisch.
Wenige Sekunden später eine weitere Explosion. Näher. Viel näher.
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, ob dieses Safehouse überhaupt für schwere Angriffe ausgelegt war. Die dritte Explosion beantwortete die Frage teilweise. Die Wände bekamen Risse. Feine Linien zogen sich durch Glas und Material, als würde das Haus unter der Belastung ächzen.
In diesem Moment wusste ich es. Der Angriff am Abend und die Ereignisse auf Alpha 1 hingen zusammen. Daran gab es keinen Zweifel mehr.
Ein ohrenbetäubender Knall, grelles Licht.
Ich wurde zu Boden gerissen. Orientierungslos wälzte ich mich über den Boden, taub, blind, unfähig aufzustehen. Mein Gehör war wie ausgelöscht, nur ein schrilles Pfeifen blieb zurück. Rauch lag in der Luft, dicht und beißend. Ich sah nur Schemen.
Durch den Dunst erkannte ich etwas bei der Eingangstür. Etwas, das dort vorher nicht gewesen war. Eine Drohne. Zumindest glaubte ich das. Als sich meine Sicht langsam klärte und die Geräusche – verzerrt, begleitet von einem massiven Tinnitus – zurückkehrten, erkannte ich das Modell. Lieferdrohne. Genau die Art, die ich in den letzten Tagen ständig in der Stadt gesehen hatte. Auch auf der Marktmeile.
Ein rotes Licht blinkte. Erst langsam. Dann schneller.
Ich wusste sofort, was das bedeutete.
Ich packte Valentina. Sie lag bewusstlos neben mir auf dem Teppich. Ihr Körper war schlaff, zu schwer, aber ich zog sie mit aller Kraft hinter mir her, weg von der Tür, ans andere Ende des Wohnzimmers.
Die Explosion kam.
Die Druckwelle schleuderte uns gegen die Glaswand. Sie gab nach. Zerbarst in tausende Splitter. Für einen Sekundenbruchteil schwebten wir, dann wurden wir hinausgeschleudert.

Wir landeten im Pool.
Das Wasser schlug über uns zusammen, kalt, schwer. Ich kam hustend wieder an die Oberfläche. Das Wasser um uns herum färbte sich schnell rot. Ich spürte den Schmerz, überall, aber diffus. Valentina bewegte sich nicht.
Der größte Teil des Blutes stammte nicht von uns.
Ein Sicherheitsbeamter trieb reglos an der Oberfläche. In seiner Brust klaffte ein Loch. Er hatte weniger Glück gehabt als wir.
Von irgendwoher kamen Schreie. Eine Sprache, die ich nicht verstand. Dann erneut Schüsse. Ich realisierte langsam, dass ich mich mitten im Kreuzfeuer befand. Unbekannte Angreifer. Sicherheitspersonal. Lichtblitze, Explosionen, Chaos.
Und ich war mittendrin.
Ich versuchte, mich und Valentina aus dem Pool zu befreien, doch unsere durchnässte Kleidung machte jede Bewegung zur Qual. Mein Körper fühlte sich bleischwer an, und Valentina, obwohl jünger und etwas kleiner als ich, war alles andere als leicht. Hustend, zitternd und völlig durchnässt schaffte ich es schließlich, sie zuerst aus dem Wasser zu hieven und dann mich selbst – mit der Hilfe von Tahl Brenna.
Er stand wie ein Fels mitten im Feuergefecht, scheinbar unerschütterlich, und begann lautstark Befehle zu rufen. Die blauen Energiegeschosse des Sicherheitspersonals wurden plötzlich zielgerichteter, strukturierter. Doch gleichzeitig kamen auch die roten und grünen Geschosse der Angreifer immer näher. Sie schlugen um uns herum ein, zerrissen den Boden, die Mauern, die Luft selbst.
Plötzlich kniete Gal neben Valentina und überprüfte ihren Puls. Ein kurzer Blick, eine knappe Geste zu Tahl – Valentina lebte. Ohne zu zögern packte Gal sie, griff dann auch nach mir und zerrte uns beide zurück ins Haus. Das Sicherheitspersonal zog sich näher an die Hauswände zurück, suchte dort Deckung, wo noch welche war.

Mir fiel auf, dass die Sicherheitsleute weniger wild feuerten. Stattdessen schienen sie sich jetzt stärker darauf zu konzentrieren, die Herkunft des gegnerischen Feuers zu lokalisieren, bevor sie koordiniert zurückschlugen. Trotzdem war klar: Wir saßen fest. Nördlich lag die Stadt, zu Fuß unerreichbar – mindestens eine Stunde, wenn man überhaupt durchkäme. Im Osten erhoben sich die Berge, von wo aus die Villa beschossen worden war, ebenso wie aus dem südlich gelegenen Wald. Und im Westen lag der große See. Einer der wenigen Salzwasserseen auf diesem Planeten.
Langsam ließ der Schusswechsel nach. Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Tahl wies uns an, nicht nachlässig zu werden. Seiner Einschätzung nach positionierten sich die Angreifer lediglich neu. Gal hingegen war überzeugt, dass sie sich zurückzogen.
Ich fragte nach dem Warum.
Wir kauerten zu viert hinter der Küchentheke, während sich das Sicherheitspersonal weiter in die Villa zurückzog und Positionen an Fenstern und Türen bezog. Tahl erklärte, dass die Angreifer vermutlich ursprünglich versucht hatten, das Gebäude mithilfe von mit Sprengstoff beladenen Lieferdrohnen zu zerstören. Als das gescheitert war, seien sie zu einem direkten Angriff übergegangen – offenbar ohne damit zu rechnen, auf derart massiven Widerstand zu stoßen. Aus seiner Sicht ergab es daher Sinn, nun die Position zu wechseln, das Ziel zu umzingeln und den entscheidenden Schlag vorzubereiten.
Gal sah das anders. Ihrer Meinung nach würden sich die Angreifer zurückziehen, weil sie ihr Ziel nicht schnell genug erreicht hatten. Je länger sie hier ohne Ergebnis ausharrten, desto größer würde das Risiko eines Fehlschlags – entweder durch Festnahme oder durch den Tod im Gefecht.
Ich konnte beide Sichtweisen nachvollziehen. Doch meine Aufmerksamkeit galt jetzt Valentina. Sie war inzwischen wieder bei Bewusstsein, und ich begann, vorsichtig Glassplitter aus ihrer Haut zu entfernen. Dass sie dabei stoisch blieb, kaum eine Regung zeigte, irritierte mich. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Vom ersten Angriff bis jetzt war gerade einmal eine halbe Stunde vergangen.
Valentina atmete flach, aber regelmäßig. Ihr Blick war glasig, doch fokussierte sich langsam wieder. Sie verzog keine Miene, während ich Splitter für Splitter aus ihrer Haut zog. Erst als ich einen etwas größeren Glasspan aus ihrem Unterarm löste, zuckte sie leicht zusammen. Kein Schrei, kein Laut. Nur ein kurzes Zusammenpressen der Lippen. Ich fragte mich, ob das Disziplin war oder Schock.
„Du solltest liegen bleiben“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Valentina nickte kaum merklich. Ihre Augen wanderten jedoch ständig zur Tür, zu den Fenstern, zu den Schatten, die sich an den Wänden bewegten, wenn draußen Energiegeschosse einschlugen.

Das Haus roch nach verbranntem Kunststoff, Ozon und Chlorwasser. Die Villa, die noch vor Stunden wie ein sicherer, fast luxuriöser Rückzugsort gewirkt hatte, fühlte sich nun an wie eine Falle aus Glas, Beton und Stahl. Jeder neue Einschlag ließ Staub von der Decke rieseln. Irgendwo tropfte Wasser – wahrscheinlich eine beschädigte Leitung. Irgendwo knackte es in den Wänden, als würde das Gebäude erst jetzt entscheiden, ob es stehen bleiben wollte oder nicht. Das Licht der Hologramme im Wohnzimmer war erloschen, nur die Notbeleuchtung war aktiv und tauchte alles in ein kaltes, bläuliches Schimmern. Glassplitter knirschten unter jeder Bewegung, selbst hier hinter der Küchentheke.
Ich schluckte. Mein Blick wanderte wieder zu Valentina. Ihre Haut war bleich, übersät von kleinen Schnitten und Prellungen, aber sie lebte. Und offenbar war genau das das Problem. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass dieser Angriff nichts Zufälliges mehr an sich hatte. Nicht nach der Handelsstation. Nicht nach dem ersten Anschlag. Und ganz sicher nicht nach dem Aufwand, den jemand hier betrieb.
Mir wurde bewusst, dass ich in dieser Welt noch weniger verstand, als ich ohnehin schon geglaubt hatte. Und dass Wissen hier nicht nur Macht bedeutete, sondern Überleben.
Ich entfernte den letzten Splitter, den ich finden konnte, und lehnte mich kurz zurück. Meine Hände waren rot, nicht nur von Blut. Valentina atmete ruhig. Für den Moment.

Ich war bis zum Zerreißen gespannt, als ich neue Geräusche von draußen hörte. Suchscheinwerfer wurden eingeschaltet, blau-grüne Lichter blinkten über das Gelände. Ein flaues Gefühl in meinem Magen ließ mich den Atem anhalten. Tahl und Gal schienen erleichtert. In dieser Situation hatte Gal Recht behalten – die Angreifer hatten sich offenbar zurückgezogen.
Ich lauschte dem Gespräch der beiden mit der eingetroffenen Verstärkung. Nebenbei begann Valentina, mich zu behandeln. Auch ich hatte einiges abbekommen. Immer wieder zuckten meine Muskeln unter Schmerzen, aber ich machte keinen Laut. Ich wollte alles hören, jede Information aufnehmen.
Die Verstärkung wurde informiert, was passiert war. Ich bekam mit, dass das Haus ein automatisches Sicherheitssystem hatte, das bei ungewöhnlichen Vorfällen sofort einen Notruf absetzte. Ebenso wurde automatisch die Polizei alarmiert, wenn der Kontakt zum Haus abriss. Meine Gedanken wirbelten. Jemand hatte diesen Notruf wohl schon vorgewarnt zu umgehen gewusst – anders konnte ich mir die Präzision des Angriffs nicht erklären.
Valentina löste vorsichtig den nassen Stoff meiner Kleidung, während ich mich hinter der Küchentheke duckte. Jeder Blick nach draußen zeigte neue Spuren des Kampfes – zerbrochene Mauern, tief eingeschlagene Einschläge im Boden, verbrannte Vegetation. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich langsam normalisierte, aber jede Faser meines Körpers war angespannt.
„Tori, sag mir, wenn es zu viel wird“, flüsterte Valentina. Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht nachlassen. Nicht jetzt. Jeder Moment konnte über Leben und Tod entscheiden.
Das Geräusch von Funkgeräten, das Klirren von Glassplittern, das entfernte Dröhnen von Fahrzeugen und Drohnen vermischte sich zu einem unaufhörlichen Crescendo. Ich wusste: Wir waren noch lange nicht sicher.

Neben der Polizei waren auch Feuerwehr und Rettungsdienst vor Ort. Ich erkannte sie sofort an ihrer Ausrüstung, den reflektierenden Streifen und den schnellen Bewegungen, die gezielt Verletzte bargen und Feuer löschten. Doch es gab noch zwei weitere Fraktionen, die ich sofort identifizieren konnte: Militär und Geheimdienst. Das Militär fiel durch robuste, taktische Rüstungen auf, die Uniformen waren funktional und furchteinflößend. Die Vertreter des Geheimdienstes bewegten sich unscheinbar, beobachteten leise, fast unbemerkt, und schienen überall gleichzeitig zu sein.
Valentina und ich ließen uns behandeln und befragen, während ich unwillkürlich die Abläufe um uns herum studierte. Die Zahl der Helfer hatte längst die hundert überschritten. Überall sah ich Menschen, die Leichen bargen, Feuer löschten, Spuren sicherten oder Verletzte behandelten. Einige von ihnen verschwanden in den angrenzenden Wäldern, andere in den Bergen, vermutlich auf der Suche nach Spuren oder möglichen Fluchtwegen der Angreifer.
Über uns patrouillierten Gleiter: Militär, Geheimdienst und Polizei waren im Einsatz. Ihre Lichter schnitten durch die Nacht, jede Bewegung präzise, jede Flugbahn überwacht. Ich sah, wie sie nach Anzeichen suchten, Spuren verfolgten, vielleicht auch nach Beweisen, die wir noch nicht kannten. Alles wirkte effizient, aber auch beängstigend. In dieser Welt zählte jede Bewegung, jeder Blick konnte beobachtet werden, und ich fühlte mich wieder einmal klein und ausgeliefert, trotz der Sicherheit, die uns umgab.

Der Transport begann, nachdem wir vorsichtig auf die gepanzerte Ladefläche eines Militärfahrzeugs geführt wurden. Innen war es eng, kaum mehr als eine Kabine mit verstärkten Wänden aus Verbundmetall. Die Polsterung wirkte hart, aber funktional, darauf ausgelegt, Stöße abzufedern. Über uns liefen kleine LED-Leisten, die ein gedämpftes, blaues Licht warfen, gerade hell genug, um die Umgebung zu erkennen, ohne die Nachtsicht zu stören.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Wir spürten die Vibrationen der schweren Räder, wie sie sich durch den unebenen Boden der Außenbereiche der Villa fraßen. Die Panzerung dämpfte zwar Geräusche von außen, aber das ständige Knirschen und Poltern der Straßen war noch zu hören. Ich konnte durch schmale, vergitterte Sichtfenster nur schemenhaft die Umgebung erkennen: Suchlichter, die über die Landschaft zogen, Gleiter, die unsere Position kontrollierten, und die glitzernde Oberfläche des Sees, die im Mondlicht funkelte.
Die Fahrt war ruhig, aber angespannt. Jeder Blick durch die Gitter zeigte die patrouillierenden Kräfte, die unsere Route sicherten. Ich spürte das Gewicht der Situation, die Unausweichlichkeit dessen, was uns erwartete, während das Fahrzeug sich in Richtung der Stadt Nathania bewegte. Das monotone Brummen des Motors, die leichten Stöße der Fahrt und das entfernte Summen der Überwachungsgeräte erzeugten eine fast hypnotische Stimmung – Ruhe vor dem Sturm, während die Stadt näher rückte.

Das futuristische Gerichtsgebäude wirkte von außen wie eine Mischung aus Monolith und transparentem Kubus. Glatte, helle Metallplatten bildeten die Fassade, unterbrochen von Glasflächen, die bei Nacht das Licht der Stadt reflektierten. Über der Eingangshalle spannte sich ein filigranes Netzwerk aus Stahlträgern und schwebenden LED-Bändern, die den Weg für Besucher signalisierten, aber auch eine subtil einschüchternde Wirkung hatten. Sicherheitskameras waren diskret eingebaut, Drohnen landeten auf speziellen Plattformen neben den Eingängen.
Im Inneren setzte sich der moderne Eindruck fort, jedoch mit streng funktionalem, fast klinischem Charakter. Große Hallen, helle Wände, glatte Böden aus einem Material, das hart wirkte, aber den Aufprall von Schritten dämpfte. Stufenlose Übergänge, Aufzüge mit transparenten Wänden, digitale Infopunkte an jeder Ecke. Alles wirkte durchdacht, effizient und doch so gestaltet, dass man sich der Überwachung immer bewusst war. Der Saal selbst – in dem die Verfahren stattfanden – war eine Kombination aus schwebenden Podesten, gläsernen Trenngittern und modularen Sitzreihen. Von der Decke hingen Lichtfelder, die sich automatisch auf die wichtigsten Punkte richteten: Richter, Angeklagte, Verteidiger. Alles war auf Funktionalität optimiert, aber mit einem kühlen, fast abweisenden ästhetischen Anspruch.
Ich fühlte mich fehl am Platz. Trotz der modernen, beinahe eleganten Architektur wirkte alles bedrohlich. Die ständige Präsenz von Überwachung, Sicherheitsbeamten und Technologie ließ keinen Raum für Unachtsamkeit. Ich wusste, dass jeder falsche Schritt Konsequenzen haben konnte – und nicht nur für mich.
Während wir erneut behandelt und befragt wurden, beobachtete ich weiterhin die Abläufe um uns herum. Spuren wurden gesichert, Verletzte versorgt, das Gebäude überwacht. Ich erkannte, wie komplex das Zusammenspiel von Polizei, Militär und Geheimdienst war. Jeder hatte seinen eigenen Bereich, jede Bewegung war koordiniert, doch gleichzeitig spürte ich die Spannung zwischen den Fraktionen. Niemand vertraute vollkommen dem anderen, und jeder Schritt konnte überwacht oder interpretiert werden.
Meine Gedanken schweiften zurück zu dem Angriff am Abend. Dass ein Polizist involviert gewesen war, ließ mir keine Ruhe. Ich sprach es laut aus, selbst vor Gal, Tahl und Valentina: „Ob die Polizei nun im schlimmsten Fall unterwandert ist oder im besten Fall nur korrupt, könnte das nicht auch auf andere Organisationen zutreffen? Wie hoch wäre überhaupt der prozentuale Anteil?“
Gal sah Tahl an, Valentina sah mich geschockt an. Ich hatte etwas ausgesprochen, das niemand hören wollte. Die Spannung unter den Wachen änderte sich sofort. Die Haltung, die Blicke, alles sprach jetzt von Misstrauen, nicht von Kameradschaft.
Mir wurde klar, dass Gal und Tahl bewusst nichts unternahmen. Sie selbst wussten nicht, wem sie vertrauen konnten. In dieser Situation war Misstrauen das einzig Vernünftige. Blindes Vertrauen würde in einer Katastrophe enden können. Wenn tatsächlich einer der Anwesenden korrupt war oder einer kriminellen Organisation angehörte, hätte ein falsches Wort, eine falsche Bewegung alles zerstört.
Ich lehnte mich zurück und beobachtete die anderen still. Jeder Atemzug, jedes Geräusch in der Halle schien von Bedeutung zu sein. Ich wusste, dass ich meine Gedanken kontrollieren musste, meine Reaktionen. Und trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass in mir ein Gefühl der Isolation wuchs. In dieser Welt zählte nur, was man selbst sah, hörte und tat. Alles andere war Risiko.
Last edited by Rock Man Zero on Tue, 3. Feb 26, 18:53, edited 3 times in total.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 5 - Grauen

Ich trank etwas, das man Keffa nannte, und bereute es im selben Moment. Es war eines dieser Getränke, die offensichtlich mehr kulturelle Bedeutung hatten als kulinarische Rücksicht. Keffa wurde heiß oder kalt serviert, in unzähligen Varianten, mit Namen, die mir nichts sagten, und Gerüchen, die ich nur schwer einordnen konnte. Die Sorte, die man mir hingestellt hatte, war bitter und beißend, fast aggressiv. Sie brannte leicht auf der Zunge und hinterließ einen herben Nachgeschmack, der sich hartnäckig im Mund festsetzte. Ich schob die Tasse von mir weg und verzog unwillkürlich das Gesicht.
Valentina sah mich von der Seite an, ein kaum wahrnehmbares Zucken in ihren Mundwinkeln. Sie beugte sich minimal zu mir herüber und flüsterte etwas wie „schwierig …“. Ich hörte es natürlich, tat aber so, als wäre es im allgemeinen Geräuschpegel untergegangen. In meiner alten Realität war ich schon wählerisch gewesen, was Essen und Trinken anging, und hier schien sich das nicht geändert zu haben. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass Keffa nach einigen Minuten eine Wirkung entfaltete. Die Müdigkeit wich nicht schlagartig, aber sie wurde zurückgedrängt, als hätte jemand den Schleier in meinem Kopf ein Stück angehoben. Mein Puls fühlte sich gleichmäßiger an, meine Gedanken etwas klarer. Wenn ich raten müsste, war es eine Art Energydrink – nur mit deutlich weniger Rücksicht auf Genuss.

Es war inzwischen eindeutig Morgen geworden. Das Gerichtsgebäude, das in der Nacht noch kühl, streng und fast abweisend gewirkt hatte, begann zu leben. Überall bewegten sich Menschen – Argonen, uniformierte Kräfte, zivile Angestellte. Richter und Ankläger erschienen in formeller Kleidung, Verteidiger mit ernsten Gesichtern und hastigen Schritten. Geschworene sammelten sich in kleinen Gruppen, leise sprechend, während sie von Sicherheitspersonal weitergeleitet wurden.
Auch Häftlinge wurden hereingeführt. Sie alle trugen dieselbe graue Kleidung: matt, ohne Muster, ohne Individualität. Der Schnitt war so neutral, dass er beinahe entmenschlichend wirkte. Es sah aus, als hätte ein Modedesigner gezielt versucht, jede Form von Persönlichkeit zu tilgen – und dabei erschreckend gute Arbeit geleistet.

Mit jeder Minute wurde ich nervöser. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich musste mehrfach zur Toilette, meine Knie fühlten sich weich an, als hätten sie vergessen, wofür sie da waren. Mein Magen zog sich immer wieder zusammen, ohne dass ich sagen konnte, ob es Angst, Anspannung oder einfach Übermüdung war. Valentina ging es offensichtlich nicht viel besser, auch wenn sie sich mehr unter Kontrolle hatte. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Bewegungen ruhig, aber ich kannte sie inzwischen gut genug, um die kleinen Zeichen zu sehen: das häufigere Blinzeln, die leicht verkrampften Finger.
Die beruhigenden Worte von Gal und Tahl halfen nur begrenzt. Sie klangen routiniert, fast professionell, als hätten sie diese Sätze schon dutzende Male gesagt – und vielleicht hatten sie das auch.

Das Verfahren begann überraschend straff. Kein unnötiges Zögern, kein zeremonielles Ausschmücken. Ein älterer Argone mit lichtem grauem Haar nahm im Richterstuhl Platz. Sein Gesicht war hart, die Züge streng, die Augen aufmerksam und kalt. In dem Moment hatte ich das absurde Gefühl, selbst auf der Anklagebank zu sitzen, obwohl ich offiziell nur Zeuge war.
Tahl pfiff leise durch die Zähne.
„Roland Caprio.“
Gal gab ebenfalls einen kurzen, hörbaren Laut von sich, irgendwo zwischen Überraschung und Unbehagen.
Mir wurde erklärt, dass Roland Caprio als der gefürchtetste Richter der gesamten Föderation galt. Ein Mann, der weder vor Politikern noch vor Großkonzernen oder organisiertem Verbrechen zurückschreckte. Seine Urteile waren bekannt dafür, kompromisslos zu sein, und er hatte sich in seiner Karriere mehr Feinde gemacht, als sich zählen ließen. Dass er hier saß, obwohl er offiziell als zurückgezogen galt, war kein Zufall. Es war ein Signal.
Und ich saß mitten darin.

Die Beweisaufnahme wurde bis ins kleinste Detail aufgerollt. Zeitlinien, Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Datenprotokolle. Valentina und ich mussten unzählige Fragen beantworten, viele davon unangenehm, einige direkt an der Grenze dessen, was ich selbst beantworten konnte, ohne mich zu verhaspeln.
Man hatte mir eindringlich nahegelegt, bei einer Geschichte zu bleiben. Einer Version, die glaubwürdig klang und überprüfbar genug war, um nicht sofort auseinanderzufallen. Ich war der letzte Überlebende eines gescheiterten Kolonieprojekts. Privatleute, die ohne moderne Technologie hatten leben wollen. Idealisten. Die Kolonie war von einem unbekannten Krankheitserreger ausgelöscht worden. Ich hatte mich in eine antike Fluchtkapsel retten können, hatte einen Notruf abgesetzt. Tage später fand man mich – halb tot, dehydriert, ohne Nahrung.
Diese Geschichte sollte alles erklären: meine Herkunft, meine Wissenslücken, meine sprachlichen Schwierigkeiten. Die Kolonisten hätten einen alten Dialekt von der Erde gesprochen. Sie hätten sich selbst Goner genannt. Vor über einem Jahrhundert eine kleine, belächelte Gruppierung. Heute fast vergessen.
Ich erzählte diese Geschichte immer wieder, in Variationen, angepasst an die Fragen. Und während ich sprach, wurde mir schmerzhaft bewusst, wie dünn das Eis war, auf dem ich stand.

Ich saß still da und beobachtete das Geschehen im Gerichtssaal, während die Anwälte der Angeklagten kaum mehr versuchten, ihre Mandanten tatsächlich zu verteidigen. Es war, als hätte allein die Person auf dem Richterstuhl ihnen jede Illusion genommen. Roland Caprio dominierte den Raum vollständig. Trotz seines Alters strahlte er eine Energie aus, die fast greifbar war. Seine Stimme war klar, hart und laut, wenn ihm etwas missfiel. Mehr als einmal wies er Anwälte scharf zurecht, unterbrach sie, ließ sie ausreden, nur um ihre Argumente anschließend mit wenigen Sätzen zu zerlegen. Wer nicht sofort gehorchte oder versuchte, das Verfahren in die Länge zu ziehen, wurde kurzerhand aus dem Saal verwiesen.
Ich musste nicht lange hinschauen, um zu begreifen, dass dieser Mann ein Leben voller Konflikte, Machtkämpfe und Entscheidungen hinter sich hatte. Er wirkte nicht wie jemand, der noch etwas beweisen musste. Eher wie jemand, dem nichts mehr imponierte.
Nach nur wenigen Stunden stand das Urteil fest. Alle Angeklagten wurden für schuldig befunden. Das Einzige, was ihre Anwälte erreicht hatten, war eine Begrenzung der Strafen. Keine lebenslangen Haftstrafen – vorausgesetzt, die Verurteilten kooperierten. Verbindungen offenlegen. Namen nennen. Strukturen preisgeben. Und den Blicken nach zu urteilen, die ich auffing, schienen viele von ihnen genau das bereits innerlich beschlossen zu haben. Sie hatten gesungen. Aus Angst, aus Kalkül oder aus blankem Überlebenswillen.
Als der Tumult schließlich abebbte und der Saal sich leerte, war ich überrascht, wie erschöpft ich mich fühlte. Gleichzeitig aber auch erleichtert. Nur wusste ich nicht, wovon eigentlich. Mein Leben wieder aufnehmen? Welches Leben? Niemand wusste wirklich, woher ich kam. Und wenn das stimmte, wusste auch niemand, ob es einen Weg zurück gab.

Mit steifen Schritten verließ ich das Gerichtsgebäude. Meine Muskeln waren angespannt, mein Kopf schwer. Gegenüber lag ein kleines Restaurant. Unscheinbar. Große Fenster, warmes Licht. Auf der Tafel standen Dinge, die mir seltsam vertraut vorkamen: Spaghetti, Pizza, Eis. Ohne auf Gal, Tahl oder Valentina zu warten, überquerte ich die Straße und setzte mich an einen Tisch in der Ecke, direkt am Fenster.
Eine blonde Kellnerin mit blauen Augen kam zu mir. Sie war etwas fülliger, und der absurde Gedanke schoss mir durch den Kopf, dass sie hier vermutlich selbst ganz gut aß. Ich bestellte eine Tomatensuppe mit Reis. Etwas Bodenständiges. Etwas Sicheres. Als sie mir die Suppe brachte, musste ich kurz blinzeln. Sie war blau.
„Das hätte ich mir auch denken können“, murmelte ich und probierte. Der Geschmack überraschte mich. Sie war ausgezeichnet. Kräftig, würzig, mit einem angenehmen Nachhall, den ich nicht ganz zuordnen konnte.
Als sich jemand mir gegenüber setzte, nahm ich automatisch an, dass es Valentina oder Tahl war. Erst als ich den Kopf hob, sah ich in das alte Gesicht von Roland Caprio. Mein Körper spannte sich sofort an. Ich fuhr leicht zusammen, suchte nach Worten. Der Richter jedoch winkte ruhig ab, ein fast freundliches Lächeln auf den Lippen. Er bestellte eine kleine Portion Nudeln und bemerkte beiläufig, dass man in seinem Alter nicht mehr so essen könne wie früher.
Ich wusste nicht, warum ich blieb. Warum ich nicht aufstand. Aber ich ließ mich auf ein Gespräch ein. Belanglose Themen. Essen. Die Stadt. Allgemeine Beobachtungen. Es fühlte sich surreal an, mit diesem Mann hier zu sitzen, fernab des Gerichtssaals.
Als wir fertig waren und die Kellnerin abgeräumt hatte, erhob er sich. Schon im Gehen sagte er, fast beiläufig:
„Die vergessen nicht. Halt den Ball flach und flieg unter ihrem Radar.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Warum?“ fragte ich.
Er blieb stehen. Sah mich an.
„Ihre Leute hat es erwischt. Jetzt bist du für sie uninteressant geworden.“
Dann ging er.

Am anderen Ende des Gangs sah ich Tahl und Gal, die ihm salutierten. Valentina kam auf mich zu.
„Was hast du gegessen?“ fragte sie.
Ich blinzelte. Die Frage brauchte einen Moment, um anzukommen. Sie setzte sich mir gegenüber. Genau auf den Platz, auf dem eben noch der Richter gesessen hatte.
„Eine blaue Tomatensuppe“, sagte ich schließlich und fügte fast trotzig hinzu, dass sie sehr gut geschmeckt hatte.
„Schwierig“, murmelte sie. Diesmal laut genug.
Ich legte den Kopf schief und sah sie an.
„Was man dir gibt, isst du nicht oder es schmeckt nicht“, sagte sie ruhig. „Und was du isst, verträgst du nicht oder bringt dich fast um.“
Ich holte Luft, um zu widersprechen. Statt Worte kam die Suppe aus meinem Mund. Ich erbrach mich über den Tisch, über Valentina. Dann kippte mein Körper zur Seite. Der Boden kam mir entgegen. Ich spürte noch ein unkontrolliertes Zucken, dann nichts mehr.

Als ich wieder zu mir kam, wusste ich sofort, wo ich war. Noch bevor ich die Augen ganz öffnete, noch bevor sich das Dröhnen in meinem Kopf gelegt hatte. Der Geruch. Steril, leicht metallisch, mit dieser unterschwelligen Note von Desinfektionsmitteln, die sich überall festsetzte. Gedämpfte Geräusche. Ein leises Summen technischer Geräte.
„Schon wieder im Krankenhaus?“ murmelte ich heiser.
„Sei froh, dass du noch am Leben bist“, fuhr mich Valentina an.
Ich öffnete die Augen vollständig. Sie saß auf einem Stuhl neben meinem Bett, nach vorne gelehnt, die Arme verschränkt. Ihre Haltung war angespannt, ihr Blick hart. Nicht besorgt. Nicht tröstend. Eher… wütend. Oder vielleicht beides gleichzeitig.
Gegenüber, neben der Eingangstür, saß Gal. Sie wirkte ruhig, fast zu ruhig. Ihre Augen lagen auf mir, analytisch.
„Ich frage mich“, sagte sie nüchtern, „ob es für das Syndikat nicht einfacher gewesen wäre, dich dir selbst zu überlassen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also sagte ich nichts.
Erst dann sah ich Tahl. Er lehnte am Fußende meines Bettes an der Wand, die Arme locker verschränkt, der Blick auf mich gerichtet.
„Was sie meint“, sagte er trocken, „ist: Du hast ein Talent dafür, dich fast umzubringen.“
Ich versuchte, mich aufzurichten. Der Versuch endete in einem dumpfen Schwindel und einem Gefühl, als würde mein Körper aus nassem Sand bestehen. Meine Muskeln gehorchten nicht. Valentina stand sofort auf und half mir, mich zumindest halbwegs aufzusetzen. Ihre Berührung war sachlich. Professionell. Kein Zögern.
„Ich denke“, sagte ich, noch bevor ich den Gedanken richtig sortieren konnte, „dass jemand wie ich hier nichts zu suchen hat.“
Der Satz kam zu schnell. Zu ehrlich. Kaum ausgesprochen, wusste ich selbst nicht genau, was ich damit meinte. Vielleicht die Verzweiflung darüber, dass es keinen Weg zurück gab. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich hier allein nicht überlebensfähig war. Vielleicht einfach nur Müdigkeit. Mentale Erschöpfung. Aber die Worte waren draußen, und ich konnte sie nicht mehr zurückholen.
„Es ist nett von euch“, fuhr ich fort, „dass ihr euch um mich gekümmert habt.“
Alle drei sahen sich kurz an. Verwirrt. Ich sah es in ihren Gesichtern. Also sagte ich, was ich meinte.
„Sperrt mich irgendwo weg. In ein Hospiz oder eine soziale Einrichtung, die sich um mich kümmert.“
Die Ohrfeige kam ohne Vorwarnung.
Ein scharfer Knall, dann ein brennender Schmerz auf meiner linken Wange. Ich war mir sicher, dass sich Valentinas Handabdruck glühend in mein Gesicht eingebrannt hatte.
„Bist du irre?“ fauchte sie.
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, rang sichtbar mit sich – dann drehte sie sich abrupt um und stapfte wütend aus dem Zimmer.
Schwer ausatmend ließ ich mich zurück ins Bett fallen.
„Frauen“, murmelte Tahl.
Gal warf ihm einen Blick zu, der ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und folgte Valentina nach draußen.
Die Tür glitt zu. Es wurde stiller.
Tahl trat näher, blieb am Fußende meines Bettes stehen und umfasste die Schutzleiste.
„Zu einem gewissen Maß hast du recht“, sagte er ruhig. „Wir können nicht die ganze Zeit bei dir bleiben.“
Ich sagte nichts.
„Aber“, fuhr er fort, „wir können dir helfen, einen guten Start in ein neues Leben zu haben.“
Er zog seine ID-Card hervor, gab etwas ein und nahm dann meine aus einem Schubfach, das zu einem schwebenden Nachttisch gehörte. Er hielt beide kurz aneinander.
Ich sah ihn fragend an.
„Credits“, erklärte er. „Eine Menge.“
Mein Gesichtsausdruck änderte sich offenbar nicht genug, denn er präzisierte:
„Kopfgelder. Informationsbelohnungen. In Summe etwa fünfzigtausend.“
Mir entglitten die Gesichtszüge.
„Wow“, brachte ich hervor.
Doch das Gefühl hielt nicht lange an. Schon beim nächsten Gedanken zog sich alles wieder zusammen.
„Ich vertrage kaum das Essen hier“, sagte ich. „Also brauche ich eine Wohnung in der Nähe von einem Geschäft, das Nahrung anbietet, die ich vertrage. Ich müsste Möbel kaufen. Mich durch Bürokratie kämpfen. Versicherungen. Registrierungen.“ Ich sah ihn an. „Ich bin nach zwei Jahren pleite.“
„Du findest Arbeit“, sagte Tahl ruhig.
Ich schüttelte den Kopf.
„Welche? Sieh mich an. Ich bin per Definition Terraner, kein Argone. Mein Körper war nie G-Kräften ausgesetzt. Ich komme aus einer Zeit, in der Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckt.“
Er nickte langsam.
„Ich verstehe“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Wir finden eine Lösung.“
Ich antwortete nicht. Drehte mich auf die Seite. Hörte, wie er den Raum verließ.
Dann war ich allein.

Dachte ich zumindest.
Es klopfte an der Tür, und sie öffnete sich, ohne dass ich etwas sagte.
Ich wandte mich reflexartig der Tür zu und zuckte zusammen. Schon wieder.
„Guten Tag, Grau-san.“
Es war Richter Caprio. Auf einem antiken Gehstock gestützt, kam er auf mich zu und setzte sich ohne zu fragen auf die Bettkante.
„Wa…?“
Weiter kam ich nicht. Er hob die Hand, und das reichte aus, um mich zum Schweigen zu bringen.
„Ich weiß, dass Ihre Geschichte nicht wahr ist.“
Ich wurde blass, und mein Magen drehte sich um.
„Keine Sorge. Meine Kinder haben mir alles erzählt.“
„Ihre… Kinder?“
„Gal und Tahl.“ Ich sah aus dem Türfenster und erhaschte nur kurz ihre Köpfe.
„Glauben Sie wirklich, Grau-san, dass ein Richter, der bereits in Rente ist, einfach so wieder auftaucht?“
Ich schweifte ab. „Die beiden… ähneln sich überhaupt nicht.“
Caprio wandte sich um und sah ebenfalls durch das Fenster. „Ja, verschiedene Mütter. Und ihre Charaktere sind wie Feuer und Wasser. Ein Wunder, dass sie überhaupt in ähnliche Berufe eingestiegen sind.“
Dann drehte er sich wieder zu mir. „Ich habe selbst einige Unverträglichkeiten.“
Ich wusste nicht, worauf das hinauslaufen sollte. Und warum siezte er mich jetzt plötzlich, während er im Restaurant geduzt hatte?
„Grau-san, ich biete Ihnen eine Wohnung und einen Job an.“
„Huh?“ Die Überraschung stand mir ins Gesicht geschrieben.
Er lächelte nur. „Ich bin alt. Das ist kein Geheimnis, und man sieht es mir an. Ich werde vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte zu leben haben.“ Er schwieg kurz. „Allerdings nur, wenn jemand auf mich aufpasst.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Hier komme wohl ich ins Spiel.“
„Mehr oder weniger. Wir beide haben ein ähnliches Problem: Sie vertragen von Haus aus argonische Nahrung schlecht. Ich immer weniger.“
Ich nickte. „Ich verstehe.“ Ah, deswegen siezt er mich – weil es ums Geschäftliche geht. „Aber ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.“
„Wir können uns gegenseitig helfen. Ich biete Ihnen Stabilität, und gemeinsam können wir uns unseren Problemen stellen.“
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Es ging nicht nur um die Nahrung.
Doch das Angebot war zu gut, um abzulehnen. Ich reichte Caprio die Hand.
„Deal.“
Er schüttelte sie fest, seine Augen funkelten kurz. Ich spürte, dass dies kein einfacher Pakt war. Und doch… zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich, dass ich vielleicht wieder eine Richtung hatte.
Last edited by Rock Man Zero on Sun, 8. Feb 26, 12:27, edited 2 times in total.
Image
Uwe Poppel
Moderator (Deutsch)
Moderator (Deutsch)
Posts: 3723
Joined: Sun, 4. Sep 05, 03:03
x4

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Spannend. Sehr lebendig und... hmm... realistisch :D geschrieben.
Hoffentlich findet er bald etwas zu essen, was ihn nicht umbringt. :wink:
Schönes Cover.
:thumb_up:
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
----------------------------
Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Danke, das freut mich, dass der Realismus auffällt – das war mir auch sehr wichtig. Ich bin mittlerweile von Geschichten genervt, in denen der Protagonist übermächtig ist und alles ohne Mühe schafft.
Die Geschichte spiegelt auch ein Stück weit meine eigenen Schwierigkeiten im X-Universum wider. Während ich bei X1 bis X3 problemlos ins Gameplay kam, fällt mir der Einstieg in X4 deutlich schwerer, und Fortschritt ist nur schwer zu erzielen. Das fließt hier auf eine erzählerische Art ein.
Und ja, das Thema Essen wird Tori die ganze Geschichte über begleiten, in der einen oder anderen Form. Mehr dazu sage ich nicht, um nicht zu spoilern.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 6 - All New Days

Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, jeden Morgen früh aufzustehen. Das Licht, das durch die schmalen Fenster des Bungalows fiel, war sanft, fast golden, bevor die Sonne richtig über die Hügel von Aru stieg. Roland saß dann oft schon im kleinen Frühstücksraum, eine Tasse dampfenden Keffas in der Hand, den Blick nach draußen gerichtet. Ich nannte ihn insgeheim „den alten Fuchs“, weil er mich ständig beobachtete, ohne dass ich es merkte.
Nach dem Frühstück machte ich mich meist auf den Weg nach draußen. Die Luft war kühl, mit einem Hauch von feuchtem Gras und Wald. Ich lief den schmalen Pfad entlang, der hinter dem Haus begann, vorbei an kleinen Feldern und hin zu einem alten Bach. Das Wasser war klar und beruhigend, und ich stellte mir vor, dass all der Stress, die Angst, die Schmerzen der letzten Wochen langsam davongetragen wurden. Ich wusste, dass das nur ein Gefühl war – doch es half.
Die Spaziergänge waren zugleich meine einzige Gelegenheit, über das nachzudenken, was passiert war. Über die Explosionen, den Angriff auf das Safehouse, den Richter, der plötzlich wieder in mein Leben getreten war. Über Valentina, Gal und Tahl. Über mich selbst. Ich spürte, wie sich langsam ein Rhythmus einstellte, als hätte ich mir in diesem fremden Leben eine kleine Insel geschaffen.
Zurück im Haus begann ich, die Vorräte zu sortieren. Die Listen, die mir Gal und Tahl gegeben hatten, waren detailliert, und ich lernte, die Produkte nach Verträglichkeit, Haltbarkeit und Nährwert einzuteilen. Das Geräusch der Drohnen, die über das Dach hinwegflogen, wurde fast normal. Ich wusste, dass ich jeden Tag ein bisschen sicherer werden konnte – sicherer darin, meinen Körper zu verstehen, meinen Magen, meine Grenzen.
Roland war geduldig, wenn auch bestimmend. Er beobachtete mich, wenn ich die Mahlzeiten vorbereitete, die Geräte nutzte oder einfach nur in der Sonne saß. Seine Präsenz war beruhigend und gleichzeitig fordernd. Ich merkte, dass er mich testete, ob ich eigenständig handeln konnte, und gleichzeitig versuchte, mir das Gefühl von Verantwortung zu geben.
Manchmal, wenn ich allein war, fragte ich mich, ob ich jemals wirklich ankommen würde. Ob dieses Leben hier jemals „meins“ werden könnte. Aber dann hörte ich das sanfte Summen der Geräte, das Rascheln der Blätter draußen oder das ferne Läuten einer Drohne, und ich atmete durch. Ein ganzer Monat war vergangen – und ich lebte noch. Ich war müde, aber am Leben. Und vielleicht war das genug, um langsam einen neuen Anfang zu wagen.

Die Umgebung um Aru, einem ruralen Dorf außerhalb von Nathania, erinnerte mich an die frühen Tage der Erde, bevor Städte und Straßen alles überlagert hatten. Sanfte Hügel, gesäumt von dichten Wäldern, die in tiefes Grün getaucht waren, wechselten sich ab mit offenen Wiesen, auf denen wilde Blumen in Gelb, Blau und Violett blühten. Alles wirkte lebendig, als hätte die Natur hier eine Pause eingelegt, um sich in aller Ruhe zu entfalten.
Was diesen Planeten, Argon Prime, besonders machte, war die Art, wie das Wasser das Leben formte. Statt Meere mit salzigem Wasser dominierten unzählige Süßwasserseen, Flüsse und Teiche das Land. Diese Gewässer schimmerten je nach Sonnenstand türkis, smaragdgrün oder silbrig. Sie waren die Quelle für alles Wachstum: Pflanzen, Tiere und selbst die kleinsten Insekten schienen in einem ständigen Kreislauf aus Frische und Feuchtigkeit zu leben.
Die Flora hatte sich vollständig an Süßwasser angepasst. Bäume, die an Eichen oder Ahorn erinnerten, wuchsen dicht zusammen, ihre Wurzeln gruben sich tief in die feuchten Böden. Moose und Farne bildeten weiche Teppiche zwischen den Stämmen. In den Niederungen standen Schilf und Gräser, die das Wasser aufnahmen und kleine Feuchtgebiete bildeten, in denen Vögel, Amphibien und andere Tiere Nahrung und Schutz fanden. Sogar das Licht wirkte anders: Es wurde vom klaren Wasser der Seen reflektiert, tauchte die Umgebung in ein sanftes, fast überirdisches Leuchten.
Die Luft war frisch, kaum von menschlichen Einflüssen getrübt, und hatte einen leichten, mineralischen Geruch, der an feuchten Stein und frisches Gras erinnerte. Regenfälle hinterließen keine salzigen Ablagerungen, sondern reines, klares Wasser, das die Erde nährte und die Vegetation kräftig und saftig erscheinen ließ. Für jemanden wie mich, der aus einer Welt stammte, in der das Leben stark industrialisiert und salzlastig geprägt war, fühlte sich diese Umgebung wie ein Rückzug in eine ursprüngliche, fast heile Natur an.
Die Kombination aus Süßwasser, üppiger Vegetation und sanften Hügeln machte Argon Prime zu einem Planeten, auf dem Leben langsam, aber sicher gedeiht. Es war ein Ort, der Schutz bot und zugleich eine leise, aber konstante Erinnerung daran, dass das Leben, egal wie fremd es sein mag, auf Stabilität und Pflege angewiesen ist.

Ich hörte Roland zu, während wir durch die grasbewachsenen Hügel außerhalb von Aru gingen. Seine Stimme war ruhig, fast gleichmäßig, und doch lag jedem Satz eine Schwere bei, die ich nicht genau einordnen konnte. Ich konnte mir vorstellen, dass das Leben von Gal und Tahl alles andere als normal verlaufen war, und plötzlich wurde mir klar, dass ihre Energie, ihr Ehrgeiz und ihr Pflichtbewusstsein nicht aus dem Nichts entstanden waren.
Roland sprach über die argonische Gesellschaft, ihre Regeln, Verträge und Normen. Ehe war hier ein funktionales Instrument, kein emotionaler Bund. Die Verträge waren wie Verträge über Eigentum: klar geregelt, zeitlich begrenzt, jederzeit überprüfbar und verlängerbar. Ich versuchte mir vorzustellen, wie fremd diese Struktur für mich war – ein Leben, in dem selbst Gefühle und Beziehungen formalisiert wurden.
Er erzählte von Gal, wie sie als Waise aufwuchs, sich allein durchschlagen musste, und wie er sie bei einem kleinen Diebstahl erwischte. Statt sie zu bestrafen, hatte er ihr geholfen, einen Weg aus der Armut zu finden. Ich konnte das in mir nachvollziehen, ein Funken von Wärme mischte sich in das Bild des alten Richters, das bisher so streng und unnahbar gewirkt hatte. Doch der Anschlag, bei dem Gals Mutter ums Leben kam, der jedoch Roland galt, zeigte die Härte dieser Welt. Schon als Kind war sie gezwungen, Stärke zu zeigen.
Tahl, zehn Jahre älter, war in der Pubertät, als all dies passierte. Seine Mutter hatte sich aus Karrieresicht von Roland getrennt, und das hatte eine Kluft hinterlassen. Ich konnte verstehen, warum er seine Mutter nicht leiden konnte und warum die Rivalität zwischen den Halbgeschwistern so tief verwurzelt war. Beide, Gal und Tahl, trugen diese Geschichte in sich, ihre Energie und ihr Pflichtbewusstsein entstanden aus Verlust, Pflicht und Loyalität.
Ich ging schweigend neben Roland, während er sprach. Ein Teil von mir bewunderte diese Menschen, die unter solchen Umständen nicht zerbrachen. Ein anderer Teil fühlte sich fremd, fehl am Platz. Ich war noch nicht einmal sicher, wie lange ich hier bleiben konnte – und wie viel von mir selbst ich hier noch behalten würde, wenn ich mich wirklich auf diese neue Welt einließ.
Die Hügel rund um Aru verschwammen vor meinen Augen, das Gras leuchtete im sanften Licht der Nachmittagssonne. Ich fragte mich, ob ich jemals wieder in einer Welt leben würde, in der Loyalität, Pflicht und Überleben so untrennbar verbunden waren. Doch für den Moment musste ich mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren – auf meinen Platz in diesem fremden Leben, auf die Menschen, die mir halfen, und auf die Verantwortung, die mir nun angeboten wurde.

Ich hatte mir bei diesen Spaziergängen angewöhnt, immer bei einem bestimmten Geschäft in Aru vorbeizuschauen. Es war fast schon ein festes Ritual geworden. Wenn Roland mit dabei war, dauerte natürlich alles länger. Er kannte jeden zweiten Dorfbewohner, blieb stehen, wechselte ein paar Worte, hörte sich Geschichten an, die er vermutlich schon dutzende Male gehört hatte. Manchmal nervte mich das. Aber ich sagte nichts. Vielleicht, weil ich wusste, dass diese Gespräche für ihn mehr waren als bloßer Zeitvertreib.
Das Geschäft hieß „Anshin Shokudō“. Mein Argonisch war in dem Monat deutlich besser geworden, aber noch immer nicht sauber. Ich übersetzte den Namen für mich mit „sorgenfreies Essen“. Das klang mehr nach einem werbewirksamen Markennamen als nach einer nüchternen Beschreibung, aber inhaltlich traf es erstaunlich gut zu. Hier konnte ich tatsächlich sorgenfrei einkaufen.
Offiziell lief der Laden unter der Kategorie „Support-Shop für Nahrungsmittelunverträglichkeiten“. Inoffiziell war es einer der wenigen Orte, an denen ich nicht ständig überlegen musste, ob mich das, was ich aß, später ins Krankenhaus bringen würde. Und nicht nur ich. Auch Roland fand hier alles, was er noch vertrug.
Ich hatte anfangs gedacht, der Laden existiere nur wegen einer kleinen Randgruppe. Doch jedes Mal waren andere Kunden da. Manche offensichtlich aus medizinischen Gründen, andere wirkten eher wie das, was man in meiner alten Welt als „bewusst lebend“ bezeichnet hätte. Ob Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Argonen weit verbreitet waren oder ob sich hier einfach ein bestimmtes Klientel sammelte, wusste ich nicht. Aber der Laden lief gut.
Die Inhaberin hieß Vanu Atu. Eine Argonin, etwa in meinem Alter. Nicht auffällig, nicht herausstechend. Weder besonders sportlich noch unscheinbar. Einfach… normal. Grüne Augen, leicht gewelltes, dunkelrotes Haar, meist locker zusammengebunden. Sie wirkte ruhig, aufmerksam, manchmal fast ein wenig zu aufmerksam.
Roland neckte mich regelmäßig damit, dass sie ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich stritt es nicht ab, dass sie ästhetisch ansprechend war. Aber sie war mir anfangs zu aufdringlich, zu nah. Zumindest war das mein erster Eindruck.
Das erste sogenannte „Date“ war keines gewesen. Sie war vor dem Laden umgeknickt, ich hatte sie nach Hause begleitet. Auf dem Weg hatten wir in einem kleinen Café Halt gemacht, weil sie dort ohnehin immer zu Abend aß. Ich hatte ihr Gesellschaft geleistet, mehr nicht. Irgendwann schien bei ihr der Groschen gefallen zu sein. Ihre Nähe wurde zurückhaltender, ihre Fragen weniger direkt.
Ab da kam ich überraschend gut mit ihr aus. Sie war klug, stellte die richtigen Fragen und hörte tatsächlich zu. Gespräche mit ihr fühlten sich nicht anstrengend an. Und vielleicht war genau das der Punkt, an dem ich merkte, dass ich langsam begann, in diesem Leben anzukommen. Nicht sicher. Nicht stabil. Aber zumindest nicht mehr völlig fehl am Platz.

Doch je näher Vanu und ich uns kamen, desto häufiger musste ich an Valentina denken. Nicht, weil ich in beide Frauen verliebt gewesen wäre. So einfach war es nicht. Valentina hatte mich in den ersten zwei Monaten dieser Realität begleitet. Sie hatte mich gesehen, als ich kaum stehen konnte, als ich keine Ahnung hatte, was ich essen durfte, was mein Körper aushielt und was nicht. Sie wusste mehr über mich, als ich bereit gewesen wäre, Vanu zu erzählen.
Natürlich waren Gal, Tahl und Valentina längst in ihre alten Leben zurückgekehrt. Aber der Kontakt zu Valentina war geblieben. Weniger aus romantischen Gründen, sondern aus sehr praktischen. Aus gesundheitlichen. Ich schickte ihr regelmäßig Daten zu neuen Gerichten, die ich ausprobierte, Reaktionen meines Körpers, Vergleichswerte zwischen mir und Roland. Für uns beide war sie so etwas wie eine inoffizielle Leibärztin geworden.
Bei einem unserer letzten Gespräche hatte sie nebenbei erwähnt, dass sie eine Doktorprüfung ablegen wollte. Fast beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. Es passte zu ihr.
Trotzdem wusste ich nicht, wie ich mit all dem umgehen sollte. Mit Frauen im Allgemeinen. Mit Signalen im Besonderen. Ich hatte das Gefühl, dass Valentina mir hin und wieder subtile Avancen machte. Kleine Bemerkungen, kurze Pausen, ein bestimmter Blick. Aber ich war mir nie sicher, ob ich mir das einbildete. Meine eigene Unerfahrenheit machte es nicht besser.
Also blieb ich vorsichtig. Zu vorsichtig. Ich ließ beiläufige Komplimente fallen, etwa zu ihrer Frisur oder ihrem Auftreten. Sie nahm sie dankend an, ohne sie weiter auszuschlachten. Ich lud sie ein, mich zu besuchen, falls es sie einmal in meine Richtung verschlagen sollte. Ihre Reaktion war distanziert, aber nicht ablehnend. Offen, aber ohne Versprechen.
Ich war mir schmerzlich bewusst, dass ich schlecht darin war, zwischen den Zeilen zu lesen. In meiner alten Realität hatten Frauen öfter mit mir geflirtet. Nur hatte ich es fast immer erst Stunden oder Tage später begriffen. Dann, wenn der Moment längst vorbei war.
Und hier, auf Argon Prime, schien sich daran nichts geändert zu haben.

Als Vanu eines Tages unangekündigt vorbeikam, war ich ehrlich überrascht. Sie hatte mehrere Behälter dabei, sauber versiegelt, mit Etiketten in unterschiedlichen Föderationsdialekten. Nahrungsmittel von anderen Planeten, wie sie erklärte. Roland bat sie herein, wobei „herein“ relativ war, denn wir saßen ohnehin draußen auf der Terrasse. Die Markise spendete Schatten, darunter staute sich die warme Mittagsluft des argonischen Sommers. Die Hitze war träge, fast angenehm, und ließ selbst Gespräche langsamer werden.
Vanu erzählte von einem Händler, dem sie zufällig begegnet war. Er hatte ihr die Waren überlassen, offenbar in der Hoffnung, einen neuen Abnehmer zu finden. Beim Öffnen der Behälter kamen verschiedene Früchte, Knollen und Samen zum Vorschein. Formen und Farben, die mir fremd waren, aber nicht abstoßend wirkten. Einige erinnerten entfernt an irdisches Obst, andere sahen aus, als hätten Pflanzen und Pilze einen gemeinsamen evolutionären Nenner gefunden.
Ich erinnerte mich daran, dass ich ihr irgendwann beiläufig erzählt hatte, dass Genetik früher mein Hobby gewesen war. Kurzzeitig sogar Studieninhalt, bevor ich abgebrochen hatte. Für mich war das eine Randnotiz gewesen. Für sie offenbar nicht. Sie fragte mich, ob ich mir zutrauen würde, die Nahrungsmittel zu analysieren. Professionell, zumindest so weit es ging. Sie könne sich ein offizielles Labor nicht leisten.
Ich war vollkommen überrumpelt. Mir war sofort klar, dass ich weder über das Wissen verfügte, moderne Analysegeräte zu bedienen, noch wusste, wo man solche Geräte überhaupt finden konnte. Mein Studium lag in einer anderen Zeit, mit anderer Technologie. Bevor ich überhaupt antworten konnte, schaltete sich Roland ein. Er meinte ruhig, dass er jemanden kenne, der über entsprechendes Equipment verfüge. Natürlich nicht kostenlos. Aber deutlich günstiger als alles Offizielle.

Einige Tage später standen Vanu und ich vor einem Gebäude am Rand des Meeres von Nathania. Von außen wirkte es vernachlässigt. Salzwind hatte die Fassade angegriffen, Metallteile waren stumpf, an einigen Stellen hatte sich Algenbewuchs festgesetzt. Ich hatte gelernt, dass man das angrenzende Gewässer das Blaue Meer nannte, eines der wenigen Salzgewässer von Argon Prime. Der Name war naheliegend und nicht gerade kreativ.
Innen jedoch war das Gegenteil der Fall. Sauber. Steril. Mehrere Schleusen trennten die Bereiche voneinander, jede mit eigenen Filtern und Warnanzeigen. Kontamination sollte in beide Richtungen verhindert werden. Das Gebäude gehörte einem Paar: Greg Watson und Rosa Morgan.
Rosa war eine ältere Frau, gebrechlich wirkend, mit kurzen braunen Haaren, die bereits von weißen Strähnen durchzogen waren. Ihre Bewegungen waren langsam, aber präzise. Greg hingegen war jung, jung genug, um ihr Sohn zu sein. Schlank, nicht muskulös, nicht schwach. Der Inbegriff eines Wissenschaftlers, zumindest meinem alten Weltbild nach. Zerzaustes, etwas längeres grünes Haar, ständig leicht fahrig, aber aufmerksam.
Weder Vanu noch ich wussten genau, womit sie sich normalerweise beschäftigten. Aber da sie offensichtlich nicht von Sicherheitsbehörden behelligt wurden, schien alles legal genug zu sein. Gegen eine kleine „Spende“, wie sie die Bezahlung unter der Hand nannten, analysierten sie die Nahrungsmittel bis ins kleinste Detail. Sie zerlegten Proben, untersuchten Säfte, Fruchtfleisch, Zellstrukturen und schließlich sogar die DNA.
Das Ganze dauerte Tage. In dieser Zeit lief das Leben weiter. Spaziergänge mit Roland, Einkäufe, Gespräche mit Vanu. Und immer wieder kurze Updates aus dem Labor. Als wir schließlich die Ergebnisse erhielten, waren wir begeistert. Mehrere der Proben waren für mich und Roland unbedenklich. Einige sogar ausgesprochen gut verträglich. Für Vanu bedeutete das neue Produkte, die sie verkaufen konnte.
Während wir die Daten durchgingen, spürte ich, wie sich in meinem Hinterkopf etwas formte. Eine Idee, die ich erst ignoriert hatte, die dann immer hartnäckiger wurde. Schließlich brach sie ins Bewusstsein durch:
Warum nur argonische Nahrungsmittel analysieren? Warum nicht gezielt außerhalb suchen? Auf anderen Planeten, in anderen Biosphären, nach Alternativen, die für Menschen wie mich überhaupt erst ein Überleben möglich machten.
Last edited by Rock Man Zero on Tue, 3. Feb 26, 20:00, edited 1 time in total.
Image
moralinho
Posts: 36
Joined: Mon, 19. Jan 26, 00:41

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by moralinho »

Ach sieh an, deswegen hören sich deine Beiträge so gebügelt an wie aus der LLM - du bist ein Schriftsteller :D

Ich habe nur kurz reingeschnuppert gerade, aber ich werd es mir bei Zeiten mal in Ruhe durchlesen.
Danke fürs Teilen und viel Erfolg derweil!
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 7 - Essen und essen lassen

Wochen zogen ins Land und meine anfängliche Idee, fremde Nahrung für mich und letztlich auch für andere nutzbar zu machen, hörte auf, ein loses Gedankenspiel zu sein, und wurde zu etwas Greifbarem. Anfangs war es nur Neugier gewesen, gepaart mit der schlichten Notwendigkeit, nicht jedes Mal mit Bauchkrämpfen oder Schlimmerem zu enden, wenn ich etwas Neues probierte. Doch mit jeder Analyse, mit jedem kleinen Erfolg, wuchs der Gedanke, dass hier mehr möglich war als nur persönliches Überleben. Gemeinsam mit Vanu begann ich, gezielt Kontakte zu Händlern aufzubauen. Nicht die großen, anonymen Lieferketten, sondern kleine Anbieter, die bereit waren, mir geringe Mengen zu überlassen, manchmal aus reiner Neugier, manchmal aus Hoffnung auf ein neues Geschäftsfeld.

Der Raumhafen außerhalb von Nathania war kein Ort für Romantik, sondern für Lärm, Gerüche und Geschäfte, die lieber im Halbdunkel abgeschlossen wurden. Die Bar, in der Vanu und ich uns mit den Händlern trafen, lag etwas abseits der Hauptanlegestellen, gerade nah genug, um Laufkundschaft aus allen Spezies anzuziehen, aber weit genug entfernt, dass niemand zufällig hier landete. Die Luft war schwer von einer Mischung aus ozonhaltigen Abgasen, fremden Gewürzen und Alkohol, der für mindestens drei unterschiedliche Biologien gedacht war. Ich saß mit dem Rücken zur Wand, aus alter Gewohnheit, während Vanu mir gegenüber Platz nahm. Sie wirkte ruhig, fast entspannt, doch ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie jedes Detail im Raum erfasste. Der erste Händler war ein Teladi, schuppig, mit glänzenden Augen, die jede Bewegung in Credits umzurechnen schienen. Er sprach schnell, übertrieben freundlich, und begann sofort, die Qualität seiner Sonnenblumen hervorzuheben, noch bevor wir überhaupt nach Preisen fragten. Vanu ließ ihn reden, unterbrach ihn nicht, sondern wartete, bis er sich selbst in Widersprüche verstrickte. Erst dann legte sie ruhig dar, dass wir keine Raffinerieware suchten, sondern Rohmaterial, möglichst unverändert, und dass wir bereit waren, für konstante Lieferungen zu zahlen, nicht für einmalige Deals. Das Wort konstant wirkte. Der Teladi lehnte sich zurück, musterte mich und fragte, warum ein Terraner sich für so etwas interessiere. Ich erklärte knapp, dass ich an neuen Verarbeitungsmethoden arbeitete und dass kleine Mengen für Tests reichten. Keine Visionen, keine großen Versprechen. Nur Bedarf.
Kurz darauf gesellte sich ein Argone dazu, ein Mann mittleren Alters mit abgetragenem Mantel und der Haltung eines Farmers, der den Raumhafen nur widerwillig betrat. Er sprach über Delexianischen Weizen von Son’ra 4, betonte die natürliche Aufzucht und die Schwierigkeiten des Transports. Ich stellte gezielte Fragen zu Bodenbeschaffenheit, Erntezeitpunkten und Lagerung, und ich sah, wie sich seine Skepsis langsam in Respekt verwandelte. Er war es gewohnt, dass Händler nur den Preis drücken wollten. Stattdessen interessierte ich mich für Details, die normalerweise niemand hören wollte. Als Vanu schließlich eine Abnahmemenge nannte, die klein, aber regelmäßig war, nickte er langsam.
Der schwierigste Teil kam mit einem Split-Händler. Er stand, während wir saßen, die Arme verschränkt, die Stimme scharf wie ein Messer. Scruffins, sagte er, seien kein Gemüse für schwache Mägen, und er mache keine Versprechen über Verträglichkeit. Ich erwiderte, dass ich keine Garantien wolle, sondern Transparenz. Herkunft, Lagerzeit, Behandlung. Er lachte kurz, ein raues, bellendes Geräusch, und meinte, das sei ungewöhnlich. Vanu übernahm hier das Gespräch, sprach direkt, ohne Umschweife, respektierte seine Haltung, ohne sich unterzuordnen. Sie bot einen höheren Preis pro Einheit an, gekoppelt an die Bedingung, dass die Ware unbearbeitet blieb. Nach einem Moment des Schweigens setzte er sich doch, bestellte ein Getränk und stimmte zu, allerdings mit dem Zusatz, dass Lieferungen unregelmäßig sein würden. Wir akzeptierten.
Am Rand der Runde hielt sich ein weiterer Händler, ein Paranide, zurück. Er sprach wenig, hörte viel und reagierte erst, als das Thema Soja fiel. Seine Augen verengten sich, und ich spürte sofort, dass dies kein normales Geschäft war. Ich erklärte offen, dass wir kleine Mengen für Forschung benötigten und dass keine Weitergabe ohne Zustimmung erfolgen würde. Vanu ergänzte, dass wir bereit seien, schriftliche Vereinbarungen nach paranidischem Recht zu akzeptieren. Das überzeugte ihn nicht sofort, aber es brachte ihn zum Nachdenken. Am Ende nannte er einen Preis, der hoch war, aber nicht abschreckend. Ich stimmte zu, ohne zu verhandeln. Manchmal war Vertrauen mehr wert als ein paar Credits.
Als wir die Bar verließen, war mein Kopf voll von Zahlen, Lieferterminen und offenen Risiken. Vanu ging neben mir, schweigend, bis wir außer Hörweite waren. Dann sagte sie nur, dass es gut gelaufen sei. Ich wusste, was sie meinte. Nicht wegen der Mengen oder Preise, sondern weil wir es geschafft hatten, inmitten von Misstrauen und fremden Kulturen etwas zu erreichen, das über einen simplen Handel hinausging. Wir hatten einen Anfang gemacht.

Rosa und Greg wurden dabei zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Ihre Labore am Meer von Nathania waren kein Ort für große Worte, sondern für Geduld, Präzision und unzählige Datenpunkte. Jedes Nahrungsmittel wurde zerlegt, chemisch, biologisch und strukturell analysiert, nicht nur auf offensichtliche Toxine, sondern auf langfristige Wechselwirkungen mit argonischer und meiner terranischen Physiologie. Erst danach begann mein Teil der Arbeit. Mir war schnell klar geworden, dass mein altes Halbwissen aus dem Genetikstudium nicht ausreichen würde. Also meldete ich mich zu Kursen an. Kochkurse, ja, aber auch Ernährungslehre, Mikronährstoffkunde und sogar Grundlagen der Lebensmitteltechnologie. Ich hatte erwartet, Rezepte auswendig zu lernen. Stattdessen lernte ich, warum bestimmte Vitamine hitzeempfindlich waren, wie Mineralstoffe bioverfügbar gemacht wurden und warum zwei scheinbar harmlose Zutaten in Kombination gefährlich sein konnten.
Roland unterstützte mich dabei mehr, als er zugab. Er stellte Mittel bereit, kommentierte trocken, dass es eine lohnende Investition sei, und war ehrlich genug zu sagen, dass auch er es leid war, seit Monaten dieselben sicheren, aber langweiligen Speisen zu essen. Seine Motivation war pragmatisch, aber sie gab mir Rückhalt. Ich wusste, dass ich mir ohne ihn diese langsame, gründliche Vorgehensweise nicht hätte leisten können.
Das erste ernsthafte Testobjekt war BoFu gewesen, Boron Fungus. Bei den Boronen galt es als Delikatesse, ein Grundnahrungsmittel mit kulturellem Gewicht. Die Boronen selbst wirkten auf mich immer noch fremdartig, mit ihren tentakelartigen Unterleibern und den filigranen Oberkörpern, die mehr an Meereswesen erinnerten als an irgendetwas, das ich aus meiner alten Welt kannte. BoFu war proteinreich, aber seine Zellstruktur war für meinen Körper kaum verwertbar. Erst nach Fermentationsversuchen, angelehnt an alte terranische Methoden, begannen sich erste brauchbare Ergebnisse zu zeigen. Parallel untersuchten wir auch Plankton- und Algenarten der Boronen. Nicht als Hauptnahrung, sondern als mögliche Zusatzstoffe, reich an Spurenelementen, die mir bisher komplett gefehlt hatten.
Delexianischer Weizen war allgegenwärtig, fast schon langweilig, weil er überall verarbeitet wurde. Doch Vanu und ich wollten bewusst weg von der industriellen Massenware. Die natürliche Ursprungsform von Son’ra 4 zeigte deutliche Unterschiede. Die Körner waren nährstoffreicher, aber auch schwerer verdaulich. Durch Keimprozesse und langsame Trocknung ließ sich jedoch ein Mehl herstellen, das ich nicht nur vertrug, sondern das auch geschmacklich komplexer war als alles, was ich bisher kannte.
Von den Teladi kamen Sonnenblumen, unscheinbar auf den ersten Blick. Nostrop-Öl war berüchtigt dafür, je nach Reinheit entweder essbar oder hochgiftig zu sein. Die Herausforderung bestand darin, die Grenzwerte exakt zu bestimmen. In stark verdünnter, gereinigter Form ließ sich ein Öl gewinnen, das nicht nur bekömmlich war, sondern als Träger für fettlösliche Vitamine diente.
Scruffins von den Split waren eine ganz andere Angelegenheit. Allein die Beschaffung war mühsam, weil die Split Handel nur als notwendiges Übel betrachteten. Die Knollen erinnerten in Struktur und Stärkegehalt an Süßkartoffeln, enthielten jedoch aggressive sekundäre Pflanzenstoffe. Erst durch wiederholtes Kochen und anschließendes Auswaschen konnten wir diese reduzieren. Das Ergebnis war unscheinbar, aber sättigend.
Soja von den Paraniden war fast tabu, zumindest kulturell. Es war ihre Leibspeise, und entsprechend hoch waren Preis und Misstrauen der Händler. In fermentierter Form zeigte es sich jedoch überraschend kompatibel mit meiner Physiologie. Es war eines der ersten Lebensmittel, bei denen ich nach dem Essen keine Symptome verspürte.
Ungeplant kamen tierische Produkte hinzu. Maja-Schnecken der Paraniden und Chelt, ein Fisch der Split, landeten auf unserem Tisch, weil ein Händler sie loswerden wollte. Eigentlich hatte ich mich auf Flora konzentrieren wollen, doch die Gelegenheit war zu wertvoll. Wir untersuchten nicht nur Fleisch, sondern gezielt Körperflüssigkeiten. Bei Argnus, dem argonischen Rind, zeigte sich, dass Milch nach entsprechender Aufbereitung trinkbar war, zumindest für Roland. Für mich blieb sie problematisch, aber ihre Bestandteile ließen sich weiterverarbeiten.
Abgerundet wurde alles durch Gewürze. Boronisches Stott, scharf und mineralisch, teladianische Samen, die eher als Konservierungsmittel dienten, und argonische Kräuter, die bisher nur medizinisch genutzt worden waren. Je mehr ich lernte, desto klarer wurde mir, dass es nicht darum ging, eine Küche zu kopieren, sondern etwas Neues zu schaffen. Nicht argonisch, nicht terranisch, sondern funktional. Essen, das nicht nur sättigte, sondern Leben ermöglichte.

Mein erstes echtes Anlernen begann in einem der kleineren Labore, das Rosa bewusst für Grundlagenarbeit reservierte, ein Raum ohne Fenster, aber mit warmem Licht, das weniger klinisch wirkte als in den übrigen Bereichen des Gebäudes. Die Arbeitsflächen bestanden aus mattgrauem Verbundmaterial, das weder spiegelte noch Gerüche annahm, und jedes Gerät hatte seinen festen Platz, nichts stand zufällig oder griffbereit aus Bequemlichkeit dort. Rosa erklärte mir ruhig und ohne Hast, dass Ordnung hier kein ästhetischer Selbstzweck war, sondern der erste Schritt jeder sauberen Analyse. Wir begannen mit Delexianischem Weizen, bewusst etwas Vertrautem, wie sie sagte, weil Fehler sich dort leichter erkennen ließen. Sie ließ mich die Probe selbst aus dem versiegelten Behälter entnehmen, wies mich darauf hin, wie lange das Material an die Raumtemperatur angepasst werden musste und warum schon wenige Minuten Abweichung Messwerte verfälschen konnten. Greg stand meist etwas im Hintergrund, lehnte an einer Konsole und beobachtete mich aufmerksam, griff aber sofort ein, wenn meine Handhabung zu grob wurde oder ich einen Schritt überspringen wollte. Als ich die ersten Spektralanalysen startete, erklärte Rosa mir jeden einzelnen Wert, nicht nur was er bedeutete, sondern warum er für die Ernährung relevant war und welche Schlussfolgerungen man eben nicht daraus ziehen durfte. Ein Messwert allein war für sie wertlos ohne Kontext. Mehrmals ließ sie mich dieselbe Analyse wiederholen, weil ein Ergebnis nicht zu den übrigen passte, und obwohl ich versucht war, es als Messfehler abzutun, zwang sie mich, die Ursache zu finden. Am Ende stellte sich heraus, dass ich beim Reinigen eines Behälters zu wenig Zeit eingeplant hatte und Rückstände die Probe verfälscht hatten. Rosa kommentierte das nicht mit Tadel, sondern mit einem knappen Nicken, als wäre genau das die Lektion gewesen. Als wir schließlich das vollständige Nährstoffprofil vor uns hatten, ließ sie mich zusammenfassen, was diese Zahlen für einen argonischen Körper bedeuteten und wo die Grenzen für einen terranischen lagen. Erst da begriff ich, dass es ihr nicht darum ging, mir Gerätebedienung beizubringen, sondern Verantwortung. Nahrung war hier kein Konsumgut, sondern ein potenzielles Risiko. Als wir das Labor verließen, war ich erschöpft, mein Kopf voll von Zahlen und Zusammenhängen, aber ich wusste, dass ich an diesem Tag mehr gelernt hatte als in vielen Wochen theoretischen Studiums.

Einige Tage später versuchte ich es erneut und es unterschied sich deutlich vom ersten, weil Greg diesmal die Führung übernahm. Wir arbeiteten nicht im Grundlagenlabor, sondern in einem größeren Raum näher am Meer, dessen Wände mit zusätzlichen Abschirmungen versehen waren. Greg erklärte mir, dass hier alles verarbeitet wurde, was biologisch „unkomfortabel“ war, also Stoffe, die nicht eindeutig pflanzlich oder harmlos einzustufen waren. Auf dem Arbeitstisch lag Boron Fungus, BoFu, in einem durchsichtigen, wassergefüllten Behälter, pulsierend langsam, als wäre er noch lebendig. Greg warnte mich sofort davor, ihn wie ein gewöhnliches Lebensmittel zu betrachten. Für Boronen sei BoFu Nahrung, für Argonen potenziell toxisch, für Terraner schlicht unbekannt. Der erste Schritt bestand nicht im Schneiden oder Analysieren, sondern im Stabilisieren. Greg zeigte mir, wie man den Wassergehalt exakt anpasste, um enzymatische Prozesse zu verlangsamen, ohne die Zellstruktur zu zerstören. Ich durfte die Parameter selbst einstellen, während er mir erklärte, welche Grenzwerte tödlich für den Organismus wären und welche lediglich die Stoffwechselaktivität reduzierten. Einmal überschritt ich einen Wert minimal und Greg stoppte den Prozess sofort, nicht hektisch, sondern routiniert. Er erklärte mir, dass man Fehler hier nicht korrigierte, sondern verhinderte. Danach folgte die Zerlegung. Anders als bei pflanzlichem Material war hier kein homogenes Fruchtfleisch vorhanden, sondern Schichten mit unterschiedlichen Funktionen. Greg ließ mich jede Schicht einzeln isolieren und beschriften, bevor überhaupt Messgeräte zum Einsatz kamen. Erst danach kam Rosa hinzu und stellte gezielte Fragen, nicht um mich zu prüfen, sondern um meine Gedankengänge offenzulegen. Als ich erklärte, welche Schicht ich für problematisch hielt, widersprach sie mir und forderte mich auf, meine Annahme zu begründen. Gemeinsam stellten wir fest, dass meine Einschätzung aus terranischer Biochemie stammte und hier nicht griff. Im zweiten Durchlauf durfte ich selbstständig entscheiden, welche Teile weiter untersucht wurden und welche verworfen werden mussten. Greg zeigte mir anschließend, wie man aus den gewonnenen Daten ein Risiko- und Verträglichkeitsmodell erstellte, kein endgültiges Ergebnis, sondern eine Entscheidungsgrundlage. Am Ende des Tages war klar, dass BoFu nicht als Ganzes nutzbar war, wohl aber einzelne Bestandteile, sofern sie korrekt verarbeitet wurden. Greg wirkte zufrieden, sagte aber ausdrücklich, dass Zufriedenheit kein Abschluss sei. Es sei lediglich der Punkt, an dem man wusste, wo man weitergraben musste. Als ich das Labor verließ, hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur Lernender zu sein, sondern Teil eines Arbeitsprozesses, dessen Konsequenzen weit über Theorie hinausgingen.

Rosa und Greg hatten am nächsten Vormittag entschieden, dass ich nun selbstständiger arbeiten sollte, nachdem die ersten Tage sehr theoretisch und streng überwacht gewesen waren. Wir trafen uns wieder im Hauptlabor, das an die Schleusen angrenzte. Heute standen Delexianischer Weizen und Paranidische Sojabohnen auf dem Programm. Greg hatte bereits Proben vorbereitet, jede sorgfältig beschriftet und in sterile Behälter verpackt. Rosa begann mit einer kurzen Einweisung: „Heute geht es darum, die Rohstoffe so vorzubereiten, dass wir ihre Nährstoffprofile isoliert testen können. Keine groben Schnitte, alles nach Schicht und Funktion.“
Zuerst musste ich lernen, den Weizen zu trennen: Schale, Keimling, Endosperm. Greg zeigte mir das Mikroskop und erklärte die unterschiedlichen Zelltypen. Ich durfte unter seiner Anleitung die Proben schälen und in winzige Teilbereiche aufteilen. Rosa ergänzte, dass manche Enzyme erst durch Wasserzugabe aktiv würden, und dass wir genau beobachten müssten, wie sich Farbe, Konsistenz und Geruch änderten. Ich staunte, wie kleinste Änderungen sofort sichtbar wurden: ein Hauch mehr Wasser, und die Textur des Keimlings veränderte sich; ein anderes Licht, und die Pigmente im Endosperm verschoben sich. Rosa forderte mich auf, jede Beobachtung schriftlich festzuhalten und Hypothesen zu notieren, warum sich die Unterschiede zeigten.
Danach kamen die Paranidischen Sojabohnen dran. Diese mussten zuerst dekontaminiert werden, da die Insektenartigen ihre Samen mit körpereigenen Abwehrstoffen überzogen. Ich lernte, mit UV-C Licht, sanften Ozon-Behandlungen und speziellen Enzymlösungen die Oberflächen zu reinigen, ohne die Proteine im Inneren zu zerstören. Rosa stand neben mir, korrigierte Bewegungen, erklärte die chemischen Hintergründe. Als die Samen vorbereitet waren, zeigte Greg mir, wie man Proteine, Kohlenhydrate und Mineralien extrahierte. Ich durfte selbst die Zentrifuge bedienen, die Flüssigkeiten in unterschiedlichen Schichten trennte, und lernte, jede Schicht auf pH-Wert, Enzymaktivität und mögliche Toxine zu testen.
Zum Abschluss des Tages erstellten Rosa und ich zusammen ein kleines Protokoll über die Verarbeitungsschritte, inklusive der Risiken und der möglichen Verwertungsoptionen für Tori und Roland. Greg überprüfte meine Aufzeichnungen, gab Tipps zur Verbesserung der Dokumentation und erklärte mir, dass Genauigkeit oft den Unterschied zwischen nutzbarer Nahrungsmittelkomponente und ungenießbarer Gefahr ausmachte.
Am Ende fühlte ich mich erschöpft, aber sicherer: Ich verstand nun nicht nur, wie man Rohstoffe analysiert, sondern auch, wie man sie für Menschen wie mich oder für Argonen aufbereitet. Rosa und Greg hatten mir das Gefühl gegeben, dass meine Arbeit einen echten Beitrag leistete, und nicht nur Lernübung war. Ich war stolz, als ich die Proben sicher verstaute, bereit für den nächsten Tag, an dem wir beginnen würden, erste kleine Mischungen zu erstellen.

Wir sitzen alle drei im Hauptlabor. Rosa hat gerade ein Tablett mit Sensoren und Analysegeräten auf den Tisch gestellt, Greg überprüft die Protokolle am Terminal. Heute stand etwas anderes auf dem Plan: meine eigene Physiologie. Rosa erklärt, dass wir herausfinden müssen, wie mein Körper auf verschiedene Nährstoffkombinationen reagiert, um die späteren Experimente anzupassen. Ich spüre ein mulmiges Gefühl, aber zugleich auch Neugier.
Zuerst will Greg grundlegende Vitaldaten erfassen. Ich lege mich auf die Untersuchungsliege, und er befestigt Sensoren an Armen, Beinen, Brust und Kopf. Sie messen Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Temperatur und Muskelspannung. Rosa aktiviert ein holografisches Display, das alle Daten in Echtzeit visualisiert: Wellen, Balken, Diagramme. Sie erklärt, dass selbst minimale Schwankungen während der Probenanalyse Aufschluss über Stoffwechselreaktionen geben können. Ich versuche, ruhig zu bleiben, doch das ständige Piepen und Summen der Sensoren macht mich nervös. Rosa bemerkt es und sagt beruhigend: „Atmen Sie gleichmäßig, Tori. Konzentrieren Sie sich nur auf die Daten, nicht auf das Gerät.“
Als Nächstes kommt die Blutprobe. Greg bereitet eine kleine Spritze vor, sterilisiert die Stelle am Unterarm und nimmt wenige Milliliter Blut. Ich spüre einen kurzen Pieks, mehr Schmerz ist es nicht. Rosa erklärt mir parallel, dass sie später das Blut auf Vitamine, Mineralien, Enzyme und potenzielle Toxine untersuchen werden.
„So wissen wir genau, welche Nährstoffe dein Körper wirklich aufnehmen kann“, sagt sie.
Ich nicke, während Greg die Probe in den Analysator einführt. Nach wenigen Minuten erscheinen Werte auf dem Display: Eisen, Magnesium, Glukoselevel, Aminosäurenprofile. Ich staune, wie detailliert alles dargestellt wird. Rosa zeigt mir Unterschiede zwischen meinem Blut und dem eines typischen Argonen und erläutert, warum manche Stoffe bei mir Probleme verursachen könnten.
Dann folgt die Erfassung meiner Verdauungskapazität. Rosa platziert kleine, nichtinvasive Sensoren im Magen-Darm-Bereich, die über die Haut mikroskopische biochemische Signale messen.
„Keine Sorge, alles absolut schmerzfrei“, sagt sie.
Ich spüre nur ein leichtes Kribbeln. Greg erklärt, dass so überprüft wird, wie mein Körper komplexe Proteine oder unbekannte Kohlenhydrate aufnimmt. Ich sehe live auf dem Display, wie mein Magen die Flüssigkeit bewegt, Enzyme ausschüttet, wie kleine Farbwechsel und Flussbewegungen auf chemische Reaktionen hinweisen.
Zum Abschluss wollen sie die Muskel- und Nervenreaktionen testen. Rosa lässt mich leichte Bewegungen machen, während kleine Elektrosensoren an meinen Armen und Beinen die Muskelaktivität messen. Greg überprüft gleichzeitig Nervenimpulse, Reaktionszeiten und Koordination. Ich merke, wie genau jede Kleinigkeit protokolliert wird: jede kleine Zuckung, jeder Widerstand, jede Beschleunigung.
Am Ende nehmen sie noch eine Körperfett- und Wasseranalyse vor. Ich stehe auf der Waage, die Gewicht, Fettanteil, Wasseranteil und Muskelmasse misst. Rosa erklärt die Werte und vergleicht sie mit Standardwerten für Argonen und Terraner. Ich erkenne sofort, wie unterschiedlich mein Körper arbeitet.
Nachdem alle Daten erfasst sind, setzen wir uns zusammen, und Greg und Rosa besprechen die Ergebnisse ausführlich. Sie erklären mir, welche Nährstoffe problematisch sind, welche ich gut verarbeiten kann und wie wir die zukünftigen Experimente darauf abstimmen. Ich fühle mich erschöpft, aber auch erstaunt: Ich habe jetzt ein fast wissenschaftliches Verständnis von meinem eigenen Körper und davon, wie er mit der Aliennahrung umgehen könnte. Rosa lächelt und sagt: „Mit diesen Daten können wir deine Ernährung wirklich optimieren.“ Ich nicke, während Greg die Proben sorgfältig verstaut. Ein merkwürdiges Gefühl der Kontrolle und Verantwortung mischt sich mit Erleichterung. Zum ersten Mal seit der Ankunft in dieser Realität habe ich das Gefühl, dass ich selbst etwas in der Hand habe.

Ich saß auf der Terrasse des Bungalows, die Hände um eine Tasse Keffa geschlungen, und verzog das Gesicht. Ich vertrug den bitteren, beißenden Geschmack kaum, doch die Hitze der Sonne zwang mich, sie etwas langsamer zu trinken. Mir fiel auf, dass es nicht nur das Essen war, das zwischen mir und den Argonen anders war. Es waren Details, die subtil wirkten, aber bei längerem Hinsehen eine andere Welt offenbarten.
Beim Blick durch das Dorf entdeckte ich Argonen, die mir auf Anhieb vertraut erschienen. Ihre Gesichter, Hände, Bewegungen – alles schien menschlich. Und doch fiel mir etwas an ihren Haaren auf. Sie folgten nicht ausschließlich den terranischen Gesetzen von Schwarz, Braun und Blond. Zwar existierten diese Farben weiterhin, doch wurden sie ergänzt durch Töne, die Terraner instinktiv für künstlich halten würden. Matte, gedämpfte Blau-, Grün- oder Türkisnuancen blitzten hier und da auf. Vanu hatte einmal beiläufig erklärt, dass das einfach so sei.
Mir wurde bewusst, dass diese Farben nicht nur durch Pigmente im klassischen Sinne entstanden, sondern durch feine mikrostrukturelle Eigenschaften der Haarfasern. Das Licht brach sich innerhalb der Strähnen, bestimmte Wellenlängen wurden verstärkt reflektiert, und das Ergebnis waren erdige, subtile Farbtöne: moosgrün, graublau, tiefes Petrol, fast schwarzes Blau, das erst im Sonnenlicht sichtbar wurde. Junge Argonen zeigten kräftigere Töne, während ältere dunkler wirkten, das Licht weniger brach und die Farbnuancen verhaltener wurden. Für Argonen war das alltäglich, für mich erzählte es ihre Evolution und Kultur.
Während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, wie unterschiedlich die Augen waren. Wer einem Argonen in die Augen sah, erkannte zunächst vertraute Farben – Braun, Grau, Blau, gelegentlich Grün. Aber je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde, dass etwas anders war. Nicht falsch, nur anders. Terranische Augen folgen einem Red-Green-Blue-System, während argonische einem Red-Yellow-Blue-Schema folgen. Gelb ersetzt quasi das Grün, und das verschob die gesamte visuelle Gewichtung. Sattes Grün, wie ich es kannte, erschien Argonen oft oliv oder gelblich. Gleichzeitig nahmen sie Gelb-, Ocker- und Bernsteintöne viel feiner wahr.
Seltene Exemplare hatten sogar Lila- oder violettfarbene Augen. In Son’ras diffusem Licht wirkte Lila nie grell, sondern subtil, elegant und ungewöhnlich. Braun zeigte goldene Untertöne, Grau schimmerte bernsteinfarben, Grün war olivfarben bis gelblich, Violett war selten, aber vollkommen natürlich. Das Licht spielte mit den Farben, ließ metallische Reflexe entstehen. Ich begriff: Argonen nahmen die Welt nicht verfremdet wahr, sie sahen ein ausgewogenes Spektrum, das Terraner erst interpretieren und benennen mussten.
Ich legte die Tasse Keffa zur Seite und schob sie von mir weg. Die Welt hier war ähnlich genug, um vertraut zu wirken, und doch anders. Ich musste mich nicht nur an Nahrung, sondern an eine ganze andere Art der Realität gewöhnen. Subtil, leise und fundamental: Ich war ein Terraner unter Argonen – und mittendrin.

Ich saß in dem sterilen Labor, das Glasfenster zum Meer hin geöffnet, während Rosa und Greg neben mir standen. Auf dem Tisch lagen Proben von Pflanzen, Früchten – und einer meiner spontanen Eingebungen folgend, hatten wir auch einige Haarsträhnen von Argonen gesammelt, die wir analysieren wollten. Ich legte die Strähnen vorsichtig unter das Mikroskop und drehte die Beleuchtung so, dass die Struktur besser sichtbar wurde.
„Ich habe bemerkt, dass das Haar hier nicht nur schwarz, braun oder blond ist“, begann ich vorsichtig, „sondern… naja, es gibt grüne, blaue und türkise Töne. Ohne jede künstliche Färbung.“ Rosa nickte, ihre Augen funkelten hinter der Brille.
„Das ist korrekt“, sagte sie. „Die Farbvariationen entstehen durch die Mikrostruktur der Haarfasern. Licht wird gebrochen, reflektiert, gestreut. Wir können es hier sehen.“ Sie deutete auf das Mikroskop, wo das Licht die Strukturen wie winzige Prismen durchlief. „Die Farben wirken matt, erdig, fast unauffällig, wenn man sie nicht gezielt betrachtet.“
Greg lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und grinste leicht. „Manchmal glauben Terraner, sie sehen künstliche Farben, wenn sie Argonen begegnen. Dabei ist alles völlig natürlich. Junge Argonen haben kräftigere Töne, ältere dunklere. Kein Argone färbt sich die Haare, um Aufmerksamkeit zu erregen.“
„Und das ändert sich kaum im Leben?“ fragte ich, während ich vorsichtig eine weitere Strähne unter das Mikroskop legte.
„Nur minimal“, erklärte Rosa. „Ein wenig heller, etwas weniger Lichtbrechung. Die Grundtöne bleiben erhalten.“
Greg deutete auf eine grüne Haarsträhne. „Siehst du diese Strukturen? Das Licht wird hier so gebrochen, dass es grünlich wirkt. Ein Terraner würde vermutlich sofort fragen, ob das gefärbt ist. Aber nein, reine Natur.“
„Und Türkis?“ Ich hob eine Strähne hoch, die unter der Lampe fast blau schimmerte.
„Türkis entsteht ähnlich“, sagte Rosa. „Es ist das Zusammenspiel von Lichtbrechung und der Faserdichte. Wir haben es hier kaum mit Pigmenten zu tun. In der Praxis bedeutet das: Argonen sehen sich selbst und ihre Umgebung anders – subtiler, feiner abgestuft.“
Greg lehnte sich über den Tisch. „Das erklärt, warum Terraner immer wieder irritiert sind. Es wirkt modisch, provokativ, künstlich. Für Argonen ist es schlicht normal. Evolution, Anpassung an Licht und Umwelt. Kein Symbol, keine Aussage.“
„Also ist es eine Art kultureller Missverständnisse?“ fragte ich.
„Genau“, bestätigte Rosa. „Und es ist wichtig, das zu wissen, wenn du dich in der Gesellschaft zurechtfinden willst. Selbst kleine Unterschiede wie Haarfarbe oder Augenfarbe können falsch interpretiert werden.“
Ich lehnte mich zurück, betrachtete die Strähnen unter dem Mikroskop und dachte an die Spaziergänge durch Aru. An die Menschen, die mir vertraut erschienen, und doch mit Haarfarben, die ich auf der Erde nie gesehen hätte. „Ich hätte nie gedacht, dass Haare so komplex sein können“, murmelte ich.
„Bei Argonen ist fast alles subtil anders“, sagte Greg und klopfte mir auf die Schulter. „Das ist nur der Anfang, Tori. Warte, bis wir uns die Augen vornehmen.“
Ich schluckte, fühlte eine Mischung aus Ehrfurcht und Neugier. Hier gab es noch so viel zu lernen.

Ich saß auf einem der Metallstühle im Labor, während Rosa und Greg die nächste Probenreihe vorbereiteten. Diesmal ging es nicht um Pflanzen, nicht um Nahrung, sondern um Augen – genauer gesagt, um die Farben und Funktionsweisen argonischer Iris. Ich konnte kaum glauben, dass wir das wirklich taten, aber neugierig war ich allemal.
„Ich habe etwas bemerkt“, begann ich vorsichtig, „die Augen der Argonen… sie wirken zunächst normal. Braun, Grau, Blau, manchmal grün. Aber wenn man länger hinsieht, bemerkt man Unterschiede.“ Rosa nickte, Greg hob eine Augenbraue.
„Nicht nur Unterschiede“, sagte Rosa, während sie eine Kamera auf ein Auge richtete, „sondern eine komplett andere Funktionsweise. Argonische Augen folgen nicht dem RGB-System, wie Terraner. Sie orientieren sich an RYB.“
„RYB?“ Ich runzelte die Stirn.
„Rot, Gelb, Blau“, erklärte Greg. „Gelb nimmt dabei die Rolle ein, die bei Terranern Grün hat. Das verändert, wie Farben wahrgenommen werden. Ein sattes Grün für Terraner wirkt bei Argonen oft oliv oder gelblich. Umgekehrt können Argonen Nuancen zwischen Gelb, Ocker und Bernstein feiner unterscheiden.“
Rosa deutete auf ein hochauflösendes Bild der Iris. „Braune Augen haben oft goldene Untertöne, graue Augen einen warmen, bernsteinfarbenen Schimmer. Grüne Augen erscheinen oliv oder gelblich, und seltene Varianten zeigen Violett.“
Ich lehnte mich vor, betrachtete die Details. „Violett? Wirklich?“ Ich musste an Valentina denken.
„Ja“, bestätigte Greg. „Lila entsteht durch das Zusammenspiel von Rot- und Blauanteilen in der Iris, verstärkt durch Lichtstreuung und Strukturpigmente. In der diffusen Beleuchtung von Argon Prime wirkt es subtil, elegant, nie grell. Es ist völlig natürlich.“
„Und für Argonen völlig normal“, ergänzte Rosa. „Für uns gibt es keinen besonderen sozialen Wert, keine Symbolik. Für Terraner wirkt es hingegen oft exotisch, auffällig, manchmal sogar gefährlich. Missverständnisse sind vorprogrammiert.“
Ich lehnte mich zurück, ließ die Bilder auf mich wirken. „Also… die Augen sind nicht nur Farben. Sie filtern die Realität anders. Sie sehen die Welt anders, weil ihre Wahrnehmung verschoben ist.“
„Genau“, sagte Greg, „und das ist ein fundamentaler Unterschied. Du wirst merken, dass selbst kleine Dinge – wie ein Blatt im Licht – anders wirken, wenn du die Augen eines Argonen beobachtest.“
Rosa lächelte leicht. „Wenn du willst, können wir auch deine Augen analysieren, um zu sehen, wie sie auf argonische Farben reagieren.“
Ich schluckte, zugleich neugierig und unsicher. „Das wäre… interessant.“
Wir verbrachten die nächsten Stunden damit, verschiedene Lichtfrequenzen auf meine Augen zu richten, die Reaktionen auf Gelb- und Rottöne zu beobachten und zu dokumentieren. Ich fühlte mich wie ein Laborobjekt, aber zugleich wie jemand, der einen winzigen Einblick in eine völlig andere Wahrnehmungswelt bekam. Am Ende wusste ich eines sicher: Augenfarbe war hier nicht nur ein Detail – sie war ein Fenster in eine andere Realität.

Ich saß auf dem Metallstuhl im Labor, während Rosa und Greg neben mir standen, ihre Augen auf meine Iris gerichtet. Für sie war das Routine, für mich eine merkwürdige Mischung aus Neugier und Unbehagen. Ich, Terraner, mittendrin in einer Untersuchung, die mir die Unterschiede zwischen meiner Wahrnehmung und der der Argonen vor Augen führen sollte.
„Also, Grau-san“, begann Rosa, „wir wollen sehen, wie Ihre Augen auf argonische Farbtöne reagieren.“ Ich nickte nur stumm. Greg richtete ein schwaches Licht auf meine Augen, das sanft reflektierte und die Iris hervorhob. Ich spürte, wie sich die kleinen Pupillenbewegungen in mir bemerkbar machten, jedes Zucken des Lichts auf der Netzhaut.
„Sehen Sie, Terraner sehen Farben nach dem RGB-System: Rot, Grün, Blau. Alles andere wird daraus gemischt“, erklärte Greg. „Argonen nutzen RYB: Rot, Gelb, Blau. Gelb ersetzt quasi Ihr Grün.“ Ich runzelte die Stirn und versuchte, den Unterschied bewusst wahrzunehmen. Rosa hielt meine Hand, als wollten sie mir die Sicherheit geben, dass nichts schiefgehen würde.
„Schauen Sie auf diese Testkarten“, sagte Rosa und hielt mehrere Farbfelder vor meine Augen. „Achten Sie darauf, welche Unterschiede Ihnen auffallen.“ Ich blinzelte, fokussierte auf die verschiedenen Töne. Einige Farben wirkten leicht verfälscht, andere flammten in meiner Wahrnehmung intensiver auf, obwohl Greg und Rosa erklärten, dass sie in ihrem RYB-System genau mittig lagen.
„Sehen Sie den Unterschied zwischen diesem Gelbton und diesem Grün?“ fragte Greg. Ich nickte zögerlich. Für mich war das eine Nuance von Grün, leicht gelblich. Rosa lächelte. „Für uns Argonen ist das ein sattes Gelb, für Sie nur ein undefiniertes Grün. Ihre Augen interpretieren die Farbwellen anders.“
Dann zeigte Rosa mir ein violettes Feld. „Selten, aber vorhanden. Violett bei Argonen entsteht durch die Kombination von Rot- und Blauanteilen, die Lichtstreuung verstärkt das Resultat. Für uns wirkt es subtil, nicht grell.“ Ich starrte darauf und merkte sofort, dass es sich in meinem Kopf wie ein schiefer Ton anfühlte, etwas, das meine visuelle Logik herausforderte.
„Und noch etwas“, sagte Greg, während er die Kamera bewegte. „Ihre Terraneraugen reagieren anders auf metallische Reflexionen in der Iris. Goldene oder bernsteinfarbene Untertöne, wie wir sie bei Argonen sehen, sind für Sie nur leichte Farbnuancen – sie werden vom Gehirn geglättet.“
Ich schluckte. „Das heißt… ich sehe die Welt anders. Nicht schlechter, nicht besser, nur… anders.“
„Genau“, bestätigte Rosa. „Wenn Sie mit Argonen interagieren, merken Sie erst, dass unsere Farbwahrnehmung subtil anders gewichtet ist. Ein Blatt, das für Sie grün wirkt, kann für uns eine Mischung aus Gelb und Rot sein, die sich je nach Licht verändert.“
Ich fühlte, wie sich etwas in meinem Kopf verschob, als die Erkenntnis sickerte. Nicht nur Nahrung, nicht nur Geschmack oder Konsistenz – selbst die Art, wie Farben wahrgenommen werden, war ein Fundamentunterschied zwischen mir und den Argonen. Ich war ein Fremder in ihren Augen, und selbst in einem so einfachen Detail wie der Farbwahrnehmung fühlte sich das zutiefst real an.
Rosa lächelte sanft. „Keine Sorge, Sie gewöhnen sich daran. Aber es hilft zu verstehen, dass unsere Welt subtil anders ist. Nicht fremd, nur anders.“ Ich nickte, versuchte die Information zu verarbeiten, während Greg das Licht langsam senkte. Meine Terraneraugen fühlten sich klein und fehl am Platz, doch zugleich war es faszinierend, die Welt aus diesem neuen Blickwinkel zu lernen.

Ich saß im Fahrerraum des kleinen, elektrischen Transporters, während die Straßen von Aru unter den Rädern vorbeizogen. Die Abendsonne warf lange Schatten zwischen die Häuser, die kleinen Gassen schienen sich unter einem goldenen Licht zu wölben, und trotzdem konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, der seit meiner Ankunft nagte.
Etwas war anders hier. Nicht greifbar, nicht direkt sichtbar, aber stetig präsent. Ich hatte es schon immer bemerkt – die Farben. Zuerst wirkte es oberflächlich: die Kleidung der Leute, die Schilder an den Läden, die flimmernden Hologramme, die für ein paar Sekunden wie Lichtmalerei in der Luft standen. Alles war irgendwie… anders. Nicht falsch, nicht künstlich, nur verschoben.
Dann wurde mir klar, dass es nicht nur eine Frage der Ästhetik war. Ich betrachtete die blaugrünen Stoffe auf den Kleidern der Passanten, die sanft ins Türkis übergingen, das Rot in den Reklametafeln, das für meine Augen mehr Gelbanteil trug, als es in einem Terraner-RGB-System möglich wäre. Ich verstand plötzlich, warum mich diese kleinen Nuancen seit Wochen irritierten. Es war die argonische Art, Farbe wahrzunehmen und zu gestalten – subtil, organisch, auf eine Weise, die ich instinktiv verstand, ohne sie wirklich benennen zu können.
Mein Blick fiel auf ein Kind, das eine lilafarbene Mütze trug. Für mich war es ein auffälliger Farbton, fast unnatürlich. Für Argonen war es schlicht, alltäglich, eine Nuance wie viele andere. Die Erkenntnis traf mich wie ein leiser Schlag: Alles, was mir fremd vorkam – Nahrung, Geschmack, Geräusche, sogar die sozialen Signale – hatte einen Grund, der tiefer ging als die Oberfläche. Die Welt hier war durchzogen von einem Farbsystem, einer Wahrnehmung, die meine eigene filterte und neu ordnete.
Ich atmete tief durch und spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Erleichterung. Endlich begriff ich, warum mich das Gefühl begleitet hatte, etwas sei anders, ohne dass ich es greifen konnte. Es lag nicht an den Dingen selbst, sondern an der Art, wie sie gesehen und interpretiert wurden. Ein winziger Unterschied, und doch so fundamental.
Als der Transporter die letzten Meter zum Haus von Roland Caprio zurücklegte, spürte ich eine neue Klarheit. Vielleicht war es genau diese Wahrnehmung, die mir helfen konnte, mich in dieser fremden Realität zurechtzufinden – nicht nur beim Essen, sondern in allem. Ich war nicht mehr bloß Beobachter, ich begann zu verstehen.

Ich aktivierte die Holo-Verbindung und Valentinas Gesicht erschien vor mir, fast so klar, als säße sie im Raum. Sie trug einen einfachen, hellblauen Pullover, die Haare locker zusammengebunden, und ihr Blick wirkte konzentriert, als hätte sie gerade eine Schicht beendet.
„Hallo Tori“, begann sie, ihre Stimme vertraut und beruhigend. „Wie geht es dir? Schon wieder in der Küche herumexperimentiert?“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme und beobachtete das leicht flackernde Hologramm. „Es geht. Ich… habe in den letzten Wochen etwas bemerkt, das mir erst jetzt richtig klar wird.“ Ich machte eine kleine Pause, um die Worte zu ordnen. „Es betrifft nicht nur die Unverträglichkeiten. Ich glaube, es hängt mit der Wahrnehmung von Farben zusammen.“
Valentina zog eine Augenbraue hoch, interessiert. „Farben? Du meinst, wie du die Nahrungsmittel siehst?“
„Genau“, sagte ich. „Argonen nehmen Farben anders wahr – nicht nur die Kleidung oder Schilder in der Stadt, sondern auch Früchte, Gemüse, alles, was man isst. Es ist wie bei den Haaren und Augen: alles subtil verschoben, aber konsequent. Die Farbschichten, die Nuancen, die wir als Terraner als auffällig oder falsch empfinden, sind für Argonen normal. Und ich glaube… dass diese andere Farbwahrnehmung ein Grund dafür ist, dass ich so oft in Schwierigkeiten geraten bin.“
„In Schwierigkeiten?“ Sie runzelte die Stirn. „Du meinst, gesundheitlich oder…?“
„Ja, aber nicht nur. Ich meine, es hat mich physisch und mental gefährdet. Wenn ich etwas gegessen habe, das ich für harmlos hielt, haben Argonen es durch ihre Farbwahrnehmung anders interpretiert – Textur, Reife, Zusammensetzung. Dinge, die für euch unsichtbar oder unauffällig waren, konnten mich fast umbringen. Ich frage mich, ob das stimmt.“
Valentina nickte langsam, nachdenklich. „Das klingt logisch. Argonische Sinne sind auf andere Signale programmiert – nicht nur Geschmack und Geruch, sondern visuelle Hinweise, die uns gar nicht auffallen würden. Wenn du die nicht interpretieren kannst, bist du automatisch im Nachteil.“
„Genau das“, sagte ich, meine Stimme leicht angespannt. „Ich habe immer gedacht, dass ich Pech hatte oder einfach zu unvorsichtig war. Aber vielleicht liegt es daran, dass meine Wahrnehmung einfach nicht kompatibel mit eurer natürlichen Umwelt ist. Mit allem, was aus argonischer Produktion stammt.“
Valentina lehnte sich etwas zurück, verschränkte die Hände und betrachtete mich ernst. „Wenn deine Vermutung stimmt, Tori, dann erklärt das vieles. Jede Mahlzeit, jede Frucht, jede neue Zutat war wie ein kleines Minenfeld. Nicht aus böser Absicht, sondern weil du sie schlicht nicht so sehen konntest wie ein Argone.“
Ich nickte, die Worte sanken in mich ein. „Dann muss ich lernen, diese Unterschiede zu erkennen und einzuschätzen. Ich kann nicht alles vermeiden, aber ich kann verstehen lernen, bevor es zu spät ist.“
„Richtig“, sagte Valentina sanft. „Und ich helfe dir dabei. Wir können zusammen schauen, welche visuellen Hinweise für dich wichtig sind – damit dein Körper nicht mehr überrascht wird.“
Ein kleiner Funke Erleichterung durchlief mich. „Danke, Valentina. Ich glaube, das könnte alles verändern.“
„Nur Vorsicht, Tori“, warnte sie lächelnd. „Das System ist subtil. Du siehst, was du siehst, aber die Welt tickt anders. Vergiss das nicht.“
Ich nickte, das Hologramm flackerte kurz, bevor ihr Bild langsam verblasste. Ich blieb noch einen Moment sitzen, die Gedanken wirbelten, aber zum ersten Mal fühlte ich mich, als hätte ich einen echten Anhaltspunkt, wie ich in dieser Welt überleben konnte.
Last edited by Rock Man Zero on Sun, 8. Feb 26, 12:27, edited 2 times in total.
Image
Uwe Poppel
Moderator (Deutsch)
Moderator (Deutsch)
Posts: 3723
Joined: Sun, 4. Sep 05, 03:03
x4

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Uwe Poppel »

Nun ja, nach über achthundert Jahren getrennter Entwicklung zwischen Terra-Menschen und Sonra-Menschen auf unterschiedlichen Planeten und unter einer anderen Sonne haben sich natürlich körperliche Änderungen ergeben.
Das mit der Nahrung war eigentlich klar, selbst wenn die Flüchtlinge von Terra in ihren wenigen Kampfschiffen damals Samen und Tiere von Terra dabei gehabt haben sollten (was man ja nie ganz ausschließen könnte), nach diesen Jahrhunderten und einer - notwendigen - Anpassung an die Möglichkeiten einer erdähnlichen Welt (Sonra 4) mussten sich die Menschen der neuen Natur und der verfügbaren Nahrung anpassen.
Das mit den Haaren und Augen fand ich sehr deutlich erläutert (Hallo Helge, hier geht jemand sehr individuell an die Argon-Menschen heran... :wink: ).

Es bleibt spannend und intensiv. :!:
Hinweise zum Auftauchen der Kha'ak: viewtopic.php?f=147&t=445830&p=5111784& ... k#p5111784
Und noch ausführlicher bei Seizewell: https://seizewell.de/x4/die_sache_mit_den_khaak.php
----------------------------
Wenn man es sich nicht leisten kann, eine Flotte im Kampf zu verlieren, sollte man sich nicht für eine Schlacht entscheiden. :P
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Uwe Poppel wrote: Sat, 7. Feb 26, 21:24 (Hallo Helge, hier geht jemand sehr individuell an die Argon-Menschen heran... :wink: ).
Ich bezweifle mal, dass so eine wichtige Person hier mitliest.
Image
User avatar
Rock Man Zero
Posts: 91
Joined: Sun, 1. Feb 15, 14:46

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by Rock Man Zero »

Image

Kapitel 8 - Visionen

Ich saß da, zwischen Valentina und Vanu, und beobachtete, wie beide Frauen meine neuesten Kreationen probierten. Ihre Gesichter waren konzentriert, still, doch ich konnte die kleinen Regungen sehen – ein Stirnrunzeln hier, ein kaum merkliches Zucken der Lippen dort. Es war, als würde jeder Bissen zwischen ihnen ein unsichtbares Kräftemessen auslösen. Ich spürte die Spannung, konnte sie fast greifen, ohne dass ein Laut fiel.
Valentina wirkte ruhig, sachlich, wie immer, doch ihre Augen verfolgten Vanu scharf, fast prüfend. Vanu hingegen war energiegeladen, neugierig, dabei aber nicht unfreundlich. Ich konnte ihre Begeisterung für die neuen Gerichte sehen, doch hinter jedem Lächeln lag ein Funke Eifersucht – oder war es nur das typische Kräftemessen zwischen Argonen, die sich kannten? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass jede falsche Bewegung meinerseits eine Kettenreaktion auslösen könnte.
Seit meiner Ankunft hier waren sechs Monate vergangen. Die Umstellung auf den 25-Stunden-Tag von Prime hatte mich weiterhin subtil verändert. Alles wirkte langsamer, entschleunigt, während draußen das Leben in Nathania und Aru weiter pulsierte. Ich selbst hatte mich in dieser Zeit verändert – fokussierter, zielstrebiger, doch immer noch vorsichtig, was zwischenmenschliche Dynamiken anging. Vanu verstand das nicht immer. Sie wollte meine Aufmerksamkeit, meine Reaktionen, meine Nähe. Valentina hingegen hatte immer einen analytischen Blick behalten, selbst in diesen Momenten.
Ich musste an die kleine Erweiterung von Vanus Geschäft denken. Unser gemeinsames Projekt, die Kreditbündelung, das kleine Imbissangebot, das von meinem Labor und ihrer Küche profitierte. Ein Dutzend Gäste konnten bedient werden, und der Raum war eng, aber funktional. Ich sah, wie Vanus Hände über die Arbeitsfläche glitten, wie sie kleine Teller dekorierte, während Valentina jeden Schritt still beobachtete. Die Luft war elektrisch geladen, und ich spürte, dass ein falsches Wort oder ein unbeachteter Blick die Atmosphäre in Sekunden kippen lassen konnte.
Roland, Gal und Tahl standen etwas abseits. Sie unterhielten sich leise, lachten gelegentlich, aber ihre Präsenz wirkte beruhigend. Ich fühlte mich ein wenig sicherer, wusste aber, dass die Frauen mich ständig im Blick hatten – nicht nur wegen der Gerichte, sondern auch wegen der unausgesprochenen Spannungen.
Als ich die Hände in den Schoß legte, fiel mein Blick auf das Licht, das durch die großen Fenster auf die Tische fiel. Es reflektierte auf den Glasplatten, ließ die Farben meiner Zutaten intensiver wirken. Mir wurde klar, dass diese Farben hier eine viel größere Rolle spielten, als ich jemals gedacht hätte. Es waren nicht nur Zutaten, nicht nur Geschmack – es war eine ganze Welt an Wahrnehmungen, die ich erst nach und nach verstand. Argonische Augen, argonisches Licht, die Nuancen der Zutaten, die Farben der Teller und selbst die Kleidung der Menschen. Alles war miteinander verbunden, alles wirkte aufeinander, oft subtil, manchmal explosiv.
Ich atmete tief durch. Ich war mittendrin, ein Terraner in einer argonischen Welt, umgeben von Menschen, deren Wahrnehmung sich grundlegend von meiner unterschied. Und ich wusste: Je besser ich das verstand, desto mehr Kontrolle bekam ich über meine Experimente, über meine Umgebung, über die unsichtbaren Spannungen an diesem Tisch.
Doch ich musste vorsichtig bleiben. Eines war mir klar: Jede Bewegung, jedes Wort konnte die Balance stören. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es nicht nur um die Gerichte ging – es ging um die Menschen, ihre Wahrnehmung, ihre Unsicherheiten. Um die winzigen Signale, die Argonen in ihrer Alltagssprache gaben, die ich erst noch lernen musste.
Ich lehnte mich zurück, ließ die Szenen auf mich wirken und dachte: „Ein halbes Jahr. Ich habe viel gelernt, aber ich habe noch immer keine Ahnung, wie tief diese Realität wirklich geht.“

Ich sitze am Tisch, die Finger leicht nervös ineinander verschränkt, während Valentina und Vanu plötzlich anfangen, sich in die Haare zu kriegen. Ich sehe, wie beide Frauen am Boden landen, die Beine verheddern sich, Arme schlagen wild in der Luft, während sie über den Boden rollen. Mein Herz schlägt schneller. „Was zum…?“ entkommt mir nur, während ich versuche, mich von meinem Schrecken abzulenken, aber die anderen Gäste fordern meine Aufmerksamkeit gerade genug, dass ich den Grund für den Tumult nicht sofort begreifen kann.
Gal und Tahl stürzen sofort dazwischen, greifen die beiden Frauen an den Schultern und trennen sie blitzschnell, effizient und ohne große Worte. Die Bewegungen sind geschmeidig, fast wie ein eingespieltes Team. Valentina und Vanu sitzen auf, die Haare zerzaust, das Gesicht gerötet, beide atmen schwer. Ihre Augen treffen meine, und ich spüre einen eiskalten Schauer, der mir über den Rücken jagt. Die Blicke sind scharf, giftig, und es fühlt sich an, als würden sie gleichzeitig erwarten und herausfordern.
Rosa, die in einer Ecke sitzt, hat die Situation in Sekunden erfasst. Ihr verschmitztes Lächeln spricht Bände, aber anstatt mich mit einem Kommentar zu peinigen, wechselt sie elegant das Thema. „Tori, und was hast du eigentlich für die Zukunft geplant?“ fragt sie mit leiser, neugieriger Stimme. Ich spüre, wie die Atmosphäre am Tisch sich verdichtet. Valentina und Vanu setzen sich in einiger Entfernung hin, die Haltung starr, die Blicke weiterhin auf mich gerichtet. Es ist nicht nur eine Aufforderung, sich zu entscheiden – es ist fast eine Drohung.
Ich atme tief ein, versuche die Blitze, die mir durch den Körper fahren, zu ignorieren, und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Schon seit Wochen, seitdem das Thema des kleinen Imbisses aufgekommen war, hatte ich Ideen für die Zukunft entwickelt. Es war der erste Schritt gewesen, nur ein Anfang. Aber inzwischen war mir klar geworden, dass ich etwas Größeres schaffen wollte: Nahrungsmittel aller Rassen für alle Rassen präparieren, zugänglich und verträglich für jeden.
Meine Stimme ist ruhig, aber bestimmt, als ich die Worte ausspreche. „Ich möchte Nahrungsmittel aller Rassen für alle Rassen vorbereiten. Verträglich, genießbar, für jeden.“ Sofort verändert sich die Stimmung am Tisch. Die giftigen Blicke weichen einem erwartungsvollen, fast anerkennenden Schweigen. Das Vorhaben, das ich jetzt offen ausgesprochen habe, ist groß, ambitioniert, und die Anspannung fällt von mir ab wie eine schwere Last. Ich spüre, dass alle den Moment verstehen – die Tragweite meiner Vision, und dass es kein bloßes Spiel ist, sondern ein Plan, der Form annimmt.

Ich spüre das Gewicht der Hände auf meinen Oberschenkeln und kann den Blick nicht von den beiden Frauen neben mir abwenden. Valentina rechts, Vanu links, und beide haben diese selbstverständliche, fast herausfordernde Ruhe, als hätten sie keinen Zweifel daran, dass ich das bemerke. Mein Herz schlägt schneller, und ich merke, wie mir die Wärme in die Wangen steigt. Ich versuche, die Schultern zu entspannen, atme tief durch, aber innerlich fühle ich mich wie auf einem Drahtseil: ein falscher Blick, eine unbedachte Bewegung, und alles könnte kippen.
Das gedämpfte Licht der Party tut sein Übriges. Es wechselt langsam zwischen warmen Gelbtönen, sanften Orangen und kühlen Blauschattierungen. Die Farben spiegeln sich in den Gesichtern der Gäste, lassen alles weich und fast surreal wirken. Ich bin froh, dass niemand außer mir die Hände auf meinen Oberschenkeln sieht. Diese Intimität zwischen uns dreien bleibt verborgen, in einem kleinen, geheimen Bereich, den nur ich wahrnehme.
Ich wünschte, die Hände würden einfach da bleiben, wo sie sind, ohne weiter nach oben zu wandern. Ich habe keine Sehnsucht nach Problemen von Beziehungen, keine Lust auf Eifersucht, Konflikte oder Verpflichtungen. Freundschaft plus, das passt zu mir, das ist einfach, ohne Drama. Trotzdem weiß ich, dass ich nachher mit beiden unter vier oder sechs Augen reden muss. Valentina und Vanu werden meine Einstellung nicht gutheißen, das weiß ich. Nicht nach allem, was heute passiert ist, und nicht nach den stillen Andeutungen, die ich in den letzten Wochen und Monaten gemacht habe.
Ein Gedanke jagt mir Schauer über den Rücken: Es nur eine Frage der Zeit, bis ich von beiden Frauen Ohrfeigen kassiere. Ich kann nur hoffen, dass ich meine Worte mit Bedacht wähle und dass ich sie davon überzeugen kann, dass es mir ernst ist – dass ich keine falschen Hoffnungen schüre, aber auch nicht ausweiche. Zwischen den wechselnden Farben der Party, dem Flüstern der Gäste und dem leisen Klirren der Gläser ist mein Kopf ein Wirbel aus Gedanken, Vorsicht und unterschwelliger Aufregung.

Ich saß am Tisch, die fremden Hände noch immer unter dem Tisch versteckt auf meinen Oberschenkeln, und beobachtete, wie die Diskussion wie ein Strom durch die Runde floss. Jeder sprach durcheinander, warf Gedanken ein, die miteinander kollidierten und wieder auseinanderfielen. Ich konnte kaum allen Gesprächen folgen, selbst mein Blick von Valentina rechts und Vanu links abgewandt, driftete immer wieder zu den anderen. Dann, wie aus dem Nichts, klatschte Roland mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein dumpfer Schlag hallte durch den Raum, und plötzlich verstummte alles. Der Richter hatte die Kontrolle übernommen. Vanus und Valentinas Hände zuckten zurück, als hätten sie gerade einen Fehler begangen, der beobachtet wurde.
Roland blickte mich ernst an, seine Augen funkelten dabei, und sagte: „Deine Vision ist kühn. Um das umzusetzen, brauchst du viel Kapital.“
Valentina lehnte sich leicht vor, ihre Stirn in Falten: „Wenn du keine Massenware, sondern Originalprodukte anbieten willst, dann brauchst du spezielle Gewächshäuser, wo du diese nach ihren jeweiligen Umweltbedingungen züchten kannst. Das geht nur im Weltraum.“
Vanu nickte energisch: „Der ganze logistische Aufwand ist enorm und kostspielig.“
Tahl verschränkte die Arme, die Stimme ruhig, aber bestimmt: „Das wird die ganze Wirtschaft auf den Kopf stellen.“
Gal schob nach, die Augen funkelten: „Ganz zu schweigen von Wirtschaftsspionage.“
Doch der lauteste war Greg, der sich nach vorn lehnte und beinahe fieberhaft sprach: „Würde rassespezifische Nahrung plötzlich für alle Spezies verfügbar, käme es zunächst zu einem Boom auf dem Markt, da bisher exklusive Produkte wie Algen und Seetang, Chelt-Fleisch oder Soja-Delikatessen von neuen Käuferschichten nachgefragt würden. Preise stiegen kurzfristig, der Schwarzmarkt würde blühen, und Logistik- sowie Transportdienste verzeichnen hohe Nachfragen. Mittelfristig würden Produzenten ihre Kapazitäten ausbauen, automatisierte Aufbereitungstechniken entwickeln und universell verträgliche Nahrungsmittel standardisieren. Langfristig stabilisierten sich Preise, Luxus- und Spezialprodukte blieben exklusiv, während interspezies-taugliche Grundnahrungsmittel weit verbreitet wurden. Gleichzeitig könnten kulturelle Spannungen, Handelsbarrieren und regulatorische Eingriffe entstehen, da manche Völker den massenhaften Konsum traditioneller Speiseprodukte durch andere als problematisch betrachten.“
Rosa unterbrach ihn sanft, aber bestimmt: „Du hast einen Denkfehler begangen: Was aktuell produziert wird, ist standardisierte Massenware für den eigenen Markt. Wenn man für die anderen Spezies produzieren müsste, müssten neue Anlagen gebaut werden, mit anderen Bedingungen.“ Alle nickten zustimmend, die Stirnen gerunzelt, die Köpfe leicht geneigt.
Ich atmete tief durch, fühlte die Verantwortung auf meinen Schultern, und ergriff wieder das Wort: „Ich möchte nicht in den aktuellen Massenmarkt eindringen, sondern spezifische Produkte anbieten.“
Valentina fasste es knapp zusammen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen: „Subtil.“ Ich sah sie an und fragte mich, ob diese Beschreibung wirklich zutraf.
„Ich denke, dass wir zuerst Anshin Shokudō promoten müssen“, sagte ich schließlich, meine Stimme fester, die Gedanken sortiert. „Wir fangen klein und fein an: Unsere Kunden sollen Mundpropaganda machen, wir verteilen Flyer. Dann werden wir sehen, ob sich unser Klientel erweitert. Danach können wir beurteilen, wie es weitergehen soll. Wenn die Zahlen stimmen, könnten wir weitere Geschäfte auf Prime eröffnen, vielleicht sogar auf den Handelsstationen und darüber hinaus.“
Vanu schielte mich an, leicht errötet, und flüsterte unter vier Augen: „Darüber müssen wir nochmal reden, wer hier eigentlich der Chef ist.“ Ich nickte nur stumm, wissend, dass wir später die Rollen klar definieren mussten.
Die Diskussion zog sich noch lange, die Stimmen ebbten allmählich ab, bis wir das Lokal verließen. Die Nacht war lau, die Straßen von Aru von schummrigem Licht erleuchtet.

Valentina und Vanu stapften schnellen Schrittes an Roland vorbei, fast schon laufend, ihre Bewegungen hart und kantig vor aufgestauter Wut. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, während Roland regungslos auf einer Liege auf der Terrasse lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, den Blick ruhig auf das Blaue Meer gerichtet. Erst als ich mich schwer neben ihn sinken ließ, wandte er den Kopf. Sein Blick glitt prüfend über mein Gesicht, blieb einen Moment zu lange auf meinen Wangen hängen. Dort glühten deutlich zwei Handabdrücke, noch warm, noch brennend.
Roland zog eine Augenbraue hoch und schmunzelte. „Alle zwei gleichzeitig?“
Ich brummte missmutig, der Ton irgendwo zwischen Trotz und Selbstmitleid. „Mein ganzes Leben lang hatte kaum eine Frau Interesse an mir. Und jetzt sind es plötzlich zwei.“ Ich rieb mir mit beiden Händen über die brennenden Wangen, als könnte ich die Situation einfach wegwischen. „Ich hab bloß gesagt, dass ich mich nicht entscheiden will. Weil ich keine von ihnen verletzen oder bevorzugen will.“
Wir blickten gemeinsam hinunter zum Strand. Valentina stand ein paar Meter vom Wasser entfernt und warf mit kurzen, wütenden Bewegungen Kieselsteine ins Meer, jeder Aufprall ein leises, scharfes Platschen. Vanu trat mit dem Fuß gegen den Sand, zog Furchen hinein, als wolle sie etwas zertreten, das sich nicht greifen ließ.
Roland kicherte leise, ein unerwartet heiteres Geräusch. „Das war das Dümmste, was du hättest tun und sagen können.“
„Ich merk’s“, murmelte ich. Meine Kehle zog sich zusammen, Tränen brannten hinter den Augen, nicht nur vom Schmerz der Schläge. Beide Frauen hatten Kraft gehabt. Und Zielgenauigkeit.
Roland machte ein nachdenkliches Geräusch, dann drehte er den Kopf wieder zu mir. „Warum schließt du nicht mit beiden einen Ehevertrag ab?“
Ich sah ihn an, machte ein fragendes Gesicht, und mir entfuhr ein ebenso fragendes Geräusch, irgendwo zwischen Unglauben und Überforderung.
Roland setzte sich etwas auf, stützte die Ellbogen auf die Liege. „Was ich dir jetzt sage, habe ich aus einem Archiv der Goner. Und es ist von Seiten der argonischen Regierung nicht offiziell anerkannt. Von Seiten der Terraner allerdings schon.“
Mein Rücken spannte sich an. Die Geschichte kam mir bekannt vor, wie ein Fragment aus einer alten Datei in meinem Kopf. Lore. Wissen aus einem Spiel. Aber ich hatte längst gelernt, dass diese Realität anders war. Echt. Scharfkantig. Ich sagte nichts und hörte zu.
„Bevor die Argonen sich auf Son’ra 4 niederließen, waren sie Terraner. Kolonisten, die von der Erde aus Taurus besiedelten.“ Ich nickte kaum merklich. Roland fuhr fort, seine Stimme ruhig, aber schwer. „Durch den Terraformerkrieg wurde Taurus verwüstet. Von den damals zwölf Millionen Siedlern überlebten kaum vier Millionen. Die Jungen starben auf den Schiffen der Verteidigungsflotte, die gegen die Terraformer kämpften.“ Er machte eine kurze Pause. „Es blieben nur wenige Junge zurück. Und viele von ihnen waren traumatisiert. Durch Strahlung, durch Chemikalien in der Atmosphäre von Taurus. Schäden. Krankheiten.“
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das stand nicht in der Lore. Aber es ergab Sinn. Zu viel Sinn.
„Von den vier Millionen Menschen, die nach Son’ra 4 flohen, starb innerhalb eines Jahrzehnts die Hälfte an Altersschwäche. Ein weiteres Viertel an Krankheiten wie Krebs. Die Suizidrate stieg exponentiell.“ Seine Stimme blieb sachlich, aber das machte es nur schlimmer. „Die Menschheit stand kurz vor dem Aussterben. Die provisorische Regierung musste handeln. Also warf man viele ethische und moralische Vorstellungen über Bord.“ Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte, aber ich hörte gebannt zu. Dieses Wissen war roh, ungefiltert. „Eines davon war die Monogamie“, sagte Roland schließlich. „Seit der Gründung der Argonischen Föderation gibt es kein Gesetz, das einem Bürger oder einer Bürgerin verbietet, mehr als einen Partner zu haben. Natürlich hat sich mit der Zeit die Monogamie wieder eingeschlichen. Aber das ist eine gesellschaftliche Strömung. Kein Zwang.“
Ich wurde hellhörig. „Wenn also damals quasi jeder mit jedem durfte“, fragte ich langsam, „war dann nicht die Gefahr von Inzucht groß?“
Roland lächelte schief. „Gut aufgepasst.“ Er nickte anerkennend. „Laut den Aufzeichnungen der Goner gab es ein Stammbaumverzeichnis. Bevor sich ein Paar fortpflanzen durfte, musste geprüft werden, dass keine enge Verwandtschaft bestand.“ Er winkte ab. „Dieses Verzeichnis existiert bis heute. Aber eher als… Hobby. Tradition.“
Ich nickte langsam, mein Blick wanderte wieder zu Valentina und Vanu, die nun schweigend nebeneinander standen, mit Abstand, jede in ihre eigenen Gedanken verstrickt. In mir arbeitete es. Nicht nur über Beziehungen. Sondern über Kultur, Geschichte, Überleben. Vielleicht hatte ich gerade etwas verstanden, das weit über zwei Ohrfeigen hinausging.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen begann ich zu beobachten, wie mein Ansatz Wirkung zeigte. Zuerst kamen die Stammgäste, die routiniert ihre Plätze belegten. Doch Tag für Tag tauchten neue Gesichter auf, neugierig auf das, was wir anboten. Das Anshin Shokudō füllte sich schnell, die Regale leerten sich zügig, und die Menschen sprachen miteinander über Geschmack, Qualität und die Vielfalt der Speisen.
Vanu strahlte, als sie die Zahlen sah. Der angebaute Imbiss wuchs, es bildeten sich Schlangen bis hinaus auf den Gehweg. Ich konnte nicht anders, als das zu bemerken – nicht nur Argonen kamen, auch Teladi und Paraniden, manchmal sogar Split und Boronen, die neugierig ihre Gaumen testen wollten. Ein unbändiger Stolz breitete sich in mir aus. Unsere Vision wurde sichtbar, greifbar, und ich erkannte, dass wir gerade den Grundstein für etwas Größeres legten.

Valentinas Besuche wurden mit der Zeit seltener. Die ersten Monate nach ihrer Doktorprüfung hatte sie sich noch regelmäßig blicken lassen, doch inzwischen schien sie vollständig in ihren neuen Alltag eingespannt zu sein. Als Ärztin auf einer Handelsstation im Orbit eines Planeten war ständig etwas los, und ich konnte mir vorstellen, wie eng ihre Zeitpläne geworden sein mussten.
Dennoch erreichte mich immer wieder ein leises Gerücht, dass sich seine Ärztin in der Umgebung niederlassen wollte. Offenbar suchte sie nach einem passenden Gebäude für ihre Praxis, um unabhängiger arbeiten zu können. Das ließ mich hoffen, dass sie eines Tages wieder in meine Nähe kommen würde, auch wenn es nur flüchtige Treffen waren.
Ich schrieb ihr eine Nachricht, in der ich von meinen Fortschritten im Anshin Shokudō berichtete und vorsichtig nachfragte, wie es ihr erging. Doch eine Antwort blieb aus. Das Schweigen lastete schwer auf mir. Einerseits verstand ich, dass sie beschäftigt war, andererseits nagte die Unsicherheit an mir. Die Vorstellung, dass Valentina sich vielleicht anderswo niederließ, ließ mich unruhig werden. Immer wieder griff ich zum Kommunikationsgerät, überprüfte den Posteingang, in der Hoffnung auf ein kleines Lebenszeichen, doch es blieb still.

Wochen später hatte sich an der Front zwischen Valentina und Vanu kaum etwas geändert. Ich konnte beobachten, wie beide Frauen nebeneinander in den Laden kamen oder gemeinsam Erledigungen machten, doch die Luft zwischen ihnen war elektrisch geladen. Sofern Valentina mal zu Besuch da war. Selbst ein flüchtiger Blick genügte, um zu erkennen, dass sie sich gegenseitig kaum ausstehen konnten. Ich hatte längst begriffen, dass das Thema Doppelheirat kein Gespräch wert war und überließ es lieber Roland. Seitdem herrschte mehr oder weniger Funkstille zwischen mir, Vanu und Valentina. Wenn wir sprachen, dann nur über Belanglosigkeiten oder Dinge, die nichts mit unserem Privatleben zu tun hatten. Die Arbeit im Anshin Shokudō war so etwas wie ein sicherer Anker für mich.
Ich hatte rund 50.000 Credits in den kleinen Anbau investiert, Vanu und Roland etwas weniger. Die Anfangsmonate waren nervenaufreibend gewesen. Kurzzeitig sah es so aus, als würde Vanu mich doch noch rauswerfen, wegen der Spannungen zwischen mir, ihr und Valentina, aber zum Glück blieb das aus. Stattdessen einigten wir uns darauf, dass ich offiziell als Besitzer des „Anshin Yatei“ eingetragen wurde und praktisch als Mieter des Anbaus fungierte. Vanu konnte den Imbiss nicht gleichzeitig betreuen, ihr Laden und das Grundstück gehörten ihr von Anfang an. Also vereinbarten wir, dass die Einnahmen zu 70 % an sie gingen. Dank des großen Andrangs und der stetig steigenden Einnahmen konnte Vanu sich zusätzliches Personal leisten, während ich meinen eigenen Plan verfolgte.
Ich kaufte mir für circa 25.000 Credits einen gebrauchten Liefer-Hoverlaster. Jeden Abend nach Feierabend fuhr ich damit die Grundnahrungsmittel und einige Standardgerichte aus, meist zu Leuten, die nicht mehr so gut zu Fuß waren oder niemanden hatten, der ihnen etwas bringen konnte. Die Steuerung war eine Herausforderung. Ich hatte den Führerschein inzwischen in der Abendschule gemacht. Der Laster war schwerer zu handhaben als ein normales Auto, aber leichter als ein Flugzeug. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind einmal in einem Hubschrauber gesessen hatte. Alle Anzeigen, Knöpfe und Warnlichter forderten noch heute meinen Respekt.
Während ich durch die Straßen von Aru schwebte, beobachtete ich die ruhigen, ländlichen Gebäude, die von holografischen Leitsystemen und vereinzelten Drohnen belebt wurden. Jeder Stopp brachte ein kleines Gespräch, ein Lächeln oder Dankeschön, manchmal auch Misstrauen – die Bewohner waren gewohnt, sich auf sich selbst zu verlassen. Ich spürte, dass meine Lieferungen mehr als Nahrung brachten; sie brachten Verbindung, ein kleines Stück Normalität in dieser fremden Welt. Und während der Laster sanft über den Kiesweg vor einem Haus glitt, dachte ich kurz daran, wie stark sich mein Leben verändert hatte – ein halbes Jahr in dieser Realität, und doch war ich noch immer am Anfang von allem.

Ich liege auf dem Bett, die Arme ausgestreckt, die Augenlider schwer wie Blei. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als hätte ich ihn in einem Schleudersitz gequetscht. Die Hitze des Spätsommers draußen dringt durch das halb geöffnete Fenster, mischt sich mit dem schwachen Duft von gebratenem Gemüse und Algen, der noch von meinem letzten Kontrollgang durch den Imbiss in der Luft hängt. Ich kann kaum noch klar denken. Jeder Muskel protestiert, und doch kann ich nicht einfach abschalten. Schlaf ist Luxus, den ich mir nicht leisten kann. Nicht jetzt.
Langsam, beinahe mechanisch, greife ich nach meiner ID-Card. Sie liegt auf dem Nachttisch, kühl und glatt, als hätte sie schon auf diese Momente gewartet. Ich streiche mit dem Daumen über das Metall, aktiviere das Konto und sehe die Zahlen auf dem Bildschirm: –30.500 Credits. Schulden. So etwas hatte ich in meiner alten Realität nie erlebt. Da gab es keine Kredite, keine Minus-Bilanzen, keine ständige Rechenschaft über jede Ausgabe. Hier schon. Mein Herz zieht sich zusammen bei der Vorstellung, dass all diese Arbeit, jeder einzelne Tag, jede Stunde im Yatei und auf den Lieferfahrten, sich erst einmal als Minuszahl manifestiert.
Ich lasse die Karte sinken und sehe zur Decke. Die Deckenlampe wirft schwaches, warmes Licht, das die Ränder der Raumwand sanft beleuchtet. Ich kann das Schicksal förmlich auf mir lasten spüren. Bin ich verrückt, frage ich mich, mich selbst so kaputt zu machen für etwas, das vielleicht nie Früchte tragen wird? Für einen Traum, den ich nicht einmal greifen kann?
Trotz der Müdigkeit zwinge ich mich, nachzudenken. Vanu hatte recht. Wir hatten die Bilanz durchgerechnet, jede Einnahme und Ausgabe geglättet, mögliche Schwankungen berücksichtigt. Drei bis vier Monate, hatte sie gesagt. Danach sollte ich im Plus sein. Ich vertraue ihr. Ich vertraue ihr mehr als mir selbst in dieser Hinsicht. Sie will nicht, dass das Yatei scheitert, nicht dass das Shokudō darunter leidet. Ich spüre eine Mischung aus Dankbarkeit und Respekt für ihre Fähigkeit, alles so nüchtern zu kalkulieren, während ich mich oft nur auf mein Bauchgefühl verlassen habe.
Ich drehe den Kopf zur Seite, sehe aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbt die Dächer von Aru in tiefes Gold, das Meer glitzert in flüssigem Kupfer. Ich könnte mich verlieren in diesem Anblick, mich einfach fallen lassen, doch die Realität des Yatei ruft mich zurück. Jeder Tag, an dem ich nicht liefere, nicht koche, nicht kontrolliere, ist ein Tag, an dem die Schulden wachsen und mein Traum zerbröckelt.
Ich presse die Lippen zusammen und atme tief ein. Meine Hände zittern leicht, nicht vor Angst, sondern vor Übermüdung und der puren Anspannung. Ich denke an die Kunden, die sich in der Schlange geduldig gedreht haben, an die Boronen, Teladi, Split und Paraniden, die sich über die Neuheiten gefreut haben, die ich ihnen vorsetzte. An die ersten kritischen Kommentare von Vanu, die ich inzwischen zu schätzen weiß, und an Rolands gelegentliches, stilles Nicken, das mir das Gefühl gibt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Mit einem leisen Seufzer drücke ich die ID-Card wieder in die Tasche. Die Schulden sind da, ja. Aber sie sind nicht das Ende. Sie sind ein Maßstab, ein Test. Ich kann das schaffen. Ich muss nur weiter. Weiter planen, weiter liefern, weiter hoffen. Vielleicht, nur vielleicht, wird dieser Traum eines Tages mehr sein als Minuszahlen und endlose Lieferungen. Vielleicht wird es ein Platz, der alle glücklich macht.
Ich schließe die Augen. Nur kurz. Einen Moment der Ruhe, bevor der nächste Tag wieder beginnt. Und während ich dort liege, tief atmend, spüre ich, dass trotz der Erschöpfung ein Funke in mir brennt – ein Funke, der mich weit über die Schulden und die Sorgen hinaus tragen wird.
Image
User avatar
HelgeK
EGOSOFT
EGOSOFT
Posts: 2630
Joined: Wed, 6. Nov 02, 20:31
x2

Re: [Story] Isekai no Xistence

Post by HelgeK »

Uwe Poppel wrote: Sat, 7. Feb 26, 21:24 (Hallo Helge, hier geht jemand sehr individuell an die Argon-Menschen heran... :wink: ).
Ich habe die Story nicht gelesen, daher kann ich das nicht beurteilen; ich finde es aber super, dass das Garn des X-Universums weitergesponnen wird!

Zum Thema: Es ist etablierte Lore, dass es den sogenannten "argonischen Phänotyp" gibt: Argonen sind in der Regel sehr groß und schlank und haben typischerweise eine getönte Hautfarbe. Haar- und Augenfarbe fallen sicherlich auch darunter, aber darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Das heißt nicht, dass das auf jeden einzelnen Argonen zutrifft; Variationen gibt es natürlich weiterhin. Übrigens hat schon Marteen Winters das kommentiert, als er Yoshiko und Co. "Neumenschen" nannte.
Rock Man Zero wrote: Sun, 8. Feb 26, 14:34 Ich bezweifle mal, dass so eine wichtige Person hier mitliest.
Keine Ahnung, ob hier wichtige Personen mitlesen, aber ich schaue alle paar Tage, ob mein Name genannt wurde :-)


Cheers,
Helge aka Höllge

Return to “Kreative Zone”